Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • Demographischer Wandel, die Rente und Fachkräftemangel – wie Flüchtlinge instrumentalisiert werden

    geschrieben am 03. September 2015 von Jens Berger

    Ex-Kanzler Schröder fordert in der WELT eine „Agenda 2020“ , eine „Zuwanderung in unser Sozialsystem“, da Deutschland schrumpfe. Nur mit hohen Zuwandererzahlen könne „unsere Rente“ gesichert werden. Ins gleiche Horn bläst der SPD-Vorsitzende Gabriel – für ihn ist eine „große Zuwanderung“ nötig, um „den absehbaren Fachkräftemangel“ zu schließen. Beide Aussagen sind blanker Unsinn, dennoch gibt es selbst aus progressiven Kreisen kaum Kritik. Das ist verständlich, schließlich setzt man sich schnell dem Verdacht aus, „gegen Flüchtlinge“ zu argumentieren. Doch das ist zu kurz gedacht. Schröder und Gabriel missbrauchen vielmehr die Flüchtlingsthematik, um alten Wein in neuen Schläuchen unter das Volk zu bringen. Der Begriff „Agenda 2020“ ist da – obgleich Schröder dies sicher nicht einmal so gemeint hat – durchaus passend.

    Kann Flucht und Migration den Fachkräftemangel entschärfen? Gäbe es denn wirklich einen Fachkräftemangel, könnte man diese Frage ernsthaft debattieren. Dem ist aber bekanntlich nicht so. Wo gewirtschaftet wird, fehlen natürlich immer irgendwo Fachkräfte. Es ist jedoch kein gesellschaftliches Problem, wenn einem Automobilhersteller ein Ingenieur fehlt, der sich gut mit der Kriechzähigkeit von Verbundwerkstoffen auskennt. Ein gesellschaftliches Problem wäre es, wenn die Wirtschaft flächendeckend keine Arbeitskräfte finden würde. Doch dies nicht der Fall. Nach offiziellen Zahlen suchen momentan fast fünf Millionen Menschen einen Job. Hinzu kommt, dass deutsche Arbeitgeber dank Arbeitnehmerfreizügigkeit weitestgehend unreguliert auf den gesamten EU-Arbeitsmarkt zugreifen können – dem wohl größten zusammenhängenden Arbeitsmarkt der Welt. Wenn bestimmte Branchen in bestimmten Regionen ihren Arbeitskräftebedarf nicht zufriedenstellend decken können, dann ist dies in der Regel hausgemacht – die Löhne sind zu gering, die Arbeitsbedingungen zu schlecht, die Anforderungen unrealistisch hoch. All diese Probleme lassen sich ohne weiteres lösen. Aber nicht durch die Gesellschaft, sondern durch die betreffenden Unternehmen.

    Weiterlesen auf den NachDenkSeiten

    2 Kommentare

    Lassen Sie uns doch einmal über das Thema „Flüchtlinge“ reden

    geschrieben am 01. September 2015 von Jens Berger

    800.000 Flüchtlinge sollen laut Schätzungen der Bundesregierung in diesem Jahr in Deutschland eintreffen. Auch wenn diese Zahl möglicherweise übertrieben ist – in den ersten sieben Monaten dieses Jahres haben „nur“ 218.221 Personen Asyl beantragt –, so ist das Thema doch in aller Munde. Regelmäßige Hiobsbotschaften über schreckliche Todesfälle auf den Fluchtruten und offene Ablehnung und Gewalt in einigen deutschen Städten tragen ihren Teil dazu bei. Auch wenn viel über das Thema geschrieben, gesendet und debattiert wird, so hat die gesamte Debatte doch einen erstaunlich oberflächlichen Charakter. Hitzig wird dabei über die Symptome (Unterbringung, Asylverfahren, sichere Drittländer, Schleuser) debattiert, während die Ursachen von Flucht und Vertreibung geflissentlich ignoriert werden. Nicht der Schutz der flüchtenden Menschen in ihrer Heimat, sondern der Schutz vor den Flüchtlingen scheint hier das treibende Motiv zu sein. Dies setzt sich bis in rechtliche Fragen fort. Kein Wunder, schließlich wurden die diesbezüglichen Gesetze auf Basis der Erfahrungen des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit geschaffen und seitdem massiv ausgehöhlt – für die heutige Situation sind diese Gesetze weder gemacht noch gedacht.

    Die selbstauferlegte Unfähigkeit der Debatte fängt bereits bei Begrifflichkeiten an. Von was sprechen wir eigentlich? Von Asylanten? Asylbewerbern? Oder Flüchtlingen? Der Asylbegriff des deutschen Rechts ist ein Kind der Periode des Zweiten Weltkriegs und der Zeit des Kalten Kriegs. Unter „Asyl“ versteht das Recht eine politische oder religiöse Verfolgung durch den Staat. Von den mehr als 136.000 Entscheidungen über Asylanträge im Zeitraum von Januar bis Juli dieses Jahres erfüllte nur rund ein Prozent (1.319 Fälle) diese strenge Definition. Kein Wunder – wer beispielsweise von marodierenden Banden, Warlords oder Milizen verfolgt wird, wird nun einmal nicht staatlich verfolgt und hat dementsprechend nach der in Deutschland gültigen Definition auch kein Anrecht auf Asyl. Wesentlich höher ist die Anerkennungsrate für „Flüchtlinge“. Darunter fallen laut Genfer Flüchtlingskonvention allgemein Personen, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden. Mehr als jeder dritte Asylantrag (48.101) wurde im genannten Zeitraum mit einer Rechtsstellung als Flüchtling positiv beschieden – praktische Unterschiede zur Anerkennung als Asylberechtigten gibt es dabei kaum. Hinzu kommen positive Feststellungen unter „subsidiären Schutz“ (785 Fälle) oder der Feststellung eines Abschiebungsverbotes (1.132 Fälle) – in beiden Fällen werden die Antragssteller weder als asylberechtigt noch als Flüchtling anerkannt, eine Abschiebung wird jedoch auch nicht vorgenommen, da man ansonsten Leib und Leben des Antragsstellers gefährden würde. Diese „geduldeten“ aber nicht anerkannten Flüchtlinge genießen jedoch auch weniger Rechte als anerkannte Flüchtlinge – sie dürfen beispielsweise weder frei reisen noch ohne Sondergenehmigung arbeiten.

    Weiterlesen auf den NachDenkSeiten

    74 Kommentare

    Bedrückte Bürger, eure Angst ist berechtigt!

    geschrieben am 31. August 2015 von Joerg Wellbrock (Tom W. Wolf)

    bedrückte brügerIch werf mal wieder was zum Debattieren auf den Markt.
    Auf, geht’s, legt los!

    Zitat denkfunk.de:

    Tom W. Wolf wirft zur aktuellen Flüchtlingsdebatte für den denkfunk ein, dass es für viele Leute hierzulande tatsächlich einen Grund gibt, sich um ihre Zukunft und ihren Platz in der Gesellschaft zu sorgen – und dass das rein gar nichts mit der Flüchtlingsdebatte zu tun hat und noch weniger mit den Flüchtlingen selbst.

    —————————————————————————————————————————————

    Ich könnte mich jetzt an die Hetzer der Straße und des Netzes wenden. An die Typen,die Heime anzünden, sich Gaskammern wünschen und sogar auf Kinder urinieren. Aber erstens haben andere schon vor mir gemacht. Und zweitens spreche ich nicht mit Rassisten, Brandtsiftern und Nazis. Sie sind gegen die Menschlichkeit sowieso immun.

    Ich wende mich diejenigen, die unsicher sind, verunsichert, bedrückt, an die, die Angst haben und deswegen in das Gebrüll gegen Flüchtlinge mit einstimmen.
    Eure Angst ist berechtigt!
    Ihr sucht nur auf der falschen Baustelle nach der Lösung.

    Ihr habt Angst, weil ihr seit Jahren mit ansehen müsst, wie das Land statt mit Vollbeschäftigung mit Mini-Jobs und befristeten Verträgen überschwemmt wird, immer weniger Menschen von ihrer Arbeit leben können, die Renten und Löhne kontinuierlich gekürzt werden, die Armut im Land wächst, Kinder hungern, Familien aus Wohnungen ausziehen müssen, die Verteilung des Geldes immer ungerechter wird, die soziale Kälte immer eisiger.

    Eure Angst ist berechtigt, nur mit der Suche nach den Schuldigen dafür seid ihr auf dem Holzweg.
    Deutschland gehört zu den größten Waffenexporteuren der Welt, aber auch zu den Ländern, die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung am wenigsten Flüchtlinge aufnehmen.
    Flüchtlingsströme entstehen durch Kriege. Kriege können nur geführt werden, wenn Waffen exportiert werden. Somit gehört Deutschland zu den Ländern, die durch ihre Waffenexporteure einen Großteil der Flüchtlinge zu verantworten haben.

    Eure Angst ist auch deswegen berechtigt, weil ihr nicht diejenigen seid, die an Kriegen und Waffenexporten verdienen. Ihr nicht, und die Flüchtlinge nicht, womit es eine eindeutige Gemeinsamkeit gibt.

    In Eurer Angst wendet ihr euch gegen die Menschen, die ihre Länder verlassen müssen. Ihr solltet euch in Eurer Angst besser gegen die wenden, die die Gründe dafür schaffen. Die Flüchtlinge sind unter anderem ein Problem, das der Konsequenz der ungezügelten Gier nach Geld geschuldet ist. Eine Gier, die nicht die Menschen im Blick hat, weder hier noch anderswo.

    Denkt über Eure Angst nach. Und versucht doch bitte, nicht nur die einfachen Lösungen zu favorisieren, sondern ein wenig weiter zu schauen. Womöglich kommt ihr dann zum Schluss, dass es keinen Grund gibt, Flüchtlinge zu hassen. Das es aber 1.000 Gründe gibt, die für die Flüchtlingsströme Verantwortlichen zu verurteilen.
    Nur mal so. Als Anregung.

    ——————————————————————————————————————————-
    Zum Anschauen des Videos aufs Bild klicken:

    bedrückte brüger

    127 Kommentare

    Fremdenhass: Der Weg nach oben

    geschrieben am 26. August 2015 von Joerg Wellbrock (Tom W. Wolf)

    Neo-Nazism_in_Russia_(2010)Kommentar

    Jeden Tag liest man inzwischen von fremdenfeindlich motivierten Straftaten, die längst nicht mehr durch die viel zitierten „besorgten Bürger“ zu erklären sind. Häuser werden angezündet, Menschen bedroht, verprügelt, sogar auf ein Kind wurde von einem Nazi uriniert. Die Politik – allen voran Angela Merkel – hielt sich bislang bedeckt, mancher heizte durch Schweigen oder provokante Äußerungen fremdenfeindliche Motivation sogar noch an. In Anbetracht der Tatsache, dass die Bundeskanzlerin lieber ihren Pressesprecher betroffene Worte verkünden ließ, statt sich selbst klar zu äußern, wundert es kaum, dass die Gewalt gegen Flüchtlinge immer offener wird. Jetzt muss auch die SPD um ihre Sicherheit fürchten. Sigmar Gabriel hatte sich in Heidenau mit deutlichen Worten gegen Fremdenhass geäußert. Statt mit Einsicht oder Vernunft zu reagieren, folgten wütende Anrufe, Beschimpfungen in Richtung SPD, sogar eine Bombendrohung machte die Runde. Es ist ein Offenbarungseid der Politik, die durch langes Zögern und diffuse Äußerungen Glaubwürdigkeit und Autorität verloren hat. Den Artikel weiterlesen »

    267 Kommentare

    Afrikas Flüchtlinge, Afrikas Probleme und unsere Verantwortung

    geschrieben am 21. August 2015 von Jens Berger

    Sie treiben in Pirogen im Atlantik, ertrinken vor Lampedusa, werden vor Ceuta von EU-Grenzschützern abgeschossen und schaffen es manchmal sogar in die gelobten Länder des Nordens, wo sie entweder als illegale Billigarbeiter ausgebeutet oder gleich wieder abgeschoben werden – die Rede ist von schwarzafrikanischen Flüchtlingen, die hierzulande meist despektierlich als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet werden. Obgleich die öffentliche Debatte über schwarzafrikanische Flüchtlinge geradezu hysterisch geführt wird, wird außer oberflächlichen Halbwahrheiten nur sehr wenig über die Gründe des Massenexodus geschrieben und gesendet. Liegt das daran, dass die Gründe äußert komplex sind? Oder daran, dass „wir“, also der globale Norden, einen gehörigen Teil Mitverantwortung für die hoffnungslose Situation tragen?

    Lassen Sie mich zunächst einmal ein populäres Missverständnis ausräumen: Wenn von afrikanischen Flüchtlingen die Rede ist, ist dabei oft von Armutsflüchtlingen die Rede, von Hunger und Krankheit. Afrika ist bettelarm, fast jeder zweite Schwarzafrikaner lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Tag. Wer jedoch denkt, dass die Ärmsten der Armen eines Tages vor den Toren Europas stehen, hat nicht wirklich verstanden, was absolute Armut bedeutet. Die Ärmsten der Armen schaffen es aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen noch nicht einmal, ihr Dorf oder ihre Stadt zu verlassen, geschweige denn eine Reise ins ferne Europa anzutreten. Wer die Flucht in eine bessere Zukunft ins ferne Europa wagt, gehört eher zur afrikanischen Mittelschicht, ist mobil, meist urbaner Herkunft und für afrikanische Verhältnisse sehr gut ausgebildet. Vor diesem Hintergrund von „Wirtschaftsflüchtlingen“ zu sprechen und sich darüber zu echauffieren, dass einige der Flüchtlinge „sogar“ Smartphones besitzen, ist jedoch bigott. Wer von Afrika nach Europa aufbricht, der sucht vor allem eins – die Hoffnung, vielleicht doch noch ein besseres Leben zu führen. Den Ärmsten der Armen ist noch nicht einmal diese Hoffnung vergönnt.

    Die persönlichen Gründe für die Flucht in den Norden sind dabei sehr vielfältig, haben jedoch auf der persönlichen Eben meist einen gemeinsamen Nenner: Da gibt es den senegalesischen Fischer, der seine Familie nicht mehr ernähren kann, den nigerianischen Schlosser, der keinen Job findet oder den liberianischen Häuptlingssohn, für den es trotz guter Ausbildung als Zweit- oder Drittgeborenen keine adäquate Verwendung im eigenen Dorf gibt. Stets geht es vor allem darum, dass die meist jungen und männlichen Flüchtlinge in ihrer Heimat keine Chance auf einen halbwegs ordentlichen Job haben oder sich und ihre Familien nicht alleine ernähren können. Warum gibt es diese Chance in Afrika nicht?

    Weiterlesen auf den NachDenkSeiten

    156 Kommentare
    Seite 1 von 2111234...1020...Letzte »