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  • Polemik: Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten!

    geschrieben am 04. April 2007 von Spiegelfechter

    Der Michel hat eine neue alte Marotte wiederentdeckt, den Ruf nach Verboten. Das gefällt dem Michel gut, liebt der Michel doch Autoritäten, die ihm sagen, was er zu tun und zu lassen, zu denken und zu meinen habe und wann er in Polen einmarschieren soll.

    War es früher der preussisch geprägte Ordnungssinn, der in Form von Obrigkeitswahn, vorauseilendem Gehorsam des deutschen Biedermanns und reglementierender Bürokratie unser Leben formte, so haben sich die Pickelhauben von gestern mit den Latz- und Jogginghosen von heute verbündet. Der Gesundheits-, Ernährungs- und Ökowahn der gut situierten, aber politisch desillusionierten und weltanschaulich sinnentleerten, Mittelschicht mit Bildungshintergrund, hat sich zu einer Religion entwickelt. Es gibt Hohepriester (die Medien), Sünden (Rauchen, Trinken), die Apokalypse (Klimaerwärmung), Tabus (Liberalismus), Mythen (Ernährungswissenschaft) und Engel (Delfine und Wale als gütige, weise Wesen, die uns Botschaften übermitteln). Das ewige Leben findet in Recycling-Schleifen seine Entsprechung, das Dosenpfand wird zum Ablass. Nahrungsmittel bilden eine elitäre Abgrenzung zu den Nichtgläubigen, “bio” ist “koscher” ist “hala”. Der Glaube an das Heil durch gesundes Leben ist zum identitätsstiftenden Bekenntnis geworden und ökologisch begründete Handlungsnormen arten zu quasireligiösen Riten aus – die Mülltrennung und gesundes Leben als religiöses Glaubensbekenntnis, die Klimakatastrophe als jüngstes Gericht begleitet vom apokalyptischen Mantra der Massenmedien, das uns regelmäßig daran erinnert, daß wir in der Endzeit leben.

    “Das Dogma ist nicht anderes als ein ausdrückliches Verbot, zu denken.”
    Feuerbach

    Ähnlich dem religiösen Puritanismus zielt der moderne Moraltotalitarismus auf das Verbot als Form der manifestierten Selbstverneinung. Und wer sich selbst veneint, der entwickelt einen latenten Neid. Wer Ehebruch und Homosexualität dämonisiert, hat meist selbst eine langweilige Ehe oder ist ein verkappter Schwuler. Wer täglich joggt, seine Knäckebrot isst und dem Alkohol abgeschworen hat, schaut mit Argwohn auf seinen Nachbarn herab, der am Samstag Abend rauchend mit seinen Freunden bei einem kühlen Bier in der Kneipe klönt. Sieht der Herr Nachbar denn nicht ein, dass er sich schädigt? Das muss man ihm doch verbieten, wenn er denn nicht im Stande ist, sich vor sich selbst zu schützen. Man meint es doch nur gut mit ihm.

    Alles, was Spaß, ein wenig Wärme und Abwechslung und Komfort verspricht, das Selbstbewusstsein stärkt oder Fluchten aus dem Alltag organisiert, die preiswerten Vergnügungen des kleinen Mannes zumal, soll eingeschränkt, reglementiert, verteuert, wenn nicht gar verunmöglicht werden. Es ist bestürzend und in seiner Systematik nahezu grotesk.

    “Wer mehr als Hunger hatte, war einst Denker. Heute ist Denker, wer die Sattheit nicht länger erträgt.”
    Walter Fürst

    Auch spielt kognitive Dissonanz eine gewichtige Rolle. Wer fein seinen Müll trennt und sich tugendhaft Energiesparlampen kauft und das Wasser spart, braucht sich keine “echten” Gedanken mehr zu machen. Er tut ja bereits was “gutes” für die Umwelt. Und zwar dort, wo es am wenigsten weh tut und man am wenigsten denken muss. Es wird von den Hohepriestern vorgedacht und jede Sünde wird durch Buße reingewaschen. “Der Kauf einer PS-strotzenden Luxuslimousine ist zwar nicht sooo toll für die Umwelt, aber ich habe doch meine alten Glühbirnen ausgetauscht und trenne Müll”. Da werden solche Verbote doch schon mal gerne akzeptiert, sie gehen ja nicht ans Eingemachte.
    Wenn eine Religionsgemeinschaft die Schlüsselstellen der Gesellschaft einnimmt, versucht sie auch ihren Glauben und ihre Wertvorstellungen für die Ungläubigen obligatorisch zu machen. Dafür bedarf es Handlungsempfehlungen und, bei all zu großer Renitenz, Verboten. So hat der Marsch durch die Institutionen nicht zur Befreiung des Menschen von gesellschaftlichen Zwängen geführt sondern nur zu deren Neuordnung.

    “Der typische Demokrat ist immer bereit, die theoretischen Segnungen der Freiheit gegen etwas einzutauschen, was er gebrauchen kann.”
    Henry Louis Mencken

    Die herrschende Glaubensgemeinschaft ist indes auch klassenbewusst. Man selbst gehört meist der (gebildeten) Mittelschicht an und möchte sich auch moralisch über das Proletariat erheben. Alkohol, Rauchen, der Besitz von Hunden jenseits der Kuscheltierkategorie sind halt klassische Freizeitbeschäftigungen des Proletariats – so etwas ist verpönt und muss geächtet werden. Man ist auch lieber unter sich, Billigflüge sind Ökosünden so hört man, die durch eine Strafsteuer sanktioniert werden müssen. Man will ja schliesslich im Urlaub unter sich sein.

    • Du sollst nicht leuchten mit alten Birnen!
    • Du sollst nicht fahren schnell in Deinem Auto!
    • Du sollst nicht töten im virtuellen Pixelraum!
    • Du sollst nicht fliegen!
    • Du sollst nicht rauchen!
    • Du sollst nicht trinken!

    Es wird suggeriert mit der Gängelung des Bürgers könnten Weltprobleme gelöst werden. Im Namen des Umweltschutzes wird über das absurde Verbot von Glühbirnen diskutiert, welches sicher nur der Beginn eines sinnfreien Treibhausgasvermeidungszwang für den privaten Bereich ist – warum eine Glühbirne “böse” ist und ob nicht eigentlich die Strommonopolisten in der Pflicht sind, dafür zu sorgen, daß die Glühbirne nicht mehr “böse” ist, wird gar nicht mehr hinterfragt. Ursache, Wirkung – egal, es geht um religiöse Glaubenssätze und nicht um eine energiepolitische Diskussion.

    “Je mehr Verbote, umso ärmer das Volk.”
    Laotse

    Rauchen ist eine der Erbsünden der “Fit for Fun”-Religion. Wer raucht bringt sich um und frisst sicher auch kleine Kinder. Jüngst sagte die Bundesdrogenbeauftragte in einem Interview zunächst, rauchfreie Kneipen würden die Einnahmen der Wirte förmlich explodieren lassen und ein paar Sätze später (hat der Michel doch schon wieder vergessen), man müsse ausnahmslos in allen Kneipen das Rauchen verbieten, da es sonst zu “Wettbewerbsverschiebungen” käme. Aha! Frau Bätzing kann damit ja nur meinen, daß die Raucherkneipen vor der Pleite gerettet werden müssen, da sie ja nicht vom Boom der Nichtraucherkneipen partizipieren – oder was meinte Frau Bätzing sonst, ohne mit einem der Sätze die Wahrheit verfehlt zu haben? Wenn der große Boom für rauchfreie Kneipen wirklich zu erwarten wäre, muss man den Wirten ja auch den Vorwurf des schlechten Managements machen. Es ist ja bekanntlich nicht verboten, auch nicht von der Tabakmafia, seine Kneipe in eine Nichtraucherkneipe umzuwandeln – wenn der Markt so gigantisch ist, warum gibt es dann (fast) keine? Man kann die Antwort erahnen, bei all den Äußerungen der Hohepriester der “Fit for Fun”-Religion handelt sich mehr um Glaubensfragen, die schon mal dogmatisiert werden – Hinterfragen verboten!

    Ich möchte mir mein Recht auf Unvernunft nicht nehmen lassen!

    Jens Berger

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    1. Der Spiegelfechter » Blog Archive » Raucher sind die besseren Menschen – eine Polemik
    2. Kommunalpolitik in Ahrensburg und Stormarn » Blog Archiv » Verbotewahn

    13 Kommentare:

    1. Anonymous schrieb am 4. April 2007 at 18:40 - Permalink

      Ich bin mir gar nicht so sicher ob es bei den ins Feld geführten Beispielen nicht bloß um Aktionismus geht. Man entdeck ein nicht wirklich existierendes Problem um ihm eine nicht wirklich lösende Lösung zuzuführen. Alle diese “Themen” sind schließlich gute Möglichkeiten sich medial zu positionieren, wieso der Einzelne nun auch immer an so etwas glauben mag…

    2. Spiegelfechter schrieb am 4. April 2007 at 18:47 - Permalink

      @Anonymus

      Aktionismus scheint eine Grundeigenschaft der Politik des frühen 21 Jahrhunderts zu sein und da die Medien Verbote fordern und auch goutieren, wenn sie beschlossen sind, läßt sich so mancher rückgratlose Politiker vor diesen Karren spannen.

      Knut adoptieren oder Glühbirnen verbieten … is ja auch scheiße, wenn die, die für die echten Probleme im Umweltsektor verantwortlich sind (Energiezaren und PKW-Hersteller), eh nicht auf ein ewig grinsendes Marzipanschweinchen hören.

    3. lilywhite schrieb am 4. April 2007 at 19:08 - Permalink

      jens, jens… das Rauchen noch nicht aufgegeben? Vorsicht, du könntest Gefahr laufen, unter einer der riesigen Stroeer-Plakatwände mit Abbild von Osama bin Laden mit dicker Havanna drauf, die die Bundesregierung wohl bald zur “allgemeinen Abschreckung” aufstellen lassen wird, von militanten Nichtrauchern abgeknallt zu werden – für diese straffrei, versteht sich. Was wäre wohl in Zeiten des Krieges gegen den islamistischen Terrorismus wirkungsvoller, als Rauchen als Zeichen für terroristische Neigungen zu brandmarken?

      Also ich selbst bin zwar seit mehr als 4 Monaten glücklicher Nichtraucher – allerdings ging mir die Art und Weise, wie diese Debatte unlängst geführt wurde, doch ziemlich auf den Zeiger. Lustig – erst hauen unsere Politiker ein völlig sinnloses Antidiskriminierungsgesetz raus, um es dann noch sinnloser erscheinen zu lassen, indem sie eine nicht zu verachtende Zahl Bundesbürger per Gesetz zu gesellschaftlichen Außenseitern stempeln – manchmal frage ich mich wirklich…. ich studiere jetzt seit 2 Jahren, aber darauf hab ich noch immer keine Antwort gefunden ;o)

    4. Spiegelfechter schrieb am 4. April 2007 at 19:24 - Permalink

      @lilywhite

      *g* Nee, die Anti-Raucher Hysterie macht mich eigentlich nur bockiger, als ich eh schon bin. Eigentlich wollte ich im Laufe dieses Jahres aufhören, aber das muss ich mir noch mal schwer überlegen. Wenn ich mir irgendwelche Verwandten oder Arbeitskollegen vor Augen halte, die mir großmütig sagen, sie fänden es ja schön, das ich endlich vernünftig würde, “von uns (sic!) raucht ja keiner mehr”. Allein bei diesem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken herunter und ich muss instinktiv zur Fluppe greifen *lol*

      -> Zum Thema Diskriminierung: Es wäre ja mal sehr interessant, z.B. gegen den Arbeitgeber zu prozessieren. Rauchen wird ja als Krankheit dargestellt und als Kranker habe ich schliesslich Rechte. Das Raucher z.B. in einer Jobanzeige explizit ausgeschlossen werden, fällt mE unter den Antidiskiminierungsparagraphen – aber ich bin kein Jurist ;-)

      Neben den Rauchern rücken Dicke übrigens immer stärker in den Fokus der Eiferer. Wenn die Stuttgarter Zeitung z.B. auf einem Photo aus einem Freibad übergewichtigen Kindern aus Gründen des “Schutzes” (sic!) Balken über die Augen klebt, so ist dies für mich ein Skandal! Und den Kindern wird damit ein schwer wieder gut zu machender Schaden zugefügt.

    5. Anonymousleh schrieb am 4. April 2007 at 23:24 - Permalink

      Ich hab vor 2 Jahren aufgehört nach 11 Jahren des glücklichen Rauchens. Außer mehr Geld haste wenig davon. Ich bin kaum noch krank, ok. Aber Kondition hab ich trotzdem keine, und riechen und schmecken kann ich seitdem auch nicht besser… Hach ja. Ich fühl mich dem ganzen rauchenden Pack herrlich überlegen jetzt. Tolle Sache. Her mit den Gesetzen 8>

    6. Misfit schrieb am 5. April 2007 at 08:40 - Permalink

      Glaubst du wirklich, ich setz mich als Nichtraucher in eine vollkommen zugequalmte Kneipe ? Leider sind die meisten Wirte eben zu kurzsichtig (wie war das mit dem denken ?) .. und verbieten es halt nicht, weil sie Angst vor Kundenverlusten haben .. rechnen aber nicht mit zusätzlichen Kunden wegen rauchfreier Athmosphäre. Ich wäre nie nach Irland bzw. Dublin gefahren letztes Jahr, gäbe es da nicht das Rauchverbot.

      Bis auf diesen kleinen Denkfehler aber n recht intressanter Blog. Weiter so.

    7. Gerald schrieb am 5. April 2007 at 12:18 - Permalink

      >> Leben gefährdet die Gesundheit

    8. Gerald schrieb am 5. April 2007 at 12:25 - Permalink

      “Leben gefährdet die Gesundheit”. Vermutlich wird dieser zusammenfassende Satz bald auf allem kleben, das als Suende genannt wurde: Zigaretten, Alkohol, und und und. Orwell’sches Klima. Schade, das einige gleicher sind als die anderen. Animal Farm steht an.

    9. lilywhite schrieb am 5. April 2007 at 14:45 - Permalink

      Alles Quatsch. Ich bin selber nichtrauchender ehemaliger Raucher ;o) Und ich setz mich trotzdem gern in ne Kneipe. Im Gegensatz zu Restaurants stört mich der Qualm dort nämlich nicht wirklich. man muss es doch nicht jedes Wochenende 3 mal krachen lassen, wenn’s einem zu qualmig wird, dann geht man eben irgendwann. Aber die ganze Kneipenkultur, die sich doch erst auf den ganzen lasterhaften Eigenarten wie Rauchen und Trinken gebildet hat, jetzt von vorne bis hinten auf “Wellness-Oase” trimmen zu wollen, halte ich für absoluten Schwachsinn. Wer der Meinung ist, dass ihm ausgerechnet abends in den 1,2 Stündchen in der Kneipe plötzlich wegen der verrauchten Luft bange um seine Gesundheit werden muss, während er den ganzen Tag sonst brav durch verbrauchte Büroluft und Verkehrsmief trabt, ohne den Schnabel aufzumachen, der soll – sorry – eben wirklich einfach daheim bleiben oder zumindest auf Kneipenbesuche verzichten.

    10. Marie schrieb am 20. Mai 2007 at 12:21 - Permalink

      Ein paar Zitate aus der Geschichte des Rauchens, insgesamt zu finden unter: http://www.geschichte-des-rauchens.de/Frame-Set04.htm

      Das Rauchen vermischte Standesunterschiede und untergrub dadurch die herrschende Ordnung: ?In der Kumpanei der Raucher wurde die soziale Rangordnung unwesentlicher, und bald war es das Recht jeden freien Mannes, den anderen um Feuer zu bitten, ganz gleich welchen Standes er war.?…

      Tatsächlich forderten die Revoluzzer von 1830/31 in Berlin schon das Recht, in der Öffentlichkeit rauchen zu dürfen, …

      Erst in höchster Staatsnot fiel am 19. März 1848 das Berliner Rauchverbot. Als das Volk die Opfer des Barrikadenkampfes auf den Schlossplatz brachte und sich anschickte, das Schloss zu stürmen, gelang es dem jungen Fürsten Lichnowsky, sich Gehör zu verschaffen. Er versicherte der wütenden Menge, Seine Majestät habe alles Militär zurückgezogen und sich dem Schutz der Bürger anvertraut, alle Forderungen seien bewilligt. Auf die Nachfrage, ob wirklich alles bewilligt sei, soll Fürst Lichnowsky geantwortet haben: ?Ja, alles meine Herren.? – ?Ooch det roochen?? – ?Ja, auch das Rauchen.? – ?Ooch im Tiergarten?? – ?Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren.?

      Es sieht so aus, als müßten wir nochmal von vorn anfangen mit dem Erstreiten der Freiheitsrechte…

      Marie

    11. Spiegelfechter schrieb am 20. Mai 2007 at 15:11 - Permalink

      @Marie

      Danke für die passenden Zitate ;-)


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