Lessons learned?
geschrieben am 05. April 2007 von Spiegelfechter
Gestern war ein guter Tag. Ein guter Tag für die britischen Seeleute, ein guter Tag für den Nahen Osten und auch ein guter Tag für Großbritannien. Irans Präsident kündigte zunächst in einer medienwirksamen Presseerklärung an, die 15 gefangen genommenen britischen Seeleute im Rahmen eines unilateralen Gnadenaktes zu entlassen und inszenierte darauf hin noch eine professionelle Verabschiedung vor den Kameras der Weltpresse – mit Glückwünschen, fröhlichen Gesichtern allenthalben, Pistazien als Wegzehrung und mehreren Seitenhieben auf die westliche Selbstherrlichkeit. Wie es scheint hat auch Iran Medienberater und die schlugen gestern sogar ihre Kollegen aus USA, Israel und Großbritannien um Längen – eine perfekte Inszenierung, die sicher ihre geplante Wirkung erreicht haben wird.
Der Mann, den westliche Medien gerne als düsteren Demagogen, Reinkarnation Hitlers oder “Mann, vor dem die Welt sich fürchtet” (SPON) darstellen, zeigte sich gentlemanlike, höflich, witzig und (welch Wunder) zivilisiert. Ein Schock für die Medien, die sich momentan noch zu sammeln scheinen – bis auf SPON, die unter dem Titel “Abgrund an Heuchelei” nur ein Gestammel zusammenbrachten, das die im Titel suggerierte Aussage nichtmals ansatzweise herleiten kann und insgesamt sehr unmotiviert und seltsamerweise entäuscht wirkt. Die englische Presse ist da wesentlich konzilianter und erstaunlich unaufgeregt.
Hat Ahmadinedschad verloren?
Zunächst bleibt zu subsummieren, daß Ahmadinedschad nicht der entscheidende Mann für bilaterale Fragen ist, sondern das komplexe Teheraner Machtsystem sich erst finden musste um schliesslich mit Ali Laridschani einen Verteter vorzuschicken, der die Kompetenz hat für sein Land zu sprechen und zu handeln. Ob die Cornwall-Krise jetzt ein Niederlage für Ahmadinedschad ist, wie es einige Medien behaupten, muss doch eher bezweifelt werden. Das seine Stellung schwach ist und er nicht die Kompetenz hat, eigenmächtig in wichtigen Dingen zu entscheiden, war auch vorher so und sämtlichen Beobachtern auch so schon klar.

Das er die Provokation sucht um von seiner innen- und wirtschaftspolitischen Schwäche abzulenken, ist ebenfalls nicht neu und das der Wächterrat ihm einen Herrn Laridschani vor die Nase setzt, der deeskalierend mit Großbritanien verhandelt, war auch zu erwarten. Aber der perfekt inszenierte “Gnadenakt” und die medial wirksamen Szenen der Verabschiedung lassen Ahmadinedschad in einem positiveren Licht erscheinen. Sowohl in Iran als auch im Nahen Osten ist er jetzt der Mann, der nicht nur mit den Briten auf einer Stufe steht und als Gleicher mit Gleichen sprechen kann, sondern auch der Mann, der dem Westen einmal gezeigt hat, wie weit man gehen darf und wo die rote Linie ist, die nicht überschritten werden darf. Im Vergleich zu den schwachen Staatsführern der arabischen Welt, die dem Westen gegenüber eher als Befehlsempfänger auftreten, stellt er somit eine Ausnahme dar. Er hat sich zugleich großmütig gezeigt und Gnade vor Recht ergehen lassen. Seine “Street-Credibility” in den Souks von Isfahan, Damaskus, Dschidda und Basra dürfte seit gesten deutlich gestiegen sein. Das er systemintern in Iran nichts gewinnen könnte, stand von Beginn an außer Zweifel, aber verloren hat er auch nichts, so das er insgesamt als Sieger dasteht.

Den Briten gelingt die 180° Wende
Zu Beginn der Krise setzte Blair auf die altunbewährte Strategie des arroganten Kolonialherren, der dem unzivilisierten Iraner zeigt, wo der Hammer hängt. Blair lamentierte von einer “härteren Gangart”, liess sich von seinen Freunden (wie immer, unglaublich unsouverän Angela Merkel) ihres Kadavergehorsams versichern, rief den UN-Sicherheitsrat ein (was ihm die bedächtigen Russen schnell wieder austrieben) und inszenierte ein Schmierentheater mit gefakten Karten. Danach änderte man seine Linie um 180°. Man tauschte die lauten Töne gegen leise bilaterale Diplomatie ein und bezog die Türkei und Syrien als neutrale Makler mit ein. Hat Blair verloren, haben die Briten ihr Gesicht verloren, so wie es der ZEIT-Journalist Jürgen Krönig uns Glauben machen will? Nein, sicher nicht. Sie kamen um die Blamage herum sich öffentlich zu entschuldigen und bewahrten so ihr Gesicht. Auch der britischen Diplomatie muss man (nach den Aussetzern zu Beginn der Krise) ein Kompliment machen – so pragmatisch waren westliche Regierungen selten.
Zu Wünschen wäre es, daß Pragmatismus allgemein in die westliche Iran-Politik eingehen würde. Man weiß, daß das Lügengeplärre aus Washington, Tel-Aviv und London über Atomwaffen, iranische Unterstützung irakischer Aufständiger und der Bedrohung Israels, in einem zielgerichteten diplomatischen Prozess kontraproduktiv sind. Wann zieht man die Lehren aus der Cornwall-Krise und nimmt leise diplomatische Annäherungsprozesse auf?
Bush ist der Verlierer
Großer Verlierer der Cornwall-Krise ist eindeutig George Bush. Seine eingestreute Verbalattacke muss wohl sofort von London als Störfeuer angemahnt worden sein – anders lässt sich die darauf folgende Ruhe der US-Regierung nicht erklären. Zum Schluss musste sogar Bush sich heuchlerisch “glücklich” schätzen, daß die Soldaten entlassen wurden. Seine Strategie, mit Teheran gar nicht diplomatisch zu verkehren und nur die Karte der militärischen Bedrohung zu spielen, hat sich nach dem diplomatischen Erfolg der Briten als schlechteste aller denkbaren Varianten herausgestellt.
Die Fachleute haben bereits ihre Lehre aus der Cornwall-Krise gezogen:
“These sorts of incidents are always to some extent about face, and apparently the Iranians felt that when Britain agreed to enter into direct bilateral negotiations, Iran had gained enough face to be magnanimous,”
“On Sunday, they were admitted as equals, not scolded as little children. That created the opening for [Supreme Leader Ayatollah Ali] Khameini and Ahmadinejad to climb down and save face.”
Juan Cole, Nahostexperte an der University of Michigan
“Iranians have been signaling repeatedly, and not just during this crisis, that they will engage diplomatically, but without preconditions and on the basis of equality. So now they say, ‘You see, when we have the upper hand, you see how magnanimous we are; we are a charitable, civilized people. We are reasonable. You can talk with us.’”William Beeman, Iranexperte an der University of Minnesota
“The Iranian message is that if you deal with us respectfully, through incentives, then things can get resolved rather quickly. If you only resort to force or impose sanctions at the UN Security Council, then you’ll only get stuck, and Iran will respond in kind. They’re hoping that the West gets the impression that that is the incentive structure through which it can make progress with Iran. Whether that will be understood in the West is obviously a complete different question.”
Trita Parsi, Präsident des US National Iranian American Council
Jens Berger

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Köstlicher Kommentar auch vom CDU-Außen”experten” Eckart von Klaeden: “Offenbar haben sich im Iran jene Kräfte durchgesetzt, die erkannt haben, dass die Entführung ausländischer Staatsbürger dem Iran mehr schadet als nutzt”.
Wie kann sich dieser unfähige Mensch mit der Erscheinung eines 13jährigen Milchbubies nur zu solch’ vorwurfsvollen Äußerungen hinreißen lassen.
Was in diesem Land vorgeht ist nicht mehr normal…
@Jamas
Ja ja, der Ecki – mein gaaanz spezieller Freund ;-)
Für keine Blödheit ist er sich zu schade, ein Politkasper, wie er im Buche steht.
Zum Glück, nimmt ihn eh niemand ernst – wie denn auch?
Lustig übrignes, wie er der Titanic ins Netz ging.
Tja, mir gruselt es ja jetzt schon von dem Gedanken, dass dieser Wurm tatsächlich mal die höheren Stufen der Bundespolitik ergreifen könnte…
Ich muss Dir an dieser Stelle ein dickes Kompliment für Deine wirklich sehr gut recherchierten Beiträge aussprechen, die aus dem monolithischen Meinungswald hier (und im Westen) deutlich hervorsticht.
Mir gefällt insbesondere die Objektivität Deiner Beiträge, indem keine Partei ergreifen wird sondern die alltägliche Lügerei und Heuchelei von Washington bis Tokio dargestellt wird.
Eigentlich sollte jemand wie Du das Politikressort beim Spiegel übernehmen und nicht so eine gescheiterte Existenz wie Mahlzahn.
Mach’ weiter so, Du hast mittlerweile auch eine deutschsprachige Lesergemeinde in Übersee!
@Jamas
Danke für das Lob, aber mit dem Politikressort des SPIEGELS könnte ich wenig anfangen. Dafür bin ich zu ehrlich und der “große” Journalismus ist ein schmutziges Spiel ;-)
Ich möchte mich Jamas anschließen. Dein Blog ist überaus lesenswert – weiter so ! ;-)