Muqtada as-Sadr zieht sich (erst mal) zurück
17. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die Lage im Irak ist angespannter denn je. Im Norden drohen die US-Verbündeten aus der Türkei offen, Militärschläge gegen kurdische “Rebellen” durchzuführen, das sunnitische Dreieck ist seit langem ein Ort des Schreckens, in dem Terror an der Tagesordnung ist, wobei dieser neuerdings auch vor Anschlägen in der grünen Zone nicht halt macht.
Das ist neu, die grüne Zone wurde zwar schon häufiger von außen angegriffen (z.B. mit Mörsern vom gegenüberliegenden Tigris-Ufer), aber die Tatsache, dass die USA und die irakischen Behörden selbst das Regierungsviertel nicht mehr vor Attentätern sichern können, hat eine Außenwirkung, die die Impotenz der Besatzer offensichtlich macht. Derweil spielen Bush und Ahmadinedschad ein Chicken Game (… denn sie wissen nicht, was sie tun) - der eine bringt iranische Diplomaten in Arbil in seine Gewalt (obgleich er eigentlich höchste iranische Sicherheitsbeamte festnehmen wollte), der andere nimmt britische Seeleute gefangen und lässt sie gönnerhaft wieder frei. Der eine nimmt Ex-FBI Agenten fest, der andere foltert festgenommene Iraner, fliegt mit Kampfbombern über iranische Städte und lässt Millionen Tonnen Stahl vor der Haustür des anderen herumschippern, hoffend, dies könnte einen Zwischenfall provozieren.
Muqtada as-Sadr verlässt die Regierung
Weitestgehend unbemerkt von den westlichen Medien werden seit geraumer Zeit die Rufe der irakischen Abgeordneten immer lauter, die ausländischen Besatzer sollten einen klaren Termin nennen, wann sie das Land zu verlassen gedächten. Nur die Einheitsregierung unter Ministerpräsident al-Maliki spielt auf Zeit und verzögerte die Forderungen des Parlamentes immer wieder. Nebenbei bemerkt, ist dies ein äußerst undemokratischer Vorgang, da laut Umfragen 3/4 der Irakis einen Abzug der Amerikaner und der Briten innerhalb von 6 bis 12 Monaten haben wollen. Eine der lautesten Stimmen für einen schnellen Abzug ist der schiitische Prediger und Volksheld Muqtada as-Sadr. Er steht für einen arabischen Gottesstaat Irak und will unabhängig von Teheran sein, daher lehnt er auch jede Einflussnahme Teherans auf die irakische Politik ab.
Nachdem as-Sadr am letzten Montag über eine Millionen Demonstranten in Nadschaf zu einem Marsch vereinen konnte (dies war eine 14 Kilometer lange Menschentraube) um einen schnellen Abzug der Amerikaner zu fordern, trat er nun mit seinen Ministern aus der Regierung aus und zog sich in den Untergrund zurück. Dies wird von den meisten Medien als Kraftprobe gewertet - dies muss aber nicht so sein, wenn man sich die Hintergründe verdeutlicht.
Ein Heißsporn als Idol der Massen
Muqtada as-Sadr ist der Sohn des Großayatollahs Muhammad as-Sadr, der ursprünglich von Saddam Hussein als Gegenpart zu den Ayatollahs Hakim und as-Sistani aufgebaut wurde, die unter iranischen Einfluss standen, sich aber später von Saddam abwandte und deshalb von seinem Geheimdienst ermordet wurde. Muhammad as-Sadr galt als ein Nachfolger Mohammeds und genoss unter der schiitischen Bevölkerung Iraks große Sympathien. Sein Sohn Muqtada ging unter Saddam in den Untergrund, den er erst nach der Invasion der US-Truppen verließ. Von Anfang an stand er den westlichen Besatzern ablehnend gegenüber und erkannte weder die US-Verwaltung im Irak noch die Übergangsregierung als legitim an. In seiner Hochburg, dem schiitischen Sadr-Viertel (ehemals Saddam-Viertel) von Bagdhad galt seit dem Sturz Saddams das Recht as-Sadrs. Seine Miliz, die mehrere zehntausend Mann starke Mahdi-Armee übernahm dort Polizeiaufgaben und as-Sadr selbst gewann mit vielfältigen Wohlfahrtsaktionen das Vertrauen der dortigen Bevölkerung. Politisch führt er die Sadr-Front an, die Teil der United Iraqi Alliance, dem schiitischen Mehrparteienbündnis, ist, das bei den Wahlen 2005 über 40% der Stimmen für sich gewinnen konnte. Muqtada as-Sadr ist nur ein unbedeutender Kleriker, der nach schiitischen Regeln keine Weisungsbefugnis hat. Seine Führerschaft wird von seinen Anhängern über seinen verstorbenen Vater hergestellt, ein Brauch, der bei den Schiiten eigentlich ganz und gar unüblich ist. (1)
Seine mangelnde Kooperation war den US-Behörden natürlich schon immer ein Dorn im Auge. Im März 2004 eskalierte die US-Verwaltung die Situation, indem man as-Sadrs Zeitung “al-Hawza” (benannt nach der heiligen Moschee in Nadschaf) verbot und alle Exemplare einzog. Sadr rief zu friedlichen Protesten auf. Als sich diese als wirkungslos erwiesen, ging er zum bewaffneten Widerstand über. Der bewaffnete Aufstand der Mahdi-Armee, der zeitgleich mit sunnitischen Aufständen in Falludscha stattfand und vor allem in Nadschaf äußerst blutig geführt wurde, brachte die US-Verwaltung zum Einlenken. Unter Vermittlung von Großayatollah as-Sistani sagte as-Sadr die Entwaffnung seiner Milizen zu, - eine Zusage, die nie ernst gemeint war und vom damaligen Premier Alawi widerrufen wurde, da dieser eine Konfrontation mit dem immer populärer werdenden as-Sadr fürchtete. “Al-Hawza” wurde wieder erlaubt und as-Sadr begnadigt.
As-Sadr wird zu einer politischen Größe
Seit den Aufständen im Jahre 2004 hat as-Sadr einen sehr starken Rückhalt bei der schiitischen Mehrheit. Vor allem bei den Unterschichten und den jungen Männern ist er sehr beliebt und jede irakische Regierung weiß, dass es ohne sein Placet sehr schwer ist, die Regierungsgeschäfte zu führen. Einer seiner Widersacher ist der Großayatollah Ali as-Sistani, die letzte Stimme der Vernunft, wie er von vielen Kommentatoren genannt wird. Sistani stellt für die irakischen Schiiten eine religiöse Instanz dar; er ist einer der drei höchsten schiitischen Geistlichen und seine Stimme hat Gewicht. Politisch setzte er sich in der Vergangenheit u.a. für das Frauenwahlrecht, eine stabile breite politische Allianz, die United Iraqi Alliance, und einen zeitnahen Abzug der US-Truppen ein. Da die UIA es nicht schaffte einen Bürgerkrieg zu verhindern, hat er sich im September 2006 weitestgehend deprimiert aus der Politik zurückgezogen. Sein Rückzug hat den jungen Heißsporn as-Sadr in eine starke Position gebracht, - innerhalb der UIA ist er der beliebteste Politiker, im ganzen Irak ist nur as-Sistani beliebter. Sistani steht für “Führung”, as-Sadr für “Schutz”. Im heutigen Irak scheint letzteres wichtiger zu sein.
Der UIA gehört auch as-Sadr mit seiner Gruppe an, er stellt 6 Minister (von 38) und 30 Abgeordnete (von 275). Der irakische Ministerpräsident Nouri al-Maliki (ebenfalls Schiit, ebenfalls antisäkular), der mit seiner islamischen Dawa-Partei auch der UIA angehört, ist einer der letzten verbliebenen Widersacher as-Sadrs. In einem Interview mit La Republica sagte as-Sadr im Januar über Maliki:
“Between myself and Abu Israa [an alternate name for Maliki] there has never been much feeling. I have always suspected that he was being maneuvered, and I have never trusted him. We have met only on a couple of occasions. At our last meeting he first told me: ‘You are the country’s backbone,’ and then he confessed that he was ‘obliged’ to combat us. Obliged, you hear me?” (2)
Eine Win-Win Situation
Dennoch ist anzunehmen, dass as-Sadr mit seinem Regierungsaustritt blufft. Er ist ebenso von Maliki abhängig, da dieser ihm eine Beteiligung an der Regierung sichert, wie Maliki von as-Sadr, da dieser dafür sorgen könnte, dass die Einheitsregierung platzt und säkulare Kräfte wieder in offizielle Posten kommen. As-Sadr nutzt die Regierungsbeteiligung ferner, um mittels des Ministeriums für Gesundheit und Bildung Nachwuchs für seine Mahdi-Armee zu rekrutieren, - ebenso wie der SCIRI, eine weitere Gruppe innerhalb der UIA, das Innenministerium nutzt, um Nachwuchs für ihren militanten Arm, die Badr-Brigaden zu rekrutieren.(3)
Es ist hervorzuheben, dass as-Sadr nur seine 6 Minister aus der Regierung abgezogen hat, nicht aber die 30 Abgeordneten, ohne die die Einheitsregierung nicht mehr regierungsfähig wäre. Insofern ist anzunehmen, dass as-Sadrs Koalitionsbruch mit lautem Getöse ein Manöver ist, das as-Sadr und Maliki hilft, ihr Gesicht zu wahren und sich zu profilieren. Maliki gewinnt in Washington und den arabischen Hauptstädten an Ansehen, wo as-Sadr äußert verhasst ist, und as-Sadr muss sich nicht dem Vorwurf seiner Anhänger ankreiden lassen, er sei inkonsequent, was seine Forderungen nach einem Abzug der US-Truppen angeht. Nichtsdestotrotz bleibt der politische Druck der Straßen, die Besatzer zu einem Abzug zu bewegen, auf al-Maliki lasten. Es bleibt spannend, wie laut as-Sadr aus seiner “oppositionellen” Position heraus einen Abzug fordert. Ein Sturz der Regierung wäre eine mögliche Folge, eine weitere aber ein Bruch der Regierung mit der US-Verwaltung im Irak. Dies wird mit al-Maliki wohl nur zu machen sein, wenn die arabischen Nachbarn als ordnende Schutzmächte ein solches Szenario unterstützen. Äußerungen des saudischen Königs Abdallah lassen hierfür durchaus ein Potential erahnen.
Jens Berger

















































































“Sein Rückzug hat den jungen Heißsporn as-Sistani in eine mächtige Lage gebracht,[...]”
Müsste es dort nicht “As-Sadr” heißen? Sonst ergibt der Satz irgendwie keinen Sinn.
@matt
Ooops, selbstverständlich. Danke für die Korrektur.
Ich habe zu danken! Verfolge ihren Blog mit grossem Interesse.
Keep it up!
Folgenden Beitrag zu den gestrigen Anschlägen im Irak habe ich in der FAZ gepostet. Ich befürchte, daß die FAZ dieses Posting nicht bringen wird und deponiere es deshalb hier:
“Dieser Kommentar von mir berührt ein moralisch sehr heikles Thema: Waren die Flächenbombardements der Engländer im II. Weltkrieg sinnlos? Militärhistoriker sind darüber noch uneins. Offiziell hatten Sie das Ziel, die deutsche Zivilbevölkerung kriegsmüde zu machen. Auf jeden Fall hat es nach dem 8. Mai 1945 keinen Widerstand mehr gegeben.
Es ist nicht so abwegig, auch die Logik des irakischen Widerstandes zumindest zu verstehen zu versuchen: Da die technische Übermacht der US-Truppen total ist, kann nur über eine völlige Chaotisierung des Zivillebens - 4 Millionen Flüchtlinge sind ja nach 1945 ein Rekord - die Bevölkerung mehrheitlich gegen die Besatzer aufbringen.
Nach allen Umfragen ist dies gelungen. Der Preis dafür ist schrecklich, aber waren nicht auch die Amerikaner bei ihrer Eroberung bereit, Hunderttausende “casualties” in Kauf zu nehmen?
Wir können und dürfen aus unserer Kultur heraus beides, den Luftbombenterror wie die Selbstmordattentate als unmenschlich ablehnen.
Ob diese Opfer aber vergeblich waren - also am Ende “sinnlos” - wird erst die Geschichte zeigen.
Die 3 Mio Opfer in Vietnam waren aus vietnamesischer Sicht nicht sinnlos, denn heute ist Vietnam ein freies und sogar ziemlich glücklich wachsendes Land.”
Hier der Link zum FAZ-Artikel:
faz.net/s/...
@Jörg Sutter
Die USA haben im Irak die Büchse der Pandora zwar geöffnet, sind aber nicht Ziel der meisten Anschläge. Der Bürger im Irak ist weitaus komplexer. Daher ist der Vergleich mit einem David, der sich gegen den übermächtigen Goliath wehrt unangebracht.
Zieht sich die USA zurück entsteht ein mächtiger Iran und der Irak zerbricht!
Bleiben sie - dann zerbricht die US Armee - so wie die Israelische als Besatzungsarmee verfault ist.
Den Irak gibt es nicht mehr und niemand sagt es und alle wissen es geht nur noch um das was danach kommt.
@Winfried aus Chemnitz
Das ist richtig - und die Probleme des zerfallenden Irak werden uns noch lange beschäftigen.
Stichworte: Kurden, Öl, schiitischer Südirak, Iran als Regionalhegemon im Konflikt mit Saudi-Arabien, das ebenfalls schiitische Gebiete hat (da, wo das Öl ist) und zerfallende Autokratien in Nah-Ost.
Wenn es nicht so ekelhaft menschenverachtend wäre, könnte man sagen “es bleibt spannend” :-(
Mein Kommentar ist überraschenderweise in der FAZ doch veröffentlicht worden:
faz.net/s/...
@Spiegelfechter: David/Goliath paßt hier in der Tat nicht und es gibt auch innerirakische Rechnungen und Vendettas. Aber das Prinzip des Terrors ist - was die RAF vergeblich versuchte - die Repressivität des Systems derart zu provozieren, daß die Mehrheit der Bevölkerung einen Regimewechsel möchte.
Dies wird nur durch den “totalen Terror” erreicht, nicht durch nur auf Amerikaner beschränkte Anschläge. Nicht die militärische Niederlage der Amerikaner, sondern ihre zivile Niederlage könnte mit einem streng islamischen Staat enden, in dem die Iraker ihre einzige Hoffnung auf Frieden und Stabilität sehen - zu Recht, denn die USA bringen weder Frieden, noch Demokratie, noch Wohlstand, da alle Mittel nur für ihren Kampf verwandt werden.