Zermanscht das Internet unsere Gehirne?
geschrieben am 23. November 2009 von Spiegelfechter
Wenn Frank Schirrmacher sich zu einem aktuellen Thema äußert, so stößt er damit stets eine Debatte an. Schirrmacher ist der personifizierte Agenda-Setter unserer Zeit. Die “Methode Schirrmacher” ist dabei denkbar einfach – man beobachte einen gesellschaftlichen Trend, seziere ihn mithilfe zahlreicher handverlesener Studien- und Statistikhäppchen, mische eine gehörige Portion Kulturpessimismus und Wertekonservativismus dazu und lasse den Leser dann abschließend in einem düsteren Fatalismus zurück. Das hat 2004 geklappt – da schrieb Schirrmacher das “Methusalem-Komplott”, in dem er den Geburtenrückgang bis ins Unendliche interpolierte und eine vergreiste Gesellschaft und das Aussterben der Deutschen prognostizierte. Das hat auch 2006 geklappt – da schrieb Schirrmacher “Minimum”, prognostizierte das Aussterben der “gesellschaftlichen Keimzelle”, der traditionellen Familie, und den Siegeszug einer Gesellschaft von egoistischen Einzelkämpfern. Auch in diesem Jahr wird die “Methode Schirrmacher” wieder ihren Siegeszug antreten. Schirrmachers neues Buch mit dem sperrigen Titel Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen ist erst seit einer Woche auf dem Markt und droht bereits die Sachbuch-Charts zu stürmen. Diesmal ist es der Computer, das vernetzte Denken, das Schirrmacher keine Ruhe lässt und in Panik versetzt – das Internet zermanscht unser Gehirn, wie es der Kampagnero vom Main so griffig formuliert.
Die Angst vor der Reizüberflutung
Schirrmachers Angst vor der Unvereinbarkeit von menschlichem und maschinellem Denken ist nicht eben neu und sowohl in Form wie Inhalt bestenfalls oberflächlich. Payback wirkt eher wie der verzweifelte Versuch, Joseph Weizenbaums Klassiker Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft in eine boulevardtaugliche Sprache zu transportieren und an die neueren Entwicklungen des Informationszeitalters anzupassen. Es sind die SMS, die E-Mails, die Feeds und die Tweets, die Schirrmacher in seinem Buch stets kompetenzbefreit als “Tweeds” bezeichnet, die dem konservativen Schöngeist das Gehirn zermanschen.
Für die ewig einprasselnden Informationshäppchen, den Zwang, permanent zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheiden zu müssen und die dauernde Angst, die eine entscheidende Neuigkeit zu verpassen, sei das menschliche Gehirn schlichtweg nicht geeignet, es sei nicht multitaskingfähig, so Schirrmacher.
Digitaler Autismus
Das menschliche Gehirn ist nicht in der Form multitaskingfähig, die die moderne EDV ihm abverlangen will. Schirrmachers Beobachtung ist diesem Punkt vollkommen richtig. Das menschliche Gehirn ist auch in der Offline-Welt auf Schutzmechanismen angewiesen. Ohne diese Mechanismen würde das Gehirn bei all den auditiven und visuellen Reizen, denen es den gesamten Tag über ausgesetzt ist, wahrscheinlich binnen kürzester Zeit durchschmoren. Der Unterschied zwischen der digitalen Welt und der Natur ist vor allem der, dass man das Filtern der digitalen Welt erst erlernen muss. Wenn Schirrmacher dem Leser in herzergreifender Naivität erzählt, dass er sich in seinem linearen Denken bei der Erstellung eines Artikels durch stetig eintrudelnde E-Mails stören lasse, die ihn in seinem linearen Denkprozess verwirren, so mag man am liebsten sofort Herrn Schirrmacher per E-Mail den Tipp geben, dass man sein E-Mail-Programm beim Schreiben eines Artikels auch ausschalten kann.
Ich kenne Schirrmachers Problem ja auch – natürlich ist das bloße Vorhandensein der vielen Informationskanäle bereits ein Ablenkungspotential an sich, das den linearen Denkprozess stören kann. Darum schalte ich während des kreativen Schreibprozesses auch Skype, Thunderbird und ähnliche Störenfriede ab und beschränke auch mein Surfverhalten auf die “dienstlichen Notwendigkeiten”. Es ist noch nicht einmal sonderlich schwer, sich selbst zu disziplinieren, man lernt es unweigerlich dann, wenn man öfters privat und beruflich in Terminverzug kommt, weil man wieder einmal die Zeit “im Netz” vertrödelt hat. Es ist eigentlich eher erstaunlich, dass ein Vordenker unserer Zeit offensichtlich so massive Probleme mit dem Überangebot digitaler Ablenkungsmöglichkeiten hat, dass er vor ihnen kapituliert. Wahrscheinlich kokettiert Schirrmacher allerdings in diesem Punkt mit seinem Understatement, um sich in die Herzen gestresster digitaler Nomaden zu schreiben.
Misthaufen Internet
Über die Qualität der Internetinhalte zu streiten, ist müßig. Joseph Weizenbaum hat es wohl am treffendsten ausgedrückt – “Das Internet ist ein großer Misthaufen, in dem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen finden kann.” Um diese kleinen Schätze und Perlen zu finden, muss man allerdings über eine gewisse Medienkompetenz verfügen. Wenn sich Schirrmacher über die Belanglosigkeiten und die Irrelevanz der meisten Netzinhalte aufregt, so sollte er wohl zunächst einmal seinen eigenen Umgang mit dem Netz einer kritischen Überprüfung unterziehen. Das Netz macht die Menschen nicht klüger – diese Position vertreten wohl allenfalls noch die Fundamentalisten der Digitalen Revolution. Im Netz kann der einzelne Mensch jedoch Wissen finden, er muss allerdings eine gehörige Portion Medienkompetenz mitbringen und auch auf dem speziellen Wissensfeld bereits über ein solides Vorwissen verfügen. Das Internet ist nichts für Anfänger, aber für Profis, die dieses Werkzeug beherrschen, kann es eine schier unendliche Quelle des Wissens sein.
In einer Universitätsbibliothek stehen Tausende Bücher Reih an Reih. Wer weiß, was er sucht und mit den Katalogisierungsmodalitäten vertraut ist, wird dort ein relativ präzise zusammengefasstes und vorsortiertes Wissensbouquet vorfinden. Doch die Qualität gedruckten Wissens hat ihren Preis – nicht überall gibt es gut sortierte Bibliotheken, und es ist auch für den erfahrenen Nutzer sehr zeitaufwändig, an die gewünschte Information zu kommen. Das Internet ist da das genaue Gegenteil – ein gigantischer Misthaufen mit Pornomagazinen, Belanglosigkeiten, Schund und Unmengen an “Social Media”-Müll, und sekündlich wird es mehr. Zwischen diesem Müll verbergen sich jedoch meist auch die Dinge, wegen derer man das Netz durchstöbert – was natürlich auch idealisierend ist, da ein Großteil der Nutzer genau wegen dieses Mülls im Netz ist. Wer allerdings seriöse Informationen sucht, der kann sie finden, nur wird ihm dies in den seltensten Fällen gelingen.
Medienkompetenz!
Dem Findungsprozess widmet auch Schirrmacher viel Raum seines Buches. Trotz guter Ansätze verpasst er es jedoch leider, zum Kern des Problems vorzudringen. Vollkommen zu Recht kritisiert Schirrmacher, dass es digitale Algorithmen sind, die über die Auffindbarkeit von Informationen im Netz entscheiden. Diese Algorithmen haben gleich zwei Probleme, die eng mit dem Namen Google verknüpft sind. Für Google sind nämlich nicht die Informationen wichtig, die qualitativ hochwertig sind, sondern Informationen, die sich durch intransparente Bewertungsrichtlinien qualifizieren, die sich primär auf die Popularität einer Seite und deren Verlinkungen in der digitalen Welt beziehen. Das heißt auch, dass die “Netzgrößen” und eine schwammige Schwarmintelligenz bestimmen, welche Inhalte der normale Nutzer bei Google findet. Wer an die hochwertigen Informationen kommen will, muss entweder sehr lange suchen, seine eigenen Filtermechanismen haben oder über eine hohe Medienkompetenz verfügen. Anstatt in einen Schirrmacherschen Fatalismus über das Ende der Qualität zu verfallen, sollte man sich daher auf die Vermittlung von mehr Medienkompetenz konzentrieren.
Schon in der Schule muss Medienkompetenz zum Lehrstoff gehören. Es ist mit einer Wissensgesellschaft unvereinbar, dass Kinder ohne professionelle Hilfe ins Netz gelassen werden. Aber woher soll diese Hilfe kommen? Von den Lehrern? Ein Großteil der deutschen Lehrer lebt doch selbst noch in Schirrmachers analoger Welt und kann mit dem Internet nicht umgehen. Die Eltern scheiden meist selbst als Tutoren aus, da auch sie die Instrumente nicht beherrschen. Wenn die Gesellschaft denn wirklich die Chancen nutzen will, die die digitale Vernetzung bietet, so muss zunächst eine Diskussion stattfinden, wie man Medienkompetenz vermitteln kann. Diese Diskussion ist viel wichtiger als die Säue namens Killerspiele oder Kinderpornographie, die alljährlich durchs mediale Dorf getrieben werden. Auch Schirrmacher verpasst es, diese Diskussion anzustoßen. Fast scheint es, als wolle er gar keine Antworten auf die Fragen geben, die er selbst aufwirft.
Wer kontrolliert meine Daten?
Die Stärken von Payback liegen in den Passagen, in denen Schirrmacher sich Gedanken über die Kontrolle der digitalen Daten und der Kontrolle des Wissens macht. Manchmal scheint es gerade so, als ob er sich für den Posten des Alterspräsidenten bei den Piraten bewerben wolle. Kaum ein Nutzer weiß, welche Spuren er im Netz hinterlässt und wie Datenkraken á la Google aus seinem Netzverhalten perfekte Profile erstellen können, die selbst die Stasi blass vor Neid erscheinen ließen. Die informationelle Selbstkontrolle wird eines der Themen des nächsten Jahrzehnts werden. Nicht der Staat sorgt dafür, dass wir zum gläsernen Bürger werden, es sind einige Konzerne, deren Datenhunger keine Grenzen kennt.
Was ist schon Schäubles “Bundestrojaner” gegen das geplante “Cloud-Computing” der Giganten Google und Microsoft? Schon heute liest Google jede E-Mail, die über den konzerneigenen Provider Googlemail verschickt oder empfangen wird. In der schönen neuen Google-Welt gibt es unter ChromeOS gar keine Festplatten mehr in den Rechnern und alle Informationen lagern bei Google – gescannt, ausgewertet und zu passenden Werbeprofilen zugeordnet. Und wenn Google einmal spitze Zähne bekommt, kann es digitale Existenzen mit einem Handstreich löschen.
Wenn Schirrmacher sich auf die Fragen der digitalen Existenz beschränkt hätte, wäre Payback ein gutes Buch geworden. Es ist amüsant und stellenweise sogar lehrreich, wenn der konservative Schöngeist über die digitale Wirklichkeit und die Allmacht der Datenkraken philosophiert. Leider konnte es Schirrmacher nicht bei diesem Thema belassen und musste auch noch seine minder interessanten “Hirnzermanschungstheorien” mit ins Buch nehmen – so muss man auch in Payback die kleinen Schätze und Perlen in einem riesigen Wortmüllhaufen finden. Schirrmacher und das Netz – man ist sich fremd und doch so nah.
Payback ist im Karl-Blessing-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.
Mehr zu Frank Schirrmacher auf dem Spiegelfechter:
Der Qualitätsjournalismus wird gegen das böse Internet obsiegen
Nebenkriegsschauplatz Demographie
Jens Berger
Kategorien: Deutschland Medien
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Das ist so nicht richtig. Google scant jede Klattext-Email die über Googlemail verschickt oder empfangen wird. Ein auf seine Privatsphäre bedachter Mensch muss aber ohnehin, völlig unabhängig welchen Email-Anbieter er benutzt, davon ausgehen, dass jede unverschüsselte Email die übers Internet geht gelesen wird.
Die Maßnahme dagegen ist in beiden Fällen die selbe: Gnupgp oder eine andere Verschlüsselungstechnik.
Das ist auch der Unterschied den ich zwischen staatlicher Überwachung und der Überwachung durch Konzernen sehe. Im Falle ersterem ist man praktisch schutzlos ausgeliefert; wenn es Gesetz ist, dass ein Provider jeden Verbindungsaufbau von mir registriert und speichert, kann ich dem nicht mehr entkommen, während bei Google zum Beispiel ich sehr wohl entscheiden kann, welche Daten an Google gehen dürfen und welche nicht.
“Zermanscht das Internet unsere Gehirne?”
Nein….Deine Seite beweist das Gegenteil!
salud und weiter so
carlo
@Kinch: GnuPG und co sind aber bei Webmailern nicht wirklich praktikabel. Und die Weboberfläche ist doch das Einzige, was gmail besonders macht, oder? Da bräuchte man quasi ein Plugin/JavaScript, dass sich in den Webmailer einpflanzt. Gibts sowas schon?
“Das Internet ist ein großer Misthaufen, in dem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen finden kann.”
Falsch, das Internet ist eine grosse “Pornothek” und es gibt ausschließlich nur Pornoseiten, aber wie mit den Pornofilmen so ist es auch mit dem Internet, da gibt es Seiten die sich so arg mit der “Story” befassen, dass sie den “Porn” vergessen…..
@C-o-M
Ich benutze den – zugeben sehr guten – Webmailer von Googlemail nicht. Stimmt ja, über die Weboberfläche ich PGP nicht so einfach zu verwenden (aber auch nicht unmöglich). Obs ein Browser-Plugin oder ähnliches gibt, kann ich dir leider nicht sagen.
Googlemail finde ich aber auch ohne Webmailer ganz nett: Kostenloses Imap, dynamische Ordner die auch mit dem Imap kompatibel sind, 7,5 GB Festplattenplatz (ich verbrauche schon 4 GB) und noch ein paar andere Sachen.
Ich finde die Leistung sehr gut, und den Preis, dass ein paar unwichtige Emails nach Schlagwörter gescannt werden, um Werbung einzublenden, die ich per Mail-Client eh nie zu Gesicht bekomme, fast nicht erwähnenswert.
@Kinch
Exakt so ist es – ich gebe zu, dass ich Googlemail ebenfalls als IMAP-Account nehme
Sollte ein Leser, einen kostenlosen IMAP-Provider mit gleicher Leistung finden – für jeden Tipp bin ich dankbar ;-)
Guter Artikel!
Jetzt kann man nur hoffen dass die öffentliche Debatte (und die wirds mit Sicherheit geben) sich nicht auf das gemeinsame Aufsagen von Allgemeinplätzen beschränkt.
Ich stimme Dir zu dass man darueber diskutieren sollte was und wie Kindern in der Schule ueber Medien und Computer beibegracht wird. “Informatik-Unterricht” gibt es in den meisten Schulen ja schon, der beschränkt sich aber meines Wissens darauf die Schulkinder alle paar Wochen doppelstuendig vor sehr modernen Computern abzusetzen und ihnen wenns hoch kommt beizubringen wie man Word und Excel benutzt. Das kann man bestimmt gut als multmedialen Unterricht verkaufen, es ist aber völlig nutzlos.
Da die meisten Lehrer aber wohl zu nicht viel mehr in der Lage sind, wäre die erste Stufe zu besserem Unterricht wohl die Ausbildung von Lehrern. Und bevor man damit anfängt sollte man definieren was man eigentlich genau unterrichten möchte. (Wie man die Politik so kennt dauert das natuerlich ewig)
Ein Unterricht in “Medienkompetenz” sollte wohl Grundlagen der journalistischen Recherche und ähnliches Abdecken, also Themen wie:
Wo und wie finde ich Informationen?
Wie ueberpruefe ich die Glaubwuerdigkeit der Informationen?
Das sollte sich auch nicht strikt auf das Internet beschränken.
Ausserdem fände ich es sehr wichtig Informatik in der Schule sinnvoll zu unterrichten, also:
Funktionsweise von Computern, Internet und Suchmaschinen.
Welche Daten sind von wem wo einsehbar?
Wie sicher sind Computer, wie funktionieren Hackerangriffe, Trojaner?
Grundlagen in Programmieren und Datenbank-Systemen.
Vieles davon liesse sich sehr gut ohne Computer unterrichten und wuerde die Schueler sehr viel besser dafuer ausruesten verantwortlich mit Technik umzugehen als der derzeitige Computer-Unterricht. (Word und Excel hat noch jeder selbst gelernt)
Der erste Teil liesse sich wohl in den Deutsch- oder Politikunterricht einbinden, fuer den zweiten Teil muesste man dann wohl Informatiker zu Lehrern ausbilden. Das dauert natuerlich, was es nicht unbedingt zur ersten Wahl der Politiker macht, und es hört sich auch nicht so toll an :)
Nabend, Spiegelfechter.
Was genau ist Medienkompetenz? Wieso spielt die erst jetzt eine Rolle? Und wieso hatte bis jetzt keiner die Idee, diese verpflichtend (und eindeutig erkennbar )im Schulunterricht unterzubringen?
Meine Antwort: Medienkompetenz ist Quellenkritik. Daher ist Geschichtsunterricht einer der wertvollsten Lehrinhalte in der Schule, neben den harten Wissenschaftsfächern und der Muttersprache. Denn dort lernt man – wenn der Unterricht gut durchgezogen wird – keine sinnfreien Fakten stumpf auswendig , sondern Quellenanalyse.
Viele Leute sind nicht in der Lage mit Texten richtig umzugehen. Das kann man aber Lernen und ist heute tatsächlich ein wenig wichtiger geworden. Warum? Nicht weil denken im Kontext etwas neues wäre (“Lineares Denken” – Schirrmacher, bist du blöd?), sondern weil einfach die pure Masse uns erschlägt. Damit können wir nur versuchen umzugehen. Wir werden jedoch niemals in der Lage sein heute vorhandenes Wissen nur annähernd individuell zu verarbeiten, egal wieviel ungenutzte Hirnmasse noch in uns schlummert.
Selektion, Gewichtung, Mut zur Kürze und noch stärkere Spezialisierung des Einzelnen sind die Zukunft. Das ist für Freunde der Exegese unschön, aber wir werden nicht mehr anders klar kommen.
Und somit sind wir heute als Menschen tatsächlich an einer Schwelle angekommen. Die Technik zwingt den Menschen erstmals ihren Willen auf – indirekt/direkt, gewollt/ungewollt spielt keine Rolle.
Hi SF,
warum diese vorschnelle Adelung eines Autors, der zwar Philosophie studiert hat, allerdings von jedem waschechten Technikphilosophen in feinster Manier auseinandergenommen werden würde?
“Es ist eigentlich eher erstaunlich, dass ein Vordenker unserer Zeit offensichtlich so massive Probleme mit dem Überangebot digitaler Ablenkungsmöglichkeiten hat, dass er vor ihnen kapituliert.”
Verstehe ich nicht ganz, sry!(?)
Wer sich wirklich für Technikphilosophie interessiert, kann sich ja mal mit “C. Hubig – Mittel oder Medium”
auseinandersetzen.
Kleine Leseprobe:
http://www.derblauereiter.de/ausg_11-20/dbr13/pdf/dbr13-Leseprobe.pdf
Oder eine Rezension?
http://www.itas.fzk.de/tatup/073/schm07a.pdf
Viel Spass und nichts für ungut! :)
Es gibt tatsaechlich ein GnuPG-Plugin fuer den Firefox, das auch GMail unterstuetzt: FireGPG
@C-o-M es gibt http://www.freenigma.com als JS plugin, aber echte Sicherheitslogiker bekommen stirnrunzeln bis Schreikrämpfe, da man seinen privatKey auf einem Server lagern muss. Außerdem, und das ist das dämlichste an freenigma. ist es kein gpg-servertlet oder so, sondern man kann man nur zwischen freenigmaccounts kommunizieren;(
@SF “Exakt so ist es – ich gebe zu, dass ich Googlemail ebenfalls als IMAP-Account nehme” jaja Wasser predigen und Wein….;)
“Sollte ein Leser, einen kostenlosen IMAP-Provider mit gleicher Leistung finden – für jeden Tipp bin ich dankbar ;-)”
Das würde mich aber auch interessieren, auch gern ein als Bezahldienst (damit meine ich nicht einen eigenen Server betreiben zu müssen oder eine Firmenlösung für 1000 Mann und €) So unter 10 Euro….
@harey
Wie bei so vielen Dingen wird auch bei den IT-Themen in der Schule leider ganz auf berufliche Verwertbarkeit geachtet. Lieber ein wenig mit Word und Excel umgehen können, dafür können solche Sachen wie Medienkompetenz schon mal hinten anstehen. Es gibt ja schließlich noch die relevante Wikipedia ;-)
@klml
Ja, so san´s die Bloggers ;-)
@Blockpartei
Ja, das ist sicher so.
So ähnlich schreibt Schirrmacher das auch ;-)
@Tman
Adele ich ihn? Finde ich nicht, ich gehe eigentlich recht kritisch mit ihm um.
Was gibt es da nicht zu verstehen? Ich kann mir halt nur sehr schwer vorstellen, dass einer vom Schlage Schirrmachers vor seinem Rechner sitzt und sich von Mails und Tweets (ähm Tweeds natörtlich!) aus der Ruhe bringen lässt.
Kenne ich nicht, klingt aber interessant.
“Die Technik zwingt den Menschen erstmals ihren Willen auf – indirekt/direkt, gewollt/ungewollt spielt keine Rolle.”
Klar, hinfort klägliche Aufklärung, hinfort mit der Freiheit der Subjekte. Lasset uns alle freudig lächelnd in Ketten der Technik legen. Nein, Nein, da können wir nichts mehr machen, die Sachzwänge sind zu stark. Die Fülle an Expertenwissen ist zu groß, ich kann mir keine eigene Meinung mehr bilden. Meine Fresse.
Erst diese Marx Heulerei – Der Mensch hat sich als Ware selbst zum Objekt gemacht und verkauft sich seitdem fröhlich selbst. –> Wir können nix dagegen machen.
Und jetzt das…
Wir können mündige Kritik üben. Und das sollten wir uns auch nicht nehmen lassen! Und ja, auch Kritik ist in ihrem Wesen technischer Natur. Beisst sich die Schlange in den Schwanz? Vielleicht, aber es ist egal. Warum? Weil es konstruierte Probleme sind, deshalb! Kampf dem linearen Denken!
“Vordenker unserer Zeit” huihuihui, klingt nach Prädikat.
Genau aus dem Grund ist er ein Blender und nicht der Adelung wert.
Hubig setzt natürlich ein bisschen was vorraus und es ist auf den ersten Blick verzwickt, die Verbindung zum Thema zu “sehen”, allerdings lohnt es sich.
Zum Schirrmacherschen Geschwurbel kann man auch ganz einfach sagen: “Leck mich am Arsch.”
Leider hast Du es nicht getan, Jens….
Maschinelles Denken? Wo kommt diese Mystik her? Vom Frank Schirrmacher, Jens Berger oder Joseph Weizenbaum?
Zu maschinellem Denken sind nur Menschen befähigt, nicht jedoch Maschinen. Maschine kann genau so gut denken wie ein Radio sprechen oder ein Grammophon singen kann.
Denken ist immer mit Lösungen diverser Probleme, mit Entscheidungen verbunden. Das können Menschen und andere Lebewesen, aber nicht die Maschinen – die haben keine Probleme, weil sie keine Ziele, Begehren oder Notwendigkeiten haben.
Wenn ein Mensch mithilfe eines Hebels einen größeren Stein beiseite schiebt, so tut es doch der Mensch, nicht der Hebel.
Na ja, die Gesellschaft nutzt eigentlich die Chancen, die ihr die Vernetzung bietet – jeder nach seinem Bedarf und seinen Vorstellungen darüber, was im Leben das wichtigste oder wertvollste sei. Das Streben nach besserem oder qualitativerem Wissen war nie die zentrale Angelegenheit menschliches Daseins gewesen und wird es wohl in der Breite nie sein.
Im Übrigen, als Telefon erfunden wurde, waren die Erfinder und die ersten Nutzer dieses Wunders der Technik auch der Meinung gewesen, dass damit nur wichtige Angelegenheiten wermittelt werden dürften. Keiner hat an Weibertratsch, Seelenmassagen, Umfragen, Werbung u.v.v. mehr gedacht, was zu Realität wurde. Menschen werden nun mit etwas konfrontiert und sie überlegen sich, wie es für ihre(!) Bedürfnisse und Angelegenheiten ausnutzen lässt.
Und was die Medienkompetenz anbetrifft, so wäre sie auch für Leser der gedruckten Tageszeitungen und sonstiger Blätter durchaus hilfreich gewesen. Internet oder ein anderes Medium verschiebt es nur quantitativ, qualitativ ändert es aber nichts daran.
Schaut euch mal das Cover an: “FRANK SCHIRRMACHER”. Ist wohl inzwischen eine Marke bei der die Leute blind zugreifen. Fehlt nur noch: “JETZT MIT 20% MEHR SINNLOSEM INHALT”. Genausogut hätte der Inhalt aus Kochrezepten, Kreuzworträtsellösungen oder Sudokus bestehen können, der Name löst den Kaufreflex aus. Was bietet denn das Buch? Erst mal nichts neues, verquirrlt mit persönlichen Ansichten eines offensichtlich überforderten älteren Mannes.
Ich frage mich wer sowas kauft? “Internetausdrucker”, Überholer auf der dreispurigen Datenautobahn? Definitiv was für die Generation, die seit kurzem ihre grauen Schläfen färbt.
Wir sollten uns gar nichts vormachen, der Untergang der Kultur, speziell der Wissens- und Denkkultur, war abgeschlossen, als irgendein Depp Papyrus und Tinte erfand. Zurück zu Tontafeln, besser noch Runensteinen!
Ein kleines aber sehr lautstarkes Häufchen alter Männer [und Frauen?] gibt sich kulturpessimistisch, was für eine Neuigkeit, das hat es ja noch nie gegeben. Schirrmacher, Broder [ließ sich wohl gestern in einem TV-Interview kurz über das entdemokratisierte Internet aus], Jauch fürchten doch einfach nur, dass ihnen jetzt jüngere, gewandtere, zeitgemäßere Konkurrenten ihre Pfründe streitig machen. Sie klammern sich an ihr – oft tatsächlich hart erarbeitetes – Meinungs- und Gewissensmonopol, haben Angst, nicht mehr Elite zu sein, weil es keine Wissenselite mehr gibt.
Anstatt sich auf neue technische Möglichkeiten einzulassen, wird, feuilletontypisch, das eine oder andere Informationsschnipsel aus den Natur- und Ingenieurswissenschaft genommen, gedreht und gewendet bis es eigentlich keine Bedeutung mehr hat und dann den Kollegen, die ohnehin gleichgeschaltet denken, zum Wiederkäuen vorgeworfen. Das ganze dann ein wenig mit umgekehrtem Selbstlob – ‘Wenn selbst ich zu blöd bin …’ – garnieren, die eine oder andere mehr oder weniger komische Anekdote dazu und fertig ist das neue Gewand für den alten Kaiser Früherwarallesbesser den Ersten.
Schade nur, dass dieser Kaiser immer schon nackt war – und keinen schönen Anblick bietet.
Machen wir uns doch nichts vor, die neuen Möglichkeiten, auf dem Laufenden zu bleiben und sich weltweit zu vernetzen, sind mehr Chance als Gefahr, haben mehr Gutes als Schlechtes. Und sei es, dass der einzig wahre Safer Sex zu einer Lösung des Überbevölkerungsproblems beiträgt.
Medienkompetenz sollte selbstverständlich an den Schulen gelehrt werden. Das Problem ist – und da nehme ich die Lehrer mal in Schutz – dass bei der Lehrerausbildung da wohl kein genereller Wert drauf gelegt wird. Zudem: Die sind alle so intensiv in ihrem eigenen Hamsterrad drin, dass die schlicht und ergreifend oft auch gar keine Zeit haben sich genauer mit dem PC zu beschäftigen. So ist das halt.
Eigentlich wäre das ja auch ein Job für die Schulbibliothekare – aber auch hier klafft mal wieder Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Erstens haben nicht alle Schulen eine Bibliothek, zweitens fehlen oft bei den Ländern die Ansprechpartner für Schulungen da drittens die Bibliotheken ja meistens halt nicht mit einer fachlichen Stelle besetzt sind. Engagierte ehrenamtliche Mitarbeiter – nun – in allen Ehren, die leisten wirklich eine Menge – aber natürlich müsste man auch die schulen. Und wer machts?
Garantiert nicht das Land oder Bund, das ist schon mal sicher – obwohl die alle ja permanent irgendwas vom IT-Standort Deutschland murmeln. (Ach ja, wie gehts eigentlich der Green Card?)
Ad Astra
@COPOKA
Ursprünglich von Weizenbaum.
Da müsste man sich erst einmal darauf einigen, was “Denken” denn ist. Natürlich kann eine Maschine nicht von sich aus problemorientiert Lösungen finden – sie kann allerdings anhand eines (von Menschenhand stammenden) Codes im Rahmen ihrer Möglichkeiten Lösungen finden. Der Suchalgorithmus von Google ist da ein Beispiel.
Hmmm, wenn der Mensch nun aber einen Hebel entwickelt, der selbstständig – aufgrund vorherbestimmter Parameter – Steine beiseite schiebt, schiebt dann der Hebel oder der Mensch?
Diese Formulierung ist entweder idealistisch oder fatalistisch – such´s Dir aus ;-)
Ein Großteil der Gesellschaft nutzt zwar die Chancen, aber auf eine Art und Weise, die nicht sehr viel mit den Möglichkeiten zu tun hat und wohl auch selten den Wünschen und Vorstellungen der Anwender entspricht.
Und was die Medienkompetenz anbetrifft, so wäre sie auch für Leser der gedruckten Tageszeitungen und sonstiger Blätter durchaus hilfreich gewesen. Internet oder ein anderes Medium verschiebt es nur quantitativ, qualitativ ändert es aber nichts daran.
@stumpfer degen
Das ist ja auch das Problem an dem Buch – Schirrmacher verpasst es, so zu formulieren, dass er von den “Digital Natives” ernst genommen wird. Dabei sind die Probleme, die Schirrmacher anspricht, eigentlich gerade für diese Gruppe von Bedeutung, da sie dringend von den “Internetausdruckern” bei der Hand genommen werden müssten.
@Dierk
Sicher, dass ist natürlich einer der Beweggründe für Schirrmacher, ein solches Buch zu schreiben. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass viele der Dinge, die er schreibt, nun einmal nicht wegzudiskutieren sind.
- die mangelnde Medienkompetenz der Bevölkerung ist Fakt!
- die ganz und gar undemokratische Struktur der Suchalgorithmen von Google und Co. sind Fakt!
- die gnadenlose Kommerzialisierung, weit über die Grenzen traditioneller Vorstellung vom Privaten hinweg, ist Fakt!
- die Ballung von immenser Macht in den Händen weniger Konzerne ist Fakt!
Wir sollte lieber Antworten auf diese Punkte finden und sie nicht als “geistige Fürze” älterer Männer abtun.
Sind sie das? Ich bin mir da nicht so sicher. Die simple Verfügbarkeit von immensen Informationen hat nur sehr wenig mit den kognitiven Prozessen zu tun, diese Informationen auch verarbeiten zu können. Ich bin da viel skeptischer.
Ich stimme Dir in fast allen Punkten zu, und sicher ist es Wichtig, sich bewusst zu werden, was passieren kann, wenn man sich in die Fänge von google begibt. Aber ich kann diese Vergleiche mit der Stasi nicht mehr hören. Das ist genau das Problem, was Du am Anfang beschrieben hast. Genauso wie man sein Emailprogramm abschalten kann, kann man auch google nicht nutzen. Auch das gehört zu deiner geforderten Medienkompetenz. Mich ärgert in der ganzen Datenschutzdiskussion in letzter Zeit immer, dass staatliche Zwangsüberwachung mit privatwirtschaftlicher freiwilliger Überwachung in einen Topf geworfen wird.
Da eh fast alle Wörter Variablen sind, bitte (*zwinker* Christian):
Wirklichkeitskompetenz sollte selbstverständlich Zuhause gelehrt werden. Das Problem ist – und da nehme ich die Eltern mal in Schutz – dass bei der Erziehung da wohl kein genereller Wert drauf gelegt wird. Zudem: Die sind alle so intensiv in ihrem eigenen Überlebenskampf drin, dass die schlicht und ergreifend oft auch gar keine Zeit haben sich genauer mit den Kindern zu beschäftigen. So ist das halt.
Eigentlich wäre das ja auch ein Job für die Lehrer – aber auch hier klafft mal wieder Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Erstens haben nicht alle Schulen Philosophie als Unterrichtsfach, zweitens fehlt oft bei den Ländern die Kompetenz für sinnvolle Umstrukturierung, da drittens die Kultusministerien ja meistens halt nicht mit einer fachlichen Stelle besetzt sind (Bsp. Hessen, Wolff, 2007). Engagierte ehrenamtliche Mitarbeiter – nun – in allen Ehren, die leisten wirklich eine Menge – aber natürlich müsste man auch die schulen. Und wer machts?
Garantiert nicht das Land oder Bund, das ist schon mal sicher – obwohl die alle ja permanent irgendwas vom IT-Standort Deutschland murmeln. (Ach ja, wie gehts eigentlich der Green Card?)
Ad Astra
= Medienkompetenz ist ein Plastikwort, das uns davon ablenkt über wichtigere Begriffe Diskurse zu führen. Über (moderne) Medien kann man nur sprechen, wenn man sie gekauft hat. *heftigzwinker*
„Gib‘ einem kleinen Jungen einen Hammer, und alles
wird ihm so vorkommen, als daß es eingeschlagen
werden müßte.“ – Abraham Kaplan
Hatte Herr Schirrmacher eine Tastatur vor sich, als er…. *abwink*
@ COPOKA
Nee, instrumentelle oder zweckrationale Vernunft ist eher eine begriffliche Kopfgeburt aus der Marxschen Tradition heraus. Die Frankfurter Schule, und zuletzt Habermas, hat die instrumentelle Vernunft eingängig besprochen.
Das ist im besten Falle polemisch, nicht empirisch belegbar. Was , bitte, soll den ‘Medienkompetenz’ sein? Bereits das Wort enthält eine Wertung, die dann durch das Adjektiv ‘mangelnde’ noch einmal bewertet wird. Klar, wir selbst, wir sind toll ausgebildet, wir sind intelligent, wir sind medienkompetent – die anderen sind faul, dumm, schlecht ausgebildet und haben keine Ahnung, wie sie mit Medien umgehen müssen.
Woher wissen wir denn, was der richtige Umgang mit alten und neuen Medien ist?
Wie mathematische Arbeitsanweisungen demokratisch oder undemokratisch sein können, müsste mir mal jemand erklären. Selbst wenn das möglich wäre, bleiben die Kritiker von Google immer wieder den Beweis schuldig.
Hat Google schon mal Mist gebaut? Ich kann mich jetzt an nichts Größeres erinnern, was ich allerdings bemerke ist, dass Google [oder auch Amazon, siehe Kindle-Löschaktion] Fehler zugibt, versucht aus ihnen zu lernen und sich stetig verändert.
Nun ja, Fakt ist ein großes Wort. Aber der Reihe nach: Weder Google noch das Internet sind Schuld an der Kommerzialisierung, sie bieten bloß Plattformen bzw. nutzen aus, das Menschen gerne wirtschaftlich denken. Ob mir das gefällt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Auch hier sehe ich mehr Wertung als für eine Analyse gut ist. Kommerz ist nichts Gutes, Kommerz ist düster, Kommerz heißt Verzicht auf Empfindungen. Kommerzialisierung ist damit natürlich böser, denn hier wird Lenkung impliziert, irgendjemand, irgendetwas nimmt gute Dinge und macht Geld damit, kommerzialisiert sie eben.
Weihnachten ist doch so ein schönes Fest gewesen, früher, als ich noch klein war, als die Familie sich um den Tannenbaum fand, die echten Wachskerzen brannten, besinnliche Lieder gesungen wurden. Heute ist Weihnachten nur noch das große Geschäft, mit Plastikbäumen, LED-Kerzen, CD-Gegurgel von André Rieu. Schade nur, dass diese Analyse kompletter Unsinn ist, basierend alleine auf Nostalgie, jenem ‘Führer war alles besser’, dem komplett entgeht, dass jede Generation den gleichen Mist über das hier und heute erzählt.
Ich gehe mal davon aus, dass du hier plakativ sein wolltest. Ich stimme dir in der Grundidee zu, es darf nicht sein, dass einige wenige unheimlich viel Macht haben. Leider ist dies in einigen Bereichen der Fall – aber ausgerechnet nicht [mehr] beim Computer, und zwar eben durch das Internet. Es bietet kleinen Geschäften Chancen, die sie früher nicht gehabt hätten, z.B. weltweiten Vertrieb zu sehr geringen Kosten [siehe ThinkTank Photo oder UPstrap, beides recht kleine Manufakturen für Fotozubehör]. Das Datennetz bietet auch dem Verbraucher mehr Möglichkeiten, z.B. Produkte zu kaufen, die hier keinen teuren Vertrieb aufbauen können, oder Preise weltweit zu vergleichen.
Zuallererst bietet das Internet aber die Verknüpfung der Menschen miteinander, nicht mehr nur von Haus 13 zu Haus 15; wir leben quasi Tür an Tür mit Chang Lee in Shanghai, George Waddle in Montana, !Ngu Pha in Namibia*. Keiner von uns ist mehr darauf angewiesen Faux News anzuschalten, um zu wissen, was in der Welt vor sich geht, CNN, um zu wissen, was wir darüber denken sollen. Niemand muss sich mehr darauf verlassen, dass die Redaktion des Schwimmelheimer Tageblatts schon ordentlich arbeitet. Und keiner muss mehr unbedingt mit Bauchschmerzen in eine Partei eintreten, um politisch etwas zu erreichen, Bürgerinitiativen organisieren sich online.
Demokratie ist deswegen langfristig so stark, weil sie pluralistisch ist, weil sie verschiedenste stimmen anhört, sie abwägt, daraus Handlungsanweisungen ableitet, diese immer wieder überprüft, korrigiert, gegebenenfalls durch komplett neue ersetzt. In staatstheoretischer Parlance: Regierungen können mit friedlichen Mitteln [Wahlen] abgesetzt werden. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser. Sie müssen allerdings die Möglichkeit dazu erhalten.
Da scheint mir das Internet eine technisch gute Lösung zu sein, die Preise für das Veröffentlichen sind so niedrig, dass viele ihre Ansichten, Artikel, Kunst ohne weiteres einem breiten Kreis anbieten. So wie am Stammtisch viel Banales geredet wird, so wie in Mittagspausen viel Unsinn verzapft wird, so gibt’s das auch im Internet. Klar, da muss sich der Rezipient mehr bemühen, was auch bedeutet, dass mehr Menschen ausgebildet werden [am besten alle].
Wirklich schlimm ist doch, dass wir inzwischen in einer völlig übersättigten Angstgesellschaft leben. Wir haben Angst vor Terroristen, wir haben Angst vor dem Islam, wir haben Angst vor der Jugend [die bekanntlich nichts Besseres zu tun hat, als Menschen auf Bahnsteigen tot zu treten], wir haben sogar Angst vor unserer Nahrung. Herr Schirrmacher und andere alte Leute – ich bin übrigens laut Ausweis nur wenige Jahre jünger – haben halt Angst vor Dampflokomotiven und Autos. ‘tschuldigung, das waren ja deren Ur- und Urururgroßväter, die Angsthaber von heute fürchten die vereinten Massen im Internet.
Angst ist allerdings ein sehr schlechter Ratgeber und ein hundsmiserabler Erzieher. Wenn wir jene ominöse Medienkompetenz für alle erreichen wollen, dann sollten wir uns, verdammt nochmal, unseren Arsch hochkriegen und die Menschen mitnehmen. Erinnern wir uns wieder an die humanistischen Ideale hinter unserem Bildungssystem, versuchen wir, in Schulen und Universitäten und TUs den Lernenden wieder das Denken und die nötigen Voraussetzungen beizubringen. Bleiben wir aber bräsig sitzen, definieren uns selbst zur geistigen Elite, die den Pöbel und seinen Schmutz naserümpfend als minderwertige Medienkonsumenten wahrnimmt, haben wir zumindest kurzzeitig wirklich verloren.
*Alle Namen ausgedacht, möglicherweise komplett an den jeweiligen Landessprachen und Kulturen vorbei. Sorry.
@tman
Wieso nimmst Du die Eltern dafür in Schutz, dass sie darauf keinen Wert legen?
Blödsinn, das Land besteht doch nicht aus 80 Millionen Leiharbeitern und Überstündlern. Ich muss mich da nur im Bekanntenkreis umschauen. Wer Zeit hat, die Kleinen zum Fußball, zum Judo und zum Klavierunterricht zu fahren, muss auch die Zeit aufbringen können, die Kinder in Medienkompetenz zu schulen. Das Problem ist vielmehr, dass die Eltern eher kleine Schirrmachers sind und selbst keine Ahnung von der Materie haben.
… und mit Philosophie hat das auch nicht viel zu tun. Ich würde das eher in das Spektrum Gesellschaftskunde/Sozialkunde/Politik (je nach Bundesland und Schulstufe) einordnen.
@20 stumpfer Degen
… also, jetzt reicht’s aber! Frechheit (das sagt einer, der sich seine Schläfen schon seit Jahren färbt :-).
Zu Schirrmacher: Er schreibt Zeilen über Dinge, die diejenigen, die etwas davon verstehen, bestenfalls als trivial ansehen und die bei denen, die nichts davon verstehen, ein falsches Bild erzeugen, was dafür spricht, dass er nichts davon versteht.
@Dierk
Darum geht es nicht. Selbst diese Seite wird zu rund 20% von Nutzern besucht, die “Spiegelfechter” bei Google eingeben. Und wenn ich teilweise sehe, was hier so verlinkt wird, kann ich mir nur die Haare raufen.
Eine gute Frage – zu einem gehört sicherlich eine angemessene Skepsis dazu. Und zwar nicht nur bei den alten Medien! Zum anderen gehört die Fähigkeit dazu, Informationen auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das kann man natürlich nur – egal ob “alte” oder neue Medien -, wenn man sich mit dem Thema zumindest ein wenig auskennt. Leider erweckt das Netz den Eindruck, ein jeder könne sich hier “schlau” machen. Das ist nun einmal falsch – die Schlauen werden schlauer, dem Rest nutzt das Netz wenig.
Mach beispielsweise mal eine Bildersuche nach dem Begriff “Tomate” bei Google und erkläre mir, warum ein Bild von Marions Kochbuch dort an Nummer 1 steht. Natürlich wird hier manipuliert, bis die Schwarte kracht.
Außerdem gibt es eine hierachische Abstufung der Relevanzkriterien bei Links. Wenn der SPIEGEL etwas verlinkt, so ist dies relevanter als wenn ich etwas verlinke. Man mag dies so sehen, aber mit Demokratie hat dies nichts zu tun, da hat jeder die gleiche Stimme und jede Stimme hat die gleiche Bedeutung.
Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht. Punkt ist vielmehr, dass die Maschine Google gar nicht nach “objektiven” Relevanzkriterien filtern kann. Wie sollte sie auch? Das muss man aber als Nutzer wissen!
Oh nein! Das Internet bietet hier nun einmal Möglichkeiten, von denen jeder Marktforscher vor Jahren noch geträumt hätte. Es ist vielmehr so, als würde uns ein “Privatdetektiv” 24h verfolgen, der alles, was wir schreiben, was wir suchen und was wir uns anschauen, auf kommerzielle Verwertbarkeit untersucht und in einem Bericht zusammenfasst, den er an Interessenten weiterverkauft.
Blödsinn – weder gegen Kommerz noch gegen Werbung ist etwas einzuwenden. Es geht um die Auswertung von personenbezogenen Daten und das Erstellen von Profilen. Deshalb wirst Du auch auf dieser Seite nie ein Werbescript sehen, das von einem fremden Server gesteuert wird und Nutzerdaten erhebt.
Bitte? Nenn mir einen Konzern, der die Macht hat, zu entscheiden, was im Netz relevant ist und was nicht? Nenn mir einen Konzern, der den Schriftwechsel von Millionen Menschen durchsuchen kann. Das ist Macht.
Natürlich – ich verteufele ja auch nicht das Netz.
Tun wir das? Wir haben die Illusion, das dem so sei. Chang Lee, George Waddle und !Ngu Pha könnten aber auch Horst Müller oder Fritz Meier sein und in Bottrop leben. Sie können auch Chatbots oder “Sockenpuppen” sein. Wer weiß das? Das wahre Leben findet vor der Haustür statt und nicht im Netz.
Ja ja “Demokratiesimulation” online. Gibt es eine einzige Bürgerinitiative, die online je etwas substantielles erreicht hätte?
Darum geht trotz steigender Vernutzung ja auch die Wahlbeteiligung zurück. Wenn die Demokratie auf verschiedene Stimmen hören würde und daraus auch Handlungsanweisungen ableiten würde, wäre dem wohl nicht so. Aber so ist es doch nicht. Wir diskutieren hier in einer virtuellen Käseglocke. Wir werden “da draussen” nicht gehört, schon gar nicht von denen, die Handlungsanweisungen umsetzen könnten.
Natürlich – dem würde ich nie widersprechen.
Schirrmacher hat zumindest Angst vor Nano-Robotern, wie er unlängst schrieb ;-)
Klar – so tickt der Herr nun einmal.
Wer das Thema “Schirrmacher gegen das Internet” mal satirisch aufbereitet haben will, dem kann ich diesen echt lustigen Text empfehlen:
http://www.ichwerdeeinberliner.com/25-the-internet
(Vorsicht, ist in Englisch geschrieben)
@SF, #23
Da müsste man sich erst einmal fragen, was Weizenbaum darunter genauer gemeint hat ;)
Ich habe mich früher – so etwa vor 20 Jahren – intensiv mit AI-Literatur befasst, und da fällt einem schon auf, wie stark sich der Begriff des Denkens seit 60-rn bis Anfang 90-rn gewandelt hat. Das ging auch weiter so, auch wenn ich es nicht mehr so genau verfolgt hatte. Später rutschte die AI-Forschung in Bereich adaptives Verhaltens und des Lernens hinein, was m.E. “dem Denken” doch etwas näher kommt. Aber adaptives Verhalten setzt immer ein übergeordnetes Ziel voraus, einen existentiellen Sinn so zu sagen.
Vor allem können die Maschinen nichts problematisieren, weil sie eben keine Probleme haben. Und bei der Arbeit, die sie erledigen, treffen sie von sich gar keine Entscheidungen, das taten bereits für sie die Menschen, die diese Maschinen Programmierten. Maschinen führten diese vorgetroffenen Entscheidungen nur maschinell aus. Das können auch Menschen tun – maschinelles Denken oder Verhalten, aber Menschen sind auch zu wesentlich mehr fähig – sie können ihr Denken verändern und neue Lösungen oder Vergehensweisen erfinden, wenn sie dazu durch Realität veranlasst werden.
Also noch ein Mal: das Radio “spricht” zwar, aber in Wirklichkeit spricht oder sprach doch ein Mensch dahinter. Von sich aus kann das Radio nicht sprechen. Die Computer “treffen” zwar eine oder andere Entscheidung, in Wirklichkeit wurde diese aber von einem (oder mehreren) Menschen bereits (vor)getroffen, die Maschine führt sie bloß exakt aus.
Der Haken steckt eben in diesen vorherbestimmten Parametern. Der autonome Hebel entscheidet sich nicht selbstständig, welche Steine und wie er beiseite schiebt, er führt nur die menschlichen (Vor)Entscheidungen aus. Also auch dann, wenn ein Hebel vollkommen autonom agiert, bleibt er nur ein Hebel, d.h. ein Werkzeug. Zu entscheiden, also darüber nachzudenken, welche Steine, wozu und wie beiseite zu räumen sind, ist und bleibt auf absehbare Zeit eine menschliche Domäne, weil Menschen noch mehrere semantischen Metaebenen der Realität kennen, wo derart Problematisierungen erst überhaupt entstehen können. Der Hebel kann höchstens über das Wie “entscheiden”, wenn seine Programmierer sich entsprechende Mühe machen.
Grundsätzlich. Das Denken schließt m.E. vor allem eine Abbildung, Modellierung oder Ergründung der Realität mit ein. Nicht jedoch als Selbstzweck. Das brauchen alle Lebenwesen um sich mit der Realität zu arrangieren – sich daran anzupassen oder darauf so einzuwirken, dass es dem Lebewesen oder der Art gegenüber etwas “freundlicher” wird. Das Denken ist also ein Prozess der Adaption zu Realität. Damit meine ich nicht nur individuelles Denken zu einem gegebenen Anlass, sondern auch kollektives Denken als historischer Prozess. Menschliche Gesellschaft ist auch ein Organismus.
————————–
Medienkompetenz.
Die Chancen existieren doch nicht außerhalb eines Wertesystems oder einer Interessenlage.
Schöner Artikel. Ich habe nur den Ausschnitt im Focus(?) gelesen. Das hat mir schon gereicht. Keine wirkliche Stringenz erkennbar.
Nun ja, 1. War mein Beitrag eine Eulenspiegelei. Ich hab den Kommentar von Christian Spließ kopiert und mit neuen Subjekten gefüllt, um aufzuzeigen wie beliebig oft argumentiert wird, was in gewisser Hinsicht auch in Ordnung ist. 2. Problematisch an der ganzen Geschichte ist, und das ist auch mein Hauptkritikpunkt, dass das Wort Medienkompetenz in Weizenbaumscher Auslegung folgendes bedarf: “Es reicht, kritisch denken zu können.”.
Wie wärs mit Moser?
Nach Moser (2000) gibt es vier Ebenen, die in toto den Medienkompetenzbegriff bilden:
* Technische Ebene von Medienkompetenz
* Kulturelle Ebene von Medienkompetenz
* Soziale Ebene von Medienkompetenz
* Reflexive Ebene von Medienkompetenz
Wie man es auch dreht oder wendet, das begriffliche Denken und Handeln ist abhängig von philosophischen Reflexionen. Wenn kritisches Denken angesprochen wird und man nicht bis Kant zurückgehen möchte, muss man zumindest den Weg von Marx über die Frankfurter Schule gemacht haben, um zu wissen, dass “maschinelles Denken” in diesem Kontext, aus den Diskursen um die “zweckrationale Vernunft” aufgetaucht ist, also in erster Linie ein Zweitgeborenes ist. Vielleicht wird nun verständlich, warum ich in meinen vorangegangenen Posts von einem Plastikwort geredet habe. Es geht mir in erster Linie darum, dass auf welchen Ebenen auch immer, den Kids eine Wirklichkeitserfahrung zuteil wird, die sie überhaupt erst in die Lage versetzt kritisches Denken zu erlernen (Ja, dass muss erlernt werden – Selbstbewusstsein/Identitätsfrage). Da ich selbst nicht in die Lage versetzt wurde in der Schule das Fach Philosophie zu belegen und erst jetzt einen Eindruck davon erhalten habe was überhaupt kritisches Denken ist und was es erfordert, kann ich logischerweise nur darauf hinweisen, dass es eines Faches wie der Philosophie an jeder Schule bedarf, um Kindern ein kritisches Bewusstsein überhaupt erst zu ermöglichen!
Dein Einwand,
hängt natürlich mit dem Problem zusammen, dass ich gerade versucht habe skizzenartig in ein Schema zu bringen. Wenn Eltern “unkritisch Denken”, dann haben Kinder per se keine Chance diese kulturelle Technik zu erlernen. Ich möchte nicht die bereits abgewetzte Neo-Liberale-Keule schwingen, allerdings sitzen seit geraumer Zeit Kapitalisten, Ökonomen, Naturwissenschaftler und Techniker (aller Arten) am Nervenbündel unseres Denkens. Es darf angesichts der Leuchtreklamen, Werbetrailer, Schokoriegel, Plasmafernseher, Info- und Edutainmentangebote, Reiseträume und Selbstverwirklichungstrips in Fitness-Body-Culture-Hütten keinen mehr wundern, dass niemand mehr ein Buch liest, dass ausnahmsweise nicht mit Harry Potter oder Herta Müller deklariert wird. Denken wird den Subjekten abgenommen (Tut ja eh nur weh, nicht?). Es ist bereits alles gedacht und für jedes Problem gibt es eine technische Lösung und zwar in allen Lebensbereichen.
Zitat von COPOKA:
Katastrophal ist, dass sich diese Erkenntnis aus unserer eigenen Erfahrung ablesen lässt und man vor ihr einknicken könnte (es aber nicht muss). Wir können verzichten LERNEN!
Ich hoffe, ich habe diesen Einwand etwas entkräften können.
Zitat von COPOKA:
Das Denken ist nicht allein ein Prozess, um die Realität zu adaptieren. Reflexives Denken kann die Realität ändern. Ich meine hier gezielt Realität und nicht Wirklichkeit! Wenn wir uns darüber im klaren sind, dass Technik als Medium (meint eben die Möglichkeit zwischen verschiedenen technischen Mitteln zu wählen) die menschliche Fähigkeit sich GEGEN eine Technik zu entscheiden von vorne herein ausschließt, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass:
„Gib‘ einem kleinen Jungen einen Hammer, und alles
wird ihm so vorkommen, als daß es eingeschlagen
werden müßte.“ – Abraham Kaplan
Weil es mit dem Trackback nicht geklappt hat, hier händisch mein Beitrag dazu:
* Wir tun es, weil wir es wollen: warum Schirrmacher irrt
Bedauerlich, dass vor allem die “Hirnzermanschungstheorien” debattiert werden, kaum aber die abgefahrenen (bzw. eher: nie angekommenen) Gedanken bezüglich der verrückten selbstausbeuterischen Menschen in SocialMedia/Communities: Leute, die die Mauern ihrer Intimspähre einreißen und da tatsächlich aus ihrem Leben erzählen, Fotos zeigen, Texte schreiben – und alles ganz “umsonst”. Er sieht sie als OPFER, wogegen Google nur als “Machtmaschine” gesehen wird, nicht etwa die den Massen DIENENDE Leistung, die Google groß gemacht hat und “oben” hält.
Ich glaube, der verschiedene Blickwinkel rührt daher, inwiefern jemand Worte (Content) vordringlich als Ware oder als Wahrheit versteht – je nachdem, was man gewohnt ist, sieht die Welt und alle Akteure in ihr ganz anders aus.
Guter Artikel! Schade, wenn Schirrmachers Denkanstösse im Kulturpessimismus versinken würden. Zumindest hier hat er aber ja bereits eine lebendige Diskussion ausgelöst.
Auch ich glaube, dass das Internet ein zweischneidiges Schwert ist – wie übrigens alle Werkzeuge der Menschheitsgeschichte – und durch seine massive Durchdringung der Gesellschaft in der Tat die Unterschiede (was Bildung und geistige Beweglichkeit betrifft, aber mittelfristig auch sozial) zwischen den Menschen gravierend verschärfen wird, wenn es der Politik nicht gelingt, gegenzusteuern. Weiss aber nicht, ob meine Intuition und Beobachtung im Kleinen schon durch irgendwelche Studien gestützt oder in Frage gestellt werden.
Hatte mir übrigens selbst vor ein paar Wochen Gedanken zum Thema gemacht, wem das Internet eigentlich nützt: http://fragerei.wordpress.com/2009/10/01/internetus-cui-bono/
@Tman
Ok, das klingt für mich schon plausibler. Es ist wohl auch das, was Schirrmacher mit linearem Denken gemeint hat – eine Reihe simpler Sylogismen in einer monokausaler Vorstellung von der Realität. Ich hab auch geschrieben, dass unter “maschinellem Denken” nur eine Art menschliches Denkens zu verstehen ist.
Und was das kritische Denken oder Medienkompetenz i.a. anbetrifft, so ist es doch etwas realitätsfern zu erwarten, dass es die Eltern ihren Kleinen beibringen würden oder beibringen sollten. Das ist genau so albern oder zumindest naiv, wie zu erwarten oder zu fordern, dass die in D. lebenden Migranten ihren Kindern bitteschön deutsche Sprache und abendländische Kultur beibringen sollten ;)
Ähmmm, wie meinst du es!?
Ich wollte gar nicht darauf hinaus, was Denken an sich ist und wie sich Realität und Wirklichkeit unterscheiden – ein großes Thema.
Wohin ich lediglich hinaus wollte – es ist reichlich verfrüht über Denken der Maschinen zu sprechen. Ich halte es sogar für albern und kindisch.
Ich schließe zwar nicht aus, dass irgendwann unsere technologische Entwicklung auch AI hervorbringen wird oder zumindest dazu fähig sein wird, im Moment sind wir jedoch noch meilenweit davon entfernt.
Eigentlich ist mir auch die Sinnhaftigkeit einer AI, außer erkenntnistheoretischem Wert, reichlich schleierhaft. Das aber nur nebenbei angemerkt.
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Wer einen Hammer in der Hand hat, für den ist die Welt voller Nägel.
Klingt prägnanter ;)
Zu Dierk: ” – die mangelnde Medienkompetenz der Bevölkerung ist Fakt!
Das ist im besten Falle polemisch, nicht empirisch belegbar. Was , bitte, soll den ‘Medienkompetenz’ sein? Bereits das Wort enthält eine Wertung, die dann durch das Adjektiv ‘mangelnde’ noch einmal bewertet wird. Klar, wir selbst, wir sind toll ausgebildet, wir sind intelligent, wir sind medienkompetent – die anderen sind faul, dumm, schlecht ausgebildet und haben keine Ahnung, wie sie mit Medien umgehen müssen.
Woher wissen wir denn, was der richtige Umgang mit alten und neuen Medien ist?”
Zum Beispiel gehört für mich zur Medienkompetenz das man einen Link in einer e-mail erst einmal ansieht bevor ich auf die Phishingseite gehe (oder eben besser nicht). Das ich überprüfe ob ich auf der Seite bin zu der ich wollte. Solange es andauernd Phishingopfer gibt
“Ein Großteil der Anwender sind sich noch nicht klar darüber welchen Gefahren sie ihrem Mailpostfach ausgesetzt sind.”
http://www.virenschutz.info/beitrag-Cloudmark-untersucht-Phishing-Angriffe-in-Deutschland-2215.html
P.S.:Angeblich gibt es das Wort “öfters” im österreichischen tatsächlich. Aber kann man das nicht vermeiden? Im deutschen gibt es das nämlich nicht.
@tman
Gute Ausführung, der ich eigentlich nicht widersprechen will. Nur vergisst Du bei der Argumentation …
…. die technische Ebene, die ich in diesem Fall für besonders relevant halte. Viele Eltern mögen zwar “Schriftgelehrte” sein und sehr wohl auch kritisch denken können, nur fehlt ihnen der technische Hintergrund, diese Ebene auf das Internet zu übertragen. Die reine Kritikfähigkeit nutzt da relativ wenig. Ohne das Werkzeug zu beherrschen, ja ohne es zu verstehen, kann man seine Kindern auch nicht auf ihm schulen.
Jens, ob BI klassischer deutscher Prägung bisher im Netz was erreicht haben, spielt bei der grundsätzlichen Bewertung deiner und auch Schirrmachers Thesen keine Rolle – schon weil die Möglichkeiten noch gar nicht so lange genutzt werden [Vernetzung per sozialer Medien ist überhaupt erst dieses Jahr ein großes Thema geworden]. Allerdings sehe ich eine ganze Reihe sehr wirkungsvoller Aktionen, angefangen von twitternden Dissidenten in China über die Nutzung verschiedener Social Media Seiten durch die demonstrierenden in Teheran, den erfolgreichen Kampf gegen sinnlose Abmahnungen in Deutschland oder auch die sehr schnelle Vernetzung diverser sehr kleiner BIs in Hamburg unter dem Motto ‘Recht auf Stadt’.
Mein Eindruck ist auch, dass die vorhandenen demokratischen Mittel viel besser angenommen werden, Petitionen sind einfacher einzugeben und zu zeichnen als früher, und zwar weil sie jetzt elektronisch per Internet erreichbar sind.
Niemand bestreitet, dass im Internet Egoismen und Kriminalität sowie Kollateralgefahren auftauchen, wie auf der Straße auch. Darüber muss aufgeklärt werden, darüber muss geredet werden, vielleicht müssen darüber auch internationale Abkommen/Gesetze geschaffen werden. Das hat aber nichts mit Schirrmachers Thesen zu tun. Seine biologistische Grundlage ist bestenfalls wackelig, seine anekdotischen Beweise albern. Wenn er mit seinen 50 Jahren bis heute nicht gelernt hat, Prioritäten zu setzen, hat das nichts mit den Diensten des Internet zu tun.
Selbstverständlich wäre es schön, alle Menschen, die in irgendeiner Form das Internet nutzen, wären hochaufgeklärte Menschen [immerhin meine These: alle müssen ausgebildet werden], das sind sie nicht. Das sind sie aber auch nicht an der Haustür. Offenbar fallen Deppen nicht nur auf nigerianische Prinzen in E-Mails rein, sondern auch auf Abodrücker an der Haustür. Es soll sogar teuer bezahlte Manager und Politiker geben, die auf Spökenkieker und Kristallkugelvorhersager [unter dem Namen 'Wirtschaftsexperte'] rein fallen. Das hat aber nichts mit dem Internet zu tun.
Übrigens, soweit ich das aus meinen diversen Umkreisen sehe, sind es vorwiegend Journalisten, Werber und Menschen der Computerbranche, die überhaupt Internetdienste soviel nutzen. Andere Menschen arbeiten.
PS: Im Falle Google [oder Amazon oder Microsoft ...] haben wir unterschiedliche Einschätzungen. Darüber ließe sich diskutieren, das führt allerdings zu weit vom Thema, nicht zuletzt weil es auch eine philosophische Debatte wäre.
@Dierk
Auch das meine ich mit “Demokratiesimulation”. Die Petitionen sind ja nett, haben aber nicht die geringste Auswirkung auf die real existierende Politik.
Das geht natürlich nicht, da fast alle Menschen das Netz nutzen und es natürlich nicht sein kann, dass alle Menschen “hochaufgeklärt” sind – daran haben sich schon ganz Andere versucht ;-)
Nein, weil dies auch in unserem Wirtschaftssystem (und nicht nur in unserem) kontraproduktiv wäre.
Ganz Deine Meinung – aber ich würde das Problem des gläsernen Users nicht unbedingt mit nigerianischen Spammern in Verbindung bringen. Wie kommst Du darauf?
… und viele davon am Computer ;-)
@Claudia
Widerspruch! Es mag natürlich Leute geben, die gerne etwas von sich im Netz preisgeben, aber auch hier muss die Frage gestattet sein, ob sich viele Nutzer überhaupt über die Folgen im Klaren sind. Oder um es mit Albert Einstein zu sagen – man kann zwar tun was man will, aber nicht wollen was man will.
Ein ähnliches Phänomen gibt es auch bei den Trash-Talkshows im Nachmittagsprogramm. Sicher wollen die Leute sich öffentlich zum Affen machen, aber man muss die Menschen auch vor den Folgen ihres Willens schützen.
@Spiegelfechter
Sicher? Und wer ist berechtigt dazu, wer ist berechtigt, über andere zu bestimmen? In einem Rechtsstaat sind die Grenzen dafür aus gutem Grund eng gezogen, dazu bedarf es eines formellen Antrags bei Gericht und dem Urteil eines Richters. Ansonsten sind die Bürger frei, eben auch Blödsinniges zu tun.
Schlimmer sind doch die Erscheinungen, wo jemand ohne eigenes Zutun Opfer einer Kampagne wird. Wenn Unternehmen von enttäuschten Kunden, Mitarbeitern oder einfach Bloggern an den Pranger gestellt werden, nur noch eine Macht zählt: die des Netzes. Die eifersüchtigen und rachsüchtigen Ex-Geliebten, die andere ins Netz und in die Öffentlichkeit zerren. Kritische Öffentlichkeit nennt man das verniedlichend und gleichzeitig idealisierend im ersten Fall, was nur die Regeln von Offenheit, Transparenz und Fairness mit Füßen tritt.
@StefanP
Natürlich – und deshalb gibt es solche “Freakshows” ja auch noch. Es ist natürlich nicht einfach, hier Regularien aufzustellen, letztendlich werden solch ethische Fragen am ehesten über eine freiwillige Selbstkontrolle der Veranstalter umgesetzt werden können. Im Bereich “klassische Medien” ist dies zumindest möglich, wenn auch nicht eben einfach, da der Kommerz natürlich lockt.
Die Gesellschaft ist zumindest schon so weit, dass keine geistig- und körperlich Behinderte mehr auf Jahrmärkten dem Pöbel vorgeführt werden. Auch das war früher einmal ganz selbstverständlich. Heute hat diese Rolle das Fernsehen übernommen.
Sehr richtig, aber das ist nicht nur ein Netzphänomen, so etwas gibt es in den klassischen Medien ebenfalls. Nur dass dort nicht jeder eine solche Kampagne starten kann, sondern nur die Verantwortlichen der betreffenden Medien.
Bezog sich auf Jo, der Phishing ins Spiel brachte.
Nein, die meisten Menschen in D arbeiten immer noch richtig, so mit Hand und Werkzeug, das nicht elektronisch ist.
Vielleicht sollte man Herrn Schirrmacher einmal “Grown Up Digital: How the Net Generation is Changing Your World” von Don Tapscott zu lesen geben…
Oder “Future Shock” von Alvin Toffler. Ein Buch, das jetzt bald 40 Jahre alt ist und dessen Autor die gleichen Probleme mit seiner Gegenwart beschreibt, die Schirrmacher hat. Alles geht immer schneller, Fakten ändern sich, das Hirn kommt nicht mehr mit. Toffler’s shortest definition of future shock is a personal perception of “too much change in too short a period of time”. (en.wiki)
Da steht auch geschrieben:
“Die Bewohner des Planeten Erde werden nicht [nur] durch Rasse, Nation, Religion oder Ideologie geteilt, sondern auch durch ihre Stellung in der Zeit.
Es gibt heute noch eine kleine Gruppe von Menschen, die als Jäger und Sammler genauso leben wie unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Andere, bei weitem die Mehrheit, ernähren sich [...] durch Ackerbau und Viehzucht. [Diese etwa 70 Prozent der Menschheit] sind die Menschen der Vergangenheit.
Etwas mehr als 25 Prozent der Erdbevölkerung leben in industrialisierten Gesellschaften und führen ein modernes Leben. [...] Sie sind die Menschen der Gegenwart.
Die übrigen 2 oder 3 Prozent der Weltbevölkerung dagegen sind weder Menschen der Vergangenheit noch der Gegenwart. [Von den BewohnerInnen der Brennpunkte des technischen und kulturellen Wandels kann man behaupten, ]dass sie bereits das Leben der Zukunft führen.
Obgleich sie es oft selbst nicht wissen, sind sie richtungsweisend und leben so, wie viele Millionen morgen leben werden. ”
— Alvin Toffler: “Der Zukunfts-Schock” (Scherz-Verlag, 1970, S. 37 f.)
Ich weiß nicht, ob Schirrmacher sich auf Toffler bezieht, aber nach allem, was ich bisher las, könnte sein “Payback” ein Remake sein.
Sowieso finde ich witzig, dass Schirrmacher seine kostbare Lebenszeit dazu nutzt, ein Sach(?)buch darüber zu schreiben, wieviel Zeit und Aufmerksamkeit dieses Internet in Anspruch nimmt. Das ist besonders albern, weil er – scheint’s – keine Lösung für, sondern nur den ‘Fakt’ der Hirnerweichung an sich anbietet. Welchen er auch hätte twittern können und danach spazieren gehen. Nun muss er eine Lesereise und Talkrunden bestreiten und sich und dem Publikum noch mehr Zeit stehlen.
(Kl)eine Ergänzung zu meinem #38, weil es so wunderbar dazu passt:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31566/1.html
@ Dierk
Ich setze das Unvermögen Phishing zu erkennen mit geringer Medienkompetenz gleich, weil im Gegensatz zum Haustürgeschäft dort nicht hinweggetäuscht wird. Jeder der weiß wie eine Domain und E-mail aufgebaut ist kann relativ einfach aufgrund der technischen Merkmale eine Fälschung erkennen. Das schöne am Internet ist ja das man Zeit hat, und damit eine andere Situation herrscht als bei anderen Rechtsgeschäften. Es ist eben erheblich schwerer den Hintergrund einer Person an der Haustür zu überprüfen (Polizeimarke im Moment der Überraschung, vorspiegeln eines Verwandtschaftsverhältnisses, ect.) da einem entweder der Vergleich fehlt oder doch zumindest eine Stelle an der man die Geschichte überprüfen kann.
Während man dies im Internet eben leicht tun kann. Dazu kommen dann noch Sachen wie Firewall und Virenscanner die Angeblich auch nicht jeder hat.
Das alles zähle ich eben zu geringer Medienkompetenz.
Also mit Herrn Schirrmacher stehe ich ja schon geraume Zeit auf geistigem Kriegsfuß – Aber das ist ein anderes Thema. Wir solltem Ihm in diesem Falle überaus dankbar sein, denn er offenbart und bestätigt uns hier ganz ungeniert ein (pseudo-)elitäres Weltbild, welches symptomatisch für die selbsterkorende “meinungsbildende Intellektuellen-Kaste” ist.
“Für die ewig einprasselnden Informationshäppchen, den Zwang, permanent zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheiden zu müssen und die dauernde Angst, die eine entscheidende Neuigkeit zu verpassen, sei das menschliche Gehirn schlichtweg nicht geeignet, es sei nicht multitaskingfähig, so Schirrmacher.”
Sehr wichtiger Punkt! Laut S. und seinen Geistesbrüdern kann es nicht angehen dass Menschen selbst darüber entscheiden, was wichtige und was nicht wichtige Information ist. Wo sind nur die Zeiten geblieben in denen S. und ein kleiner Kreis von Meinungsmachern noch darüber bestimmt haben was Otto-Normalo an Informationen verkraften kann und soll…Schließlich sind “Ihre” Gehirne ja garnicht dazu in der Lage.
“The compelling moral principle is that the mass of the public are just too stupid to be able to understand things. If they try to participate in managing their own affairs, they’re just going to cause trouble. Therefore, it would be immoral and improper to permit them to do this. We have to tame the bewildered herd, not allow the bewildered herd to rage and trample and destroy things.”
Aus Noam Chomsky : Media Control
Also, hört auf zu denken, lasst euch von Schirrmacher und seinen Freunden die Welt erklären, schließlich sind sie im ggs zu euch dazu in der Lage. ;)