BILD “entlarvt” terroristische Sprachtricks
27. April 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Der Terror der RAF ist für die BILD-Redaktion noch sehr nah. So nah, das sie sich permanent gegen eine unaufgeregte Aufarbeitung sperrt. Und da die BILD ja für ihren investigativen Journalismus allseits bekannt ist, lässt sie es heute mal so richtig krachen und “entlarvt” auch die “Sprachtricks” der Terroristen.
BILD stört sich an dem Gespräch, welches bei der ARD zwischen dem ehemaligen RAF-Terroristen Boock und Michael Buback, dem Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwaltes Sigfried Buback, geführt wurde. In diesem Gespräch versuchten beide Parteien Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Boock brach öffentlich mit der alten RAF-Doktrin, über begangene Taten zu schweigen und zeigte sich ernsthaft reumütig: “Es tut mir unendlich leid, was geschehen ist. Allein ich weiß, ich kann es nicht rückgängig machen”. Buback erklärte, ihm ginge es darum, zu erfahren, wie sein Vater gestorben ist und wer die Täter waren. Wenn er von den Ermittlungsbehörden darauf keine Antwort bekäme, „bräche für ihn eine Welt zusammen“.
Das TV-Gespräch war sicher kein Meilenstein in der Aufklärung der RAF-Geschichte, wohl aber ein emotionsgeladener Ansatz, aus der Distanz von 30 Jahren retrospektiv die Verbrechen der RAF aus Täter- und Opfersicht zu beleuchten.
In BILD kommen die “Ex-Terroristenjäger” zu Wort, die momentan unter öffentlichen Beschuss sind, da sie vielleicht Informationen über den Buback-Mord verschwiegen haben, was den Angehörigen Michael Buback in Rage versetzt hat. Aber BILD geriert sich halt nur dann als Anwalt der Opfer, wenn es um ein Auskeilen in Richtung der RAF geht. Was der Staat macht, wird schon richtig sein - es geht ja schließlich um Terroristen. Die Vorwürfe, die im aktuellen SPIEGEL erhoben werden, sind anscheinend so bedeutend, dass die Generalbundesanwaltschaft einen begründeten Anfangsverdacht sieht und das Verfahren wieder aufrollt. Dass Verantwortliche - wie Ex-BKA-Chef Zachert - dies nicht gerne sehen, fallen die Versäumnisse doch auch in ihren Aufgabenbereich, ist verständlich. Weniger verständlich ist es hingegen, dass BILD die Aussagen von Zachert komplett neutral und unkommentiert abdruckt. Zachert poltert in BILD:
„Da werden BKA und Verfassungsschutz verdächtigt, da werden völlig unbewiesene Behauptungen des notorischen Schwindlers Boock skandalisiert, da wird Zwietracht zwischen den Sicherheitsbehörden gesät. Die gleiche Strategie hat die RAF vor 30 Jahren mit großer Raffinesse über die Anwälte betrieben. Ich habe ein beklemmendes Gefühl!“
Spricht man so über Herrn Schily? BKA und Verfassungsschutz werden indes nicht nur von den Terroristen verdächtigt, sondern primär vor allem vom SPIEGEL. Und anscheinend betrifft dies nicht nur die Geheimdienste, sondern auch das Innenministerium - das weiß sogar BILD. Wenn man Zachert folgt, so hiesse dies, dem BKA und den Geheimdiensten einen Persilschein auszustellen und Verdachtsmomente gegen sie als „terroristisch motiviert“ abzutun. Dies kann nicht Sichtweise eines Rechtsstaates sein und ist ein trauriges Zeichen für das rechtsstaatliche Empfinden der BILD-Zeitung.
Richtig albern wird es, wenn die BILD Beweise erbringen will, um “die Sprachtricks der Terroristen zu entlarven”:
Aussage Boock: „Ich war auf dem Weg nach Holland. Nach meiner Ankunft habe ich erfahren, dass – bei uns hiess das eben so – ‚die Aktion‘ gelaufen ist.“
BILDs „brutale Wahrheit“(sic!): Boocks RAF-Kumpane ermordeten bei dieser „Aktion“ mit unfassbarer Brutalität Generalbundesanwalt Siegfried Buback († 57) und seine Begleiter († 30, † 33), feuerten ihnen aus nächster Nähe 15 Kugeln in Kopf und Brust.
Worin der Unterschied der beiden Aussagen ist, weiss wohl nur BILD. Wenn Boock schildert, wie solche Nachrichten in der RAF verbreitet wurden und sogar explizit auf die subjektive Schilderung („bei uns hieß das eben so“) hinweist, so ist dies natürlich kein Sprachtrick, von dem BILD uns Glauben machen will, ihn entlarvt zu haben.
Das gleiche gilt für die zweite glorreiche BILD-Entlarvung:
Aussage Boock: „Fast jede Gruppe hatte schon etwas – wie wir das in unserem Jargon nannten – „ausgecheckt“. Ich kam aus der Frankfurter Gruppe, da ging es in erster Linie um Banker, Bankiers.“
BILD: Was Boock „Gruppe“ nennt, war im Juli 1977 ein kaltblütiges RAF-Killer-Kommando, das den wehrlosen Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto in seinem Zuhause in Oberursel mit einer ganzen Salve Kugeln ermordete. Boock wartete vor der Villa im Ford-Granada-Fluchtwagen.
Inwieweit dies Boocks Aussage widersprechen soll oder inwieweit Boock mit seiner Aussage den Mord an Ponto relativiert, bleibt auch hier das Geheimnis der BILD-Redaktion. So auch im dritten und letzten „BILD-Beweis“ für die „Sprachtricks“:
Boock: „Und Schleyer haben wir als Vorschlag auch eingebracht.“
BILD: „RAF-Terroristen entführten Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer. Erschossen mit 117 Kugeln die vier Begleiter. Boock feuerte 11-mal aus seinem Schnellfeuergewehr. 44 Tage später lag Schleyers Leiche im schmutzigen Kofferraum eines Audi 100 – drei Kugeln im Kopf.“
Dafür hat Boock im Gefängnis gesessen und bereut seine Taten. Wo aber hier ein „Sprachtrick“ vorliegen soll, ist unklar.

BILDs Maschinengewehr der unredlichen Tatsachenverdehung, Franz Josef Wagner, lässt es sich natürlich nicht nehmen nachzutreten. Wagner will nämlich keine GEZ-Gebühren mehr bezahlen, da der NDR den Ex-Terroristen Boock nicht in einem Käfig vorgeführt hat:
„Was ich Ihnen, lieber NDR, übelnehme, ist die Vermorphung des Terroristen zu einem gleichwertigen Talkgast, diese Verbürgerlichung Mörder, Opfer, Chefredakteur – das ist wie Kuchen essen bei Hitler. Das ist wie Armumlegen mit seinem Mörder.“
Mit Hitler-Vergleichen ist der Herr Wagner ja immer schnell bei der Sache, aber eine “Vermorphung zu einem gleichwertigen Talkgast” ist schon starker Tobak. Wie hätte Herr Wagner eine solche Sendung denn gestaltet? Ich glaube, die Antwort auf diese Frage will ich gar nicht wissen, brächte sie die “vierte Gewalt” doch in ein BILD, das einem journalistischen Guantanamo entspräche. Dort weiß man ja auch, wer gut™ und wer böse™ ist, denn dies ist ja laut dem Simpel aus dem Springer-Hochhaus ein sinnstiftendes Merkmal des Journalismus.
Lieber NDR, Ihre Sendung Mittwochabend war so furchtbar, weil sie keinen Unterschied machte zwischen Gut und Böse.
Wagner weiss immer, wer gut™ und wer böse™ ist und er beweist auch wie einfach eine solche manichäische Weltsicht ist. Christian Klar würde er übrigens ein Glas Sekt ins Gesicht schütten, wenn er diesem in „Freiheit“ über den Weg liefe – dies ist sein gutes Recht, wenn er in seiner Kolumne nur nicht wieder so schlampen würde.
Gut, dass BILD seinen Lesern verrät, wo der vermeintliche Mörder von Sigfried Buback heute lebt und das er einen 5-jährigen Sohn hat. Vielleicht belassen es durch Wagner radikalisierte Leser ja nicht beim Sektglas…
Jens Berger
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Diese seltsam gefühlig-reisserische ARD-Sendung, die Hysterie der Bildzeitung… Das sieht alles so aus, als hätte Deutschland in Sachen RAF dringend eine Therapie nötig.
Über das TV-Ereignis “Das Opfer und der Täter” hab ich übrigens auch ein paar Zeilen gebloggt:
fredericho...
@Frederic
Das Deutschland, bzw. die deutschen Medien, mit der RAF noch lange nicht abgeschlossen haben ist in den letzten Wochen offensichtlich geworden.
Ich frage mich nur nach dem Hintergrund der aktuellen Aufgeregtheit. Kann es an der aktuellen Terror-Diskussion liegen? Ein abstrakter “Terror”, der eigentlich gar nicht vorhanden ist, gegen den man sich aber in der gleichen Manier zu wehr setzt wie gegen den vorhandenen RAF-Terror des heissen Herbstes. Jetzt christlichen Tugenden zu folgen und zu vergeben und zu vergessen hiesse mit dem Terror unaufgeregt ins Gericht zu gehen. Dabei könnte das Volk merken, daß der “Terror” 2007 es nicht wert ist, daß man dafür seine Freiheit auf dem Scheiterhaufen der Paranioa verbrennt. Das ist nur so eine Idee ;-)
Ich glaube nicht daran, dass die mit und durch BILD ideologisierten Konsumenten dieser Postille überwiegend zu so einer Transferleistung zwischen verschiedenen Spielarten des Terrors (wie “vorhanden” und “nicht vorhanden” und “vergangen” und “präsent”) fähig sind.
BILD hat viel eher einen ganz vorzüglichen Aufhänger für moralinsaure Artikel gefunden, die mit einem äußerst prominenten, aber doch recht hilflosen Stab an Opfern auskommen, die sich nicht gegen irgendwelche Angriffe wehren können.
BILD kann außerdem kritischen, intellektuellen Umgang mit diesem Thema unsensibel angreifen und sich sicher sein, es mit der historischen Keule immer noch ins Feld der guten Moral spielen zu können. Da ist man richtig bei Konsumenten, bei denen schwierige Detailfragen ohnehin auf den Geist gehen. Da hat man dann einfach nur Recht, keine Transferleistung, denn der nette Herr Wagner aus der BILD hat ja zur Abwechslung mal nicht nur wirr, sondern auch Tacheles geredet. Prost.
@ ‘CvD’ aka “Spiegelfechter:
Der Lektor ist langsam “on a rant”, - mehr beim nächsten internen ‘briefing’ :-P
Hannibal
Bravo, gut geschriebener Artikel. BILD befindet sich nach wie vor im Krieg mit der RAF. BILD hat bis heute nicht begriffen, das es diese Organisation nicht mehr gibt. BILD versucht krampfhaft mit desorientierten Meldungen über die RAF Auflage zu machen. Und es ist nichts neues das BILD polemisiert. Und Wagner? Nach meiner Meinung weis er schon länger nicht mehr wirklich welche Ergüße er da so von sich gibt. Ich denke er braucht ärztliche Hilfe, aber wer würde das schon machen? BILD ist und bleibt nunmal ein Medium welches auf der einen Seite die konservative katholische Moral herraushängen läßt und auf der anderen Seite, wie heute z.B. zum Seitensprung auffordert das das Wetter ja dementsprechend ist oder erotische Dienstleistungen anbietet. Ich persönlich freue mich das die Auflage nach wie vor am sinken ist. In meinem Umfeld ließt kaum noch einer die BILD. Man nimmt sie höchstens schmunzelnd zur Kenntnis.
In diesem Sinne…
Angesichts des täglichen Mordens und der terroristischen Anschläge im Irak ist die “Bilanz” von 34 durch die RAF ermordeten Menschen eigentlich “lächerlich”*. So etwas schafft ein einfacherSelbstmordattentäter an einem Vormittag. Doch im Grunde genommen ist die akute Gefahr, die durch religös motivierte Terroristen, wie Al Qaida und die Bush-Regierung ausgeht, für BILD kaum ein Thema, da die Handelnden nicht “greifbar” sind. Oder soll der einfach gestrickte BILD Leser etwa in den Irak fahren und irgendeinem Mullah “aufs Maul” hauen, wenn er hier seinen Deutschen Terroristen direkt vor der Nase hat. Und dank BILD kann er ja diesen ja auch leichter finden.
Gewisse Medien brauchen immer ihre Feindbilder und wenn der eine Feind gerade nicht verfügbar ist, schafft man sich “neue” Alte. Das ist erheblich einfacher, als eine objektive Berichterstattung, die eher nicht zu provozierten Kurzschlusshandlungen führen (fiktiv: Terroropfer schlug RAF Mörder die Fresse ein. Deutschland jubelt!), über die man wieder berichten kann. Das ist typisch für gewissen Gossenjournalismus, der sich, wenn vielleicht nur unterbewußt, die “Vernichtung” mancher Existenzen auf die Fahnen geschrieben zu haben scheint.
*Wobei jedes Menschenleben wertvoll ist und das Nehmen desselbigen scharf zu verurteilen ist.
“…wie sein Vater gestorben ist und wer die Täter waren. Wenn er von den Ermittlungsbehörden darauf keine Antwort bekäme, „bräche für ihn eine Welt zusammen“.”
Diese und ähnliche Aussagen les ich dieser Tage überall.
WIESO will dieser sympatische Mann sowas so genau wissen? Ist er pervers?
Er hatte ja auch bisher - jahrelang - keine Antwort … ohne “Zusammenbruch”. Also wohl doch nur ‘ne leere Worthülse? Ach, man weiß so wenig.
Mein Vater ist auch unter mir unbekannten Umständen (Selbstmord?) ums Leben gekommen, als ich noch sehr klein war - aber will ich Einzelheiten haarklein wissen? Was hülfe es?
BILD und Wagner: jedes Wort über diesen Mist ist zu schade. Resp. richtig.
@Klaus Müller:
Wenn dein Vater erschossen worden wäre, dann wärst du doch wahrscheinlich auch daran interessiert, wer ihn getötet hat, oder?
@R.Flagg
Im ersten Moment bestimmt, und auch noch eine gewisse Zeit später, aber was soll es nach diesem Zeitraum noch bringen? Abgesehen davon ist es ein gutes Recht Aufklärung zu fordern, jedoch dann bitte mit dem entsprechenden Abstand. Das für den Sohn eine Welt zusammenbricht halte ich gelinde gesagt, für eine der dümmsten Aussagen in letzter Zeit.
Wenn ich auch die ARD-Sendung für mehr als überflüssig gehalten habe, so ist es doch ein Anfang wenn Opfer und Täter sich wieder ins Gesicht sehen können. Berichterstattung aller BILD ist jedoch keines Kommentars würdig.
gruss
Christian
@Christian
Ich denke mal, es ist die persönliche Angelegenheit eines Hinterbliebenen Klarheit über die Umstände zu fordern. Wenn es ihm denn so wichtig ist, sollte man das respektieren. Warum dieser Prozess von den Medien oder gar den TV-Kameras begleitet werden muss, ist mir indes fraglich.
Zur Aussage, für ihn würde “eine Welt zusammenbrechen”. Diese Aussage war mW auf die Informationspolitik der Ermittlungsbehörden bezogen und ich kann sogar nachvollziehen, daß es ein schwerer Schlag für einen überzeugten Demokraten sein muss, wenn er merkt, daß staatliche Organe bei diesem, für ihn so emotional besetzten Thema, lügen, verschleiern und taktieren. Ein Bruch mit dem Vertauen in den Staat, den viele von “uns” in einer weniger ausgeprägten Form schon hatten.
Einbrecher wissen am Besten was vor Einbruch schützt!
Profilügner wissen am Besten wie man Lügen enttarnt!
Pyromanen wissen am besten was ein Feuer hemmt!
Hacker schützen am besten ein Netzwerk!
Warum wird dieses abgelegte Thema - völlig Künstlich nach oben gehievt? RAF - alter Hut - oder Hauptsache über Terror reden - herbeireden?
Das man Opfer dazu verwendet um an neue Informationen zu kommen , halte ich für bedenklich! Der Sohn ist auch ein Opfer aber der Vater in seiner Funktion ein Täter?
Ein Ausgleich oder ein Abschluss ist aber immer Gut.
Das Problem indes ist nicht Vorbei und heißt Geldlismus!
Wer die aktuellen Zahlen kennt weis das unser Monitäres also unser Gesellschaftsmodell implodieren wird!
Medien-Wahrheiten
Einige Links zum Thema „Verarschung des Souveräns“ durch die ‘Machthaber’.
rhetorik.c...
Medienmacht
science-at...
Fernsehen
web.dpunkt...
Kriegerisches digital
zeit-frage...
Irak-Politik
zmag.de/au...
Noam Chomsky
dort:
Die Manipulation der Angst, von Noam Chomsky
und, ganz wichtig,
Warum die Mainstreammedien “Mainstream” sind, von Noam Chomsky
Von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Godwin’s Law, you lost
So sehr ich auch die BILD-Zeitung nicht mag, so sehr finde ich es im konkreten Fall gut, dass sie mehrfache Mörder als das betitelt, was sie sind: schäbige Mörder! Manchen geht ja bei all der “politischen Korrektheit” offenbar wirklich das nötige Feingefühl für Opfer und Hinterbliebene verloren…
Hat schon mal jemand daran gedacht, daß Bild vielleicht deshalb so aufgeregt ist, weil jemand sich daran erinnern könnte, daß damals im Gespräch war “das Springer-Hochaus in die Luft zu sprengen”? Und wer könnte sagen, ob eine solche Idee nicht auch heute noch Anklang fände? Und wer kann schon sagen, ob die Menschen, die heute eine solche Überlegung haben, an journalistischen Sprengstoff a la Walraff denken?
Die Berichterstattung ist Teil des bekannten Zahn-um-Zahn-Spiels der BILD. Ich habe das Gefühl, dass jede bekannte Person in der Redaktion in eine Gut/Böse-Tabelle eingeteilt wird, und die RAF ist eben super-böse, was ja an sich auch richtig ist. Wer ein Feind der BILD ist wird mit allen(!) zur Verfügung stehenden Mitteln angegriffen, so auch in diesem Fall. Wer dagegen ein Freund des Hauses ist kann sich auch die Unterstützung der BILD verlassen. Mann muss allerdings anerkennen, dass die (meiner Meinung nach zutiefst unmoralische) Methode (noch) eine sehr große Wirkung entfaltet, wenn man betrachtet, wie sehr dieses Einschüchterungsgehabe wirkt. Ich glaube so einfach ist das ganze tatsächlich. Schließlich entspringt es ja auch der BILD.
Einer der wichtigsten Kommentare zu diesem ganzen Gerede zur Zeit kam vom SPIEGEL: In Deutschland werden Terroristen immer noch als Straftäter bestraft, nicht als Staatsfeinde. Genau das tut aber BILD und widerspricht damit gegen eine der Grundfesten unseres demokratischen Rechtsstaates. Sollen sie meinetwegen, aber dann sollen sie aufhören, sich als dessen größte Verfechter aufzuspielen!
Stellte man sich in die Fußgängerzonen unserer Republik und befragte die Menschen gezielt nach der RAF, würden wohl nur wenige eine befriedigende Antwort geben können. Ein Zeichen dafür, dass die RAF auf ganzer Linie gescheitert ist.
Würden den noch inhaftierten ehemaligen Mitgliedern dieser Terrororganisation nicht die gleichen Rechte zugestanden werden, wie jedem inhaftierten Straftäter, wären sie politisch Gefangene. Dies wiederum wäre ein später Sieg der RAF.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kai Diekmann und seinem Gefolge dies nicht bewusst ist. Das sie dennoch solch eine Hetzkampange, anders kann ich diese “Berichterstattung” nicht beschreiben, fahren, entlarvt ihre waren Motive. Auflage! Darauf fällt heute kein halbwegs aufgeklärter Mensch mehr rein. Höchstens meine Oma, die ist 78 und glaubt auch dass die Fälle die in Gerichtsshows verhandelt werden, sich wirklich so zugetragen haben.
Bedenklicher ist da schon die versuchte Einflussnahme einiger bekannter Reflexpolitiker auf die Entscheidung des Bundespräsidenten in Bezug auf Christian Klars und Birgit Hogefelds Begnadigung. Es ist beschämend wie sich diese Herren mal wieder ins vermeintlich populistische Licht zu rücken versuchen.
Mir ist es egal, warum jemand einen anderne Menschen getötet hat. Mörder sollten grundsätzlich im Knast bleiben und gut. Die deutsche “Rechtssprechung” in solchen Fällen ist oft eine Beleidigung aller Opfer und Hinterbliebenen. Sollen Klar & Co. doch im Knast verrotten.
Erstens: strafrechtlich ist es ganz und gar nicht egal, warum jemand einen anderen Menschen getötet hat.
Zweitens: Strafe hat in unserem Rechtssystem zwar auch, aber weiß Gott nicht ausschließlich eine Sühnefunktion. YaPhricks alttestamentarische Forderungen sind eigentlich schon länger nicht mehr angesagt. Das darf ihm natürlich mißfallen, ändert aber nichts daran, dass wir nun mal in einem Rechtsstaat leben. Mit Rechten, die man nicht verwirken kann, so stehts in der Verfassung.
Drittens: Christian Klar ist möglicherweise kein Mörder. Jedenfalls lautet das Vergehen, für das er verurteilt wurde, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
Solche Weichspüler wie Hans-Werner tragen dazu bei, dass sich der Abschaum dieser Welt in Deutschland pudelwohl fühlen kann - was hat er schon zu befürchten? Ein “paar Jahre” JVA, womöglich noch mit Swimmingpool und anderen Annehmlichkeiten. Später folgt Hafterleichterung, irgendwann die vorzeitige Entlassung. Ganz toll. Die getöteten Menschen liegen trotzdem weiter unter der Erde! Mit Recht im Sinne von Gerechtigkeit hat dieser Staat doch schon lange nichts mehr gemein.
@YaPhrick
Gut gebrüllt Löwe! Was ist denn für Dich “Gerechtigkeit”?
Hältst Du es da mit dem AT und sagst Auge um Auge? Bist Du nicht der Ansicht, daß ein Mensch für einen Fehler, den er begangen hat, irgendwann einmal gebüßt hat und eine zweite Chance verdient hat?
Eine Aufgabe des Strafsystems ist natürlich die Rache der Gesellschaft - aber ist die Gesellschaft wirklich so rachsüchtig, daß sie sich auf eine Stufe mit Individuen stellt, die Menschen- und Bürgerrechte ablehnen?
Ich bin nicht religiös, insofern kann ich mit Ihrem AT-Vergleich nichts anfangen. Tatsache für mich ist jedoch, dass ein Schwerverbrechen wie vorsätzlicher Mord nicht “wiedergutzumachen” ist. Logisch, denn wenn jemand tot ist, ist er tot, oder? Daher sollte es hier auch die berühmte “zweite Chance” nicht geben.
Um aber Deine Frage zu beantworten, Herr Spiegelflechter: Gerechtigkeit ist für mich, einen Täter gemäß seinen Taten angemessen zu verurteilen. Und angemessen bedeutet für mich bei Mord nunmal ein lebenslänglich, was auch lebenslänglich bedeutet. Ich finde es erschreckend, wie sehr in Deutschland ein Täter- statt Opferdenken vorherscht. Vermutlich spielen hier auch ökonomische Aspekte (überfüllte Gefängnisse) eine heimliche Rolle.
@YaPhrick
Nun ja, da unterscheiden wir uns idT. Ich halte es eher für eine Frage der Reife, wie eine Gesellschaft mit ihren schwarzen Schafen umgeht. Und zu einer reifen Gesellschaft gehört für mich auch das Vergeben können - natürlich erst nach verbüßter Strafe.
Mich würde interessieren, ob sie dem Mörder eines geliebten Familienangehörigen auch bereit wären, zu vergeben. Solange man nicht selbst betroffen ist, kann man da natürlich sehr großzügig sein. Ich hoffe natürlich, dass Sie oder ich niemals in diese Lage kommen werden.
@YaPhrick: Ihren Weichspüler dürfen Sie gern behalten, danke. Ich fände es aber nett, wenn Sie mir erklären würden, warum es Ihrer Meinung nach so sehr auf die Gefühle von (in Ihrem Beispiel mittelbaren) Opfern ankommt, wie (lange) ein Täter zu bestrafen ist, gleichzeitig aber die Todesstrafe aber nicht infrage kommt, sondern stattdessen die lebenslange Isolation? Sind das Reste von Nächstenliebe und Moral, trotz eventuell entgegenstehender Rachegelüste oder -sympathien? Dann stellen Sie sich doch einfach vor, dass die Schaffer unserer Verfassung davon einfach noch ein bißchen mehr hatten. Und von Swimmingpools als Elementen einer menschenwürdigen Behandlung war bisher meines Wissens übrigens noch nicht die Rede.
Gegenfrage: Worauf sollte es denn ankommen, wenn nicht auf den Schaden des Opfers? Das ist es, was ich anprangere: Es wird sich mehr um die Situation des Täters gesorgt, als um das Leiden der Opfer und ihrer Angehörigen. Das hat in der Tat dann nichts mehr mit Moral zu tun, höchstens mit *falsch* verstandener Nächstenliebe. Jemand, der einem anderen Menschen vorsätzlich (Unfälle, Notwehr o.ä. also mal ausgeklammert) das Leben genommen hat, sollte Ächtung, aber sicher keine Nächstenliebe erfahren. Also bitte, wo sind wir denn?
Wenn also ein Mörder - was ja skandalöserweise auch nicht immer passiert - eine lebenslängliche Haftstrafe aufgebrummt bekommt, sollte er/sie diese auch absitzen müssen. Kleinere “Hafterleichterungen” wie mal hin und wieder ein Tag bewachter Freigang o.ä. würde ich aus humanitären Gründen durchaus zugestehen. Eine vorzeitige Entlassung oder gar Begnadigung empfände ich jedoch als Schlag ins Gesicht eines jeden Opfers und Hinterbliebenen.
Nachtrag: Den “Weichspüler” bitte nicht persönlich nehmen! Ich bin nur immer wieder entsetzt, wie gering ein Menschenleben hier gewertet wird. Im Fall des C. Klar umso unverständlicher, da dieser meines Wissens sogar 8 Menschen auf dem Gewissen haben soll. Hier sollte es doch allein der Anstand verbieten, über eine Begnadigung oder vorzeitige Entlassung nur nachzudenken.
Nein, keine Bange, ein wenig verbal vorpreschen — das passiert mir auch gern. Meine eigene Meinung zu dem Thema ist nicht so ausgeprägt. Ich bin aber strikter Anhänger unverwirkbarer Rechte und insofern ein echter Fan unserer Verfassung. Ich wollte etwas herausschälen, was so die großen Motive dahinter sind.
Eben das als gering Werten eines anderen Menschen ist es ja, was vermieden werden soll und weshalb es diese vorgebliche Opferfeindlichkeit gibt. Opferfeindlichkeit und Täterfreundlichkeit sind aber nur für den dasselbe, der strikt dem Mem “Auge um Auge, Zahn um Zahn” anhängt (das alttestamentarische eben). Juristisch ist das ohnehin vielschichtig. Es kann Opfer geben, ohne dass der Täter gegen Recht verstoßen hätte (wozu dann womöglich fast das Abschießen von Flugzeugen voller Passagiere — und eventuell einem Terroristen — gehört hätte). Und es kann Opfer und Täter geben, der Täter aber unschuldig sein, weil er nicht anders konnte. Ganz einfach ist das nicht immer, schon gar nicht für vom bestraften Verhalten Betroffene. Und ja: Nachdenken gehört sich wohl, wenn man durch die Verfassung eine so hohe Aufgabe wie das Begnadigungsrecht verliehen bekommen hat und es nur in einer handvoll Fälle überhaupt wahrnehmen kann. Aus Sicht so moralischer Kritiker kann doch unter diesen Umständen schon gar kein Einverständnis mit der Praxis auf Landesebene herrschen (wo die Begnadigungen — delegiert — durch Ämter erfolgen)?
Mir ist bewusst, dass juristisch gesehen alles sehr vielschichtig ist und es unterschiedliche Täter-Opfer-Konstellationen gibt. Wie ich schon schrieb, bin ich auch nicht religiös, daher sage ich zum AT mal besser nichts. Ich denke, unser Gerechtigkeitsempfinden geht trotzdem sehr auseinander. Nun ja, belassen wir’s einfach dabei. In diesem Sinne noch ein schönes, friedliches Wochenende :-)