Schöne, dünne Welt
geschrieben am 06. Mai 2007 von Achel
Horst Seehofer, seines Zeichens Verbraucherschutzminister dieses unseres Landes, hat es recht schwer. Nicht nur, dass seine Ambitionen, König von Bayern zu werden, durch seine außereheliche Affäre stark gelitten haben. Es ist ja auch ärgerlich, dass dieser, nun ja, Skandal, in eben diesem Moment ans Licht kam, als er seine Ambitionen sowohl in der CSU als auch vor dem Volke kundtun wollte. Doch das war bestimmt reiner Zufall und nicht von irgendwelchen Becksteins oder Hubers gesteuert.
Aber auch ansonsten hat es der Seehofer nicht leicht, sich zu profilieren. Nirgendwo lauert eine fiese Vogelgrippe, kein Gammelfleisch wurde in letzter Zeit entdeckt, sogar die Gurken bei Aldi sehen nicht schlecht aus. Es gibt also derzeit keine Möglichkeit für den Seehofer, durch sinnlos-hysterischen Aktionismus zu glänzen.
Also schickte er seine chronisch unterbezahlten Handlanger in die Welt hinaus, um ein Thema zu finden, das seiner würdig ist. Der aktuelle Handlanger des Monats traf dann in einer schummrigen Bar die Studie der International Association for the Study of Obesity, die ihm erzählte, dass der Deutsche an sich zu dick sei.
Dagegen muss etwas unternommen werden, teilte kurz darauf der Seehofer der Presse mit und kündigte für den 10. Mai einen ?nationalen Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung und Bewegungsmangel? (Reuters) an. So hat der, nun ja, Verbraucherminister noch etwas Zeit, sich zu überlegen, wie denn dieser nationale Aktionsplan überhaupt aussehen soll. Aber ankündigen ist ja schon mal eine gute Sache, nicht, dass irgendeine Pfeife aus einer anderen Partei ihm die Idee wegschnappt.
Renate Künast etwa lauert ebenfalls seit geraumer Zeit darauf, mal wieder in den Medien zu erscheinen. Und damals, als sie noch denselben Posten innehatte, war sie ja auch von der Idee besessen, einen Kampf gegen Karies und Übergewicht zu führen.
Was ja eigentlich nur bedeutet, dass Renate Künast des Anblicks dicker Menschen mit schlechten Zähnen überdrüssig war und ist, und dass sie ein Volk aus gestählten Model-Typen will, die in ihrer ästhetischen Erhabenheit über die Unzulänglichkeiten der Politik hinwegstrahlen können. Ihr damaliger Plan war, dass der uneinsichtige Konsument für seine ungesunden Lebensmittel teuer bezahlen sollte. Und das nicht nur bildlich, sondern im tatsächlichen monetären Sinne. Ja, mit Geld. Die Mehrwertsteuer sollte speziell für staatlich geprüftes und für ungesund erklärtes Essen drastisch erhöht werden. Gesetzt den Fall, Pommes und ähnliches wären unermesslich teuer. Dann könnten sich nämlich nur noch die Besserverdiener den Wanst mit Fettigkeiten vollschlagen. Gut, sie würden über kurz oder lang fiese Krankheiten wie etwa Übergewicht erleiden, aber sie hätten auch das Geld, diese behandeln zu lassen.
Der nicht so gut Verdienende macht dagegen einen weiten Bogen um das dekadente ungesunde Essen. Damit bleibt er gesund, was ein Riesenvorteil ist, da er sich eventuell anfallende Arztkosten eh nicht leisten könnte. Gesundheit als finanzieller Selbsterhaltungstrieb.
Der Plan wurde aber ähnlich wie das 1000-jährige Reich nicht bis zu Ende gedacht und daher auch nicht umgesetzt. Bis auf die Mehrwertsteuer, aber da kann die Künast wohl nichts dafür.
Doch wie mag der nationale Aktionsplan des Seehofer wohl aussehen?
Werfen wir doch einen Blick in die Zukunft. Es werden Lager eingerichtet, sogenannte Abnehm-Camps unter dem Motto ?Sport macht glücklich?. Sadistische Fitnesstrainer trietzen fettleibige Deutsche mit seelisch aufbauenden Schrei-Attacken wie ?Du fette Sau schaffst keine Klimmzüge?? Dabei werden die der Dickheit schuldigen Insassen, äh, Teilnehmer des Camps durch eine Folterkammer der Fitnessgeräte gejagt. Am Nachmittag steht Aerobic oder Power-Stepp auf dem Programm. Eigens für diesen Zweck ausgebildete Trainer protzen dabei mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit und betonen fortwährend die Wichtigkeit des Konzeptes, das diesem, nun ja, Sport zugrunde liegt.
Wenn die Delinquenten körperlich völlig am Ende sind, gilt es, ihren Geist zu brechen. Ähnlich wie in dem Film ?Clockwork Orange? müssen sie endlose Aneinanderreihungen von Bildern kalorienreicher Süßspeisen anstarren, bis ihr Gehirn soweit gewaschen ist, dass der pure Anblick einer Torte sie schlicht zusammenbrechen lässt, und sie nur noch ein sich auf dem Boden windendes, sabberndes Etwas darstellen.
Doch damit nicht genug, schließlich enthält der nationale Aktionsplan auch das wundervolle Wort ?Prävention?. Und darunter muss die Industrie leiden. Produzenten kalorienreicher und fetthaltiger Lebensmittel ereilt ein absolutes Werbeverbot, klappt ja auch bei Zigaretten. Und ebenso wie bei Zigaretten werden die Leckereien mit Todesdrohungen der Marke ?Wer dieses Snickers isst wird fett und impotent, kriegt keine Frau ab und wird außerdem einen einsamen, qualvollen Tod sterben? versehen. Das Wort ?Leckereien wird aus dem Duden gestrichen und darf nie wieder gesagt werden.
Zucker hat fortan denselben Status wie Kokain und ist nur auf dem illegalen Weg zu bekommen. Eisdielen fristen ihr Dasein in dunklen Gassen neben Pornokinos und Sado-Maso-Studios. In jeder Küche der Republik sitzt ein Ernährungskontrolleur. Dieser sieht zwar wohlwollend auf das Tomaten-Mozzarella-Brötchen, schreibt aber bei Überwürzung mit Salz und Pfeffer Strafpunkte auf, die die Krankenkassenbeiträge in die Höhe schnellen lassen.
Ernährungsberater, die nachweislich schlechtesten Menschen der Welt, besuchen Schulen und behaupten dreist, ihre berüchtigten Ernährungspyramiden sprechen die Wahrheit. Das leicht zu beeinflussende Jungvolk beginnt dann auch die Eltern zu denunzieren, wenn diese trotz der ganzen Prävention ein paar Kilo zugenommen haben.
Eigentlich soll auch das Bier gänzlich verboten werden. Da aber Seehofer den Plan, zum König von Bayern gewählt zu werden noch nicht völlig aufgegeben hat, hat er sich in letzter Minute umentschieden. Bier gibt es auch weiterhin, allerdings nur an Menschen, die nachweislich zehn Kilo Untergewicht haben. Das ist für die Schankwirte leicht festzustellen, denn im Personalausweis ist neben Pupillen-Scan, Stimmprobe, Fingerabdruck, DNA-Probe und Kaufgewohnheiten auch der Body-Mass-Index enthalten.
Und der Deutsche wird fortan schlank, gesund, irgendwie verhärmt und diffus glücklich, lebt er doch endlich in der schönen, dünnen Welt.
Achel
Bildnachweis(von oben nach unten):www.antje.de, Bildblog.de, ZDF, .S´ auf Flickr (CC), Mayr auf Flickr (CC).

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Tja, nachdem es mit dem schlanken Staat ja irgendwie nix werden will, sucht sich die Politik jetzt realistischere Ziele: Den schlanken Bürger. Klingt zusammen mit der Idee vom gläsernen Bürger ziemlich zerbrechlich… aber konsequent.
Ich empfehle zur Einordnung der Seehofer’schen Bulimie-Appelle diese schöne Kommentarleiste bei strappato.
Richtig! Der Deutsche muss wieder schlank und rank werden, zäh wie Krupp-Sta – hoppla – , das war in einem anderen Film.
Jedenfalls müssen wir unsere Freiheit im Kampf gegen den Terror in der gesamten Welt verteidigen, das ist sonnenklar.
Das ist nichts für Weicheier und Feuilletonisten.
Dazu braucht’s Kampfmaschinen ohne Verstand.
Zu diesem Thema ein wunderschönes Zitat von Udo Pollmer:
“In der Schweiz sah ich ein Plakat mit der Zeile: “Früher war ich eßgestört, heute bin ich Ernährungsberaterin.” Das war gemeint als Beispiel für positiven Lebenswandel, ist aber typisch für den Berufsstand. Eßgestörte haben einen starken Drang zur Ernährungsberatung. Das ist das Berufsziel, es ist Bestandteil der Sucht. Das Problem: Eßgestörte beraten nicht nach Sachwissen sondern nach Krankheit. So erzeugen sie neue Abhängige. Seit der Klinik haben sie nur den Wunsch: einmal Ernährungsberatung zu machen.”
aus dem äußerst lesenswerten Artikel Der Körper holt es sich.
Weiter Artikel von oder über Udo Pollmer, die perfekt zu diesem Thema passen sind:
Diäten machen dick. Und krank
Offener Brief an die Ernährungswirtschaft
Auch “schön” – ein Kommentar zu einem Gerichtsentscheid, der einer Kommune recht gab, die einen Angestellten auf probe entliess, da dieser zu dick sei.
Wenn sich in die Hysterie um Schlankheit und Schönheitswahn die Diskriminierung von Menschen mischt, die nicht dem medialen und gesellschaftlichen Ideal entsprechen wollen, ist eindeutig eine Grenze überschritten.
Ach ja, lieber Spiegelfechter, ein wirklich unerschöpfliches Thema. Ich muß Dir allerdings in einem widersprechen: leider ist es in unserer Gesellschaft ein Zeichen von Armut, dick zu sein, denn gesunde Nahrungsmittel sind teuer. Ich denke schon, dass es zu einer Zeit, in der Diabetes genau wie Übergewicht zu einer Epidemie wird, schon an der Zeit ist, etwas dagegegen zu unternehmen, und, wenn möglich auch bei sich selber anzufangen (auf meinem blog siehst Du, daß ich weiss, wovon ich rede ;) ). Das, was diese Herr- und Damenschaften so nervig macht, ist, dass sie die Verantwortung wieder mal komplett an den Einzelnen weiterreichen wollen, und die, die das mit zu verantworten haben, weitestgehend schonen. Da macht auch Frau Künast nicht wirklich eine Ausnahme – leider…
Mir gehts’ mit solchen Satiren immer etwas komisch – selbst wenn ich sie Selbst schreibe – das Gefühl was sich danach einstellt – irgend ein Hirnkopf macht es einfach wahr – so wie der Große Bruder von 1984 – wahr geworden ist – in der Fernsehgewöhnungsversion und in der schnöden Realität.
http://tinyurl.com/2jjznb
@bigberta
Ich glaube, da muss ich Dir doch an einigen stellen widersprechen.
Es ist natürlich prinzipiell richtig, daß natürliche Lebensmittel tendenziell teurer sind als künstliche. Mit der Einordnung “gesund”/”ungesund” wäre ich indes äußerst vorsichtig – auch hier gibt es viele Mißverständnisse, die durch gezieltes Marketing gestreut wurden. Für meine Person würde ich z.B. all die teuren Markenartikel, in denen es vor Zusatz-, Aroma- und Ergänzungsstoffen nur so wimmelt, keinesfalls als gesund bezeichnen, obgleich die Werbung dies suggeriert. Auch halte ich einen Burger von McD oder eine Portion Pommes keinesfalls für ungesünder als eine Butterstulle mit Schinken.
Wenn Du sagst, Diabetes sei eine “Epidemie”, so ist die unsauber formuliert.
Wenn man die Daten sauber bearbeitet, nimmt die Diabetesrate sogar ab, dies ist natürlich ein Problem für diejenigen, die sich damit ihr Geld verdienen und Diabetes (und deren Folgeerkrankungen) macht 20% der Ausgaben der GKV aus, es ist also ein Riesenmarkt. Wir haben heute zwar mehr Diabetiker als früher, dies hat aber wenig mit Ernährung sondern viel mit der Fokussierung von Medizin und Pharmazeutik zu tun. Früher wurde jemand meist erst als Diabetiker erkannt, wenn er Probleme hatte – daher rührt auch der “alte” Begriff “Altersdiabetes” für Diabetes II. Heute wird früh und viel gescreent und so werden Diabetiker erkannt, die früher mangels Untersuchungen nicht als solche bekannt waren, was vor allem die steigende Zahl der jüngeren Diabetiker erklärt. Weiterhin hat sich natürlich die Lebenserwartung der Diabetiker durch bessere Therapien (auch für die Folgeerkrankungen) erhöht, was natürlich zu einer Vermehrung der Diabetiker geführt hat. Weiterhin hat sich die allgemeine Lebenserwartung erhöht, da Diabetes vorwiegend eine Alterserkrankung ist, nimmt logischerweise auch die Zahl der Diabetiker zu. Man muß also diese Daten altersstrukturiert nach Neuerkrankungen auswerten – und da nimmt die Zahl ab und nicht zu.
Man hat sich aber noch einen “Trick” einfallen lassen um die Zahl der “Kunden” zu erhöhen. Früher lag der Grenzwert bei 146, heute liegt er bei 110 bzw. 120. Dadurch hat man über Nacht hunderttausende Diabetiker “erschaffen”.
Das alles ist ja nichtmals fürchterlich schlimm und in vielen Fällen (Screening, Therapierung) ja auch gut für den Patienten, nur muss man ehrlich sein und sagen, wir kontrollieren heute besser und therapieren besser, so daß wir einen besseren Überblick über die Diabetiker haben, die Diabetiker haben bessere Therapiemöglichkeiten und werden glücklicherweise älter als früher und ausgewertet nach der altersbereinigten Erhebung nach Neuerkrankungen nimmt die Zahl sogar ab. Zu den Medien zu rennen und von einer Epidemie zu sprechen ist in diesem Falle grenzwertig bis unredlich.
Was die epidemische Zunahme des Übergewichtes angeht, wäre ich auch vorsichtig. Bei den Übergewichtigen nimmt zwar idT der Grad des Übergewichtes zu, die Anzahl der Übergewichtigen ist aber lt. einigen Studien konstant.
Nachtrag:
Meine Aussagen über Diabetes beziehen sich u.a. auf eine der wenigen Langzeitstudien, die für Deutschland verfügbar sind:
Type 2 diabetes mellitus in Augsburg–an epidemiological overview.
Darüber: “In den 90er Jahren scheint zumindest in Westdeutschland die altersspezifische Häufigkeit des bekannten Diabetes nicht angestiegen zu sein, vergleicht man die Ergebnisse des Bundes-Gesundheitssurveys 1998 mit dem Survey von 1990/92. Auf der Grundlage von vier bevölkerungsbezogenen KORA/MONICA Surveys seit 1984 fand sich in den letzten 15 Jahren auch in der Augsburger Allgemeinbevölkerung keine Zunahme der alters- und geschlechtsspezifischen Prävalenz des bekannten Diabetes. Die Prävalenz bei den 35-44jährigen lag kontinuierlich unter 2 % und war im höheren Lebensalter konstant hoch um die 11 %. Die Zunahme der Anzahl betroffener Personen muss somit primär auf die Alterung der Bevölkerung zurückzuführen zu sein.”
Auch ernährungswissenschaftliche Arbeiten sehen das:
“Für die Diabetesinzidenz liegen in Deutschland für die letzten Jahre keine populationsbasierten Daten vor. Die Ergebnisse bevölkerungsbezogener Surveys lassen jedoch zumindest nicht auf eine Zunahme der altersspezifischen Häufigkeit des bekannten Diabetes während der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland schließen”
Hallo, Spiegelfechter, ich denke, an einigen Punkten liegen wir garnicht so weit auseinander, worauf ich in einem eigenen Antworteintrag zu Deinem noch ausführlich eingehen werde. Mit “gesunden” Lebensmitteln meinte ich eben nicht Lebensmittel mit Zusatzstoffen und auch nicht den ganzen Convenience-Scheiß, so Motto: mit unserer Limo läuft man schneller und was gegen Schweissfüsse ist auch drin, sondern natürliche/naturbelassene Lebensmittel – und die sind nun mal teuer und für manchen unerschwinglich (wobei ich selber keine Öko-Tante bin, die sich nur von Müsli und Karotten aus dem Bio-Laden ernährt).
Ich darf Dich auch in Deiner Erklärung des Altersdiabetes etwas korrigieren: in dem, was Du über die Blutzuckerwerte schreibst (soll das der Nüchtern-Wert sein?) kann ich Dir auch nicht so ohne weiteres folgen: wenngleich ich Dir recht gebe, dass man mit dem Verschieben von Laborwerten Kranke “erschafft” (was den Laborwert für Cholesterin betrifft, stimmt Dein Beispiel), gibt es bei der Diagnose des “Altersdiabetes” noch andere diagnostische Zeichen und er ist eben auch nicht nur durch das Alter definiert, sondern durch die Erschöpfung der insulinsezernierenden Zellen und die Erhöhung der Resistenz der Körperzellen dafür.
Wenn ich Dir sage, dass mich eine Studie schon lange nicht mehr überzeugt, so bitte ich Dich jetzt, das nicht als beckmesserisches Angezicke zu verstehen. Ich werde mir die Studienlage, soweit sie mir zugänglich ist, noch einmal anschauen. Ich gebe Dir aber in einem recht: das Dicken-Bashing ist momentan als gewaltige Spindoktorei unterwegs und den meisten Leuten, die sich hier breit machen – Deiner Interpretation der Motivlage von Seehofer und Künast stimme ich uneingeschränkt zu – geht es um alles mögliche, aber nicht um ‘”Dicke”. Und ich gebe Dir auch in einem zweiten recht: Das wichtigste ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung, so wenig wie möglich industriell “verabeitet”. Und weisst Du was? Davon nimmt man ab und hält seinen Zucker im Zaum. ;-)
Herzlichst
bigberta
PS: mein Eintrag kommt, bloß heute nicht mehr.
Hallo Bigberta!
Ich schätze bei den Fragen der Ernährung sind wir idT weitesgehend d´accord – die Natur hat uns mit so etwas wunderbaren, wie den Appetit ausgestattet. Wenn keine organischen oder psychischen Mängel vorherrschen, kann und sollte man sich darauf verlassen – unser Körper weiß am besten, was er benötigt und wenn er mir signalisiert, er hätte gerne etwas süßes, dann sollte er auch etwas süßes bekommen. Aber bitte keine Süßstoffe, die dem Körper etwas vorgaukeln sondern natürliche Süße. Ich trinke z.B. meinen Kaffee gut durchzuckert und habe daher auch nie Heißhunger oder ähnliches auf Süßigkeiten.
Die Leute machen sich auch viel zu viele Gedanken über den Zusammenhang von Ernährung und (Über)gewicht. Dinge, wie das Stresshormon Cortisol haben einen wesentlich größeren Einfluss auf das Gewicht als die Ernährung. Aber erzähle Du mal jemanden, er solle anstatt seine Ernährung zu ändern, einmal Yoga machen, lange schlafen und Stress vermeiden um abzunehmen – das glaubt einem keiner.
Auch gibt es, was “Fettsucht” angeht, noch viele Dinge, die wissenschaftlich gar nicht erklärbar sind – die Forschungen von Nikhil Dhurandhar über Adenoviren sind mE ein sehr interessanter Ansatz.
Was die Grenzwerte angeht, so muss ich die Quelle noch einmal suchen – es geht um Blutzucker in mg/dl (nüchtern). Ich habe im Hinterkopf, das die Definition von Diabetes früher von einem Wert von über 146 ausging, während heute 110 (Prädiabetes) bzw. 120 angesetzt werden.
Hallo, Spiegelfechter, ich denke auch, an diesem einzelnen Wert werden wir uns wohl kaum entzweien, weil die Tendenz, die Du damit illustrieren willst, ja stimmt. Ich weiss, dass während meines Studiums der Grenzwert von Cholesterin bei 260 lag – heute, wo es Medikamente dagegen gibt, liegt er bei 200. Und auch die “kritische Grenze” für den Blutdruck sinkt langsam nach unten. Ich würde nicht sagen, “anstatt” seine Ernährung zu ändern, sondern sowohl als auch… Leider geht das bei der heutigen Arbeitshetze und dem Binnenklima in manchen Büros nicht. Aber das wäre dann wieder ein anderes Thema. Mir ging es einfach darum, zu betonen, dass eine wesentliche Möglichkeit, der Spindoktorei von Pappnasen à la Seehofer und Co. zu entgehen, das autonome Individuum ist (huch, wie ich mich um den Spin “mündiger Patient” rumgemogelt habe, *ggg*). Ein Teil der Verantwortung bleibt bei jedem selber. Ein Teil…
Eigentlich ist es lobenswert, wenn der Staat sich um die Gesundheit seiner Bürger kümmert. Bevor er jedoch Ernährungstips gibt, sollte er erstmal für die Basics sorgen. Fangen wir einmal bei dem Sportunterricht in den Schulen an und hören bei der Schließung so mancher Badeanstallt auf. Der Grund für Übergewicht ist nicht die Qualität unserer Lebensmittel sondern eher die Quantität in der die Nahrung zu sich genommen wird.
@verschwender
Der Zusammenhang zwischen Lebensmitteln (Nahrungsaufnahme) und Übergewicht wird im allgemeinen maßlos überschätzt.
Siehe: Über Gewicht.
@spiegelfechter
Ich stimme mit Dir in vielen Dingen überein. Übergewicht resultiert meines Erachtens aus den Lebensumständen eines jeden einzelnen und unserer Gesellschaft im allgemeinen. Das dabei vorwiegend psychologische Aspkete im Vordergrund stehen, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Ich halte wenig von Ernährungsberatern und Diätplänen, da diese Lebensmittel letztendlich immer wieder nur in gut oder böse unterteilen, was ich für absoluten Blödsinn halte. Wenn der Mensch den ganzen Tag damit beschäftigt ist darüber nachzudenken was er jetzt essen darf und was nicht, kann dies auf Dauer nicht gesund sein. Grundvoraussetzung für einen gesunden Körper ist vor allem auch ein gesunder Geist. Es ist unbestritten, dass übermäßiges Essen eine Ersatzbefriedigung zu unerfüllten Wünschen im Alltag darstellt. Waren es nicht schon unsere Mütter und Großmütter, die uns in unserer Kindheit mit einem heißen Kakao und Pfannenkuchen den Tag retteten, wenn es mal schlecht lief. Dieses angelernte Verhalten ist meiner Erfahrung nach der Hauptgrund in vielen Fällen von Übergewicht. Möchte ich Übergewicht nachhaltig bekämpfen, gilt es auch zu lernen mit Frust anders umzugehen. Am besten er ensteht erst gar nicht, aber dies ist ein hehres Ziel.
Hier noch ein blogeintrag zum Thema:
http://emanzipationoderbarbarei.blogsport.de/2007/05/09/deutsche-dick-und-rassistisch/
ist schon mal jemandem aufgefallen, was hier die letzten jahre abgeht und immer zum nutzen der versicherungswirtschaft? erst waren’s die zähne, die zusatzversichert werden mussten, dann kam die kampagne gegen raucher, jetzt sind’s die übergewichtigen und was kommt als nächstes? alkohol? NOINNOIN! da sind die BAYERN vor!
warum man nicht gegen extremsportler mit hohem verletzungsrisiko vorgeht? ganz einfach: da kann man nicht mit zweistelligen milliardenbeträgen renommieren, die einzusparen wären.
“geh fott!” (heinz becker alias gerd dudenhöfer)
@ Jolly Rogers: alo, ich denke, es nutzt nicht nur der Versicherungswirtschaft. Was das Übergewicht betrifft – und wo ich selber schmerzhafte Erfahrungen habe – es wäre schon sehr hilfreich, wenn man da die z.B.Aktivitäten der Babyfutter-Hersteller einbremsen würde. Ich bin 1953 geboren. Meiner Mutter haben sie dann erzählt, Stillen sei doof. Die – damals rein amerikanische – Babynahrung Pelargon sei das Beste. Und da “der Westdeutsche” damals allgemein darauf gebügelt wurde, daß alles Amerikanische toll sei, hat meine Mutter ein Schweinegeld für Pelargon ausgegeben – mit der Konsequenz, daß ich schon sehr bald alle Babykleidchen gesprengt habe. Und wie ich 26 Jahre später selber als Assistenzärztin in der Gyn anfing, haben uns die Vertreter dieser Firmen die Tür eingerannt, um uns darauf einzuschwören, der Tendenz zum Stillen entgegenzutreten, d.h., es nicht zu lange zu versuchen. “Wenn’s nicht geht – sofort zufüttern…” Ein einmal zugefüttertes Baby kriegst Du nicht mehr zum Stillen. Nö. Ich finde, genauso, wie man zu krank(machend)em Verhalten motivieren kann, geht das auch anders rum. Macht aber keiner. Und das ist das Problem. So werden leider – eine geringe Tendenz meine ich auch in Deinem Beitrag zu lesen – Leute, die das machen wollen, als Apostel und Spaßbremsen belächelt, was ich persönlich schade finde.
Tomaten-Mozzarella-BRÖTCHEN!??? Nein, das würde der Ernährungsberater niemals durchgehen lassen. Omega-3-optimiertes-Roggen-Kleie-Vollkornbrot muss es schon sein. Natürlich nur ein dünnes Scheibchen.
Was das Bier angeht: Da läuft doch jüst so ein Test eines Süddeutsche-Zeitung-Redakteurs, jede Woche eine Diätmaßnahme, und mal sehen, was es bringt. Vor einer Weile war der Mönchs-Fastenplan angesagt: Starkbier aus der Klosterbrauerei und trocken Brot. Ausschließlich. Der Test wurde zwar nach einem fröhlichen Wochenende wegen akutem Nachdurst und der Notwendigkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen, wieder abgebrochen. Hat den Tester aber nach eigenen Angaben ein Kilo Speck gekostet.
Also auch wenn’s hart ist: Nicht jede Diätmaßnahme sollte man vorschnell verurteilen, wenigstens nicht vor einem ausführlichen Test. Prost!
Nachbrenner:
17.11.06
ANAD e.V. zum Tod von Ana Carolina Reston
?Wie konnte es passieren, dass sich das Top Model Ana Carolina Reston vor den Augen der Mode-Welt zu Tode hungerte??
Das Model Ana Carolina Reston ist am Mittwoch an den Folgen ihrer Magersucht gestorben. Der Therapeutische Leiter von ANAD e.V. und Vorsitzende des Bundesfachverbandes Essstörungen, Diplom Psychologe Andreas Schnebel, fragt sich: ?Wie konnte es passieren, dass sich das Top-Model Ana Carolina Reston vor den Augen der Welt zu Tode hungerte? Jeder der mit ihr lebte und arbeitete, hat gesehen, dass diese junge Frau eine massive Essstörung hatte. Aber statt ihr zu helfen, wurde sie auf den Laufstegen und vor den Kameras der Welt bewundert. Dabei gibt es nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige hervorragende Einrichtungen, bei denen sie Rat und Hilfe bekommen.?
ANAD e.V. ist der Meinung, solange sich nicht ein radikales Umdenken in der Modebranche durchsetzt und weiterhin Trends wie Kleidergröße ?zero?, ?negative zero? und ?double zero? zu uns herüberschwappen, werden wir auch in Deutschland weiterhin dagegen ankämpfen müssen, dass schätzungsweise eine halbe Millionen 14- bis 35jährige Frauen an Magersucht oder Bulimie leiden. Denn obwohl die Ursachen für Essstörungen zahlreich sind, werden sie auch von soziokulturellen Faktoren bestimmt. Denn nur ein knappes Prozent aller erwachsenen Frauen haben aufgrund ihres Körperbaus ein Normalgewicht, dass einer Kleidergröße ?zero? entspricht.
?Da muss man als Mitmensch nicht wegsehen, sondern ganz genau hinschauen und Magersucht als Krankheit erst nehmen. Letztlich kann sie, wie man an Ana Carolina Reston sehen kann, zum Tode führen?, wie Schnebel nur zu gut aus seiner über zwanzigjährigen Arbeit mit essgestörten Menschen weiß.
http://www.anad-pathways.de/de/68/news_media.html
Sooo daneben waren die Bilder mithin nicht…
Hallo,
das mit den geschätzten 500tausend Magersucht- und Bulimie-Krankne in Deutschland darf man auf 3Mio erhöhen. Es ist alarmierend. Ich gehöre selbst dazu. Es wäre schön, wenn es langsam mal wieder ein natürlicheres gesundes Schönheitsideal gäbe. Ich möchte nicht, dass meine Kinder mal mit den gleichen Problemen aufwachsen, wie wir Mädchen heute. Ich kann Zeitschriftencovers nicht mehr sehen. So eine Photoshop-Hirnwäsche. Welche Frau hat denn schon Untergewicht, aber dazu dann ein mords Dekoltee. Ja, und die Magermodels sind auch schrecklich als Vorbilder. Aber überhaupt Models, nicht nur die extrem mageren. Ich als Mädchen will überhaupt keine TopModel-Vorbilder mehr sehen. Wozu sollen die denn verdient haben, dass ich die anhimmle un dschön finde? Die sollen mal kommen und mich anhimmel und mich schön finden :)