Vom Unterschied zwischen Antisemitismus und Israel-Kritik

Geschrieben von Joerg Wellbrock (Tom W. Wolf) Am 5. August 2014 @ 11:27 in Antisemitismus,Deutschland,Israel | Kommentare sind deaktiviert

Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf [1]
640px-Synagoge-Roonstraße-Köln-Menora-seitlich-des-ToraschreinsBild: Wikipedia

Kommentar

Im Kern geht es in den letzten Wochen und Monaten in Deutschland unter anderem um die Frage, wo berechtigte Kritik an Israel aufhört und Antisemitismus beginnt. Israel-Kritiker nehmen für sich – oft zu Recht – in Anspruch, nichts gegen Juden zu haben. Das allerdings sagen viele Antisemiten auch, und sofort kommt man auf den guten alten „Ich-hab-ja-nichts-gegen-Juden-kenne-sogar-selber-welche“-Satz, der immer herhalten muss, wenn es darum geht, sich dem Antisemitismus-Vorwurf zu erwehren.
Selbst man einmal davon absieht, dass auch im Nationalsozialismus der „gute“ Jude aus der Nachbarschaft nicht vor dem Tode sicher war, nur weil es Nazis gab, die gegen ihn persönlich nichts hatten, bei seinem Abtransport aber dennoch mit verschränkten Armen untätig zusahen – selbst man also von dieser Tatsache absieht, taugt die Argumentation dennoch nichts. Weil niemand weiß, wie der oben zitierte Satz weitergeht. Es handelt sich um einen Aber-Satz, was alles mögliche bedeuten kann.

Niemand bei klarem Verstand, der Israels Politik kritisiert, will sich Antisemitismus zum Vorwurf machen lassen. Dennoch muss jedem klar sein, dass Antisemiten nicht weit sind, wenn Israel kritisiert wird. Wer „Jude, Jude, feiges Schwein“ ruft und kurzerhand Juden als „Kindermörder“ bezeichnet, ist kein kritischer Mensch, sondern ein Antisemit und menschenverachtender Volksverhetzer.
Auf Demonstrationen, aber auch in den sozialen Netzwerken werden solche Stimmen immer lauter und immer zahlreicher. Doch der Gegenwind hält sich in Grenzen. Statt sich klar gegen derlei unmenschliche Aussagen zu stellen, scheint in vielen Köpfen das Denken vorzuherrschen, dass drastische Formulierungen womöglich übertrieben sind, aber im Kern eine gemeinsame Kritik vorhanden ist, was wiederum die Toleranz gegenüber volksverhetzenden Aussagen erhöht. Noch schlimmer ist es, wenn offen antisemitische Hetze als notwendige Überspitzung wahrgenommen wird, die die Deutlichkeit der Position unterstreicht. Wer sich hier antisemitischen Haltungen gegenüber nicht klar distanziert, nähert sich ihnen.

Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin will herausgefunden [2] haben, dass Nutzer in sozialen Medien antisemitischen Äußerungen gegenüber noch vor 10 Jahren deutlich entschiedener entgegengetreten sind. Heute dagegen, so Schwarz-Friesel, können Antisemiten ihre Haltung weitgehend unwidersprochen kundtun.
Man kann darüber streiten, ob das stimmt. Auch darüber, warum es so ist. Man kann aber nicht darüber streiten, dass man eine ganze klar Grenze zwischen konkreter Israel-Kritik und allgemeinem Judenhass ziehen muss. Es scheint, als könnten Antisemiten heute im Schutz der breiten Masse, die sich nicht mit der Politik der israelischen Regierung abfinden will, ungestört ihre Parolen formulieren, ohne dabei ernsthafte Gegenwehr zu erfahren.
Wir haben also ein Problem mit Antisemitismus in Deutschland.

URLs in diesem Beitrag:

[1] Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf: http://wolfswort.wordpress.com/

[2] herausgefunden: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-08/israel-medien-kritik

[3] E-Mail: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/129797/vom-unterschied-zwischen-antisemitismus-und-israel-kritik?share=email

[4] Facebook: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/129797/vom-unterschied-zwischen-antisemitismus-und-israel-kritik?share=facebook

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