Update: Putin torpediert den EU-Energiekorridor
12. Mai 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Hintergundinformationen: Die kaspische Ellipse.
Die Errichtung eines strategischen „Energiekorridors“, der Öl und Gas aus dem kaspischen Raum unter Umgehung russischen Territoriums nach Europa befördert, steht ganz oben auf der außenpolitischen Agenda der EU. Auf dem Zentralasiengipfel am 27 und 28 März in der kasachischen Hafenstadt Astana verhandelten EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner, der deutsche Außenminister Steinmeier und der EU-Sonderbeauftragte Pierre Morel mit den anwesenden Außenministern aus Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien, Tadschikistan und Turkmenistan über diesen Punkt und warfen einen attraktiven Korb, bestehend aus wirtschaftlichen Kooperationsangeboten und Sicherheitsprogrammen, in die Waagschale. Der EU geht es um die Diversifizierung ihrer Rohstoffimporte um eine Abhängigkeit von Russland weitestgehend zu vermeiden.
Zu diesem Zwecke sind mehrere Projekte geplant. In Zukunft könnte kaspisches Gas und Öl über das ukrainische Odessa über die Odessa-Brody-Gdansk Pipeline nach Polen kommen, von wo es nach Deutschland weitertransportiert werden kann. Österreich plant mit Unterstützung der EU das gigantische Nabucco-Pipeline Projekt, das eine Erdgaspipeline von der Ostgrenze der Türkei über den Balkan bis nach Österreich und schließlich Deutschland vorsieht. Dieses Projekt steht in der massiven Kritik der USA, da die Österreicher sich explizit vorbehalten, auch iranisches Gas über diese Pipeline zu transportieren. Das werden sie wohl müssen, da Putin es anscheinend geschafft hat, den strategischen „Energiekorridor“ der EU auszutrocknen – und zwar von der Lieferantenseite aus.

Während sich heute hochrangige Vertreter aus Polen, der Ukraine, Litauen, Aserbaidschan und Georgien in Krakau treffen um die Odessa-Brody-Gdansk Pipeline zu besprechen, trifft sich der kasachische Präsident Nasarbajew, der ebenfalls in Krakau erscheinen sollte, lieber daheim mit Putin. Kasachstans und Turkmenistans Förderkapazitäten sind es indes, die sowohl das polnische Pipelineprojekt als auch die Nabucco-Pipeline erst als Diversifikationsstrategie ermöglichen würden. Aseberbaidschan würde sicher gerne seine Bodenschätze über diese Verteilwege an gut bezahlende europäische Käufer bringen, nur ist es zweifelhaft ob dort neue Föderkapazitäten in dieser Größenordnung erschlossen werden können, ist der aserische Energieexport über die bestehenden Pipelines Baku-Tblisi-Ceyhan, Nothern Early und BPK schon sehr gut ausgelastet. Die polnische Zeitung „Dziennik“ erkennt darum auch bitter an, dass Putin mit seinem Treffen mit Nasarbajew die polnischen Pläne, ein antirussisches Energiebündnis zu schaffen, durchkreuzt habe.
Putin könnte bei seinem fünftägigen Besuch in Kasachstan und Turkmenistan der EU sogar eine historische Niederlage beibringen. Kasachstan hat er in den letzten Tagen bereits ins russische Boot geholt, womit die Zentralasienstrategie er EU, ein Projekt mit oberster Priorität, bereits gescheitert ist. Das russische Angebot, bestehend aus einem Energiebündnis, wirtschaftlicher Kooperation, Kooperation auf dem Gebiet der Nukleartechnologie und Raumfahrt und sicherheitspolitischen Garantien ist für Kasachstan weitaus attraktiver als Versprechungen aus dem 6.000 Kilometer entfernten Brüssel. Gestern schlossen Russland und Kasachstan bilaterale Verträge ab, die Russland quasi ein Transportmonopol für kasachische Energielieferungen nach Europa einräumen, verbunden mit einer Steigerung der Förderquote und dem Bau neuer Pipelines, die die Ostküste des kaspischen Meeres an die russischen Verteilnetze gen Westen anschliessen, die ebenfalls erweitert werden. Wenn Putin Turkmenistan überzeugen kann, seine Energieexporte ebenfalls über die neuen Pipelines abzuwickeln, bedeutet dies de facto das Aus für die durchs kaspische Meer verlaufende transkaspische Pipeline, ein Projekt, dass bereits 1996 von den USA ersonnen wurde um Gas und Öl der Ostanrainer des kaspischen Meeres autark von Russland zu den Märkten des Westens zu befördern.
Heute weilt Putin in Turkmenistan und sollte er dort einen ähnlichen Erfolg haben, wie in Kasachstan, was sehr wahrscheinlich scheint, käme die EU an Russland mittel- und langfristig nicht als bestimmenden Energielieferanten vorbei. Eine Diversifizierung wäre dann ohne iranische Erdgasvorkommen unmöglich. Die einzige energiestrategische Alternative wäre somit eine Einbeziehung Irans in die Energiedoktrin der EU, z.B. über einen Anschluss an die Nabucco-Pipeline. Dies wäre natürlich ein Paradigmenwechsel, der den USA gar nicht gefallen wird, sind sie doch auf eine Isolation Irans aus. Die EU stünde letztendlich vor der Alternative, sich Russland bei der strategisch wichtigen Energieversorgung auszuliefern und mit Washington zusammen (militärisch) Alternativen zu suchen oder Washingtons Iranpolitik zu torpedieren und sich damit eine Alternative zu russischen Importen zu suchen, die aus europäischer Sicht viele Vorteile bietet. Der EU-Energiekorridor scheint damit fürs erste gestorben zu sein, ob die EU dieses Projekt hätte stärker politisch flankieren müssen, wie es deutsche Think-Tanks behaupten, erscheint mir fraglich, hätte die EU sich bei einer Eskalation doch ihren Energielieferanten Nummer 1 verprellt. Eine Kooperation mit Russland erscheint allemal sinnvoller als eine Konfrontation.
Update: Wie RIA Novosti heute vormittag meldet, hat Turkmenistan der gemeinsamen Pipeline mit Russland und Kasachstan zugestimmt. Am 1. September sollen die Verträge unterschrieben werden und in der zweiten Hälfte 2008 mit dem Bau begonnen werden. Damit ist die transkaspische Pipeline der USA und der EU wohl gestorben.
Jens Berger
Bildnachweis: Paulinski CC, 3 mal Kremlin.ru, Nabuco-Pipeline Project.
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Hallo,
wer oder was ist Putin?
Ein Nationalist?
Ein Oligarch?
NKWD?
Stasi?
Kommunist?
Realpolitiker?
Putin ist Real-Politiker - ohne Wenn und Aber.
Putin mag persönlich sein, was er will, denken was er will - doch er ist Russe. Und Russen wurden in den vergangenen Jahren vom Westen vera…t. Dank Jelzin.
Und heute geht es nicht um Rohstoffe oder Öl - es geht um die Neuaufteilung der Welt.
Putin ist für die Welt ein Segen.
Gott……..
Oder wollt ihr in Russland einen Bush oder einen Merkel?
Stark bleiben!
Aseberbaidschan - Kasachstan - Usbekistan, Kirgisien - Tadschikistan - Turkmenistan - sie kennen ihren Nachbarn und sie wissen was an Ihm vorbei bestimmt nicht läuft - was mit ihm zusammen aber möglich ist - Europa ist weit weg und die USA noch weiter. Der eine Weg ist der unendliche Konflikt und der andere Weg führt noch weiter ach Asien.
Abhängigkeit von Russland - welches großes Wort - wir sind auch Abhängig von Kuweit oder von Saudi Arabien - Russland hat aber in der größten vorstellbaren politischen Spannung - niemals das ÖL als Waffe eingesetzt!
Eine Garantie die der Nahe Osten nicht nach zu weisen hat!
Es geht aber um etwas Tieferes - den Petrorubel - er würde die Fakten der Politik verändern und nicht das Gerede - deshalb treibt die USA die Konfliktverschärfung voran.
@Winfried:
Die Sache mit dem Petrodollar/-rubel würde ich nicht überbewerten.
Die NZZ berichtet jetzt auch über den RU/Kasachstan/Turkmenistan-Deal:
nzz.ch/200...
Angesichts solcher Probleme erscheint mir der Atomausstieg noch unsinniger als er mir ohnehin schon vorkommt.
Die Sache mit der Öl gedeckten Währung versteht man eigentlich nur aus der Perspektive der Freiwirtschaft!
“Nur zwei Bücher” blog.freigeldpraktiker.de
Es sind natürlich sogar 3 kostenlose Bücher - beim Öldollar spielt es sich vor unseren Augen ab. Was die Saudis sind, wären dann die Russen - die Amerikaner kämpfen um die Öl Dollarbindung - mit allen Mitteln - weil der Dollar rechnerisch nur noch einen Wert von ca 25% hat - wenn die auffliegt. Die Kriege bezahlen alle Länder die ungedeckte Scheine nehmen müssen um an das Öl zu kommen.
Ich finde es schon sehr seltsam, daß diese wichtige Meldung in den deutschen Medien fast gar nicht aufgenommen wurde.
Von den großen Medien berichten bis dato nur Tagesschau.de und NZZ über den Energiedeal.
Zitat “Spiegelfechter”:
“Ich finde es schon sehr seltsam, daß diese wichtige Meldung in den deutschen Medien fast gar nicht aufgenommen wurde.”
Das fällt mir schon länger auf. Die strukturell-tiefgreifenden Veränderungen in der “geopolitischen Lage” finden in unseren Medien einfach nicht statt. Die “normalen” Nachrichtenmedien versagen hier auf ganzer Linie.
Viele Artikel hier beim Spiegelfechter zeigen, was möglich ist - mit ein bisschen Recherche. Aber genau das macht offenbar niemand mehr in den “normalen” Medien. Die könnten das genau so. Aber es ist offensichtlich nicht gewollt. Ich glaube hier nicht mehr an Zufall oder Dummheit / Faulheit. Das ist eine strategische Ausrichtung der “normalen” Nachrichtenmdien.
Als Westler bekommt man eine Ahnung, wie es sich für die DDR-Bürger angefühlt haben muss. Im ND und den gleichgeschalteten anderen Zeitungen stand natürlich über alles wirklich Wesentlich nichts - oder wenn, dann nur sehr zwischen den Zeilen und in Nebenmeldungen versteckt.
Aber es gab ja ein Kontrastprogramm: Die Westmedien speziell in Form von TV und Radio.
Für uns ist das Kontrastprogramm tatsächlich das Intenet - und Quellen wie diese hier.
Der Unterschied ist: In der DDR hat - offenbar - die große Mehrheit gewusst, dass sie vom ND, der AK und dem ganzen zimlich uniformen Rest keine wirkliche Information erwarten können.
Hierzulande ist es eine kleine Minderheit, welche die Einheitssoße aus Tagesschau, SPIEGEL/Focus und den großen Tageszeitungen hinterfragt und auch noch ein wenig im Internet recherchiert mit einer gewissen Regelmäßigkeit.
Das es ein Blog wie dieses überhaupt gibt - irgendwo muss die Motivation ja herkommen, die Zeit zu investieren, diese Artikel zu schreiben - ist ein Armutszeugnis für unsere “main stream” Nachrichtenmedien. Die sind - aus meiner Sicht - inzwischen degeneriert bis zur Nutzlosigkeit.
Deshalb an dieser Stelle meine ausdrückliche Anerkennung für dieses Blog.
Nunja, es ist doch wie im alten Rom. Das Volk unterhält man mit “involvement” erzeugendem Unfug wie Nichtrauchergesetz, Klimakatastrophen, Filbingern etc., während Nachrichten die zum Verständnis von Zusammenhängen nur im Ausland oder sehr speziellen Seiten zu finden sind. Mit Nachrichten im eigentlichen Sinne des Wortes hat das doch alles nichts zu tun.
Es ist für mich schon so da sich keine wichtigen Meldungen mehr in der Tagesschau erwarte. Wenn Russland nicht aus dem Spiel geworfen werden kann - dann gibt es auch keinen Grund - Russland von der EU ab zu spalten - heißt: es wird bald wieder Friedlicher.
@8
Guter Gedanke ein Verständnis für die DDR Bevölkerung zu wecken.
Warum so eine Diktatur sich einschleichen kann.
Übrigens findet man in der Wossi DDR viele Menschen die gute Mittelchen für die Heilung des Problems haben.
Hallo,
@leider_heiser - das in der DDR eine einseitige und unausgewogene Information stattfand (von dir als “gleichgeschaltet” benannt - ist teilweise einfach falsch.
Informations- und Medienpolitik ist Klassengebunden - und je nach dem, welche Klasse die Macht im Staate verkörpert bestimmt eben, was gesagt werden darf - und was nicht.
Das Gute an der Existenz der DDR war für die “uninformierten” Ossis, das sie Wetnachrichten sehen und hören durften.
Das wird ja heute jedem “freiheitlichen, rechtsstaatlichen, demokratischen” Bundesgoten vorenthalten - der muß dutzende “gleichgeschaltete” Medien über sich ergehen lassen - oder er flieht zum “Spiegelfechter” (dem hier nochmals für seine Arbeit gedankt wird)
Stark bleiben!
Hallo,
vielen Dank für diesen Artikel, er ist wirklich gut recherchiert. Ebenfalls kann ich diesen Artikel empfehlen, der unter anderem zeigt, warum die Transkaspische Pipeline, die von den USA und Polen forciert wird, schon aus technischen und rechtlichen Gründen sehr problematisch ist. Ich kann mich der Meinung des Autors von Kommentar Nr. 8 voll und ganz anschließen.
@12
Der verlinkte Artikel ist leider nur für Premium-Kunden zugänglich.
Vielleicht kannst Du ihn mir ja mailen?
In der Tat, der Link funktioniert nicht. Bei mir steht: “Logged in as
Google Guest”. Wahrscheinlich ist er nur aus Google zugänglich. Hier ist der Google-Link. Der Artikel ist gleich der erste.
Hallo,
heute ist in der Atimes ein Artikel erschienen, nach einem bilateralem Abkommen mit Österreich hat Putin die Nabukov-Pipeline endgültig beerdigt. Die Österreicher bauen jetzt die bisherigen Pipelines nach Rußland aus. Man scheint also auf deren Seite nicht davon auszugehen, daß in vorhersehbarer Zukunft iranisches Erdgas in entsprechenden Ausmaßen für den Export in die EU bereitsteht. Über die Hintergründe (US-Sanktionen/Druck; Unsicherheit über politische Stabilität, Stichwort Regimewechsel oder Bürgerkrieg; Kriegsgefahr) ließe sich trefflich spekulieren.
Hier der Link:
atimes.com...
Könnte also Zeit werden für ein zweites Update oder einen “Follow-up” Artikel.
@Huby
Danke für den Link!
Das werde ich mir nächste Woche intensiv zur Brust nehmen.
Eben gefunden:
Die USA lässt prüfen, die alte Pipeline von Kirkuk über Mosul nach Haifa (Israel) zu reaktivieren und auszubauen. Netter Nebeneffekt:
Das Öl landet in Haifa in der Raffinerie, die Wertschöpfung findet dort statt und der Transport der Produkte muß nicht, wie sonst üblich, durch die Straße von Hormuz (damit fällt eine Iranische Blockademöglichkeit weg). Allerdings stellt sich die Frage, wie realisitsch die Planungen sind, immerhin wurde die Pipeline ja damals während des Unabhängigkeitskrieges von irakischer Seite gesperrt, eine Reaktivierung wäre also ein ziemliches “Politikum” (durchaus auch ohne die “Geo”-Vorsilbe …).
haaretz.co...