Die Geister, die ich rief
geschrieben am 22. Mai 2007 von Spiegelfechter
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.Aus Goethes ?Zauberlehrling”
Im nordlibanesischen Palästinenserflüchtlingslager von Naher al-Bared ist es gestern zu Kämpfen zwischen libanesischen Regierungstruppen und einer sinistren Extremistengruppe namens Fatah al-Islam gekommen. Die Kämpfe gingen von der libanesischen Armee aus, die Fatah-al Islam verdächtigt, hinter einem Bankraub zu stecken, bei dem 100.000 Dollar erbeutet wurden. Hilfsgruppen befürchten ein humanitäres Desaster, da das Camp, in dem sich die Fatah-al Islam Militanzen verschanzt haben, 40.000 Flüchtlinge beherbergt, die momentan von Strom- und Wasserversprgung abgeschnitten sind. Nach Angaben von Fatah al-Islam schießen die libanesischen Regierungstruppen wahllos in das Camp ? glaubwürdige Opferzahlen sind bis dato noch nicht bekannt.
Wer ist eigentlich Fatah al-Islam, wer unterstützt sie? Einige deutsche Medien haben natürlich schnell einen Schuldigen bei der Hand:
WELT: ” Dass die Syrer ihn [Abu al-Aynayn] frei- und damit in den Libanon ließen, legt nahe, dass sie damit eine Absicht verfolgen. Etwa seit dem letzten Sommer gibt es immer wieder Berichte, dass al-Qaida versucht, sich im Libanon zu etablieren. Wenn Syrien seine Hand im Spiel haben sollte, dann vermutlich, um ein so massives Terrorpotenzial zu schaffen, dass das ganze Land dadurch in bürgerkriegsähnliche Zustände gestürzt werden könnte. Die mit Damaskus verbündete Hisbollah-Miliz könnte dann als ordnende Hand eingreifen.”
Ulrich Sahm von N-TV: ?Die Syrien und El-Kaida nahestehende islamistische Fatah-al-Islam gelangte vor Monaten dank Syriens Geheimdienst in das Flüchtlingslager. Die Gruppe soll die pro-westliche Regierung des Fouad Siniora zu schwächen, wie es vom Süden her die Hisbollah-Miliz tut.”
Dass Syrien hinter der Fatah al-Islam stecken könnte, muss jedem, der sich mit der politischen Lage in Nahost beschäftigt hat, absurd vorkommen. Schwächen radikalsunnitische Gruppierungen doch vor allem die prosyrische Hisbollah, die bei den nächsten Wahlen wahrscheinlich die – spätestens seit dem israelisch-libanesischen Krieg – unbeliebte Siniora-Regierung ablösen dürfte.
Andere deutsche Medien, wie die Tagesschau berichten hingegen wesentlich kompetenter und ausgewogener.
Interessant wird in diesem Kontext die Frage, wer eigentlich Fatah al-Islam ist und wer sie unterstützt hat, wenn man den exzellenten Artikel “Die Neuausrichtung” von Seymour Hersh gelesen hat (das englischsprachige Original erschien am 5.3.2007 im New Yorker) ? besonders der dritte Teil des Berichtes (Djihadis im Libanon) ist sehr aufschlussreich, um die aktuelle Entwicklung zu verstehen.
Laut Hershs Bericht haben die USA und ihre Verbündeten aus Saudi-Arabien direkt und über die prowestliche libanesische Siniora-Regierung vor allem im Nord-Libanon massiv sunnitische Splittergruppen materiell und finanziell unterstützt, um diese gegen die schiitische und prosyrische Hisbollah zu positionieren. Hershs Quelle – ein ehemaliger US-Geheimdienstler und Regierungsberater – gesteht ein, dass dies zu ?ernsthaften unbeabsichtigten Konsequenzen führen [könne]” und ein ?ein sehr risikoreiches Unterfangen” sei.
Mahnende Stimmen habe es schon damals gegeben. So sagte Hersh ein saudischer Diplomat: ?Sie hassen zwar die Schiiten, aber sie hassen die Amerikaner um so mehr. Wenn wir versuchen, sie zu überlisten, werden sie letztlich nur uns überlisten. Das wird grauenhaft enden.”
In seinem Bericht geht Hersh sogar konkret auf die (laut deutschen Medien) bis gestern fast unbekannte Fatah al-Islam ein.
Alastair Crooke, ein langjährigen britischer Nachrichtendienstler und ehemaliger Sicherheitsberater von Javier Solana, sagte Hersh damals in einem Interview, dass eine sunnitische Extremistengruppe, Fatah Al Islam, sich im nordlibanesischen Flüchtlingscamp Naht al-Bared von ihrer prosyrischen Mutterorganisation, der Fatah Al-Intifada, abgespalten hat. Damals zählten sie, laut Crooke, weniger als 200 Mitglieder. ?Mir wurde erzählt, dass sie innerhalb von 24 Stunden von Leuten, die sich als Vertreter der libanesischen Regierung ausgaben, Waffen und Geld angeboten bekamen – wahrscheinlich um damit gegen die Hisbollah vorzugehen”, vermutete Crooke.
Selbstverständlich war dies nicht nur Crooke, sondern auch den Amerikanern bekannt ? traf aber voll deren politische Linie für den Libanon. Leslie H. Gelb, ehemaliger Präsident des Council of Foreign Relations, erzählte Hersh, dass es der US-Politik dabei weniger um “pro Demokratie? als viel mehr um “pro amerikanische Nationale Sicherheit? ginge. Die US-Administration sah die Hisbollah als Hauptbedrohung für ihre Interessen und daher ?[müsse] jeder möglichen Veränderung in den Machtverhältnissen des Libanons durch die USA entgegengewirkt werden – und wir haben das Recht jeder nicht-schiitischen Organisation zu helfen, einen solchen Wechsel zu verhindern. Dies sollten wir der Öffentlichkeit erzählen, anstatt von Demokratie zu sprechen.”
Offene Worte ? nur wäre anzumerken, dass die USA sich beim Spiel mit dem Feuer ja bereits mehrfach verbrannt hatten. Ohne ?kreative” Experimente der USA gäbe es weder die Taliban noch die Al-Quaida. Aber aus Fehlern lernt man in Washington nicht ? nun hat man sich, in voller Gewissheit um die Gefahr, eine neue Terrorgruppe gezüchtet. Die getöteten Palästinenser in Naher al-Bared werden es den ?weisen” Führern der westlichen Welt sicher danken.
Einen sehr empfehlenswerten Artikel über Syrien, den Libanon und Fatah al-Islam hat heute Sami Moubayed bei Asia-Times verfasst.
Jens Berger
Bildnachweis: 2x Al-Jazeera, Wikipedia, UNO

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Interessant in diesem Zusammenhang auch ein Artikel aus der NZZ:
“Der Leiter der Gruppe, Shakir al-Absi, ist ein Palästinenser aus Jordanien, wo er zusammen mit dem Kaida-Chef Zarkawi für einen Terroranschlag in Amman in absentia zum Tod verurteilt wurde. In Syrien sass Absi drei Jahre im Gefängnis [sic!]. Die Extremisten haben mehrere libanesische Banken ausgeraubt, doch berichten die Medien auch über massiven Geldzufluss aus der Region [sic!].” (Hervorhebung von mir)
http://www.nzz.ch/2007/05/21/al/newzzF1Z9E92F-12.html
Passt ja durchaus nicht schlecht zu dem Hersh Artikel, in dem ja, wenn ich mich korrekt entsinne, die Unterstützung von “anti-schiitischen” Gruppen über saudi-arabische “proxies” ablaufen solle. Und daß der Anführer in _Syrien_ inhaftiert war bestätigt ja auch den Asia Times Artikel.
Sehr guter Artikel mal wieder. Aber “Fiora”? Hab ich was verpasst oder ist hier nicht Seniora gemeint?
@Omar
Fiora ist der Insiderslang für “Fuad Siniora” … Quatsch, ist natürlich ein Typo ;-)
Danke für den Tipp!
Danke für die informativen Artikel!
PS: Wenn wir schon Buchstaben zählen (“Fiora”), dann will ich nur kurz anmerken, daß mit “Konrext” doch sicher “Kontext” gemeint ist?
Grüße aus München
Hallo,
ein Gedanke, der mir heute beim Studium der Berichterstattung in der FAZ und der Sueddeutschen gekommen ist (bzgl. des US-amerikanischen Angebots von Militärhilfe):
Aus der Geschichte (gerade im nahen und mittleren Osten) sind ja genug Beispiele bekannt, bei denen die strategische Planung der USA nicht aufgingen und einen Blowback erzeugten (Al-Kaida als Resultat der Anti-sowjetrussischen Kampagne in Afghanistan, die anfängliche Unterstützung der Taliban und auch Saddam Husseins, etc.). Es besteht also vor diesem Hintergrund durchaus die Möglichkeit, daß wir es hier wieder mit solch einem Fall zu tun haben. Aber wenn man nun der amerikanischen Administration ein wenig mehr Raffinesse unterstellt und folgende Hypothese entwickelt:
Die Fatah-al-Islami dient nicht als Werkzeug gegen Hisbollah, sondern werden nur als nützliche Idioten unterstütz. Sie sollen zu einem innerlibanesischen Konflikt führen, bei dem die Hisbollah sich auf die Seite der Regierung schlägt. Diese erweist sich einmal mehr als unfähig, weshalb die USA mit Militärhilfe und/oder auch eigenen Truppen zur Hilfe eilt (in diesem Moment ist die Hisbollah in einer schlechte Position, Widerstand gegen diese “Hilfe” zu leisten, da man sich ja zuvor auf Seiten der Regierung positionierte). Und wenn die “Militärberater” (z.B. aus Fort Bragg) schon mal im Libanon sind, können sie ja auch gleich ein paar Spezialoperationen gegen die Hisbollah durchführen …
@Qwerty
Nun ja, dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Aber dies erscheint mir doch eher unwahrscheinlich. Der Dreh- und Angelpunkt ist der, das die Hisbollah sich bei einem kommenden(?) Bürgerkrieg sicher nicht auf die Seite der prowestlichen Fiora *g* Regierung schlagen wird.
Den “Sicherheitsinteressen” von USA und Israel kann an einem Aufflammen des bewaffneten Konfliktes im Libanon eigentlich nicht gelegen sein, wenn Hisbollah daraus als klarer Sieger hevorgehen könnte.
@Spechter (entschuldige bitte, das musste jetzt!):
ich halte die Idee von Qwerty für nicht wenig wahrscheinlich:
- Irak rückt aus dem Blickfeld
- die USA (möglicherweise auch Israel) “muss” einmarschieren oder zumindest irgendwas zerbomben
- der Druck aus der Opposition wird von der Fiora-Regierung genommen und sie werden “berechtigt”, jegliche Mittel im Kampf gegen den “Terror” anzuwenden usw..
Ob die Hisbollah bei der (auch wenn wenig wirksamen) Waffensperre durch internationale Kräfte und einer fehlenden syrischen Rückendeckung und bei der offenen Unterstützung der Regierung durch USA und Europa als “klarer Sieger” bei einem neuerlichen Bürgerkrieg hervorgehen wird, das ist zumindest weniger wahrscheinlich und für die jetzige bald-abzuwählende US-Regierung auch nicht ausschlaggebend, denn spätestens seit dem nimmerendenden Irakkrieg wissen wir: ein Krieg ist erst dann verloren, wenn man den besetzten Staat wieder verlässt..
@Omar
Ich zweifele auch nicht daran, daß “Qwertys” Idee in den schwarzen Akten der CIA (und anderen) vorhanden ist und höchstwahrscheinlich sogar umgesetzt wird.
Nur halte ich die “Krawalle” von Fatah al-Islam nicht für einen Bestandteil dieser Strategie. Sie sollten sicher Bestandteil werden, indem sie im Norden als “klassische” Terrororganisation operieren. Das würde aus dem Blickwinkel sinistrer NeoCons auch 100% Sinn machen – Hisbollah wären im Norden gebunden und Israel hätte (im Falle eines Falles) im Süden weniger Gegenwehr, Hisbollah hätte wieder etwas zu tun, das sie von den “Thronstreitigkeiten” ablenkt und der lachende Dritte wäre “Fiorella”.
Wir werden (leider) sicher in Zukunft Meldungen aus dem Libanon verfolgen, die in das Raster der US-Strategie passen. Dies war eher ein “missglücktes” Vorspiel, bei dem die Akteure sich nicht an die Regie halten.
Die Hamas hat gezeigt wie es geht und der Irak hat gezeigt wie es geht – nun müssen die Überheblichen nur noch Dumm genug sein auf Krieg zu setzen ohne dessen Dauer zu kennen – denn der Friede wird nicht bestimmt durch den Aggressor sondern durch den Gegner – — Clausewitz
Hab’ gerade noch einen interessanten Artikel gefunden der Seymor Hersh’s “Redirection” in einigen Bereichen bestätigt, passt aber nur teilweise in den Kontext (semi-ot sozusagen):
“Bush Authorizes New Covert Action Against Iran
The CIA has received secret presidential approval to mount a covert “black” operation to destabilize the Iranian government, current and former officials in the intelligence community tell the Blotter on ABCNews.com.”
http://blogs.abcnews.com/theblotter/2007/05/bush_authorizes.html
Auch wieder am Start (wie bei jeder Sauerei, vgl Iran-Contra-Affaire, dem “palaestine shoot out”, etc.):
Elliott Abrams
“”The entire plan has been blessed by Abrams, in particular,” said one intelligence source familiar with the plan. “And Hadley had to put his chop on it.”
Abrams’ last involvement with attempting to destabilize a foreign government led to criminal charges.”
Aber halb so schlimm, er wurde ja etwa ein Jahr später von Bush (dem Älteren) begnadigt.
Hier noch ein Bericht aus erster Hand, erschienen auf FAZ.net:
“Libanon
Fatahs verfeindete Kinder
Von Markus Bickel, Badawi”
http://www.faz.net/s/RubB30ABD11B91F41C0BF2722C308D40318/Doc~E8A203CBEE8E94F7DB65EDBDEEEFF1926~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Die interessantesten Details liefert ein Interview mit einem Fatah-Funktionär:
“Gerüchte, wonach der prowestliche Mehrheitsführer im Parlament, Saad Hariri, die Gruppe anfangs unterstützte, hält er nicht für ausgeschlossen. ?Jetzt bekämpft er sie?, sagt er und grinst er vielsagend. ?Was er vorher gemacht hat, weiß ich nicht.?”
Und weiter:
“Dass die Stellungen der Fatah al Islam trotz des schweren Artilleriebeschusses der Armee nach Berichten seiner Genossen aus Nahr al Barid weitgehend intakt geblieben seien, verstärke sein Misstrauen gegenüber den eigentlichen Zielen der Regierung, sagt er.”