Systemverdrossenheit

09. Juni 2007 von Spiegelfechter - Drucken

“Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlachter selbst.”

Edmund Stoiber

Da ein großer Teil der Deutschen nicht dumm genug ist, sich seinen Schlachter selbst zu wählen, haben die etablierten Parteien massive Probleme, ihre Politik dem Wahlvieh zu „vermitteln“ und breite Schichten der Bevölkerung auf ihren Weg in eine neue, freie Welt „mitzunehmen“, wie es so „schön“ euphemistisch heißt.

Dennoch wäre es falsch von „Politikverdrossenheit“ zu sprechen. Es ist nicht die Politik, die die Menschen nicht interessiert, es ist die praktizierte Politik der Herrschenden, die dem Bürger das Gefühl gibt, ein Fremdkörper in diesem System zu sein. Politisch sind viele Menschen – die Kritiker der real existierenden Politik gehören wahrscheinlich sogar den politischsten Bürgern des Landes.

Auch die vielzitierte „Politikerverdrossenheit“ trifft nicht den Kern des Problems. Mit den Talkshowhelden, deren Betätigungsfeld das Regieren ist, haben die wenigsten ihrer Wähler und Nichtwähler irgendetwas gemein. Der Politiker von heute ist kein Idol, er ist kein Visionär, kein ehrlicher Makler. Er ist ein PR-Produkt, austauschbar in seiner belanglosen Unverbindlichkeit. Kennt eigentlich noch irgendwer die großen „Leuchttürme“ der Politik Ruprecht Polenz und Peter Hinze? Wird in fünf Jahren noch irgendwer Roland Pofalla, Volker Kauder oder Hubertus Heil kennen? Nein, warum auch. Dennoch ist der Politiker nur ein Diener des Systems, für das er steht – ein austauschbares Glied in der Kette. Politik wird weniger von Politikern als mehr von Interessenverbänden gemacht. Aus der kaum vorhandenen Identifikation mit den Politikern und der umfassenden Antipathie zu schließen, das Problem hieße „Politikerverdrossenheit“ greift zu kurz, da dies impliziert, es läge an Personen und nicht an Strukturen. Wenn die Struktur den Menschen allerdings austauschbar macht, liege es nicht am Menschen, sondern an der Struktur.

Das Wort „Parteienverdrossenheit“ trifft das Problem schon eher, geht aber auch am Kern vorbei – auch die Parteien, vor allem die beiden sogenannten Volksparteien, sind keine ehrlichen Makler, sondern organisierter Etikettenschwindel, süchtig nach „Marktanteilen“. Die SPD ist nicht sozialdemokratisch, die CDU nicht christlich, die CSU nicht sozial, die FDP kämpft mehr für die Freiheit des Marktes als die des Wählers und die Grünen streifen sich den olivgrünen Stahlhelm über. Macht und Machterhalt wird zum Selbstzweck. Politische Gebilde, deren Interesse Einschaltquoten, Talkshows und demoskopischen Zahlen gehört und nicht den Stimmen der Parteibasis und dem Wähler, haben ihre Existenzberechtigung verloren. Dies sind aber nur die bedauerlichen Zeichen der Zeit – einer Zeit die das „mehr Schein als Sein“ institutionalisiert hat. An der Basis der Parteien gärt es allerdings. Nicht nur dem Wähler, auch dem kleinen Parteigenossen, ist diese Art von Politik nicht mehr „zu vermitteln“. Die mittlere und obere Führungsschicht der Volksparteien ist allerdings derart von rückgratlosen, karrieresüchtigen Elementen durchzogen, dass man von einer systemimmanenten Reformunfähigkeit ausgehen muss. Da für die politische Karriere weniger politische Weitsicht, sondern mehr die gnädige Patronage der „Old-Boys Networks“ verantwortlich ist, die wiederrum Eigeninteressen vertreten, müsste die Basis schon eine echte Revolution starten um ihre Parteien zu reformieren. Da die systematische Verquickung von den Interessen der Wirtschaft und Parteipolitik auch in den unteren Organisationseinheiten bereits weit fortgeschritten ist, ist eine solche Revolution unwahrscheinlich.

Das richtige Wort für die breite Ablehnung der momentanen Politik ist „Systemverdrossenheit“.

Das herrschende System ist eines der freisten, die es je gab. Da die Freiheit des Einen, die Unfreiheit des Anderen ist, sollte man im Klaren sein, wessen Freiheit der heutigen Politik eigentlich im Herzen liegt. „Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands“ – sang einst Konstantin Wecker. Angst war aber schon immer ein Element der Politik – der Ängstige stellt weniger Fragen und lässt sich leichter regieren. Eine solche Politik steht im Widerspruch zum allgemeinen Freiheitsbegriff. Der Deutsche hat Angst – er hat Angst, seinen Job zu verlieren oder in das Heer der zahllosen „working poor“ abzugleiten; er hat Angst davor im Alter seinen Lebensstandard nicht mehr halten zu können; er hat Angst in einer immer schneller werdenden Welt abgehängt zu werden und er empfindet irreale Ängste vor virtuellen Gefahren, wie Terrorismus. Anstatt diese Ängste zu beseitigen, schürt die Politik diese Ängste durch den Abbau des Sozialstaates, einer Klientelpolitik für die kleine Schicht der Alpha-Menschen und sublim gestreuten Sozialdarwinismus – Survival of the fittest, wer nicht smart, mobil und ungebunden ist und seine persönlichen Ziele und Interessen den beruflichen Interessen unterordnet gehört in dieser Gesellschaft zu den Verlieren.

Und die Zahl der „Verlierer“ wird immer größer, die Zahl derer, die sich nicht mit einer Politik, die sich zum Handlanger eines freien und ungehemmten Marktes macht, identifizieren, ist weitaus größer, als es die Zahl der Nichtwähler vermuten ließe – öffentlichkeitswirksame PR-Propaganda treibt auch einige klügere Kälber in die Hände ihres Schlachters.

Die Globalisierung ist schuld, so hört man. Wer sich ihren Regeln nicht unterwirft, wird von ihr gefressen, so sagt man. Für den Bürger unbequeme Maßnahmen werden mit Sachzwängen begründet – TINA (There is no alternative) bestimmt die Politik, das TATA (There are thousand alternatives) verhallt als Flüstern im medialen Geschrei.

Warum sollte die Globalisierung schuld daran sein, dass in Unternehmen, die Rekordgewinne verbuchen, Sachzwänge vorliegen sollen, Angestellte zu entlassen oder sie schlechter zu bezahlen und sich komplett aus der sozialen Verantwortung zu stehlen? Damit hat die Globalisierung nichts zu tun, es ist ein Wirtschaftssystem, das ausschließlich von den Interessen der Investoren bestimmt wird, das schuld ist. Ein Wirtschaftssystem, das frei ist. Frei in jeder Hinsicht. Frei, wie der Wolf in der Schafsherde. Der Staat darf aber nicht Handlanger des Wolfes sein, sondern Schäfer, der seine Herde vor dem Wolf schützt. Der Wolf ist nicht schuld an der ausgeuferten Situation – es entspricht seinem Naturell, Schafe zu reißen; ihm die Schuld zuzuschreiben würde am Problem vorbeigehen. Wenn Teile der Wirtschaft meinen, sich aus dem Solidarprinzip auszuklinken und Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes - Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen – tolldreist ad absurdum führt, so ist es Aufgabe der Politik hier Regeln aufzustellen.

Das herrschende Wirtschaftssystem Deutschlands ist immer noch die „soziale Markwirtschaft“, obgleich das Handeln der Politik, die Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft mit Füßen tritt.

„So wollt ich jeden Zweifel beseitigt wissen, dass ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag.“

Ludwig Erhard

So lange ein politisches System für die wirtschaftliche Freiheit einiger weniger die Interessen der breiten Mehrheit opfert, hat es nicht verdient, von der Mehrheit getragen zu werden. Ein Paradigmenwechsel ist von Nöten. Es braucht nicht mal eine Revolution – das Grundgesetz gibt genau die Werte vor, an der sich eine gute Politik zu orientieren hat. Der Weg dorthin ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die herrschende Meinung ist meist die Meinung der Herrschenden und das System INSM, scheint üb ermächtig. Von den klassischen Medien ist hier nicht viel in dieser Hinsicht zu erwarten – obgleich man die Wirkung von Berichten in Frontal21 und anderen Magazinen der öffentlich-rechtlichen Anstalten bei Teilen der Bevölkerung, die man nicht zur Infoelite zählen kann, nicht unterschätzen sollte. Es bleibt die Ameisenarbeit. Im Volk brodelt es, das Volk muss nur wissen, dass es sehr wohl Alternativen gibt. TATA statt TINA – und jeder kann seinen kleinen Teil beitragen. Auf die Gehirne der Menschen hat die zwischenmenschliche Kommunikation größere Auswirkungen als die Einwegkommunikation der klassischen Medien. Seit unbequem – informiert unpolitische Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte. Der Nährboden ist vorhanden, die Saat müssen wir selbst sähen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Politischen Blog-Karnevals entstanden, den Soeren vom onezblog ausgerufen hat.

Jens Berger

Posted in Deutschland, Wirtschaft |



Trackbacks:

  1. [...] orientierungslosigkeit Juni 10th, 2007 — kirberg der spiegelfechter schreibt im rahmen des politischen-blog-katnevals einen großartigen artikel zur politischen orientierungslosigkeit. Posted in einfach nur so. [...]


  2. [...] Dazu gute Beiträge: Systemverdrossenheit auf Der Spiegelfechter; Demokratie ohne Verfassung? auf Duckhome [...]


  3. [...] Systemverdrossenheit | Spiegelfachter [...]


  4. 4 · Nerdcore — links for 2007-06-11 am 12. Juni 2007 um 01:34

    [...] Systemverdrossenheit - Der Spiegelfechter Dennoch wäre es falsch von „Politikverdrossenheit“ zu sprechen. Es ist nicht die Politik, die die Menschen nicht interessiert, es ist die praktizierte Politik der Herrschenden, die dem Bürger das Gefühl gibt, ein Fremdkörper in diesem System zu … [...]


  5. 5 · Systemverdrossenheit - Pax Aeterna am 16. Juni 2007 um 13:19

    [...] · tar, den 16.06.07 in Wirtschaft, Medien, Soziales, Liberalismus, Politik, Probleme, Deutschland Quelle: spiegelfechter.com [...]


  6. [...] Systemverdrossenheit | Spiegelfechter [...]


  7. [...] Systemverdrossenheit | Spiegelfechter [...]


  8. 8 · zenblé am 25. Juni 2007 um 20:45

    Lust auf mehr - Politischer Blog-Karneval…

    Ich hätte nie gedacht, dass sich 56 Blogs am ersten politischen Blog-Karneval - organisiert vom onezblog - beteiligen. Die Beiträge, jedenfalls alle die ich bisher gelesen habe, sind voller verschiedener Gesichtspunkte und Meinungen zum Thema…


Kommentare:

  1. · Elvloots am 9. Juni 2007 um 21:27 - Permalink

    Ein Bericht, der mir aus dem Herzen spricht. Ich habe schon lange eine “ohnmächtige Wut”, bedingt durch Hilf- und Machtlosigkeit.
    Unsere Demokratie möchte ich mit folgenden Spruch beschreiben:

    Durch Vortäuschung von politischer Mitbestimmung (Wahlen) gegenüber der Bevölkerung ermöglicht die “westliche” Demokratie unsern Politiker die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und die der Wirtschaft, ohne Gefahr zu laufen, durch Volkswiederstand daran gehindert zu werden.

    Mit anderen Worten, wir wählen alle vier Jahre eine andere etablierte Partei, weil wir von der letztgewählten enttäuscht sind. Alternative Parteien werden als Konkurrenz von den Medien als rechts/links-populistisch ins Abseits gefördert. So festigt man seine Macht, und die Ohnmacht der Anderen.


  2. · Sebi am 9. Juni 2007 um 21:59 - Permalink

    .


  3. · asnychron am 9. Juni 2007 um 22:20 - Permalink

    .


  4. · soimar am 9. Juni 2007 um 22:36 - Permalink

    Doch doch, ich kenne Peter Hinze noch, nur eine Zeit lang dachte ich Hinze und Pofalla seien die ein und die selbe Person.
    Georg Schramm sagte in seiner Anstalt Sendung mal dass die schärfer werdende Überwachung und Einschränkung der Bürgerrechte nicht der Bekämpfung des Terrorismus dienen soll, sondern die Folgen der rasant steigenden Zahl an Verlierern abfedern soll. Die Art und Weise wie der Verteilungskampf geführt wird hängt von den Mitteln ab die den Konfliktparteien zur Verfügung stehen, und dabei wird die Unterschicht sicherlich nicht auf Lobbyismus zurückgreifen um ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Wenn bei einem kleiner werdenden Kuchen nicht alle entsprechend ihres Vermögens Federn lassen ist dies ein Angriff auf den sozialen Frieden. Offenbar sieht weder Politik noch Industrie eine Alternative als diesen Weg zu beschreiten. Das Ergebnis ist absehbar: Der Kapitalismus wird scheitern - Krieg bleibt Normalität und Frieden die Ausnahme, wie seit Menschen Gedenken. Oder wie ein konservativer Lehrer mir in der Schule immer sagte wenn es zu Diskussionen um soziale Gerechtigkeit kam: Es ist eben nicht genug für alle da.


  5. · Spiegelfechter am 9. Juni 2007 um 22:39 - Permalink

    @Sebi und Asynchron

    Klärt mich doch mal bitte aus, was “.” zu sagen hat ;-)


  6. · .markus am 9. Juni 2007 um 23:21 - Permalink

    (Der Punkt bedeutet das)


  7. · Spiegelfechter am 10. Juni 2007 um 00:29 - Permalink

    @.markus

    Merci - man lernt nie aus.


  8. · Elvloots am 10. Juni 2007 um 00:36 - Permalink

    Hallo Spiegelfechter,

    das mit dem Punkt habe ich echt nicht gerafft. Hätte nicht gedacht, das die Einfalt meine Stärke ist! Vieleicht ist einer so gnädig mich nicht dumm sterben zu lassen.

    Gruß Elbelotse


  9. · corax am 10. Juni 2007 um 00:42 - Permalink

    .


  10. · corax am 10. Juni 2007 um 00:47 - Permalink

    @ 8 Lotse

    Auch ne rot-grün-schwäche so wie ich? ;-)

    Unter dem “das” von Kommentar: ” 6 .markus ” befindet sich ein Link.
    Ich kann ihn auch kaum erkennen.

    Hummel Hummel


  11. · S. am 10. Juni 2007 um 00:58 - Permalink

    .


  12. · Elvloots am 10. Juni 2007 um 01:01 - Permalink

    Hallo Corax,

    danke für den Hinwies; ich habe diesen noch nicht verfolgt, könnte doch unter IM Schäuble übernehmen.
    Aus dieser Position: Schade das es so läuft.

    Werde es mir mal anschauen!


  13. · Elvloots am 10. Juni 2007 um 01:18 - Permalink

    @: s; Corax; aynchron; …………………………. usw.
    Ich bin aufgeklärt:
    . (.) Punkt 0 = “Bild”-Niveau
    Was soll der Mist?
    Warum nicht gleich: LOL, :-),;-= sdfjaksjdfkjsadfkjsakljfdals & Tralala?
    Mist!

    Schade!
    Und wer außer Links keinen Kommentar hinterläß - Tschüß!!!

    PS: Ich sterbe nicht gerne dumm! Schwachsinnige Links!


  14. · fennek am 10. Juni 2007 um 01:33 - Permalink

    btw: der link unter “INSM” funktioniert nicht
    (fiel mir nur auf weil ich regelmäßig auf mein-parteibuch.com lese und der herr bartels ..äh.. mag die ja nicht so :)


  15. · Elvloots am 10. Juni 2007 um 01:34 - Permalink

    Zur Ergänzung:

    IM: InnenMinister = Inoffizieller Mitarbeiter (StaSi)


  16. · Spiegelfechter am 10. Juni 2007 um 01:52 - Permalink

    @14

    Danke - repariert


  17. · bla am 10. Juni 2007 um 03:44 - Permalink

    .


  18. · Chris am 10. Juni 2007 um 06:00 - Permalink

    Oh Mann, du hörst dich ja fast depressiv an. Aber du hast total recht. Den Artikel unterschreibe ich sofort.
    Den Gedanken kann ich glaube ich nur hier posten ohne ins Gefängnis zu kommen.
    Man schimpft über die Türkei. Aber die haben einen Vorteil. Da passt das Militär auf das Land auf. Die klopfen den Politikern schon auf die Finger. Wer macht das hier? Die Medien?
    Mein Traum ( ja ich bin naiv ) Nur noch Direktwahlen. Keine Liste mehr. Die sollen dann 1.Mio € im Jahr verdienen und raus aus allen Wirtschaftspositionen.


  19. · Jochen Hoff am 10. Juni 2007 um 06:47 - Permalink

    Leider funktioniert der Trackback nicht. Deshalb hier der Link zu meinem Kommentar:

    duckhome.d...


  20. · Nurleute am 10. Juni 2007 um 09:44 - Permalink

    Spiegelfechter, Du zitierst desöfteren Ludwig Erhard. Der hat aber auch folgendes gesagt (bzw. geschrieben): ‘Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muss … Je freier die Wirtschaft, desto sozialer ist sie auch.’

    Du kannst mir glauben, das gab mir lange zu denken. Man muss halt alles in einen Kontext setzen.

    Sozialstaat und Umverteilung ja. Die entscheidende Frage ist aber wie? Wir haben bereits heute eine Staatsquote von fast 50 Prozent. Solange die Umverteilungsmechanismen als Machtinstrumente mißbraucht werden können, wird eine noch höhere Staatsquote nichts ändern. Wer kriegt was von wem? Das weiß heute niemand.

    Ich finde Deine Strategie mit dem Informieren absolut richtig. Sie muss aber mit der Forderung für mehr Transparenz einhergehen. Das ist noch wichtiger. Dafür sollten wir kämpfen. Intransparenz ist die Wurzel unserer “Demokratieprobleme”.


  21. · XiongShui am 10. Juni 2007 um 10:00 - Permalink

    (…) „Die dümmsten Kälber wählen ihren Schlachter selber“. Dieser inzwischen schon zum Aphorismus gewandelte Satz aus der „heiligen Johanna von den Schlachthöfen“, ist so sehr Allgemeingut, daß offenbar niemand mehr weiß, von wem er stammt. Das der Spiegelfechter in seiner brillanten Analyse der gegenwärtigen politischen Lage dem Stoiber auf den Leim geht, schon eher. (…)


  22. · Jamas am 10. Juni 2007 um 10:40 - Permalink

    Dazu passend

    isnichwahr...


  23. · Seraja Ten am 10. Juni 2007 um 15:17 - Permalink

    Vielleicht liegt darin der Grund der andauernden Reformitis in unserem Land. Wenn man die Bürger von einer Reform zu nächsten hetzt ignorieren sie vielleicht die Tatsache, das an einer anderen Stelle viel dringender Veränderung geboten wäre.


  24. · Fincut am 10. Juni 2007 um 15:36 - Permalink

    “survival of the fittest” (übrigens mit zwei t ;) ) halte ich in Deinem sehr wahren, gut formulierten und lesenswerten Beitrag für falsch platziert. Auch wenn es im kollektiven Bewusstsein so verankert ist, die Intention hinter dem Satz zielt nicht auf “geistige Fitness”, Arbeitseifer oder andere, lernbare oder durch das Elternhaus ermöglichte Eigenschaften ab, sondern einzig auf die an die Umwelt am besten angepassten, genetisch bedingten Körper- und Instinkteigenschaften. Survival of the fittest bedeutet nichts anderes, als dass die überleben, die sich am besten natürliche Bedingungen angepasst haben, Immunität gegen Krankheiten, Strahlung, was auch immer.


  25. · Seraja Ten am 10. Juni 2007 um 15:44 - Permalink

    Vielleicht trifft es “Survival of the smartest” besser.


  26. · Spiegelfechter am 10. Juni 2007 um 15:54 - Permalink

    @25 und 26

    Oder “Survival of the most adapted” - Du hast recht, der Vergleich ist schlecht gewählt.

    @26

    Den Begriff “smart” halte ich nicht für passend - wieso sollte es clever sein, seinen Lebensfokus auf den Bereich “Gelderwerb” auszurichten?


  27. · otti am 10. Juni 2007 um 15:55 - Permalink

    Und der Herr sprach: “Was ihr dem Geringsten unter euch angetan habt, das habt ihr mir angetan.”

    Den Geringsten unter uns, einen vom neoliberalen System ausgesonderten Bürger, lässt dieses Land einfach verhungern (s. Speyer).

    Und alle waschen ihre Hände in Unschuld, von der Legislative, der Exekutive bis zur Judikative.

    Oh Herr, treibe diese Pharisäer aus dem Land!


  28. · Wanderstein am 10. Juni 2007 um 16:09 - Permalink

    Dein Artikel sprich mir aus der Seele…

    Ego sum qui sum - ich bin der ich bin und ich kann nichts tun, was ich nicht auch bin.

    Im Grunde knüpft sich gute Politik genauso wie verantwortungsvolle Wirtschaft an die persönliche Integrität des einzelnen und im besonderen der “herrschenden Individuen”.

    Es ist fast schon pervers zu nennen, dass die Forderung nach Eigeninitiative immer lauter wird, während eine gleichzeitig höher werdende Belastung des Menschen dazu führt, dass er weder den seelischen noch den geistigen Freiraum noch die Zeit dazu besitzt.

    Wenn aber schon die, die regieren sich verhalten wie Mastschweine an den Futtertrögen (und in Wahrheit werden sie ja auch mit Regelmäßigkeit von irgend einem der noch Mächtigeren geschlachtet), wie kann erwartet werden, dass sich diejenigen wohl verhalten, die nichts weiter besitzen als die mangelden Beispiele der Personen des öffentlichen Lebens, also Fassade und Phrasengedresche bei gleichzeitiger Handlungslethargie?

    Sicher ist es Aufgabe des Einzelnen, sich zu entwickeln zu ethischen Werten, politischer Mündigkeit und einem diese tragenden Bewusstsein zu gelangen - aber es ist Sache der Herrschenden, ein Klima zu schaffen, indem dies nicht nur denjenigen möglich ist, die sich ohnehin für nichts anderes interessieren, und indem nicht derjenige für dumm erklärt wird, der seine Nase nicht jeden Tag aufs neue nach dem Wind richtet, sondern für seine Ansichten und Ziele auch Spott Hohn und Gegenwind in Kauf nimmt. Ein Klima, indem der Mensch nicht ständig in seinem Wesen als Kapitalist, Arbeiter, Rechter, Linker, Deutscher, Türke, Asozialer, Arbeitsloser oder sonstwie definiert wird, sondern indem es ihm ermöglicht wird, seine Definition selbst zu finden - keine Gesellschaft des Fügens in Furcht, sondern eine Gesellschaft der kollektiven und persönlichen Entwicklung.


  29. · Seraja Ten am 10. Juni 2007 um 19:08 - Permalink

    Was fehlt ist die Gewissheit, dass die politisch Elite dafür Sorge trägt, das die Interessen aller in der Waagschale liegen. Es ist klar, dass Unfrieden entsteht, wenn man auf dem Marktplatz der Interessen regelmäßig feststellen muss, dass Kilo nicht gleich Kilo ist.

    Sollte es irgendwann wieder zu einem Interessensausgleich kommen, wird auch die Wahlurne wieder als Wahl und weniger als Begräbnis der eigenen Vorstellungen angesehen.


  30. · .markus am 10. Juni 2007 um 19:45 - Permalink

    Schöner ausgewogener Artikel, mit schlüssiger Gedankenführung, inhaltlich mit das Intelligenteste, was man bisher beim Blogkarneval lesen konnte und das auch nicht mit zuviel Systemtheorie überfrachtet ist.

    Möge das Säen beginnen!


  31. · cdv! am 10. Juni 2007 um 23:37 - Permalink

    Lieber Spiegelfechter! Der Beitrag ist mir aus der Seele geschrieben. Danke!Zwei unausgegorene Gedanken dazu: 1. Unsere Zukunft sind die Kinder. Leider müssen wir sie schlecht ausgebildeteten und wenig motivierten Erziehern und Lehrern überlassen. Junge Erwachsene wählen nicht, weil sie nicht mehr wissen, worum es geht. Sie verstehen es nicht.2. Wir brauchen eine “neue” Diskussion um die menschlichen Werte. Während nahezu jeder zweite Mittelständler sich mehr und mehr Gedanken um ein Leitbild macht, wissen die Bürger in Deutschland nicht, wofür dieses Land steht. Wofür eigentlich? Und: Wer sagt es ihnen?


  32. · COPOKA am 11. Juni 2007 um 00:58 - Permalink

    @Nurleute, 20.

    > Erhard: “… Je freier die Wirtschaft, desto sozialer ist sie auch.”
    >

    Ich bin zwar kein Erhard-Kenner, aber an der Stelle muss man sich Fragen, was er genauer unter freier Wirtschaft verstanden hat. Oder wie er diese Freiheit interpretiert/ausgelegt hat.

    Ich denke nicht, dass es darunter die Narrenfreiheit der s.g. Globalplayer gemeint hat. Und ich bin mir sogar sicher, dass er diese Player nicht mit der Wirtschaft gleich gesetzt hat, wie es “moderne” Propagandisten tun.

    In gewissem Kontext ist diese seine Aussage zweifelsohne richtig.
    Ohne Kontext ist es eine sinnlose Aussage - weder wahr, noch falsch.

    MfG
    COPOKA.


  33. · Spiegelfechter am 11. Juni 2007 um 01:14 - Permalink

    @20 Nurleute und 34 COPOKA

    Ja sicher - einen Passage eines Zitates Erhards aus dem Kontext zu reißen ist nicht sinnvoll. Es ist auch schwer Erhards Worte auf die heutige Zeit zu überragen - ein Raubtierkapitalismus á la Manchester war damals kein Thema, man glaubte ihn überwunden und positionierte sich v.a. gegen den Sozialismus. In diesem Kontext muss man das Wort “freier Markt” anders bewerten, als den “freien Markt”, den heutzutage Wirtschaftslibertaristen propagieren.

    Erhard hat eine Wirtschaftsordnung propagiert, die (auch) dem sozialen Ausgleich herstellt und hat unmissverständlich staatliche Interventionen bei Marktversagen (auch im sozialen Kontext!) gefordert.

    Daher zitiere ich ihn auch immer wieder gerne - seine Wort klingen heute so, als kämen sie von “linksaußen” ;-)


  34. · ehle am 11. Juni 2007 um 01:21 - Permalink

    huhu,
    genialer artikel. du formulierst was mich schon lange bedrückt.
    der text liest sich wie ein kapitel aus emmanuel goldsteins buch, ich würde an deiner stelle aufpassen das du nicht als gedankenverbrecher eingebuchtet wirst.


  35. · Nurleute am 11. Juni 2007 um 08:34 - Permalink

    Freier Markt bedeutet nicht keine Regulierung. Nach meinem Verständnis ist ein wesentliches Kennzeichen eines freien Markt ein freier Marktzugang (das soll z.B. das Kartellamt sicherstellen).
    nurleute.b...

    Wenn die Leute jeden Glauben an Marktmechanismen verlieren, ist das ebenso gefährlich, wie zu glauben der Markt braucht keine Regulierung. Sonst erscheint plötzlich jede noch so platte Maßnahme sinnvoll. Ludwig Erhard war ein “Marktwirtschaftler”. Wenn man, so wie ich, nicht weiß, was der Unterschied ist, könnte man auch sagen, er war ein Kapitalist.

    Ich wüsste zu gerne, was er aus heutiger Sicht von der Idee des Grundeinkommens halten würde. Auf den ersten Blick eine platte Umverteilung. Auf den zweiten Blick etwas sehr viel raffinierteres.


  36. · Spiegelfechter am 11. Juni 2007 um 11:23 - Permalink

    @37 nurleute

    Das “freier Markt” im Sinne Erhards keinen unregulierten Markt meint, steht außer Frage - bei zeitgenössischen Kommentatoren bin ich mir da nicht immer so sicher.

    Du sprichst nur von einem freien Marktzugang. Dass ist zu wenig, mir geht es um das Marktversagen; und was ein Marktversagen ist bzw. wie man darauf zu reagieren hat, ist unter den ökonomischen Schulen höchst umstritten.

    Nehmen wir das Beispiel Gesundheitsversorgung. Ein System, im dem sich Wohlhabende gute Medizin leisten können, Arme aber nicht, ist nach der Theorie der Wirtschaftswissenschaften ein gesunder Markt, da die Ressourcenverteilung effizient ist und eine pareto-optimale Situation vorliegt. Ein Eingriff zu Gunsten eines Markteilnehmers (des Armen) würde einen Marktteilnehmer benachteiligen (den Wohlhabenden). In der Theorie des freien Marktes liegt hier also kein Marktversagen vor. Für andere Bereiche der Daseinvorsorge gibt es ähnlich paradoxe Situationen.

    Ein Wirschaftssystem, in dem Gewinne zu Gunsten einer immer kleiner werdenden Zahl von Privilegierten privatisert werden und Verluste verstaatlicht werden, mag pareto-optiomal und effizient im Sinne der Ressourcenallokation sein; dem Prinzip eines Sozialstaates läuft es zuwider und ob ein solches System langfristig von der Bevölkerung akzeptiert wird, bezweifele ich stark.

    Ich sage nicht, dass Marktmechanismen per se zu einem Versagen des Marktes führen, dass der Fehler also immanent sei. In einer globalen Wirtschaft ist ein freier Markt allerdings mit regionalen Formen des Marktversagens verbunden. Die Tatsache, dass aus ökonomischen Gründen ein deutscher Textilarbeiter nur etwas mehr verdienen dürfte als sein chinesischer Kollege, mag iS der ökonomischen Theorie erstrebenswert sein, gesellschaftlich ist dies nicht erstrebenswert.

    Als Fazit könnte man sagen, schafft den Kapitalismus nicht ab, aber zivilisiert ihn - und das schnellstmöglich.


  37. · COPOKA am 11. Juni 2007 um 11:26 - Permalink

    @Nurleute

    > Freier Markt bedeutet nicht keine Regulierung. Nach meinem Verständnis ist
    > ein wesentliches Kennzeichen eines freien Markt ein freier Marktzugang …
    >
    Jep. Das bedeutet nicht Freiheit des Marktes - er ist nur ein Mechanismus, sondern Freiheit der Marktteilnehmer. U.z. aller Marktteilnehmer. Unbegrenzte Freiheit des Stärkeren auf dem Markt ist plumper Sozialdarwinismus.

    > Wenn die Leute jeden Glauben an Marktmechanismen verlieren, ist das ebenso
    > gefährlich, wie zu glauben - der Markt braucht keine Regulierung. …
    >
    Ein Klassiker dt. Philosophie hat es [sinngemäß] folgendermassen formuliert:
    “Die Grenze zwischen Gut und Böse wird durch richtigen Augenmaß bestimmt”.
    Von daher soll die Regulierung des Marktes darin bestehen, die Freiheit des Schwächeren von den Stärkeren zu schüzen. Wird es vom Staat nicht gewährleistet, so ist der “soziale Frieden” längerfristig dahin.

    > Ich wüsste zu gerne, was er aus heutiger Sicht von der Idee des
    > Grundeinkommens halten würde. Auf den ersten Blick eine platte
    > Umverteilung. Auf den zweiten Blick etwas sehr viel raffinierteres.
    S.o.!
    Das ist eine Möglichkeit die Freiheit des Schwächeren zu gewährleisten.
    In Erhards Zeiten war es allerdings absolut utopisch. Jetzt nicht mehr.

    MfG
    COPOKA


  38. · COPOKA am 11. Juni 2007 um 12:23 - Permalink

    @38

    > Nehmen wir das Beispiel Gesundheitsversorgung. Ein System, im dem sich
    > Wohlhabende gute Medizin leisten können, Arme aber nicht, ist nach der
    > Theorie der Wirtschaftswissenschaften ein gesunder Markt, da die
    > Ressourcenverteilung effizient ist …
    Kommt auf Definition ebendieser Effizienz an.
    Ist es Maximierung ebendieser Ressourcen oder deren Dekonzentration?
    Man muss wohl auch hier nicht in ein Extrem verfallen - sowohl als auch.
    Für BWL-er bedeutet diese Effizienz ausgerechnet Maximierung und Konzentration der Ressourcen in ihren Händen - EInflußzugewinn.
    Und wenn alle nach meinen Regeln tanzen, kann ich nie verlieren.

    > … Ein Eingriff zu Gunsten eines Markteilnehmers (des Armen) würde einen
    > Marktteilnehmer benachteiligen (den Wohlhabenden). In der Theorie des freien
    > Marktes liegt hier also kein Marktversagen vor. …
    >
    Denkst du nicht, dass Freiheit des Marktes ziemlicher Unfug ist? Wovon soll er eigentlich frei sein? Von Eingriff des Staates? Wer stellt und kontrolliert denn die Spielregeln? Würde sich der Staat (d.h. die Gesellschaft) aus der Regulierung zurückziehen, so würde sofort Recht des Stärkeren greifen - alles andere als Freiheit für die Marktteinehmer, die Stärkeren eingeschlossen. Damit würden nur andere Spielregeln greifen, die bloß von anderen Leuten aufgestellt würden. Frei von jeglichen Spielregeln kann er nicht sein - es greifen immer welche ein.
    IMO kann man von Freiheit der Menschen, nicht jedoch irgendwelcher Mechanismen sprechen.

    > … effizient im Sinne der Ressourcenallokation sein; …
    Was bedeutet genau Allokation in diesem Kontext?
    Warum soll das gut sein, bzw. für wen und für wie lange?

    > Ich sage nicht, dass Marktmechanismen per se …
    Mechanismen sind nur Mechanismen. Erstens, sind sie nicht gottgegeben.
    Zweitens, wenn Menschen darauf zurückgreigen - in welcher Form auch immer, müssen sie für die Menschen etwas bezwecken. WAS? Für WEN?
    Es steckt noch zuviel Ideologie hinter den Wirtschaftswissenschaften.
    Markt bzw. seine vermeintliche Freiheit ist kein Selbstzweck.
    Das muss sich jeder Marktadept auf der Stirn schreiben.

    Gruß,
    COPOKA


  39. · Spiegelfechter am 11. Juni 2007 um 13:51 - Permalink

    @40 COPOKA

    Kommt auf Definition ebendieser Effizienz an.
    Ist es Maximierung ebendieser Ressourcen oder deren Dekonzentration?

    Weder noch ;-)
    Ein vorhandener Produktionsfaktor (Gesundheitsvorsorge) wird (im o.g. Beispiel) gewinnmaximiert eingesetzt, ohne das ein Eingreifen eines Regulators einen Marktteilnehmer schädigen würde. Im Sinne der Zuordnung knapper Ressourcen ist dies produzentenseitig gut. Jemand der nicht gewillt oder in der Lage ist, für das angebotene Produkt den vom Markz tarierten Preis zu zahlen, scheidet als Marktteilnehmer aus … und im o.g. Beispiel nicht nur aus Markt sondern aus dem Leben - das unterscheidet die Luxuslimousine von der Gesundheitsversorgung.

    Für BWL-er bedeutet diese Effizienz ausgerechnet Maximierung und Konzentration der Ressourcen in ihren Händen - EInflußzugewinn.

    Nein - unten wirfst Du den Wirtschaftswissenschaften Ideologisierung vor und hier ideologisierst Du selbst. Es geht dem BWLer um eine Gewinnmaximierung und nichts weiter - das Einfluss ein Mittel zu Zweck sein kann, steht außen vor.

    Denkst du nicht, dass Freiheit des Marktes ziemlicher Unfug ist?

    Nein, dass denke ich nicht. Die “Freiheit” des Marktes besagt, daß jedermann produzieren kann, was er mag. Dies ist (vereinfacht) das Gegenteil der Planwirtschaft. Und eine Anbieter-/Abnehmerfindung über den Markt ergo Preis erscheint mir generell sinnvoll. Es ist wie mit allem im Leben - wieviel bin ich bereit, für etwas zu bezahlen, daß ich gerne hätte oder machen würde. Und das ist nicht nur monetär zu verstehen. Will ich ein Kind? Bin ich bereit dafür meine Freizeit und meine Lebensart zu ändern? Du siehst - Geld ist nur *ein* Faktor von vielen, wenn es darum geht für sich persönlich den Preis eines Gutes zu bestimmen.

    Wovon soll er eigentlich frei sein? Von Eingriff des Staates?

    So lange er sich an die Reglements hält ja. Die Art und Weise der Reglements ist es, die hier interessiert.

    Wer stellt und kontrolliert denn die Spielregeln? Würde sich der Staat (d.h. die Gesellschaft) aus der Regulierung zurückziehen, so würde sofort Recht des Stärkeren greifen - alles andere als Freiheit für die Marktteinehmer, die Stärkeren eingeschlossen. Damit würden nur andere Spielregeln greifen, die bloß von anderen Leuten aufgestellt würden. Frei von jeglichen Spielregeln kann er nicht sein - es greifen immer welche ein.

    Wie definierst Du Freiheit? Als Ideal, das möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen sollte oder als grundlegende Regel.
    Freiheit ist per se nichts positives oder negatives, sondern das schlichte Fehlen von Behinderungen. Es gibt sogar Ökonomen (Österreicher Schule), die jegliches Eingreifen und Reglementieren als Marktversagen werten und den Markt sich selbst überlassen wollen. Das dies Unfug ist, darüber sind wir eins. Wie ich im Text schon anmerkte: Die Freiheit des Einen ist die Unfreiheit des Anderen.

    IMO kann man von Freiheit der Menschen, nicht jedoch irgendwelcher Mechanismen sprechen.

    Diese Mechanismen sind nun mal komplexe Systeme, in denen Menschen die Hauptakteure sind. Insofern ist das Fehlen von Spielregeln für die Akteure auch ein Fehlen der Regeln für den Mechanismus. Das mag jetzt systemtheoretischer Unfug sein, aber Du weisst ja, was ich meine ;-)

    Was bedeutet genau Allokation in diesem Kontext?

    Die Verteilung von Produktionsfaktoren.

    Warum soll das gut sein, bzw. für wen und für wie lange?

    Für den Besitzer der Produktionsfaktoren und den Verteiler (Distributor). Beide haben maximalen Profit.
    “Wie lange?” Das ist ein Punkt, den die Freimarktradikalen ausblenden. Sie phantasieren von einem ewigen Aufschwung.

    Mechanismen sind nur Mechanismen. Erstens, sind sie nicht gottgegeben.

    … das habe ich auch nicht behauptet …

    Zweitens, wenn Menschen darauf zurückgreigen - in welcher Form auch immer, müssen sie für die Menschen etwas bezwecken. WAS? Für WEN?

    Anreiz eines Produzenten eines Gutes ist in einem hocharbeitsteiligen Wirtschaftssystem das Erzielen eines höchstmöglichen Tauschgegenwertes aka Gewinn. Das erreicht er mittels dieser Mechanismen. Das diese Mechanismen in diesem Kontext für die meisten Marktteilnehmer eher negativ zu bewerten sind, steht außer Frage.

    Es steckt noch zuviel Ideologie hinter den Wirtschaftswissenschaften.

    Gut das Du “hinter” und nicht “in” geschrieben hast.

    Markt bzw. seine vermeintliche Freiheit ist kein Selbstzweck. Das muss sich jeder Marktadept auf der Stirn schreiben.

    Da gebe ich Dir zu 100% recht. Ich bin auch sicher kein Marktadpet, dennoch halte ich das Grundprinzip der Ressourcenverteilung über den Markt für das beste mir bekannte. Dies schliesst einige Güter allerdings aus, bei denen eine Verteilung über den Markt menschenrechtswidrig wäre, so die Grundversorgung.

    Gruß,
    COPOKA

    Gruß auch Dir
    Jens


  40. · COPOKA am 11. Juni 2007 um 16:18 - Permalink

    Sag mal, wie machst du die hübschen Hochkommatas?
    Was ist hier in der Text-Box überhapt an Formatierungen zulässig?
    Wo gibt’s das nachzulesen?

    Auf Inhalt komme ich später zurück.

    V.


  41. · Spiegelfechter am 11. Juni 2007 um 16:44 - Permalink

    @42 COPOKA

    Das geht über HTML-Tags.

    In diesem Falle ist das der “blockquote”-Tag. Auch Schriftformatierung, Bilder und Links werden über HTML-Tags unterstützt.


  42. · Nurleute am 11. Juni 2007 um 18:44 - Permalink

    @41 Spiegelfechter, ich stimme dir in allem zu. Leider wird “freier Markt” oft mit Maßnahmen in Verbindung gebracht, die nichts mit einem freien Markt zu tun haben.

    Auch medizinische Unterversorgung, z.B. in der dritten Welt, hat etwas mit freiem Marktzugang zu tun. Zum einen wird den Menschen der Zugang zu offenen Märkten verwehrt. Sie wären in vielen Bereichen wesentlich wettbewerbsfähiger als wir, aus offensichtlichen Gründen. Jeder Mensch hat etwas anzubieten (oder fast jeder). Also hat er Geld, um damit z.B. billige Medizin zu bezahlen.

    Eigentlich könnte man in Afrika mit billiger Medizin viel Geld verdienen. Aber die westlichen Pharmakonzerne verstehen es, den Marktzugang für Neueinsteiger zu blockieren, nicht mit ökonomischen, sondern politischen Mitteln. Das ist das Gegenteil von liberal, auch wenn die Liberalen es selbst nicht verstehen.

    Eine völlige Gleichheit in der Gesundheitsversorgung wird es jedoch nie geben. Es würde einen Stillstand (wahrscheinlich sogar Rückschritt) der medizinischen Versorgung für alle bedeuten. Du würdest sie der Dynamik berauben.

    Jede bedeutende Errungenschaft (geschnittenes Brot eingeschlossen) konnte der breiten Masse nur zugänglich gemacht werden, indem zunächst wenige bereit waren, viel Geld zu bezahlen.

    Hier kommt der Neid ins Spiel. Da Neid aber eine menschliche Eigenschaft ist, ist es Aufgabe der Politik, darauf zu achten, die Ungleichheit nicht zu groß werden zu lassen. Abschaffen darf sie sie nicht.

    Wenn man das Prinzip des freien Marktzugangs nur konsequent genug auf alles, einschließlich dem Kapitalmarkt, anwendet, kann das das Gesicht des Kapitalismus verändern.


  43. · Spiegelfechter am 11. Juni 2007 um 19:48 - Permalink

    @44 Nurleute

    Man muß hier auch zwischen der normalen Diskussion und der Fachdiskussion trennen. Natürlich wird der Begriff “freier Markt” in der normalen Diskussion falsch verwendet - das liegt alleine schon an der positiven Konotation des Wortes “frei”. Auch der Begriff “Neoliberalismus” wird in der täglichen Diskussion falsch verwendet. Die Marktapologeten und Martkradikalen vertreten mitnichten neoliberale sondern wirschaftslibertäre Ansichten. Hier kommt die Ideologisierung der Wirtschaftswissenschaften ins Spiel, von der COPOKA sprach.

    Inwieweit die medizinische Unterversorgung in Drittweltstaaten etwas mit dem freien Marktzugang zu tun hat, möchte ich mal bezweifeln. Natürlich fehlt diesen Staaten der freie Marktzugang zu den reichen Märkten, das ist klar. Aber wenn dies mit einem freien Marktzugang in den heimischen Märkten gekoppelt wird (das ist ja die IWF-Linie) sieht die Situation noch schlechter aus. Hier liegt ein eindeutiges Marktversagen (aus ethischer Sicht) vor. Daher wäre ich mit dem Begriff “freier Markt” für afrikanische Staaten auch sehr vorsichtig. Afrika braucht keine gleichen Chancen, da würde es untergehen, sondern bessere Chancen als z.B. die OECD-Staaten - nur mit einem Anschub, der aus Reglements bestehen muß, die Afrika bevorzugen, ist dies möglich.


  44. · COPOKA am 12. Juni 2007 um 01:47 - Permalink

    @41, Spiegelfechter

    Ein vorhandener Produktionsfaktor (Gesundheitsvorsorge) wird (im o.g. Beispiel) gewinnmaximiert eingesetzt, ohne das ein Eingreifen eines Regulators einen Marktteilnehmer schädigen würde. Im Sinne der Zuordnung knapper Ressourcen ist dies produzentenseitig gut.

    Na prima! Ich habe mir lange überlegt, was ich dieser Beschwörung abgewinnen kann …
    1. Ist für mich Gesundheitsvorsorge keinen Produktionsfaktor, sondern ein Produkt oder Dienstleistung, wenn man so will (ich versuche das Ganze aus VWL-Sicht zu betrachten);
    2. Gewinnmaximiert. Was ist hier Gewinn, für wen?
    3. “…ohne das ein Eingreifen eines Regulators einen Marktteilnehmer schädigen würde” - Huch! :))
    4. Welche Ressourcen sind hier knapp, bzw. werden für Gewinnmaximierung verknappt?

    Irgendwie werde ich daraus nicht schlauer.

    Ich schätze, du besteigst hier viel zu abstraktes Niveau in Rahmen einer Lehre, ohne uns mitzuteilen, welche es ist - =Für Erinnerung= . Aber so hoch wollten wir gar nicht aufsteigen, es ging zunächst mal “nur” um den Markt und seine Freiheit, die ich für ziemlichen Unfug und frei auslegbaren Euphemismus halte - jeder nach seinem Fasson und seinen Interessen.

    Erstens, ist der Markt keine eigenständige Entität in sozialer Wirklichkeit. Das ist sie nur in unserer magischen Vorstellung von der Realität. An sich ist der Markt ein (irgendwie geregelter) Teil zwischenmenschlicher Beziehungen, die aus Sicht einiger Wirtschaftswissenschaftler und Politiker von besonderer Bedeutung in Hinsicht auf Produktion oder Leistung sind. Wobei mit “Produktion oder Leistung” hier wieder Wirrwar gestiftet und gesteigert wird - je nach Standpunkt kann man sich verschiedene Gewinne und Gewinner wie auch Verlierer vorstellen. Ganz ohne Verlierer geht wahrscheinlich nur in heiler Vorstellung der Wirtschaftsalchemisten und -Magier vor. Von daher würde ich in diesem Kontext (siehe Link oben) gar nicht nicht von der Theorie der Wirtschaftswissenschaften” sprechen, geschweige schon von (un)gesundem Markt. Was für Herrn Klaus Esser kerngesund ist, sieht für mich wie ein Krebsgeschwür aus.

    Also halten wir zunächst mal fest, dass das, was wir unter dem Begriff Markt aus der sozialen Realität herausdifferenzieren, nur ein Teil zwischenmenschlicher Beziehungen ist. U.z. solcher, die in Hinsicht auf Produktivität oder Selbstversorgung der Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist - ist auch mehr oder weniger eine Ansichtssache, sprich Ideologisierung.

    Es geht dem BWLer um eine Gewinnmaximierung und nichts weiter - das Einfluss ein Mittel zu Zweck sein kann, steht außen vor.

    Klar geht es ihm um Gewinnmaximierung, u.z. um Maximierung seines Gewinns. Und je nach seiner Lage am Markt wird der BWLer mal eine mal andere Disposition des Marktes als (un)gesund empfinden(!). Ungesund ist alles, was Position oder Gewinne seines Betriebes schwächt. Die Vorstellung von dem Merkt kann gar nicht unideologisch sein.

    Die “Freiheit” des Marktes besagt, daß jedermann produzieren kann, was er mag.

    Fein. D.h. im Endeffekt, dass es in deiner Interpretation(!) doch um ganz konkrete Freiheit der Marktteilnehmer, sprich Menschen, geht. Nur ist es leider genau das Gegenteil davon, was uns auf großem Propagandatablett als “Freie Märkte” zu jedem Frühstück aufgetischt wird. Diese Denke besagt nämlich, dass jeder Teilnehmer des freien Marktes jeden Elefanten mit seinen Gußtöpfen in eigenen Porzellanladen hereinlassen muss, damit die Freiheit des Marktes gewährt bleibt. Dass die Freiheit diesmal von Elefanten definiert wurde, sollte dabei klar sein.

    > Wovon soll er eigentlich frei sein? Von Eingriff des Staates?
    >
    So lange er sich an die Reglements hält ja. Die Art und Weise der Reglements ist es, die hier interessiert.

    Und wer stellt bitte die Reglements auf? Wer passt darauf, dass sie angehalten werden? Wer löst unvermeidbare Konflikte und bestraft jene, die sich nicht daran halten? Wonach schreien am lautesten die angebissenen Globalplayer?

    Wenn die Reglements sich ganz “frei” konventionell herausbilden sollen, so gilt automatisch das Recht des Stärkeren (was wir auch weitgehend beobachten können), der diese Reglements im Endeffekt auch aufstellt. Wer brüllt ja g’rade am lautesten von freien Märkten und Freiheit allgemein? Eben!
    Sind Marktteilnehmer, außer paar Elefanten, bei derart Freiheit noch frei in dem Sinne, wie du es oben definiert hast? Keinesfalls!

    Wie definierst Du Freiheit? Als Ideal, das möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen sollte oder als grundlegende Regel.

    Gar nicht. Freiheit im allgemeinen ist m.E. ein Unfug.
    Freiheiten sind immer konkret, für ganz konkrete Menschen oder soz. Gruppen. Und diese kann man, wie ich denke, gar nicht ideologiefrei definieren. Für Globalplayer ist “die Freiheit” ihre Freiheit ihre Gewinne zu maximieren und alles zu zertrampeln, was ihnen im Wege steht. Für mich wäre Freiheit z.B. die Freiheit diese Player möglichst fern von meinem Leibe zu halten und nicht nach Regeln tanzen zu müssen, die sie dem Rest der Gesellschaft aufzwingen. Eigentlich wäre es Aufgabe des Staates diese Player der Gesellschaft vom Leibe zu halten, nur sind die Staaten selber alles andere als frei von Einflüssen dieser Player.

    Freiheit ist per se nichts positives oder negatives, sondern das schlichte Fehlen von Behinderungen.

    So einfach ist es also ;)
    Und Generationen von Denkern haben sich ihre Zähne daran ausgebissen.
    Ich bleibe lieber dabei - Freiheit i.a. ist ein Unfug.

    > Was bedeutet genau Allokation in diesem Kontext?
    >
    Die Verteilung von Produktionsfaktoren.

    Also sind wir einfach bei effektivster (Um)Verteilung zu eigenen Gunsten angelangt ;)

    Anreiz eines Produzenten eines Gutes ist in einem hocharbeitsteiligen Wirtschaftssystem das Erzielen eines höchstmöglichen Tauschgegenwertes aka Gewinn.

    Mittlerweile geschieht das Erzielen des höchstmöglichen Tauschgegenwertes aka Gewinns ganz ohne Produktion. Also das beste Beispiel eines real existierenden freien Marktes wäre z.B. Privatisierung aller Gewässer in Bolivien. Stimmt?

    Gut dass Du “hinter” und nicht “in” geschrieben hast.

    Ich kann mich immernoch korrigieren :p

    … dennoch halte ich das Grundprinzip der Ressourcenverteilung über den Markt für das beste mir bekannte.

    Du meinst deine Vorstellung von dem Markt.
    Aber ich denke es geht im Endeffekt um ganz konkrete Freiheiten konkreter Menschen und gesellschaftliche Methoden, diese zu gewährleisten. D.h. diese gegenüber den Stärkeren zu schützen

    Aber “den Markt” halte ich immernoch für ziemlich idiologilastiges und realitätsfernes Kopfkonstrukt.

    Gruß,
    COPOKA


  45. · Nurleute am 12. Juni 2007 um 10:01 - Permalink

    @48 COPOKA

    Ich glaube, dass Du und ich in vielen Dingen eigentlich nicht unterschiedlicher Meinung sind. Das Problem ist, dass das was Du als freien Markt bezeichnest, für mich das Gegenteil von freiem Markt ist.

    Genau diese Tatsache macht die Diskussion immer wieder so schwierig.

    @45 Spiegelfechter

    Es gibt Pharmakonzerne, die in Afrika viel Geld mit Generika verdienen. Aber das sind zum großen Teil indische Pharmakonzerne, die sich um das (politisch durchgesetzte) europäische Patentrecht nicht scheren.

    Afrika braucht nicht bessere Chancen. Es braucht einfach nur Chancen. Viele afrikanische Staaten sind meilenweit davon entfernt, gleiche Chancen zu haben. Von mir aus sollen sie auch bessere Chancen bekommen. Aber mir erscheint es sinnlos über bessere Chancen zu sprechen, solange wir ihnen systematisch alle Chancen zerstören. Es ist ein Irrglaube, sie würden ökonomisch nicht von allein auf die Beine kommen. Das hat ausschließlich politische Gründe.

    Siehe Subventionen Version EU
    nurleute.b...


  46. · Spiegelfechter am 12. Juni 2007 um 11:53 - Permalink

    @48 COPOKA

    Ich schätze, du besteigst hier viel zu abstraktes Niveau in Rahmen einer Lehre, ohne uns mitzuteilen, welche es ist []

    Du kannst natürlich die Wirtschaftswissenschaften als solche kategorisch für eine Fehllehre halten - dann brauchen wir aber nicht über die Definition des “freien Marktes” in den Wirtschaftswissenschaften und seine Instrumentalisierung durch die Politik zu diskutieren.

    Aber so hoch wollten wir gar nicht aufsteigen, es ging zunächst mal “nur” um den Markt und seine Freiheit, die ich für ziemlichen Unfug und frei auslegbaren Euphemismus halte

    Das ist klar, wenn Du die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften ablehnst. Das ist Dein gutes Recht.

    Erstens, ist der Markt keine eigenständige Entität in sozialer Wirklichkeit. Das ist sie nur in unserer magischen Vorstellung von der Realität.

    Da hast Du natürlich recht.

    An sich ist der Markt ein (irgendwie geregelter) Teil zwischenmenschlicher Beziehungen, die aus Sicht einiger Wirtschaftswissenschaftler und Politiker von besonderer Bedeutung in Hinsicht auf Produktion oder Leistung sind. Wobei mit “Produktion oder Leistung” hier wieder Wirrwar gestiftet und gesteigert wird - je nach Standpunkt kann man sich verschiedene Gewinne und Gewinner wie auch Verlierer vorstellen. Ganz ohne Verlierer geht wahrscheinlich nur in heiler Vorstellung der Wirtschaftsalchemisten und -Magier vor. Von daher würde ich in diesem Kontext (siehe Link oben) gar nicht nicht von “der Theorie der Wirtschaftswissenschaften” sprechen, geschweige schon von (un)gesundem Markt. Was für Herrn Klaus Esser kerngesund ist, sieht für mich wie ein Krebsgeschwür aus.

    Darum geht es doch hier auch nicht. Das Du Herrn Esser und die “Marktschreier” kritisierst, ist vollkommen richtig. Dies kann man von vielen Seiten her - ich versuche es auf der wirtschaftswissenschaftlichen Schiene. Das Du dies für Unfug hältst, bleibt Dir belassen. Vielleicht interessiert es Dich aber am Rande, daß auch innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Logik, Esser und die “Marktschreier” keinesfalls korrekt argumentieren ;-)

    Klar geht es ihm um Gewinnmaximierung, u.z. um Maximierung seines Gewinns. Und je nach seiner Lage am Markt wird der BWLer mal eine mal andere Disposition des Marktes als (un)gesund empfinden(!). Ungesund ist alles, was Position oder Gewinne seines Betriebes schwächt.

    Und ebenso argumentieren Esser und die Volkswirte der Großbanken - hier geht es nicht um eine “gesunde” Volkswirtschaft sondern um einen politischen Eingriff auf die Stellschrauben des Marktes, der für gewisse Marktteilnehmer optimal ist.

    Die Vorstellung von dem Merkt kann gar nicht unideologisch sein.

    Da bin ich anderer Meinung … aber das führt zu weit.

    Die “Freiheit” des Marktes besagt, daß jedermann produzieren kann, was er mag.

    Fein. D.h. im Endeffekt, dass es in deiner Interpretation(!) doch um ganz konkrete Freiheit der Marktteilnehmer, sprich Menschen, geht.

    Ja sicher.

    Nur ist es leider genau das Gegenteil davon, was uns auf großem Propagandatablett als “Freie Märkte” zu jedem Frühstück aufgetischt wird.

    Ganz genau - und daher versuche ich ja auch den Unterschied zwischen der Theorie des freien Marktes und der Interpretation der Marktschreier herauszustellen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Und wer stellt bitte die Reglements auf? Wer passt darauf, dass sie angehalten werden? Wer löst unvermeidbare Konflikte und bestraft jene, die sich nicht daran halten? Wonach schreien am lautesten die angebissenen Globalplayer?

    Genau hier liegt das Kernproblem, das ich im Text angesprochen habe - dies ist Aufgabe des Staates bzw. der Staatengemeinschaft und ist im Interesse sowohl der Bürger dieser Staaten (wenn wir die 0,irgendwas Prozent der Alpha-Menschen mal herauslassen) als auch einer gesunden Volkswirtschaft dieser Staaten.

    Wenn die Reglements sich ganz “frei” konventionell herausbilden sollen, so gilt automatisch das Recht des Stärkeren (was wir auch weitgehend beobachten können), der diese Reglements im Endeffekt auch aufstellt. Wer brüllt ja g’rade am lautesten von freien Märkten und Freiheit allgemein? Eben!

    Richtig - dies ist Freiheit im Sinne des Naturzustandes von Hobbes (bellum omnium contra omnes), bei der der Stärkere sich durchsetzt.

    Sind Marktteilnehmer, außer paar Elefanten, bei derart Freiheit noch frei in dem Sinne, wie du es oben definiert hast? Keinesfalls!

    Natürlich nicht, drum fragte ich ja auch “Wie definierst Du Freiheit? Als Ideal, das möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen sollte oder als grundlegende Regel.”

    Also sind wir einfach bei effektivster (Um)Verteilung zu eigenen Gunsten angelangt ;)

    Wenn Reglementierungen fehlen … ja! Darum kritisiere ich dies ja auch.

    Mittlerweile geschieht das Erzielen des höchstmöglichen Tauschgegenwertes aka Gewinns ganz ohne Produktion. Also das beste Beispiel eines real existierenden freien Marktes wäre z.B. Privatisierung aller Gewässer in Bolivien. Stimmt?

    Nein, stimmt nur dann, wenn Du selbst die Interpretation eines “freien Marktes” der Marktschreier als Basis nimmst. Dies hat mit einem “freien Markt” aber so viel zu tun, wie Bushs “Demokratie”, die er in die Welt tragen will mit unserem Verständnis von Demokratie. Und wenn Du Bushs Exegese kritisierst, greifst Du ja auch nicht den Demokratiegedanken als solchen, sondern nur den Missbrauch des Begriffes an - oder?

    Aber ich denke es geht im Endeffekt um ganz konkrete Freiheiten konkreter Menschen und gesellschaftliche Methoden, diese zu gewährleisten. D.h. diese gegenüber den Stärkeren zu schützen

    Und hier kommen wir zum “freien Markt” ;-)
    Da dieser Behinderungen des Marktes nicht duldet - Monopolisten, Hedge-Fonds, Aktienspekulanten, Global-Player mit zu viel Marktmacht sind allerdings Behinderungen des Marktes und stellen in vielen Fällen ein Marktversagen dar, gegen das von Seite der Reglementatoren (ergo des Staates, also uns) vorgegangen werden muss. Diejenigen, die dies ablehnen benutzen den Begriff “Marktfreiheit” in einer sehr eingeschränkten Art und Weise, die nicht Common Sense in der Volkswirtschaftslehre ist, sondern nur in bestimmten Schulen der VWL gedacht wird (Österreicher Schule, Libertarismus).

    Gruß,
    COPOKA

    Gruß,
    Jens


  47. · COPOKA am 12. Juni 2007 um 16:24 - Permalink

    @50
    > Du kannst natürlich die Wirtschaftswissenschaften als solche kategorisch für
    > eine Fehllehre halten - dann brauchen wir aber nicht über die Definition des
    > “freien Marktes” in den Wirtschaftswissenschaften und seine
    > Instrumentalisierung durch die Politik zu diskutieren.
    Damit wir nicht völlig aneinandervorbei reden - ich halte die Wirtschaftswissenschaft_en_ keinesfalls für überflüssig, unnütz oder gar schädlich, da einigermassen gesicherte Erkenntnisse jeglicher Art nie schädlich seien können. Das ist es nicht. Und fehl sind mehr oder minder alle Lehren, ausnahmslos - das sind Grundlagen der [... von mir bevorzugten ;) ] Erkenntnistheorie, die selbstverständlich auch nicht unfehlbar ist, weil eben auch nur eine Lehre.

    Nur bei den Wirtschaftswissenschaften gibt’s ein riesen Hacken, der mich nicht in Ruhe lässt.

    In Russland gab’s früher (wieß nicht, wie’s damit ggwg aussieht) ganz klare Trennung zw. Ökonomie (BWL-Pendant) und Politökonomie (VWL-Pendant). Und Russen haben damals nie ein Hehl daraus gemacht, dass die Politökonomie alles anderes als ideologierfrei ist - sie muss es zwangsläufig sein, ob wir das wollen oder nicht, weil Politik und Ökonomik nicht zu trennen sind - zwei Seiten einer Medaille. Daher ist es auch konsequent, sich dessen Bewusst zu sein und sich dazu klar zu bekennen. Eben dieses Polit- VOR der Ökonomie sagt schon einiges darüber aus. Das war m.E. zumindest aufrichtig.

    Im Westen, darunter auch in De., werden die Wirtschaftswissenschaften wie auch diverse Vorstellungen von “dem” Markt vor allem als Wissenschaften bzw. deren Erkenntnisse verkauft. Das “Polit-” vor der Ökonomie wie auch hinter dem “Polit” zwangsläufig schwingende Ideologie wird geflissentlich aus dem Bewußtsein in Hintergrund verdrängt - die Wirtschafts-WISSENSCHAFT-en eben.
    Du wirst wohl nicht bestreiten wollen, dass es doch ein wesentlicher Unterschied zw. “Wahrheiten” über den Markt gibt, die von ifW-Kiel, ifo-Münschen oder IWG-BONN verkündet werden.

    > … Vielleicht interessiert es Dich aber am Rande, daß auch innerhalb der
    > wirtschaftswissenschaftlichen Logik, Esser und die “Marktschreier”
    > keinesfalls korrekt argumentieren ;-)
    Das weiss ich auch.

    Aber nimmt der real existierende Markt, sofern er existent ist, irgendeine Notiz von korrekter wirtschaftswissenschaftlichen Logik wahr? Im übertragenem Sinne, versteht sich.
    Die Parteien - je nach ideologische Ausrichtung, lassen sich durch Wirtschaftsinstituten oder “Experten” ihrer Wahl beraten und greifen nach ihrem Gutdünken und erzielten Kompromissen regulierend in “den Markt” ein, damit es ihm oder “der Wirtschaft” gut bzw. besser gehe. Kann man bei solchen Eingriffen noch von irgendwelchen Restbeständen ebendieser wirtschaftswissenschaftlichen Logik noch reden? Durch solche Eingriffe bekommt “der Markt” zwar von der “Logik” was mittelbar ab, reagiert darauf allerdings nicht so, wie es von beratenden “Wissenschaftlern” erwartet oder erhofft wurde. Eigentlich wurde es überhaupt nicht dafür eingegriffen, um die Wirkungen zu erzielen, von denen sich die Wissenschaftler ihre Köpfe zerbrachen - Parteienbosse und ihre Einflüsterer haben ihre eigenen Vorstellungen von gut oder schlecht, richtig oder falsch.

    > > Die Vorstellung von dem Markt kann gar nicht unideologisch sein.
    > Da bin ich anderer Meinung … aber das führt zu weit.
    Und wenn ich sage, dass die Vorstellung von dem Markt gar nicht unpolitisch (sprich wertefrei) seien kann, wärst du damit einverstanden? :)
    Möglicherweise legen wir den Begriff “Ideologie” verschieden aus.
    Ideiologiefreie Politik ist für mich so etwa wie trockenes Wasser oder heißer Schnee :)

    > … daher versuche ich ja auch den Unterschied zwischen der Theorie des
    > freien Marktes und der Interpretation der Marktschreier herauszustellen -
    > nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    So habe ich dein Anliegen u.a. auch verstanden. Auf diesem Hintergrund frage ich mich allerdings, wie konstruktiv die besten und korrektesten Vorstellungen von dem Markt überhapt noch seien können. Die Realität lässt sich nicht mal den “besten” und korrektesten Analysen und Logiken unterordnen - weder jetzt noch künftig. Daher sind und bleiben die schönsten und korrektesten Theorien und Begrifflichkeiten auf alle Ewigkeit in den Köpfen ihrer Erfinder herumspuken. Sieht man jedoch an, wie viel Unheil durch Mißbrauch solcher Begriffe angerichtet wird, so liegt es nahe, auf solche Begrifflichkeiten und Theorien in unserem politischen Handeln ganz zu verzichten.

    Ich hab mal früher so ein Spruch gehört/gelesen: Wenn die Regierenden den Staat Vaterland und die Staatsbürger das Volk nennen, so haben sie ganz gewiß mal wieder eine riese Sauerei vor.
    Heute würde ich es anders paraphrasieren: Wenn die Regierenden von der Demokratie, Freiheit und gesunder oder starker Wirtschaft reden, …
    Nichts lässt sich besser als abstrakte Begriffe für allgemeine Verwirrung mißbrauchen, um partikuläre Interessen aus Machtzentralen am effektivsten zu verfolgen.

    Von daher, wie ich mittlerweile denke, müssen politische Ziele immer sehr konkret sein. Dann und nur dann lassen sie sich vermitteln, werden verstanden und lassen sich auch realisieren. Das ist das Fazit, das ich mir aus deinem Artikel gezogen habe.

    Auf den Rest kann ich jetzt leider nicht mehr eingehen - der Text hängt schon einige Stunden “in der Luft”.

    MfG
    COPOKA


  48. · Spiegelfechter am 12. Juni 2007 um 17:08 - Permalink

    @COPOKA

    Ich gebe Dir größtenteils recht … jetzt, da ich verstehe, was Du meinst ;-)

    Du machst es Dir nur zu einfach, die VWL als reine politische Wissenschaft einzuordnen. Im Gegenzug habe ich vielleicht den Eindruck erweckt, die VWL sei eine “reine” Wissenschaft - das ist sie nicht!. Sie ist natürlich ein politisches Instrument - keine Frage. Dennoch beruht sie in Teilen auf klaren “Gesetzmäßigkeiten” - die (ebenfalls in Teilen) sicher nicht frei von Fehlern sind. Dennoch ist der theoretische Marktbegriff relativ ideologiefrei. Was man daraus macht, steht auf einem anderen Blatt.
    Ansonsten kann ich Dir weitestgehend zustimmen - über Petitessen sollten wir uns auch nicht weiter streiten, da wir prinzipiell einer Meinung sind.


  49. · COPOKA am 12. Juni 2007 um 22:10 - Permalink

    @49, Nurleute

    > Ich glaube, dass Du und ich in vielen Dingen eigentlich nicht
    > unterschiedlicher Meinung sind. Das Problem ist, dass das was Du als freien
    > Markt bezeichnest, für mich das Gegenteil von freiem Markt ist.

    Das eigentliche Problem ist, dass ich gar nicht weiss, was freier Markt ist. Das nächste Problem besteht darin, dass es sich i.a. gar nicht klären lässt, was ein “freier Markt” ist, weil der Begriff zu einer euphemistischen Floskel verkommen ist oder dazu verhunzt wurde und dass damit in wirklichem Leben ganze Menge Unheil angerichtet und rechtfertigt wird.

    Stell dir nur vor, als ich heute von Arbeit nach Hause fuhr und einer Sendung auf d-radio zuhörte, fiel der Begriff mindestens ein halbes Dutzend mal. Es ging in der Sendung von Sklaven- und Kinderarbeit, von unerträglicher Armut und nacktem Überleben der Bevölkerung in s.g. 3.Welt-Ländern nach “Befreihung” ihrer Märkte. Auch davon, dass z.B. in Ägypten die Lehrer nach Einführung des “freien Marktes” weniger als Kinder auf auf den Feldern verdienen und daher den Stellenwert der Bildung im Lande ins Bodenlose abgesackt hatte. Aber das ist dir auch nicht neu.

    Es ist schier unerträglich, was für ein ideologischen Schund damit getrieben wird. Sicherlich lässt es in einzelnen Fällen klären, was einer oder der andere damit meint, wenn er von freiem Markt spricht. Aber auch in den seltenen Ausnahmefällen, wenn Leute damit etwas durchaus konkretes aus den Wirtschaftwissenschaften meinen, lässt damit, praktisch gesehen, recht wenig anfangen oder erreichen.

    MfG
    COPOKA


  50. · softanarcho am 13. Juni 2007 um 09:17 - Permalink

    Danke für deinen Artikel, der mir sehr gut gefallen hat. Vor Allem die Idee mit den -ich nenne es mal- “Ausnahmen vom Grundgesetz” in Bildform ist genial. Da kann man gar nicht oft genug darauf hinweisen.

    So etwas gehört auf alle Plakatwände in Deutschland!

    softanarcho


  51. · Nurleute am 13. Juni 2007 um 09:26 - Permalink

    @53 COPOKA

    Friedrich Nietzsche schrieb einmal:

    Der wirkliche Machtinhaber der Zukunft wird der sein, der neue Sprachregelungen durchsetzen kann.

    Dass die Sprache ein mächtiges Werkzeug ist, wissen natürlich auch die Politiker. Daher haben sie die Begriffsverdrehung zu ihrer Spezialität gemacht.

    Konfuzius aber hat gesagt:

    Wenn die Wörter ihre Bedeutung verlieren, verlieren die Völker ihre Freiheit.

    Daher hier mein Versuch einer Definition:

    Marktwirtschaft ist die “natürliche” Ordnung, die automatisch immer dann entsteht, wenn Menschen sich auf freiwilliger Basis (bei Abwesenheit von Zwang und Machtansprüchen) begegnen.

    Obwohl sich manche Marktwirtschaftler als Anthroposophen bezeichnen, gibt es das aber nirgends auf der Welt. Deshalb kann man Marktwirtschaft auch als Theorie bezeichnen. Jeder Eingriff fordert weitere korrigierende Eingriffe, welche wiederum weitere korrigierende Eingriffe erfordern, so die Theorie.

    Da die massivsten Eingriffe kaum entfernbar sind, wie etwa staatliches Geldmonopol, Teildeckungsbankwesen (das in einem “freieren” Markt wohl als Betrug betrachtet werden würde) und das daraus resultierende Fiat-Money, wird die Theorie zur Ideologie, wenn man die Entfernung korrigierender Eingriffe tatsächlich fordert.

    Daher ist die Forderung nach völlig freien Märkten von ernstzunehmenden Marktwirtschaftlern nicht wirklich wörtlich sondern eher als Botschaft aufzufassen.

    Eine der Botschaften ist, dass viele regulierende Maßnahmen auf den ersten Blick vielleicht sinnvoll sind, sich aber langfristig als kontraproduktiv herausstellen. Ist es sinnvoll, den Arbeitsmarkt weiter einzuschränken oder kann man darüber nachdenken, wie überhaupt erst ein echter Arbeitsmarkt entsteht (ein Arbeitnehmer hat auch die Möglichkeit ein “Arbeitsangebot” abzulehnen)?

    Marktwirtschaft hat aber auch etwas demokratisches. Theoretisch (!) ist es eine Demokratie des Verbrauchers. Daher ist für mich nicht die Frage nicht nur, ob die Demokratie des Verbrauchers heute funktioniert, sondern vor allem unter welchen Umständen sie funktioniert.

    Ein Beispiel: Transparenz ist eine unabdingbare Vorraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft. Durch viele, viele Gründe sind wir aber heute von einer echten Transparenz oft meilenweit entfernt.

    Wenn z.B. ein Sportartikelhersteller (oder wer auch immer) Kinder produzieren lässt oder Menschen ausbeutet, dann sollte ich als Verbraucher davon wissen und mich umfassend informieren können. Nur dann habe ich überhaupt die Möglichkeit, meine Stimme als Verbraucher zu benutzen.

    Wenn Menschen sich heute nicht dafür interessieren, dann hat das ähnliche Gründe, wie für das polititsche Desinteresse.

    Für mich ist die interessanteste Frage überhaupt, wie kann ich die Transparenz entscheidend verbessern?


  52. · Brechreiz am 13. Juni 2007 um 14:26 - Permalink

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Phänomen der “Erlernten Hilflosigkeit” [1]. Die Irrelevanz der eigenen politischen Entscheidung (Tucholsky: “Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten”) wird ja ganz bewusst kommuniziert, jeder weiß es, jeder soll es wissen.

    Richtig ist in diesem Artikel auch die Darstellung der Mentalität vieler Politiker: Manch einer fragt sich ja angesichts des totalen Gesichtsverlustes der SPD, bis zu welchem Grad sich die Identität einer Partei verflüchtigen kann, ob nicht bald auch in der Spitze die Erkenntnis ankommt, dass man sich selbst überflüssig macht, da es Konkurrenzparteien gibt, die law&order und Neoliberalismus wesentlich konsequenter angehen und auch der letzte Kumpel bald nicht mehr die frommen Sprüche zu Wahlkampfzeiten fressen wird. Völlig falsche Herangehensweise! Bundespolitiker sind weitgehend austauschbar, fühlen sich vor allem sich selbst, den Interessen ihrer (späteren) Geldgeber und ihrer Karriere verpflichtet. Genau diese Egomanie hat sie im System nach oben gebracht. Mag sein, dass die SPD in ihren Ortsvereinen sozialdemokratisch wie eh und je ist. So what? Ich glaube kaum, dass Gerhard Schröder sich nach seinem Abgang Sorgen um das Image der SPD gemacht hat, als er sich Beraterjobs hat zustecken lassen wie Striptänzerinnen Geldscheine.

    Die einzige Chance, die ich momentan sehe, ist, über die Linkspartei (deren Personal leider mehr als bedenklich ist) bei der nächsten Bundestagswahl der SPD so vor’s Schienbein zu treten, dass die Herren Funktionäre Panik bekommen. Auf einen echten Sinneswandel braucht man wohl nicht zu hoffen, also eher eine taktische Wahlentscheidung. Ich frage mich, was Tucholsky wohl zur SPD von heute sagen würde …

    [1] de.wikiped...


  53. · COPOKA am 13. Juni 2007 um 14:54 - Permalink

    @55, Nurleute

    > … Konfuzius aber hat gesagt:
    > “Wenn die Wörter ihre Bedeutung verlieren, verlieren die Völker ihre
    > Freiheit.”

    Das Phänomen ist also schon etwas länger bekannt ;)

    > Daher hier mein Versuch einer Definition:
    > “Marktwirtschaft ist die “natürliche” Ordnung, die automatisch immer dann
    > entsteht, wenn Menschen sich auf freiwilliger Basis (bei Abwesenheit von
    > Zwang und Machtansprüchen) begegnen.”

    Bedauere, aber ich muss dich enttäuschen - das ist keine Definition. Lediglich eine misslungene Wunschbekundung. Ich kann dir jetzt “natürlich”, “automatisch” und “freiwillig” so auslegen (bewusst umdrehen), dass dir bei Anblick deines Marktes die Haare zu Berge stehen wüden. Da sind wir genau bei dem Phänomen wieder ;)

    Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass ein “gesunder” Staat sich überhaupt aus “dem Markt” oder “der Wirtschaft” heraushalten soll, genauso wie er keine ***ismen anstreben dürfte. Idealer Staat soll politisch neutral bleiben und sich um keine abstrakte Dinge “kümmern”. Aufgabe des Staates ist Zusammenhalt und Balance der Gesellschaft, mehr eigentlich nicht. So eine Art Homeostat für die Gesellschaft: die Reglements sollen eigentlich gewährleisten, dass keine soz. Schicht zu hoch aufsteigt oder in Dreck hineingetrampelt wird. Wohin und wie sich die Gesellschaft entwickeln sollte, soll die Gesellschaft selbst und nicht der Staat entscheiden. Alles andere lässt sich daraus ableiten. Der Staat ist also ein Mechanismus, der primär auf diese einzige Aufgabe ausgerichtet ist. Erfüllt er sie nicht, so hat er versagt.

    Wenn es z.B. einer politischen Kraft gelingen sollte, die Gesellschaft zu überzeugen den Staat mit Aufgabe eines bedingungslosen Einkommens (durch Legislative/Parlament) zu betrauen, so soll es Aufgabe des Staates (also der Exekutive/Regierung) sein, das zu implementieren und es aufrecht zu erhalten. Diese Aufgabe würde auch nicht konträr zu seiner primären Aufgabe (also seinem Zweck) stehen - ganz im Gegenteil. Und die Mittel dafür treibt der Staat wie gewohnt auf - durch Steuer. Wie genau sie jetzt aufgetrieben werden müssten, um die Balance in der Gesellschaft nicht zu stören, soll u.a. Aufgabe für Wirtschaftswissenschaft sein. Und da können sich die Wirtschaftswissenschaftler soviel Gedanken über den Markt machen, wie sie es für nötig halten. Stagniert nach Umsteuerung die Wirtschaft, so haben die Wirtschaftswissenschaftler mit ihren Kopfkonstrukten versagt. Darüber sollte sich werder Parlament noch die Regierung ihre Köpfe zerbrechen - besser als die Profis können sie es sowieso nicht machen.
    Für feststellung der Tatsache, dass Voraussetzungen für Grundeinkommen gegeben sind, reicht elementare Logik und Tatsachenanalyse.

    Schönen Tag noch
    COPOKA


  54. · khh am 13. Juni 2007 um 22:03 - Permalink

    Tucholsky hat gesagt: „Sprache ist Gesinnung“.
    Nehmen wir nur mal das Wort “frei” (dazu haben Marx/Engels auch einige gute Beiträge geschrieben - leider gab´s damals noch keine Blogs).

    Was will man denn mit “freie Marktwirtschaft” sagen? Na, zum Beispiel dass die Märkte frei zugänglich sein müssen. Dass sich das Kapital frei (ohne Einschränkungen) bewegen darf (darauf achtet Kollege Bush peinlichst). Dass einem keine Beschränkungen auferlegt werden (und man die Umwelt zuscheißen kann).
    Keine Zölle (deshalb EU - doch nicht wegen für den reisefreudigen Bürger). Dass der Staat sich raushalten soll (außer wenn´s etwas zu subventionieren gibt).

    An unserer Penne stand schon vor Jahrzehnten: “Das System hat keinen Fehler! Es ist der Fehler!” Das hat mir gleich eingeleuchtet, auch wenn die emsigen Kollegen von der Arztamkrankenbettdeskapitalismusfront das nie gerne hören.

    Naja, und Herbert Wiesengrund Marcuse hat ja noch einen drauf gelegt mit seinem “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.”

    Wenn ich nicht so abgeschlafft wäre, würde ich jetzt mit
    “Eigenverantwortung” weitermachen, so aber, gute Nacht Deutschland.


  55. · khh am 13. Juni 2007 um 22:20 - Permalink

    Pardon, der hieß natürlich Theodor Wiesengrund Adorno - Mann, dieses Wetter ist wirklich geisttötend! Herbert Marcuse hat auch einige interessante Gedanken entwickelt, zum Beispiel in “Am Ende der Utopie”. Womit wir wieder beim Thema wären.

    Ich habe inzwischen nur die böse Vermutung, dass der Systemfehler im Menschen selber liegt. Fehlprogrammierung.

    Lasse neuerdings verlautbaren, dass auch ich bestechlich bin und ab einer dreistelligen Millionsumme eventuell bereit wäre, meine Klappe zu halten und die freie Welt nicht länger mit meinen Beiträgen zu belästigen. Hat sich aber bisher noch keiner bei mir gemeldet.


  56. · soimar am 13. Juni 2007 um 23:00 - Permalink

    @ 59 khh
    Über diesen Systemfehler habe ich mir auch schon oft den Kopf zerbrochen. Denn oft wurde die Menschheit von vielversprechenden Heilsbringern bitter enttäuscht. Ich glaube der Fehler liegt darin, dass jeder die Welt nur mit seinen Augen wahrnehmen kann. Soll heißen, den Hunger und den Zorn des anderen kann man nicht spüren bis er einem die Keule über die Rübe zieht. Wegen diesem Mangel an Empfindungsvermögen und Wahrnehmung bezweifle ich, dass die “zivilisierte Welt” auf dauer überlebensfähig ist. Wenn wir alle mit rfid Chips ausgestattet werden, könnte man bei der Gelegenheit gleich ein Feature mit einbinden dass beim Träger Unbehagen auslöst sobald sich ein Mensch in Not oder Hilfsbedürftigkeit in der näheren Umgebung aufhält. Das würde dann die Mitmenschen dazu zwingen diesem zu Hilfe zu eilen um den Mißstand zu beseitigen. Der Gedanke ist zwar nocht nicht ganz ausgegoren, aber birgt Chancen für ein völlig neues Bewustsein unseren Mitmenschen gegenüber.


  57. · Nurleute am 14. Juni 2007 um 07:59 - Permalink

    Unsere Moral und unser Verhalten wird ganz wesentlich von unserer Umgebung geprägt. Leider hat all die Gesellschaftsklemptnerei der letzten Jahre nur zu einer Verschlechterung der Umgebung geführt (natürlich nicht, ohne dass sich die Klemptner anschließen über den Moralverfall beschweren).

    Wer eine Verbesserung will, der soll einfach mal mit der Forderung und Überwachung von Transparenz anfangen. Die technischen Mittel dafür sind da, nur nicht die politische Kraft.


  58. · khh am 14. Juni 2007 um 08:11 - Permalink

    Manchmal glaube ich, es liegt an der nicht fertigen Großhirnrinde, die im ständigen Widerstreit mit dem nicht lernfähigen Kleinhirn liegt. Das, was wir erleben, ist reines Kleinhirnwirken, wenn man so will, der Neandertaler ins uns (ja, ich weiß die Abstammung ist nicht korrekt) oder wie Desmind Morris in der 60er Jahren mal titelte “Der nackte Affe”. Wir sind eben nicht so rational und zivilisiert, wie manche glauben möchten. Denn rational ist weder die freie Marktwirtschaft noch das imperiale Tun der Staaten zu erklären.


  59. · COPOKA am 14. Juni 2007 um 10:17 - Permalink

    @soimar & @Nurleute

    Sagt mal, ihr meint das doch nicht im Ernst!? Oder?

    Wenn es “nur” ein makaberer Sarkasmus war, dann habt ihr etwas über das Ziel hinaus geschossen.

    Dass jeder die Welt nur mit “seinen Augen” wahrnehmen kann, ist kein Fehler (der Natur). Wäre es nicht der Fall, so hätte sich die Menschheit schon längst zu Grunde gerichtet.

    Und unsere Moral wie unser Verhalten wird nicht nur im wesentlichen von unserer Umgebung geprägt, sie sind Produkt menschliches Zusammenlebens. Einem Einsiedler fern von der Gesellschaft kann man werder eine Moral noch ein soziales Verhalten beibringen - d