Revolution.com
geschrieben am 24. Januar 2010 von Spiegelfechter
Welchen Einfluss hat das Internet auf die Widerstandskultur des 21. Jahrhunderts?
Birmanische Mönche mit Digitalkamera, chinesische Dissidenten mit Facebook-Account, twitternde iranische Studenten ? all dies sind vielzitierte Beispiele, die belegen sollen, welch revolutionäres Potential die digitale Revolution auch im analogen Leben entfalten kann. Zum “Guten” haben diese onlinegestützten Proteste jedoch nichts verändert ? Birma ist immer noch ein repressiver, autoritärer Staat, in China spielen sich die demokratischen Reformen in Zeitlupe ab und das iranische Regime ist seit den Protesten der Opposition sogar noch repressiver geworden. Doch der digitale Widerstand ist per se nicht prowestlich. In den prowestlichen Diktaturen des Nahen Ostens nutzen Islamisten das Netz zur Kommunikation und Aggregation. Auch die Regierungen haben dazugelernt und bedienen sich der gleichen Instrumente, um Gegenpropaganda zu streuen und Regimegegner zu identifizieren. Die Vorstellung, das Netz würde weltweit zur Demokratisierung und zur Partizipation der Massen führen, sollte endlich auf dem Friedhof idealistischer Träumereien begraben werden.
Twitter ? das Instrument des Widerstands
Während der Unruhen im Umfeld der umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juli letzten Jahres in Iran hatte es den Anschein, als bediene sich die große Oppositionsbewegung plötzlich des Mikrobloggingdienstes Twitter, um sich gegen das vermeintlich gefälschte Wahlergebnis aufzulehnen. Dieser Eindruck täuschte jedoch, wie eine Studie des Web-Analyse-Dienstes Sysomos herausfand. Vor den Wahlen nutzten lediglich 8.654 Iraner Twitter, im Juni stieg diese Zahl auf 19.235 an, wobei diese Zahl mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, da viele Sympathisanten in Europa und den USA ihre virtuelle Herkunft im Twitter-Netzwerk nach Teheran verlegten, um die iranischen Behörden zu verwirren. In einem Land mit rund 23 Millionen Internetnutzern ist dies eine verschwindend geringe Minderheit, die indes in den westlichen Medien als Stimme des Volkes dargestellt wurde. Doch wer zwitscherte da in fließendem Englisch für das Volk? Während am Tag der Wahlen noch die Hälfte aller Tweets mit dem Hashtag #iranelections aus Iran kamen, sank der Anteil eine Woche später der iranischen Tweets bereits auf unter ein Viertel. Sowohl für die Widerstandsgruppen selbst, als auch für internationale Beobachter ist es unmöglich, die Authentizität von Informationen im Twitter-Netzwerk zu verifizieren.
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Also ich will dir nicht generell wiedersprechen, aber was mir an deiner Betrachtungsweise nicht so ganz gefällt ist die Konzentration auf Krisenfälle/-zeiten. Natürlich nutzt einem die digitale Welt nicht viel, wenn kurzerhand die Strippen gezogen werden. Das ist IMO aber auch nur ein sehr kleiner Aspekt, der das Netz ausmacht,
Viel interessanter ist IMO der Alltag, denn hier finden die Veränderungen statt. Der Normalzustand im Iran und anderen Ländern ist nunmal die mehr oder weniger konstante Verfügbarkeit eines Internetzuganges. Zwar gibt es diverse Zensurmassnahmen, aber aus technischer Sicht kann ich mir kaum ein Zensurszenario vorstellen, welches nicht auch unterlaufen werden kann. Einmal durchbrochen steht einem dann der unzensierte Kommunikationsraum im Ausland zur Verfügung. Genau darin sehe ich die grosse Veränderung, die durch das Netz ausgelöst wurde. Wer will, der kann sich Kommunikationsräume dort schaffen, wo ihm die besten Möglichkeiten geboten werden.
Im Ergebnis kann das natürlich erst einmal alles bedeuten. Zum einen bietet es kritischen Zeitgenossen in repressiven Staaten die Möglichkeit Zensur auszuweichen, zum anderen kann es aber halt auch von radikalten Gruppen zur Koordination ihrer kranken Ideen führen. Schlussendlich ist -bei Verfügbarkeit des Netzes- beides nicht zu verhindern. Interessanterweise ist diese Tatsache bei unseren westlichen Staatsführern genauso wenig angekommen wie bei solchen, die am liebsten jede Silbe eines Satzes durch einen Zensurfilter jagen würden.
Es bleibt also, dass die Unterdrückung von Information schwerer geworden ist und das sehe ich persönlich als positiv an. Das sagt natürlich nichts darüber aus, ob Informationen ein breites Publikum finden. Immerhin besteht durch das Netz aber die Möglichkeit dazu.
Weiterhin denke ich, dass wir nach wie vor am Anfang einer Entwicklung stehen. Das Netz ist zwar überall präsent, aber die Möglichkeiten, die es zur Veränderung des Lebens bietet, erscheinen mir nach wie vor enorm… und dabei ist sicherlich vieles, was ich mir heute noch nicht einmal vorstellen kann.
@Jens
‘Mal wieder in bewährter Manier: Treffer! Alle auf einmal versenkt – inkl. der Mehnstriem-Hochgesänge sprich der themabezüglichen Verdummung!
Natürlich isses so: Das Internet iss ein Instrument … nix mehr!
Natürlich isses so: Weltweite Demokratisierung durch Partizipation der (… :-( ) Massen … Humbug!
Et iss wie et iss: Wir vertreiben uns sinnvoll die Zeit (ja, Information iss auch dabei), holen uns gegenseitig einen runter frei nach dem Motto: “Wenn das V***ln doch in Wirklichkeit so schön wär’ wie man’s sich beim W****en vorstellt!”
Dat waret, dat isset, dat wird et sein!
Danke für den sinnvollen Zeitvertreib und einige Informationen.
Beste Grüße
Wenn die Chinesen sich irgendwann entscheiden würden, die kommunistische Regierung wegzufegen, dann werden sie das auch ohne Twitter tun.
Es sieht aber nicht so aus, daß sie das tun wollen oder in nahen Zukunft das tun wollen würden.
Und all diese Twitters und LiveJournals werden von jeweiligen Geheimdiensten a la KGB & Co. unterwandert.
Die Provokateure von FSB ( und/oder belarussischen KGB) stacheln irgendwelche naive Rotznasen zu irgendwelchen Aktionen (z.B. Demonstrationen) an, aber dort warten schon die “sanften Jungs” vom OMON auf die Demonstranten.
Und das passiert immer wieder aufs Neue.
Jens, die Zeiten von klassischen Revolutionen sind längst vorbei und Twitter & Co. werden da auch nicht viel ändern.
Das Gros des chinesischen Volkes (z.B.) ist zufrieden mit seiner (obwohl) undemokratischer Regierung und das ist eine Tatsache, die wir hier nicht kapieren wollen.
Ich haue in eine ähnliche Kerbe wie rossi und argumentiere damit vom eigentlichen Thema des Artikels etwas weg:
Das Informationsangebot nimmt zu. Aber wird es auch wahrgenommen? Bei Massenkommunikationsmitteln werden Nachrichten ganz unterschiedlich bewertet – aber alle kriegen doch mehr oder weniger das gleiche Nachrichtenspektrum – Öffentlichkeit entsteht.
Im Internet werden in einzelnen Communities noch die Mainstreaminhalte aufgegriffen. Aber die Tendenz, dass einzelne Gruppen verstärkt eigene Nachrichten wahrnehmen, ist schon zu beobachten. Jeder, der in Arbeitslosennetzwerken unterwegs ist, wird sich noch genau um die Justizpossen um die Zahltagaktionen der KEA erinnern – aber außerhalb dieser Netzwerke dürften sie weitgehend unbekannt geblieben sein, da sie in Massenmdien kaum Aufmerksamkeit fanden.
Vor dem Internet gab es natürlich nicht nur die eine Öffentlichkeit, jetzt gibt es nicht mehrere Öffentlichkeiten, die nichts miteinander zu tun haben. Aber die Tendenz ist da.
Wichtig ist auch, dass sich Mitglieder solcher Teilöffentlichkeiten gegenseitig bestärken. Die StephanPs sind doch die Ausnahme. Wem die politische Ausrichtung eines Forums oder Blogs nicht passt, der geht bald wieder. In dem Maße, wie sich Öffentlichkeit in die Teilöffentlichkeiten des Netzes verlangert, verkleinert sich das Meinungsspektrum, dem der einzelne Nutzer ausgesetzt ist. Wenn man am Arbeitsplatz oder im Sportverein politisch dikutiert (wenn es denn mal vorkommt), muss man sich mit mehr fremden Meinungen auseinandersetzen. Das bloße zur Kenntnis nehmen anderer Ansichten ist durch das Internet leichter geworden. Zur Kenntnis nehmen, bedeutet aber nicht, sich mit diesen Meinungen auseinanderzusezen.
Wenn sich die Öffentlichkeit in kleinere Teilöffentlichkeiten aufspaltet, deren Mitglieder sich gegenseitig in ihrer Meinung bestärken, wird es zu einer stärkeren Radikalisierung kommen. Das kann verstärkte Klientelpolitik bedeuten, hat aber auch Auswirkungen auf den Widerstand. Die RAF konnte nur in einem Studentenmilieu entstehen, das ziemlich homogene Ansichten hatte und wenig Austausch mit der Normalbevölkerung pflegte und doch ziemlich isoliert war. Zwischen Studentenmilieu und Mehrheitsbevölkerung herrschte (Veralgemeinerung) wenig produktiver Austausch, eher gegenseitige Diffamierungen (ist mein Eindruck heute, war damals noch nicht auf der Welt). Es ist nicht ganz abwegig, zu erwarten, dass die Beziehungen zwischen den Teilöffentlichkeiten ähnlich sein werden.
Insgesamt hat es ein gesellschaftlicher Grundkonsens schwerer, sich unter Teilöffentlichkeiten durchzusetzen. Der Konflikt zwischen Klassen, Berufsgruppen, Schichten und den Anhängern unterschiedlicher Werte dürfte schwerer beizulegen sein. Radikalisierungen und gewaltsamer Widerstand gegen den Staat dürften die Folge sein. Insbesondere, da die neoliberale Sekte Massenmedien und öffentliche Disskusionskultur gerade ohnehin schon schwer beschädigt hat.
Das ist der Satz, der unbedingt festzuhalten ist. Weil es aber auch ein funktionierendes und präsentes Instrument ist, werden fortschrittliche Kräfte es den reaktionären Kräften überlassen, wenn sie es wegen der skizzierten Mängel oder Bedenken nicht umfassend nutzen. So schliesse ich mich dem Kommentar Rossis an und finde selber den Artikel insgesamt zu negativ. Negativ, nicht skeptisch, denn über notwendige kritische Distanz geht er weit hinaus.
So möchte ich auf den fehlenden Vergleich zu den Zeiten davor verweisen, wo Dissidentenpapiere unter größerer Gefahr für mehr physisch Beteiligte geschmuggelt wurden, wo breitere Demonstrationsaufrufe undenkbar waren, egal jetzt wo und wann. In diesem Zusammenhang ist auch der Zeitfaktor vergessen worden: durch das Tempo ist es oppositionellen Kräften erstmals möglich, schneller zu sein als die Repression und damit eine stärkere Präsenz zu erzielen.
Das Tempo und die Masse der Informationsflut in den sozialen Netzwerken halte ich allerdings im Gegenteil seitens der Leser für ein Problem, weil das die Verflachung der Meinungsbildung beschleunigt. Nur ist es da jedem User selber überlassen, mal darüber nachzudenken, wie sehr er sich darauf einlässt und tiefergehende Inhalte flieht, weil sie zu lang sind – genau wie es den Organisatoren von Widerstandsdemos durchaus möglich ist, im Iran wird es so gehandhabt, wegen der Überwachung statt zu größeren zu vielen kleinen Aktionen aufzurufen.
Ich persönlich darf während des Europa-und Bundestagswahlkampfes auf sechs Monate lang täglich zwei Stunden bei Facebook vergeudete Zeit zurückblicken, weil meine Inhalte nicht mit dem dortigen Bedürfnis nach Tempo und Flachmacherei kompatibel waren.
Das Schlusskapitel “Demokratiesimulation” baut einen Gegensatz zwischen virtuellem Protest und dem auf der Strasse auf, der so nicht hinnehmbar ist: das eine schliesst das andere nicht aus, im Idealfalle würden sich beide Ausdrucksformen gegenseitig stärken, und auch eine Massendemonstration hat nicht mehr bindenden Charakter als eine Internetpetition. Als jüngstes Beispiel will ich darauf verweisen, dass alle NGOs, die für Internetpetitionen mobilisierten, auch in Kopenhagen und an vielen Orten in der Welt auf den Strassen protestiert haben. Wie erginge es den zahlreichen alternativen und globalisierungskritischen Foren, wenn sie das Internet nicht hätten?
Wenn das bei uns nicht so ist, wenn die letzten kämpferischen, autonomen Massendemonstrationen vor sehr langer Zeit stattfanden, so liegt das nicht am Internet, sondern an einer “Verpolsterung” der politischen Mentalitäten und an einer Konzentration auf das - zudem rein materielle - hier und jetzt, die über einen langen Zeitraum von einem politisch-ökonomisch-medialen Komplex durchgesetzt wurde, den man andernorts als “die Macht” bezeichnet. Das Internet bietet neue Möglichkeiten, den dringend benötigten politischen Diskurs von der elitären Scahubühne zurück in die Öffentlichkeit zu holen, allein, es muss der richtige, allererste, grundlegende Diskurs (warum funktionieren wir Deutschen eigentlich so reibungslos, apathisch, fast schon masochistisch?) geführt werden mit dem richtigen Ansatz, dem Individuum als politischem Wesen, welches allein einer Regierung schlaflose Nächte bereiten könnte.
Sicherlich wird kein schlechtes Regime durch das Internet gestürzt, sondrn nur durch entschlossen handelnde Menschen, und dann ist auch noch nicht entschieden, ob sich Dinge zum Besseren wenden oder nur auf andere Weise schlecht bleiben. So halte ich es für sinnvoller, Bewegungen, die man für gut hält, auch virtuell z.B. mit Ptitionen als modrnem breiten Ausdrucksmittel zu unterstützen, als nachzuzählen, was das Intrnet alles nicht gebracht oder sogar vermasselt hat.
Trotzdem ist es ein weiterzuempfehlender Artikel, weil er Dinge in ein unangenehmes Licht rückt, über die man - ich zumindest - ohne Anstoß nicht häufig und tief genug nachdenkt. Sicherlich wird er hier viele sehr interessante Kommentare “provozieren”, für deren Lektüre ich mir hin und wieder alle nötige Zeit nehmen werde, und das sogar gerne.
Wenn das Internet wirklich so irrelevant wäre, wie Du sagst, warum betreiben dann die Herrschenden einen so großen Aufwand, es zu kontrollieren? Das Internet bietet die Möglichkeit, sich zu informieren und seine eigene Meinung ungefiltert kund zu tun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Früher, als es nur ein paar Fernseh- bzw. Radioprogramme und ebenso leicht zu kontrollierende Printmedien gab, war Zensur viel einfacher. Das Internet hat die Mauern nicht beseitigt, aber löchrig gemacht. Immerhin etwas.
Scheint mir ein typischer Fall von “alle haben irgendwie Recht”. Das Netz ist EIN neues Medium zur Verbreitung und zur ERZEUGUNG von Informationen. Da nun theoretisch Milliarden kleiner “Medienunternehmer” ihre Nachrichten erzeugen und verbreiten können. Geraten auch Milliarden Nutzer in ein “Stasi-Syndrom”: Wie diese Über-Fülle von Informationen wahrnehmen, wie speichern, wie vor allem bewerten. Was ist wichtig? Was nicht? Was spiegelt “Mehrheit” wieder was nur Minderheit? Ja, was ist überhaupt “Wahrheit” und was reine Fiction des Absender – gleichgültig, ob diese falsche Nachricht absichtlich oder unabsichtliche erzeugt wurde. Ohne sowas wie “zertifizierten” Journalismus (Filter?) werden die Endnutzer des Netzes, die jetzt noch im naiven Wahn der theoretischen Möglichkeiten des Netzes schwelgen ganz, ganz böse Überraschungen erleben. Der Wust an Verschwörungsseiten, gefakten Nachrichten, Verunglimpfungen, Verleumdungskampganen etc. sind nur ein Anfang. Im Zweifel haben die “Mächtigen” (mag man glauben es seien Medien, Unternehmen, Finanzkapital, Staaten, Regime wer auch immer) gemeinsam mit den hundert Millionen “Spinnern” und Kriminellen, die wir nunmal auf diesem schicken blauen Planeten haben, “das Netz” nett nutzen – diese Möglichkeiten sind auch schon jetzt sehr gut sichtbar.
Sehr interessante Kommentare!
Insbesondere egals Punkt bezüglich der Aufspaltung der Öffentlichkeit ist mir in derart akzentuierter Form noch nicht untergekommen. Vielleicht ist auch das ein Grund für die zunehmende – nein, nicht Politikverdrossenheit, sondern Politikapathie?
Das Internet an sich ist wie schon erwähnt wohl weder grundsätzlich gut noch schlecht für eine revolutionäre oder zumindest progressive Gruppierung – es kommt (Achtung, Phrase…) darauf an, was man daraus macht.
Beachtlich finde ich jedoch den – mangels eines besseren Begriffs – “Sättigungseffekt”, den es ausüben kann: Ich habe den Eindruck, dass viele mit den bestehenden Verhältnissen unzufriedene Menschen im Internet “Dampf ablassen” und danach häufig in den Alltagstrott zurück fallen. Gerade die Möglichkeit, schnell ein gewisses (geringes) Maß an Öffentlichkeit zu erhalten stellt die Leute schon zufrieden.
In Folge dessen schrecken sie dann oft vor weiter gehenden Handlungen in der realen Welt (Demonstrationen etc) in dem Gefühl zurück, schon etwas getan zu haben – insofern kann das Internet eine solche Bewegung möglicherweise sogar in der Entstehungsphase lähmen, da Internetprotest ohne reales Gegenstück bisher meist (von der Mehrheit) ungehört bleibt.
@ Winne:
Sicherlich braucht es Filter irgendeiner Art – aber diese entstehen meiner Meinung nach von ganz alleine. Blogs usw werden bei stetig hoher Qualität über einen längeren Zeitraum selbst zu Institutionen wie klassische Zeitungen und Nachrichtenmagazine es waren und sind.
Und ich halte wenige große Nachrichtenanbieter, insbesonde solche mit staatlichen Gremien (öffentlich-rechtliche etc) für manipulationsanfälliger als die Gesamtheit der “neuen Qualitätsmedien” im Internet.
Du hast allerdings recht damit, dass der Wahrheitsgehalt einer Internetmeldung auf den ersten Blick meist schwierig zu erkennen ist – insbesondere, wenn die Bekanntheit der Quelle als Reverenzgröße fehlt.
Gewisse Blätter mit großen bunten Buchstaben verbreiten jedoch ausserhalb des Internets auch schon lange Geschichten, welche die Wahrheit im Höchstfall peripher tangieren und finden treue gutgläubige Anhänger…
Insofern braucht es – offline wie online – zunächst und vor allem eine breit gebildete Leserschaft um Manipulation zu verhindern.
Deine Skepsis teile ich Jens, und die alt bekannte, aufs Netz übertragene Theorie, es würde den Weg nehmen, die die Erfindung des Radios möglich machte und den das Radio selbst ging, ist für mich auch stimmig. Alle anderen Annahmen sind eine billige Illusion.
Sicher wird es immer ein paar wenige Piratenradios auch in Netzform geben, aber der globalen strukurellen Verwertung kann sich dieses Medium nicht entziehen.
Vielen scheint auch nicht einmal mehr bewußt zu sein, daß global gesehen, die Nutzung der Inhalte im Netz auch nur einer Minderheit der Mehrheit der Menschheit möglich ist
Iran und irgendwelche Bananenstaaten interessieren mich eigentlich nicht, ABER das Netz schafft sehr wohl mehr Demokratie, nämlich die Demokratie der (zumindest im Westen) freien Meinungsäußerung. Jeder kann seine Ansichten einer potentiell breiten Öffentlichkeit gegenüber äußern – das war früher den drei klassischen Medienkanälen (TV, Radio, Zeitungen) vorbehalten. Heute ist man nicht mehr auf diese Mainstream-Meinung angewiesen, deshalb gibt es nun linke Portale wie SF oder eher rechte Portale wie PI.
@8 anonymus: “Du hast allerdings recht damit, dass der Wahrheitsgehalt einer Internetmeldung auf den ersten Blick meist schwierig zu erkennen ist ? insbesondere, wenn die Bekanntheit der Quelle als Reverenzgröße fehlt.”
Hast du den Punkt mal zu Ende gedacht? Ist es nicht eigentlich einfach generell sehr schwer den Wahrheitsgehalt einer Quelle als Aussenstehender zu bestimmen?
Ich sehe ehrlich gesagt keinen qualitativen Unterschied zwischen einer “Internetmeldung” – sehr schlechte Begriffswahl im übrigen – und einer Tickermeldung oder sonstigen journalistischen Quellen.
Überall wird gelogen und die Vergangenheit vor dem Internet war bei weitem nicht weniger manipulativ und genauso voll von Falschmeldungen.
Ich denke in der Hinsicht hat man es durch das Internet mittlerweile sogar einfacher. Wenn ich Zweifel an einer Information habe, dann kann ich sehr einfach online recherchieren. Natürlich können die so recherchierten Informationen genauso falsch sein. Ich habe aber die Wahlmöglichkeit selbst zu entscheiden, welche Quelle ich wie bewerte und oftmals habe ich durch das Netz überhaupt erst die Möglichkeit an alternative Quellen heranzukommen. Schliesslich kann nicht jeder z.B. im Iran Freunde haben oder mal eben selbst da runter fliegen um vor Ort zu recherchieren….
All das ändert aber eigentlich nichts an einem wesentlichen Punkt: Das Verhältnis zwischen Autoren und Lesern ist im journalistischen Bereich immer auch ein Vertrauensverhältnis. In der Hinsicht sehe ich absolut keinen Unterschied bei der Wahl des Mediums. Eine Blog z.B. muss sich genauso wie eine Zeitung/Radio/Fernsehsendung zunächst einmal Vertrauen bei seinen Konsumenten erarbeiten. Beim Blog oder halt auch vielen anderen Kommunikationsplattformen im Internet kommt aber oft noch ein weiterer Punkt hinzu, der in den anderen Medien in der Art des Umfangs so nicht gegeben ist: die Möglichkeit der Partizipation.
Schön wäre natürlich, wenn über das Internet mehr Menschen bewusst werden würde, wie oft Informationen manipulativ oder falsch sind. Ein kritisches Umgehen mit jeglicher Art von Information ist IMO genau die Basis, die wir eigentlich alle brauchen, um in dieser Welt nicht permanent zum Spielball anderer zu werden. Die Kehrseite einer solchen Entwicklung wäre aber sicherlich u.U., dass die Konsensfindung zu vielen Themen in dieser Gesellschaft schwerer werden würde. Das halte ich durchaus für nicht ganz ungefährlich.
Das kannst Du vergessen. Das Masse der Menschen hierzulande ist eher dumm bis uninteressiert an politischen und wirtschaftlichen Vorgängen. Das ist auch der Grund, weshalb “wir” so verarscht werden können (Lohndumping, Masseneinwanderung, usw.)
Eine kurze Frage hätte ich. Im Text heißt es:
Der fett gedruckte Satz scheint mir mindestens hochgradig missverständlich formuliert zu sein. Denn dass der digitale Widerstand nicht per se (also nicht grundsätzlich) pro-westlich ist, leuchtet ein – dass er aber per se nicht (also grundsätzlich nie) pro-westlich sein soll, halte ich für empirisch widerlegbar…
Ich denke, dass es nur eine Unachtsamkeit im Satzbau ist (das legen verschiedene Passagen im Text auch nahe). Sollte dem aber nicht so sein, bitte ich um Erklärung.
Internet ist ja eigentlich nur Technik und die kann von jedem genutzt werden. Politische Kampagnen können im Einklang oder in Disharmonie mit westlichen Werten stehen. Zum Bleistift sind die “Roten” in Thailand eher in Disharmonie mit westlichen Werten. Eine neue linke Kampagne wie etwa die anti-Hartz 4 Montagsdemonstrationen würd ja auch das Internet stark nutzen.
Die Technik erhöht die politische Verantwortlichkeit der Menschen natürlich nicht. Entweder man versucht – eingedenk seiner eigenen Subjektivität – so etwas wie ein kritisches Abbild der Wirklichkeit zu erstellen oder man macht das eben nicht. Menschen werden durch psychologische Zustände wie Verunsicherung und Ent-Täuschung politisch reflektiert. Selbstverständlich nicht durch Technik.
Politische Aktivisten sind natürlich nicht immer selbstreflektiert. Es gibt äußerst peinliche Interviews von anti-Chávez Demonstranten, die ihren Protest nur mit tumben Schlagwörtern begründen können, als sie von Reportern des Staatsfernsehen befragt werden.
Neben dem Kampagnen-Internet gibts ja noch ein Informations-Internet, das ich für wesentlich interessanter halte. In dem von mir permanent beobachteten Venezuela (bitte nicht diskutieren, das ist nur ein Beispiel) senkt sich die Publikationsschwelle für interessante Stimmen.
Auf chavismo-empathischen Seiten finden sich z.T. Stimmen, die bei der Regierung in Ungnade gefallen sind. Auf Oppo-Seite gibts einige Blog-Betreiber mit einem beruflich bedingten privilegierten Zugang zu Informationen. Zum Bleistift Bankanalysten mit speziellem Zugang zu Ausschreibungen von Bonds oder nicht öffentlichen Bilanzen.
In Deutschland hat Jahntke (spell.?) über das Netz einen vermutlich höheren Einfluß auf den politischen Diskurs als ohne.
Wer ist das Volk in Iran? Ist Volk nicht auch in Rohstoffexporteuren wie dem Iran nicht eher eine Menge mit der Tendenz zu zunehmender Differenzierung? Viele aus unserer Sicht einfach und prekär lebender Menschen im Iran werden vermutlich über Englisch-Kenntnisse verfügen. Herrscht bzgl. Schwellen- und Entwicklungsländern bei uns oft die Vorstellung eines amorphen geknechteten “Volkes” und die diese Masse ausnützende Ober- und Mittelschichten. Sag nicht, dass diese Vorstellung immer völlig falsch ist. Sie gibt allerdings die Differenzierung und Komplexität dieser Gesellschaften nicht wider.
In diesem Kontext auch dieser Beitrag zu lateinamerikanischen Mittelschichten:
http://www.caracaschronicles.com/node/2288
Ich möchte kurz was zum Thema Birma anfügen.
Es hat doch etwas gebracht und zwar hat es Szenen und Ereignisse an die Weltöffentlichkeit gebracht, von denen wir sonst nicht erfahren hätten. Somit war die Junta gezwungen aufgrund des Lecks durch das die Informationen sickerten ihre brutale Niederschlagung des Aufstandes des Volkes und der Mönche zu ändern. Natürlich sind sie auch heute noch an der Macht, natürlich – es hat sich nicht viel verändert. Zwar verlautete es heute aus dem Blätterwald, dass Aung San Suu Kyi eventuell im November aus ihrem Arrest entlassen wird, aber die Wahlen finden wohl vorher statt und werden wohl eh nichts verändern.
Aber der Punkt, dass die Aktivisten wissen, dass ihre Aufnahmen ein großes Publikum erreichen werden, dass es im Fernsehen gesendet wird, dass es im Internet angesehen werden kann, das motiviert. Das Internet dient als Verbreitungsmedium, die Datein werden hochgeladen und landen so z.B. direkt bei BBC, die glaube ich als erster von den Aufständen berichteten.
Das Internet ist daher wichtig, als Basis und als Werkzeug. Das Internet ist ein Medium, dass schon alleine durch seine blosse Existenz so vieles auf der Welt verändert hat.
Ansonsten stimme ich mit dir überein. Vorallendingen mit den Couchrevoluzzern.
Ich möchte daran anlehnend jedem empfehlen, den Film Birma VJ zu gucken um genauer verstehen zu können was ich meine. Denn dieser Film, diese Dokumentation, ist mit ein Produkt des Medium Internets. Das Internet war hierbei ein erheblicher Faktor, der zur Massenverbreitung in der Welt beigetragen hat.
http://en.wikipedia.org/wiki/Burma_VJ
http://www.burmavjmovie.com/
trailer: http://www.youtube.com/watch?v=Q2VNqC4xxAU&feature=fvst
Das Radio ist ein sehr schlechter Vergleich, da es nur sehr bedingt mobil ist und recht einfach lokalisierbar ist. Darüber hinaus ist ein Länderübergreifender Sender (also mit Standort in einem anderen Land) nur mit minderwertiger Klangqualität nutzbar und obendrein ist Radio nicht interaktiv, es sei denn, man riskiert ein SEK im Wohnzimmer.
Die (jeweils mögliche) nicht lokalisierte Variante Internet, die anonyme Interaktion und die Nachhaltigkeit (!) ist der große Vorteil des Internets, weshalb ich den Tenor des Artikels auch nur sehr bedingt teile.
Übrigens wie auch weltweit die meisten Staaten, die sich mittlerweile reihenweise die Beine ausreissen, um es irgendwie unter Kontrolle zu bekommen.
In der Regel mit Methoden, die an Lächerlichkeit nicht zu überbieten sind. Nur ein Beispiel für Nachhaltigkeit:
http://www.leckse.net/artikel/misc/abschiedsbrief-im-vergleich
@Jens
in Deiner Analyse hast Du die durchaus erfolgreiche weitgehemd web-basierte Mobilisierung zum v-day in Italien ausgelassen, siehe dazu diese Analyse:
“We analyze the organization, promotion and public perception of ?V?day?, a political rally that took place on 8 September 2007, to protest against corruption in the Italian Parliament. Launched by blogger Beppe Grillo, and promoted via a word?of?mouth mobilization on the Italian blogosphere, V?day brought close to one million Italians in the streets on a single day, but was mostly ignored by mainstream media. This article is divided into two parts. In the first part, we analyze the volume and content of online articles published by both bloggers and mainstream news sources from 14 June (the day V?day was announced) until 15 September 2007 (one week after it took place). We find that the success of V?day can be attributed to the coverage of bloggers and small?scale local news outlets only, suggesting a strong grassroots component in the organization of the rally. We also find a dissonant thematic relationship between content published by blogs and mainstream media: while the majority of blogs analyzed promote V?day, major mainstream media sources critique the methods of information production and dissemination employed by Grillo. Based on this finding, in the second part of the study, we explore the role of Grillo in the organization of the rally from a network analysis perspective. We study the interlinking structure of the V?day blogosphere network, to determine its structure, its levels of heterogeneity, and resilience. Our analysis contradicts the hypothesis that Grillo served as a top?down, broadcast?like source of information. Rather, we find that information about V?day was transferred across heterogeneous nodes in a moderately robust and resilient core network of blogs. We speculate that the organization of V?day represents the very first case, in Italian history, of a political demonstration developed and promoted primarily via the use of social media on the Web.”
http://www.uic.edu/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/viewArticle/2740/2406
@16
Leg mal ganz schnell deinen Illusionen ab. Das Netz ist unter Kontrolle der großen Konzerne, und wer anderes behauptet, hat noch gar nichts begriffen.
Was hier in DT bisher von staatlicher Seite abgelaufen ist, ist im Vergleich zu dem, was möglich ist, Kinderkram, und das Radio, ist ein sehr guter Vergleich, was passiert ist, und was weiter passieren wird, und die Geschichte des Radios, passt verdammt gut als Vergleich.
Schau dich doch um, und vergleiche doch mal, aber schau wenigstens hin.
@name: Was verstehst du denn unter Kontrolle? Sicherlich wird die Infrastruktur zu 99% von Konzernen zur Verfügung gestellt, nur wo soll da bitte sehr das Problem für die Inhalte sein? NOCH kann in diesem Land keine Regierung mal so eben Zensur von oben verordnen (ok, der Jugendschutz erlaubt da schon einiges, aber das berührt eher weniger reine Meinungen), geschweige denn ein Konzern. Was soll also bitte sehr passieren? Das Internet ist im Gegensatz zu Radio und TV ausserdem kein homogenes Medium, dessen Verwendung auf eine einzige Anwendung beschränkt ist, sondern bietet -bei dem Versuch einer Kontrolle- unzählige Möglichkeiten des Ausweichens.
Schlussendlich kann das Internet auch einfach nur die Basis für ein weiteres abgeschottetes Netz bilden, welches keinen Zugriff durch Dritte erlaubt. Schau dir Freenet an. Wenn der Druck zu gross wird, dann weicht man halt dorthin aus. Wenn man sowas komplett verhindern will, dann wird man am Ende beim kompletten Abschalten des Netzes landen. Das ist natürlich möglich, aber offensichtlich selbst in repressiven Staaten nicht gewünscht…
Zum Thema: http://www.inoforum.ru/inostrannaya_pressa/kitajcy_obvinyayut_cru_ispolzuet_internet_dlya_shpionazha/
Ein anderes Thema, aber ein interessanter Artikel: http://www.usnews.com/opinion/articles/2010/01/22/why-neither-reagan-nor-the-united-states-won-the-cold-war-2.html
Sorry – ich arbeite in dem Metier und denke, dass eine “Kontrolle” bestenfalls nur an der Oberfläche möglich ist. Wenn wir “das Netz” analog zum Radio mal bis auf die Hardwareebene herunterbrechen, wirst Du feststellen, dass es ohne ein 100% DoS nicht möglich ist, den “Mißbrauch”
der Infrastruktur für den Informationstransport zu unterbinden.
Karl Pansen aus OberCDUheim wird vielleicht um Zensur- und Kontrollmechanismen nicht selbstständig herumkommen, aber generell kann man sich bei einem deratig dezentralen System jeden Kontrollansatz sparen.
Wenn jemand möchte, dass Inhalte im Internet auftauchen, gibt es nichts, was man effektiv dagegen unternehmen könnte – Kompetenz und Engagement vorausgesetzt.
Und auch hier muss ich Dich korrigieren, denn die Strukturen zu einer von Dir skizzierten Totalüberwachung (die dennoch nicht effektiv sein kann und nur zur Mobkontrolle dient) werden schon seit einigen Jahren Hard- und Softwareseitig implementiert – nur die “Gesetze” hinken noch etwas hinterher.
Nein – wie ich Dir schon weiter oben begründet habe.
Ich arbeite in dem Metier. Ich muss mich zwangsläufig umschauen :-).
@22
Das die Kontrolle und vor allem damit die Inhaltsprägung über die Verfügungsgewalt der Eigentümer über die bereitgestellte Infrastruktur samt Hardware und Software erfolgt ist doch nichts Neues. Die Entwicklung war vor 15 Jahren schon genau so abzusehen, und daß es immer zwei drei Verrückte geben wird, die kurzzeitig ein wenig auf den aufgeklärten und idealistischen digitalen Piratenzug aufspringen, ist auch nichts Neues: nur davon wird eine Minderminderminderheit bedient werden können, die irgendwann auch den Weg des bürglichen Verkaufs ging und geht. Die Entwicklung der Crackerszene ist doch dafür das beste Beispiel.
Die Begründung, es wäre “mobiler” ist doch im Kern eine Lüge: jede Antennenanlage konnte man genauso auf zwei Esel schnallen und durch Harlem jagen.
Kurz und knapp: die Leute müssen fressen.
Wie formulierte es Max Weber? Politik ist das unermüdliche Bohren harter Bretter? Tja, dann lehnt man sich einen Moment zurück und möchte resignieren, angesichts des “wenigen Erreichten”. Aber warum denn überhaupt, wenn man das schon weiss?