Wie der SPIEGEL einen “besseren” Friedensindex aus dem Hut zaubert
21. Juni 2007 von Joerg Sutter - Drucken
Lässt sich Frieden messen? Die australischen Macher des ersten Global Peace Index meinen das. Unterstützt von Universitätsinstituten und Prominenten wie Joseph Stiglitz, Desmond Tutu, Richard Branson und dem Dalai Lama trugen sie in Sysiphusarbeit die Daten von 121 Staaten zusammen. Wenig überraschend ist nicht unbedingt, dass Norwegen auf Platz 1 steht, sondern dass sich die USA auf Platz 96 neben Iran wiederfinden. Israel muss sich gar die rote Laterne mit Sudan und dem Irak teilen. Kein Wunder: Der Index misst ganz knallharte Daten wie Tote durch Gewalt, Gefangene, bewaffnete Konflikte.
Die These: Nur durch Frieden werden nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung möglich. Diese, auf jedem CDU-Parteitag verkündete Binsenweisheit wird aber dann spannend, wenn Anspruch und Wirklichkeit verglichen werden. Wie würde dieser Index aufgenommen werden?
Obwohl die dpa eine kleine Meldung brachte, die immerhin bei Focus-Online veröffentlicht wurde, wurde der Index in den meisten deutschen und amerikanischen Medien völlig ignoriert. Die Russen, die den viertletzten Platz belegten, veröffentlichten dennoch den Index und sogar positive Kommentare zum schlechten Abschneiden von “Putinistan” durch die russischen Nachrichtenagentur Nowosti.
Der britische Economist outete sich gar als Mitautor der Studie, da die Economist Intelligence Unit, Sponsor der Studie, ihr Partnerunternehmen sei. Auch der Economist veröffentlichte den Index trotz des katastrophalen Abschneidens der Briten.
Da geschah das große Wunder: Der SPIEGEL zauberte einen scheinbar fast gleichen Index hervor, nur drei Wochen nach der Veröffentlichung des Global Peace Index - er heißt nun Failed States Index.

Auf den ersten Blick sieht alles genauso aus: Sudan und Irak als die gescheitertsten Nationen, Norwegen auf Platz 1. Ein Bild vom Diktator Robert Mugabe - aber hallo, wo sind Israel und die USA geblieben? In nur drei Wochen sind die USA von 96 auf einen stattlichen Platz 18 vorgerückt - vor Frankreich und Deutschland. Auch Israel ist auf einmal friedlicher als die Malediven, eine Neuigkeit, die Reiseveranstalter interessieren dürfte. Die friedlichsten zehn Länder blieben fast identisch, mit dem Kuriosum, dass die australischen Forscher Australien für weniger friedlich hielten, als ihre Kollegen aus - ja, wer hat denn diesen neuen Index gemacht? Die Leute kommen aus der Welthauptstadt der Friedensforschung … genau: aus Washington D.C.. Im Impressum finden sich übrigens weder Universitätsinstitute noch Nobelpreisträger oder anerkannte Forscher.

Kein Wunder: Im Fund for Peace finden sich “potentielle Friedensnobelpreiskandidaten” wie etwa Lt. General Nicholas Kehoe, der in seinem Lebenslauf erwähnt, für “Sicherheitspolitik” in Air Force und NATO verantwortlich gewesen zu sein. Oder David E. Morey, der sich als Partner einer “Core Strategy Group” und als ehemaliger Berater des CEO der J.E. Seagram & Sons, Inc bezeichnet. Deren CEO: Edgar Bronfman, Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Ein weiblicher Brigadegeneral, Gen. Evelyn “Pat” Foote, “served in Vietnam”, wurde aus dem Ruhestand zurückgerufen, um in der US-Armee gegen sexuelle Belästigung zu kämpfen.
Kurz, der Fund of Peace vereint nachweislich die höchste weltweite Kompetenz in Friedenssachen bei sich - Grund genug für den SPIEGEL, den Global Peace Index zu ignorieren.
Kein einziger Mitarbeiter befindet sich außerhalb der USA. Anders als der Global Peace Index, zu dem es ein umfangreiches Diskussionspapier gibt, bietet der Failed State Index überhaupt keine wissenschaftlichen Erklärungen. Diese würden den pensionierten Generälen und Lobbyisten in Washington auch schwer fallen.
Das Motto dieses nobelpreisverdächtigen Think-Tanks ist denn nach dem Vergleich beider Indices auch eher witzig: “The Mission of The Fund for Peace is to prevent war & alleviate the conditions that cause war”.
Nun, wie einst in der alten Sowjetunion und DDR, kann man Krieg auch einfach für nicht existent erklären. Dann sind die USA tatsächlich friedlicher als Deutschland und Frankreich und nicht Gaza, sondern die Malediven sind ein kritischer Konfliktherd.
Vorschlag an die Macher des Failed States Index: mit US-Truppen eingreifen und die Malediven besetzen, um dem maledivischen Terrorismus einen tödlichen Schlag zu versetzen!
Jörg Sutter
















































































Mich hat seit den späten 80ern als ich immer den Fischer Weltalmanach gelesen habe immer Costa Rica beeindruckt.
Sehr sogar, ganz unironisch.
Pax
Mich würde einmal interessieren, was Stefan Aust für seine Popaganda eigentlich bekommt.
unglaublich sowas. ich bin sehr gespannt, ob/wann die erste zeitung in deutschland das thema aufgreift und wie der spiegel darauf reagiert…
Ignorieren ist doch etwas zuviel gesagt, oder? SpOn brachte am 30.5.07 immerhin einen kurzen Beitrag “Am friedlichsten lebt es sich weltweit in Norwegen“.
@Nils: Danke, sehr gut recherchiert! Umso erstaunlicher, daß der zweite Bericht unter “Wissenschaft” erschien und weitaus ausführlicher ist. Auch wird er mit “stx” von einem SPIEGEL-Redakteur gezeichnet und hat mit “AP” scheinbar eine andere Quelle. Warum verglich dann SPON nicht beide INdices und verlinkte sie untereinander?
Entweder wußte “stx” nichts von der ersten Meldung, die zumindest meines Wissens nie auf der Startseite stand, oder aber es erging eine gezielte Anweisung, den ersten Index durch den zweiten zu ersetzen.
Noch am 31.05. meldete AP zum Global Peace Index: ynetnews.c...
Da es aber eine AP-Meldung zu dem neuen Index nicht gibt, wirft dieses erhebliche Fragen an den SPIEGEL auf. Gibt man nämlich bei Google “AP+Failed States Index” ein, kommt auf Platz 1 der SPIEGEL, nicht AP!
Noch abenteuerlicher: Sucht man unter Google-News NUR nach dem “Failed States Index”, dann kommt nur der SPIEGEL. Ganz offensichtlich ist hier also eine unmittelbare Verbindung vorhanden, die nicht auf einer allgemeinen Agenturmeldung basiert, sondern persönlich hergestellt wurde.
Ich wollte gestern den Krieg der Friedensindices als neues Thema im SPIEGEL-Forum vorschlagen, wurde jedoch sofort gesperrt:
“Jörg Sutter, Sie haben keine Rechte, um auf diese Seite zuzugreifen. Folgende Gründe könnten z.B. dafür verantwortlich sein:”
Es wird also noch spannend werden und ich würde mich freuen, wenn hier noch weitere facts durch User gepostet würden, denn dieser Vorgang wird jetzt bis zur Aufklärung weiterverfolgt.
Dieses Beispiel zeigt, dass es gewisse Dinge gibt, die man nicht objektiv messen kann, denn eine unterschiedliche Auswahl der Kriterien oder eine unterschiedliche Gewichtung und schon sieht alles ganz anders aus.
Allerdings überrascht mich, dass der Spiegel so amerikafreundlich berichtet, war der nicht auch einmal kritisch eingestellt. Muss wohl lange her sein.
@Herbert: Hier noch einige Details zur Objektivität der Kriterien und der Messung:
Ein Beispiel: Unter “Social Indicators” werden Flüchtlingsströme gemessen. Da die USA im Monat März 2007 exakt 11 der bisher etwa 3 Millionen irakischen Flüchtlinge aufgenommen haben (Schweden: bisher 40.000) und an keiner Grenze liegen, die Flüchtlingsströme erwarten läßt, schneiden sie dort hervorragend ab. Libanesen und Palästinenser fliehen bekanntlich nicht nach Israel, sondern nach Ägypten, Syrien und Jordanien. So gibt es trotz nach offiziellen UNO-Angaben 4,7 Millionen anerkannten palästinensischen Flüchtlingen kein Flüchtlingsproblem für Israel.
Mit dieser Betrachtungsweise ist zu erklären, warum die USA sogar friedlicher als Deutschland und Frankreich erscheinen: Die vielen politischen Flüchtlinge bilden aus US-Perspektive ein Gefahrenpotential.
Während im Global Peace Index auch die Gefangenenzahlen und Mordraten im Land gewertet werden, immerhin beherbergen die USA mit 2 Millionen mehr Gefangene als China und Europa zusammen, bezieht der Failed State Index die Kriminalität nicht mit ein. Auch 9000 in Israel ohne Prozess festgehaltene palästinensische Gefangene “verschwinden” dann, denn sie sind ja keine offiziellen Kriegsgefangenen.
Soweit zu Erklärungen zu den Unterschieden.
@Jörg Sutter
Was sind in diesem Kontext eigentlich Flüchtlinge? Wenn man Wirtschaftsflüchtlinge hinzuzählt, (und das würde ich) haben die USA ein massives Flüchtlingsproblem. So massiv, dass die demokratische Präsidentschaftskandidatin bigott einen Sperrzaun zwischen dem “reichen” und dem “armen” Amerika unterstützt.
Auch wenn auf die verschiedenen Kriterien bei den Untersuchungen hingewiesen wird, erweckt der Artikel doch den Eindruck, dass die beiden Indices den gleichen Untersuchungsgegenstand hatten. Der Friedensbegriff ist genauso vielschichtig wie der Begriff der Staatlichkeit. “Failed States” und “unfriedliche Staaten” sind nicht dasselbe. Insofern müssen zwar die Sender und Adressaten der Indices kritisch hinterfragt werden, aber der Failed States Index kann auch nicht ansatzweise ein besser GP-Index sein. The Fund for Peace scheint den besseren Draht nach Hamburg zu haben.
Telepolis geht unter dem Titel “Gescheiterte Staaten oder gescheiterte Statistik?” näher auf die Methodik der Fund for Peace - Bewertungen ein. Sehr schön auch der Vergleich mit dem Frauenzeitschrift - Psycho - Test…
Möglich auch, dass man bei Telepolis hier die beiden Indexes einfach verwecheslt hat. Der Global Peace Index wird nirgends erwähnt, obwohl der ja eigentlich auch eine typische Telepolis-Story wert gewesen wäre.
Das zweite Index zeigt, wie schwachsinnig auch das erste Index ist. Solche Spielereie mit Indexe sagen nur, wie beliebt oder unbeliebt bestimmte Objekte der “Analyse” bei den Autoren sind und nichts weiteres.
Ich würde Corwin Recht geben - der Versuch, solch schwer fassbare Begriffe zu quantifizieren, ist in der Regel höchst subjektiv. Die Position der USA nach GPI zwischen Yemen und Iran (!) ist, meiner Meinung nach, für jeden gesunden Menschenverstand (mit bloßem Auge so zu sagen) ziemlich, ziemlich verdächtig.
Die beiden Indices untersuchen nicht das Gleiche. Ich kann mir sehr gut vorstellen, das die USA nicht “failed” sind, aber sehrwohl sehr unfriedlich.
Der Spiegel habt doch Recht, wenn er die Malediven als gescheiterten Staat bezeichnet - wenn die globale Erwärmung so weitergeht, sind sie in 15 Jahren von der Erdoberfläche verschwunden ;-)
„Failed States“, „gescheiterte Staaten“ und „Staatszerfall“ sind seit einigen Jahren die wichtigsten und kompliziertesten Begrifflichkeiten der politikwissenschaftlichen Diskussion. Bevor der Blogautor versucht, einen „Peace Index“ mit der komplexen Theorie von „Failed States“ gleichzusetzen, sollte er sich informieren. Ansonsten kommt ein unnützer und falscher Beitrag wie dieser heraus.
@Oldenburg: Es ist wohl genau umgekehrt: Während im Beirat des Global Peace Index Universitätsinstitute aus Australien, den USA und England zu finden sind und es ein umfangreiches Theoriepapier gibt, betreiben die verdienten Ex-Militärs in Washington, die den Failed State Index herausgibt, keinerlei Publikation oder gar Diskussion des theoretischen Backgrounds.
Sie sollten sich informieren.