Merkels Gas-Trauma
05. Juli 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die deutsche Regentin verkauft sich hervorragend, aber blickt man hinter die Kulissen so steht man meist vor einer riesigen Blase heißer Luft. Merkel hatte für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft vollmundig eine außenpolitische Offensive Richtung Kaukasus angekündigt und diese großhalsig als “Neue EU-Ostpolitik” bezeichnet. Dass man in Berlin und Brüssel die Kaukasusregion nicht wegen ihrer pittoresken Schönheit liebt ist klar; es geht um die Diversifizierung der Energieimporte. Die Region rund um das Kaspische Meer ist die einzige Alternative, wenn es der EU ernst sein sollte, bei leitungsgebundenen Gasimporten nicht von Russland abhängig zu sein.
Diese Initiative, der höchste Priorität zugesprochen wurde, ist kläglich gescheitert. Auch der potentielle SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier hat hierbei gnadenlos versagt. Den markigen Sprüchen folgte das übliche Klein-Klein, das europäische Politik stets auszeichnet. Zwar wurde dem Nabucco-Pipeline Projekt, welches kaspisches Erdgas unter Umgehung russischen Bodens nach Europa bringen sollte, höchste Priorität eingeräumt - freilich ohne es politisch ernsthaft zu flankieren.
Mit großen Worten, hinter denen nur heiße Luft steckt, lassen sich zwar die Hofmedien in Deutschland beeindrucken, geopolitisch kann man damit indes nichts bewegen, wenn der Gegner ein ausgeschlafener Fuchs wie der russische Präsident Putin ist. Der nahm den Europäern zunächst die Initiative im Kampf um die Energieressourcen der kaspischen Ellipse ab, indem er mit den Anrainern der Ostküste des Kaspischen Meeres weit reichende Partnerschaftsabkommen schloss, die Russland langfristig zum Distributor des Erdgases aus Turkmenistan und Kasachstan machten. Den Europäern bliebe lediglich Aserbaidschan als Gaslieferant übrig, wenn man nicht über den eigenen Schatten springen wollte und Iran als Lieferanten nehmen würde. Da das Nabucco-Projekt die politische Flankierung der USA hatte - schließlich diente es der strategischen Schwächung Russlands, war es schon von Anfang an ein riskantes Unterfangen. Die USA boykottieren nicht nur Iran, sondern setzen Unternehmen, die mit Iran Geschäfte machen, auch gerne mal auf eine schwarze Liste. Dies wäre zudem für Unternehmen im Energiesektor sehr riskant.
Zwischenzeitlich brachte sich Putins Vorzeigeunternehmen Gazprom selbst als Gaslieferant für die Nabucco-Pipeline ins Gespräch. Damit wäre zwar die Auslastung der Transporttrasse garantiert gewesen, aber der Wunsch der EU, von Russland unabhängiger zu werden, drohte konterkariert zu werden. Aber da Putin das Prinzip „divide et impera“ ebenfalls beherrscht, erteilte er jüngst der EU eine Lektion über die normative Kraft des Faktischen. Europäische Energiekonzerne wollen Geld verdienen; energiepolitische Doktrinen ihrer Staatsführer sind da im Zweifelsfalle eher hinderlich. Merkels Prämisse, in Fragen der Energiesicherheit müsse Europa mit einer Stimme sprechen - damit meinte sie ihre Stimme als Ratspräsidentin-, interessierte die europäischen Regenten ebenso wenig, wie die europäischen Energiekonzerne. So wurden nach der Niederlage im Poker um die kaspischen Ressourcen, eilig bilaterale Verträge mit Russland und der Gazprom geschlossen, um wenigstens besser dazustehen als die europäischen Konkurrenten.
Österreich, das mit seinem Energieriesen OMV Betreiber der Nabucco-Pipeline hätte werden sollen, bekam Ende Mai Besuch von Präsident Putin und der hatte einiges mitgebracht. Österreich soll in Zukunft der Gasverteilknoten für Teile Mittel- und Südeuropas werden. Dafür wird, zusammen mit der OMV, in der Nähe von Wien das größte Gasmanagement- und Verteilzentrum Europas gebaut. Das freut auch den österreichischen Arbeitslosen. Zusätzlich baut die Gazprom in der Nähe Salzburgs den zweitgrößten europäischen Gasspeicher, und in Kombination mit anderen Investitionen für die Gasinfrastruktur wird Österreich so als Knotenpunkt für Lieferungen nach Frankreich, Deutschland, Italien, Ungarn, Slowenien und Kroatien fungieren. Österreich scheint wenig von Merkels “einer Stimme” zu halten; kein Wunder, pflegt man doch seit über 40 Jahren eine veritable Energiepartnerschaft mit der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten.
Italien scheint ebenfalls nicht wirklich überzeugt zu sein, dass Brüssel und Berlin besser wüssten, wie italienische Wohnungen langfristig sicher geheizt werden. Die italienische ENI, die zu 30% dem Staat gehört, plant mit der russischen Gazprom den Bau der mindestens 5,5 Mrd. $ teuren “South-Stream” Pipeline. Die Trasse beginnt am russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk, führt quer durch das Schwarze Meer ins bulgarische Varna und soll sich dort in eine Nordtrasse, die über Rumänien und Ungarn in die Slowakei führt (mit optionaler Verlängerung nach Österreich und Norditalien), und in eine Südtrasse teilen, die über Griechenland und den südlichen Balkan nach Italien führt. Am 23. Juni 2007 wurde das erste Abkommen für dieses Megaprojekt geschlossen.
Zusätzlich zur “South-Stream” Pipeline planen die ENI und die Gazprom bereits eine weitere Großpipeline. Die “Blue Stream 2″ soll zunächst parallel zur jüngst eingeweihten und erst 2010 voll operationsfähigen “Blue Stream” Pipeline in die Türkei verlaufen. Von dort aus soll sie unter dem Bosporus weiter über den Balkan nach Italien führen, wobei die Transitstaaten auf dem Balkan ebenfalls über diese Pipeline versorgt werden sollen.
Um dies sicherzustellen, erschien Putin als “Überraschungsgast” auf dem ersten Energiegipfel der Balkanstaaten am 24. Juni 2007 in Zagreb. Dort trafen sich Vertreter aus Kroatien, Bosnien, Mazedonien, Serbien, Slowenien, Griechenland, Albanien, Bulgarien und Rumänien, um über das Thema Energiesicherheit zu beraten. Putins Offerte konnte sich sehen lassen. Neben der umfassenden Gasversorgung über die neuen Pipelines stellte er das russische Engagement in den Mittelpunkt, auch im Stromsektor auf dem Balkan präsent sein zu wollen. Russland strebt eine umfassende Kooperation auf dem Gebiet Energie an, mit dem Ziel eines gemeinsamen Energiemarktes.
Innerhalb weniger Tage hat sich die Energiekarte Europas grundlegend geändert. Russland wird auf sehr lange Zeit Europas Gaslieferant Nummer Eins sein. Merkels Traum von einer unabhängigen Energieversorgung ist ausgeträumt. Besäße Merkel Cojones, könnte sie ihren Traum noch retten, indem sie auf Iran zuginge und für ein Einlenken im Atomstreit eine umfassende Energiepartnerschaft in Aussicht stellte. Über die Nabucco-Pipeline könnte iranisches Gas eine echte Alternative darstellen. Dies wäre eine echte Win-Win Situation. Die EU und Iran hätten beide massive Vorteile. Da Merkel aber lieber auf die Ratschläge jenseits des Atlantiks hörte, wird sich Putin auch Irans Gas über langfristige Kontrakte sichern und es nach Europa transportieren.
Details und Hintergrundinfos: M K Bhadrakuma: A pipeline into the heart of Europe
Bildnachweis: Wikipedia, Kremlin.ru, 3x Gazprom
Jens Berger
Posted in Ausland, Deutschland, Great Game, Russland |












































































Hallo,
@Spiegelfechter - Deine Beiträge werden immer fundierter.
Wer jetzt noch Fragen zu Putins Auftreten auch in den USA hat, der hat auch diesen Artikel nicht verstanden.
Russland unter Putin wird immer selbstbewußter - und das germanische Reich als Anhängsel der Care-Paket Nation verliert nicht nur im Ausland an Ansehen - mögen die gleichgeschalteten nationalistischen Monopolmedien auch noch so viel Nebel in die Hirne der Untertanen blasen. Nicht der “demokratische, freiheitliche Rechtsstaat” ist der Mittelpunkt der Welt.
Putin ist endlich auf dem Wege, den russischen Bären zu wecken.
Und wehe, der kommt in Bewegung.
Stark bleiben!
Hallo,
freut mich, daß meine Anregung aufgenommen wurde ;-)
Hier noch ein Link zu einem anderen Artikel, der zu ähnlichen Schlußfolgerungen kommt:
“Gazprom is a hub of activity in Europe”
russiaprof...
Gruß qwerty
ps: Hat jemand nähere Informationen zu der neuen Entwicklung bzgl. der Sicherheitsabteilung von Gazprom? Ich habe nur den Spiegelartikel gelesen, der mal wieder ein wenig panisch war und die Aufrüstung der Sicherheitsabteilung zu einer Privatarmee an die Wand malte (in Hamburg hat man wohl noch nichts von Blackwater, Executive Outcomes etc. gehört …). Die russische Presseerklärung dazu hörte sich ganz harmlos an (am anderen Ende des Aufgeregtheitsspektrums sozusagen ;-)
en.rian.ru...
Achso,
hier noch der Link nach Hamburg, hatte ich eben vergessen:
spiegel.de...
Gruß
Tja, das Merkel hat halt kein Rückgrat.
Und keine Visionen.
Sonst würde sie Nabucco durchdrücken wie einst Helmut Schmidt und danach Helmut Kohl das legendäre Jamal-Projekt (Deutsche Bank/ Mannesmann/ Ruhrgas) trotz US-Embargos.
Gebracht hats damals erst gute Beziehungen dann Geld dann Gas und dann Perestroika.
Aber soweit kann die Tante eh nicht denken, ihre letzten Äußerungen entlarven sie eh als reaktionär. Und den ersten Kanzler hat sie auch nicht verstanden.
Pax
Hallo,
@corax - ob das sog. Jamal” Projekt so ‘ne tolle Leistung von Kohl und Schmidt waren, wage ich zu bezweifeln. Für das internationale Kapital und seine genannten willigen Helfer schon. Doch Dank “Perestroika” war der Rest doch für die Menschen wohl kaum ein Segen! Weder in Ost noch in West.
Leider merken die Menschen es erst sehr spät - und Gott sei Dank erkennen sie es irgendwann (hoffentlich nicht zu spät).
Stark bleiben!
@D.Krüger
Über Ihre Ansichten kann man ja geteilter Meinung sein, aber meinen Sie denn, daß wird als Deutsche einen Vorteil davon haben uns einseitig an Russland zu orientieren? Unser Vorteil kann nur darin liegen unseren Einfluß zu nutzen um nach Möglichkeit keine neue Hegemonie zu akzeptieren. Solange mehrere Großmächte Interesse an Deutschland haben ist alles gut würde ich sagen. Moral hin oder her.
Ich habe immer mehr den Eindruck, dass Merkel zunehmend alleine dasteht. Zutrauen würde ich ihr die nötigen ‘cojones’, doch scheint mir kaum Rückhalt gegeben.
Mal im Ernst - das Medienecho nach dem Vorstoß gen Iran möchte ich nicht abbekommen, schon garnicht alleine.
Wahrscheinlich wird es wie immer laufen, die Verantwortlichen denken nur bis zur Nasenspitze und in ein paar Jahren fängt der Bär an ganz offenbar zu sagen, wo es für uns und unsere Energiepolitik hinzugehen hat. Denn es ist sein Fleischaufen, und wer ein Stückchen will, muss bitte sagen und was nettes zum Tausch anbieten.
@ Bastian:
da sehe ich unser grösstes Problem mit Politik & Massenmedien:
dass ein Politiker seine Entscheidungen in hohen Maße von solchen Dingen abhängig machen muss, anstatt nach Wirksamkeit und Nutzen zu handeln.
Überspitzt gesagt, Politker entscheiden sich im Zweifelsfall für die Wiederwahl und ihr Image und gegen erfolgreiche Politik.
Die Verantwortung der eigenen Person und der Partei gegenüber wiegt scheinbar schwerer als die dem Vok gegenüber.
Genau das macht es der Bild & Konsorten so leicht, im grossen Stil Politik zu machen
Naja, die Bild ist ja nicht das einzige Massenmedium, und was willst du machen? Klar, dass es das Problem gibt, da stimme ich Dir zu. Aber nicht nur die Bild will ihre Idee davon, wie es laufen sollte in Umlauf bringen. Meinungsmache bei der grauen Masse.
Jede größere Zeitung versucht das, denn die Leser suchen sich ja ihre Zeitung nicht nur nach dem Schreibstil aus, sondern auch ganz sicher nach der dort verbreiteten Meinung. Bild hat da nur die größte und am wenigsten kompetente Leserschaft, abgesehen von den werbefinanzierten Stadtkurieren.
Hinzu kommt auch noch, dass die ‘erfolgreiche Politik’ gerne zu Langfristig und Nachhaltig ist, um bei der nächsten Wahlperiode schon Früchte zu tragen. Ein Dilemma sondergleichen, und kein Lösung is Sicht!?
Eine nachhaltige und menschenfreundliche Bildung für alle wär doch mal ein Konzept. Sozial orientiert, und nicht auf Erfolg im Beruf, ganz gleich welcher es doch sein wird, aus. Wenn ich mir dieses ganze WiWi-Studentenpack bei mir an der Uni anschaue… ein Statussymbol jagd das nächste, haste was, biste was. Jemand der sein Abitur gemacht hat, sollte doch weit genug denken können, aber nein. Pustekuchen!
Und dann die angehenden Juristen. Ich hab es nur aus 2. Hand, aber da passieren Sachen, wie das schwärzen von relevanten Buchseiten in der Bibliothek um einen Vorteil in der nächsten Klausur zu haben, verstecken von Büchern in anderen Regalen um einer der Auserwählten zu sein, und nicht in der Masse unterzugehen… und soche Leute werden dann Juristen?
Ein WiWi-Prof. erzählt davon, dass man betrunken mit dem Taxi nach Hause fahren soll, und kurz vor der Haustür über § soundso schwadronieren möge. Denn der Betrunkene muss mangels Zurechnungsfähigkeit eigentlich nicht Zahlen.
Wenn so ein Volk dann auch noch in den wichtigen Positionen ist, ist es logischerweise auch im Umfeld so, dass jede/r sich selbst der/die Nächste ist. Und was erwartet man dann noch von Politikern? deren Kaderschmiede ist doch so ziemlich die schlimmste, die man sich vorstellen kann.
Nunja, ein bisschen OT gewandert hier, sorry dafür. Ich wünsch Merkel auf jeden fall ‘big bright balls’, um es mal mit ‘Snatch’ zu sagen, und Euch anderen ne Packung Valium, da kann man besser schlafen.
Wenn Russland sein Öl gegen Euro oder noch besser gegen russische Rubel verkauft, so würden zwangläufige Ausrichtungen entstehen.
Dies würde nach kürzester Zeit nach einer akuten Dollarkrise passieren!
Deutschland - Österreich - Frankreich - Russland - China
Das hat mehr Zukunft als viele Leute denken - denn da wäre auch eine antikapitalistische Option enthalten im Sinne von Silvio Gesell!
@Winfried
Europa bezahlt bereits den größten Teil der Energieimporte aus Russland in Euro. Das ist für Russland aber nicht ungefährlich.
Siehe: Holländische Krankheit
Dies ist der letzte Beitrag zu diesem Thema in diesem Thread, da das Thema absolut OT ist. Deine m.E. seltsamen ökonomischen Vorstellungen kannst Du niederlegen, wenn ich die “Spielwiese” geöffnet habe.
Aus russischer Sicht kann man sagen: wenn sich schon plötzlich jemand zu deinem Opponenten ausruft (im gegensatz zu Schröder), dann ist das halb so schlimm und kann sogar zu deinem Vorteil sein, wenn der Opponent so wenig Grips und Energie hat, wie das Merkel.
@ Der Unbequeme
*fg* schön gesagt
Füe mich, der sich mit dem Kaukasus bescäftigt, war dieser Beitrag sehr aufschlußreich und überlegenswert. Habe ihn gleich auf meinem Blog kommentiert: georgien.b...
R.
Bei Merkels und allg. der europäischen Arroganz ist es kaum verwunderlich, dass sie Putin als ‘verlässlichen Partner’ vergraulen und dieser in der Folge alles daran setzt den europäischen intriganten Machtspielchen einen Riegel vorzuschieben. Das Merkel ist nicht nur dämlich, es ist auch dumm.