Ein satanischer Vorschlag

13. Juli 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Lange Zeit war es ruhig um Günther Wallraff. Aber einer wie Günther Wallraff weiß sich zu inszenieren. Wenn er aus dem medialen Nichts zurückkommt, dann muß es mit einem Paukenschlag sein. Salman Rushdies “Satanische Verse” sollen es sein, die er im umstrittenen Moscheeneubau in Köln Ehrenfeld vorlesen will. So etwas polarisiert und bringt Presse, Wallraff kennt die Medien gut.

Eine ernsthafte Bewertung dieser Idee ist indes schwieriger, als es die lauten “Pros” und “Contras” aus den Medien vermuten lassen - oder gerade eben deshalb. Wallraff trifft nämlich einen wunden Punkt. Sein satanischer Vorschlag erinnert stark an den Karrikaturenstreit - Meinungsfreiheit ist ein Wert, über den man eigentlich nicht streiten muß. Meinungsfreiheit ist ein Bürgerrecht, dennoch gelten zwei Einschränkungen. Die geäußerte Meinung darf nicht strafbar sein und sie sollte nicht über Gebühr beleidigend sein. Aber wer ist der Richter? Was ist beleidigend und entscheidet dies der Beleidigte?

Im Rahmen der Integrationsdiskussion wird argumentiert, dass Muslime die gleiche Beleidigungsschwelle aufbringen sollten, wie nichtmuslimishe Mitteleuropäer. Das ist per se nicht falsch, nur verwechselt der nichtmuslimische Mitteleuropäer hier etwas. Was für den Muslim beleidigend ist, muss für den Nichtmuslim noch lange nicht beleidigend sein. Unsere Gesellschaft ist, Papstrummel zum Trotz, eher säkulär und nicht sonderlich religös. Auf religöser Ebene kann man den normalen Michel schwerlich beleidigen, dennoch ist es scheinheilig über Meinungsfreiheit zu diskutieren, wenn in Deutschland die Leugnung des Holocausts strafrechtlich verfolgt wird. Meinungsfreiheit gilt für alle - auch für Vollidioten.

So lange im deutschen Boulevard englische Fußballfans es mit ihren “Ten German Bombers” auf eine schwer empörte Titelseite schaffen oder ein englischer Prinz, der zu einer Kostümparty in Wehrmachtsuniform erscheint, “ganz Deutschland” (laut BILD) beleidigt, sollte gerade der deutsche Boulevard zum Thema Beledigtsein schweigen - auch BILDs “Beleidigte Leberwurst-Kampagne” gegen Polen wirkt in diesem Zusammenhang peinlich.

Sicher - BILD spricht keine Fatwa aus und Prinz Harry muß keine Angst haben, von deutschen Touristen vor dem Buckingham-Palace gelyncht zu werden. Aber die viel zitierten Fatwas wurden - bis auf die Rushdie-Fatwa, welche längst widerrufen wurde- meist von radikalen Vollidioten in Pakistan ausgerufen, die weder die religiöse Instanz haben, dies zu tun, noch sonderlich ernst genommen werden sollten. Das eine Kombination von sensationsgeiler Presse und radikalen Extremisten sich gegenseitig zum Skandal aufputscht, ist verwerflich und für die Integration höchst kontraproduktiv. Broder hat einmal die Frage aufgeworfen, wo die ganzen dänischen Flaggen herkamen, die in Gaza und Islamabad verbrannt wurden - dies ist eine gute Frage, man könnte allerdings auch fragen, wo die AP- und Reuters-Fotografen herkamen - Inszenierung, eine Win-Win-Loose Situation. Verlierer sind die Migranten.

Auch bei Wallraffs kalkulierter Provokation sind die Migranten die Verlierer. Dem Jupp aus Kölle wird medial mal wieder das Bild des bärtigen, reaktionären und frauenschlagenden Ali vermittelt, der bei Mohammed-Karrikaturen oder Rushdie-Lesungen in einen Blutrausch verfällt (Wallraff: Zur Not mit Polizeischutz) und der türkischstämmige Muslim wird es noch schwerer haben, sich bei seinen deutschen Arbeitskollegen für seine Religion zu rechtfertigen - ist dies eigentlich nötig? Wallraff agiert eskalierend und nicht deeskalierend - aber dies ist auch sein Ziel. Er sagt zwar, er suche den Dialog. Das ist ehrwürdig, aber wieso verbindet er dies mit einer Beleidigung?

Will Wallraff einen ernsthaften Dialog mit Christen erreichen, indem er im Petersdom einen Schwulenporno aufführt? Einen ernsthaften Dialog mit dem Judentum, indem er die (widerlichen) Protokolle der Weisen von Zion vorliest? Wird er die Hindus mit einem blutigen Rumpsteak in einem Hindu-Tempel beglücken wollen? Pro-Familia mit Kinderpornos? Das Innenministerium mit einer Lesung aus dem Grundgesetz? Wallraff sagt, Muslime regten sich über das Buch auf, ohne darin gelesen zu haben. Wie viele Deutsche haben Hitlers “Mein Kampf” gelesen?

So weit ist die deutsche Gesellschaft selbst noch nicht, warum sollte man dies von Muslimen in Deutschland erwarten? Es ist schade, dass Wallraff seine an sich lobenswerte Idee dermaßen überzogen hat, dass sie nicht mehr wirklich ernst zu nehmen ist. Der Islam muß sich reformieren und so etwas geschieht selten von innen. Druck von außen ist richtig und zu begrüßen. Aber gerade bei diesem heiklem Thema sollte man doch besonnener vorgehen, will man sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, Provokation als Selbstzweck zu betreiben und damit genau das zu erreichen, was man nicht will: Wasser auf die Mühlen der Extremisten beider Lager zu gießen und die integrationswilligen Muslime zu den Verliern zu machen.

p.s.: Die Vergleiche zwischen Rushdies Buch und den anderen Provokationen sind nicht inhaltlich oder wertend sondern nur auf das Beleidigungspotential beim Rezepienten bezogen. Natürlich ist ein literarisches Werk etwas anderes als eine antisemitische Hetzschrift.

Jens Berger
Bildnachweis: 2x Titanic-Magazin, extremecatholic.blogspot.com, KiWi

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Trackbacks:

  1. 1 · Das rote Blog am 14. Juli 2007 um 04:57

    [...] [Update] Es gibt zu dem Thema auch einen guten Artikel beim Spiegelfechter. [...]


  2. 2 · Watchblog Islamophobie am 14. Juli 2007 um 10:05

    Günter Wallraff war wieder undercover und hat ein neues Buch geschrieben……

    …und zwar über Call Center. Eine solche Recherche ist sicherlich wichtig, und wäre auch ein Grund, ein solches Buch zu kaufen.
    Ich frage mich natürlich, ob man, wenn man sich nach so langer Abstinenz zurückmeldet, teilweise selber um die Werb…


  3. 3 · Watchblog Islamophobie am 14. Juli 2007 um 10:06

    Eigenwillige Logik…

    Ein Lackmustest soll dies sein; Die Zustimmung zu einer Lesung Wallraffs, aus “die satanischen Verse”. Es verschließt sich mir warum eine etwaige Ablehnung dieser Veranstaltung gleichbedeutend wäre mit dem ablehnen von offener Kulturarbei…


  4. 4 · Nerdcore — links for 2007-07-14 am 15. Juli 2007 um 01:20

    [...] Ein satanischer Vorschlag Salman Rushdies “Satanische Verse” sollen es sein, die er im umstrittenen Moscheeneubau in Köln Ehrenfeld vorlesen will. So etwas polarisiert und bringt Presse, Wallraff kennt die Medien gut. (tags: islam wallraff lesung integration) [...]


  5. 5 · Watchblog Islamophobie am 15. Juli 2007 um 14:25

    Empörung über brennende Bibel……

    …und weit und breit kein Muslim, dem man das in die Schuhe schieben kann - wie ärgerlich: in dieser Sendung über “die Hardliner des Herrn” brannte in der Eingangssequenz eine Bibel.

    So, wie ich die Sendung verstanden habe, ging es …


Kommentare:

  1. · D. Krüger am 13. Juli 2007 um 22:06 - Permalink

    Hallo,
    Wallraff will provozieren - und muß Geld verdienen.
    Ein Degenhardt oder Kittners kritisches Kabarett oder Martin Buchholz bringen es wesentlich mehr auf den Punkt.
    Hut ab vor Wallraff - doch irgendwie ist er angekommen.
    Wer bei Kerner Gast ist, ist eigentlich schon tot.
    Ruhe sanft.

    Die Zähne liegen im Wasser Günter

    Stark bleiben!


  2. · Patrick Pricken am 13. Juli 2007 um 22:43 - Permalink

    Nett gedacht, aber das sehe ich anders. Wie ich bereits in einem eigenen Blogeintrag schrieb, bin ich durchaus für die Freiheit von Holocaustleugnern, und halte den “Respekt” vor Religionen für falsch und überzogen.

    Anders gesagt: Wenn jemand im Vatikan einen Schwulenporno aufführen möchte – und die Genehmigung kriegt –, dann bitte sehr. Und wenn sich eine Moschee findet, bei der das Buch vorgelesen wird, dann finde ich das sehr richtig. Das ist nämlich dann ein Zeichen, dass es durchaus auch Muslime gibt, die auf diese Kritik nicht mit Drohungen reagieren. I.Ü. ist m.W. die Fatwa gegen Salman Rushdie nicht aufgehoben worden.

    Natürlich können wir uns an die eigene Nase fassen, wenn es um Popetown o.ä. geht. Und natürlich ist es nicht unbedingt klug, im Iran aus den Satansichen Versen lesen zu wollen (zumindest öffentlich). Und natürlich ist das eine publikumswirksame Geste.

    Na und? Gleichzeitig ist es m.E. eine Geste, die Farbe bekennt. Dialog ist für mich – egal, mit wem – nur unter der Maßgabe unserer grundsätzlichen Gesellschaftsordnung möglich. Und dazu gehört die Meinungs- und die Religionsfreiheit (i.S. der Satanischen Verse) und auch die Versammlungsfreiheit (i.S. Schäuble). So, wie man auch bei Herrn Schäuble eine Linie ziehen sollte, hinter der er sich seinen Allmachtsphantasien hergibt, vor der aber damit Schluss ist, so sollte das auch in diesem Fall getan werden. Es geht einfach nicht, dass z.B. Frauen in Deutschland immer noch mehr oder weniger entrechtet werden, diesmal unter der Maßgabe eines fehlerfreien Korans.

    Ich weiß, dass nicht alle Muslime so drauf sind – aber ich kenne genug muslimische Familien, die so drauf sind, bei denen z.B. die Mutter nicht alleine vor die Tür darf (außer zum Einkaufen), nicht mal ins Kino oder so, und wo diese Frau nach dreißig Jahren Deutschland gerade mal zehn deutsche Worte kennt. An der Uni Essen wurde ein Vortrag über den Islam mit wütenden Beschimpfungen und Drohungen unterbrochen, weil sich die Rednerin da Unerhörtes herausnahm.

    Und das geht nicht. So funktioniert unser Land nicht. In der Türkei z.B. funktioniert es auch nicht so (wenn man in der Großstadt ist). Diesen Fakt kann man klar machen, und im Moment würde ich sogar sagen, dass man das muss. Denn hinter dem Respekt vor Religion verbirgt sich nicht nur der Islam, sondern auch christliche Fundamentalisten wie z.B. Kreationisten. Andere, wie Herr Schäuble, habe ich schon erwähnt.

    Das Recht der persönlichen Ehre, dass in unserem Grundgesetz verankert ist (leider?), sehe ich dadurch nicht betroffen. Mit einer Kritik oder auch einer Beleidigung eines Glaubens beleidige ich nur in speziellen Fällen auch die Gläubigen direkt (beispielsweise “Das ist eine Religion, an die nur Idioten glauben”), ansonsten trifft der Vorwurf nur zu, wenn man sich nur über diese Religion definiert – und wer das tut, bei dem kann man gar nicht verhindern, dass man ihn irgendwie beleidigt. Der Rest muss eben drüber stehen, wie ich auch drüber stehen muss, wenn jemand meine Schreibe oder mein Aussehen kritisiert.

    Der Presseeffekt für Wallraff ist toll, die BILD wird sicher auch schön stänkern – aber man sollte sich seine Meinungen nicht danach aussuchen, wer zufällig mal mit im Boot ist. Ich finds trotzdem richtig. Nicht wegen. Aber richtig.


  3. · qwerty am 13. Juli 2007 um 23:44 - Permalink

    Aus gegebenem Anlass zitiere ich mal aus dem Heise-TP-Forum:

    “fein - und danach Deschner im Katholen-Dom vorlesen
    Postosuchus (166 Beiträge seit 27.02.07)

    aber da ist die Rushdie-Lesung in der Moschee wohl wahrscheinlicher”

    heise.de/t...

    “Das ist ausbaufähig …
    Peter Brockfeld, Peter Brockfeld, Peter.Brockfeld@web.de (264 Beiträge seit 18.07.00)

    - Russ-Meyer-Filme in der EMMA-Redaktion
    - “White men’s burden” bei attac
    - Grundgesetz im Innenministerium
    - Knigge im heise-Forum
    - Reinhard Mey bei AC/DC

    Ehrlich gesagt würde mir die Verwirklichung all dieser Vorschläge
    durchaus gefallen.

    Tolerante Grüße”

    heise.de/t...

    Achja, nicht jedem hier wird wohl der Name Karlheinz Deschner geläufig sein:

    de.wikiped...


  4. · bigberta am 14. Juli 2007 um 02:29 - Permalink

    Wie Herr Maltzahn vom Spiegel einen Helden und Denker entdeckt hat:
    spiegel.de... . Toll.


  5. · Prospero am 14. Juli 2007 um 05:07 - Permalink

    Na ja, ich WÜRDE ja gerne mal “Mein Kampf” lesen wenn ich es denn wirklich mal KAUFEN KÖNNTE und nicht ständig in Bibliotheken meinen Ausweis vorlegen müsste damit die sehen, dass ich nun nichts wirklich schwerwiegendes vorhabe…
    Geht aber nicht. Also nicht über Wege, die ich nun nicht einschlagen möchte.
    Ad Astra


  6. · bernd am 14. Juli 2007 um 09:38 - Permalink

    en.wikipedia.org wer dem krampf lesen möchte kann es da tun bzw sich runterladen.


  7. · transwarp am 14. Juli 2007 um 09:51 - Permalink

    @prospero
    [EDIT: LINK ENTFERNT]

    lohnt sich aber ned wirklich zu lesen… (oder war das nen Meinungsfreiheits-test;)?

    Zum Thema, Spot ON Spiegelfechter!


  8. · bigberta am 14. Juli 2007 um 10:15 - Permalink

    Jetzt hat Wallraff ja erreicht, was er wollte: jeder hat registriert, daß er wieder da ist. Sowas nennt man medial “eindruckvoll zurückgemeldet”, oder so. Der Hype um ihn und der Bild-Reklame von Schwarzer zeigt doch eigentlich nur, daß man diese Leute immer noch ernst nimmt. Die haben “kalkuliert provoziert”, gezeigt, dass sie “verstehen, wie Medien funktionieren”. Das heisst, sie haben gezeigt, daß sie wissen, wie man seine Leser vera-lbert und manipuliert. Das zeigt aber auch, dass sie in das, was sie zu transportieren haven, selber kein Zutrauen mehr haben.
    PS: warum funktionieren meine Trackbacks nicht?


  9. · Spiegelfechter am 14. Juli 2007 um 10:36 - Permalink

    @bigberta

    -> PS: warum funktionieren meine Trackbacks nicht?

    Die sind von WP als Spam eingestuft wurden … frag´mich nicht warum ;-)


  10. · Stroga am 14. Juli 2007 um 11:03 - Permalink

    “Aber die viel zitierten Fatwas wurden - bis auf die Rushdie-Fatwa, welche längst widerrufen wurde- meist von radikalen Vollidioten in Pakistan ausgerufen, die weder die religiöse Instanz haben, dies zu tun, noch sonderlich ernst genommen werden sollten”

    Es gab zwar 1998 eien Distanzierung der iranischen Regierung, welche allerdings nicht mit einer Widerrufung gleichzusetzen ist. Es wäre auch etwas kompliziert in einem von Khomenei durchgeführten Rechtsgutachten Fehler nachzuweisen.

    “The Islamic Republic’s government formally distanced itself in 1998 from the original fatwa against Rushdie, issued in 1989 by Khomeini who said the book committed blasphemy against Islam.

    But shortly after it disavowed the death edict under a deal with Britain, Iranian media said three Iranian clerics called on their followers to kill Rushdie, saying the fatwa was irrevocable.

    A senior Iranian cleric said in a sermon at prayers on Friday that the fatwa was “still alive” in the Islamic Republic”.”

    Allerdingswird diese Fatwa sowohl die in Deuschland lebenden Schiiten, von denen nur eine Minderheit Khomenei-Anhänger sind noch Sunniten aller Art, denen das Gefasel von Khomeini am Arsch vorbeigeht , zu irgendeiner gar immer gearteten Handlung bewegen.

    Den integrierten Zuwanderern wird auch nicht dadurch das Leben schwerer oder leichter gemacht, dafür sorgen weitaus mehr die überaus hilfsbeflissenen Berufsintegrierer, die Migranten für hilfsbedürftige Idioten halten.

    Wichtig ist lediglich in diesem Zusammenhang, dass derjenige der Interesse hat, dieses Buch jederzeit kaufen, ausleihen und lesen kann.

    reuters.co...

    Das ist allerdings unabhängig von Wallraffs Posing zu sehen, er kann meinetwegen auf Lesetournee mit den Satanischen Versen gehen, wenn ihm danach ist, aber ich vermute, dass es dann doch das neue Call Center Buch sein wird.


  11. · bigberta am 14. Juli 2007 um 11:03 - Permalink

    Och, kenne ich. Unser watchblog hatte mich auch schon mal im Spam-Ordner :-)


  12. · Papa Schlumpf am 14. Juli 2007 um 12:32 - Permalink

    Nein, Wallraffs Vorhaben ist nicht mit dem Vorlesen der “Weisen von Zion” in einer Synagoge oder den anderen Vergleichen gleichzusetzen.

    Zugegeben der Unterschied ist subtil. Aber er eröffnet sich, wenn man bedenkt wer entlarvt wird. Der Vorleser oder eine totalitäre Ideologie, oder beides?

    Ich würde die genannten Beispiele nicht vorlesen wollen, weil ich dadurch wie ein kompletter Idiot aussehen würde. Meine Gegner hätten Argumente! Ihre Beleidigtsein wäre berechtigt ob meiner ideologischen Verblendung.

    Beim Islamismus ist das anders. Er hat keine Argumente und benutzt das Beleidigtsein als Ersatz dafür. Empörung als taktisches Kampfmittel.
    Walraff hat die Vernunft auf seiner Seite und setzt sie GEGEN ideologische Verblendung ein.
    Er riskiert nicht als Idiot dazustehen, er riskiert sein Leben.
    Und das sagt eine Menge aus.


  13. · bigberta am 14. Juli 2007 um 13:14 - Permalink

    Wer sagt, daß er “sein Leben riskiert”? Das ist doch Teil der Inszenierung. Hat hier - übrigens darin “Idomeneo” sehr ählich - ein “Islamist” schon was gesagt? Bekir Alboga hat sich positiv geäussert. Wie ärgerlich. Aber es wird sich doch noch irgendein Depp finden lassen, der droht, sonst fühlt sich W. bestimmt “totgeschwiegen”…


  14. · Ben-99 am 14. Juli 2007 um 14:06 - Permalink

    … nun könnte ich provozierend sagen, daß Deine Meinung über Wallraff nicht zwangsläufig falsch sein muß, nur weil sie sich mit dem aktuellen “Brief” des großen Gossen-Philosophen F.J. Wagner deckt ;-)

    bild.t-onl...

    Wallraff ist auch nicht mit der Ankündigung, die “Satanischen Verse” in einer Moschee lesen zu wollen, “mit einem Paukenschlag aus dem medialen Nichts” zurückgekehrt, sondern sorgte schon vorher durch seine Undercover-Recherche im “Callcenter”-Bereich erneut für Aufsehen. Man sollte auch nicht unerwähnt lassen, daß er seit vielen Jahren eng mit Salman Rushdie befreundet ist, dem er zeitweise auch in seiner Wohnung “Asyl” gewährte.

    Außerdem war Günter Wallraff auch nie wirklich weg vom Fenster, denn man konnte ihn in den letzten Jahren in vielen, zum Teil sehr interessanten Diskussionen erleben. Höhepunkt war für mich das Gespräch bzw. die Aussöhnung mit Peter Boenisch, dem legendären “Bild”-Chefredakteur, der sich noch vor seinem Tod zumindest für die schlimmsten seiner damaligen Hetz-Kommentare entschuldigt hat.

    Vielleicht denken manche auch, daß sich Wallraff mit den Millionen, die er durch seine Bestseller verdient hat, ein schönes Leben gemacht hat. In Wirklichkeit hat er damit mehr als die meisten anderen Autoren lobenswerte Projekte unterstützt. Auf seiner Homepage heißt es dazu: “Um Ausländern wirksam helfen zu können, richtete Günter Wallraff den Hilfsfonds ‘Ausländersolidarität’ ein. Für ein in Duisburg geplantes Wohnmodell, in dem Ausländer und Deutsche zusammen leben werden, stiftete er den Großteil seiner Honorare.”

    guenter-wa...

    Ansonsten: Seine auch diesmal wieder gezielte Provokation unterstütze ich, und vielleicht kommt es dadurch tatsächlich zu einem längst überfälligen Dialog zwischen toleranten Christen und fortschrittlichen Muslimen, die es nämlich auch gibt. Im übrigen bin ich der Meinung, daß kein Buch auf der Welt verboten werden darf, schon weil die abschreckende Wirkung manchmal noch viel effizienter sein kann. Das gilt auch und gerade für Hitlers “Mein Kampf”.

    Gruß Ben


  15. · bigberta am 14. Juli 2007 um 15:15 - Permalink

    Aber, aber, das siehst Du völlig falsch. FJ Wagner geht davon aus, daß W. zwar durchgeknallt ist, aber das Anliegen echt ist. Das tue ich nicht: ich sage es nochmal: er hat keines, sieht man mal vom pushen seines Buches ab.
    Laß es mich so sagen: das “Mittel” ist ähnlich denen, daß z.B. Sonya Kraus (talk talk) wählt, wenn Du verstehst, was ich meine. Und nochwas: es geht eben nicht um Dialog. Das kann man noch so oft behaupten, davon wird es nicht wahrer.


  16. · Patrick Pricken am 14. Juli 2007 um 17:16 - Permalink

    Sagst du. Ich sage, Wallraff lebt den Sponti-Spruch: “Stellt euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin”.

    Stell dir vor, Wallraff liest aus den satanischen Versen, und keiner regt sich auf. DAS wäre ein Zeichen, wie man mit so was umzugehen hat. Das könnten sich die Hetz-Imame aus Pakistan (oder sonstwo) mal schön in den Bart schmieren.

    Stell dir vor, da hören Leute zu, und danach applaudieren die noch, weil denen das Buch gefiel. Oder danach zucken sie mit den Schultern, weil es sie kalt gelassen hat. Das wäre perfekt, so sollte es sein.

    So, wie Frau Merkel auf die polnische Muttermilch-Karikatur reagierte: Ist halt Pressefreiheit, bitte sehr.

    Aber nein, hier wird gleich wieder der Wallraff niedergemacht, weil er damit Presse kriegt. Und Gott bewahre, wenn jemand auch nur ansatzweise von etwas profitiert, was er tut. Wo kämen wir da hin?


  17. · bigberta am 14. Juli 2007 um 17:29 - Permalink

    I bewahre, er wird doch nicht “niedergemacht”. Gemeinerweise hat sich ja - genau wie bei Idomeneo noch keiner aufgeregt. Ich denke bloß, man sollte es in die richtige Kiste tun, und da hast Du mit der Muttermilchkarikatur schon recht. Genau in die Schiene gehört es. Oder in die Schiene, wenn irgendeinem Starlet die Bluse platzt. Wenn man es da reinsortiert, ist es doch kein “Niedermachen”. Und Du hast recht: alle gehen hin und keiner regt sich auf. Das fände Wallraff bestimmt ganz entsetzlich.
    Bekir Alboga ist ein kluger Mann. ich würde allerdings nicht auf die Kölner Moschee warten. Marxloh ist eher.


  18. · Spiegelfechter am 14. Juli 2007 um 17:32 - Permalink

    @Patrick Pricken

    Ja und nein ;-)

    Natürlich wäre es optimal, wenn niemand sich über solche Aktionen aufregen würde. 100% d´accord!

    Aber “wir” sollten uns dabei doch zunächst einmal selbst an die Nase fassen. Inszenierte Provokation und inszenierte Entrüstung ist doch keinesfalls ein Monopol von “Hetz-Imamen” aus Pakistan. Die inszenierten Provokationen von Ahmadinedschad und die inszenierte Entrüstung aus dem Westen ist doch ein hervorragendes Beispiel dafür. Ich erinnere hier einmal an sein berühmtes SPIEGEL-Interview. Ahmadinedschad spielte mit dem Feuer und lavierte um die Frage des Holocausts herum. Warum kann Herr Aust da nicht den Voltaire machen und sagen “„Ich verabscheue, was Sie sagen, aber ich werde Ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tode verteidigen”?. Das wäre doch mal eine Lehre für Herrn Ahmadinedschad. Aber nein - Herr Aust “spielt” den Empörten und die Politkammerilla empört sich ebenfalls wie auf Knopfdruck.

    Es gäbe noch zig weitere Beispiele.


  19. · Papa Schlumpf am 14. Juli 2007 um 17:32 - Permalink

    Ja bigberta, da sind wohl unsere Prämissen schon verschieden.
    Ich sehe den Islamismus als ernste Gefahr an. Und seit ich den Koran gelesen habe macht sich bei mir auch eine gewisse Islamophobie breit.

    Natürlich kenne ich die Motive Walraffs sowenig wie du. Aber dass er Rushdie vor der Fatwa versteckt hat, ist zumindest ein Indiz das gegen deinen Verdacht spricht.

    Natürlich bringt er die deutschen Muslime in eine (nicht ganz faire) Zwickmühle. Aber ich glaube, dass er eine Erlaubnis zur Vorlesung bevorzugen würde. Ich sehe sein Motiv nicht in der Inszenierung sondern in der Subversion.
    Dass man damit gegenüber dem Islamismus sein Leben riskiert, hat Theo van Gogh allerdings schon bewiesen.


  20. · Patrick Pricken am 14. Juli 2007 um 17:43 - Permalink

    Und weil Herr Aust sich aufregt, regt man sich hier über Herrn Wallraff auf? Oder: Weil Herr Aust sich aufregt, darf niemand mehr was über den Islam sagen? Ich verstehe die Zusammenhänge nicht, außer das beide Reaktionen übertrieben sind.

    Die BILD macht ja regelmäßig unerträgliche Hetzkampagnen gegen alles und jeden. Darum muss ich nicht erst warten, bis die BILD das nicht mehr tut, bevor ich das beim Nächsten bemängele. Ich kann mehr als einen kritisieren, und ganz einfach sowohl die Tom-Cruise-Schelte seitens einiger aufgeregter Bundestagspersonen als auch die Rushdie-Schelte seitens Pakistan bemängeln.


  21. · Patrick Pricken am 14. Juli 2007 um 17:46 - Permalink

    @Papa Schlumpf: Ich sehe das ähnlich; allerdings fürchte ich mich vor allen Dogmata, explizit allen Religionen, wenn die zur primären Grundlage von Lebensweisen erkoren werden. Da ist der Islam nur eine von vielen – allerdings zweifellos augenblicklich die (weltweit) gefährlichste.


  22. · Spiegelfechter am 14. Juli 2007 um 17:54 - Permalink

    @Patrick Pricken

    So hart kritisiere ich Herrn Wallraff doch gar nicht ;-)

    Was für mich als Fazit steht: Wenn er ernsthaft Dialog haben will, kann er nicht die provokatorische Maximalforderung stellen. Ich kritisiere nicht seine “Aktion”, sondern seine mE scheinheilige Begründung. Wenn er á la Schlingensief argumentieren würde (Provokation als Kunstform, die zum Nachdenken zwingt), hätte er sicher meine Zustimmung.

    p.s.: Weitere Antworten erst ab morgen, “muß” noch den schönen Abend geniessen ;-)


  23. · Ben-99 am 14. Juli 2007 um 18:37 - Permalink

    … tja, so ist das, Clowns wie Schlingensief bekommen Applaus und man gönnt ihnen die Kohle, während sich ein Günter Wallraff, der in seinem Leben ganz sicher mehr bewegt hat, für jede Handlung und für jedes Wort rechtfertigen muß

    Natürlich kann man über seine aktuell geplante Aktion geteilter Meinung sein. Mich stört nur, daß Wallraff von einigen pauschal verurteilt wird und man ihm unterstellt, er hätte jahrzehntelang das alles nur gemacht, um reich und berühmt zu werden. Mediengeilheit als Motiv könnte man dann auch jedem Politiker unterstellen, egal was er sagt und wie er handelt. Es gibt nun mal Jobs, die ohne Öffentlichkeit sinnlos wären. Nur muß man sich normalerweise dabei nicht die Hände schmutzig machen, wozu Wallraff jedoch stets bereit war, und zwar sogar im wahrsten Sinn des Wortes

    Denn angenehm war es sicherlich nicht für ihn, sich jeden Morgen als Türke zu verkleiden inklusive Perücke und dunkler Kontaktlinsen, so daß ihn wochenlang nicht mal seine damals noch kleinen Kinder erkannten, was nach seiner eigenen Aussage zu beträchtlichen familiären Spannungen führte. Ganz zu schweigen von seiner Aktion 1974, als er sich in der damaligen Militär-Diktatur Griechenland in Athen an einen Laternenmast kettete und vorher als einzige “Schutzmaßnahme” Schmerztabletten eingenommen hatte. In Wiki heißt es dazu: “Er wurde bei dieser Gelegenheit von Geheimpolizisten zu Boden geschlagen und schwer verletzt. (…) Ein griechisches Sondergericht verurteilte Günter Wallraff zu 14 Monaten Haft. Durch eine Amnestie wurde Günter Wallraff am 26. Juli 1974 aus dem Gefängnis entlassen.”

    de.wikiped...ünter_Wallraff

    Ich vermute, daß Wallraff manchen Leuten unsympathisch ist, weil er den Mut dazu hat, Dinge zu tun, die wir sesselpupsenden Salon-Sozialisten uns nie trauen würden. Ich hatte jedenfalls schon immer großen Respekt vor ihm. Daher würde ich gern mal von den hier anwesenden Wallraff-Kritikern erfahren, was sie ihm denn nun konkret vorwerfen.

    Gruß Ben


  24. · bigberta am 14. Juli 2007 um 19:05 - Permalink

    Moment, es geht nicht um das, was er früher gemacht hat, es geht um das, was aktuell macht.


  25. · Ben-99 am 14. Juli 2007 um 19:44 - Permalink

    @ bigberta

    … Du schreibst: “Moment, es geht nicht um das, was er früher gemacht hat, es geht um das, was aktuell macht.”

    Ach ja, wirklichß Und warum drückst Du Dich denn die ganze Zeit so allgemein aus?
    _____________

    “Wallraff will provozieren - und muß Geld verdienen.”

    “Wie Herr Maltzahn vom Spiegel einen Helden und Denker entdeckt hat: … . Toll.”

    “Jetzt hat Wallraff ja erreicht, was er wollte: jeder hat registriert, daß er wieder da ist. (…) Die haben “kalkuliert provoziert”, gezeigt, dass sie “verstehen, wie Medien funktionieren”. Das heisst, sie haben gezeigt, daß sie wissen, wie man seine Leser vera-lbert und manipuliert.”

    “Aber es wird sich doch noch irgendein Depp finden lassen, der droht, sonst fühlt sich W. bestimmt “totgeschwiegen”…”
    ____________

    Die Art Deiner ständigen Häme klingt nicht danach, als würde es Dir nur um die geplante Lesung der “Satanischen Verse” gehen. Der von Dir Kritisierte hat immer Mut bewiesen. Nun solltest auch Du Dich ruhig mal trauen, meine Frage zu beantworten, was Du denn so schrecklich an Günter Wallraff findest.

    Gruß Ben


  26. · Papa Schlumpf am 14. Juli 2007 um 20:26 - Permalink

    “Moment, es geht nicht um das, was er früher gemacht hat …”

    Nicht wirklich, nein. Aber es hilft seine Motivation zu verstehen.
    Sich von einer Diktatur verprügeln lassen, einem Vogelfreien Schutz gewähren. Sowas tun Opportunisten nicht. Idealisten schon.

    Folglich unterstelle ich ihm auch hier idealistische Motive.

    Nicht dass gegenüber radikalen Aktionen kein Misstrauen angebracht wäre. Nur sollten politische Reflexe nicht die Meinungsbildung ersetzen (im eigenen Interesse). Und genau auf diesen Punkt versucht Ben dich gerade festzunageln. Ich teile seinen Verdacht.


  27. · bigberta am 14. Juli 2007 um 21:21 - Permalink

    Erstmal: “festnageln” lasse ich mich nicht. Was ist das denn für eine Sprache? Etwas in eine Frau reinrammen…Naja.
    Euch trieft ja die Aggression sonstwo raus. Und es sind keine “politischen Refexe”, nö. Ich finde auch nichts “schrecklich, sondern ich finde, er promotet sich. Genau wie ein Sternchen, dem der BH-Träger platzt. Das finde ich auch nicht schrecklich, sondern das, was es ist: PR.
    Und jetzt lasse ich Euch mal mit Euren Phantasien vom “nageln” alleine…
    Danke für’s Gespräch.


  28. · Ben-99 am 14. Juli 2007 um 21:43 - Permalink

    … ich genieße es, wenn sich Leute in ihrer Aufregung auf unfreiwillig komische Art outen. Da wollte wohl jemand nur ein bissi ablästern und nicht wirklich ernsthaft diskutieren. Somit habe zumindest ich keine weiteren Fragen mehr an “bigberta” ;-)

    Gruß Ben


  29. · otti am 14. Juli 2007 um 21:53 - Permalink

    Walraffs Ideee ist aber sowas von schräääääääg!
    Dass man daran in den Leitmedien (Maltzahn), und sicherlich bei Schäuble, Zustimmung finden könnte, verwundert allerdings nicht.


  30. · S. am 14. Juli 2007 um 22:01 - Permalink

    oh schade , was eine interessante Dikussion hätte werden können , ist nun platt

    muß man denn IMMER den Geschlechterkampf ins Spiel bringen ?

    bahh ..


  31. · bigberta am 14. Juli 2007 um 22:03 - Permalink

    Nö. Wenn sich einer “geoutet” hat, seid Ihr das: Wenn einer *nicht* diskutieren wollte, wart ihr das. Nochmal die Wortwahl: “nageln”, gelle? Wenn Ihr das für Diskussion haltet, bitte sehr. Aber dann ohne mich.


  32. · corax am 14. Juli 2007 um 22:14 - Permalink

    Sehr geehrte bigberta,

    das ist jetzt nicht Ihr ernst oder?
    Ich hielt das bis gerade für einen Scherz Ihrerseits.
    Kennen Sie die Redensart etwa nicht?
    Das hat Papa Schlumpf doch nie im Leben sexistisch gemeint.

    Gugelsuche ” jemanden festnageln” erster treffer: google.de/...

    Bleiben wir doch bitte alle sachlich.

    Pax

    PS: Ich bin ganz nah bei Ihrer Meinung.


  33. · Ben-99 am 14. Juli 2007 um 22:36 - Permalink

    … bigberta sollte mal versuchen, nicht immer nur an Sex zu denken. Zur Grundausstattung eines Fakirs gehört zwar auch ein “Nagelbett”, aber auch dieser Begriff hat herzlich wenig mit den Freuden des Pimperns zu tun. Schon lustig, wie ein politischer Thread in solche schlüpfrigen Niederungen abgleiten kann ;-)

    Gruß Ben


  34. · Markus am 14. Juli 2007 um 23:48 - Permalink

    @ben-99

    Es steht mir natürlich nicht zu für bigberta zu antworten, doch ich möchte zumindest meine Antwort zu Deiner Frage:”Der von Dir Kritisierte hat immer Mut bewiesen. Nun solltest auch Du Dich ruhig mal trauen, meine Frage zu beantworten, was Du denn so schrecklich an Günter Wallraff findest.” darlegen.

    Viele Jahre lang habe ich G.W. für einen hervorragenden Schriftsteller gehalten, der vor allem mit seinen verdeckten Ermittlungen Sachen aufgedeckt hat, die sonst nicht ans Tageslicht gekommen wären.
    Als ich allerdings vor einiger Zeit irgendwo auf seiner Webseite lesen musste, dass er dem 1976 an der Wiedereinreise in die DDR lt. Wikipedia Dichter und Liedermacher Wolf Biermann Unterschlupf gewährt hat und seitdem mit ihm befreundet ist, gingen meine Sympathiewerte schlagartig gegen Null. Dichter? Liedermacher, na ja. War das Mut, den man im Internet präsentieren muss? Kennt jemand die Werke von Dichter und Liedermacher Wolf Bierman? Häufig Fäkalsprache. Die geistigen Qualitäten des gealterten W.B. haben sich offensichtlich auf G.W. übertragen. Jede PR nutzen, die man noch bekommt.


  35. · Markus am 15. Juli 2007 um 00:07 - Permalink

    @Ben-99
    Das war unter Niveau. Bei unbekannten ‘Blogteilnehmern’ muss mensch auf seine Worte eben Rücksicht nehmen, wenn sie zweideutig sein können. Auch wenn es hier um politische Dinge geht. Wir stehen halt nicht in gemütlicher um einen Tisch herum, wo einer den anderen kennt.


  36. · Ben-99 am 15. Juli 2007 um 01:07 - Permalink

    @ Markus

    … über Wolf Biermann und seine manchmal erstaunlichen Wandlungen würde ich mich gern in Ruhe unterhalten, aber nicht in diesem Thread, der nun schon genug geschreddert worden ist.

    Daher vorerst nur so viel: Ich halte Wolf Biermann nach wie vor für einen der größten deutschsprachigen Liedermacher und Dichter. Mal ganz abgesehen, daß seine Ausbürgerung heute historisch als Anfang vom Ende des Spitzel- und Denunzianten-Staats DDR gewürdigt werden muß. Damals, in den ersten Jahren danach, als er sich bei uns quasi im Niemandsland befand, ging es ihm erbärmlich, gerade weil er sich jahrelang nicht für unsere “westlichen” Interessen mißbrauchen lassen wollte.

    Doch dann kam er irgendwann zu sich und schrieb zum Beispiel hervorragende Aufsätze im “Spiegel”, mit denen er erneut bewies, wie originell und wortgewaltig er schreiben kann. Zum Beispiel nach Einsicht seiner Stasi-Akten, als er nicht wußte, ob er lachen oder weinen sollte. Aber immerhin konnte er auf diese Weise zum Beispiel nachlesen, an welchem Tag er wo mit wem wie viele Minute lang Sex hatte. Und ihm wurde allein durch den gigantischen Umfang des Materials klar, daß er von der Stasi jahrelang groteskerweise als Staatsfeind Nr. 1 gehandelt wurde.

    “Chaussestraße 131″ (1968), sein erstes heimlich in den Westen geschmuggeltes Album, haben wir 14-16jährigen Kiddies damals zwischen Led Zeppelin, Jimi Hendrix, John Mayall und den Yardbirds gehört. Und auch später haben wir durch ihn gelernt, daß nicht alles was links ist, grundsätzlich auch lobenswert sein muß. Aber wer macht sich schon die Mühe, auch zwischen den Zeilen seiner meist superben Texte zu lesen?

    Über den gealterten Biermann, der schon beim vorletzten Irak-Krieg 1991 zum Bellizisten wurde, plötzlich auch immer wieder seine jüdische Abstammung betont, was er früher für nebensächlich hielt, habe ich mir natürlich auch den Kopf zerbrochen. Und doch ist er meilenweit von den Menschen entfernt, die man als “Wendehals” bezeichnen könnte. Überhaupt kann man immer nur das Gesamtwerk eines Künstlers beurteilen, und deshalb hat er, der seinerzeit den umgekehrten Weg ging und freiwillig aus meiner Heimatstadt Hamburg nach Ost-Berlin “rüber machte” als einer der wichtigsten noch lebenden Berliner die Ehrenbürgerschaft auch verdient.

    Aber jetzt habe ich an dieser Stelle doch schon wieder viel zu viel über ihn geschwafelt. Wolf Biermann hat es nicht verdient, in irgendeinem Thema irgendwo am Rande erwähnt zu werden. Obwohl sein Leben, zumindest als junger Mann, oft auch erotisch so ausschweifend war, daß auch bigberta wieder ihre Freude daran haben könnte ;-)

    Gruß Ben


  37. · Papa Schlumpf am 15. Juli 2007 um 01:08 - Permalink

    Sorry bigberta, das war ehrlich nicht chauvinistisch gemeint. Bitte nicht sauer sein.

    Spulen wir einfach zu deinem letzten Argument zurück.
    Wie lautete das nochmal ?


  38. · zaphodia am 15. Juli 2007 um 03:54 - Permalink

    @38

    Tja das ist immer grundsätzlich schwierig mit der Zweideutigkeit, Sprache ist ganz allgemein vieldeutig. Bekanntlich gibt es auch häufig Schwierigkeiten, Ironie in Beiträgen zu erkennen.

    Um auf das Problembeispiel zu kommen:

    Nageln, Bez. für das Auftreten von harten Verbrennungsgeräuschen bei Dieselmotoren; v. a. bei kaltem Motor durch den hohen Zündverzug des Kraftstoffs.

    Meyers Lexikon

    Nur so als weiteres Bedeutungsbeispiel.

    Hingegen festnageln:
    umgangssprachlich auch für jmdn. auf etwas festlegen

    Duden

    Nun hätte man ja statt festnageln auch festlegen schreiben können, aber auch da gibt es die gleiche Fehldeutungsmöglichkeit von flachlegen, umlegen herkommend.

    Wobei der ganze Satz
    “Und genau auf diesen Punkt versucht Ben dich gerade festzunageln.”
    im Kontext eigentlich ziemlich eindeutig und eher nicht mißzuverstehen sein sollte. Und wenn wie in diesem Fall doch, dann kann man das immer noch in weiteren Beiträgen klarstellen.

    Und als Hinweis darauf, welche Begriffe noch mit ähnlichen Schwierigkeiten behaftet sein könnten, noch ein Link auf eine Leseprobe von Christoph Gutknecht: Ich mach´s dir mexikanisch

    Und wer hier würde die Luthersche Umschreibung: Ein Weib erkennen, auch so verstehen?


  39. · Patrick Pricken am 15. Juli 2007 um 08:56 - Permalink

    Moment mal. Wird hier jetzt ernsthaft gefordert, sich wegen der Wortwahl “festnageln” zu entschuldigen?

    Das passt komischerweise hervorragend zu dem Thema dieses Beitrags: “Was ist beleidigend und entscheidet dies der Beleidigte?”

    Wir sehen, wo man hinkommen kann, wenn der – in diesem Falle die – Beleidigte die letzte richterliche Instanz ist. Dann kann es passieren, dass jemand sich wegen Nonsens oder Nichtigkeiten beleidigt fühlt, oder dass jemand eine mutmaßliche Beleidigung anführt, um sich aus der Diskussion zu schleichen. “Das lasse ich mir von Ihnen nicht sagen, so nicht.” Und basta?

    Ich kann leider nicht feststellen, welche Option hier auf bigberta zutrifft. Aber wegen eines im Christentum verwurzelten Ausdrucks (Jesus wurde festgenagelt) oder wegen Unwissens über deutsche Rechtschreibung (festnageln ≠ fest nageln) feministische Entrüstung zu zeigen, ist entweder Fassade oder lächerlich. Und da muss man sich auch nicht entschuldigen.

    Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass ich jedes kleine “p” als Herabsetzung meines Namens und damit meiner Selbst betrachte. Mit kleinen “p”s diskutiere ich nicht.


  40. · Chat Atkins am 15. Juli 2007 um 13:46 - Permalink

    Wenn es nur ums Prinzip geht, dann fände ich es ‘aufklärender’, Wallraff würde zunächst ‘Des Mauren letzter Seufzer’ (auch von Rushdie) in einem beliebigen hinduistischen Tempel in Deutschland öffentlich vorlesen. Der Text ist zwar hierzulande ziemlich unbekannt, hat ihm bei den indischen Hindus aber ähnlichen Ärger eingebrockt wie die ‘Verse’ bei den Muslims. Letztlich geht es doch immer nur um die Bekloppten jeder Couleur, die sich selbst für das Gesetz und die Moral halten, ob die nun ‘Wahhabiten’, ‘Hindu Tiger’, ‘christliche Kreationisten’, ‘Nationalsozialisten’ oder ‘Neoliberale’ heißen …


  41. · bigberta am 15. Juli 2007 um 14:30 - Permalink

    Nö, Herr Pricken, hier muß sich keiner für irgendwas “entschuldigen”: übrigens sprach ich keinesfalls über Sex, sondern über Gewalt in der Sprache. Könnt Ihr ja mal bei Schwarzer , und da bin ich ausnahmsweise mal ganz bei ihr.
    Wie gesagt, der Autor muß sich für seine Gewaltphantasien keinesfalls “entschuldigen”, genausowenig, wie ich mich entschuldigen muss, sie benannt zu haben
    Aber es gibt den nächsten Aufreger: watchblogi...
    Ärgerlicherweise weit und breit kein Muslim in Sicht.


  42. · bigberta am 15. Juli 2007 um 14:32 - Permalink

    Sorry, da hat mir das Programm was verschluckt. Es sollte natürlich heissen: “bei Schwarzer nachlesen”.


  43. · Papa Schlumpf am 15. Juli 2007 um 15:23 - Permalink

    Gut, wie gesagt habe ich die Gewalt meiner Argumentation völlig unterschätzt.

    “Aber es gibt den nächsten Aufreger: …
    Ärgerlicherweise weit und breit kein Muslim in Sicht.”

    Ja, in der tat. Verhält sich ähnlich wie mit Gegenargumenten Ihrerseits.
    Beides wäre wünschenswert.

    Also, lassen Sie sich bitte nicht durch meine sprachlichen Defizite abhalten.


  44. · Papa Schlumpf am 15. Juli 2007 um 15:34 - Permalink

    @Chat Atkins

    Walraff geht aber wohl nicht nur um’s Prinzip. Ich bin sicher Sie ahnen, dass der Adressat hier von erheblicher Bedeutung ist.


  45. · Lara am 15. Juli 2007 um 16:02 - Permalink

    Mein Gott, was für eine Wichtigtuerei, Wallraffs dümmlich-polemischen Versuch, Moslems zu zwingen, in einem ihrer Gotteshäuser etwas vorlesen zu lassen, was viele von ihnen als Gotteslästerung betrachten, als ehrlichen Versuch der Initiierung eines Dialogs zu verkaufen. Geht’s noch????

    Es reduziert sich doch eigentlich auf die Frage, was denn eigentlich dieser so anmaßend als “Lackmus-Test” bezeichnete Akt beweisen soll. Wenn einige Moslems sich zwingen lassen, das zu tun, hören die ständigen Anklagen gegen den Islam auf? Man mag mich für pessimistisch halten, aber angesichts dessen, was die peinlicherweise immer wieder geforderten Distanzierungen der Moslems von den Taten irgendwelcher Leute, mit denen sie nicht mehr gemein haben, als die Religion, bin ich mir fast sicher, dass auch eine solche Lesung nichts ändern wird an der rassistischen Einstellung selbsternannter Beschützer des Abendlandes vor den vor Wien stehenden Moslems. Es ist auch nicht nötig, hier scheinheilig so zu tun, als ginge es allein gegen Islamisten oder “pakistanische Hetz-Mullahs”. Wallraffs PR-Maßnahme - die ich weniger als Promo für sein Buch und viel mehr als Promo für die aktuell in Ex-Intellektuellen-Kreisen grassierende Moslem-Feindlichkeit sehe - richtet sich nicht an Pakistanis oder fanatische Islamisten, sondern richtet sich an hier lebende Menschen, die moslemischen Glaubens sind.

    Auch das immer wieder aufgewärmte “Argument”, der mutige Mensch riskiere mit dem Aussprechen der angeblich unaussprechlichen Inkorrektheiten sein Leben, wird zwar immer wieder gerne verwendet (der n-tv-Forist Ulrich Sahm ist da auch ganz groß), aber wenn man mal genau hinsieht, bleibt von diesem “Mut” nicht viel übrig. Er macht einen dämlichen Vorschlag, genau wissend, dass die angesprochenen Moslems nur verlieren können. Lehnen sie ab, in ihrem Gotteshaus etwas von den Gläubigen als Blasphemie betrachtetes vorlesen zu lassen, stehen sie - und wie inzwischen üblich und durchaus salonfähig - mit ihnen alle Moslems auf einer Stufe mit pakistanischen oder von/in “sonst wo” predigenden “Hetz-Imamen”. Nehmen sie an, ist das nur eine weitere Demütigung, die die hier lebenden Moslems über sich ergehen lassen müssen, um nicht pauschal mit irgendwelchen Terroristen, die sich gerade mal auf den Islam beziehen, in eine Schublade gesteckt zu werden, nur um kurz danach wieder in genau der gleichen Schublade zu landen. Also wozu sich derart vorführen lassen?

    Ich weiß nicht, ob die Verse wirklich blasphemisch sind - ich bin nicht religiös, aber bevor Mitglieder dieser “christlich-jüdischen” “Leitkultur” sich hinstellen und verlangen, Moslems sollten doch erfreut die großzügig gewährte Gelegenheit ergreifen und einen Lackmus-Test ablegen, der aufschlussreiche Rückschlüsse auf etwas sonst nicht sichtbares zuließe (denn das ist ein Lackmus-Test), sollten wir doch erst mal vorführen, dass das hier überhaupt üblich ist. Also: Ich erwarte von den Christen, dass sie im Kölner Dom ein gekreuzigtes Schwein auf den Altar stellen, der Bischof soll als Schweinepriester verkleidet den Gläubigen statt der Oblate eine stilisierte Kröte zu schlucken geben und anschließend wird - ganz unaufgeregt über eines der Deschner-Bücher diskutiert. Na? Hört sich das gut an für euch? Das wäre doch fair, oder nicht? Gut, das blasphemische Schwein und die Kröte können wir auch weglassen, aber Deschner sollte schon eingeladen werden. Er hält ja sicher sowieso regelmäßig Vorträge vor Kirchengemeinden, schließlich ist es hier üblich, so was zu tun… Und wo wir schon dabei sind: Die Juden dürfen den Test ebenfalls ablegen, soll ja keiner behaupten, dass da eine Sonderrolle zugeteilt wird. Hm, ich kenne keine jüdische blasphemische Literatur, als Ersatz schlage ich vor, Norman Finkelstein wird aus der Holocaust-Industrie vorlesen und anschließend wird die Hexenjagd diskutiert, die auf Finkelstein veranstaltet wurde unter besonderer Berücksichtigung der inzwischen bekannt gewordenen “Unsauberkeiten” im Finanzgebaren des ehemaligen Generalsekretärs des World Jewish Congress, Israel Singer. Aber ich bin sicher: Christen und Juden werden begeistert auf derartige Vorschläge eingehen, schließlich leben wir hier ja in einer offenen, aufgeklärten und toleranten Gesellschaft, da wird man sowas ja wohl aushalten…

    Nur, was soll das ganze eigentlich bezwecken? Was für ein verborgenes, nicht sichtbares Element, will Wallraff mit diesem Test den feststellen können? Und ist dieser Test in irgendeiner Weise geeignet, Rückschlüsse in der Art zuzulassen, wie es suggeriert wird?

    Das andere “Argument”, dass hier ein Dialog angestoßen werden soll… - äh, mangelndes Palaver ist das letzte, was mir einfällt, wenn ich an das Theater um die Moschee denke oder an die Islam-Debatte allgemein. Meine Güte, der Broder arbeitet sich gemeinsam mit anderen seit Jahren am Islam ab, der Feuilleton ist voll davon, die islamischen Verbände distanzieren sich, geben Stellungnahmen ab, schicken Vertreter zu dem lächerlichen Show-Talk mit Schäuble, der offenbar nur als Ablenkung inszeniert wird, während gleichzeitig jedem Dialog widersprechende Gesetze durchgedrückt werden und und und. Der Dialog ist in vollem Gange - da braucht es keinen Wallraff oder eine Schwarzer mehr. Der Dialog ist zwar weitgehend nutzlos, weil ja ohnehin weitergemacht wird wie bisher - also an den Muslimen vorbei, aber er findet statt. Auch ohne Wallraffs bisher wertlose Beiträge dazu.

    PS: Ich kann BigBerta schon verstehen, : Die Art und Weise, mit der das grooooße Doppel-Pe, Ben99 und der Schlumpf versuchen, Wallraffs blödsinnigen Vorschlag zu verteidigen und BB in die Defensive zu drängen, ist eigentlich recht offensichtlich. Festnageln ist hier sicher nicht sexistisch gemeint, aber tut doch mal nicht so, als hättet ihr nicht versucht, mit billigen rhetorischen Tricks zu provozieren und anzugreifen. Allein der Versuch, BB unterzuschieben, sie hätte über Wallraffs ehemals respekteinflößendes Leben gesprochen, ist dermaßen billig, dass ich die hier zur Schau gestellte Selbstgefälligkeit über das vermeintliche Festnageln von BB wirklich nur lächerlich finde. Das Thema im Artikel vom Spiegelfechter ist nicht Wallraffs Aufklärungsarbeit über die Blöd-Zeitung oder McDoof oder Wallraffs jugendlicher Idealismus, der offensichtlich in der Versenkung verschwunden ist, sondern Wallraffs peinlicher Vorschlag, in einem islamischen Gotteshaus die satanischen Verse vorzulesen. So, wie ich es sehe, hat nicht BigBerta sich hier geoutet, sondern die Islamophoben, die auch noch stolz drauf sind… An welches Hassblog im Internet erinnert mich das bloß…? Ist sicher nur Zufall, oder?


  46. · Ben-99 am 15. Juli 2007 um 16:40 - Permalink

    @ Lara

    … öhm, was sind denn “Ex-Intellektuelle”?

    Gruß Ben


  47. · sirfa am 15. Juli 2007 um 18:44 - Permalink

    Walraff offensichtliche Ankündigung, den bürgerlichen Rassismus der deutschen Eliten jetzt direkt in die Moscheen dieses Landes zu tragen zu wollen und nebenbei ganz grossartig sein neustes Buch über die tägliche Ausbeutung in den Ruf mich mal an Centern anzupreisen, beweisst nur, wie verkommen und einfältigt die gesamte politisch kulturelle Schickeria geworden ist.

    Während die Neoliberalen einen Flugzeugträger nach dem anderen vor die iranische Küste verlegen, spielen die ach so wichtigen Künstler das kriegerische Musikkonzert dazu: der bärtige Moslem als Untermensch und Zukunftsverweigerer. Yeah Baby , Yeah.

    Rassistische Demütigungen über Springer, Spiegel und Bertelsmann als intellektuelle Leistung zu verkaufen, hat tatsächlich eine neu Qualität der Kultur, eine die so bunt und debil vor sich hingrinst, sich für wichtig hält und nichts weiter als bürgerlicher Rassismus ist.


  48. · Fiend_THeyde am 15. Juli 2007 um 19:01 - Permalink

    @ Lara
    Ein sehr schöner Beitrag, dessen Aussage ich mich anschließen möchte.

    Darüberhinaus: Ein Punkt, der in dem allgemeinen Integrationsgedöns regelmäßig vernachlässigt wird, ist der Umstand, daß deutsche Bundesregierungen seit Jahrzehnten Mittel zur Verfügung stellen, mit denen die Pflege, respektive Ausübung deutscher Kultur im Ausland gefördert wird.

    Deutsche Auswanderer und Minderheiten werden ermutigt (und finanziell unterstützt), ihre kulturellen Wurzeln öffentlich auszuüben, bzw. ihr Recht auf kulturelle Eigenständigkeit offensiv einzufordern (z.B. in Russland oder Südamerika). Den jeweiligen Regierungen wird dagegen abverlangt, diese Eigenständigkeit nicht anzugreifen, sondern zu tolerieren, wohingegen die Herkunftsländer der hiesigen Einwanderer angehalten werden, die Integrationswilligkeit ihrer Bürger zu fördern, sobald diese nach D kommen.

    Den Einwanderern hierzulande wird “Integration” (= Assimilation) abverlangt, während anderswo das Gegenteil betrieben wird. Wie so oft wird Wein gesoffen und Wasser gepredigt.

    Besonders drollig (oder widerwärtig) ist die Forderung, daß Einwanderer sich einer angeblichen deutschen Leitkultur anzupassen hätten; als sei eine solche Kultur, die sich ohne überregionale Einflüsse entwickelt hat, überhaupt jemals vorhanden oder auch nur möglich gewesen.

    Solange die Definition, woraus diese angebliche Leitkultur besteht, schön schwammig gehalten wird (wie es derzeit üblich ist) und die Anforderungen - je nach Gusto oder tagespolitischen Erfordernissen - erhöht werden können, haben unsere selbsternannten “Eliten” ein Instrument in der Hand, mit dem man Bevölkerungsgruppen beliebig ein oder ausgrenzen kann. Benötigt man billige Arbeitskräfte, ist der Burnus Ok. Will man sie wieder loswerden, ist er Ausdruck einer feindlichen Gesinnung, die bekämpft werden muß.

    Dagegen werden Krokodilstränen der Rührung vergossen, wenn irgendwo in der Welt deutsche Trachtengruppen vor deutschen Auswanderern, bzw. Minderheiten auftreten. Unvergessen das Engagement der CSU-Oberen, sich für die Verbreitung deutscher Sitten im Apartheidssystem Südafrika einzusetzen und dies als Kampf gegen kommunistische Tendenzen darzustellen (mit Heino als antikommunistischem Marschflugkörper).

    Ist Angela Merkel eigentlich ein Vorbild für deutsche Kultur? Eine Kanzlerin, die sich problemlos den Mächtigen in Moskau, Oggersheim oder Washington als Enddarmreinigungskraft angedient hat und Opportunismus offensichtlich als Tugend begreift. Oder die Herren Koch und Merz, die Selbstbereicherung für völlig normal halten, selbst wenn sie mit Gesetzen kollidiert.

    Selbst diese Untugenden sind noch nicht mal ausschließlich oder typisch deutsch.

    Greets


  49. · Jörg Friedrich am 15. Juli 2007 um 20:19 - Permalink

    Nur wenige haben “Die satanischen Verse” gelesen und sind gleichzeitig profunde Kenner des Islam um die Idee Wallraffs wirklich einschätzen zu können.

    Im Moment ist das Ganze ein gedankenspiel, ein Gedanken-Experiment wie die aus der theoretischen Physik.

    Für die Idee zu diesem Experiment kann man nur dankbar sein. Ich selbst habe mir vorgenommen, nun erstmaldas Buch zu lesen. werde ich es überhaupt verstehen, werde ich die Gründe, die zur Fathwa geführt haben, überhaupt herauslesen können?

    Wer den “Veranstaltungsplan” in einer Moschee bestimmt, weiß ich auch nicht. In katholischen Kirchen sind eine ganze Reihe von Veranstaltungen sicherlich grundsätzlich nicht möglich, andere hängen vom Pfarrgemeinderat oder vom örtliche Pfarrer ab.

    Es gibt eine Menge interessanter Gedankenketten, die man an diese Idee anknüpfen kann. Das ist das Gute an provokanten Ideen.


  50. · Patrick Pricken am 15. Juli 2007 um 22:01 - Permalink

    Lara: “PS: Ich kann BigBerta schon verstehen: Die Art und Weise, mit der das grooooße Doppel-Pe, Ben99 und der Schlumpf versuchen, Wallraffs blödsinnigen Vorschlag zu verteidigen und BB in die Defensive zu drängen, ist eigentlich recht offensichtlich. Festnageln ist hier sicher nicht sexistisch gemeint, aber tut doch mal nicht so, als hättet ihr nicht versucht, mit billigen rhetorischen Tricks zu provozieren und anzugreifen.”

    Ich tue jetzt trotzdem mal so, bis man mir den billigen Trick zeigt. Ich kaufe meine rhetorischen Tricks nämlich nur im (teuren) Fachhandel. Billig ist der Trick, sich bei einer Frage an einer Wortwahl aufzuhängen (aufhängen!) und aufgrund dieser Wortwahl dann abrupt nicht zu antworten, sei es nun sexistisch verstanden oder als Anzeichen von Gewaltphantasien. Dass Gewalt und Kriegssprache in unserer Metaphorik vorkommen, ist unbestritten – dass dies aber nicht das Thema war und es nur gerne aufgegriffen wurde, wirkt für mich genauso klar.

    Man kann Wallraffs Ansinnen “dümmlich-billig” finden und mich gerne auch als islamophob bezeichnen – aber dann hätte ich dazu gerne einen Beleg. Auch dafür, mich implizit mit dem Vorwurf zu belegen, ich mäße mit zweierlei Maß, aus der Sicherheit meiner christlichen Leitkultur. Also, quasi eine Begründung, die sich in mehr als einem Bauchgefühl und Empörung äußert. Klar klingt das alles toll und rechtschaffen, und das ist ja gut, dass einem so ein Thema nahegeht. Aber mit konträren Meinungen sollte man doch etwas rationaler umgehen.


  51. · Ben-99 am 15. Juli 2007 um 22:54 - Permalink

    … auch ich kaufe meine billigen rhetorischen Tricks stets bei ausgesuchten Fachhändlern und fürchte, daß “Lara” nur die Luxusversion der dicken Berta ist. Können “Ex-Intellektuelle” sowieso nur gegen Aufpreis beziehen ;-)

    Gruß Ben


  52. · Ben-99 am 15. Juli 2007 um 23:18 - Permalink

    … aber zurück zum Thema. Was haltet Ihr denn von dem Kommentar von Alan Posener, der erst kürzlich vom “Welt”-Chefredakteur zensiert worden ist? Link:

    debatte.we...

    Zitat:

    “Es gibt viele gute Gründe, Günter Wallraff für einen sehr problematischen Zeitgenossen zu halten. Aber wenn er etwas richtig macht, soll man es auch laut sagen.

    Wallraff will in der zu bauenden neuen Kölner Moschee aus dem Roman “Die satanischen Verse” von Salman Rushdie vorlesen. Hier das Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger. Wie es der Zufall will, hatte ich in einem Leitartikel vergangenen Sonntag gefordert, als Antwort auf die Einschücherungsversuche der Islamobolschewisten Rushdies Roman zur Pflichtlektüre in den Schulen zu machen: hier. Wallraff beweist hier Zivilcourage; mehr Zivilcourage als die damalige West-Berliner Akademie der Künste, die auf dem Höhepunkt der Affäre 1989 die von ihrem Präsidenten Günter Grass vorgeschlagene Solidaritäts-Adresse mit Rushdie nicht verabschieden wollte, weshalb Grass aus der Akademie ausschied: völlig zu Recht. (Auch Grass muss man loben, wenn er etwas Richtiges macht.) Es ist zu hoffen, dass die türkische Seite nicht im letzen Augenblick kneift.”

    Gruß Ben


  53. · corax am 15. Juli 2007 um 23:46 - Permalink

    Von Posener halte ich gar nichts, von Günter Gra(jetzt mit ss) auch nichts mehr.

    Link: schieflage...

    Und wenn Du dich schon bemüßigst fühlst, darauf hinzuweisen, dass Posener zensiert wurde, solltest Du auch erwähnen weswegen, oder soll hier etwa ein bestimmter Eindruck erweckt werden?

    “Islamobolschewisten” “Gefährder” “Illegale Kombattanten” “Verschwörer” “Unterbindungsgewahrsam” “Grundgesetzerweiterungen” …

    Soll´s bald wieder losgehen?

    Pax


  54. · Papa Schlumpf am 15. Juli 2007 um 23:58 - Permalink

    @ Lara
    Unter Pepe’s Aussagen setze ich hiermit meine Unterschrift. Das bloße Benennen der eigenen Meinung garniert mit Schmähungen der Meinungsgegener hat mit einer rationalen Debatte rein garnichts zu tun.

    Trotzdem gibt es einige interessante Passagen in Ihrem Text, z.B..

    “Nur, was soll das ganze eigentlich bezwecken? Was für ein verborgenes, nicht sichtbares Element, will Wallraff mit diesem Test den feststellen können?”

    Da Sie den Rückgriff auf Wallraff’s Biographie für unzulässig halten, können wir bei diesen Fragen natürlich nur mutmaßen.
    Ich denke Wallraff will einen Keil zwischen Muslime und Islamisten treiben. Durch aufgeklärte Debatten der Irrationalität der islamistischen Menschenverachtung den Boden entziehen.

    Und wenn diese rationale Debatte davon handelt weshalb die Verse blasphemisch sind und folglich in einem Gotteshaus nicht vorgetragen werden dürfen, dann ist mir das recht.
    Es geht um die Debatte selbst, der Weg ist das Ziel.

    “Und ist dieser Test in irgendeiner Weise geeignet, Rückschlüsse in der Art zuzulassen, wie es suggeriert wird?”

    Ja, wobei meines Erachtens die deutschen Muslime (im Gegensatz zu den britischen) kaum ernsthafte Schwierigkeiten mit derartigen Tests haben werden.
    Die Frage lautet: “Seid ihr fähig jene Teile eurer althergebrachten Kultur hinter euch zu lassen, bei denen wir keine Kompromisse machen können ?”
    Viele haben diesen Integrationsschritt schon längst vollzogen. Aber eben noch nicht alle.


  55. · verschwender am 16. Juli 2007 um 00:10 - Permalink

    Was hat eigentlich eine Lesung der Satanischen Verse in einer Kölner Moschee mit Integration zu tun?


  56. · corax am 16. Juli 2007 um 00:13 - Permalink

    Zu Wallraff:

    “Laßt den andern glauben, was er will, aber fordert dafür auch von ihm, daß er dich nicht glauben läßt, was er glaubt. Diese Forderung ist gerecht und billig; aber ungerecht und verwerflich, verwerflicher noch als die Intoleranz des Gläubigen ist die Intoleranz des Aufgeklärten, welcher von den andern ohne Unterschied verlangt, daß sie zwar nicht so glauben, aber so denken, so frei und gescheut sein sollen, wie er selbst. Man muß auch gegen die Unfreiheit und Dummheit tolerant sein.”
    Ludwig Feuerbach

    Pax


  57. · verschwender am 16. Juli 2007 um 00:22 - Permalink

    @corax

    Chapeau!! Trefflicher kann man es nicht ausdrücken.


  58. · verschwender am 16. Juli 2007 um 00:29 - Permalink

    @Papa Schlumpf

    “Die Frage lautet: “Seid ihr fähig jene Teile eurer althergebrachten Kultur hinter euch zu lassen, bei denen wir keine Kompromisse machen können ?””

    Die berechtigte Gegenfrage wird sein:”Bei welchen Teilen unserer althergebrachten Kultur könnt Ihr denn keine Kompromisse machen?”


  59. · sirfa am 16. Juli 2007 um 00:36 - Permalink

    Wer das Problem in den von unseren Rüstungskonzernen ausgebildeten und ausgerüsteten,auf dem Balkan verfrachteten , von unseren Nachrichtendiensten überwachten, gezielt eingesetzten militanten Islamisten sieht, wer von den Rohstoffsicherungskriegen im Nahen Osten, vom Krieg um Wasser und im Wirtschaftskrieg gegen China nichts lesen will, wer von den dritte Weltzuständen in den Metropolen der ersten Welt nicht hören will, und wer dann noch Wallrafs Idee, seinen Gedanken hochleben lässt, und das ganz ganz toll und kulturell künstlerisch schick findet, der hat wirklich einen Kühlschrank voller leerer Tassen, Tassen, die schon lange zerschlagen sind.


  60. · zaphodia am 16. Juli 2007 um 00:49 - Permalink

    zu 56:
    Das war mir bis jetzt begrifflich neu:

    “Islamobolschewisten” - erinnert an “Jüdische Bolschewisten”, da wurde nur die Religion ausgetauscht.

    Nun gegen Zuspruch von Leuten mit denen man nichts am Hut hat, kann man sich direkt schlecht wehren (siehe NPD und Lafontaine), aber eine klare Stellungnahme von Wallraff zur Hetze gegen den Islam wäre doch sehr wünschenswert.

    Um Meinungsfreiheit kann es bei der Lesung nicht gehen, schließlich steht es den Betreibern der Moschee zu über dortige Veranstaltungen zu entscheiden. Und sollte der Vorschlag abgelehnt werden, dann hoffe ich doch, daß Wallraff zwar durchaus seine Enttäuschung äußert, aber gleichzeitig das Recht auf eine solche Entscheidung auch gegenüber den Hetzern verteidigt.

    Das Hauptproblem bleibt trotzdem die absehbare öffentliche Reaktion auf seine Ankündigung, denn wie üblich wird über und nicht mit den islamischen Gläubigen geredet.

    Wallraff hätte das im kleinen Kreis mit Ditib-VertreterInnen besprechen können ohne das gleich an die große Glocke zu hängen. So setzt er seine “DialogpartnerInnen” unter Druck. Persönlich würde ich als BetroffeneR in so einem Fall abblocken, denn wer läßt sich schon gerne unter Druck setzen. Mit der Glaubwürdigkeit eines Dialogversuchs ist es dann auch vorbei.

    Mal davon abgesehen wie aussichtsreich das anhand der “Satanischen Verse” sein soll. Oder anders gefragt: Wieviele Katholiken würden sich für eine Lesung eines der von mir aus aktuelleren Bücher auf dem Index Librorum Prohibitorum z.B. in der katholischen St. Georg-Kirche in Istanbul durch einen Moslem interessieren und mit ihm über christliche Glaubensfragen diskutieren wollen?

    OT: Interessanterweise lenkt die Konstruktion des neuen Feindbilds Islam ziemlich von der Entwicklung im Zusammenhang mit dem alten Feindbild Russland ab, dabei ist die Auflösung der Abrüstungsordnung der 1970-90er Jahre viel beunruhigender als die aufgeblasene Gefahr durch z.T. dilettantische islamistische AttentäterInnen.
    KSE- und ABM-Vertrag sind nun aufgekündigt und ein neues Wettrüsten ist absehbar bzw. hat schon begonnen. Der NPT wird ignoriert und nur gegen die “Achse des Bösen” Iran und Nordkorea in Anschlag gebracht.

    Sind die also mit den “Islamobolschewisten” gemeint?


  61. · Papa Schlumpf am 16. Juli 2007 um 10:39 - Permalink

    @ Verschwender
    “Was hat eigentlich eine Lesung der Satanischen Verse in einer Kölner Moschee mit Integration zu tun?”

    Nur indirekt. Es geht mehr um die Debatte über ein möglichst streitträchtiges Thema. Bei Debatten müssen Fundamentalisten nämlich leider passen (=> “Lackmustest”). Es zeichnet einen Fundamentalisten ja gerade aus, dass ihm das Konzept der Gleichberechtigung verschiedener Meinungen fremd ist.

    >> Die berechtigte Gegenfrage wird sein:”Bei welchen Teilen unserer althergebrachten Kultur könnt Ihr denn keine Kompromisse machen?”


  62. · Papa Schlumpf am 16. Juli 2007 um 10:42 - Permalink

    Huch, da fehlt ja die Hälfte. Also weiter:

    Alles was die Würde des Menschen betrifft. Aus dieser Würde folgende Rechtsgüter sind z.B. das Recht auf Leben (Rushdie, Ehrenmorde), Frauenrechte, etc..

    Speziell bei muslimischen Immigranten lautet die Frage also: “Seid ihr bereit euch aktiv, gemeinsam mit uns Ungläubigen gegen eure fundamentalistischen Glaubensbrüder zu stellen ?”


  63. · verschwender am 16. Juli 2007 um 11:50 - Permalink

    @Papa Schlumpf

    Aber ist nicht gerade so eine Provokation, wie Wallraff sie nun vorgeschlagen hat der falsche Weg? Sind “Ehrenmorde”, Frauenrechte, Patriachentum und Zwangsehen nicht eher ein soziologisches als religiöses Problem? Dienen diese Unsitten und Verbrechen nicht eher dazu, althergebrachte Machtstrukturen innerhalb der Familien aufrecht zu erhalten? Wenn ich bedenke wie viele christliche Frauen in Deutschland täglich misshandelt, verprügelt und unterdrückt werden. Keiner wird diesen Misstand jedoch auf das Christentum zurückführen, obwohl von der selbsternannten höchsten christlichen Instanz auf Erden, der Frau immer noch Rechte wie das verkünden von Gottes Wort, die Geburtenkontrolle und noch so einiges mehr abgesprochen wird.

    Es geht nicht darum, dass Wallraff aus den Satanischen Versen lesen möchte, alleine der Ort ist unangebracht. Ich glaube er würde mehr erreichen, wenn er eine Tournee durch Deutschlands Kültür Vereine veranstalten würde. Dort zwischen Tee, Back Gammon und TRT findet er die Menschen, die etwas in den Familien verändern könnten.


  64. · Patrick Pricken am 16. Juli 2007 um 11:57 - Permalink

    @zaphodia: interessanter Denkanstoß im off-topic. Danke.

    @sirfa: schön alles zusammengelumpt, damit aus dem Morast keiner mehr rauskommt.

    @PapaSchlumpf: da war ich gestern auch schon kurz vor. Zuerst wollte ich die Menschenrechte als Grundlage nehmen, aber das erschien mir dann zu einfach. Die sind schließlich universal und sollten, egal wo, selbstverständlich sein. Also, in unserer Gesellschaft sehe ich es als unerlässlich an:

    (1) die Trennung von Staat und Kirche zu akzeptieren
    (2) die Freiheit von Meinung und Presse zu akzeptieren
    (3) die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, In- und Ausländern, Homo- und Heterosexuellen (usw.) zu akzeptieren
    (4) die Tatsache zu akzeptieren, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben
    (5) den Rechtsstaat zu akzeptieren
    (6) Kritik ertragen zu können
    (7) die Basis der Gesellschaft im Wissen, nicht im Glauben zu sehen

    Vor allem bei (7) habe ich mich etwas schwer getan, aber da sollte was rein, womit ich sofort erklären kann, warum ich gegen Intelligent Design im Bio-Unterricht bin; das Diktat der Wissenschaft sozusagen. Das soll sich ausdrücklich nicht auf persönliche Entscheidungen beziehen.

    Nun wird man merken, dass nicht alle diese Punkte wirklich auf dieses Thema zutreffen, und es ist auch wirklich nicht einfach, runterzubrechen, was m. E. die grundlegenden Tatsachen unserer Gesellschaft sind (auch wenn wir uns bei einigen Punkten selbst noch schwertun). Wenn jemand in diese Gesellschaft kommt (sei es aus dem arabischen Raum, aus der Schweiz oder aus dem Muttermund), dann sind das Dinge, nach denen er oder sie sich richten sollte.

    Ich bin auch nicht völlig sicher, ob dies wirklich alles trifft und alles zutreffend ist, was wieder einmal die alte Regel bestätigt, dass Selbstverständlichkeiten schwer auszuformulieren sind (über ein “das ist doch klar!” hinaus).

    @corax bzw. @Feuerbach:
    Leider kann ich dem nicht zustimmen. Warum sollen wir Toleranz gegenüber Dummheit zeigen? Mitgefühl vielleicht, Rücksicht auch, Verständnis – aber Toleranz würde ja bedeuten, die Dummheit in Ruhe zu lassen, damit sie… Dummheiten anstellen kann. Wenn Dummheit oder Ignoranz Maßstab des Handelns sind, dann ist das nur in den seltensten Fällen ein gutes Zeichen. Und es heißt so schön, Unkenntnis schütze nicht vor Strafe.

    Ich verstehe mich als Humanisten, sogar als Idealisten, und ich halte (Menschen-)Bildung dabei für unerlässlich. Und mit Bildung bekämpft man nunmal Dummheit. Da wird man bei mir wenig Toleranz finden.


  65. · roman libbertz am 16. Juli 2007 um 12:10 - Permalink

    diese provo ist albern
    gruss r.l


  66. · verschwender am 16. Juli 2007 um 12:14 - Permalink

    @68

    Toleranz im sozialen Kontext ist nicht mit Akzeptanz zu verwechseln. Aber dies musste ich auch erst gerade nachlesen und schon habe ich wieder etwas dazu gelernt;-)


  67. · sirfa am 16. Juli 2007 um 12:18 - Permalink

    Wenn Du Dir einbildest Patrick, dein Unsinn wäre humanitär, wäre aufgeklärt, wer irgendwie wichtig, hätte inhaltlichen Gehalt, würde sich mit neuesten Interpretationen des Maunz Düring (Stichwort: Mit der Menschenwürde lässt sich schnell ableben) irgendwo im idellen Himmel treffen, dann beweisst dein Unsinn nur, wie abgehoben und unwissend Du bist: mehr aber auch , kein Fünkchen und keinen Funken, der irgendwie wichtig wäre.

    Diejenigen , die sich zur Mission berufen fühlen, die “Dummen” zu verdammen, gehören selbst in eben jede Kategorie und fühlen sich in dem von Ihnen nicht mehr wahrgenommenen Dreck und Morast sehr selbstgefällig wohl.

    Wenn Du Patrick nicht einmal mehr, eine öffentliche Demütigung im Springer, Bertelsmann, Holzbrinck, WAZ Konzert erkennst, nicht mal erkennst, warum man Wallraf so einen breiten Raum für Spiele einräumt, dann tut mir deine idealistische Sichtweise nicht mal mehr leid.

    Wallraf hat versagt, genadenlos und das schon viel früher, weil er mit statt mit den Schwachen, mit den bunten Wölfen heult.


  68. · Ben-99 am 16. Juli 2007 um 13:45 - Permalink

    @ sirfa

    … Du hast bei dem ach so demütigenden “Concert for Wallraff” noch die anderen Verlage vergessen, darunter den ZEIT-Verlag, SPIEGEL-Verlag, Gruner + Jahr (”Stern”), usw. Sie alle sind Teil einer Verschwörung böser bunter Wölfe. Das hast Du gut erkannt.

    Ich verstehe ja auch nicht, warum Wallraff mit seinen Büchern nicht einfach von Haus zu Haus zieht, um sie den “Schwachen” anzubieten. Okay, er würde damit zwar nur ein paar von ihnen erreichen, und die restlichen Millionen würden nicht mal seinen Namen kennen. Aber immerhin könnte er dann stolz darauf sein, von Dir nicht mehr als “Versager” eingestuft zu werden.

    Gelten Deine sonderbaren Kriterien, was den “breiten Raum für Spiele” betrifft, eigentlich auch für alle anderen Schriftsteller, die großen Zeitungen Interviews geben und “erlauben”, daß man über sie berichtet?

    Gruß Ben


  69. · Papa Schlumpf am 16. Juli 2007 um 14:19 - Permalink

    @ Patrick (68)
    Ja, es ist sauschwer auszuformulieren, will man nicht gleich ein Buch drüber schreiben. Der Einfachheit halber hab’ ich dann das GG als Grundlage genommen. Aber wir meinen das Gleiche.

    Meinetwegen soll eine Frau die Burka anziehen wenn sie will. Mit den Typen die Frauen dazu zwingen wollen hab’ ich ein Problem.


  70. · sirfa am 16. Juli 2007 um 14:41 - Permalink

    Ben,gehört die “Die Zeit” nicht dem Holzbrinck Verlag, der Familie von Holzbrinck und der Gruner + Jahr Verlag, wo der Stern erscheint, der Bertelmann Stiftung, also der Familie Mohn , hmm kleines kluges Kind ?

    Und wäre der Aufruf von Wallraf auch erfolgt, wenn er öffentlich gefordert hätte, für jede Frau in diesem Land, egal ob blau, grün, rot, Türkin, Deutsche oder was auch immer, ein monatliches Unabhängigkeitgehalt von 1500 Euro zu zahlen, damit die bestimmenden und entscheidenen ökonomischen Abhängigkeiten zerschlagen werden, hätte Ben, du kluges Kerlchen, die Familie Mohn, oder Springer, oder Holzbrinck auch so bunt geklatscht, wenn Wallraf seine Finger in die entscheidene Wunde gelegt hätte, hmm ??

    Hätten sie jubbelt, wenn er öffentliche Lesungen in den Paralellgesellschaft der Berliner Republik im Kanzleramt angekündigt hätte, hm Ben ?

    Schwierig, schwierig, Du bist einfach zu klug, Benchen :)


  71. · Ben-99 am 16. Juli 2007 um 15:42 - Permalink

    … in welche Wunden soll Wallraff denn noch seine Finger legen? Daß Du viel klüger als ich sein mußt, erkennt man schon daran, daß mir auch diesmal nicht einleuchten mag, was die Forderung nach einem “monatlichen Unabhängigkeitgehalt von 1500 Euro” für Frauen mit der angekündigten “Verse”-Lesung in einer Moschee zu tun haben soll.

    Das mit dem Kanzleramt verstehe ich auch nicht. Und sogar den “Brief” an Wallraff von “Bild”-Wagner muß ich völlig falsch interpretiert haben. Ich dachte in meiner Einfalt zuerst, daß es eine hämische Abrechnung war. Aber jetzt hast Du mir ja erklärt, daß es sich in Wirklichkeit um Appl