Verstehen Sie Teheran?
13. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Aus Sicht der westlichen Medien ist die Lage einfach: Teheran stellt sich in der Atomfrage stur und muss (im besten Falle) mit Zuckerbrot und Peitsche an den internationalen (sprich US-amerikanischen) Verhandlungstisch gebracht werden. Teherans Taktierereien und Manöver werden als aggressiver Akt gewertet. Jenseits des durchaus vorhandenen Bellizismus´ und einer modernen Form des Kulturkampfes, steht bei den Medien allerdings auch eine große Portion Unwissen und mangelnde Einfühlungsgabe in die Rolle der Machthaber Irans als Ursache für die einseitige Berichterstattung. Aus der Perspektive Teherans sieht die Diskussion nämlich etwas anders aus.
Bedrohung durch die USA
Die Bush-Administration ist offensichtlich bereit, mit allen Mitteln Iran zu isolieren und dafür ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht in die Wagschale zu legen. Auch vor einem Krieg würde Bush nicht zurückschrecken und mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass ebendies provoziert werden soll. (1)
Natürlich hat Iran recht, wenn er sich bedroht fühlt. Seinen Wunsch sich über kurz oder lang nuklear zu bewaffnen um solchen Bedrohungen entgegenzutreten, kann man ebenfalls verstehen, zeigt sich doch am Beispiel Nordkorea momentan wie ein Land aus der Riege der „Schurkenstaaten“ es schafft die USA an den Verhandlungstisch zu bringen. (2)

Iran und die USA - eine Geschichte voller Missverständnisse
Iran hat eine Art US-Trauma. Was von jenseits des Atlantiks kam war noch nie beliebt und hat das persische Volk stets am meisten getroffen. So waren es CIA und MI6 die im Jahre 1953 in der sog. Operation Ajax den beliebten Ministerpräsidenten Mossadegh stürzten, der die Öleinnahmen des Landes dem Volke zu gute kommen lassen wollte, was in den Augen des BP-Konzerns natürlich nicht in Ordnung war. So setzte man den Schah wieder ein, der ein korruptes und brutales Marionettenregime Washingtons aufbaute. Gestützt, finanziert und ausgerüstet wurde er von den USA, die damals mit über 60.000 „Beratern“ zeigten, was zu tun ist. Zu tun war z.B. die Umverteilung der restlichen Öleinnahmen, die Teheran noch blieben in die Vereinigten Staaten; Profiteure waren der militärisch-industrielle Komplex, die Ölbarone und die Geschäftsbanken. Das schaffte man mittels Economic Hitmen* und „großzügigen“ Handelsverträgen – so „abstrakte Dinge“ wie Demokratie, Menschenrechte oder gar eine breitere Verteilung des Staatsvermögens waren natürlich (wie meistens) keine Punkte, die für Washington, in welcher Form auch immer, interessant wären. „Er ist ein Hurenbock, aber er ist unser Hurenbock“ wurde in Washington über Somoza gemunkelt, für den Schah wäre dies ebenfalls eine zutreffende Beschreibung gewesen.
Seitdem der Schah im Jahre 1979 vertrieben wurde und die Islamisten die Regierungsgewalt an sich nahmen, ist die Islamische Republik Iran niemals von den USA in irgendeiner Weise anerkannt worden. Jeder Präsident der USA hat mit unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichen Mitteln immer darauf hingearbeitet, dieses System wieder loszuwerden. Sei es durch ein CIA-Attentat im Jahre 1981, bei dem über 70 Abgeordnete der regierenden IRP getötet wurde, sei es durch die Unterstützung Saddam Husseins (wie war das doch gleich mit dem Hurenbock?) im Golfkrieg oder durch den Abschuss iranischer Verkehrsflugzeuge.
Seit der Revolution 1979 ist Iran aus der von den USA dominierten internationalen Ordnung verstoßen wurden. Iran ist aber ein Land, das sowohl reich an Öl- und Gasvorkommen ist als auch ein strategisch wichtiger Punkt im „Great Game“ ist. Dem Kampf um die Vorherrschaft in Asien, den früher die Briten und die Russen ausfochten, später die USA und die Sowjets und heute ein ganze Handvoll Akteure von China über Indien, Russland bis hin zur USA, die vor allem an der ölreichen kaspischen Ellipse mit deren Südverlängerung, der arabischen Halbinsel interessiert sind.
System Change
Ziel der USA war und ist es Iran unter seine Hegemonialmacht zu bekommen. Dies ist natürlich weder mit der religiösen Führerschicht, dem Wächterrat, möglich noch mit dem linken Präsidenten Ahmadinedschad. Doch die USA läuteten die Runde zum Endkampf ein. George W. Bush hat Iran in seiner inzwischen berüchtigten Rede vom Januar 2002 auf die „Achse des Bösen“ gesetzt und damit eine Phase der verschärften Auseinandersetzungen eingeleitet. Seit 2003 hat sich der Konflikt nach und nach auf die Nuklearfrage verengt. Damals entdeckte die Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, dass Teheran sie in Sachen Nuklearforschung 18 Jahre lang an der Nase herumgeführt hatte.
Seitdem verdächtigt man Iran entgegen aller Beteuerungen des Regimes, heimlich an einer Bombe basteln zu wollen. Es gibt dafür keine endgültigen und schlüssigen Beweise, doch gibt es viele Verdachtsmomente. Jedenfalls reichte das, um den jahrzehntelangen Konflikt zwischen Iran und den USA auf die Nuklearfrage zuzuspitzen.
Sicher geht eine latente Bedrohung von einem nuklear bewaffneten Iran aus. Genau so wie sie von einem nuklear bewaffneten Pakistan, einem nuklear bewaffneten Indien oder einem nuklear bewaffneten Israel ausgeht. Doch es ist falsch anzunehmen, dass Ahmadinedschad die Bombe z.B. gegen Israel einsetzen, sobald er sie in die Hände bekäme - so verrückt ist dieser Mann nicht. So verrückt aber ist vor allem nicht das iranische Machtsystem. Das nämlich ist viel komplexer, als man es gemeinhin glauben möchte. Diese Ansicht teilt übrigens auch der französische Premier Chirac, der seine Sorglosigkeit „aus Versehen“ in einem Interview lancierte (4) – honi soit qui malle y pense. Ein Schuss vor den Bug der aufgetakelten USS America hätte gezielter nicht platziert werden können.
Obgleich Ahmadinedschad seit seiner Wahl vor mehr als zwei Jahren alle Aufmerksamkeit der internationalen Medien auf sich zieht, hat er in außen- und sicherheitspolitischen Fragen nicht viel zu entscheiden. Hier liegt alle Entscheidungsgewalt beim obersten religiösen Führer, Ali Chamenei. Dieser agiert in der Regel als Moderator zwischen den unterschiedlichen Fraktionen der iranischen Elite. Er steht für die iranische Version der checks and balances und versucht, trotz aller Radikalität, die er selber auch repräsentiert, zwischen den Gruppen ein Gleichgewicht zu halten. Ahmadinedschad vertritt mit seinen teils radikal linken Ideen keinesfalls die Positionen des Wächterrates (Mehr hierzu im zweiten Teil „Verstehen Sie Ahmadinedschad?“). Nichts könnte seinen Gegenspielern aus dem Lager der korrupten Kamarilla um Rafsandschani oder den Theokraten um Chamenei ungelegener kommen, als ein Erstarken Ahmadinedschads. Ziel Chameneis Kontrollmechanismen ist in erster Linie nicht etwa mehr oder weniger Demokratie, es geht dabei vor allem um das Überdauern des Systems. Nicht alles, aber fast alles, was dem Regime zum weiteren Machterhalt nützt, das wird auch getan.
Ziel der USA ist es allerdings eben dieses System zu stürzen – ob mit diplomatischen, wirtschaftlichen oder militärischen Mitteln. Ist das Ziel seines Gegners die Antipode der eigenen Ziele, erscheint ein Dialog indes unwahrscheinlich. Teheran wird sich nur ernsthaft an den Verhandlungstisch setzten, wenn es Aussichten hat, dass das System nicht bedroht wird. Da diese „Minimalforderungen“ von den USA nicht erfüllt werden wollen und unter der momentanen Doktrin nicht erfüllt werden können ist ein Dialog, wie er offiziell von der EU gefordert wird unrealistisch. Wer setzt sich mit jemanden an den Tisch, von dem er weiß, das es ihm weniger um den Verhandlungsgegenstand an sich geht sondern um die Beseitigung des Gegenübers? Ginge es um die „Atomfrage“, wären unter einer pragmatischerer Politik Washingtons natürlich Verhandlungen und Abkommen möglich. Da es Washington allerdings nicht um die „Atomfrage“ sondern um die Beseitigung des iranischen Systems geht, gibt es keine Verhandlungsoption.
Wenn es heute zu einem Krieg kommt, dann wird er offiziell geführt, um zu verhindern, dass Iran die Bombe in die Hände bekommt – das eigentliche Ziel aber bleibt: Die USA und auch die Europäer wollen im Iran ein anderes System. Die Herrschenden in Teheran wissen das nur zu genau. Es geht um ihre Existenz. Es geht ums Ganze, und das Ganze ist nicht die Bombe, sondern die Islamische Republik Iran.
* Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienste der Wirtschaftsmafia - John Perkins (Amazon)
Jens Berger
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Inwieweit das Ergebnis mit Nordkorea auch für Iran taugt, bleibt abzuwarten, denn hier sind die Dinge wohl noch komplizierter. Aber ein Hoffnungsschimmer, dass vielleicht nicht nur über die militärische Option nachgedacht wird, könnte sich schon am Horizont zeigen. Vielleicht lässt Notdkorea über neue Lösungen für den Iran nachdenken.
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Meines Erachtens kann man die beiden Szenarien gar nicht vergleichen. Nordkorea ist per se für die USA uninteressant, die Gefahr, die von ihm ausgeht bedroht allerdings die US-Schutzsphäre in Ostasien. Hier kann man Bush abnehmen, das es ihm um die nukleare Entrüstung eines Staates geht.
Bei Iran liegt die Sache deutlich anders. Hier ist das Öl und die strategische Lage für die USA äußerst interessant. Sicher will Bush keine A-Waffen in Teherans Händen sehen (klar, eine Atommacht lässt sich nicht gewaltsam “demokratisieren” aber ich denke, dies ist hierbei nur ein “Nebenkriegsschauplatz”
Gruß
Der Spiegelfechter