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  • Die alte Garde tritt ab

    geschrieben am 13. September 2007 von Nick Abbe

    Mit D. James Kennedy starb, nach Jerry Falwell, binnen weniger Monate ein weiterer Architekt des ?Christian Nation?-Mythos. Sein Vermächtnis aber bleibt, ? eine fundamentalistische Massenbewegung

    Kennedy fand, wie auch Falwell, in den 50er Jahren zur Religion und gründete eine Kirche, die Coral Ridge Presbyterian Church. Aus der kleinen Kirche mit 45 Gemeindemitgliedern wurde seitdem eine ?Megachurch? mit mehr als 10.000 Mitgliedern (1). 1974 gründete Kennedy einen gemeinnützigen Verein, Coral Ridge Ministries, der inzwischen fast vierzig Millionen US-$ per anno umsetzt und mit seinem TV-Programm The Coral Ridge Hour ca. 3,5 Millionen Menschen erreicht. Auch im Rundfunk-Äther war Kennedy präsent: mit seinem Programm Truths That Transform, das täglich auf etwa 500 Radiosendern lief (und natürlich inzwischen auch als Podcast erhältlich ist).

    Darüber hinaus war Kennedy auch in Washington, D.C., vertreten. Er eröffnete 1995 das Center for Christian Statesmanship, welches mit Gebetsstunden und christlichen Prinzipien via Fax und Email religiöse Lobbyarbeit betrieb. Ein Jahr später folgte die Gründung des Center for Reclaiming America, welches die üblichen talking points der christlichen Rechten wiedergibt: strikte Ablehnung von Abtreibung, Opposition gegenüber gleichen Rechten für Homosexuelle, Verteufelung von Evolution, staatlichem Schulunterricht und öffentlichen Schulen, sowie eine generell ablehnende Haltung gegenüber dem Prinzip der Trennung von Staat und Kirche (2). Letztendlich gab besagtes Zentrum (das 2007 geschlossen und als Evangelical Explosion International wiedereröffnet wurde) aber nur die Meinung des Gründers wieder. Eine Kostprobe: ?Moderne Säkularisten und Agnostiker wollen nicht zugeben, dass die christliche Religion wahr ist, weil dies bedeutete sie seien Sünder; und sie haben keinerlei Absicht ihr Recht zu sündigen aufzugeben. [?] Vor einigen Jahren gab es etwa zehntausend kommunistische Professoren in amerikanischen Universitäten. Der normale Mensch sah kaum einen von ihnen [?] Aber ich kann ihnen versichern, dass diese Statistik stimmt. [?]

    Nicht alle Lehrer in unseren öffentlichen Schulen sind bewusst verräterisch, nicht alle von ihnen wollen diese Nation zerstören, aber viele machen es. Die großen Lehrergewerkschaften tun es zweifellos. [?]

    Dies ist unser Land. Dies ist unsere Welt. Dies ist unser Erbe, und mit Gottes Hilfe werden wir diese Nation für Jesus Christus zurückgewinnen. Und keine Macht auf Erden kann uns stoppen. [?] Gott verhindere, dass wir, die wir in die Segnungen eines christlichen Amerika geboren wurden, unseren Erbteil wie Sand durch unsere Finger rieseln lassen und unseren Kindern die ausgebleichten Knochen einer säkularen Gesellschaft hinterlassen. [?] Gott ruft uns, um den Feind (sic!) in diesem Kulturkrieg anzugreifen.? (3)

    Ja, Mr. Kennedy nannte eine sehr spezielle Auslegung christlicher Werte sein eigen. Wahrscheinlich hat er deswegen auch den so genannten Land Letter unterzeichnet, in dem die Idee eines ?gerechten? Krieges als Begründung für die Invasion des Irak entworfen wurde (4). Weiterhin produzierte Kennedys Coral Ridge Ministries u.a. eine ?Dokumentation?, in der laut Kritikern eine direkte Verbindung von Darwins Evolutionstheorie zu den Verbrechen der Nationalsozialisten konstruiert wird (5). In ?What If America Were a Christian Nation Again?? und ?The Rewriting of America?s History? argumentiert er unter anderem, die Vereinigten Staaten seinen von Anfang an als christliche Nation gegründet worden, in der die Trennung von Staat und Kirche weder von den Gründungsvätern beabsichtigt, noch in irgendeiner Art ?gut? für die geschichtliche Entwicklung der USA gewesen wäre; dass stattdessen die schon erwähnten, speziellen ?christlichen? Prinzipien ? und nur diese ? der Maßstab und die Voraussetzung für die Erlangung von Bürgerrechten in den Vereinigten Staaten seien. Das sind Thesen, die unter historisch gebildeten Menschen für Kopfschütteln sorgten, um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken. (6)

    Doch je tiefer man gräbt, um so mehr kommt schlussendlich ans Tageslicht: als der ehemalige vorsitzende Richter des obersten Gerichtshofes von Alabama, Roy Moore, die ca. zwei Tonnen schwere Skulptur der zehn Gebote, die er im Gerichtsgebäude aufstellen ließ, wieder entfernen lassen musste, schickte er sie auf eine Tour quer durch die USA. Und wohin kam sie als erstes? Richtig, in die Coral Ridge Presbyterian Church des Herrn Kennedy. (7)

    Das interessante daran ist nun, mit welchen Personen Roy Moore verkehrt. Dabei handelt es sich um Personen aus dem Umfeld der U.S. Constitution Party, die (in abgeschwächter Form) ein Element derselben Ideologie vertritt, die den Pflanzer-Baronen der Cotton Aristocracy in den Südstaaten der USA zueigen war: eine Bejahung sezessionistischer Prinzipien, d.h. des Rechtes einzelner Bundesstaaten, sich von der Bundesregierung in Washington loszusagen (was bekanntermaßen der Auslöser des amerikanischen Bürgerkrieges 1861-1865 war).

    Des weiteren vertritt die Partei ein Verständnis (US-) amerikanischer Geschichte, in dem die fundamentalistisch-calvinistischen bzw. puritanischen Pilgrims an Stelle der, zum Teil doch eher weltlich gesinnten Gründerväter der Vereinigten Staaten treten und, wie auch schon in Mr. Kennedys Geschichtenstunden, gerne ein extremistischer ?Christian Nation-?Mythos beschworen wird.

    Typisch für dieses Gemisch aus religiösem Fundamentalismus und lokalpatriotischem Sezessionismus ist einerseits die Verdammung der ?tyrannischen Machtkonzentration? in Washington (die U.S. Constitution Party lehnt bspw. den USAPatriotAct ab), andererseits aber der Verweis darauf, dass das tyrannische Imperium von ?wahren Christen? natürlich praktischerweise und nur zur Erfüllung von Gottes Willen benutzt werden könne ? also zum Beispiel zum Krieg gegen den Islam. (8)

    Aber James Kennedy, der gute Christ, ließ nicht nur bereitwillig besagtes Monument in seiner Kirche aufstellen. Er lud prominente Befürworter einer, auf den zehn Geboten basierenden, christlichen Theokratie in den Vereinigten Staaten (Rousas Rushdoony und Gary North, zwei der so genannten American Taliban) in seine TV- und Radioprogramme ein und sprach auch persönlich vor solch illustren Runden, wie der von Roy Moores Freunden: 1996 war er so unvorsichtig, sich bei einer Rede auf einem Bankett der Organisation American Vision (9) zu zeigen. Unvorsichtig deshalb, weil American Vision von einem weiteren Befürworter einer amerikanischen Theokratie gegründet wurde und dafür auch bekannt ist (10) ? Kennedy hingegen sich Zeit seines Lebens dagegen verwahrt hat, als Verfechter einer christlichen Vorherrschaft oder gar als Anhänger einer Theokratie bezeichnet zu werden. (11)

    Wie nur sollte man auch auf solch eine Idee kommen?

    Nick Abbe

    (3) Kennedy, D.James, Black, Jim Nelson: Character and Destiny. A Nation in Search of Its Soul. Zondervan, 1994.

    8 Kommentare Print This Post
    Mit D. James Kennedy starb, nach Jerry Falwell, binnen weniger Monate ein weiterer Architekt des ?Christian Nation?-Mythos. Sein Vermächtnis aber bleibt, ? eine fundamentalistische Massenbewegung Kennedy fand, wie auch Falwell, in den 50er Jahren zur Religion und gründete eine Kirche, die Coral Ridge Presbyterian Church. Aus der kleinen Kirche mit 45 Gemeindemitgliedern wurde seitdem eine ...
    Tags: USA
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    8 Kommentare:

    1. antonym schrieb am 14. September 2007 at 02:49 - Permalink

      Die Evangelikalen und Dominionisten sind den deutschen Medien praktisch ausgeblendet. Dabei bietet sich dort die Möglichkeit ein religöses Spackentum erster Güte zu besichtigen.

      Beim Islamismus sieht man ja dass das tatsächlich eine Modernisierung ist und die wirtschaftlichen Verhätnisse in den Entwicklungsländern da stark mit hineinspielen.

      Bei den Fundamentalisten vom Kreuze ist das ganze aber so was von eindeutig eine Abwärtsbewegung gegenüber dem, was man mal hatte.

      Auf jeden Fall mehr Berichterstattung, das so Sachen wie das Kreationistenmuseum sind nur die Spitze des Eisbergs. Diese Bewegungen reichen ja bis in die höchsten Regierungskreise, im Weissen Haus gibt es ja z.B. täglich verpflichtende Bibelstunde mit Gebet.

    2. Hannibal Lektor schrieb am 14. September 2007 at 03:08 - Permalink

      @ #1:

      Nun, – so ganz sind sie ja nun in den deutschen Medien doch nicht ausgeblendet ;-) Oder hältst Du den Spieglfechter etwa nicht für ein “deutsches Medium”? *LOL*

      Erfreulich übrigens, daß sich wenigstens schon mal ein Kommentar hier einfindet, da ‘der Chef’ und ich uns natürlich bewußt waren, daß derlei Artikel [1] höchstens ‘Insider’ hinter dem trauten Ofen hervorlocken ;-)

      Gruß
      Hannibal

      [1] Wiewohl sie unserer Ansicht nach wichtig sind, weil sie unspektakuläre Einblicke in bestimmte Hintergründe gewähren!

    3. Schwitzig schrieb am 14. September 2007 at 07:07 - Permalink

      @2Hannibal Lektor
      “Erfreulich übrigens, daß sich wenigstens schon mal ein Kommentar hier einfindet, da ?der Chef? und ich uns natürlich bewußt waren, daß derlei Artikel [1] höchstens ?Insider? hinter dem trauten Ofen hervorlocken ;-)”

      Wenn man sich schon mal mit dieser Bagage, deren Armageddon-Vorstellungen, Querverbindungen zu anderen Sekten (vorwiegend christlich) und deren Verbindung zur Israel-Lobby auseinandergesetzt hat, tut man gut daran, angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten, eine Meinungsäußerung – wenn überhaupt – nicht wertend zu führen.

      Gruß

    4. pittiplatschprotestiert schrieb am 14. September 2007 at 10:23 - Permalink

      hier kann man sich fürn ne Hand voll Dollar “Keuschheitsringe”
      bestellen für die Enthaltsamkeit…wer Bedarf hat:

      http://www.silverringthing.com/

      und hier gibs ein paar mehr Zitate von unseren religösen
      Freunden:

      http://www.geocities.com/CapitolHill/7027/quotes.html

    5. Muhkuh schrieb am 14. September 2007 at 11:20 - Permalink

      Auch in Deutschland auf dem Vormarsch: “The Call”, HJ religiös verbrämt:

      http://video.google.de/videoplay?docid=-7900195508503040886

    6. Andreas schrieb am 14. September 2007 at 18:15 - Permalink

      Die Evangelikalen erinnern mich immer an die klerikalfaschistische Second Alliance in John Shirleys “A Song Called Youth”-Trilogie.

    7. Spiegelfechter schrieb am 14. September 2007 at 19:18 - Permalink

      Im Red Pill Blog habe ich gerade folgendes “schönes” Bild gefunden:

    8. arno schrieb am 8. November 2007 at 21:43 - Permalink

      Es ist wirklich erschreckend, wie sehr Fundamentalisten aller Couleur Oberwasser bekommen.

      300 Jahre Aufklärung für die Katz’


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