Quo vadis, Burma?
geschrieben am 02. Oktober 2007 von Spiegelfechter
Heute endete der viertägige Besuch des UN-Sondergesandten Gambari in Myanmar. Während seines Aufenthaltes, der hinter den Kulissen von Singapur und China gegen den Willen der Militärjunta ermöglicht wurde, traf der nigerianische Diplomat den Premierminister Thein Sein, der innerhalb der Junta für den verfassungsbildenden Prozess zuständig ist, den obersten General Than Swe und gleich zwei mal die unter Hausarrest stehende Oppositionspolitikerin Suu Kyi. Noch ist unbekannt, was bei den Gesprächen herauskam, aber eins sollte klar sein – großartige Verschiebungen in Richtung Demokratie sind nicht zu erwarten.
Die UN selbst ist ein zahnloser Tiger – mögliche Sanktionen können durch das Veto einzelner Staaten im UN-Sicherheitsrat geblockt werden. Sowohl die USA als auch die EU haben keinen diplomatischen Einfluss auf Myanmar mehr, da von beiden westlichen Mächten bereits harte Sanktionen bestehen. Zwischen Myanmar und China bestehen bereits seit langem beste wirtschaftliche Beziehungen, die natürlich auch geographisch bedingt sind. Die Sanktionen des Westens haben Myanmar keine andere Wahl gelassen, als sich noch enger an China zu binden. Der „internationale“ Druck auf die ASEAN-Staaten, die neben China die besten wirtschaftlichen Verbindungen zu Myanmar haben, wurde von denen mit dem Hinweis abgeblockt, man würde mit einem Boykott nur erreichen, dass Myanmar so zwangsläufig zu einem „Wurmfortsatz“ Chinas würde – was logisch erscheint, welche Wahl hätte die Junta in Yangon auch sonst?
Zwischen China und Indien ist in den letzten Monaten ein Wirtschaftskrieg um das Land Myanmar entbrannt. Beide Länder haben großes Interesse an den Öl- und Gasvorkommen um Golf von Bengalen. Während China sich langsam international als Global-Player im Energiegeschäft etabliert, steckt Indien noch in den Kinderschuhen. Im internationalen Hype um China wird immer gerne vergessen, dass das aufstrebende Indien, eine kommende Wirtschaftsmacht mit momentan 1,1 Mrd. Einwohnern und einem Wirtschaftswachstum von 9,4%, mindestens ebenso von Energieimporten abhängig ist, wie der benachbarte Gigant.
In Myanmar hatte China bis dato die besseren Karten – erst vor wenigen Wochen erhielt der chinesische Ölgigant PetroChina gegen die Konkurrenz aus Indien den Zuschlag für zwei Fördergebiete im Golf von Bengalen. Auch sind bereits Verträge für den Bau einer Pipeline unterzeichnet, die Öl aus dem mittleren Osten vom burmesischen Hafen Yanbal ins 1.440 km entfernte Kumming transportieren soll. Die Kapazität dieser Pipeline soll 800.000 Barrel pro Tag betragen, dies sind vier Fünftel der Kapazität der berühmt-berüchtigten Baku-Tblissi-Ceyhan Pipeline, bei fast gleicher Länge.
Diese Pipeline ist nicht nur wirtschaftlich für China sinnvoll, sondern stellt auch Entlastung des Tankerverkehrs durch die Meerenge bei der Straße von Malakka bei Singapur dar. Durch diese Meerenge müssen 80% der chinesischen Energieimporte transportiert werden. Im Falle eines Konfliktes mit den USA (z.B. wegen Taiwan) wäre dieses Nadelöhr innerhalb kürzester Zeit durch amerikanische Marineverbände blockiert, was China wirtschaftlich ruinieren würde.
Chinas Interessen in Myanmar sind in Myanmar sind also umfassend und Indien hockt bereits in den Startlöchern. Dies bedeutet aber keineswegs, dass China der burmesischen Militärjunta einen Blankoscheck für Menschenrechtsverletzungen ausgestellt hätte, wie es deutsche Politiker und Medien, wie der SPIEGEL, gerne suggerieren. Der SPIEGEL fährt seit mehreren Monaten eine Kampagne gegen China, angefangen über vermeintliche „gelbe Spione“, über „Merkels Dalai-Lama Treffen“ bis zu „der Gefahr, „rot-gelber“ Kapitalfonds für den Standort Deutschland. Dies ist auch sprachlich erkennbar – so „erschliessen“ westliche Konzerne Erdöl-/gasfelder, während chinesische Unternehmen sie „ausbeuten“. Zum Thema China/Myanmar überholt der SPIEGEL sogar das Weiße Haus auf der proamerikanischen Schnellstraße. Washington arbeitet auf diplomatischer Ebene, entgegen weitläufiger Meinungen, sehr konstruktiv mit China zusammen. Dort weiß man anscheinend, dass China nicht den „Hebel“ auf Myanmar hat, den man ihm gerne zuschreibt.
Das ZK in Peking weiß auch sehr gut, dass es riskant und kontraproduktiv wäre, den Generälen in Naypyidaw einen Blankoscheck auszustellen. Chinas Interesse in Myanmar ist am meisten gedient, wenn dort stabile politische Verhältnisse herrschen. So drückt China bereits seit Monaten aufs Tempo, wenn es um die Umsetzung der burmesischen Verfassung geht. Auch hat Peking der Junta bereits des Öfteren geraten, den Dialog mit der Oppositionspolitikerin Suu Kyi zu starten – bislang lehnte die Junta dies wegen “einer Gefährdung der innereren Sicherheit” jedoch ab.
Wenn in Myanmar der Prozess zur schrittweisen „Demokratisierung“ gestartet werden sollte, so ist dies zu signifikanten Teilen ein „Verdienst“ Chinas. Dieser „Verdienst“ speist sich natürlich nicht aus Altruismus oder demokratischen Missionierungsgedanken. Ein permanenter Unruheherd, vielleicht sogar ein Bürgerkriegsgebiet, an der Südflanke und in einem wichtigen strategischen Gebiet, ist das letzte, was China sich wünschen könnte. Auch weiß Peking, dass die internationalen Proteste gegen Myanmar auch auf China abfärben. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking, wäre ein internationaler Protest gegen China wohl der GAU der „PR-Offensive des Land des Lächelns“.
Die Junta in Myanmar wird über kurz oder lang in einen Dialog mit der Opposition treten müssen. Dies wäre der erste Schritt zu einer Verbesserung der politischen Situation. Es bleibt indes abzuwarten, ob die Opposition überhaupt gewillt ist, diesen Dialogprozess zu starten. Suu Kyi ist als eiserne Lady bekannt und (auch unter Oppositionspolitikern) gefürchtet – bislang sieht sie sich als reguläre Wahlsiegerin von 1990 und somit als gewählte Ministerpräsidentin. Für einen Dialog sah sie die Anerkennung der Wahlergebnisse immer als „conditio sine qua non“. Dies hat auch in den Reihen der Opposition zu Verstimmungen geführt – als ehrenwerte Märtyrer zu darben, ist nicht das Ziel der meisten Oppositionellen. So waren auch die Forderungen der Demonstrierenden in den letzten Tagen durchaus realistisch und umsetzbar – es ging nicht um die Vertreibung der Junta, sondern um den Beginn eines Dialoges.
Bei diesem Dialog kann Peking als „ehrlicher Makler“ auftreten. Ob einer solcher Dialog mit den Spitzen der Junta möglich ist, mag bezweifelt werden – zu weit haben sie sich bereits vom Volk entfernt. In der zweiten Reihe gibt es aber Generäle, mit denen ein solcher Dialog möglich wäre. Und Than Shwe und Co. müssen auch keine Panik haben – in China gibt es sehr viele wunderschöne Orte, an denen man seinen Lebensabend in einer prächtigen Villa im Exil genießen kann. Sie müssen nur beim „Kollegen“ Ferdinand Marcos im Nirwana anrufen, der einst auf Hawaii sein Exil fand.
Der Newsticker wird von mir auch weiterhin gepflegt, auch wenn die “Nachrichtendichte” stark zurückgegangen ist.
Jens Berger
Bildnachweis: nik´s Public Gallery, American University Washington DC, Der Kurier (Copyright), RFA Unplugged, The Onion
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Titeldieb… Quo vadis, Burma?
Aber guter Artikel ansonsten ;-)
@Andreas
Ooops ;-)
Und ich wollt´schon “Quo vadis, Myanmar?” schreiben. Das klang mE aber irgendwie nicht so toll.
Zwei Dumme ein Gedanke, oder besser “Great minds think alike ” ;-)
“Der Newsticker wird von mir auch weiterhin gepflegt, auch wenn die “Nachrichtendichte” stark zurückgegangen ist.”
was ist der grund dafür?
die verstärkten bemühungen der junta, informationen nicht ausser landes zu lassen, oder das langsam schwindende interesse der öffentlichkeit?
Leider ist Harald Neubers Einschätzung wahrscheinlich nah an der Wahrheit. Man kann wirklich nicht viel machen, außer hoffen und beten.
Man kann ihnen zeigen, daß wir nicht weggucken. Fast eine halbe Millionen Leute hat die AVAAZ schon für ihre Petition, aber was man wirklich bräuchte, wäre ein Wunder.
Wir hier draußen könnten vielleicht noch Olympia boykottieren, aber das müßten die Sportler selbst tut. Hat die schonmal jemand angesprochen, sich für “Free Birma” einzusetzen?
Zitat: “da von beiden westlichen Mächten bereits harte Sanktionen bestehen.”
Schaut Euch mal diesen Link an:
linke zeitung.de
Leicht OT und Danke an JB:
Die “Berichterstattung” des SPIEGEL nach Augsteins Tod hat mich tatsächlich erst auf Deine Seite aufmerksam gemacht – damals wunderte ich mich immer mehr über die neoliberalen, teilweise faschistoiden Berichte des Spiegel und hatte von Mal zu Mal mehr das Gefühl, ein reines Propagandablatt zu lesen.
Wäre es nicht eine Idee, mal einen Artikel zu schreiben, der die Ursachen der Wandlung des SPIEGEL von einer Bastion der Demokratie zum CDU-Propaganda-Brüllblatt analysiert?
Tatsächlich bin ich der Meinung, dass der SPIEGEL in Deutschland eine sehr wichtige Rolle zur Bewahrung demokratischer Verhältnisse wahrgenommen hat und es keinen wirklich gleichwertigen Konkurrenten gab. Unter anderem wegen dieses Mediums konnten sich Agitatoren nicht alles erlauben, da es ab und auch mal aufflog.
Seit Augsteins Tod ist diese Funktion vollständig ausgestorben. Tatsächlich ist der SPIEGEL immer noch gefährlich – allerdings jetzt für die Leute, die keinen totalitären Staat mit Parteiendiktatur möchten, denn durch seinen ehemaligen verdienten Habitus wird der SPIEGEL wohl immer noch von vielen seiner alten Leser gelesen, die dadurch einer oft durchaus gut gemachten Gehirnwäsche und Desinformation ausgesetzt werden.
Just my 2 Cents :-)
@Rupert
Es liegt eher daran, dass die Junta es geschafft hat, die Demonstrationen zu ersticken.
@Schwitzig
Diese Idee steht bei mir schon länger auf der Todo-Liste.
Über die Prachtexemplare Malzahn und Steingart hatte ich mich ja schon mal ausgelassen.
Nimmt das mit der permanenten SPIEGEL und SPON-Kritik nicht langsam etwas einseitige Züge an?
Ich hatte zumindest den Eindruck, dass selbst Du (Spiegelfechter) dem Irrtum aufegessen bist, den Du SPIEGEL und SPON in diesem Artikel vorwirfst. Im “A Country formerly known as Burma” schreibst Du ja auch ein wenig Chinafeindlich, was Du im neuen Artikel wieder relativierst.
Ich sage ja nichts gegen die Kritik als solche, nur scheint es gelegentlich, als hätte sich hier ein SPIEGELfeindliche Meute versammelt, die nur zu gern jubelt wenn man wieder etwas dagegen sagt.
Ich irre mich gerne.
@bacho
Ja und Nein – im angesprochenen Artikel wende ich mich primär gegen die Verbalakrobatik westlicher Politiker, die dem Volke den Eindruck vermitteln soll, man tue etwas. In diesem Artikel lasse ich den Westen weitestgehend außen vor und konzentriere mich auf China/Indien.
Ich bin übrigens sehr kritisch gg.über China eingestellt und es fällt mir extrem schwer, diesen Staat gg. die Kampagne des SPIEGELS in Schutz zu nehmen. Es ist auch weniger die China-Kritik des SPIEGELS als solche, sondern mehr die gnadenlose Bigotterie und Scheinheiligkeit mit der sie betrieben wird.
@ Spiegelfechter
Ich hatte nur die bekannte Differenziertheit vermisst und wollte darauf aufmerksam machen.
Die Antwort beruhigt mich wieder, danke!
Hallo,
ich unterschreibe jeden Satz.
Stark bleiben!
Hallo,
ich finde deine Artikel und Linksammlung zu diesem absolut traurigen Kapitel unserer “Zivilisation” sehr gut.
Ich werde mich morgen auch an der Free Burma Aktion beteiligen.
Ich würde gern dein Dauerbanner unten rechts auf der Seite auf meiner HP integrieren. Leider ist es mit einem einfachen einfügen des Quelltextes nicht getan. Gibt es eine Möglichkeit, die funktioniert?
mfg
Heinz-Georg
@Heinz-Georg
Die Grafik ist nicht von mir, sondern von der Blogwiese. Dort findest Du auch eine sehr gute Anleitung, wie das Eckbanner zu integrieren ist.
Ich schlage vor, den von den Militärs eingeführten Begriff “Myanmar” für Birma (engl. Burma) nicht zu verwenden.
Stattdessen würde ich in Artikeln den vorherigen – und nicht von der Junta geprägten – Staatsnamen verwenden.
Auch dies könnte ein Ausdruck des Kampfes und Protestes gegen die Militärdiktatur sein.
@gerardus
Auch wenn die Opposition den Namen “Burma” präferiert, so ist er nicht korrekt. Die Medien in Deutschland lavieren zwischen “Burma”, wie es der SPIEGEL aus politischen Gründen benutzt, und “Birma”, wie es die meisten Medien benutzen – und zwar weniger aus politischer Ideologie, sondern, weil sie ihre Konsumenten für zu dumm halten, mit dem Namen Myanmar etwas anzufangen.
Der Name “Burma/Birma” hat auch den offensichtlichen Nachteil, kolonial eingefärbt zu sein. Ich bemühe mich daher um sprachliche Neutralität und stütze mich in der Frage des korrekten Ausdrucks auf “mein Leitmedium” für Asienfragen – die AsiaTimes. Dort verwendet man den Ausdruck “Myanmar”.
Zur Frage “Bu/irma oder Myanmar” empfehle ich diesen Beitrag aus dem Bremer Sprachblog, der mich davon überzeugt hat, Birma zu verwenden.
http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/09/30/birmamyanmar/
Ich finde, es ist vernünftig, sich auf den Rat von Experten zu verlassen, in diesem Fall eben auf Sprachwissenschaftler. Das hätte den Vorteil, dass die Uneinheitlichkeit in der Namensgebung in diesem Blog verschwände. Obwohl Du Myanmar benutzen möchtest, nutzt Du ja weiterhin das Adjektiv burmesisch, was doch sehr uneinheitlich wirkt.
@kreetrapper
Der verlinkte Artikel des “Bremer Sprachblogs” beschäftigt sich aber nicht mit “Sprache”, sondern mit “Politik”. In sofern “überzeugt” mich der Artikel nicht. Der korrekte Begriff ist nun mal “Myanmar” und ich bin kein Freund politischer Verbalakrobatik. Ich warte ja nur noch darauf, dass der SPIEGEL “Simbabwe” wieder in “Rhodesien” umtauft, weil er mit der Politik des Herrn Mugabe nicht einverstanden ist. Müssen wir bald die “Demokratische Republik Kongo” wieder “Zaire” und “Burkina Faso” wieder “Obervolta” nennen?
Mir ist schon klar, dass es ungewöhnlich ist die offiziellen Namen zu verwenden – auch ich stolpere manchmal, wenn ich “Belarus” lese und nicht “Weißrussland”. Der einzige Fall, bei dem ich mir selber nicht im klaren bin, ist “Taiwan” oder “Republik China”. Letzteres wäre korrekt, ersteres ist geläufig – da Deutschland und die UNO den Staat allerdings nicht anerkennen, gibt es auch keinen korrekten Ländernamen.
Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, ich sei inkonsequent, wenn ich von “Burmesen” und “burmesisch” spreche. Laut Duden gibt es zwar die Wort “Myanmare” bzw. “myanmarisch”, aber ich muss gestehen, dass ich sie noch nie gehört oder gelesen habe. Im Englischen ist es ähnlich. Das Auswärtige Amt benutzt übrigens “Myanmar” in Kombination mit “Birmane” und “birmanisch”.
Es ist schon recht kompliziert.
Ich warte ja nur noch darauf, dass der SPIEGEL “Simbabwe” wieder in “Rhodesien” umtauft, weil er mit der Politik des Herrn Mugabe nicht einverstanden ist.
Ich glaube schon, daß dieser Vergleich ein wenig hinkt. Es ist ja eben so, daß im Falle Myanmar (gefällt mir phonetisch eigentlich sogar besser) hier nicht irgendein dahergelaufenes Nachrichtenmagazin aus eigenem Gutdünken entschieden hat, sondern der Name Birma von der eigenen Opposition verwendet wird, um sich gegenüber der Diktatur abzugrenzen.
Mir scheint ein bißchen, daß dies auch ein im Deutschen vermehrt auftretendes Problem ist, weil die deutsche Sprache sich im Gegensatz zu anderen Sprachen gerade in letzter Zeit wirklich viel Mühe gibt, möglichst die Originalnamen zu verwenden und die eingedeutschten Varianten langsam an Boden verlieren.
Und eigentlich bin ich ja auch Deiner Meinung, daß man mit Sprache keine Politik machen sollte. Leider geschieht das nach wie vor.
Kurz gesagt, ich stimme mit Dir überein: Es ist schon recht kompliziert.
Man kann nur hoffen, daß es mit der unsäglichen Militärdiktatur in diesem Land bald ein Ende hat, damit man dann vollends guten Gewissens den Namen Myanmar verwenden kann.