Eine Woche Nerdistan und zurück
geschrieben am 19. April 2010 von Spiegelfechter
Manch einer meiner Leser mag sich schon über meine letztwöchige Enthaltsamkeit gewundert haben ? aber keine Angst, der Spiegelfechter sitzt nicht hinter schwedischen Gardinen und die spätrömische Dekadenz ist bei mir leider auch noch nicht ausgebrochen. Ich verbrachte vielmehr auf Einladung der Deutschen Welle eine sehr nette und informative Woche in Berlin. Als deutschsprachiger Juror nahm ich am Juryentscheid für die Auszeichnung der besten Blogs weltweit ? den BOBs ? teil und schaute mir einmal das muntere Real-Life-Treiben der ?Netzgemeinde? auf der re:publica an. Mein Eindruck: Die deutsche Netzgemeinde wird langsam erwachsener, hängt hinter ihren internationalen Pendants aber immer noch meilenweit zurück.
Das größte Hobby der deutschen Blogger, sich mit den Mainstreammedien zu zoffen und darüber zu philosophieren, ob Blogger nun Journalisten sind und Journalisten überhaupt Blogger sein können, ist von außen betrachtet ungefähr so unterhaltsam wie die dogmatischen Kabbeleien sektiererischer Theologen. Ob Gott, Jesus und der Heilige Geist nun Hypostasen oder Substanzen sind, mag für Dogmatiker, die sich zeitlebens mit dieser Frage beschäftigen, ja interessant sein. Für moderne Netzdogmatiker ist es anscheinend die Blogger-Journalisten-Frage, der man sein Lebenswerk widmet ? außer den Beteiligten interessiert diese Frage aber sonst niemanden. Selbstverständlich fand diese dogmatische Diskussion auch am Rande der re:publica statt. Glücklicherweise konnte man ihr jedoch auch spielend aus dem Weg gehen und sich den wirklich wichtigen Fragen widmen, mit denen ich mich in den kommenden Wochen auch noch ausführlich beschäftigen werde.
Das Thema mit der größten internationalen Schnittmenge sind jedoch die Netzsperren und jegliche Form von Zensur im Netz. Diese Bedrohung der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte ist nicht nur international, sie ist auch in nahezu jedem Land ein wachsendes Problem ? egal ob es sich um restriktive Staaten wie Ägypten, China, Iran oder Tunesien oder die immer noch relativ liberalen Staaten West- und Mitteleuropas handelt. Wer nun jedoch die real vorhandenen massiven Restriktionen lautstark in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, was im Windschatten dieser Geschehnisse in Europa geschieht, handelt gegen den Willen der Netzaktivisten aus diesen Ländern. ?Wenn ihr den chinesischen Bloggern helfen wollt, kümmert euch zunächst darum, dass unsere Zensurinfrastruktur nicht auch bei euch eingesetzt wird?, so ein populärer chinesischer Netzaktivist am Rande der Veranstaltung. Dem ist wohl nichts entgegenzusetzen ? Spiegelfechtereien deutscher Politiker oder Medienvertreter helfen niemanden.
The BOBs
The BOBs (Best of the Blogs) sind internationale Weblog-Awards, die seit 2004 jährlich vom deutschen Auslandssender Deutsche Welle vergeben werden. (…) Für die BOBs können Weblogs, Podcasts oder Videoblogs aus aller Welt vorgeschlagen werden, die in einer der folgenden 11 Wettbewerbssprachen geschrieben oder produziert sind: Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Indonesisch, Bengali, Persisch, Portugiesisch, Russisch und Spanisch. Die BOBs umfassen insgesamt 5 gemischtsprachige Kategorien und 11 Auszeichnungen in jeweils allen Wettbewerbssprachen. Insgesamt werden also 16 Preise vergeben. 2007 waren es folgende Kategorien:
? Best Weblog
? Best Podcast
? Best Videoblog
? Reporter ohne Grenzen Award
? Blogwurst Award
? Best Weblog / Sprache (wird einmal pro Sprache vergeben)
Die BOBs sind ein Jury- und ein User-Award. Alle Preise werden einmal als Jury und einmal als User-Award vergeben. Die Publikumspreisträger werden durch ein weltweites Online-Voting entschieden. Die Jury-Preise werden durch eine internationale Blogger-Jury verliehen. Sie bestimmt aus den User-Vorschlägen aus aller Welt die Liste der Nominierten und trifft sich in Berlin, um gemeinsam die Jurygewinner zu ermitteln.
Quelle: Wikipedia

Es ist nicht eben einfach, verschiedene Kulturkreise auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Gut gemachter Humor ist jedoch universal verständlich und beliebt. Daher kann es kaum überraschen, dass der Postillon neben dem Publikumspreis für das beste deutschsprachige Blog auch mühelos den Jurypreis in dieser Kategorie gewinnen konnte. Der teils bitterböse Humor lockte auch bei den Kolleginnen und Kollegen aus China, Indonesien und Bangladesch Tränen des Lachens hervor. In den gemischten Kategorien, in denen deutsche Blogs direkt mit internationalen Blogs wetteiferten, war die Konkurrenz jedoch zu groß, obgleich sowohl der kauzige Blog 42553 Neviges in der Kategorie Blogwurst als auch Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft in der Kategorie Podcast durchaus ihre Freunde in der internationalen Jury finden konnten.
Der Preis für das beste Weblog konnte die afrikanische Open-Source-Plattform Ushahidi gewinnen, die eine Applikation für Mobiltelefone entwickelt hat, mit deren Hilfe sich Karten von Katastrophen- und Krisengebieten erstellen lassen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in vielen Entwicklungsländern das Internet häufig mangels Internetanschlüssen und Computern über Mobiltelefone genutzt wird, eine sicher sinnvolle Angelegenheit. Ein echtes Highlight ist der russische Gewinner der Videoblog-Kategorie ? Mr. Free Man ist ein kleines böses Männlein, das in professionell gestalteten Animationsfilmchen über die Menschheit im Allgemeinen und die Leser und Kommentatoren seines Blogs im Speziellen herzieht. Den Preis für den besten Podcast konnte der ?französische? Kandidat gewinnen ? Jim aus Louisiana setzt das Medium Podcast dafür ein, die Sprache ?Cajun?, ein Ableger des Französischen, der von den letzten Nachfahren französischstämmiger Einwanderer der amerikanischen Südstaaten gesprochen wird, vor dem Aussterben zu retten. Bemerkenswert ist auch Idee, die hinter dem Sieger der Kategorie Blogwurst steht ? das brasilianische Blog ?Blogs do Além? (Blogs aus dem Jenseits) ist eine Sammlung fiktiver Blogs von längst verstorbenen Personen. Wer also wissen will, was Marx, Mao, Jesus oder John Lennon bloggen würden, wenn sie noch lebendig wären, sollte sich dieses Blog anschauen … und Portugiesisch können.
Best Videoblog ? Mr. Free Man aus Russland
Re:publica ? wer ist der Gott an meiner Seite?
Während die Gespräche mit den internationalen Jurymitgliedern erfreulich kurzweilig und tiefgreifend waren, war die eigentliche re:publica stellenweise doch arg ?nerdig?. Da waren sie wieder ? die Blogpropheten, die aufgedreht wie Strukturvertriebler auf Speed der deutschen Blogosphäre das Geld verdienen beibringen wollen, die Nerds, deren Witze ich nicht einmal im Ansatz verstehe und die Geeks, die sich gegenseitig mit ihren tollen neuen Ipads imponierten. Den Höhepunkt meiner interkulturellen Inkompetenz demonstrierte ich allerdings am ersten Veranstaltungstag, als ich bei einer Zigarettenpause im Regen mit einem hochgewachsenen Amerikaner ein wenig Smalltalk betrieb. Kaum zurück in den Hallen der Nerds und Geeks, wurde ich von hibbeligen Kiddies mit Fragen gelöchert: ?Wie ist ER so? Was hat ER gesagt?? – ?Wer?? – ?Na Jeff Jarvis? – ?Who the fuck is Jeff Jarvis?? ? langes unglaubwürdiges Schweigen ? ?Jeff Jarvis ist der GOTT des Netzes?. So so, dachte ich mir. Kann man sich eigentlich guten Gewissens Blogger nennen, wenn man den Gott des Netzes nicht kennt? Ist es vielleicht sogar Gotteslästerung, Jeff Jarvis nicht zu kennen? Und überhaupt ? kennt Jeff Jarvis eigentlich Jens Berger? Blasphemie! Am Nachmittag schaute ich mir seinen Vortrag an und war erstaunt. Der Mann erzählte seinen Jüngern, dass wir Deutschen es mit dem Datenschutz übertreiben, schließlich gingen wir auch nackt in die Sauna und er habe sogar gebloggt, dass er Krebs hat und impotent ist. Komischer Kerl, dieser Gott.
Glücklicherweise waren derlei unheimliche Begegnungen der dritten Art aber die Ausnahme. Was auf den internationalen Panels diskutiert und vorgetragen wurde, war höchst interessant und lehrreich. Zynische Blogger aus Belarus, Zensuropfer aus China und Iran, die so gar nicht in das mediale Klischee passten und dem Westen den Spiegel vorhielten, Diskussionen über die Zukunft des politischen Onlinejournalismus ? all dies war wesentlich interessanter als der selbstrefferentielle Schwanengesang deutscher Journalisten und Blogger. Vom Ausland lernen, heißt in diesem Falle auch Siegen lernen. Will die deutsche Blogosphäre wirklich relevanter werden, sollte sie zunächst lernen, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten und den Blick auch einmal über den Tellerrand der Selbstreferentialität zu erheben. Ein hartes Stück Arbeit liegt vor uns ? packen wir es an.
Jens Berger


“Eine Woche Nerdistan und zurück” ist ein griffiger Titel – so muss es ein Blogger machen. Inhaltlich kann ich die Kritik gar nicht teilen. Ich war das erste Mal auf der re:publica und hätte es mir viel nerdiger und geekiger vorgestellt. Diese Begriffe an Leuten festzumachen, die mit Ihren tollen neuen ipads rumspielen, halte ich für viel zu kurz gegriffen. Das Fazit einer Konferenz sollte sich doch am Inhalt des Geschehens festmachen: Hier gab es ein weites Spektrum spannender Themen: von Netzneutralität über Bloggerzensur, E-Campaigning bis hin zur Debatte ums Leistungsschutzrecht. Viele Keynotes wurden von international angesehenen Experten wie Tim Wu, Peter Kruse, Geert Lovink und – ja – Jeff Jarvis vorgetragen. Natürlich wird viel Wind um Jarvis gemacht und der gute Jeff ist auch ein exzellenter Selbstvermarkter. Aber zumindest kennen sollten man ihn schon, wenn man auf die re:publica geht. Dass Sie entgeistert angeschaut wurden, weil Sie das nicht wussten, Herr Berger, ist logisch.
Und zum Schluss noch ein Wort zum Thema Selbstreferentialität: Das ist ein wirklich alberner Einwand, das kann man über jeden Kongress sagen. Sehr schön legt das auch Thomas Knüwer auf seinem Blog “Indiskretion Ehrensache” dar. Neid will ich Ihnen gar nicht vorwerfen, Herr Berger, Voreingenommenheit schon.
@Bernd Oswald
Das hängt sicher von der Erwartungshaltung ab – ich habe der deutschen Netzgemeinde allerdings sogar in der Einleitung ja bereits eine Wandlungsfähigkeit unterstellt; mehr ist für mich “noch” nicht zu sagen.
Sicher, zwischen den Zeilen habe ich dies ja auch so durchklingen lassen und ich will mich mit den Themen ja auch noch ausführlicher beschäftigen – da kann ich mein Pulver ja jetzt noch nicht verschießen ;-)
… war in der Analyse interessant, aber bei seinen konkreten Vorschlägen enttäuschend. Was genau ist “gute Zensur” und wer entscheidet darüber? …
… hat mir gut gefallen …
Hmmm, muss ein “Papierautor” Gutenberg, Maletzke oder Luhmann kennen? Ich glaube kaum und hier ist ja auch mein Kritikpunkt begraben: Blogger sollen doch endlich über echte Themen schreiben und sich weniger mit Medientheorie im Allgemeinen und die Rolle der Blogs in unserer Gesellschaft im Speziellen beschäftigen, sonst ….
… ist der Vorwurf der Selbstreferentialität leider sehr angebracht. Oder anders gefragt: Wer würde eine Zeitung lesen, in der es zu 75% über Papierherstellung, neue Drucktechniken und die Rolle des Journalismus in der modernen Gesellschaft geht? Klar, für Medienmacher und -theoretiker ein Pflichtwerk, aber wen “da draußen” interessiert das? Mich nicht.
Keineswegs! Auf einem Kardiologenkongress geht es um Herzerkrankungen aber nicht um die Rolle des Kardiologen in einer sich rasant wandelnden Welt der Medizin.
Finde ich nicht – Klüwer wirft den “klassischen” Medien vollkommen zu Recht ihre selektive Berichterstattung vor und agiert dabei selbst sehr selektiv … vielleicht ist das ja aber auch die “Aufgabe” eines bloggenden “Medienjournalisten”? Mich interessieren derlei Fragen eher am Rande.
Das mag sogar sein.
Vielleicht bin ich da ein wenig zu engstirnig, aber wozu um alles in der Welt braucht man “beste Blogs” bzw. Preise für sowas? Entweder erreicht ein Blog ein grosses Publikum und bekommt damit von sich aus eine bestimmte Bedeutung oder eben nicht. Dabei sagt es auch noch nicht einmal sehr viel über die Qualität eines Blogs aus, wobei ich mit dem Begriff Qualität im Bezug auf Blogs eh so mein Problem habe, denn schlussendlich geht es doch in erster Linie darum einer/seiner Leserschaft eine Meinung mitzuteilen. Wie will man sowas bewerten? Schlussendlich ist es doch genau das, was die Blogs so angenehm von den klassischen Medien unterscheidet… jeder präsentiert mehr oder weniger sein eigenes Weltbild und ich als Leser kann mir das Umfeld meines Meinungsaustausches darüber gemäß meinen eigenen Vorstellungen aussuchen. Wenn ein Blog es schafft, mich zu halten, dann ist das in meinen Augen das einzige Kriterium, welches zählt…. selbst wenn mir dabei die abstrusesten Weltverschwörungstheorien vermittelt werden, denn es ist nunmal meine Entscheidung mich dort aufzuhalten.
@Rossi
Sinn und Zweck ist zum Einen die Honorierung für gute Leistungen, die anspornen soll und dem Werk der Autoren eine Art Anerkennung zukommen lassen soll. Zum Anderen soll eine solche Auszeichnung ja gerade Blogs bekannter machen, die sonst im “Rauschen” schwer zu finden sind. Das funktioniert in anderen Ländern sogar gut – in Russland, im arabischen Raum und in Südamerika wurde die Veranstaltung von vielen Zeitungen und Blogs gecovert. Deutschland interessiert sich für solche Themen offensichtlich nicht all zu sehr. Ein weiterer Zweck ist natürlich die Vernetzung der Blogsosphären. Das kann ich wohl am Besten am eigenen Beispiel erklären – der Austausch hat nicht nur mein Hintergrundwissen erweitert, sondern mir (und den anderen natürlich auch) sehr gute Erstquellen und Kontakte eingebracht, die für die künftige Arbeit sicher nicht von Nachteil sind.
@SF: Also deinen zweiten Punkt kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich wollte auch das Ereignis an sich nicht in Frage stellen, denn dass sich Blogger treffen, austauschen und Kontakte knüpfen ist ganz sicher eine sinnvolle Sache. Der Punkt “Blogs bekannter machen”… puh, also ich weiss nicht… ergibt sich das nicht recht gut von selbst bzw ist es nicht gerade ein Merkmal von Blogs, dass sie über Empfehlungen und Weitersagen im Netz bekannt werden? So bin jedenfalls ich auf so ziemlich jeden Blog gestossen, den ich regelmäßig lese. Darunter fällt für mich übrigens auch das gegenseitige Verlinken der Blogs untereinander.
Was die Honorierung und Anerkennung betrifft so sollten sich IMO diese beiden Punkte doch eher aus den Blogs selbst ergeben, aber das mag man meinetwegen anders sehen. Ich kann es halt persönlich nicht so ganz nachvollziehen. Ich würde jedenfalls die Anerkennung eher in meiner Leserschaft sehen, aber da mag der ein oder andere vielleicht ambitionierter sein.
@Rossi
Ja die Verlinkungen … ich bin da ja leider auch eher nachlässig. Für Leute, die sehr viel in Blogs lesen, wird es sicher wenger Überraschungen bei solchen Awards geben. Ich kannte beispielsweise den russischen Videoblog und *meamaximaculpa* auch den Postillon noch nicht.
Zum Thema Leserzahlen: Ich weiß nicht, ob das ein so guter Indikator ist. Eine Doku auf Arte hat auch weniger Zuschauer als eine Castingshow auf RTL. Außerdem geht es natürlich dabei auch im Art und die Themen des Blogs – natürlich haben Blogs, die sich mit dem Thema Netzsperren oder Netzpolitik beschäftigen alleine aufgrund der Backlinks und der Interessenschnittmenge viel mehr Leser als beispielweise so krude Blogs wie “Neviges” – dennoch würde ich nicht sagen, das netzpolitik.org oder auch mein Blog nun “besser” als “Neviges” wären, nur weil wir mehr Leser haben. Ich freue mich zumindest, solchen “Spartenangeboten” Anerkennung zu zollen und neue Leser herüberzureichen.
Das Mr. Free Man hörte sich erst einmal vielversprechend an… warum… warum… warum bloggt dieser Mann in einer Commie-Sprache?
Das Medien-Theorie Geschwurbel find ich eigentlich ganz nett. Mir wirds warm ums Herz, wenn die yonksters da so einen hype draus machen. Fühl mich dann als mitleidsbefähigter Mensch.
Nein, echt. Man sollte sich wirklichen Themen zuwenden.
@Lemmy
Weil das seine Muttersprache ist? Für kalte Krieger wie Dich hat der “Commie” ja wenigstens Untertitel in einige seiner Filme eingebaut – mecker also nicht ;-)
@SF: Thema Leserzahlen
Genau das wollte ich doch mit meinem ersten Kommentar hier ausdrücken! Ein Blog lässt sich eben kaum durch seine Bekanntheit oder Leserzahl alleine bewerten. Es geht vielmehr darum, dass er im Umfeld seiner Leserschaft “funktionieren” muss. Daher kamen auch meine Zweifel darüber wie sinnvoll eine solche Preisvergabe im generellen bei Blogs sein kann. Ich sehe auch kaum Kriterien, die ein sinnvolles Vergleichen ermöglichen. Damit will ich nicht sagen, dass ein regierungskritisches Blog in einem dikatorischen Staat nicht schon irgendwo etwas bewundernswerteres ist als z.B. ein Blog über Apples neueste Produktidee… nur darum geht es eben auch gar nicht.
Also die BOBs waren mit Abstand das Enttäuschendste auf der re:publica. Die Präsentation der Gewinner war dahingerotzt, echte Auswahlkriterien oder besondere Merkmale wurden nicht präsentiert. Was sollte man davon mitnehmen oder welche Schlussfolgerungen sollte man aus den Ergebnissen ziehen?
Da hätte man auch eine Liste x-beliebiger Blogs ins Netz stellen und sagen können: “Hier, macht damit was ihr wollt.”
@Julien Frisch
Hmmm, ich gebe Dir in einem Punkt Recht – man hätte die ausgezeichneten Blogs ausführlicher vorstellen sollen. Was die Veranstaltung selbst angeht, bin ich jedoch anderer Meinung – der Vortrag der iranischen Bloggerin war jedenfalls sehr interessant und auch der Überblick über die Bloglandschaft Bangladeschs war m.E. schon interessant. Es ist nun einmal nicht so einfach, so viel Inhalte in eine Stunde zu packen. Ein paar Sachen hätte ich auch anders gemacht, so wurde beispielsweise das Publikumsvoting weitestgehend unterschlagen.
@Rossi
Absolut d´accord. Und als kleine Kuriosität am Rande: Der zweitplatzierte Blog beim Hauptpreis hat bis zu 300 Millionen(!!!) Leser – dagegen ist sogar die BILD ein kleiner Fisch ;-)
Als ich den “Stundenplan” der Re Publika las habe ich mich überfordert gesehen. Einfach Over loaded das Programm. So viele “Parallel Netz Welten Themen” in kurzer Zeit ist einfach to much. Weniger wäre mehr gewesen.
Hallo Jürgen, mein “alter” Freund ;-)
Da muss ich da leider doch mal widersprechen. Der “übervolle Stundenplan” hatte zumindest den Vorteil, dass sich auch Besucher mit unterschiedlichen Interessen Veranstaltungen heraussuchen konnten, die ihnen zusagten. Wäre es anders, hätte ich mich sicherlich gelangweilt, dank des umfangreichen Angebots fand ich allerdings fast durchgängig Veranstaltungen, die auch mich (als medientheoretisch eher Desinteressierten) ansprachen. Bei einer Riesenveranstaltung mit rund 2.500 Besuchern pro Tag kann man schon ein wenig vielschichtiger planen, das ist m.E. vollkommen ok.
Naja naja…
Das Ganze ist schon irgendwie seltsam. Einerseits verstehe ich das Argument, dass es der Bekanntheit eines Blogs sehr hilft, andererseits muss ich mich fragen, warum dann aber ein Blog wie der Postillon prämiert wird. Da wurde der Unterhaltungswert scheinbar über wirklich sinnvolle Informationen gestellt. In Sachen Humor hat er es sicherlich verdient, aber bester deutschsprachigen Blog? Da hätte ich doch sachliche Blogs vorgezogen, denn Zynismus, Humor und auch Sarkasmus sollte, und muss es sicherlich geben, aber wirklich nutzen tut das nur wenig. Hier hätte ich lieber sachlichere Blogs prämiert gesehen, die sich mit viel privatem Aufwand ernsthaft um Aufklärung bemühen und gut recherchieren.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass es nur ne riesen Party war, um sich selbst zu feiern. Gut, muss auch mal sein, aber dann sollte das Ganze auch nicht überbewertet werden.
Na… ist nur meine Meinung und die muss ja nicht jedem gefallen.
@Der Flaschengeist
und welches Blog schwebt Dir da vor?
@Rossi
Wozu gibt’s wohl den Pulitzer- und den Nobelpreis, den Oscar (Palme, Bär etc.), das Eiserne Kreuz und die vielen tausend weiteren Auszeichnungen, Orden, Preise, Ehrungen usw. auf der Welt…
Grüße
@sf
Wie schlecht steht es um D, wenn eine Satireseite gewinnt? Demnächst gewinnen die Titanic und der Eulenspiegel in allen Kategorien den Henri Nannen-Preis und “Neues aus der Anstalt” alle möglichen Grimme-Preise und zum Abschluss wird die Satire wieder real: Müller-Voigt wird in einem Atemzug mit Goethe, Schiller und Kant genannt.
Grüße
@Harry Haller
Och, auch Satire kann durchaus preiswürdig sein. Im investigativen oder politisch-analytischen Bereich gibt es nun einmal leider nicht sehr viel, was auf internationalem Niveau preiswürdig wäre … ich wäre ja froh, wenn ich im nächsten Jahr auch ein politisches Blog vorstellen könnte, das den Preis holt ;-)
@Harry: Zugegebenermasse halte ich auch von vielen Preisen/Auszeichnungen aus deiner Aufzählung nicht viel. Dennoch denke ich, dass Blogs durchaus eine besondere Position einnehmen, weil sie doch fast immer in erster Linie eine Meinungsplattform sind und in der Hinsicht fällt es mir eben schwer eine Einordnung nach gut/schlecht bzw. mehr oder weniger preiswürdig vorzunehmen.
Schlussendlich ist es mir aber natürlich ziemlich egal, ob die Blogger sich gegenseitig mit Preisen überhäufen… wenn es sie denn glücklich macht! ;)
“Nerdistan” den Schmunzler nehme ich heute mit in den Tag ;-)
@SF
Als erstes natürlich die NDS, wobei mir natürlich noch die Diskussion hier in Erinnerung ist, ob zu einem Blog auch wirklich eine Kommentarmöglichkeit für alle gehört, oder nicht.
Aber es gibt ja noch viele andere gute Blogs…geh mal deine eigene Linkliste durch ;-D
Wie gesagt, nix gegen den Postillon…aber ist das wirklich der beste deutsche Blog? Das möchte ich doch eher verneinen.
Die Story mit Jeff Jarvis ist wirklich zu köstlich. Ich kannte den Mann bis vor kurzem auch nicht, bis mich eine Zeitung darauf aufmerksam gemacht hat, das er wohl der Superstar der re:publica war.
Was er dann zu sagen hatte fand ich auch eher befremdlich, dass Amerikaner ein anderes Verhältnis zum Datenschutz als wir haben sollte sich doch inzwischen rumgesprochen haben. Wahrscheinlich muss man den Vortrag ganz gehört haben, aber allein der Sauna Vergleich ist so absurd das ich an der Stelle das Interesse verloren habe. Wenn das die “internationalen Experten” sind dann will ich lieber genauso ahnungslos bleiben wie Herr Berger.
@Der Flaschengeist
Erstes Kriterium für ein Blog bei der BOB-Wahl ist natürlich, dass er auch von einem einzigen Leser vorgeschlagen wurde … damit blieben aus meiner Linkliste nur noch NDS, fixmbr und ad sinistram, die – welch Wunder ;-) – auch alle in meine Nominierungsliste kamen. Die NDS waren natürlich auch in Berlin ein heißer Kandidat, aber die fehlende Kommentierungsfunktion hat hier den Ausschlag zugunsten des Postillons gegeben – aber nicht nur, die NDS sind (so hervorragend sie sind!) ein nationales Projekt, das sich nur sehr schwer Chinesen, Indonesiern oder Bangladeshis (sagt man das so?) in einem vertretbaren Zeitrahmen erklären lässt. Für einen nationalen Preis wären sie natürlich Kandidat Nummer Eins – trotz der fehlenden Kommentarfunktion ;-) Bei fixmbr sieht die Sache mit dem Hintergrund ähnlich aus und hier konnte auch die Mischung aus Politik und IT nicht wirklich überzeugen. Bleibt ad sinistram – was soll man Menschen, die kein Deutsch verstehen, da sagen? Wunderbare Texte mit einer ganz hervorragenden Sprache? Das lässt sich nur sehr schwer von den internationalen Jury-Mitgliedern nachvollziehen … ich könnte da ja auch sonst was erzählen ;-) Interessanterweise hat der Postillon ja auch den Publikumspreis gewonnen – so falsch kann die Jury da also nicht gelegen haben.
Über Jarvis und seinen Sauna Vergleich kann man etwas die Nase rümpfen, aber ein netter Aufhänger zum Diskutieren über den Schutz von Privatsphäre ist es allemal. Wobei ich dann auch zum Schluss komme dass Jarvis Ansichten etwas blauäugig sind.
http://www.buzzmachine.com/2010/02/11/the-german-privacy-paradox/
Ich finde eine Auszeichnung für Blogs wie die BOBs sehr sinnvoll. Neben der Bekanntmachung vieler kleiner Perlen (z.B. den Postillon kannte ich vorher nicht und lache jetzt regelmäßig Tränen) dient es doch auch der Wertschätzung. Man sollte nicht unterschätzen, dass Menschen nun einmal Egoisten sind und sich jeder von einem offiziellen Preis geschmeichelt fühlt. Und daran ist auch nichts verkehrt und deshalb sollten auch gute Blogs so geehrt werden. Es muss ja auch nicht, wie bei den Oscars, mit einem gigantischen Brimborium zusammenhängen.
Die Diskussion um Jeff Jarvis bringt finde ich auf den Punkt, was Jens in seinem Text auch aussagen möchte: Die deutsche Blogosphäre beschäftigt sich viel zu sehr mit sich selbst und nicht mit realen Themen. Geht doch mal raus auf die Straße, wer kennt da Jeff Jarvis? Ich wette, nicht mal ein halbes Prözentchen der Deutschen kann damit etwas anfangen – Mein Gott, da kennen mehr Leute wahrscheinlich den Bürgermeister von Rostock. Und wenn der jetzt vor mir steht und ich ihn nicht erkennen (da ich am anderen Ende der Republik wohne), kommt sicherlich keiner zu mir mit “Wie, du kennst XYZ nicht?”. Im Übrigen kannte ich Jeff Jarvis bis zur re:publica auch nicht und finde nach seiner Rede auch nicht, dass man sich weiter mit ihm beschäftigen muss; Narzissten haben wir auch hier in Deutschland genug.
Hallo SF,
tschuldigung, dass ich dieses Thema für etwas anderes benutze aber ich finde es wichtig
Morgen wird nämlich folgende Doku ausgestrahlt:
Der gefährlichste Mann in Amerika
Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere
(Usa, 2009, 91mn), ZDF
Mittwoch, 21. April 2010 um 20.15 Uhr
Wiederholungen: 24.04.2010 um 16:15
http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=1129548,day=5,week=16,year=2010.html
PS: dieser Beitrag darf gelöscht werden nachdem SF die Info zur Kenntnis genommen hat ; )
Der Sauna-Vergleich ist natuerlich Mumpitz und hat nix mit Schutz der Privatspaehre zu tun. In die Sauna geht man naemlich freiwillig. Insbesondere in die normale, gemischte. Was ich aber in meinen Briefen und E-Mails schreibe gebe ich dadurch nicht automatisch mit preis. Auch da will ich entscheiden, wer meine Post lesen darf und wer nicht. Es geht um die Freiheit entscheiden zu koennen, welche privaten Dinge ich oeffentlich machen will.
Dass in der Sauna alle meinen Penis sehen koennen, kann mir egal sein, denn es ist fuer mich nicht das privateste ueberhaupt. Vielleicht liegt das aber auch in der Englischen Sprache begruendet, die Dinge die wir beim Namen nennen, schamvoll “privates” nennt. Das mag fuer ein maessig lustiges Wortspiel ausreichen, fuehrt aber in einer Diskussion um Privatspaehre zu nix.