Konrad Konradowitsch
04. Dezember 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Das zuckersüße CDU-Talent Ecki von Klaeden hatte gestern keine Glückwünsche für Russlands Präsident Putin über, dessen Politik mit großer Mehrheit vom Volk bestätigt wurde. Stattdessen bezeichnete er die Wahlen in der jungen Demokratie Russland als “Ermächtigungsinszenierung” - auf ähnlich harte Worte aus dem Eckis Munde hatte man beim Wahlbetrug des George Bushs weiland verzichten müssen.
Anscheinend blendet Ecki dabei die deutsche Transformationsgeschichte aus. Auch die BRD war mal eine junge Demokratie mit einer negativen Erfahrung aus ihrer kurzen demokratischen Geschichte, und das Idol von Eckis Partei war auch nicht der lupenreine Demokrat, für den Eckis christlicher Verein der reinen demokratischen Lehre ihn heute hält.
Konrad Konradowitsch war ein mit allen Wassern gewaschener Parteipolitiker. In den 1920ern hatte er als Kölner Oberbürgermeister einen fetten Schwarzgeldskandal ausgesessen. Er hatte mit Separatisten paktiert und ein Otto Dix Gemälde aus dem Wallraf-Richartz-Museum entfernen lassen. 1934 brüstete er sich in einem Schreiben an die Kölner Naziführung, er habe als Kölner Oberbürgermeister dafür gesorgt, dass Versammlungsverbote gegen die NSDAP, die die preussische SPD erlassen hatte, in Köln nicht durchgesetzt wurden. Er beharrte auch darauf, sich öffentlich geäußert zu haben, „dass nach [seiner] Meinung, eine so große Partei wie die NSDAP unbedingt führend in der Regierung vertreten sein müsse.”
Konrad Konradowitsch war nicht als Demokrat geboren. Dass er die Wahl zum Bundeskanzler seiner eigenen Stimme verdankt, ist exemplarisch. Gegen den Willen der übergroßen Mehrheit der Bundesbevölkerung setzte er die Gründung der Bundeswehr durch. Seine Sicherheitstruppen bekämpften mit der Waffe in der Hand die Demonstranten gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik - 1952 wurde ein junger Demonstrant auf dem “Essener Blutsonntag” erschossen, die Täter wurden durch ihre Amtskollegen von jeder Schuld frei gesprochen. 1957 wollte Konrad Konradowitsch Deutschland zur Atomstreitmacht machen - dies konnte ihm nur durch Engagement von Charles de Gaulles ausgetrieben werden.
Konrad Konradowitsch ließ die eine Oppositionspartei, die gegen seinen politischen Kurs war, verbieten.Die andere Oppositionspartei ließ sich nach Konrad Konradowitschs Anschuldigungen - sie sei vom ideologischen Feind durchsetzt, so stramm auf Kanzlerkurs bringen, dass sie sich genau so gut “Gerechtes Deutschland” hätte nennen können - sie blieb jedoch bei ihrem Traditionsnamen “Sozialdemokraten”, aber das änderte nicht viel an der Sache.
Konrad Konradowitsch integrierte die Tschekisten des Vorgängerregimes in seine Verwaltung - im Bezug auf sie ist von ihm das Wort überliefert: “Ich kann kein schmutziges Wasser wegschütten, wenn ich kein sauberes habe”. Und in dem vorhandenen Wasser wusch er sich seine Hände. Sein eigener Amtschef hatte dem Vorgängerregime als Kommentator der Nürnberger Gesetze gedient. Der Ressortchef “Fremde Heere Ost” des alten Geheimdienstes durfte für Konrad Konradowitsch den neuen Geheimdienst aufbauen.
Auch ein kreatives Verhältnis zur Medienvielfalt muß man Konrad Konradowitsch attestieren. Er versuchte die regierungskritischen Radiosender in Hamburg und Köln durch ein von der Bundesregierung abhängiges Fernsehen zu neutralisieren - erst das Bundesverfassungsgericht machte diesen Plan zunichte. In seiner Amtszeit durchsuchten die Sicherheitsbehörden die Büros einer oppositionellen Zeitschrift unter dem Vorwand des Landesverrats. Herausgeber und Chefredakteur saßen danach mehrere Wochen in Haft.
Die Ära Konradowitsch ging als “Kanzlerdemokratie” in die deutsche Geschichte ein - ein autoritäres, auf die Person des Kanzlers zugeschnittenes System. Gleichwohl gilt Konrad Konradowitsch in der heutigen Geschichtsschreibung als lupenreiner Demokrat, denn vor allem war er erfolgreich. Die Leute empfanden den beginnenden Wirtschaftsaufschwung als Stabilität und diese Stabilität hielten sie ihm zu Gute. In seinen politischen Kampfmethoden war Konrad Konradowitsch indes wenig rücksichtsvoll. Die Hälfte aller Bundestagsmandate erhielt er 1953 unter der Parole “die Opposition sei vom weltpolitischen Gegner gesteuert”. 1957 trat er unter dem Slogan “Keine Experimente” an.
Konrad Konradowitsch hielt sich wie fast alle Staatsoberhäupter für unersetzlich, nahm neben seinem Kanzleramt zeitweise auch das Amt des Aussenministers wahr, und gedachte sogar vom Amt des Bundeskanzlers nahtlos in das des Bundespräsidenten zu wechseln. Diesen Gedanken gab er aber zu Gunsten einer vierten Amtszeit auf. Insofern scheint es für Russland doch noch längst nicht alles verloren zu sein, und Ecki sollte die eigene Geschichte als Chance für Russland begreifen - möglicherweise wird ja in 40 Jahren ein russischer Ecki vor dem Wladimir Putin Haus in Moskau sprechen und sich über die undemokratischen Wahlen in den USA beklagen.
Jens Berger
Bildnachweis: Deutsches Historisches Museum, Montage (1): Spiegelfechter
Inspiration und Vorlage: Duma-Wahl in Russland auf HR2-Der Tag
Posted in Deutschland, Glosse, Russland |














































































Woran man sieht, dass man aus der Geschichte lernen kann.
Mal wieder ein Artikel dem ich zustimmen kann. Das ist schön.
wallraff-richarTZ-museum.
Alles richtig - und trotzdem war Adenauer ein Demokrat. Zumindest mehr als die meisten seiner damaligen Zeitgenossen. Ohne Frage hielt er sich für unersetzlich und misstraute zutiefst den Bürgern des Landes, das er regierte. Aber das dürfte er mit den meisten heutigen Politikern teilen. Ob Putin in 50 Jahren das Ansehen von Adenauer haben wird? Bin da leider sehr skeptisch. Adenauer hat weder Wahlen manipuliert, noch die Presse gleichgeschaltet, noch einen Bürgerkrieg geführt, noch nationale Alleingänge betrieben, etc.
Natürlich leben wir in einer anderen Zeit und Putin steht in seinem riesigen Land vor schwierigen Herausforderungen. Aber ein gewisses Mindestmass (wie z.B. die Unterstützung der Wahlbeobachter der OSZE) sollten westliche Politiker einfordern dürfen - auch Klaeden. Aber bitte mit einem anderen Wort als “Ermächtigungsinszenierung”.
Eben… Das Problem dieses Artikels scheint mir zu sein, dass hier Dinge miteinander in Verbindung gebracht werden, die nichts miteinander zu tun haben:
- die politischen Verhaeltnisse in der Fruehzeit der BRD
- der Ablauf der Wahlen in der “jungen Demokratie” Russland
Das Recht, letzteres zu kritisieren, hat jeder, unabhaengig von seiner Parteimitgliedschaft und unabhaengig von frueheren Mitgliedern dieser Partei.
Sehr interessanter Artikel und hier wird ja nicht gleichgesetzt sondern nur verglichen ;)
Klar wird nur verglichen, die Frage bleibt aber welche Intention hat der Vergleich. Sachlich besehen war Adenauer kein Demokrat vor dem Herrn, ein konservativer Politiker mit Nazialüren in der Vergangenheit und einem mäßigen Verhältnis zum regierten Volk, trotzdem trennen Ihn Welten davon, aktiv Wahlen manipuliert, Bürgerkriege gegen Separatistenstaaten geführt oder oppositionsnahe Menschen grundlos weggesperrt zu haben wie es unter Putin in Russland geschieht.
Die BRD in den Kinderschuhen schneidet im Fach Demokratie sicherlich nicht überragend ab, trotzdem erweckt der Artikel gerade mit seinem Schlusssatz den Eindruck, hier ginge Russland einen ähnlichen Weg wie vorher die BRD, und das ist sachlich völlig daneben.
@Ralf
Aktiv hat Putin auch keine Wahl manipuliert, die Chance einen Bürgerkrieg gegen einen Separatistenstaat zu führen, hatte der Separatist im Geiste Adenauer nie gehabt und die Verhaftungen während der Spiegel-Affäre wirken schwerer, als die Verhaftung des “Möchtemalgern-Oppositionsführer”.
Ja, lieber Ralf, wie sagt schon das 11. Gebot? Du sollst nicht vergleichen ;-)
Gegen Adenauer wie Putin kann viel gesagt werden - wie wohl gegen jeden Politiker. Das zeigt nur, man sollte sich mit Urteilen von außen zurückhalten. Schließlich war die russische Wahlbeteiligung so schlecht nicht - und keiner brauchte nur den Zettel falten, um die Putin-Partei zu wählen. Die Leute wollten einfach, dass er weitermacht, weil sie sich noch gut an das Jelzin-Chaos erinnern können, das nun wiederum der Westen so schlecht nicht fand. Mehr:
blogsgesan...
Adenauer kann man viel vorwerfen, Fakt ist aber, dass Adenauer nie die Wahlen manipuliert hat! Und der BND hat unter seiner Riege auch keine Kritiker im Ausland ermorden lassen! Ob man ihm die Verantwortung für de Spiegelaffäre zuweisen kann, weiss ich nicht.
Das Konrad Adenauer kein lupenreiner Demokrat war, sonder nur getan hat was er tun musste, mit dem was ihm zur Verfügung stand denke ich kann man ihm schlecht vorwerfen. Ich hätte zumindest in einigen Fällen das selbe gemacht oder ähnlich gehandelt und dies sicherlich nicht aus vollem Herzen! Mann konnte einfach nicht jeden Nazi/Nazianhänger zur Rechenschaft ziehen vor allem, da mann qualifiziertes und erfahrenes Personal brauchte, schlieslich war der “Kalte Krieg” grade angelaufen und man musste seine Möglichkeiten nutzen. Es wurde halt von den Verbündeten erwartet das die Bundeswehr gegründet wird. 1934 hatte evtl. noch nicht jeder ein differenziertes Bild der NSDAP.
Alles im allem denke ich der Vergleich hinkt mehr als nur ein bisschen. Im Gegensatz zu Putin war Konrad ja fast ein Unschuldsengel. Vor allem, da er sich demokratischen Wahlen immer gebeugt hat!
Und, wenn die Armee den Befehl zur Wahl zu gehen bekommt und Firmen ihre angestellten feuern, wenn die keine Wahlzettel bestellen, naja dann wundert mich auch ne hohe Wahlbeteiligung nicht. Und die Wahlen waren sicher nicht frei und fair, und da dies ein notwendiges Kriterium für eine Demokratie ist, kann bei Russland nicht mehr die Rede von junger Demokratie sein!
@Nülls
Man merkt, Du hast sicher nicht die “Feindpresse” gelesen ;-)
Zu Adenauers Zeiten wurde er in der DDR auch als “Putinator” dargestellt - alles ist eine Frage des Blickwinkels.
p.s.: Dies ist eine Glosse, wie die Kategorisierung verrät - also bitte nicht alles so bierernst nehmen ;-)
@Nülls
Woher so viel Klugscheißerei? Wer hat wen ermordet? Wer hat was manipuliert? Mensch!!! Hast du Beweise dafür was du schreibst? Oder ist schon Gehirn durch die Medien hoffnunglos verseucht!?
Übrigens, die Wahlabstimmung hat gut gelaufen, ich kenne in meinem Bekanntenkreis keinen einzigen, der diese Vorwürfe(in ausländischen Medien) bestätigen könnte.
@Spiegelfechter
Es war eher das “Möchtegern-Oppositionsführer” der zum Bierernsten betrachten führte als der Artikel selber, hat mich wohl bissel dazu gebracht Windmühlen jagen zu gehen.
Aber okay lassen wir das ;)
@ Russe: Wenn die OSZE sich beschwert reicht mir das als Beweis. Und der Trick an Wahlbetrug ist, dass es möglichst Niemand der wählen geht merkt oder?
Die OSZE ist längst zu einem politisierten Werkzeug verkommen. Ihr Urteil ist schon im Voraus klar und hängt vom Erfolg der prowestlichen Kräfte ab. Das war oft genug im postsowjetischen Raum zu beobachten. Als der Amerika-Fan Saakaschwili mit 97% (!) gewählt wurde, gab es von der OSZE keinen Muks, da unzweckmäßig. Ebenso in der Ukraine bei den letzten beiden Parlamentswahlen. Die OSZE ist für mich längst keine Autorität mehr, ebenso wie diverse Organisationen wie Freedom House, die direkt aus dem föderalen Budget der USA finanziert werden. Alles nur rhetorische und propagandistische Infrastruktur, um politischen Druck auszuüben.
Hi Jens,
eijeijei
1. ich find’s bemerkenswert, dass Du zu der Minderzahl moderater Kommentatoren zur gelenkten Demokratie ala russe hier zu Lande zählst (auch wenn Du’s nur als Glosse klassifizierst) - wenn man die Begleitumstände, die Geschichte, den kulturellen, den soziologischen Stand der russischen Gesellschaft usw. berücksichtigt, sollte diese Beurteilung auch meiner Meinung nach vertretbar sein.
2. aber sonst … sonst möchte ich Dir am liebsten wieder mit Hobbes kommen (”homo homini …”), wie auch bei Cheney, Bush, Putin, Konrad Konradowitsch, dem KZ-Baumeister Lübke, der OSZE, … und natürlich auch bei Müller, Meier, Schulze und dem Taubenzüchterverein. Ich versuch’s heute ‘mal mit der Abwandlung eines anderen Zitats: “Menschen ist nichts menschliches fremd!”
Beste Grüße
Vogel
@Vogel
Abseits der Glossen, habe ich mich auch mehrfach ernsthaft zum Thema Russland geäußert. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, welch pawlowsche Reflexe bei den meisten Medien “hochkommen”, wenn es um Russland geht. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen und die Tatsache, dass Russland erst so richtig ins Visier geraten ist, als der resolute Putin den Ausverkauf an den Westen gestoppt hat, lässt kaum Fragen offen. Unter Jelzin kam das Thema “Demokratie” eigentlich nie auf den Tisch.
@Nülls
Es ist schon lustig, wie ein Deutsche versuchst uns zu erzählen, wie unsere Wahl verlaufen ist. Ich ging schon 1991 auf die Barrikaden (wo auch scharfgeschossen wurde) und werde das nochmals tun, falls ich die Meinung bin, dass meine Freiheit in Gefahr ist.
Was OSZE betrifft, war ich schon zuvor der Meinung, dass, egal wie die Dumawahl abläuft, werden die sich beschweren. Die Beweise sind die auch noch schuldig. Wenn man die antirussische Kampagne die in westlichen Medien heutzutage läuft, anschaut ist es auch nicht überraschendes.
Historisch bedingt traut man in Russland den Medien wenig. Eine Meinung, die man in einer Diskussion über Politik mit den Kollegen auf der Arbeit sich gebildet hat, ist dann auch durch Hunderte Zeitungsartikel bzw. Fernsehberichte nicht wegzukriegen. Deshalb kann man auch die öffentliche Meinung nicht so leicht, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist, manipulieren. Eine Meinungswende in Medien kann in Russland eine Meinungswende im Volk in eine entgegengesetzte Richtung provozieren.
Um manche Fragen vorwegzunehmen:
Nein, ich bin kein Putin-Anhänger.
Hallo, kann es sein, dass ich diesen Artikel vor einigen Tagen 1 zu 1 bei hr2 “Der Tag” gehört habe? Das finde ich etwas verwunderlich, oder hat die Redaktion des Hessischen Rundfunks sich hier Anregungen geholt?
@Fragezeichen
Die Idee und einige Zitate stammen von HR2-Der Tag, was ich aber auch unter dem Text angemerkt habe.