Ratio und Rationierung im Gesundheitswesen
12. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken
Dank der BILD-Kampagne unter Federführung der neoliberalen Lobbygruppe INSM ist das deutsche Gesundheitssystem wieder einmal in die Schlagzeilen gerückt. Unter fadenscheinigen Berechnungsgrundlagen versucht das Institut für Gesundheitsökonomik im Auftrag der INSM eine „Beitragsexplosion“ bei den gesetzlichen Krankenkassen zu prognostizieren. So umstritten diese Studie auch sein mag – an keiner Stelle führt sie allerdings die Beitragserhöhungen auf den „Gesundheitsfonds“ zurück, wie es z.B. die BILD suggeriert.
Als Grundlage der Beitragseinnahmen wird eine Steigerung der Grundlohnsumme von 1 % angenommen. Das liegt weit unter den Schätzungen des Bundesfinanzministeriums, das 3,1% prognostiziert (natürlich nur für Arbeitnehmer) und noch weiter unter der unseriösen Prognose der GfK, die 3,8% prognostiziert. Einen Vorwurf darf man dem IfG deshalb aber kaum machen, da seine Zahlen recht realistisch sind und damit die “Aufschwung-Propaganda” ungewollt widerlegen. Desweiteren haben die Macher der Studie die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt (für 2009 sind 1,5 Mrd. angepeilt) unterschlagen und gehen von einer Schwankungsreserve (eine Art Rücklage) in Höhe von 3,3 Mrd. Euro aus, was unrealistisch viel erscheint. Die anderen Ausgaben sind konservativ geschätzt. Die Mehrausgaben für Ärzte und Krankenhäuser sind niedrig bemessen, genau so wie die Mehrausgaben für Arzneimittel. Heil- und Hilfsmittel tauchen in der Studie noch nicht einmal auf. Daher erscheint die Beitragserhöhung auf 15,5% keinesfalls unrealistisch – aber sie hat gar nichts mit dem Gesundheitsfonds zu tun.
Der Gesundheitsfonds ist eine Art Ausgleich für die gesetzlichen Krankenkassen. Schlanke Betriebskrankenkassen können natürlich wesentlich günstigere Tarife als Ortskrankenkassen anbieten, da die letzteren kaum Alte, Arme und chronisch Kranke unter den Versicherten haben. Wenn man „Wettbewerb“ in die GKV bringen will, so muss ein Risikoausgleich stattfinden. Von daher macht der Gesundheitsfonds durchaus Sinn. Leider lässt er die privaten Krankenversicherungen heraus – dies war eine Grundvoraussetzung für die finanznahe CDU, dieser Gesetzesänderung überhaupt zuzustimmen – und ist auch eher abstrakt geeignet, um mehr Wettbewerb zu schaffen. Wenn die Kassen erst einmal die Gelder auf den Konten haben, werden sie schon Gründe finden, die Überschüsse nicht auszuzahlen.
Alle „Reformen“ der letzten Jahre gingen an einem Grundproblem vorbei, dem man sich stellen muss. An einer Rationierung führt mittel- bis langfristig kein Weg vorbei. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie rationiert wird – zu Bedingungen, wie sie die INSM sich vorstellt, oder auf sozialverträgliche Art und Weise. Um den Zwang zur Rationierung verstehen zu können, muss man einen Blick in das Gesundheitssystem werfen. Natürlich ist das Gesundheitssystem korrupt, von Lobbyisten und Finanzinteressen durchwuchert und in großen Teilen ineffizient – aber selbst, wenn man diese Rahmenbedingungen abschaffen könnte, was im momentanen Wirtschaftssystem natürlich nicht möglich ist, steht das Gesundheitssystem vor einem systemimmanenten Problem - der medizinische Fortschritt selbst macht es auf kurz oder lang unbezahlbar.
In vielen technischen Bereichen sind Innovationen „Ersatztechnologien“ – die hoch innovative IT-Technologie macht beispielsweise vorhandene Leistungen preiswerter. Die Datenverarbeitung wird daher langfristig nicht teurer, sondern billiger. In der Medizin ist es meist umgekehrt, da es hier - betriebswirtschafltich betrachtet - um „Zusatztechnologien“ geht und nicht um „Ersatztechnologien“. Vor der Entwicklung künstlicher Hüftgelenke oder Kernspintomographen gab es zwar eine theoretische Nachfrage nach solchen Gütern, aber keine realökonomische. Diese wird erst geschaffen, wenn die Güter zur Verfügung stehen. Wer heute die Pflegesätze von 1955 als Maßstab nimmt und sie mit der allgemeinen Teuerung vergleicht, der sollte sich dessen bewusst sein, was 1955 der Standard in der Pflege war. Ein Krankenhaus ohne Intensivstationen, Dialysegeräte, moderne Pharmazeutika, Computertomographen und Herzschrittmacher wäre heute – relativ gesehen – nicht wesentlich teurer, als ein Krankenhaus im Jahre 1955. Wer heute einen neuen Mercedes sein eigen nennt, wird diesen nicht ernsthaft mit einem Käfer aus dem Jahre 1955 vergleichen wollen.
Von daher ist es falsch, von einer „Kostenexplosion“ zu sprechen. Nicht die Kosten, sondern die Leistungen sind explodiert – es ist keine Umkehr möglich und der Fortschritt wird nicht stehenbleiben. Es ist natürlich sehr positiv, dass die Menschen heute älter werden und besser behandelt werden können, als früher. Nur werden die Menschen dadurch nicht gesünder, sondern kränker. Das Gegenteil von Krankheit, ist nicht Gesundheit, sondern Unsterblichkeit. Der moderne Arzt ist kein Halbgott in Weiß, der uns die Tür zum ewigen Leben aufschließt, er ist vielmehr ein neuer Sisyphus, dessen Mühen und Sorgen mit jedem Erfolg nur immer größer werden. Früher verließ man das Krankenhaus meist entweder gesund oder tot. Heute gibt es sehr viele Möglichkeiten, dass Leben zu verlängern, ohne dass der Patient gesund wäre. Herzschrittmacher, Dialyse, Organtransplantation und tausende pharmazeutische Produkte haben Millionen Kranke geschaffen – Schwerstbehinderte, Zuckerkranke, Dialysepatienten, Rheumatiker und andere, kosten die Kassen natürlich auch sehr viel Geld. Das ist natürlich begrüßenswert, aber kostspielig.
Jeder weitere Fortschritt generiert eine Nachfrage, die es zuvor allenfalls theoretisch gab, und produziert Kosten. Es ist naiv anzunehmen, diese Vollkaskoversicherung könne endlos finanziert werden. Es gibt kein Land auf der Welt, dessen Gesundheitssystem nicht entweder zu teuer wäre (z.B. Schweiz) oder nur begrenzte Leistungen bieten würde (z.B. Großbritannien). Trotz aller Korruption, Verschwendung und Ineffizienz ist das deutsche Gesundheitssystem immer noch eins der besten. Ob es so bleiben kann, ist die offene Frage. Ein Grundproblem bei der Beantwortung dieser Frage ist der unselige Drang, alles zu privatisieren und den Märkten zu überlassen, wodurch eine zentrale Steuerung nicht mehr möglich ist. Gerade Innovationen verheißen Einnahmen und somit Rendite. Ein teures neues Gerät, das Umsatz (und Nachfrage) generiert, muss durch Auslastung refinanziert werden. Wenn ein Kernspintomograph beispielsweise einen Raum von 1.000.000 Einwohnern effizient abdecken würde, so wird es in der Realität natürlich nicht nur ein solches Gerät in diesem Gebiet geben, da konkurrierende Krankenhäuser und Arztpraxen im freien Wettbewerb Rendite erzielen wollen – ein Grundsatz der freien Marktwirtschaft. So kommen in realiter beispielsweise drei Geräte auf 1.000.000 Einwohner, was zu einer medizinischen Überversorgung führt und somit zu „vermeidbaren“ Kostenzuwächsen. Da diese Geräte Geld erwirtschaften müssen, haben die Betreiber zusätzlich auch noch Interesse, sie auszulasten, und da wird der Halbgott in Weiß auch schon mal gerne zum Unternehmer in Weiß, der unnötig teure Behandlungen anordnet und Diagnosen erstellt.
Die Lösung aus der Misere liegt offenkundig in der Funktionsweise der Märkte. Wenn ein (Über-)Angebot Kosten produziert, die nicht tragbar sind, so muss das Angebot verknappt werden, auch wenn dann die Nachfrage das Angebot übersteigen sollte. Natürlich geht dies nur auf abstrakter Planungsebene. Wenn es beispielsweise in einer bestimmten Region keinen teuren Rettungshubschrauber gibt, dann sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung der Unfallopfer in dieser Region zwar (statistisch) um einige Lebensminuten, aber konkret wird kein Menschenleben „geopfert“. Eine Angebotsverknappung auf Planungseben ist auch keinesfalls unmoralisch – wenn beispielsweise die Bundesstraßen und Autobahnen nachts beleuchtet wären und bei Frost über eine „Bodenheizung“ entfrostet würden, würde dies die Zahl der Unfalltoten im messbaren Bereich verringern - genau so wie das Abholzen aller ostdeutschen Alleebäume -, aber jedem sollte klar sein, dass dies nicht finanzierbar ist. Kosten-/Nutzenrelationen sind erlaubt, so lange sie sich im abstrakten Bereich bewegen und nicht nur einzelne Menschen oder Gruppen treffen.
Die Alternativen zu dieser Rationierung auf Planungsebene wäre nur die Selektion. Diese könnte entweder über Geld und Vermögen stattfinden (so wie in den USA), über eine soziale oder ideologische Bewertung (keine Dialyse für den Alkoholiker) oder über eine Selektion nach anderen Maßstäben (so wie es in Großbritannien (Un-)Sitte ist, Patienten über 65 Jahren keine Dialyse zu bezahlen). Verglichen mit diesen Alternativen, erscheint die Rationierung auf Planungsebene am solidarischsten. Leider werden solche Gedankengänge in der politischen Diskussion als „Krypto-Kommunismus“ gesehen, da sie den Staat als zentrales Planungsorgan über private Investoren setzen. Gesundheit sollte aber kein Markt sein, und private Investoren sollten sich Allgemeininteressen unterordnen. Leider ist der INSM und ihren Brüdern und Schwestern im Geiste, die in den Parlamenten und Lobbys sitzen, nicht am Allgemeinwohl gelegen, sondern an Partikularinteressen. Das einzige Interesse der INSM bei der „Gesundheitsfonds-Diskussion“ ist es, die Lohnnebenkosten der Arbeitgeber zu minimieren. Das Interesse der starken Lobbyverbände der Finanz- und Versicherungsbranche ist es, die GKV auf eine Basisversicherung zu kappen und allen denen, die es sich leisten können, Zusatzleistungen über Zusatzversicherungen anzubieten.
Jens Berger
Der Artikel lehnt sich in vielen Punkten an einen Beitrag von Prof. Walter Krämer aus seinem Buch “Rationierung im Gesundheitswesen. Forschungsverbund Public Health Sachsen” an.
Bildnachweis: Wikkicommons und Bundesregierung.de
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Eine gute und treffende Analyse. Vielen Dank!
>> Trotz aller Korruption, Verschwendung und Ineffizienz ist das deutsche Gesundheitssystem immer noch eins der besten.
Klingt komisch, ist aber so :-)
Gruß, Jens-Flens
Hallo,
ich habe einige Probleme dir bei deinem Schluss zu folgen, dass, pointiert ausgedrückt, es kein Problem wäre Rettungshubschrauber abzuschaffen, während es falsch wäre sie nicht starten zu lassen. Ich denke viel eher, dass das Einsparpotential dort liegt wo es bereits Techniken gibt die gut genug sind, und neue Techniken eher der Bequemlichkeit dienen.
Im Gegensatz dazu muss allen die Hightech-Medizin zur Verfügung stehen, wenn sie notwendig ist.
@Yoshi
Glaube mir, wenn ich es für finanzierbar hielte, hätte ich keine Probleme damit, allen “High-Tec” Medizin zur Verfügung zu stellen. Dies muß auch zu 100% der Grundsatz sein, der angestrebt wird. Allerdings denke ich, dass an einer Kosten-/Nutzenrechnung (natürlich nur auf abstrakter Ebene) kein Weg vorbei führen darf. Überall im Leben wird nach Kosten-/Nutzenrelationen über die Verteilung knapper Güter entschieden, warum soll dies in der Medizin anders sein?
Das Problem am Gesundheitsfonds ist ein ganz anderes. Er dient eben nicht dem Ausgleich von unterschieden in der Versichertenstruktur (das tut der Risikostrukturausgleich, der sicherlich verbessert werden sollte).
Der Gesundheitsfonds ist nur eine andere Art des Beitragseinzugs, sonst ändert er garnichts.
Entsprechend ist er nicht in der Lage, irgendwelche Probleme zu lösen, sondern kann lediglich neue schaffen.
Im Januar 2006 wurde die Beitragsfälligkeit verschoben vom 15. des Folgemonats auf den drittletzten Bankarbeitstags des Beitragsmonats. Hintergrund war, dass man dadurch der Rentenkasse einen Monat früher das Geld geben konnte.
Hierbei gab es bereits ein solches Chaos (verursacht durch die Umstellungen in den Firmen), dass mehrere Firmen in den Konkurs getrieben wurden. Der Volkswirtschaftliche Schaden war enorm.
Und das war kein Systemwechsel, sondern nur eine kleine Terminumstellung. Wenn man nun das Einzugssystem komplett umstellt, ändert sich folgendes: Alle Firmen, die ja bisher mit den Krankenkassen den Beitrag klären, müssen das jetzt mit dem Fonds tun. Hier entstehen Kosten, die keinerlei Produktivität haben, sondern lediglich verwaltungsinduziert sind. Alle Kassen, die ja bisher mit den Firmen den Beitrag klären, müssen das jetzt mit dem Fonds tun - und für den Zusatzbeitrag mit den Mitgliedern. Auch hier wieder: man schmeißt alles bestehende weg und muss ohne jeden Mehrwert was neues aufbauen.
Allein diese Verwaltungskosten werden bereits eine Beitragserhöhung ebenso wie eine Preiserhöhung verursachen - und das ohne irgendein Problem im Gesundheitswesen auch nur ein kleines bisschen zu lösen.
@ Spiegelfechter:
>Wenn es beispielsweise in einer bestimmten Region keinen teuren Rettungshubschrauber gibt, dann sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung der Unfallopfer in dieser Region zwar (statistisch) um einige Lebensminuten, aber konkret wird kein Menschenleben „geopfert“.<
Das kann ich so nicht nachvollziehen. Angenommen, alle anderen Bedingungen seien gleich, und die Regionen unterschieden sich tatsächlich nur durch die Anzahl verfügbarer Rettungshubschrauber, folgt doch schon rein logisch, daß die verringerte Lebenserwartung nach Alarmierung des Hubschraubers nur durch die Anzahl der Hubschrauber bedingt sein kann.
Da es sich hierbei um eine Entscheidung handelt (man hat sich eben für weniger anstatt mehr Hubschrauber entschieden), hat sie auch eine moralische Dimension. Deine Gegenübersetzung von konkret und abstrakt ist an dieser Stelle unangebracht, abstrakt stirbt es sich genauso ungerne wie konkret. Für den Planer natürlich ist das abstrakte bedeutend angenehmer.
Kurz: Man kommt nicht drumherum, eine moralische Entscheidung fällen zu müssen. Wie diese ausfällt ist allerdings eine ganz andere Frage. Man kann sich ja durchaus für Geld anstatt Leben entscheiden, das sei jedem frei. Ich bezweifle nur, daß man mit so einem Programm gewählt wird. Das eigentlich Skandalöse ist doch, daß man sich mit dem Verweis auf die angeblichen Sachzwänge um eine solche Entscheidung herumlügt, sie aber
natürlich trotzdem fällt.
Überspitzt könnte man formulieren: Jemand, der Rettungshubschrauber abschafft, hat sich des lieben Geldes wegen gegen längere Überlebenszeiten ausgesprochen. So klingt das ganz schön hässlich, nicht wahr?
Gruß,
nebu
p.s. Ich weiß, ich weiß, ich habe ein Beispiel zu Tode geritten. Mir gings halt ums Prinzip.
@nebu
Der Gegensatz von “abstrakt” und “konkret” lässt sich an dem Beispiel recht gut eklären. Wenn ich abstrakt rationiere und beispielsweise sage, in MeckPomm werden 3 Helikopter finanziert, für mehr reicht das Geld nicht, so steigt die durchschnittliche Zeit, die einer der Helikopter braucht, um an den Unfallort zu kommen um eine gewisse Zeit x gegenüber 5 Helikoptern. Mit der Anflugzeit steigt auch die Zahl der Toten um eine unbekannte aber sicher zuweisbare Anzahl. Dies ist allerdings abstrakt, da jedes potentielle Opfer im gleichen Maße betroffen ist und keine Selektion stattfindet. Dies wäre der Fall, wenn ich z.B. sagen würde, Helikopter dürfen nur im Umkreis von 50 Kilometern oder nur maximal 10mal im Monat “ausrücken”. In diesem Falle würde ich ganz konkrete Opfer ihrem Schicksal überlassen - dies ist moralisch nicht anwendbar.
Im verlinkten Vortrag geht Krämer auf das Beispiel Sennotkreuzer und Spezialklinken für Brandopfer ein. Vielleicht sind diese Passagen für dich aufschlussreich.
Du schreibst: “Von daher ist es falsch, von einer „Kostenexplosion“ zu sprechen. Nicht die Kosten, sondern die Leistungen sind explodiert – es ist keine Umkehr möglich und der Fortschritt wird nicht stehenbleiben.”
Aber hat das denn auch überhaupt zu einer ‘Kostenexplosion’ geführt? Ist nicht der Anteil der Gesundheitsausgaben seit geraumer Zeit ziemlich stabil bei 10-12% des BIP?
Den Konjunktiv II von ’sein’ schreibt man übrigens immer noch ohne ‘h’, auch wenn das im Netz mittlerweile eine Art ‘Standart’-Fehler ist… ;-)
@Peinhart
Ooops - nicht nur im Netz, dies ist eh einer meiner Lieblingsflüchtigkeitsfehler ;-)
@ 6: Spiegelfechter
Diese Unterscheidung ist mir schon bekannt. Ich habe auch gar nichts gegen diese Art der Rechnung. Was ich meinte: Allein der Rückgriff ins Statistische ändert nichts an der Notwendigkeit, eine moralische Frage beantworten zu müssen. Beispiel “Klinik für Brandverletzungen” aus dem zitierten Artikel: 12 (=n) gerettete Leben seien zu wenig angesichts der hohen Kosten. Hypothetisch gefragt: Ab welchem n kann ich sagen, daß n gerettete Leben die Kosten für eine solche Klinik aufwiegen? Ich denke, es gibt keinen “irgendwie natürlichen” Algorithmus / Kriterium der diese Frage beantworten kann. Daher muss man abwägen, also eine Entscheidung treffen. Ich gehe mal davon aus, daß es genau dies ist, wenn Prof. Krämer die Erfolge der Medizin mit einer griechischen Tragödie vergleicht. Denn das tragische resultiert ja genau aus dem Versuch, eine irgendwie gute Entscheidung zu treffen, wohl wissend, daß jede Entscheidung fürchterliche Konsequenzen hat. Eine Tragödie wäre ja keine, wenn sich die Personen nur nach dem Geld oder den Würfeln richteten.
gruß,
nebu
@9 nebu
OK, darauf können wir uns einigen. Aber, wie gesagt, solche Entscheidungen werden auch von der Politik Tag für Tag getroffen, man sollte lediglich aufhören diese “kalten Berechnungen” zu tabuisieren und reflexhaft zu sagen, Medizin sei nie zu teuer, so lange Menschenleben gerettet werden können.
Wo und wie die Kriterien aufgestellt werden sollten, ist idT eine schwierige Frage. Normalerweise würde ich jetzt sagen, dies sollen Fachkommissionen erledigen - aber geht das in der Medizin? Man darf doch nicht die Frösche fragen, wenn man den Tümpel trockenlegen will.
@Spiegelfechter #3
Wir sind uns also über den Grundsatz einig, was ich im übrigen nie angezweifelt habe. Und ich stimme dir auch zu, dass eine Kosten-/Nutzenrechnung notwendig ist.
Mein Punkt ist, es sollte eben nicht an „Zusatztechnologien“ sondern an den „Ersatztechnologien“ gespart werden.
@Yoshi
Darüber ließe sich natürlich reden - ich sage ja nicht, dass man sich festfahren sollte, weiterhin soll das ja nur ein Gedankenanstoss sein. Zunächst muß die Korruption und Mißwirtschaft bekämpft werden - parallel sollte man sich aber durchaus Gedanken über eine Rationierung auf Planungsebene machen. Auf jeden Fall sollte man das Thema enttabuisieren.
@ 10: Spiegelfechter
“man sollte lediglich aufhören diese “kalten Berechnungen” zu tabuisieren und reflexhaft zu sagen, Medizin sei nie zu teuer, so lange Menschenleben gerettet werden können.”
Du hast völlig Recht, die Rechnungen weisen ja nur auf ein Problem hin, sind aber nicht das Problem. Ich denke aber, daß die Antworten auf diese Art von Problemen eine spezielle Legitimität erfordern, die sicherlich nicht von ungewählten Gremien erfüllt wird. Auf der anderen Seite: wen soll man fragen?
An dieser Stelle finde ich eine Sache merkwürdig. Natürlich gibt es mehr Zusatzleistungen, die daher auch mehr Geld kosten. Aber eigentlich sollte man doch erwarten, daß mit jeder neuen Generation an Zusatzleistungen, die dann alten Leistungen günstiger werden (auf jeden Fall die Leistungen, die nicht besonders personalintensiv sind). Mir scheint, daß die Pharmaindustrie genau diesen Umstand erkannt hat, wenn sie altbekannte Medikamente auf Teufel komm raus für einen neuen Indikationsbereich vermarkten will. Die eigentlich zu bezahlende Forschungsleistung für die Entdeckung des Medikamentes ist schon erbracht, die Kosten für den neuen Zulassungsbereich beschränken sich auf die Zulassungstrials (zugegeben wohl nicht billig).
Zusammengefasst: mit Ablauf einer bestimmten Zeit nach Einführung einer Leistung, sollte sich doch diese medizinische Leistung, genau wie alle anderen Güter, stark verbilligen.
Weißt Du da mehr? (oder bin ich auf dem Holzweg?)
gruß,
nebu
p.s. es geht nicht, ich halts nicht mehr aus: Ich finde Deine Arbeit wirklich super. großes Kompliment
Hi SF,
ich möchte Dir bei Deiner qualitativ hochwertigen Analyse nicht zustimmen, denn Du begehst in meinen Augen den Fehler, Gesundheit und deren Erhaltung als Handelsgut zu klassifizieren. Man mag mich einen Idealisten nennen (was ich nicht als Schimpfwort auffassen würde), jedoch denke ich, dass Gesundheit und damit verbunden die bestmögliche Forschung und Umsetzung der Erhaltungs- bzw. Behandlungsmaßnahmen ein nicht diskutierbares Menschenrecht sein sollte.
Eine solche Gesetzgebung impliziert natürlich eine Enteignung der Pharmakonzerne, der Kassen und der ausführenden Institute (Ärzte, Krankenhäuser) und Wandlung in NON-Profitorganisationen. Im nationalen Massstab umgesetzt hieße das, Patente von ausländischen Konzernen würden geklaut und selbst produziert, ausländische Produkte mit Strafsteuern belegt. Eine Separation ist der einzige Weg, auf lange Sicht Sklavenorganhandel und den geldwerten Vorteil des Menschen zu verhindern.
Es erschließt sich mir z.B. nicht, weshalb afrikanische Staaten sich für AIDS-Medikamentenpatente (mit ausdrücklicher Unterstützung unserer Regierung) dumm und dämlich bezahlen, anstatt sie einfach zu klauen. China zeigt zumindest in dieser Beziehung, dass es für eine Nation das beste ist, auf dieses ganze WTP-Geschwurbel, Patente und sonstigen Müll zu scheissen und einfach zu klauen, was man will.
Eine Rationierung hilft ausschließlich den Leuten, die sich schon jetzt am Leid von Menschen dum und dämlich verdienen. Und genau diese Leute werden jede Rationierung dazu mißbrauchen, bis aus jedem Menschen auch noch das letzte geldwerte Tröpfchen Blut ausgequetscht ist.
Gruß
Das wird durch Patente und deren derzeit diskutierte unbegrenzte Verlängerung verhindert.
@schwitzig
OK, ACK - dass meinte ich mit dem eingeschobenen Nebensatz in … “Natürlich ist das Gesundheitssystem korrupt, von Lobbyisten und Finanzinteressen durchwuchert und in großen Teilen ineffizient – aber selbst, wenn man diese Rahmenbedingungen abschaffen könnte, was im momentanen Wirtschaftssystem natürlich nicht möglich ist, steht das Gesundheitssystem vor einem systemimmanenten Problem - der medizinische Fortschritt selbst, macht es auf kurz oder lang unbezahlbar.“
@nebu
Das ist vollkommen unterschiedlich. Ein Haarschnitt kostet ja auch von Jahr zu Jahr mehr, obwohl die Leistung schon uralt ist … vom ältesten Gewerbe möchte ich gar nicht anfangen. Natürlich werden Medikamente billiger, wenn die Patente abgelaufen sind, aber er gibt auch noch die ach so liberale FDP, die beispielsweise den Vertiebsweg mit alten Monopolen und Schutzklauseln protektioniert. Nun ja, der “gemeine” Apotheker ist halt FDP-Klientel und für diese gelten die Gesetze der freien Märkte nicht.
@Spiegelfechter : Hubschrauberbeispiel
Ich habe da ein Problem mit deinem Szenario:
Wenn ich drei statt fünf Helis habe, dann ist zwar rein abstrakt die Verfügbarkeit von “Rettung” gleichmäßig reduziert, konkret ist sie aber sehr wohl selektiv reduziert - die Erreichbarkeit durch einen Heli ergibt sich ja nicht rein statistisch aus der Anzahl an vorhandenem Gerät, sondern auch aus dessen Verteilung.
Das heißt, wenn ich auf einem Gebiet, in dem gleichmäßig fünf Krankenhäuser verteilt sind, nur drei Helis habe, dann sind Patienten im Gebiet der beiden Häuser ohne Heli stärker benachteiligt als die in der Nähe der anderen drei.
Dazu kommt dann natürlich noch der durschnittliche Bedarf an Gerät (ein Krankenhaus mit mehreren gefährlichen Verkehrsknotenpunkten wird mehr Bedarf für schnelle Rettung per Heli haben als eines ohne.)
Oder gehe ich da an deiner Argumentation vorbei?
@ 18: David
Was Du ansprichst, ist ein Problem der Kriterien nach denen man die Stationierung der Hubschrauber verteilt. Gemäß dem Konzept der Rationierung würde man wahrscheinlich ausrechnen, wo die verbleibenden Hubschrauber stationiert werden müssten, damit im Mittel immer noch das Maximum an Leben gerettet werden kann. D.h. man würde eine ungleichmäßige Versorgung bestimmter Wohnorte in Kauf nehmen, allerdings nicht in schadender Absicht, sondern begründet mit der Maximierung der Überlebensrate unter einschränkenden Bedingungen.
gruß,
nebu
Ich finde den Beitrag gut, aber auf der anderen Seite nicht weit genug gedacht.
Wenn es einigen darum geht möglichst viele Menschenleben mit der Medizin zu retten und dafür das bestmögliche einzusetzen, ist dieses ein schöner Wunsch.
Aber ich bin mir ziemlich Sicher das dieselben Menschen nicht zustimmen werden wenn ich fordern würde das diese Leistungen allen Menschen zustehen soll…
Die moralische Diskussion muss doch viel früher ansetzen und nicht an der Stelle, ob es 3 oder 5 Hubschrauber sein sollen. Denn dann umfasst die Diskussion noch ganz andere Bereiche in denen eine moralische Schieflage existiert.
Da ich hier nörgeln will, möchte ich zunächst darauf hinweisen, daß ich schon längere Zeit die qualitativ hochwertige Arbeit des Spiegelfechters bewundere und bisher keinen Anlaß zum Nörgeln hatte. ;)
Der Beitrag hat zwar einen Teil der Problematik sehr gut erkannt, ein Ansatz zur Lösung ist leider nicht erkennbar.
Zunächst die gescholtene Privatversicherung:
Ohne die Leistungen der Privatversicherten, könnte kaum ein Arzt seine Praxis rentabel betreiben. Wann auch immer die Privatversicherten gescholten werden, sollte doch nicht vergessen werden, daß sie für Leistungen, die auch ein Kassenpatient erhält, im Schnitt mehr als den doppelten Preis zahlen und damit eine Arztpraxis erst rentabel gestalten.
Nun der Ansatz zur Lösung: Die gesetzliche Versicherung wird auf alle Bürger ausgeweitet und übernimmt nur eine Grundversorgung. Wer mehr will, darf sich freiwillig darüber hinaus versichern.
Die These mit „Ersatztechnologien“ vs. „Zusatztechnologien“ ist m.E. zwar ein hübscher theoretischer Denkansatz, ist aber in der Gegenüberstellung überhaupt nicht haltbar. Und schon gar nicht als ultimative Erklärungsbasis für die finanzielle Schieflage/Misere im/bei Gesundheitswesen mit dem daraus folgenden Fatum - es kann nur noch immer teuerer werden, weil … bla-blub.
Erstens, in jedem Bereich menschliches Tuns lassen sich sowohl Ersatz-, a.a. Zusatztechnologien ausmachen, und, genauer betrachtet, gibt’s es überhaupt keinen Bereich, dessen Entwicklung oder Progress sich alleine durch eine oder andere Art der „Technologien“ vorangetrieben wäre.
Es ist nur eine Frage der Betrachtungsweise oder der Zeiträume, ob eine „Technologie“ nun als eine „Ersatztechnologie“ oder „Zusatztechnologie“ angesehen werden kann/muss.
Um die Absurdität solcher Gegenüberstellung, die betriebswirtschaftlich betrachtet durchaus einen Sinn ergeben könnte, i.a. zu zeigen, reicht es aus, uns nur eine von den ältesten Betätigungen der Menschen anzuschauen - das Töten seinesgleichen. Vor Jahrtausenden hätte dafür eines nahegelegenen Steins ausgereicht, heutzutage werden dafür Abermilliarden ausgegeben, obwohl es dafür eines naheliegenden Steins immernoch ausreichen würde. Alleine im letzten Jahrhundert sind Kosten für das staatlich sanktionierte Töten eines Menschen um einige Größenordnungen angestiegen. Es werden dafür immerwieder neuere „Technologien“ ausgebrütet und die älteren/ausgeprobten perfektioniert. Das Resultat all der „Technologien“ bleibt jedoch unverändert, nur wesentlich teurer. Warum? Weil Menschen es für verdammt wichtig halten, andere gelegentlich zu killen, und es sich auch wirtschaftlich erlauben können. Der Mehrwert daraus ist jedoch überhaupt nicht erkennbar. Genauso wie der Unterschied zw. „Ersatztechnologien“ und „Zusatztechnologien“ in diesem Bereich, höchstens aus Stand des BWL-Berichtswesens.
Im Gesundheitswesen ist es nicht anders. Da GKV solidarisch organisiert ist, oder es zumindest seien sollte, stellen sich hier nur folg. zwei Fragen:
1. Was sind wir bereit, DAFÜR auszugeben/aufzuwenden?
2. Wie sind vorandenen Mittel mit maximalen Nutzen für Allgemeinheit(!) einzusetzen/auszugeben?
Mehr aber auch nicht. Moralisieren ist hier total fehl am Platz.
Ich persönlich bin überhaupt nicht bereit, mein halbes Leben nur dafür zu schuften, um ggf. mit einem Heli anstatt eines Rettungswagens abgeholt zu werden, wenn ich unvorsichtigerweise gegen Baum fahren sollte. Sollte ich in dem Fall unterwegs zum Krankenhaus sterben - Pech gehabt! Immerhin habe ich nicht mein halbes Leben dafür gearbeitet, um mit dem Heli abgeholt zu werden, und mir BEREITS ein gutes Stück meines Lebens für angenehmere Dinge erspart. Also ein Zugewinn auch in dem Falle, wenn ich in dem langsameren Rettungswagen sterben sollte. Wenn es jemand anders sieht - herzlich willkommen in PKV!
Apropos private KV. Da es immer Leute geben wird, die ihr Daseinsfortdauer unter allen Umständen für übermäßig wichtig halten, sollte es auch PKV geben, die für solche Personen alles mögliche ohne Kostenscheu machen würden. Gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich. Der Zugewinn für die Allgemeinheit dadurch ist kaum zu unterschätzen. Da werden mit Sicherheit so manche „Zusatztechnologien“ zu massentauglichen „Ersatztechnologien“ ausreifen, auch wenn es nicht der einzige Weg dafür ist.
@schwitzig, 14
Wie ich schon schrieb, halte ich diese maximalistische Forderung oder Erwartung für absolut falsch. Schon alleine aus formal-logischen Gründen, da wir aus dieser Prämisse automatisch unaufhaltsamen Anstieg der s.g. Gesundheitskosten bekommen würden - Jens hat es bereits wunderbar vorgeführt, und somit den Sinn unseres Lebens im Endeffekt alleine auf Lebensverlängerung[smassnahmen] reduzieren. Ich will jetzt keine Disskussion über Sinn des Lebens lostreten, aber jedem sollte es doch einleuchten, dass bloße Verlängereung des Lebens unter allen Umständen und ohne jegliche Kostenscheu nicht unbedingt seine Qualität oder seine Erfüllung steigern würde. Eher würde dadurch genau der Gegenteil erreicht.
Ich habe nicht von ungefähr als Gegenbeispiel, um absurdität maximalistischer Fordurungen vorzuführen, das Töten eingeführt. Da steigen die Kosten auch unaufhaltsam - je nach wirtschaftlichem Potential, weil Menschen zwar nicht auf das Töten der anderen (auch wenn es dabei primär “nur” um die Unterdrückung geht) vezichten möchten, selber jedoch unter keinen Umständen getötet werden wollen. Und da es sich so nicht realisieren lässt, steigen die Kosten so lange, bis man die naximalistische Erwartung etwas einschränkt. Im Moment hat “die einzig verblibene” das Verhältnis “Töten und getötet werden” bei Übergriffen auf wehrlose Völker auf ca. 1:500 zu eigenen Gunsten reduzieren können, mit enormen Kosten. Weitere “Verbesserung” dieses Verhältnisses würde diese Kosten in Unermeßliche steigen lassen - eigenen Ruin.
Genau so ist und bleibt es im Gesundheitswesen. Die primäre Frage ist und bleibt dabei bei allen Umständen - was darf denn kosten? Die Antwort darauf hängt selbstverständlich davon ab, wie “reich” eine Nation ist. Bei ganz “armen” geht’s primär um naktes Überleben. Die “reicheren” Gesellschaften können sich zwar etwas mehr leisten/erlauben, aber es wäre auch für sie gesellschaftlich krank, dafür mehr als 5..10% des BIPs aufzuwenden, wenn es nicht g’rade um’s Überleben geht - Epidemien, allerlei Katstrophen etc.
Bei “uns” würde es wahrscheinlich mehr Sinn machen, einheimische “Markenprodukte” mit Strafen zu belegen. Vorzugsweise nicht direkt, sondern v.a. durch verstärkten Einsatz von Generika, möglicherweise sogar ausländische. Wenn alle Ärzte z.B. ASS anstatt Aspirin, Paracetamol anstatt Grippostad, Apfelsinen anstatt Ascorbinsäure etc.pp. verschreiben würden, wäre “das System” schon längst erheblich günstiger geworden. Wenn jemand zu “markenbewusst” ist, kein Problem - jeder darf zuzahlen. Ja, die Patente, Markenrecht, Lobbying, Korruption etc.pp. sind nicht zu vernachlessigende Probleme - da gebe ich dir vollkommen recht, aber viel größeres Problem ist es, dass weder Ärtze noch Patienten wirklich Interesse daran haben (oder zu blöd dafür sind), bei mehreren Altenativen auf die teuersten zu verzichten. Vllt würzelt dieses Problem in deiner moralischen Prämisse - s.o., die verstärkt durch Lobbies so propagiert wird.
Klar, wenn GKV, GRV und sonstige solidarische Institutionen ruiniert und kaputtgespart werden, dann kommt die gesellschaftliche Segregation so richtig in Schwung - Zugewinn für Alphamännchen und -frauchen. Eine vernünftige Genügsamkeit bei vorhandener gesellschaflichen Solidarität fördert es an sich keinesfalls. Da wird wieder das Problem nicht dort gesehen, wo es wirklich herkommt.
Irgendwie gewinne ich den Eindruck, dass die Duskussion um Gesundheitswesen nicht nur von den Mainstreamklapperer sondern auch hier total am Thema vorbei geführt wird.
@23 COPOKA
Ich würde Dir jetzt einfach mal wohlwollend :-) einen Denkfehler bezüglich Maximum/Minimum unterstellen und zwar übersiehst Du folgendes:
Menschen_RECHT_ impliziert nicht Menschen_PFLICHT_.
Ich würde nie auf die Idee kommen, aufgrund moralischer Erwägungen jede Verhältnismäßigkeit außer Kraft zu setzen, da dies wie Du ganz korrekt befürchtest unweigerlich zum Exitus des Systems führt - schön zu sehen an den aktuellen Problemen des Kapitalismus, der auf eine Schiene ununterbrochenen Wachstums gesetzt wurde: Er bricht zusammen und deswegen brauchen wir Kriege, damit er aus der Asche wieder erwachsen kann.
Auch für ein Gesundheitssystem wäre das ein ziemliches Desaster.
Mein Grundgedanke ist es, _Profite_ mit Gesundheitsprodukten und Patente auf solche zu verbieten, denn wie man z.B. an unseren Stromkartellen überdeutlich sehen kann, werden Gewinnmöglichkeiten auf gar keinen Fall zu einer Verbesserung oder auch nur zum Erhalt führen. Das derzeitige Profitorientierte System ist prinzipbedingt zum Totaluntergang zum Nachteil von 9999/10000 der Weltbevölkerung verurteilt - es ist nur eine Frage der Zeit und es wird spätestens beim nächsten Kapitalismuskrieg zerstört.
Damit würde ich - genau wie mit deiner oben in meinem VP zitierten Aussage - kein Problem haben, wenn es irgendwo oben im Raum stünde, dass die Gesundheitskosten nicht eine Funktion von diesem und jenem sei, sondern, ein mehr oder weniger mutwillig festgelegter Anteil “unserer Wirtschaftskraft” ist. All die oben benannten Nuancen und Probleme steigern nicht die Gesundheitskosten, sondern senken die Qualität der Gesundheitsversorgung bei anberaumten finanziellen Aufwendungen. D.h. diese Aufwendungen werden entfremdet, vulgo - geklaut. Ergo, die s.g. Gesundheitskostenexpolsion ist eine von vielen Scheindiskussionen um ein Scheinproblem herum.
Das habe ich es auch so verstanden. Alleine der Galube an baldige Durchführbarkeit solches Unterfangens fehlt mir. Das Verbieten hat noch nie in menschlicher Geschichte zum erhofften Ergebnis geführt, auch wenn ich auch nicht glaube, dass abschaffen von Patenten und Lizenzwesen in ggw. Form zu technolischem Regress führen würde - nur zu partikulärem Nachteil ggw. Gewinner. I.a. ist es m.E. viel vernünftiger, die Gwinner der ggw. Lage für Allgemeinwohl zu belasten, anstatt sie zu expropriieren - gesellschaflich ist es nicht so stressig. Gestresste Gesellschaften neigen zu unberechenbarkeit.
Du wolltest wohl sagen - “zum Vorteil von 9999/10000 …”. Längerfristig — mag sein. Nur werden es weder wir, noch unsere Kinder erleben dürfen. Und schon gar nicht bei nächster Verjüngungskur des Systems - Kaputalismuskrieg. Da wäre es schon reichlich zu spät dafür. Oder wie stellst du dir eine plötzliche Katharsis/Methamorphose aller Menschen auf dem Planet vor? Besonders, wenn sie oder der Rest davon schon wieder vor einem Scherbenhaufen stehen. Ausgerechnet in der Lage wäre der Kapitalismus so gut wie alternativlos.
Hallo Jens,
“An einer Rationierung führt mittel- bis langfristig kein Weg vorbei.”
Habe ich so oder so ähnlich schon ca. tausend mal gelesen. So oft, bis ich die Wahrheit - in alter Orwellscher Tradition - in Frage stellte.
Welche Wege bewahren uns vor Rationierung?
Zunächst einmal eine faire Lastenteilung.
a) Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze
b) Privatversicherte in den sozialen Ausgleich der Krankheitskosten einbeziehen
c) Kapitaleinkommen sozialversicherungspflichtig machen
In der Folge würden KV-Beiträge deutlich sinken - wir hätten einige Jahre/Jahrzehnte gewonnen, bis wieder 15% des Einkommens für Krankheit aufgewendet werden müsste.
Zweitens: das System so verändern, dass Anreize entstehen Gesundheit zu produzieren, statt Krankheit. Der durchschnittliche Kopfschaden in der GKV liegt bei 3.000 Euro - für gesundheitserhaltende Maßnahmen dürfen - gesetzlich vorgeschrieben - nur 2,70 Euro aufgewendet werden. Eine Relation von Eins zu Tausend.
Schwimmbad und Fitnessstudio kosten Geld - Ärzte und Heilbehandlungen sind weitgehend kostenlos. Diese Ausgestaltung verzerrt die Nachfrage.
Ein Anreiz könnte sein, dass man Kassen einen Wettbewerb darum austragen lässt, wem es gelingt, die Gesundheit der eigenen Versicherten zu erhalten.
Motto: “kommen Sie zur Pfefferminzia - bei uns bleiben Sie gesund (unabhängig geprüft von Stiftung Warentest)”
Hallo Rudi,
tut mir leid, aber Du verfolgst den falschen Ansatz. Es ist sinnlos, immer mehr Geld in ein krankes System zu pumpen, denn dieses System wird dadurch nur wachsen, sich aber nicht verbessern. Gleichwohl haben Deine Vorschläge zur Geldbeschaffung ihre Berechtigung, denn nur auf diesem Wege kämen wir zu einer echten Sozialversicherung. Im Prinzip würde das zu einer Finanzierung durch Steuern führen, jedes Einkommen im Lande würde eben auch zu den Kosten für Heilbehandlung nach Leistungsfähigkeit beitragen.
So schön Dein Ansatz, Gesundheit zu produzieren auch klingt, er funktioniert bestenfalls unter Aufgabe der Freiheit. Du müßtest die Dicken zu Sport und vernünftiger Ernährung zwingen, Raucher und Extremsportler müßten ihre Hobbies aufgeben, und wahrscheinlich müßtest Du sogar Sportarten wie Fußball verbieten, den dabei kommt es sehr häufig zu ernsthaften (und teueren) Verletzungen.
Ein Orwell-Staat, der in meine Privatsphäre bis hin zu Bewegungsbedarf, Ernährung, Sexualverhalten und Hobbies hineinregiert, kann wirklich nicht das Ziel einer Kostendämpfung im Gesundheitswesen sein.
Deshalb plädiere ich nach wie vor für eine einfache Grundversorgung für alle, vielleicht durch Einrichtungen wie die Poliklinken, die es in der DDR gab. Wer mehr will, darf sich mehr kaufen.
Ich für mein Teil hätte gerne weniger. Ich will nicht mit sündhaft teuerer Notfallmedizin weit über ein vernünftiges Maß hinaus am Leben erhalten werden, und statt einer Pflegeversicherung, die in weiten Teilen dazu genutzt wird, sinnloses Siechtum zu finanzieren, empfände ich eine Regelung zum sozialverträglichen Frühableben als sehr viel sinnvoller.
Auch wenn solche Thesen nicht in den Tenor der derzeitigen Politik passen: Eine sozial gerechte Gesundheitsversorgung ist eine politische Entscheidung. Meiner Meinung nach sollte nicht der Geldbeutel über Lebenserwartung und Lebensqualität entscheiden. Die möglichen Lösungen wie effektive Marktsteuerung und solidarische Bürgerversicherung sind allerdings nur Überbegriffe und Schlagworte, da wohl wenige bei der Funktionsweise unseres Gesundheitssystems so richtig durchsehen. Ich rufe deshalb dazu auf, das Thema ernst zu nehmen und die Gestaltung des Gesundheitssystems nicht nur den Lobbyisten und ihren Verbündeten in der Politik zu überlassen.
@21 Arno
Dies ist ja genau der Ansatz der INSM, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch kommen wird. Was mir an diesem Vorschlag gar nicht gefällt, ist die Deutungshoheit. Wer entscheidet, was Grundversorgung ist und was nicht? Wahrscheinliche Folge wird eine Mischung aus dem deutschen System und dem britischen sein. Teils absurde Begrenzungen gepaart mit Korruption und Betrug - na toll.
@26 Rudi
D´accord. Nur bewahrt uns dies ja eben nicht vor einer Rationierung, sondern schiebt diese nur um ein paar Jahre hinaus. Ansonsten stehe ich zu 100% hinter diesen Punken.
Und hier wird es schwer. Auch wenn der Präventionsgedanke immer wieder auftaucht und sich ja auch positiv anhört, so ist er nicht geeignet um Geld zu sparen. Die betroffenen Patienten gewinnen Lebensalter und Lebensqualität - für die Kassen ist dies allerdings ein Minusgeschäft. Hier liegt ein komisches Verhältnis vor - was “gesund” macht, erzeugt (in der Zukunft) Kosten, was “krank” macht, mindert (in der Zukunft) diese Kosten.
Ich kannte die INSM zwar nicht, habe aber nun deren Kritik am aktuellen System und die Vorschläge zu einem neuen, besseren System betrachtet und kann diese Vorschläge bis auf Details vollinhaltlich unterschreiben.
Das Problem mit der Deutungshoheit haben wir ohnehin schon, und daß sich Superreiche notfalls einen Inder ausschlachten lassen, um zu einem Organ zu kommen, wirst Du auch nicht verhindern können.
Ich halte nichts davon, die Diskussion auf den Extremfall zu beziehen. Unbedingt nötig ist eine brauchbare, aber nicht luxuriöse Grundversorgung, die notwendige Transparenz (der Patient muß sehen, was seine Behandlung kostet!) und eine finanzielle Selbstbeteiligung, daß die Leute erleben, daß auch ein Arzt letztlich bezahlt werden muß, und zwar von dem, der ihn in Anspruch nimmt.
@arno
Diesen Vorschlägen stünde ich prinzipiell offen, wenn sie nicht die einzigen Sparmaßnahmen wären. Eine Finanzierung, wie sie Rudi (in 26) anspricht, ein Durchgreifen bei der Korruption im System und andere überfällige Eingriffe (auch die Wettbewerbsfreiheit für Guidos Stammwähler, die Apotheker ;-)) … dann, würde ich auch Deinen Maßnahmen ein wenig offener gegenüber stehen.
Da stimme ich zu. Bei der Finanzierung machte Rudi übrigens ähnliche Vorschläge wie die INSM, die Korruption wäre durch die Patienten auf Grund von Selbstbeteiligung und Rechnungseinsicht wirksam bekämpft, Guido muß dann eben auf ein paar Stammwähler verzichten.
Wir sollten die nächste Gesundheitsreform selbst durchziehen. ;)
@jens
ich bin immer noch bei den Grundannahmen Deiner These. Was ist denn das Indiz einer Kostenexplosion? Die steigenden Beiträge. Aber worauf beziehen sich die Beiträge? Auf sozialversicherungspflichtige Arbeitseinkommen. Und was passiert mit diesen Einkommen? Sie stagnieren.
Das Volkseinkommen steigt dagegen real - dazu gehören ja auch die Einkommen von Besserverdienenden und Kapitaleignern - und die bekommen jährlich um die 8% mehr. Ohne zur Finanzierung des Sozialstaates beitragen zu müssen.
Also - wenn jeder den gleichen Teil seines Einkommens für Kranke und Pflegebedürftige einbringen würde - dann würde es keine spürbare Kostenexplosion geben. Man kann sich das auch bildlich veranschaulichen, wenn man die Kurven Ausgaben GKV, Beitragspflichtiges Einkommen und Volkseinkommen übereinander legt.
@arno
hab nicht nachgesehen, aber Vorschläge zu einer gerechteren Finanzierung wirst Du bei der Arbeitgeberlobby (INSM) wohl nicht finden. Höchstens Vorschläge zu Kopfpauschalen - mit denen die Arbeitgeber vollständig aus der Verantwortung genommen werden.
Ja, man könnte auch gleich auf ein steuerfinanziertes System umsteigen. Allerdings ist es ein bedeutender Unterschied, ob alle 8 Prozent vom Einkommen zahlen oder ob man die Lastenverteilung der Steuerprogression überlässt - und die 10% der Bevölkerung die heute nichts zum Sozialstaat beitragen sofort die Hauptlast übernehmen.
Dann würde es sich allerdings tatsächlich um eine Art Allmosen der Reichen für die Kranken handeln und es würde nicht lange dauern, bis man Grundversorgung ganz neu definiert hätte.
Zum Thema Gesundheit statt Krankheit. Es ist - glaube ich - eine Frage der Definition und der Gewohnheit - ob man bei der “Health Insurance” das Risiko Krankheit absichert oder die Chance auf Gesundheit.
Ich lebe seit 30 Jahren in Leipzig. Nach 1990 sind hier zig-Milliarden in die Altbausanierung geflossen. Die Schwimmbäder, Tischtennisplatten, Fussballplätze usw. sind dagegen verschwunden. Merkwürdige Ressourcenallokation. Meine Erkenntnis: dem kapitalistischen System fehlt ein monetärer Anreiz, in die Menschen zu investieren. Auch bei Bildung kann man das beobachten.
Tatsächlich haben Kassen aber keinen Anreiz in Gesundheit zu investieren. Der Gesundheitsfonds schaltet den letzten - theoretisch noch vorhandenen Anreiz aus - in dem die Kassen mehr Geld zugeteilt bekommen, wenn ihre Versicherten krank sind (Morbi-RSA).
Ob jemand, der von seiner Kasse eine Rabattkarte für einen “gesunden Supermarkt” und eine Dauerkarte fürs Schwimmbad bekommt - letztlich mehr Kosten verursacht als ein anderer, der das nicht bekommt, kann man letztlich nur nach einer Langzeitstudie beantworten.
Aber neben der Kostenfrage geht es ja - ganz nebenbei - auch um Lebensqualität.
@arno
sorry für die Überwachungsmaßnahmen Deiner Orwellkasse. Im Internet findest Du sicherlich empfehlungen, welche Kasse Dir weniger scharf auf die Finger schaut. An Deiner Stelle würde ich einfach wechseln.
Zum Thema “krankes System”. Krank ist m.E. ein System, indem nicht die Gesunden für die Kranken da sind. Sondern gesunde Reiche für gesunde Reiche. Das System heißt PKV.
Eigentlich ist es ja eine Frage des Wettbewerbs.
Wäre es bei Deiner Entscheidung für eine Kasse relevant zu wissen, wie viele Jahre ein mit Dir vergleichbarer Versicherter im Durchschnitt gesund bleibt?
Würde man sich eher für die Kasse entscheiden, bei der die Leute gesund bleiben oder wäre das egal?
@Rudi
Das solltest Du vielleicht mal tun, dann würdest Du erkennen, daß dort sogar ausdrücklich von Einkommen ohne Erwerbstätigkeit die Rede ist, also z. B. von Kapitalerträgen.
Ich hasse es, wenn aus jeder Diskussion um ein soziales Thema Klassenkampf gemacht wird. Damit wird nur der Weg zu einer vernünftigen Lösung verbaut. Deine Anspielung auf die Arbeitgeberlobby ist insoweit kontraproduktiv.
Auch von Neiddebatten habe ich die Nase voll. Du willst also die 10% Großverdiener höher belasten. Möglicherweise bist Du Dir nicht im Klaren darüber, daß diese 10% bereits heute ca. 50% der Einkommenssteuer zahlen und somit sehr wohl ihre “Almosen” geben.
Außerdem halte ich gar nichts davon, daß eine Krankenkasse Freikarten fürs Schwimmbad verteilt. Ich will eine Rückendeckung im Krankheitsfall, ich will eine gesicherte medizinische Versorgung, ohne im Falle eines Falles ruiniert zu sein.
Für meine körperliche Ertüchtigung bin ich selbst verantwortlich, und ich will auf gar keinen Fall, daß mir jemand dreinredet. Freiheit ist mir sehr viel wichtiger als Fußballplätze, Tischtennisplatten und Schwimmbäder.
Tatsächlich ist der Widerspruch an dieser Stelle nämlich nicht Kapitalismus vs. Sozialismus sondern Freiheit vs. Gängelung.
Wir brauchen weniger Krankenkasse, weniger Regulierung, mehr Freiheit und damit verbunden auch mehr Eigenverantwortung.
@arno
Du hast Recht. Tatsächlich fordert die INSM eine Einbeziehung aller Einkommen. Allerdings wären Kapitaleinkommen dann immer noch durch die Beitragsbemessungsgrenze geschützt. Auf Grund der hohen Konzentration der Kapitaleinkommen wäre das lediglich ein mehr an Placebo-Solidarität.
Damit Du verstehst was ich meine. Wenn der Facharbeiter 15% vom Gesamtbrutto für die Krankenversicherung aufbringen muss (und damit mehr zahlen muss - als sein individuelles Risiko) - was spricht dann dagegen, dass die Quandts ebenfalls 15% von ihrem Einkommen abdrücken?
“Arbeitgeberlobby” ist nicht kontraproduktiv, sondern eine Tatsache. Das schreibt die INSM auf ihrer Website selbst: “Finanziert wird ihre Arbeit durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie.” Das sollte man zumindest im Hinterkopf haben, wenn man sich von deren Propaganda in der eigenen Meinungsbildung beeinflussen lässt.
Es ist ja prinzipiell auch in Ordnung, wenn jede Seite die eigenen Interessen vertritt. Insofern geht es auch nicht um Klassenkampf, sondern um die Frage, wie in unserer Gesellschaft die Aufwendungen für Alte und Kranke finanziert werden sollen.
Die von Dir erwähnte Einkommenssteuer spielt als Bundeszuschuss bei der Rente eine nennenswerte Rolle - bei der Krankenversicherung spielt der Zuschuss aus Steuern dagegen keine Rolle.
Der Privatversicherte sichert sein individuelles Krankheitsrisiko ab. Man kann dieses Prinzip ja generell favorisieren, allerdings muss man wissen, dass dann viele Millionen Alte und Kranke als nicht versicherbar hinten runter fallen. Dieses Problem hat man übrigens auch, wenn man den von Dir (und der Arbeitgeberlobby) empfohlenen Weg beschreitet und eine Grundversorgung plus individuelle Zusatzversicherungen macht.
Weshalb Du kostenlose Schwimmbäder mit mehr Gängelung gleichsetzt ist mir übrigens nicht ganz klar geworden. Vielleicht ist das so eine Sache, die einem mit dem neoliberalen Neusprech von Freiheit und Eigenverantwortung direkt mit eingeimpft wird?
@arno, 36
Uhi, wo hast du das denn her?
Die “Sozis” unter Schröder haben Spitzensteuersatz mal auf 42% gesenkt, die s.g. große Koalition hat den Satz wieder auf 45% angehoben. Der Ausfall von Steuereinnahmen wurde durch höhere MwSt kompensiert.
Und den Spitzensteuersatz haben die Topverdiener nur dann zu zahlen, wenn sie von ihren Steuerberater nicht arm gerechnet wurden - kann schon vorkommen, wenn Steuerberater total unfähig ist.
Einem Normalvediener mit 3…4 Tsd. Brutto, wenn er noch paar Kinder und eine Frau zu versorgen hat, wird davon 1/3 direkt vom Bruttolohn abgeknüpft. Wenn alleinstehend ohne Kinder, dann schon mal über 50%.
Merke, das meiste Geld kriegt der Staat von s.g. Normalverdienern her. Nicht zuletzt durch MwSt, Tabak-/Alkoholsteuer, Spritsteuer, Ökosteuer etc.pp.
Soviel zu Neiddebatte.
@Rudi: Allmählich kommen wir zusammen.
Nichts, genau das meinte ich mit der Steuerfinanzierung. Lediglich die Progression halte ich an dieser Stelle für kritisch. Letztlich brauchen wir auch Unternehmer im Lande, und die Familie Quandt kann leicht in Monaco überleben. Die Mitarbeiter bei BMW können das nicht. Deshalb rate ich immer wieder zu einer maßvollen Belastung hoher Einkommen, auch wenn so manches Managergehalt oder Kapitaleinkommen eigentlich nicht mehr zu rechtfertigen ist.
Arbeitgeberlobby ist in diesem Zusammenhang kontraproduktiv, weil ich die Vorschläge wertfrei betrachten will. Bringe ich Rhetorik aus dem Klassenkampf ins Spiel, wird eine vernünftige Diskussion um die Sache schwierig.
Die real existierende PKV trägt erheblich zur Deckung der Gesamtkosten des Gesundheitswesens bei und ist bereits heute keine freie Versicherung, sondern ebenfalls durch staatliche Eingriffe gegängelt, also keineswegs das Mittel der Wahl. Ich selbst bin privat versichert, und ich kann Dir sagen, daß auch diese Seite der Medaille nicht ideal ist. Da wird mir z.B. gerne mal eine überflüssige und ggfls. sogar schädliche Maßnahme angedient, nur weil Herr Dr. bei Privatversicherten mindestens den doppelten Betrag abrechnen kann.
Kostenlose Schwimmbäder sehe ich natürlich nicht als Gängelung an, sind aber dennoch keine Aufgabe für eine Krankenkasse. Eine Organisation bleibt solange überschaubar, als sie klar definierte Aufgabengebiete hat. Beginnt man mit dem Schwimmbad, kommt der Nächste und will einen Fußballplatz. So etwas wuchert wie Krebs (oder wie eine öffentliche Verwaltung).
@COPOKA: focus.de/f...
Das übliche Totschlagargument, genau wie das äußerst lächerliche Wörtchen “Neiddebatte”.
Fakt ist: Es FINDET gerade ein Klassenkampf statt und zwar von oben nach unten. “Vernünftige Diskussionen” werden nur dann “schwierig”, wenn plötzlich von unten auch mal Parolen und Bewertungen kommen.
@arno
tatsächlich, da sind wir beeinander - obwohl wir aus unterschiedlichen Richtungen gekommen sind. Es wäre schon ein großer Schritt, wenn alle Einkommen mit dem gleichen Anteil zur Finanzierung des Sozialstaates herangezogen würden - ohne Steuerprogression.
Zum Thema Privatversicherung.
Du schreibst: “Wann auch immer die Privatversicherten gescholten werden, sollte doch nicht vergessen werden, daß sie für Leistungen, die auch ein Kassenpatient erhält, im Schnitt mehr als den doppelten Preis zahlen und damit eine Arztpraxis erst rentabel gestalten. ”
Und zitierst damit ein Argument, was vom wissenschaftlichen Institut des PKV-Verbandes im vergangenen Jahr mit hohem Aufwand in die Öffentlichkeit getragen wurde.
Gehen wir da mal logisch ran.
Privatversicherte bekommen bessere und schnellere Leistungen. Bei Privatversicherten kann der Arzt das zwei bis dreifache abrechnen. Privatversicherungen legen Geld für Alterungsrückstellungen beiseite. Die Verwaltungs- und Vertriebskosten sind bei Privatversicherungen wesentlich höher als bei den gesetzlichen Kassen. Und Private Krankenversicherungen erwirtschaften beträchtliche Gewinne.
Trotz all dieser Kostenunterschiede ist die Privatversicherung für gut verdienende Singels die oberhalb der Versicherungspflichtgrenze verdienen immernoch deutlich günstiger als die GKV.
Wie ist das möglich?
Durch Risikoselektion! Die private Krankenversicherung nimmt gesunde und junge Menschen auf, die zum Zeitpunkt des Eintritts kaum Kosten verursachen.
Ich schimpfe nicht über Privatversicherte, sondern über ein Krankenversicherungssystem, welches einer bestimmten Schicht das Privileg einräumt, sich aus der Solidarität mit Ärmeren, Alten und Kranken zu verabschieden.
Ganz nebenbei, etwas theoretisch und ganz sicher off-topic.
In der GKV zahlt man einkommensabhängige Beiträge - in der PKV verpflichtet man sich zu einer fixen Beitragszahlung (die regelmäßig angepasst wird). Man kann beide Prinzipien danach vergleichen, welchen Missnutzen die antizipierte Beitragszahlung im Moment des Vertragsabschluss auslöst.
Wenn bei einem jungen Menschen Unsicherheiten bezüglich des zukünftigen Einkommens bestehen, ist es rationaler im System mit einkommensabhängigen Beiträgen zu verbleiben. Schließlich muss er den unwahrscheinlichen aber möglichen Fall einkalkulieren, dass er monatliche Beiträge von 500 Euro in zehn Jahren nicht aufbringen kann. Man kann diesen Gedankengang auch mathematisch modellieren, wenn man eine Nutzenfunktion mit abnehmenden Grenznutzen des Einkommens unterstellt.
Das erstaunliche daran: ein einkommensabhängiges Prämienmodell ist unter Wettbewerbsbedingungen einem Modell mit fixen Beiträgen überlegen.
Würde man Privatversicherten die Wahl lassen, ob sie sich zu 300 Euro Beitragszahlung verpflichten wollen oder zu einer Beitragszahlung 10% vom Brutto, würde sich die Mehrzahl für die einkommensabhängige Variante entscheiden. Die Privatversicherung könnte die schwankenden Beiträge im Kollektiv problemlos ausgleichen. Individuelles Nutzenkalkül und die Bereitschaft zur Solidarität sind also kein Widerspruch.
Warum bieten Privatversicherungen keine einkommensabhängigen Prämien an?
a) Angst vor Risikoselektion
b) gesetzliche Vorgaben die das nicht zulassen
c) bessere Vergleichbarkeit mit Beitragssätzen der GKV, die der Legitimität des Privatversicherungssystems einen schweren Schlag versetzen würde.
@Rudi
Es ist immer wieder interessant, wie leicht man Übereinstimmung erzielen kann, wenn man die Ideologien außen vor lässt.
Das Thema Privatversicherungen getrennt zu diskutieren erübrigt sich, denn auch in diesen Bereich pfuscht der Staat ganz erheblich hinein.
Deine Ansicht zur Risikoselektion teile ich nicht. Ohne es wirklich zu wissen, kann ich nicht glauben, daß unterschiedliche Risiken solche Auswirkungen auf Beiträge und Leistungen haben. Ich vermute vielmehr, daß die gesetzlichen Kassen sehr viele Mitglieder haben, die keine Beiträge zahlen. Und da liegt der Hase im Pfeffer.
Der Familienvater mit Frau und zwei Kindern, dessen Einkommen knapp über der Beitragsbemessungsgrenze liegt, wird schön in der GKV bleiben, denn 4 Personen werden mit einem Beitrag finanziert.
Arbeitslose zahlen keine Beiträge, sind aber dennoch versichert. Rentner zahlen reduzierte Beiträge, verursachen aber hohe Kosten.
Wie gesagt: Ich bin nicht sicher, daß es sich genau so verhält, ich kenne eventuelle Transferleistungen von Organisationen wie Arbeitsamt (heißt jetzt anders, ich weiß.), Rentenversicherungsanstalten oder Staat nicht. Aber ich bin sicher, daß ich mit diesem Ansatz der Realität sehr nahe komme.
“auch in diesen Bereich pfuscht der Staat ganz erheblich hinein.”
wobei ich das auch als ideologisch bezeichnen würde, jedenfalls ist es unsachlich
Hier noch ein Link zum Thema:
gutepillen...
Offensichtlich kann niemals genug Geld in dieses System fließen, um alle Begehrlichkeiten zu befriedigen.
@arno, 39 mit Locus-link
Ach, komm mir jetzt bitte nicht mit den Schlagzeilen aus dem Käseblatt her!
Im Übrigen, deine Behauptung, die ich zitierte, war eher so zu verstehen, dass die armen Spitzenverdiener 50% Einkommenssteuer von ihren Einkommen zahlen.
Wenn du’s genauer wissen willst, so schau’ doch hierher:
destatis.d...
Dazu noch zwei Nuancen.
Erstens, ist/sind diverse Einkommensteuer nicht mal die Hälfte vom gesamten Steueraufkommen des Staates:
destatis.d...
Da ich selber zu der Sparte 37.500-75.000 angehöre, weiß ich, dass es bei weitem keine Spitzenverdiener sind. Zusammen mit der Sparte 25.000-37.500 bilden diese die Gruppe (die ich als Normalverdiener qualifiziere), von der tatsächlich mehr als die Hälfte aller Einkommensteuer einkassiert wird. Genau das habe ich auch oben geschrieben. Außerdem trägt wiederum genau diese Gruppe fast die gesamten Sozialkosten - KV, RV, … etc.pp.
Die wirklichen Spitzenverdiener tragen dazu ein Scheißdreck bei, genau wie zu den sonstigen Steuereinnahmen des Staates.
Etwas genauere Aufstellung der Einkommensteuer für das Jahr 2001:
destatis.d...
(Siehe Tabelle auf der Seite 675)
Also noch ein Mal:
Merke, das meiste Geld kriegt der Staat von s.g. Normalverdienern her. Nicht zuletzt durch MwSt, Tabak-/Alkoholsteuer, Spritsteuer, Ökosteuer etc.pp.
Soviel zu Neiddebatte.
“… aber selbst, wenn man diese Rahmenbedingungen abschaffen könnte, was im momentanen Wirtschaftssystem natürlich nicht möglich ist, steht das Gesundheitssystem vor einem systemimmanenten Problem - der medizinische Fortschritt selbst macht es auf kurz oder lang unbezahlbar.”
Eine Gegenposition:
“Das Märchen von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen ist nicht wahr: die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen waren – wenn man sie am Bruttoinlandsprodukt misst - seit 30 Jahren stabil, bei etwa 6,5 Prozent.”
andrea-yps...
Die Leistungen dürfen gerne “explodieren”, dafür gibt es schließlich den technischen Fortschritt und die Produktivitätssteigerungen.
Es ist wohl wie bei der Rente: Ursache der Probleme ist die Einkommens-Umverteilung der letzten Jahre. Hohe Einkommen und Kapitaleinkommen werden schrittweise aus der Mitfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme für das gemeine Volk entlassen.