Bushs Tour de Blamage
16. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken
Während George W. Bush auf seiner Nahost-Tour den Dämon des kriegslüsternen Terror-Staates Iran an die Wand malen will und gerne ein antiiranisches Bündnis unter den arabischen Staaten formen würde, hat Iran selbst das Heft des Handelns in die Hand genommen und gleich mehrere bi- und multilaterale Gespräche geführt, die die Position Washingtons unterminieren.
Wäre die Weltpolitik ein amerikanisches Computerspiel, so könnte der Held den Level „Naher Osten“ erst meistern, wenn er den „Bossgegner“ Iran besiegt hätte. Solange dies nicht geschafft wurde, bleiben die höheren Level „Mittlere Osten“, „Ferner Osten“ und schließlich das Finale „Weltherrschaft“ unerreichbar. In der realen Welt haben sich die Amerikaner bei ihrem Griff nach der „Weltherrschaft“ bislang im Nahen Osten nur böse die Finger verbrannt. Von den mit Rosen schmeißenden Araber, die, endlich von der Tyrannei befreit, den Segen der Demokratie genießen wollen, blieb nur ein Wunschtraum weltfremder neokonservativer Vordenker aus Washingtoner Think-Tanks. Die „echten“ Araber schmissen nicht mit Rosen, sondern mit Granaten und die gesamte Washingtoner Elite weiß – wenn man weiterkommen will, so geht dies nur mit dem Iran zusammen oder aber über dessen Leiche. Während die Falken rund um Vizepräsident Cheney nur all zu gerne „Attacke“ blasen würden, sind sich die Realisten im Weißen Haus darüber klar, dass das bestmögliche Auskommen für die USA ein arabischer „Isolationsring“ wäre, in dem die USA nicht personell, dafür aber materiell zur Sicherheit beitrügen und so nebenbei auch die Kontrolle über die weltweit größten Energiereserven hätten und gute Waffengeschäfte machen könnten.
Bushs Hauptargument bei der Suche nach arabischen Bündnispartnern war die unmittelbare Bedrohung der arabischen Welt durch das iranische Atomprogramm. Dieses Argument wurde von den eigenen Geheimdiensten im Dezember 2007 konterkariert. Auf den Staat Israel und dessen Falken kann sich Bush natürlich dennoch verlassen - der amerikanisch-israelische Dialog geht weit über so profane Dinge wie die Wahrheit hinaus. Die Zustimmung Israels wiegt in der arabischen Welt allerdings eher kontraproduktiv. Hätte Bush den Israelis gewisse Konzessionen im israelisch-palästinensischen Friedensprozess abringen können, so wäre dies ein guter Einstieg für die schwierigen Verhandlungen mit den arabischen Staaten gewesen. Da unter der momentanen israelischen Regierung aber kein Entgegenkommen möglich zu sein scheint, haben die USA es auf die altbekannte Tour versucht. Die Spin-Doktoren und Wahrheitsabstinenzler in den dunklen Hinterräumen des Weißen Hauses haben einen militärischen Zwischenfall erfunden. Iran sollte als akute Bedrohung, als ein Staat, der nicht berechenbar ist und dessen pubertäre Aggressionen eine echte Gefahr für die Nachbarschaft darstellen, gebrandmarkt werden. Dieser Plan scheiterte kläglich – der saudische Außenminister rief die Amerikaner sogar mit dem erhobenen Zeigefinger eines Schulmeisters, der einen querulanten Pausenhofschläger ermahnt, zur Ordnung. Eine Blamage sondergleichen für das Weiße Haus.
In Riad rennt Bush mit seinem Plan für ein anti-iranisches Bündnis vor die Wand. Saudi-Arabien ist sich seiner labilen inneren Sicherheit bewusst und will es auf jeden Fall vermeiden, Konflikte zu schüren, die dem Land keine Vorteile bringen. Saudi-Arabien scheint sich endlich von den USA emanzipiert zu haben. Der saudische Außenminister wies die Begehren der USA schroff zurück und formulierte selbstbewusst, dass es ihm primär um saudische Interesse geht. Er werde Bush „Vorschläge“ zur Kenntnis nehmen und mit den saudischen Interessen vergleichen. Bush sei als „Mann des Friedens“ in Riad willkommen, nicht aber als „Mann des Krieges“ – so harte Worte hörte man noch nie aus der saudischen Hauptstadt.
Kaum besser steht es für die USA in den anderen arabischen Staaten. Vor Bushs Ankunft in Bahrain hatte die Hälfte aller Parlamentarier des Emirats einen offenen Brief verfasst, der Bush vorwirft, ein „beispielloses Chaos“ in der Welt geschaffen zu haben. Einen Tag nachdem Bush die arabischen Staaten aufrief, sich der Bedrohung durch Iran bewusst zu sein und dementsprechend zu handeln, reiste Kuwaits Außenminister nach Teheran, um auf höchster Ebene Kooperationsabkommen zu schließen, die die Zusammenarbeit beider Länder intensivieren sollen. Zeitgleich startete Iran eine Initiative an die GCC-Staaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Emirate – Ziel ist die gemeinsame Zusammenarbeit in wirtschafts-, kultur- und sicherheitspolitischen Fragen. In Bagdad machen derweil von oben gestreute Gerüchte die Runde, der oberste General der iranischen Revolutionsgarden - die immerhin von den USA als terroristische Vereinigung eingestuft werden - wäre letzte Woche zu einem Treffen mit US-Vertretern in die “Grüne Zone” Bagdads gereist. Wenn sich dies bewahrheiten sollte, so ist dies zweifelsohne ein richtiger Schritt seitens der USA. Aber wie will man ernsthaft von anderen Staaten verlangen, ihre eigenen Interessen zurückzustellen, um einem abstrakten Bösewicht zu trotzen, wenn die USA selbst mit einem der “Oberbösewichte” verhandeln?
Pünktlich zu Bushs Nahost-Tour wurde auch der IAEO-Vorsitzende Muhammed ElBaradei nach Teheran eingeladen. Noch sind keine Details über die Verhandlungen nach außen gedrungen, aber iranische Äußerungen mehren Hoffnungen, dass ein Ende des Atomstreits in absehbare Nähre gerückt ist. Der erste westliche Politiker, den ElBaradei nach seiner Nahost-Mission treffen wird, ist der deutsche Außenminister Steinmeier. Besonders Deutschland dürfte die Annährung an die US-Position bereits bitter bereut haben. Eines der wichtigsten außen- und sicherheitspolitischen Ziele der Bundesregierung war und ist die Divsersifikation der Energieimporte.
Auf diesem Gebiet musste die Bundesregierung allerdings bislang eine herbe Niederlage nach der anderen einstecken. Iran verfügt neben Katar über den Zugang zum größten Erdgasfeld der Welt. Die iranischen Vorkommen sind bislang kaum erschlossen und über den EU-Beitrittskandidaten Türkei bestünde eine direkte Landverbindung, über die mittels Pipelines eine Alternative zum Quasi-Monpolisten Gazprom aufgebaut werden könnte. Die Pläne dafür liegen bereits in den Aktentaschen der EU-Außenpolitiker – nur mit einem Anschluss Irans hat das österreichische Nabucco-Projekt reale Chancen auf eine Verwirklichung. Wenn Europa es ernst meinen würde, von der russischen Vormachtstellung bei den Gasimporten wegzukommen, so wäre ein Schritt in Richtung Iran ganz sicher kein falscher Schritt. Sollte ElBaradei Steinmeiers Bedenken bezüglich Irans IAEO-Akte ausräumen können, so gäbe es für die EU keinen Grund mehr, die selbst auferlegte Zurückhaltung aufrechtzuerhalten. An einer Nibelungentreue zu Washington kann den Europäern nicht gelegen sein, zumal die Zeit drängt.
Gestern hat der iranische Ölminister Gholam-Hossein Nozari angekündigt, dass Iran Gespräche mit Gazprom aufgenommen hat, in denen die Russen eine weitere Beteiligung am zweitgrößten Gasfeld der Welt- dem „Südlichen Pars-Feld“, anstreben und den Transport iranischen Gases mittels russischer Pipelines übernehmen wollen. Sollten die Europäer sich taub stellen und weiter an Washingtons Seite feindlich gegenüber Iran auftreten, so ist der europäische Traum einer diversifizierten Gasversorgung endgültig ausgeträumt. Die Uhr tickt – es ist 5 vor 12.
Jens Berger
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ich bin noch nicht ganz durch (scheint aber — wie eigentlich immer — ein Spitzenbeitrag zu sein!), aber kurz: Der Link auf die Asia Times vorne ist (im Moment noch) kaputt.
@Hans-Werner
Danke für den Hinweis - der Link ist repariert.
Klasse Artikel, Deutschlands Vasallenpolitik bringt nur Nachteile, aber solange es den Michel nicht interessiert wird es auch so weiter gehen.
Völlig OT: Der Spiegel hat einen neuen Chef, oh Wunder, es ist der Chef von Spon, eine Katastrophe für die Printlandschaft, wäre schön wenn der Spiegelfechter einen Kommentar dazu abgeben würde :)
der Link zu Atimes Artikel funktioniert nicht
ist es das hier?
atimes.com...
verweisen möchte ich auch darauf
atimes.com...
ja, die atimes ist wirklich lesenswert (spiegelfechter natürlich auch :-)
@salvo
Yep - es fehlte ein “l” am Ende des Links - nun sollte es aber funktionieren.
ATimes ist definitiv lesenswert. Für sämtliche Themen rund um Asien ist sie meine Lieblingsquelle. Schade, dass es kein europäisches Pendant gibt.
Ganz große Klasse!
Oft habe ich den Eindruck, daß wir in Deutschland wieder bei einer gleichgeschalteten Medienlandschaft angekommen sind. Deine differenzierte Sicht der Dinge in meiner Muttersprache zu lesen ist ein Genuß.
Wenn ich hier in Deutschland Nachrichten gucke oder Arbeitskollegen bei BILD-Zeitung verschlingen beobachte wird mir ganz wirr im Kopf. Es ist schon erschreckend wie gerade ehemalige DDR-Bewohner so wie ich alles glauben was in Zeitungen steht oder im Fernsehen kommt. Die glauben doch allen Ernstes, daß der Iran ein zweites Drittes Reich ist und nur Krieg hilft. Da hört man doch so Sprüche wie: “Sollen doch die USA ne Bombe auf diese Moslems werfen”. Zum Glück gibt es solche Leute wie Jens die alles ein bisschen differenzierter sehen und auch auf andere Quellen hinweisen, gerade beim Thema Iran. Da merkt man dann doch, daß man nicht allein ist auf der Welt mit den eigenen Gedanken. Viele wissen bis heut noch nicht, daß die US-Geheimdienste das iranische Atomprogramm für das halte was es ist und nicht für das was G.W. Bush glaubt, da es in den Medien, wenn überhaupt, nur ne kleine Randnotiz war im Gegensatz zum Gepoltere vor dem Bericht. Leider haben viele Leute keine Lust sich im Internet zu informieren und sich durch Links zu klicken um mehr darüber zu erfahren. Bei Bild gibt es immerhin die “neuesten” “Infos” aus einer Hand mit der einzigen Wahrheit. Das Internet ist schließlich was für Freaks.
Trotzdem. Danke für diesen schönen Artikel Jens.
“Sollten die Europäer sich taub stellen und weiter an Washingtons Seite feindlich gegenüber Iran auftreten, so ist der europäische Traum einer diversifizierten Gasversorgung endgültig ausgeträumt.”
von einer selbstständigen Außenpolitik scheint die EU leider weit entfernt zu sein
atimes.com...
@salvo
Ja ja … und wenn man denkt, dümmer geht´s nicht mehr, kommt auch noch der Ecki her:
Was soll man dazu sagen?
Heute ist in der jungen Welt ein Artikel, der einen möglichen Angriff auf den Iran thematisiert. Ganz interessant, wie ich finde.
jungewelt....
Wenn ich Nachrichten der letzten Tage aus dem Amiland und drumherum zusammenfasse, so kommt bei mir ein tiefes Gefühl der Genugtuung hoch - Schadenfreude ist bekanntlich die beste Freude :p
Das einzige, was der US-Junta nach Abriss der zwei Hochscheunen in NY wirklich gelungen ist, war der Versicherungsbetrug. Na ja, es ließe damit auch ganz prächtig zu “verdienen”, so dass der Gesamtschaden dadurch kaum zu beziffern ist. Hoffen wir nun auf eine baldige US-Perestrojka, die Russen haben es bereits einigermaßen glimpflich überstanden.
Inzwischen ist es schon 4 vor 12:
Bulgarien billigt Bau einer russischer Pipeline
Dominante Rolle Russlands bei Energieversorgung gestärkt
nzz.ch/nac...
“Wenn [..] von der russischen Vormachtstellung bei den Gasimporten [..] so wäre ein Schritt in Richtung Iran ganz sicher kein falscher Schritt.”
Stellen sich für mich 2 Fragen, die beide sogar widersprüchlich sind. Dabei betrachte ich nicht nur Gas, sondern fossile Energie (Öl und Gas) allgemein :
1. Würden wir mit einem Schritt in Richtung “bösen” Iran nicht den “Freund” USA verlieren? Schaffen wir das kulturell? Oder sind wir geselschaftlich nicht noch immer so xenophob das wir eine ähnliche intensive Beziehung nur zu einem Blutsbruder*schauder* schaffen?
2. Wird der mittleren Osten jemals USA-autark sein? Zwar sind die USA im mittleren Osten keine Freunde, aber auch als Feind kann man jemand kontrollieren und sei es durch einen Krieg.
Wenn wir morgen im Iran Gas kaufen, kaufen wir immer noch Gas aus einem USA-kontrolliertem Gebiet.
Das Problem am Iran ist nicht Mullah, Musel oder Musharraf, es ist die USA. Und bisher war old europe nicht gerade darin effektiv die USA zu beeinflussen.
Man kann über Russlands “lupenreine Demokratie” leider viel klagen, nur nicht das sie USA-Abhängig wären. Ich denke einfach Russland ist wenigstens ein echter zweiter Energielieferant, der Iran ist leider der Markenspinoff von USA-Energyworldwide.
Wahrscheinlich stellt sich nicht die Frage ob wir Pro oder Contra Iran sind, sondern ob wir Pro oder Contra USA sein wollen und ob wir die Eier in der Hose haben nicht ständig blinden Gehorsam zu leisten
Was aber alles nicht besser macht; nur so ein Gedanke.