Willkommen im 21. Jahrhundert!
24. Januar 2008 von Spiegelfechter - Drucken
„Wir stehen vor einer radikalen Neuordnung der Weltwirtschaft“, so unkte George Soros, der Grand Seigneur der Finanzwirtschaft, diese Woche bedeutungsschwanger aus Davos. Soros ist seit jeher ein brillanter Analytiker, der seit langem das blinde Vertrauen in die Selbstregulierungsmechanismen des Marktes „von innen heraus“ kritisiert. Dass die Weltwirtschaft vor einem Paradigmenwechsel steht, ist eine Binse, die nach dem Einsetzen weiterer Markturbulenzen, die der Kreditkrise geschuldet sind, und den Gegenreaktionen der FED, nicht mehr reversibel ist. Historiker datieren das Ende des 20. Jahrhunderts auf das Jahr 1989 – dem faktischen Ende des Kommunismus. Der Sieg der USA weilte allerdings nur kurz und das „amerikanische Jahrhundert“ endet erst jetzt. George W. Bush wird wohl als Totengräber des „amerikanischen Jahrhunderts“ in die Geschichte eingehen.
Finanzmärkte sind ihrem Wesen nach instabil – seit den 1980er Jahren hat sich indes der „Glaube“ in der Politik durchgesetzt, freie Märkte würden sich selbst regulieren. Der ehemalige FED-Chef Greenspan leitete durch seine berüchtigte Niedrigzinspolitik, mit der er die Auswirkungen der geplatzten New-Economy Blase und 9/11-Folgen mildern wollte, das ein, was jetzt als „Kreditkrise“ das Ende eines ausufernden Kasinokapitalismus bedeuten könnte. Der Marktfundamentalismus frisst seine Kinder – die Realität hat gezeigt, dass deregulierte Märkte und expansive Notenbankpolitik zu einem unkontrollierten und unkontrollierbaren System heranwuchsen, das ohne Regulierung nicht etwa zu Stabilität, sondern zu einem Kollaps führt.
Die expansive Geldpolitik, mit der die FED auf Finanzmarktkrisen reagiert, ist nicht die Lösung, sondern die Ursache vieler Probleme. Anders als die EZB und die alte Bundesbank hält die FED nicht viel von der unsichtbaren Hand, sondern betreibt aktive Konjunkturpolitik. Durch die Niedrigzinspolitik wurden die Märkte mit billigem Geld überschwemmt. Da aber die rentablen klassischen Anlagemöglichkeiten begrenzt waren, entwickelte die Finanzwirtschaft immer neue, immer verschachteltere Modelle, die in sich derart intransparent waren, dass die Hüter des Systems die Überwachung nicht mehr wahrnehmen konnten und sich blindlings auf die Risikokalkulation der Finanzakteure selbst verließen.
Seit Mitte der 1990er Jahre kannte der Aktienmarkt (mit Ausnahme der geplatzten New-Economy Blase) nur eine Richtung – steil nach oben. Wenn es in der Finanzwirtschaft eine goldene Regel gibt, so ist das die, dass eine höhere Renditeerwartung mit einem höheren Risiko „erkauft“ wird. Dieses gesunde Risiko wurde allerdings von den Banken ausgehebelt, indem man zunächst die Kredite selbst und später das Kreditrisiko an Schattenbanken, Hedge-Fonds, Kreditversicherer und SIVs (Finanzvehikel) ausgelagert hat. Diese Akteure unterliefen die Risikorichtlinien, da sie sich nicht an die strengen Eigenkapitalunterlegungsvorschriften halten mussten und daher mit geringeren Risikoaufschlägen agieren konnten. Da den Märkten die Volatilität fehlte, konnten durch Hebelprodukte gigantische Renditen erzielt werden, die auf dem Papier mit geringen Risiken einhergingen. Diese Geschäfte sind allerdings nur möglich, wenn die Volatilität gering bleibt. Wenn eine Blase in diesem intransparenten System platzt, gerät das gesamte System in Gefahr, da plötzlich das Eigenkapital, welches Ausfälle abpuffern könnte, fehlt und die Kreditabsicherungen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen.
Genau dies ist passiert und es war keineswegs überraschend, dass mit dem Subprimemarkt die erste Blase platzen würde. Bereits im Januar 2005 schrieb Autor Artur P. Schmidt auf Telepolis von den „Seifenblasen“ des US-Hypothekenmarktes – über zwei Jahre später waren plötzlich alle Akteure überrascht. Dies ist eine typische Blasenpsychologie – auch die New-Economy Blase war lange bekannt, bevor sie platzte. Märkte sind nicht lernfähig, die Geschichte der großen Tulpenmanie aus dem 17 Jhd. scheint sich in endlosen Wiederholungsschleifen mit immer anderen Namen zu wiederholen. Was bei der „Subprime-Blase“ allerdings überraschte, war die Skrupellosigkeit, mit der Institute, die als seriös galten, hemmungslos über Finanzvehikel, die im rechtlichen Graubereich agieren, im großen Finanzkasino mitgezockt haben. Durch eine nebulöse Intransparenz wurde aus dem Platzen eines Teilsektors der Finanzwirtschaft plötzlich eine riesige Finanzkrise. Es war keinesfalls so, dass auf einmal nicht händelbare Verluste unvorgesehen entstanden sind. Alle Akteure wussten es, dass mit dem Platzen der ersten Blase die Eigenkapitaldecke einiger Akteure nicht mehr ausreichen würde, um die Kredite, die diese Spekulationen finanzierten, zurückzuzahlen. Da das System derart intransparent ist, dass selbst Großbanken ihren Mitbewerbern nicht mehr trauten, brach der komplette Markt mit „ABCPs“ (Asset Backed Commercial Papers - forderungsbasierte Papiere) zusammen - ein Markt mit einem Volumen von 2.200 Mrd. US$. Wie ein Kartenhaus brach damit das „kreative Risikoauslagerungsmanagment“ der Investmenthäuser zusammen. Nur großzügige Kurzfristkredite (Schnelltender) konnten im August 2007 das Kollabieren des Finanzsystems verhindern. Das verheerendste an der Krise ist jedoch, dass durch die Intransparenz bis heute niemand weiß, wo letztendlich welche Abschreibungen und Risiken lauern.
Bis dato sind rund 100 Mrd. US$ „offiziell“ abgeschrieben – wie hoch die Verluste von nicht bilanzierungspflichtigen Finanzvehikeln und Fonds sind, wird wahrscheinlich nie bekannt werden. Wenn keine weiteren „faulen Positionen“ auftauchen, scheint zumindest ein Ende der Fahnenstange in absehbarer Zukunft zu sein. Die Ausfallquote der Kredite ist keinesfalls so groß, dass hier noch Unsummen abzuschreiben wären. Wenn die FED weiterhin günstiges Geld zur Verfügung stellt, dürfte sich die akute Krise bald gelegt haben. Aber das Ende dieser Krise ist der Beginn der nächsten Krise, da die Hasardeure für ihre riskanten Geschäfte nicht etwa abgestraft werden, sondern von FED und Bundesregierung „herausgehauen“ werden. In Deutschland sieht es ähnlich aus, nur das hier die EZB stur bleibt und die Verluste und Abschreibungen direkt an den Steuerzahler weitergegeben werden, wie bei IKB, Sachsen/LB und West/LB der Fall.
Wenn die Weltwirtschaft einem Mann dankbar sein kann, dann ist dies Ben Bernanke. Ohne sein beherztes Eingreifen im August 2007 und im Januar 2008 hätte das System derart in Schieflage geraten können, dass bittere Folgen für die Weltwirtschaft unausweichlich wären. Gleichzeitig kann und muss man ihn kritisieren, dass er mit seiner Notenbankpolitik denjenigen den Kopf rettet (erst einmal), die für die Krise verantwortlich sind, und läßt diejenige dafür zahlen, die sowieso schon die Opfer sind. Bernankes Notmaßnahmen werden über eine höhere Inflation vom US-Bürger bezahlt, und über einen schwächeren Dollar – von der gesamten Welt. Dennoch ist Bernankes Handeln richtig – er stand vor der Wahl, entweder zu riskieren, dass das komplette Finanzsystem kollabiert, oder zu riskieren, dass die US-Wirtschaft Schaden nimmt, und er hat sich richtig entschieden. Allerdings haben diese Geschehnisse einen Paradigmenwechsel eingeleitet, der sich desto mehr beschleunigt, je häufiger die FED noch intervenieren wird.
Die großen Geschäftsbanken in den USA werden von eben jenen gerettet, die den Aufschwung auf Pump über Jahrzehnte finanziert haben. Aus reinem Altruismus geschieht dies allerdings nicht. Die kommenden Superstars auf dem Finanzsektor sind Staatsfonds (SWFs), die nicht nach den Regeln der Märkte agieren, sondern politisch gemanagt werden. Es ist wie im „echten Leben“ – der eine lebt in Saus und Braus auf Pump, der andere leiht ihm das Geld dafür. Das geht nur so lange gut, bis der Gläubiger vom Schuldner das Geld wiederhaben will – kann dieser nicht bezahlen, reißt sich der Gläubiger Hab und Gut des Schuldner unter die Nägel. Große Teile der USA werden in absehbarer Zeit den SWFs aus den OPEC-Staaten, Singapur, Russland und China gehören. Waren die „alten“ Herren des Geldes nur auf Rendite aus, haben die „neuen“ Herren andere Ziele. Die Vormachtstellung der USA neigt sich dem Ende zu. Militärisch sind sie zwar noch die unbestrittene Nummer Eins, aber in näherer Zukunft werden sie sich solche militärische Abenteuer wie in den letzten Jahren schlichtweg nicht mehr leisten können. Welch Ironie der Geschichte – der große Sieger des Kalten Krieges verliert im Endeffekt gegen die Verlierer des Kalten Krieges auf seinem hauseigenen Schlachtfeld.
China und Russland werden eine immer wichtigere Rolle spielen, wenn China nicht an seinen eigenen Blasen zugrunde geht. Hier liegt auch das eigentliche Risiko für die Weltwirtschaft begraben – mit einem sanften Abstieg der USA war zu rechnen, ein Kollaps Chinas würde allerdings verheerende Wirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Auch Europa ist keinesfalls schlecht positioniert für diese neue Zeit, wenn es besonnen agiert. Die EZB hat sich jedem Ruf nach einem „Bailout“ bisher verweigert und es ist nicht anzunehmen, dass sie ohne Not von ihrer Linie abweicht. Das birgt zwar gewisse Risiken in sich, wie zum Beispiel einen zu starken Euro, der besonders die deutsche Exportbranche schwächt, ist aber langfristig solide und wird dazu führen, dass es zunächst die EU sein wird, die die USA als erste Wirtschaftsmacht ablöst. Wenn jetzt “wieder” Rufe ertönen, die auch von der EZB eine expansive Geldpolitik fordern, so sollte man sich darüber klar sein, aus welcher Ecke diese Forderungen kommen und was die Appellatoren damit bezwecken wollen.
Der Kapitalismus wird sein Gesicht ändern – ob das neue Gesicht eine noch kältere Fratze sein wird, oder er sich mehr in Richtung Wohlfahrtsökonomie entwickelt, steht noch in den Sternen. Der Glaube an die deregulierten freien Märkte hat sich selbst überlebt. Das Einzige, was die deregulierten Märkte vor ihrem Kollaps gerettet hat, war ein beherzter Griff in die Interventionskiste. Strenge Marktregulationen, strenge Bilanzierungsvorschriften, die verhindern, dass Risiken außerhalb der Bücher geparkt werden, und Maßnahmen, die die verlorene Transparenz wiederherstellen, werden unumgänglich sein. Der neoliberale Traum ist ausgeträumt – Willkommen im 21. Jahrhundert!
Lesetipps: Robert von Heusinger:Weg von der Bewertung zu Marktpreisen
Robert Kuttner im Interview bei Democracy Now!
Rober Samuelson: Capitalism’s Enemies Within
Finanzwirtschaftliche Details und Hintergründe: BIS: Quarterly Review
IMF: Global Financial Stability Report
Jens Berger
Posted in Geopolitik, USA, Wirtschaft |






















































































hi
und noch ein Lesetip:
Paul Krugman: Don’t cry for me, America
“The story has played itself out time and time again over the past 30 years. Global investors, disappointed with the returns they’re getting, search for alternatives. They think they’ve found what they’re looking for in some country or other, and money rushes in.
But eventually it becomes clear that the investment opportunity wasn’t all it seemed to be, and the money rushes out again, with nasty consequences for the former financial favorite. That’s the story of multiple financial crises in Latin America and Asia. And it’s also the story of the U.S. combined housing and credit bubble. These days, we’re playing the role usually assigned to third-world economies.”
er schätzt übrigens Bernanke anders ein
nytimes.co...
@salvo
Ja, Krugman ist immer empfehlenswert. Was mir an ihm nicht so zusagt, ist dass er seine Meinung häufig ändert.
“Some critics say that the Fed helped inflate the housing bubble with low interest rates. But those rates were low for a good reason”
Ich muss den Link mal heraussuchen, das ist bei seiner Schreibwut ja gar nicht so einfach. Aber ich bin mir 100% sicher, Krugman selbst hat der FED genau diesen Vorwurd gemacht ;-)
Der Schuldner will das Geld vom Gläubiger wiederhaben?
@Avantgarde
Umgekehrt natürlich - das passiert immer, wenn die Finger schneller sind, als die grauen Zellen ;-)
Danke für den Hinweis
@salvo
btw.: Er lobt die 75Punkt Aktion von Helikopter-Ben auch, hat aber eine ziemlich außergewöhnliche Begründung dafür, die auf den zweiten Blick sogar plausibel ist.
Spiegelfechter, bei den USA ist man da nie so sicher, wie rum richtig ist :-)
Vielleicht schlägt die EZB zwei Fliegen mit einer Klappe?
Das Deutschland mehr für seine Binnenkonjunktur tun muß wird durch einen starken Euro und damit verschlechternden Exportchancen eher befördert würde ich annehmen.
Warum muss ich immer nur an TSS denken? “Mach kaputt, was Dich kaputt macht!”
ich hab noch ein paar Hinweise
Folgen der Immobilienkrise für den Kreditkartenmarkt
“Credit Card Debt Soars as House Prices Plunge”
cepr.net/c...
zu China
“First is that due to the loosening of the yuan peg against the dollar, the central bank is losing $4 billion a month, mainly on its Treasury holdings ”
nakedcapit...
@Jo
Ja, das ist wohl richtig. Ein Wink mit dem Zaunpfahl von den Finanzmärkten … ob´s die Kanzlerin versteht? Ich bin und bleibe skeptisch.
@8 Salvo
Nun ja - ob China jetzt durch die “Lösung” der Dollar-Kupplung Geld “verliert”, würde ich mal in Frage stellen. Hat China dieses Geld je besessen? Die Dollars auf den Konten der chin. Zentralbank sind ja eigentlich nur so zahlreich, weil der Renminbi nicht frei gehandelt werden kann. Wenn man dort endlich mal ein wenig anpasst, so ist dies überfällig und mE sind die Summen, die dort lagern eher virtuell.
Hi Jens,
Danke für den guten Kommentar über die Ereignisse - besonders, wenn man sich so’n bisschen durch die Links durchklickt (natürlich auch durch die Links in den Kommentierungen Deines Werks).
Also doch wieder das Geld auf’s Sparkonto? Oder gleich unter’s Kopfkissen? Immobilien geht auch nicht mehr, negative Demographie, maximale Zersiedelung, keine Förderung mehr und jetzt auch noch die km-Pauschale …!? (Bin ‘mal gespannt, ob die sich vielleicht doch noch zum “Werkstorprinzip” (inkl. GG-Änderung) durchringen, oder zu 10 €ct/km?)
Je länger der überfällige Knall herausgezögert wird, umso lauter wird er ausfallen. (Btw: Und in diesem Haifischbecken schwimmt dann auch noch unser öffentlich-rechtlicher Bankensektor mit, der Herr Malermeister im Aufsichtsrat der örtlichen RaiBa, der Ex-Politiker, Ex-Gewerkschaftsbonze im Aufsichtsrat der Sparkasse (auf seinem “Belohnungposten”), wird mit Spar- und Landesbanken Politik gemacht? Hui, da kann einem ganzschön schwindlig werden *schwindel, schwindel* [hach, ist das schön zweideutig ;-)])
Wie sagte noch Hermann Hesse so schön (einer meiner Favoriten): “Die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt.” Es manifestiert sich die Einsicht, dass die Welt - spätestens als der Mensch zum erstenmal aus der Eisenbahn ausstieg - doch ‘n bisschen zu kompliziert geworden ist!
Beste Grüße
Vogel
PS: Ich bin aus allen Wolken gefallen, als Zweckgesellschaften (oder auch SIVs) auftauchten. Was lernen wir: Eine Unternehmensbilanz z. B. einer großen Bank hat bis gestern wenig ausgesagt. Heute wissen wir: Dat Dingen säht janix mi! (Das Ding sagt garnichts mehr) Na denn: Prost *kling, kling, klirr*
Hallo,
“Wenn jetzt “wieder” Rufe ertönen, die auch von der EZB eine expansiver Geldpolitik fordern, so sollte man sich darüber klar sein, aus welcher Ecke diese Forderungen kommen und was die Appellatoren damit bezwecken wollen.”
Könntest du das etwas genauer erklären? Mir ist leider nicht ganz klar, aus “welcher Ecke” diese Forderungen kommen.
PS: Möchte auf diesem Wege auch gleich einmal ein großes Daumen-Hoch für dein Blog aussprechen!
@sm
Ja klar - Institutionelle Anleger und deren Dunstkreis sind natürlich sehr daran interessiert, dass ihnen von Staats wegen unter die Arme gegeriffen wird und sei es mit einem klassischen Bail-Out, der vom Steuerzahler bezahlt wird. Da unter Wirtschaftsanalysten, Volkswirten und Kommentatoren in Wirtschaftsblätter naturgemäß sehr viele Mitarbeiter von Banken und Fondsgesellschaften sitzen, sollte man sich im klaren sein, dass sie nicht neutral urteilen, sondern meist Interessenpoltik betreiben.
Noch ein Mal zur Volatilität.
Du hast doch den Begriff schon fünftes Mal in diesem Blog als wichtiges Argument eingeführt. Für DAUs hört es sich wie Zauberspruch an. Muss es so sein?
Ich habe schon etliche Male versucht, mich dazu schlauer zu machen, finde aber nichts, was mir ein beständiges Gefühl dafür vermitteln würde.
Bei allen “Erklärungen”, die ich dazu finden konnte - mal so, mal was ganz anderes, kam bei mir immer der Verdacht auf, dass die Autoren es selber nicht so genau zu sagen/verstehen vermochten. Sie erzählten lediglich, was sie selber dazu gelernt haben, mehr nichts.
Kannst du es bitte doch einmal Erklären, was es genau ist, und warum sie so verdammt wichtig ist? Warum darf sie sich nur in einem gewissen Bereich bewegen, um die ganze Wirtschaft/Finanzsystem nicht aus dem Tritt zu bringen, was passiert genau, wenn sie steigt/sinkt, wie wird die Norm oder das Optimum dafür ermittelt/festgelegt? Ich meine jetzt nicht wie ein Finanzfuzzi zu erklären - “Bla-bla, es ist so, weil es so sein miss!”, sondern aus Sicht eines VWLr.
Ein wirklich guter Link täte es wohl auch.
der pauschale Ruf nach mehr staatlicher Aufsicht über die Finanzindustrie bringt nicht viel, es sollte differenzierter argumentiert werden. Hierzu ein Lesetipp:
“Geld arbeitet nicht”
shaker-med...
noch ein Hinweis
“Finanzkrise in Großbritannien: Hohe Verschuldung, verfallende Häuserpreise und stockender privater Konsum. New Labour setzt auf neoliberale Konzepte”
jungewelt....
der Artikel in the times
Mr Brown “has chosen the worst of all possible worlds, described by Vince Cable, of the Liberal Democrats, with his customary precision as “nationalisation of risks and losses, combined with privatisation of gains”. In effect, Mr Brown is offering £55 billion of public money to Sir Richard Branson and other shareholders in Northern Rock, whether present or future, with which to speculate on the housing market and the stock market. If these speculations work out, these private individuals will pocket 90 per cent or more of the profits. If the speculations fail (which is much more likely) taxpayers will bear the entire loss. Looting of public wealth on this scale has not been seen in Britain since the South Sea Bubble.”
timesonlin...
Interessant, dass der eher “linke” Flügel hier für eine strikte ZInspolitik ist, ist das doch eher die neoklassische Betrachtung der Phillips-Kurve (und daher her liberal, nicht neoliberal) und nicht die keynesianische Betrachtung (und damit eher links und Gewerkschaftsfreundlich). Demnach wird ja eher eine höhere Inflation gefordert (aus geringen Zinden resultierend), um einen höheren Beschäftigungsgrad zu erreichen und Vermögenserhaltung gegen Beschäftigung ein wenig auszuspielen.
Ganz neue Ansichten hier.
@hauptstadtstudent
Hättest Du den Artikel und die verlinkten Folgeartikel gelesen und verstanden, wüßtest Du, dass hier das alte theoretische Modell nicht greift, da es primär um die Verknappung frischen Geldes geht, da in der momentanen Situation, in der große Mengen an Geld so wie so eine neue renditestarke Anlage suchen, die Erhöhung der Geldmenge, die einer Senkung des Leitzinses folgt, zweifelsohne zu neuen Blasen führen würde. Das Schubladendenken führt Dich hier nicht weiter.
p.s.: Woher hast Du den Verweis auf “neoliberale” Zinspolitik? Weder der Text, noch ein Kommentar spricht von einer solchen Politik, zumal Hayek mW eine ähnliche Betrachtung des Zins-/Konjunturmodells hatte wie ich sie widergebe.
“Wenn jetzt “wieder” Rufe ertönen, die auch von der EZB eine expansiver Geldpolitik fordern, so sollte man sich darüber klar sein, aus welcher Ecke diese Forderungen kommen und was die Appellatoren damit bezwecken wollen.”
zu den Rufern gehört ja auch Albrecht Müller bei den nachdenkseiten, der deshalb die EZB schon lange wegen ihrer strikten allein an der Inflationsbekämpfung fixierten ‘Zinspolitik’ kritisiert.
angeblich ist der Keynesianismus wieder im Kommen
blog.zeit....
jahnke hat wieder Zahlen veröffentlicht, die Bände sprechen, vor allem zeigt der Einbruch beim Einzelhandelumsatz, was man von den offiziellen Arbeitsmarktdaten halten soll
jjahnke.ne...
@salvo
Müller argumentiert streng keynesianisch … dagegen will ich grundsätzlich gar nichts sagen. Die Zinspolitik des 21 Jhd. ist durch die globalen Finanzmärkte aber eine andere, als zu Zeiten Keynes und vielleicht auch Müllers (den ich ansonsten sehr schätze). Das Hauptproblem einer expansiven Geldpolitik ist die Geldmengenvermehrung - etwas das immer gerne “Druckerpresse der Zentralbanken” genannt wird. In einem globalen Finanzsystem ist dies sehr gefährlich, da frisches billiges Geld immer neue Anlagemöglichkeiten generieren muß und letztendlich wieder Blasen und riskante Hebelgeschäfte entstehen, die bei “teuren” Geld nicht möglich wären. Wenn man sich die M3-Mengen von $ und € anschaut, so sieht man, was ich meine.
Müller mag im Kern ja recht haben, nur fokussiert er sich viel zu stark auf die Binnenwirtschaft, die (Du kennst ja mein Reden ;-)) zwar wichtig ist, aber keinesfalls das einzig entscheidende Kriterium sein darf.
@jens
ich will zwar deine Bedenken nicht in Frage stellen, wissend, dass Du von uns beiden gewiss der bessere Ökonom bist :-) (nebenbei bemerkt, eigentlich zwinge ich mich mehr dazu, mich dafür zu interessieren). Aber wenn ich zB D. Wermuth richtig verstanden habe, argumentiert dieser für eine ‘expansive’ Zinspolitik der Zentralbanken gerade wegen der Finanzmarktkrise, also Blasenbildung.
“Mit anderen Worten, Strukturpolitik ist schön und gut und immer richtig, wie Motherhood and Apple Pie, aber nicht mehr sehr relevant, wenn platzende Blasen am amerikanischen Immobilienmarkt, Bankenkrisen und eine Ölpreisexplosion die Weltwirtschaft in eine schwer zu beherrschende Abwärtsspirale schicken.”
mir leuchtet zwar der Hinweis auf die Gefahr weiterer spekulativer Blasenbildung durch eine expansive Zinspolitik ein, andererseits aber auch der Hinweis auf die Gefahren einer strikten ‘prozyklischen Zinspolitik’ angesichts der Wachstumsschwäche. Schon eine Crux