Quo vadis „Freitag”?
28. Mai 2008 von Spiegelfechter - Drucken
Der „Freitag” ist zweifelsohne eine löbliche Ausnahme in der deutschen Presselandschaft. Als „links-intellektuelle“ Wochenzeitung schwimmt er beharrlich gegen den medialen Strom. Wo die auflagenstarke Konkurrenz Einheitsbrei und Meinungskonformismus bietet, zeigt der „Freitag“ stets , wie es auch ginge, wenn man denn nur wollte. Für den „Freitag“ schreiben unter anderem so wache Geister wie Uri Avnery, Robert Fisk, Otto Köhler, Albrecht Müller, Jürgen Rose und Kai Ehlers – welche Zeitung kann das schon bieten? Aber auch interessante Standpunkte von Personen, die man nicht eben dem „links-intellektuellen“ Lager zurechnen würde, wie Willy Wimmer oder Peter Gauweiler, findet man häufiger im „Freitag“.
Auch im „linken“ Pressespektrum hebt sich der „Freitag“ erfreulich von seiner Konkurrenz ab. Er ist undogmatisch und erfreulich selbstkritisch, was ihn angenehm von Presseerzeugnissen, wie der „Jungen Welt“ unterscheidet. Da Qualität leider nur sehr selten mit Quantität einhergeht, kämpft der „Freitag“ seit seinem Bestehen ums wirtschaftliche Überleben und wäre ohne Spenden in Millionenhöhe und den Idealismus seiner Herausgeber und Besitzer schon längst eingestellt worden. Es war zu schön, um wahr zu sein, es war klar, dass der Traum bald enden würde.
Wie Anfang der Woche bekannt wurde, hat Jakob Augstein, Sohn des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein, den „Freitag“ gekauft. Gerüchte über Verkaufsverhandlungen gab es bereits im April. Gegner einer Übernahme hatten damals mit einer gefälschten Pressemeldung für Aufsehen gesorgt, in der sie behaupteten, Augstein würde sich den „Freitag“ als privates Vergnügen zulegen und ihn radikal umkrempeln. Von radikalen Änderungen scheint der „Freitag“ indes verschont zu bleiben. Dies legen sowohl ein Interview mit Augstein in der SZ, als auch eine Meldung in eigener Sache des Sprechers der bisherigen Eigentümer Wilhelm Brüggen nahe, die heute in der vorgezogenen Internetausgabe des aktuellen „Freitags“ erschienen ist. Neben einer Ausweitung des Internetangebotes will Augstein die alte publizistische Linie beibehalten und sie weiter stärken und fortentwickeln. Dafür will er zusätzliche feste Journalisten einstellen und ist bemüht, die jetzigen Herausgeber zu einer weiteren Mitarbeit zu veranlassen. Der einzige „radikale“ Wechsel, der dem Freitag bevorsteht, scheint der Verzicht auf die Werbefreiheit zu sein – über die beim „Freitag“ zwar immer gesprochen wird, die aber de facto gar nicht existiert, wie jeder Abonnent und regelmäßige Leser sicher weiß.
Nachdem die Übernahme in der Blogosphäre bereits äußerst kritisch kommentiert wurde, sollte man vielleicht einmal einen Blick auf die Situation werfen und die Übernahme in diesem Kontext bewerten. Mit 14.000 Abonnenten und einem geringen Werbeaufkommen, ist der „Freitag“ mit zwölf fest eingestellten Journalisten bestenfalls ein ehrenamtliches Hobby, das sich selbst trägt und schlimmstenfalls ein Zuschussgeschäft. Das bisherige Engagement der Herausgeber und Besitzer ist nicht hoch genug zu würdigen, aber es ist vermessen, zu erwarten, dass dies ewig so weiter gehen könnte. Der „Freitag“ erfüllte allerhöchste Qualitätsansprüche, spielte aber in der realen Welt der Publizistik nie mehr als eine Aussenseiterrolle. Die klugen Artikel wurden von klugen Menschen gelesen, hatten aber so gut wie keinen Einfluss auf die politische Diskussion. Dies könnte sich nun ändern.
Augstein jr. ist sicher kein neoliberaler Spindoctor, der eine altehrenwerte Oppositionszeitschrift umbiegen will. Von daher ist sein Anspruch, den vorhandenen „Freitag“ weiter zu entwickeln und ihm mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bringen, durchaus glaubhaft. Wenn der Junior in die Fußstapfen seines Vaters treten will, so wird er dies nicht über ein auflagestarkes „Mainstreamprodukt“ schaffen, sondern über einen publizistischen Leuchturm – und ein solcher könnte der „Freitag“ zweifelsohne werden, steht er doch bereits jetzt als kleines Leuchtfeuer in der Brandung der Beliebigkeit. Man sollte Augstein und dem „neuen Freitag“ eine Chance geben. Viel Glück Freitag! Viel Glück Jakob Augstein!
Jens Berger
p.s.: Wer den Freitag nicht kennt, der kann sich auf den Internetseiten des Freitags unter “ePaper” die aktuelle Printausgabe als PDF herunterladen oder anschauen - ein Service, den keine andere Zeitung bietet; hoffentlich bleibt dies auch unter Augstein erhalten. Ich habe beispielweise den Freitag abonniert, weil ich ihn durch dieses Angebot schätzen und kennen gelernt habe.
Bildnachweis: Freitag
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Ich unterschreibe das mal alles - die taz träumt und nach dem Interview kann man vielleicht wirklich hoffen. Die Freitag ist ein ganz großes Presseerzeugnis unseres Landes.
Schau m’er mal würde Kaiser Franz nun sagen…
Die Ausgabe der Jungen Welt kann man allerdings auch Online ansehen, wenn auch nicht als E-Paper.
Tatsächlich ist “Freitag” eine hervorragende Zeitung, welcher leider zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, außerhalb ihres relativ bescheidenen Leserkreises.
Ich habe mich zwar für ein Abonnement der Jungen Welt entschieden, weil ich deren Analysen sehr schätze, allerdings stimme ich dir zu, dass diese weit dogmatischer ist als der “Freitag”.
@ Jens
Meinst du nicht das du da ein wenig zu gutgläubig bist? Es wird vielleicht keinen radikalen Wechsel geben aber ein langsames Einsickern konservativer und neoliberaler Ideen ist auf Dauer nicht weniger schädlich.
@Sandsturm53
Vielleicht ja - andererseits sehe ich nicht, dass Augstein so einfach Geld verbrennt. Wenn er ein anspruchsvolles Mainstreamblatt gründen wollte, bräuchte er dafür den “teuren” Mantel des Freitags nicht. Außerdem ist bei der Leserschaft, so wie ich sie kenne, Ärger vorprogrammiert, wenn er wirklich den Kurs ändern sollte. 14.000 Abos sind da schnell weg, meins eingeschlossen ;-)
Na ja, ich weiß nich…
So ganz koscher ist das nicht:
“Geschäftsführer des Verlags wird Detlev Hustedt, 44. Er war Ende der 90er Jahre stellvertretender Anzeigenleiter der „Welt“-Gruppe, anschließend Gesamtanzeigenleiter der „Woche“ und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Pressetext Deutschland. 2002 machte sich Hustedt mit einer Beratungsfirma selbstständig.”
tagesspieg...
Als langjähriger Leser und Abonnent kann ich mich deinen guten Wünschen nur anschließen.
*klatsch* *klatsch*
Bewegend.
Nun gehe ich mal auf den Onlineteil vom Freitag ~ und siehe da
freitag.de...
Erst dann wird mir klar was mit undogmatisch gemeint ist. Und ich erinnere mich an viele weitere Artikel und Interviews im Freitag über die ich beschämt war und die mich wieder daran dachten ließen das es eigentlich nur kostbare Zeit meines Lebens gekostet hat solch einen Müll zu lesen. Es sind aber irgendwie meist die kontroverseren Artikel die gleich ins Auge fallen und neugierig machen. So uninformativ sie auch sein mögen.
Hier z.b darf eine Sabine Schnarrenberger ihren Unfug unreflektiert von sich geben und Aussagen machen wie
“Die Privatisierung etwa, von der Sie sprechen, steht auch bei anderen Parteien auf der Agenda - und zwar zu Recht: Landesbanken vernichten gerade Steuergelder in Milliardenhöhe. Da ist es nur konsequent, wenn die FDP für private statt öffentliche Geldinstitute eintritt.”
Das hier kein Widerspruch, kein nachhaken, keine Anmerkung, kein Kommentar kommt, macht den Freitag wohl ‘undogmatisch’ = /
Hat Jakob Augstein noch irgendetwas mit dem Spiegel zu tun? Wenn ja, ist Freitag nur ein weiterer subtiler Spinableger.
Eines der wenigen erfreulichen Presseerzeugnisse, die dank bisherigem Internetauftritt, weit über die Grenzen Deutschland hinaus gelesen werden ;-)
Schliesse mich der Hoffnung an, dass dies so bleiben möge, vielleicht belohne ich das früher oder später auch mal mit einem Abo.
etwas mehr Info über den Burschen hätt ich mir gewünscht, immerhin kann er an der Wandlung des Lügel zum Boulevardpropgandaorgan nicht ganz unschuldig sein, und sei es nur durch Passivität oder (vermutlich noch mehr) Naivität
Als Journalist ist er mir jedenfalls noch nicht aufgefallen - u die Aussagen über ihn im Wikipedia im Artikel über Franziska Augstein machen mich eher skeptisch
na ja, ich lese beide, die JW täglich, den Freitag wöchentlich :-)
ich würde die JW nicht als dogmatisch, den Freitag als undogmatisch charakterisieren und gegeneinander abgrenzen. Die JW lebt einen festen linken antifaschistischen Kurs: Konsequenz wird also als Dogmatismus mißverstanden. Die JW ist in diesem Sinne programmatisch ‘einseitig’, was sie IMHO als Kontrapunkt zur Übermacht der Einheitsmedien auch sein muss. Solange man nicht nur sie liest und sich dessen bewußt ist, ist das auch gut so. Der Freitag ist ‘linksliberal’, vielleicht mit der Betonung auf ‘links’, ist in seinem Meinungsspektrum pluraler, was jedoch vielfach IMHO mit der Beliebigkeit erkauft wird, die den deutschen Mainstream so auszeichnet. Bei dem Bestreben, zu einer ‘pluralen’ Meinungsbildung beizutragen, geht oft die kritische Distanz zum Meinungshaften verloren, wie hier schon angemerkt wurde. Ich brauche keine Zeitung, die mir unkritisch die Meinung von Frau Schnarrenberger mitteilt. Möglicherweise wird sich jetzt diese Tendenz, wenn auch als langsamer Prozess verstärken, der kritische aufklärerische und widerständige Grundanspruch subtil zunehmend überlagert werden von marktgetriebenen antiaufklärerischen konformistischen Verwertungszwang
Alles in Allem sind beide bislang wichtige kleine “Inseln in einem Meer von Unsinn”. Ich halte aber die Monde Diplomatique (noch) für die bessere Zeitung.
@salvo
Unter Dogmatismus verstehe ich etwas anderes. Die “Reaktion” der jW auf politische Themen ist in jedem Sinne vorhersehbar. Sie ist im besten Sinne subjektiv und auch befangen. Wenn z.B. im außenpolitischen Bereich irgendetwas passiert, bei dem die USA oder ein us-gewogenes Land/Gruppe gegen jemanden steht, der antiamerikanisch ist, so wird die jW letzteren in 100% aller Fälle recht geben, egal wie die Gemengelage ist. Ich wünsche mir jedoch eine objektive Vermittlung der Gemengelage, die dann freilich auch gerne subjektiv kommentiert werden kann. Das tut die jW nicht. Aber ich will sie ja hier nicht nur schlecht machen. Rund 1/4 aller Artikel ist gut und interessant, der Rest ist aber (für mich) überflüssig, da ich schon vorher weiß, was sie schreiben werden - für solche “Eierschaukelein” brauche ich aber keine Zeitung. Was jW und andere z.B. dem SPIEGEL vorwerfen, machen sie ganz genau so … nur halt für ein anderes Lager.
Den Schnarrenberger-Artikel im Freitag finde ich auch mies, aber mal ehrlich - welches Medium bietet nur gute Artikel? Auch ich schreibe jede Menge Mist ;-)
“Le Diplo” ist auf jeden Fall empfehlenswert, erscheint aber nur ein mal im Monat und erfreut sich ebenfalls nur einer sehr kleinen Fangemeinde, die freilich durch die “Zwangsleser” der taz vergrößert wird.
Die Le monde diplomatique, die JW und der Freitag sind natürlich kleine, sehr wichtige Inseln in all dem Unsinn. Die Le monde ist wirklich einmalig, was die Art der Artikel betrifft.
Nur, wer hat die Zeit dafür, solch hochinteressante Reportagen, Ansichten und halbe Bücher zu lesen, wie Sie die Le Monde oder der Freitag bringt ?
Was wirklich in der Presselandschaft fehlt, und das ist das Dilemma, ist ein Produkt, welches nicht für vermeintlich “kluge” Menschen schreibt, die zuviel Zeit haben, für die drei Halbintellektuellen, die sich dann daran erfreuen, wenn Sie mit den publizistischen Redaktionen der Finanzkapitals ein Gefecht in Wörtern führen dürfen, sich an Ihnen messen, ohne dabei gehört zu werden, sondern eine Zeitung, die treibt, die eindeutig, deutlich die Sprache der Sprachlosen spricht.
Die rechten bürgerlichen Medienkonzerne haben es geschafft, ihre Verachtung für das “Volk” geschickt in andere Kleider zu stecken, es aufeinander zu hetzen und dabei ihr eigenes parteiisches Gesicht zu verschleiern, und ihnen ein Produkt zu verkaufen, dass diese selbst entstellt und wofür sie auch noch bezahlen.
Wenn das Bestreben Jakob Augsteins dahin gehen sollte, dem Freitag eine ähnliche Rolle wie die der Le Monde diplomatique für, mit und gegen die deutschen politischen Verhältnisse, eine Mischung aus Kunst, Kultur und german-foreign-policy, so hätte diese Produkt sicher seine Berechtigung. Aus der Ecke der publizistischen Nische, wird sich dieses leider auch nicht bewegen können.
Die “Le Monde diplomatique” ist eine hervorragende Zeitung. Wenn man Fränzösisch oder Englisch kann, sollte man die LMD auch in diesen Sprachen lesen. Wieso?
1. Fast alle Artikel werden von den Autoren der LMD in Englisch oder in Französisch verfasst. Das heißt, dass man in der deutschen Ausgabe überwiegend auf Übersetzungen trifft. Übersetzungen sind nicht schlecht, aber im Original liest sich die Zeitung besser.
2. Die deutsche LMD wird von der taz betrieben. Ich traue der taz nicht über den Weg, wenn es um eine korrekte Übersetzung geht. Außerdem sind die Redakteure politisch fragwürdig, so kann es vorkommen, dass Artikel über Kuba, Marxismus, Tibet und die Linkspartei einfach mal in der deutschen LMD wegbleiben. Das ist dreiste Manipulation und hat nichts mehr mit Journalismus zu tun.
Wenn man von der LMD spricht, sollte man wissen, dass die deutsche LMD von der taz zur Prostitution freigegeben wurde, während andere Ausgaben der LMD noch souverän und parteilich unabhängig sind.
@14
das ist leider wahr und auch ein Beleg dafür, wie fortgeschritten die massenmediale Gleichschaltung in Deutschland ist. In der Regel lese ich deshalb die franz. Ausgabe
Ich schätze die Freitag auch, nur male ich den Teufel nicht gleich an die Wand, um linke Reflexe und Paranoia zu bedienen, die mit der “Gleichschaltung” die Presse untergehen sieht. Ich kanns nicht mehr hören, noch lesen. Im Interview mit der Süddeutschen fand ich Jakob Augstein jedenfalls spontan glaubwürdig. Sicher kann man viel behaupten, wenn der Tag lang ist, aber warum sollte er es nicht schaffen, der Freitag bei gleicher Qualität zu mehr Erfolg zu verhelfen. Wir werden sehen.
Warum?
Freitag ist jetzt von Anzeigenkunden abhängig und wird daher korrumpiert. Wäre ich z.B. die Bayer-Werke, würde ich in dieser Zeitung Anzeigen schalten.
Warum?
Guck Dir den Spiegel an.
@Schwitzig
Ach nun komm … der SPIEGEL ;-)
Guck Dir links-intellektuelle Magazine im US-Bereich an, dort wirst Du auch Werbung finden, ohne dass die Magazine ein Blatt vor den Mund nehmen. Ich sehe auch keinen Grund, warum Bayer im Freitag werben sollte. Aber für Verlage, Kulturvermarkter und Anbieter von Produkten, die zur Zielgruppe passen, ist das doch ein ordentliches Werbeumfeld. Warum denn auch nicht? Da muss doch keine Beeinflussung dahinter stehen.
@ ralphs
Ich würde auch davon Abstand nehmen, von einer Gleichschaltung aller bürgerlichen Medien zu sprechen. Aber im Falle der taz kann man sehr wohl, davon sprechen, dass die “Le monde diplomatique” gleichgeschaltet wurde (d.h. auf taz-Linie gebracht wurde).
Wenn bürgerliche Medien einer Meinung sind, hat das wenig mit Gleichschaltung zu tun - viel mehr mit “Gleichdenken”. Wenn ich eine Gruppe von Leuten einseitig mit Informationen füttere, dann spucken sie am Ende alle dasselbe heraus. Das hat nichts mit böswilliger Lenkung (a la Henry Kissinger) zu tun, das ist willkürliche Blödheit (a la Frank-Walter Steinmeier). Was schlimmer ist, wage ich nicht zu vergleichen…
also im Vergleich zur franzosischen und den englischsprachigen empfinde ich die deutschen Medien, damit meine ich die den öffentlichen Diskurs beherrschenden, also diejenigen, die der Öffentlichkeit diktieren, wie, wann und worüber geschrieben und gesprochen wird, als weitaus gleichförmiger.
Als Beispiel für diese Gleichschaltung, meinetwegen Gleichdenken, diene dazu die Rezeption von Naomis Kleins ‘die Schock-Strategie’. In ihrer Rezeption dieser Rezeption hat Brigitta Huhnke das folgendermaßen beschrieben:
“Auf gänzlich anderem Niveau wurde bisher die „Schock-Strategie“ in der Bundesrepublik verhandelt bzw. genauer: die Autorin wurde schlicht mit Unflat beworfen. Weder in der politischen Presse beispielsweise der USA, noch in kanadischen oder englischen Medien, in italienischen, oder auch griechischen, ist die Autorin Naomi Klein mit ihrer 763 Seiten starken Untersuchung zur „Schock-Strategie“ derart diffamiert worden, wie bisher in diesem Land. Das verwundert nicht: Zum einen brechen sich in keinem anderen westeuropäischen Mediensystem sexistische Wahrnehmungsweisen so ungehindert Bahn, wie dies seit Jahrzehnten in bundesdeutschen Printmedien der politischen Presse Tradition hat. Insbesondere gebildete, gesellschaftskritische Frauen ziehen sexistische Aggressionen hier traditionell auf sich. Zu den besonders häufigen Strategien gehören: Entwertung, plumpe Anreden, Anspielungen auf den Körper der jeweiligen Frau, Kampfbegriffe, Verleumdung und patriarchale Belehrung [2], deren z. T. paranoide Dimensionen besonders erschrecken. Zum anderen ist die bundesdeutsche Presse mittlerweile dermaßen gleichgeschaltet – und zwar von innen heraus und nicht durch staatliche Zensur-, wie dies ebenfalls in keinem anderen westlichen Land der Fall zu sein scheint, nicht einmal in den USA, aber auch nicht in Nachbarländern wie Österreich oder Frankreich. Neoliberale Mantren gelten in diesem Land schlicht als Richtschnur und „Wahrheit“ und solche gegen Frauen allemal.”
labournet....
Das alte Lied, Werbung ist ganz böse, immer und überall. Das kommt auch aus dem Ideologenstadl, der Differenz nicht ertragen kann. Für mich ist es völlig offen, was mit der Freitag passiert. Und wenn dort Werbung steht, waere das auch ok, wenn das Geld in gute Beiträge zurückflösse. Vor allem das Internet-Angebot und den Service koennte man ausbauen. So habe ich seit 2001 in verschiedenen engagierten Zusammenhängen versucht, Kontakt mit der Redaktion aufzunehmen. Die hatten wahrscheinlich alle Angst vor Emails ;-),, denn eine Antwort gab es nie. Hatte und habe ich bisher noch mit keinem Onlinemedium auch größerer Verlage erlebt. Zeigt aber, das da Niemand mit Zeit und Kompetenz zur Verfügung stand.
“Das alte Lied, Werbung ist ganz böse, immer und überall.”
wer hat denn hier dieses Lied gesungen? Werbung ist nicht ‘böse’, verbirgt aber im Kontext Journalismus die Gefahr von Abhängigkeitsverhältnissen, die die journalistische Arbeit beeinflussen können. Darüber sollte man durchaus reden können. Es geht auch um die Glaubwürdigkeit des Mediums: Was soll ich zB von einem Medium halten, der in einem Artikel die Rolle der Finanzmärkte bei der Kreditkrise zum Gegenstand hat und daneben Werbung für Finanzprodukte der Deutschen Bank macht? Es ist schon eine Grundfrage, welches Selbstverständnis eine Zeitung hat: Will sie nur am öffentlichen Diskurs teilnehmen? Warum? Aus Interesse an der Wahrheit? Will sie etwas verändern? Oder bewahren? In welchem Interesse? Das sind Grundfragen des journalistischen Selbstverständnisses, meine ich, ohne ein Journalist zu sein. Was wird aber aus diesem gleichwie formulierten Anspruch, wenn sie sich der Warenform öffnet, sei es in der Form von Werbung? Kann sie sich davon absetzen? Hat sie denn nichts mit dem zu tun, wofür sie wirbt? Klingt komisch, nicht? Auch wenn sie selbst keine bloße Ware sein will. Kann sie zugleich unabhängiger Journalismus und Ware sein?
Ich frage mich, was ich von der Monde Diplomatique erwarte, wenn ich sie am Kiosk kaufe: Ich erwarte eine offene aufrichtige kritische Auseinandersetzung mit der Realität, ich erwarte eine Stimme, die mich erzählend ’sehend’ macht, dh mir hilft, das zu sehen und zu verstehen, was ich in der Begrenzheit meiner Lebenswelt nicht sehen und verstehen kann. Das kann, finde ich, keine Ware: die muss nur funktionieren, gebraucht werden, mir von Nutzen sein. Einer Zeitung will ich vertrauen können, und das kann sie nur wenn sie auf einer Kontinuität der Glaubwürdigkeit aufbaut.
@salvo
Das ist sicher der Fall, aber eher für Lokalzeitungen von Belang. Wenn der Kleinblubbersdorfer Kurier beispielsweise etwas über die schlechten Arbeitsbedingungen im Einzelhandel drucken würde, so wäre er schnell pleite, da Werbebeilagen von Supermärkten ein großer Einnahmefaktor für kleine Lokalblätter sind. Die Süddeutsche (oder war´s die Stuttgarter?) konnte den Ausfall verkraften, den sie aufgrund eines solchen Zwischenfalls erleiden mussten.
Für Spartenblätter, wie den Freitag, gilt dies noch weniger. Dort werden weder die Firmen inserieren, die sich durch Billigarbeit gesund verdienen, noch Rüstungskonzerne oder Finanzagglomerate. In vergleichbaren amerikanischen und britischen Medien werben bevorzugt Firmen, die sich etwas von der Leserschaft versprechen – das sind beispielsweise Anbieter von Studienreisen und Hersteller hochwertiger Produkte für den gebildeten alternativen Besserverdiener. Solche Unternehmen kommen eher selten in Konflikt mit der Berichterstattung und sollte es doch passieren, dann passiert es halt. Die inserierenden Unternehmen haben halt nicht die Marktmacht, die z.B. die Discounter haben.
Das ist ethisch sehr hoch gegriffen. Warum sollten ausgerechnet Journalisten damit einverstanden sein, für ihre harte und gute Arbeit keinen angemessen Lohn zu bekommen? Sind Journalisten etwa die letzten Idealisten? Meinst Du etwa ein Journalist vom Freitag würde anderes schreiben, wenn er anstatt 100 Euro pro Artikel, plötzlich 150 Euro bekäme? Verändern, Bewahren … alles schön und gut, aber man muß auch davon leben können. Genau so wenig, wie jeder ehrenamtlich in einer gemeinnützigen Stiftung arbeiten kann (außer er hat von Haus aus Geld), kann ein Journalist aus reinem Altruismus für Zeitungen schreiben, die permanent rote Zahlen schreiben.
Das ist ja alles gut und richtig – aber warum schließt sich das mit Werbung aus? Wenn ich z.B. im Freitag Werbung für gute Reisen, gute Bücher, guten Wein oder kubanische Zigarren sehe, macht das den Freitag in keinen Punkt unglaubwürdiger.
Alle die hochmoralisch kritisieren, dass Menschen, die als Journalisten, Herausgeber oder Mitarbeiter einer Zeitung arbeiten, auch gerne ein wenig Geld verdienen würden, gehen mE zu idealisierend an die Sache heran. Darf ich fragen, ob Du werktätig bist und ob Du für ein gemeinnütziges, oder ein kommerzielles Unternehmen arbeitest? Wenn ersteres der Fall ist, oder Du gar nicht arbeitest, möchte ich Dich zusätzlich fragen, ob Du es für erstrebenswert hältst, freiwillig für <1.000 € im Monat zu arbeiten – mehr bekommt ein „Freier“ nämlich im Regelfall nicht – auch nicht die Freitag-Autoren. Autoren im „Diplo“ sind übrigens idR gut situierte Fachleute, die meist aus der Lehre kommen. Wenn Du nur solche Autoren haben willst … OK, wenn Du aber auch Journalisten haben willst, wird es schwer mit der Enthaltsamkeit.
@jens
Du hast mich wieder mal total mißverstanden
- ich habe keinem Werbeverbot das Wort geredet, ich habe das lediglich reflektiert
- ich habe nicht moralisch argumentiert, das hast Du hineininterpretiert, wobei man sich nicht entschuldigen muss, wenn man das doch tut
- ich habe nichts dagegen, wenn Journalisten für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden, ich habe lediglich über die grundsätzliche Problematik einer Abhängigkeit von Anzeigenkunden nachgedacht
- es könnte sich herausstellen, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist (und nicht bloß des Marktes), dafür zu sorgen, dass ein kritischer unabhängiger Qualitätsjournalismus möglich ist, von dem die Schaffenden angemessen leben können, und der nicht von marktgetriebenen Verhältnissen abhängig ist (so hat der Freitag auch eine Zeitlang zum Teil funktioniert, man hat zB die Möglichkeit an der JW als Genossenschaft teilzuhaben)
- ich habe über den Widerspruch im Warencharakter journalistischer Arbeit nachgedacht, das hat mit ‘Idealismus’ absolut nichts zu tun
- und ja, ich arbeite in einem Lohnabhängigkeitsverhältnis, meine nicht, dass Journalisten allesamt ihre freie Zeit für mich opfern sollen, ich bin im Gegenteil von ihrer gesellschaftlich notwendigen Arbeit überzeugt, soweit sie sich nicht prostituieren und die Interessen von Herrschaft vertreten, und meine, dass man sie nicht den ‘Markt’ allein überlassen sollte
p.s. ich habe mich im Kern auf 21 bezogen, da ich diesen Beitrag so verstehen könnte, als dürfe man die Werbeabhängigkeit von Zeitungen überhaupt nicht problematisieren
@salvo
Sorry … da habe ich Dich wohl idT missverstanden. So wie Du das alles in #24 schreibst, kann ich dem natürlich zustimmen.
Ich kann es kaum fassen! Und zwar, dass Deine Hoffnung, lieber Jens und die der anderen Kommentatoren auf Beibehalt der Linie vom “Freitag”, an Naivität kaum zu überbieten ist. In Zeiten wo hohe Gewerkschaftsfunktionäre ihre Leute für einen lukrativen Vorstandsposten bei den Gegnern verraten, soll ausgerechnet ein angehender, wenn nicht sogar schon etablierter Medienmogul eine, seinen Interessen entgegengesetzte kritische Stimme fördern. Ha, ha. Lange nicht mehr so gelacht!
Wikipedia: “Er vertritt als alleinvertretungsberechtigter Dauertestamentsvollstrecker in der Gesellschafterversammlung des SPIEGEL Verlags den 24-Prozent-Anteil der Familie Augstein.”
Es ist doch ein alter Hut, dass führende Wirtschaftsunternehmen niemals, wie Du unter #4 schreibst Geld verbrennen (… “andererseits sehe ich nicht, dass Augstein so einfach Geld verbrennt…”), wenn sie sich ein Konkurrenzunternehmen unter den Nagel reißen. Wenn das eingekaufte Unternehmen mit entsprechender Kapitalrendite funktioniert, so ist das wunderbar. Wenn es nicht so gewinnträchtig wie geplant läuft: Auch wunderbar! Wird dicht gemacht und schwupp, ein Konkurrent weniger. Wo ist das Problem? Selbstverständlich wird in der Zwischenzeit die Linie des “Freitag” angepasst! Wetten dagegen nehme ich gerne an.
Ich kenne diesen Vorgang direkt aus der Automobilindustrie mit vielen nachweisbaren Beispielen. Warum sollte das gerade bei meinungsbildenden Medien anders sein?
@Charly
Zwischen dem Kultur- und Medienbereich und der Automobilindustrie gibt es aber kleine aber dafür um so feinere Unterschiede. Wer schreibt denn auch, dass man mit einer “linken” Wochenzeitung kein Geld verdienen könne?
@ Spiegelfechter
Ich würde doch gern wissen was du vom neuen Geschäftsführer hälst, immerhin war er ausgerechnet beim Spingerverlag und der “Woche”, irgendwie spielt das in deiner Betrachtung keine Rolle.
Warum?
Und warum soll ausgerechnet der Chef einer Beratungsfirma (Motto: m3management
menschen - marken - medien) eine der letzten verbliebenen linken Zeitungen führen?
Und welchen Einfluß kann man von ihm erwarten?
Sind das keine Fragen die du dir stellst?
Natürlich heißt das noch lange nichts, trotzdem: merkwürdig ist es schon.
Hallo,
Jens – wieder viel Zustimmung – doch auch Anmerkungen
ich war in den letzten Tagen nicht ganz momentan - da hat mich die “Freitag” Problematik doch etwas überrascht - andererseits auch wieder nicht.
Wer schon länger diese Zeitschrift liest, dem ist sicher aufgefallen, daß in letzter Zeit
brisante Themen nicht mehr angesprochen, bzw. nur in „undogmatischer“ Art und Weise behandelt werden.
Im Übrigen wurde schon zu DDR-Zeiten die Vorgängerzeitschrift „Sonntag“ in erster Linie von sog. „Linksintellektuellen“ gelesen.
Das diese Zeitschrift überhaupt so lange überleben konnte, ist schon ein kleines Wunder – doch meine Vermutung ist - jetzt geht es ihr an den Kragen.
Außerdem sind „junge Welt“ und „Freitag“ schon im Inhalt nicht miteinander zu vergleichen – A. Brie und F. Schorlemmer würden mit ihren Artikeln sicher keinen unkommentierten Platz in der „jW“ erhalten – aber im „Freitag“.
Trotzdem wird mir der „Freitag“ fehlen – doch warten wir erst mal ab.
Stark bleiben!
Danke für den Lesetipp. habe mir gleich mal das “EM-Angebot” geholt. die ersten beiden ausgaben, die ich gelesen habe sind sehr gut, auch wenn man mit der meinung nicht immer einverstanden sein kann. aber genau das will man ja, neue anregungen, gedanken, ideen …
vorher habe ich immer die frankfurter rundschau gelesen - aber seit längerer zeit ist die fr nur noch ein mainstream-blatt geworden, mit artikeln die ich überall bekomme …
ob der freitag schlechter wird, wegen augstein, kann ich nantürlich nicht beurteilen, da ich die “vor-augstein-zeit” nicht kenne. aber ich hoffe sie bleibt so wie sie jetzt ist, mit themen die sonst nicht angesprochen werden und mit neuen meinungen.
eine feindliche Übernahme?
linksnet.d...
Meinungen muss man jetzt nicht annehmen oder bekämpfen. Mann kann Sie verwerfen, dikutieren oder eben doch annehmen.
Was meintest du mit der feindlichen Übernahme?
ich möchte auf die Studie von Bernd Hamm aufmerksam machen, sofern nicht bekannt, die hier mE zum Thema ‘Medien’ gehört, weil sie ein Kernproblem unserer Zeit behandelt, nämlich “die Frage, wie sich öffentliche Meinung bildet und welche Rolle die Medien dabei spielen”, das ist “ein Kernproblem jeder demokratischen Gesellschaft”.
Auszug:
“„Die Bewusstseinsindustrie wird uns schon in der allernächsten Zukunft nötigen,
von ihr als einer radikal neuen, mit den Massen ihrer Anfänge nicht mehr zu
bestimmenden, rapide zunehmenden Macht Notiz zu nehmen. Sie ist die eigentliche
Schlüsselindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts“17. „An die Stelle der materiellen tritt
die immaterielle Verelendung, die sich am deutlichsten im Schwinden der politischen
Möglichkeiten des einzelnen ausdrückt: einer Masse von politischen Habenichtsen, über
deren Köpfe hinweg sogar der politische Selbstmord beschlossen werden kann, steht eine
immer kleinere Anzahl von politisch Allmächtigen gegenüber. Dass dieser Zustand von
der Majorität hingenommen und freiwillig ertragen wird, ist heute vielleicht die wichtigste
Leistung der Bewusstseinsindustrie“18. Enzensberger verweist auf die inhärente Dialektik
dieses Prozesses: Die Bewusstseins-Industrie muss ihren Konsumenten gerade das
geben, was sie ihnen nimmt. Sie muss ihnen Informationen geben, um zu
desinformieren; sie muss die Illusion selbständigen Urteils aufrechterhalten, um gerade
dieses zu verhindern. Zu keiner Zeit war Information, gerade auch kritische, so breit
zugänglich wie heute – und zu keiner Zeit war sie so wirkungslos.”
cultura21....