Sarkozys Mittelmeerunion steht vor dem Aus
geschrieben am 24. Juni 2008 von Spiegelfechter
Nicolas Sarkozy hatte sich den 14. Juli dieses Jahres so schön vorgestellt. Am Vorabend des französischen Nationalfeiertages wollte er die Staatsführer elf afrikanischer und arabischer Mittelmeeranrainerstaaten treffen, sie für „sein“ Projekt der Mittelmeerunion – die seit Merkels vehementer Kritik allerdings nur noch „Union für das Mittelmeer“ heißen darf – begeistern. Am Nationalfeiertag selbst wollte er zusammen mit Politikern wie Olmert (Israel), al- Assad (Syrien), al-Gaddafi (Libyen), Bouteflika (Algerien) und Mubarak (Ägypten) die traditionelle Militärparade auf dem Champs-Elysee abnehmen und danach mit ihnen und Vertretern der EU die „Union für das Mittelmeer“ besiegeln – ein historischer Moment. Was Sarkozys großer Coup hätte werden können, scheitert allerdings bereits im Vorfeld an innereuropäischen, innerafrikanischen und innerarabischen Querelen. Damit ist diese „Union“ symptomatisch für die EU-Außenpolitik, die mit Pleiten. Pech und Pannen umschrieben werden könnte.
Zwischen der EU und den afrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten gibt es seit 1995 den Barcelona-Prozess, in dem gemeinsame politische Ziele und deren Verwirklichung umgesetzt werden sollen. Der Barcelona-Prozess ist ein „typisches“ Kind der EU-Bürokratie – endlose Verhandlungsrunden, in denen jedes Mitglied seine eigenen Positionen durchkämpfen will, wobei als Formelkompromiss meist nicht mehr als belanglose Absichtserklärungen herauskommen. Als Sarkozy kurz nach seinem Amtsantritt noch ein hibbeliger Hans Dampf in allen Gassen war, wollte er diesem Zähen Prozess ein Ende machen und zwischen Frankreich und den strategisch wichtigen Nationen Nordafrikas eine Art privilegierte Partnerschaft anstoßen. Damit baute er indirekt auf die geostrategischen Visionen eines Brzezinskis auf, der bereits 1997 Frankreich empfahl, sich Nordafrika in seine Hegemonialsphäre einzuverleiben. Flankieren konnte er dies mit Staatsbesuchen in Algerien und Libyen, die zwar reich an Konfliktpotential waren, aber für ihn aus geostrategischer und energiestrategischer Sicht große Erfolge waren.
Sarkozys Traum einer „Mittelmeerunion“ manifestierte sich – er konnte Spanien, Portugal, Italien, Malta, Zypern und Griechenland als EU-Mittelmeeranrainer dazu bewegen, bei seiner „Union“ mit zu machen und er erkannte zwei außenpolitische Ziele, die er im Rahmen dieser „Union“ ebenfalls angehen konnte. Das Versprechen der EU-Vollmitgliedschaft ist für die Politiker der christlichen und konservativen Parteien Europas ein Menetekel, dem sie – wenn möglich – aus dem Weg gehen wollen. Was würde sich dazu besser eignen, als die Vollmitgliedschaft in einer EU-Mittelmeerunion, in die die Türkei als Ersatz für die EU-Vollmitgliedschaft eingegliedert werden könnte? Desweiteren wollte Sarkozy seinen persönlichen Erfolg im Nahostkonflikt erzielen – eine Institution, in der Israel Seite an Seite mit den islamischen Staaten Nordafrikas und den später ebenfalls eingeladenen Staaten Syrien, Libanon und Jordanien an einem Tisch säße, wäre genau die Normalisierung der Beziehungen, die Israel und seine europäischen Verbündeten sich schon lange wünschen.
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es der neidischen Nachbarin nicht gefällt. Die Ziele, die Sarkozy mit seiner „Mittelmeerunion“ verfolgen wollte, liegen zwar alle samt im Interesse der deutschen Außenpolitik der Großen Koalition, aber dem hyperaktiven Napoleonverschnitt im Elysee einen derart großen Erfolg gönnen? Nein, das war nicht nach den Vorstellungen der uckermärkischen Landfrau. Hinzu kommt der deutsche Anspruch, in zentraler Position am politischen Prozess in Nordafrika teilzunehmen und das Feld nicht Frankreich alleine – und damit der französischen Wirtschaft – zu überlassen. Daher intervenierte Merkel im März dieses Jahres in ungewohnt barscher Manier und stutzte Sarkozy auf seine „Größe“ von 1,62 Meter zurück. Aus der „Mittelmeerunion“ wurde eine „Union für das Mittelmeer“, in der neben den Mittelmeeranrainerstaaten alle EU-Staaten vertreten sind, die von Brüssel und nicht von Paris bestimmt wird und in der der kleine Franzose von Deutschland kontrolliert und bei Bedarf auch gestoppt werden kann. Die „Union“, die vor allem die sicherheits- und energiepolitische Zusammenarbeit zwischen den europäischen und afrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten koordinieren sollte, ist derweil auf ein Konsensmodell geschrumpft, das vor allem europäische Problempunkte behandeln soll – so z.B. die Umweltverschmutzung, die illegale Einwanderung und die Förderung der Solarenergie. Ein großer Erfolg für Merkel – wenn die „Union“ denn so käme, wie sie es sich wünscht. Das ist aber heute – drei Wochen vor den Gründungfeiern in Paris – ungewisser denn je und die Zeichen stehen schlechter denn je.
Zum wortgewaltigen Widerpart hat sich ausgerechnet Sarkozys „neuer Freund“ in Nordafrika aufgeplustert. Oberst al-Gaddafi schwebte letztes Jahr, als er den „lieben Nicolas“ empfing, eine bilaterale Partnerschaft zwischen einigen europäischen und einigen afrikanischen Staaten vor, in der die Machtverhältnisse pari gewesen wären. Eine von Brüssel gelenkte Union, in der die afrikanischen Staaten Juniorpartner sind, lehnt der selbstbewusste al-Gaddafi kategorisch ab. „Wir sind weder ausgehungert, noch Hunde, dass sie uns Knochen hinwerfen müssten“ kommentierte al-Gaddafi sarkastisch. Er hat bereits angekündigt, dass er nicht an den Feierlichkeiten in Paris teilnehmen wird und Libyen damit als Mitglied der Union bereits ausscheidet. Auf einem Gipfeltreffen Anfang Juni traf er sich mit den Regierungschefs Algeriens, Marokkos, Mauretaniens, Syriens und Tunesiens und konnte auch bei ihnen seine Bedenken streuen. Algerien – laut Sarkozy der Schlüsselstein der afrikanischen Seite – droht mittlerweile ebenfalls mit seinem Fernbleiben beim Staatsakt in Paris.
Algeriens Premier Bouteflika teilt nicht nur al-Gaddafis Sorgen, die afrikanischen Staaten könnten von einer aus Brüssel gesteuerten Machtkonzentration Europas erdrückt werden, Bouteflika hat eigene Gründe, dem Projekt skeptisch gegenüber zu stehen. Sarkozy konnte sich beispielsweise immer noch nicht durchringen, sich für die Gräueltaten Frankreichs während des algerischen Befreiungskriegs entschuldigen, bei dem – je nach Quelle – zwischen 350.000 und 1.500.000 Algerier getötet wurden. Desweiteren rückt für Algerien und andere islamische Staaten die Mitgliedschaft Israels immer stärker ins Visier. Die Zusammenarbeit arabischer Staaten mit Israel in einer supranationalen Union wäre zweifelsohne eine Normalisierung der Beziehungen. Dies wird aber von der arabischen Liga konsequent abgelehnt, da sie eine Rückgabe der palästinensischen und arabischen Gebiete, die sich Israel nach 1967 einverleibt hat, als „conditio sine qua non“ betrachtet, um die politischen Beziehungen zu Israel zu „normalisieren“. Letztendlich wird dies die Gretchenfrage sein, die die Gründung der Union entscheiden wird. Es erscheint anlässlich der europäischen Nahostdoktrin ausgeschlossen, dass ein einziger EU-Staat der „Union“ beitreten wird, wenn Israel auf Wunsch der arabischen Staaten ausgeschlossen würde.
Am 12. Juli werden sich die Staatschefs Algeriens, Marokkos, Tunesiens, Syriens, Jordaniens, Ägyptens und Mauretaniens zu einem Gipfeltreffen am Vortag des „Pariser Gipfels“ zusammenfinden, an dem auch die Vertreter Libyens teilnehmen werden. Auf diesem Treffen soll vor allem die „Israelfrage“ thematisiert werden und erst dann soll in perfekter Dramaturgie über eine Teilnahme bestimmt werden. Die einzigen Staaten, die bislang Sarkozys Linie stützen, sind Tunesien und Ägypten – Tunesien wurde der Sitz der „Mittelmeerunion“ versprochen und Ägyptens Präsident Mubarak darf der erste Vorsitzende für die afrikanische Seite der „Union“ sein. Es bleibt indes abzuwarten, wie der innenpolitisch schwache Mubarak es seiner islamistischen Opposition verkaufen will, wenn er als einer der wenigen Vertreter Nordafrikas einer Union beiwohnt, die Israel ohne Vorbehalte als gleichwertiges Mitglied akzeptiert. Wenn neben Libyen einige andere Staaten ausscheren sollten, wäre dies wohl die Initialzündung für alle islamischen Staaten, die Union abzulehnen. Auch die Türkei befürchtet, trotz gegenteiliger Bekundungen der EU, immer noch, in eine Falle zu tappen, die ihr die EU-Vollmitgliedschaft verbauen könnte und zögert bis jetzt noch mit einer Zusage.
Wenn all diese Staaten absagen, säße Sarkozy am Nationalfeiertag alleine mit Olmert auf der Ehrentribüne – vielleicht könnte dann auch noch Merkel zu ihnen stoßen und gemeinsam mit ihnen beim Abnehmen der Militärparade ein weiteres diplomatisches Waterloo „feiern“. Wer diplomatisch derart dilettantisch vorgeht, wird das Militär vielleicht eher brauchen, als er denkt.
Jens Berger
| Tags: Ausland Geopolitik | |
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Tatsächlich müssten wir mit den Mittelmeeranrainern schnellsten einen engen Verbund herstellen weil die afrikanischen Anrainer die Wüsten haben, die wir für thermale Solarkraftwerke brauchen könnten und weil die anderen als Durchleitungsstaaten auf unserer Seite sein müssten.
Wir brauchen dringend ein Konzept einer gemeinsamen Entwicklung mit langfristigen gegenseitigen Absicherung. Was natürlich eine Partnerschaft voraussetzt.
naja, die union wär für die energieerzeugung nicht zwingend notwendig,
sie wär nur notwendig um die für die installation notwendigen mega investitionen abzusichern,
und natürlich um den entsprechenden kartellen das monopol auf die gesamte gewinnkette zuzuschustern
Okay, die Aushilfslektorin meldet sich zu Wort:
5. Absatz: Streiche “heraus geplustert”, schreibe “aufgeplustert” (ich zumindest kenne den ersten Begriff nicht, kann aber sein, dass ich da eine Lücke habe.)
6. Absatz: Erstes Wort, AlgerienS Premier…
1.500.000 AlgerieR statt AlgerieN
7. Absatz: Wurde Tunesien der Sitz oder der VORsitz der MU versprochen? Wenn Sitz: Welcher Sitz?
Zum Artikel: So, wie Sarkozy und Olmert sich das vorstellen, wird es kaum laufen, schätze ich. Ich wäre an und für sich sehr für so eine Union, aber dazu müssten sich alle Staaten verpflichten, sich an das Völkerrecht zu halten und die Menschenrechte einzuhalten. Alle. Dummerweise vernachlässigen wir selbst diese “Rechte” teilweise immer massiver, so dass wir da nicht wirklich glaubwürdige Vertreter bzw. Forderungssteller sind. Zu Israel würde ich sagen, dass sich die Politiker dort langsam mal von anachronistischen Vorstellungen wie einem reinjüdischen Staat in Großisrael verabschieden sollten und sich ruhig mit dem Gedanken anfreunden könnten, in einer Union zu leben, bei der Religion, ethnische Herkunft und ähnliches keine Rolle mehr spielen. Oder eben die besetzten Gebiete ein für alle mal zu räumen. Für eine echte Demokratie sollte das ohnehin außer Frage stehen und dann klappt’s auch mit den Nachbarn. Für die Zukunft stellt die Mittelmeerunion für alle Beteiligten die beste Chance auf Wohlstand und Frieden dar und es wäre wünschenswert, wenn alle versuchen würden, den eingeschlagenen Weg ohne Wenn und Aber zu gehen und Demokratiedefizite abzubauen, was natürlich nicht nur für Israel gilt, sondern auch für Polizeistaaten wie Ägypten etc.
Guter Artikel Jens ;) Was wir mit der Mittelmeerunion erleben ist ein innereuropäischer Wirtschaftskrieg unter zugespitzen ökonomischen Bedingungen zwischen Frankreich und Deutschland, bei dem die französischen Konzerne wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen.
Ich hatte ja früher schon erwähnt, dass die Variante der französischen Eliten, sich gegen die deutschen Exportweltmeisterfraktionen, und deren Sonderbeziehungen zu Russland sowie dem Druck des Euros auf die französische Wirtschaft mit einer Ausdehnung in Richtung Afrika zu wehren kurzfristig wirklich Erfolg versprach, gäbe es da nicht eine weltweite Rezession und Angela Merkel, die Sarkozy umarmend, eiskalt abserviert hat und Anspruch auf den afrikanischen Kuchen, dem traditionell französischen Einflussgebiet, für die deutschen Konzerne lachend durchsetzt.
Tja, vor Frau Merkel muss man wirklich Angst haben…
Wäre mal interessant zu erfahren, warum Gaddafis Sohn damals so ungewöhnlich lauthals die Details mit den französischen Waffendeals in der Presse rausposaunt hat: Vielleicht war diese offene Ankündigung schon das Ergebnis diskreter deutscher Diplomatie ;)
@Kati
Danke für das Lektorat – Tunesien wird den Sitz der Organisation beheimaten. Wo, das ist noch unklar, wahrscheinlich aber in Constantine.
Wenn dies die “conditio sine qua non” sein sollte, wird es keine Union geben. Weder Israel, noch die nordafrikanischen Staaten werden sich an diese Vorgaben halten. Man darf auch nicht vergessen, dass es nur die Nichteinhaltung demokratischer Spielregeln ist, die z.B. in Ägypten und Algerien überhaupt einen Staat möglich machen, der nicht(!) von religiösen Fundamentalisten geführt wird – die Münze hat zwei Seiten.
Die Folge wäre aber kein pluralistischer Staat á la EU-Staaten, sondern eine Theokratie, die demokratisch legitimiert wurde; aber das wurde Hitler auch. Strike – Godwins Law *lol*
die bedenken, wonach die eu in zonen zerfalle, eine nach Süden orientierte, und eine andere, die ihre strategischen beziehungen nach osten ausbaut, scheint das ganze gekippt zu haben. im übrigen ist es ganz gut, wenn dem kleinnapoleon mal die flügel gestutzt werden. der würde ansonsten noch übermütiger. dass die merkel sich einbinden liess, die total verwässerte vorlage zu mit zu präsentieren, ist irgendwie peinlich.
@lupe
Hmm, so viel Gutes kann ich daran gar nicht erkennen. Das Ganze ist ein typisch europäischer Formelkompromiss, der die einzelnen Länder schwächt und die ganze EU ebenfalls. Man muß nun mal einsehen, dass man einzeln oft mehr erreicht, als zusammen.
Ein Deutschland, dass ohne polnische Paranoia, mit Rußland eng auf dem Gebiet der Energiesicherheit und Sicherheitspolitik zusammenarbeiten kann, könnte viel für Deutschland und Europa erreichen. Genau so wie ein Frankreich, das ohne deutsche Eifersüchteleien wichtige Ergebnisse in Nordafrika erzielen könnte.
da stimm ich 97% zu, nur dass ich die “eifersüchteleien” ( dümmlich bis geniale verkürzung ) nicht bei DE sehe , und die marionettenfäden, so oder so, zum grossteil ausserhalb der EU
in DE und EU kümmert es keinen mehr ob zB sardinenkonservenschiffe unter französischer oder spanischer flagge den letzten rest aus dem mittelmeer kratzen werden.
das ist beim energie thema evtl etwas anders, aber auch da nicht grundverschieden
ein problem, dass hier nicht angesprochen ist, u dass die EU ( bzw F ) schlicht übersehen hat ist, dass weder israel noch libyen etc etc etc – anders als der ehm ostblock – darum winseln müssen in die eu bzw mittlemeerunion aufgenommen zu werden – mann kann sie nicht mal, wie ehedems die schweiz mit sanfter gewalt daran erinnern was gut für alle ist – andersrum wird ein schuh draus, siehe kommentar 1
die absurde pressegeschichte des soldaten der zur sarkozys abflug wahlweise vom dach fiel, selbstmord beging oder erschossen wurde sagt mehr als tausend wahre märchen :
dieses patt problem wird innert kurzem gelöst werden müssen
Danke @name, der das Wichtigste gesagt hat…
Hi Jens,
Weltklasse, Jens! *lol* Ich nenn’ den kurzen Franzosen immer nur noch “Sarkotzi” – hat bei Weitem nicht Deine Klasse!
Beste Grüße
Vogel