Der Mensch ist in erster Linie menschlich
geschrieben am 22. Juli 2010 von Spiegelfechter
ein Gastbeitrag von David Liese
Gerade in den vergangenen Wochen der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ist der Nationalismus vor allem in den westlichen Ländern geradezu neu aufgeblüht. Fahnen, wohin das Auge reicht, und ein jeder singt mit stolzgeschwellter Brust die Nationalhymne. „Die Deutschen“ werden „die Engländer“ schlagen, auf südafrikanischem Boden, während die Einwohner in ghettoartigen Townships auf eine bessere Welt warten.
Verbindet den Menschen denn tatsächlich die Zugehörigkeit zu einem nationalstaatlichen Gebilde? Bin ich wirklich “deutsch”, nur weil ich in diesem Land, zu dessen Genesis ich nichts beigetragen habe, geboren wurde, von Eltern, in deren Ausweisen die entsprechend deutsche Staatsbürgerschaft verzeichnet ist?
Soll ich stolz sein auf mein Land, nur weil der Zufall es so wollte, dass sich große Denker der Weltgeschichte wie Goethe und Marx und Humboldt ebenfalls Deutsche nennen konnten? Ich glaube; wenn ich stolz sein soll auf diese Persönlichkeiten, wenn ich einen Teil des erworbenen Ruhmes dieser Personen also sozusagen auf mich übertrage, muss ich mich andererseits auch mitschuldig bekennen an den Greueltaten, die im Namen des deutschen Volkes durch Adolf Hitler und sein NS-Regime verübt wurden. Will ich mich nämlich nur im Glanz der Pracht sonnen, bin ich nichts als ein Heuchler, der wohl kaum ernst genommen werden kann.
Jedoch ist beides selbstverständlich grober Unfug. Ich kann nur verantworten, was ich selbst getan oder gedacht habe, nicht aber die Taten oder Gedanken irgendeines anderen Menschen, egal ob er ein Landsmann ist oder mit mir verwandt oder mit mir in sonst irgendeiner Beziehung steht. Ich kann weder stolz sein auf mein Land noch auf meine Vorfahren, und ich muss auch keine Erbschuld mit mir herumschleppen und meinen Kopf demütig senken, wenn ich einem Juden auf der Straße begegne.
Doch meine Ausgangsfrage war eine andere. Bin ich nun in erster Linie “Deutscher”, wie andere “Briten” oder “Franzosen” oder “Russen” sind? Ich denke nein. Denn, wenn ich keinen Bezug haben kann zu meinem Heimatland, das sich neben staatlichen Insignien wie einer Hymne oder einer Flagge vor allem durch seine Historie konstituiert, wenn ich also zu dieser Historie natürlicherweise nichts beitragen konnte, dann unterscheidet mich zunächst einmal auch nichts von dem Briten auf seiner Insel, für den das selbe gilt. Würde man ein Kind aus Großbrittanien und ein deutsches zusammen aufwachsen lassen, sie wüssten nicht, wer von ihnen “deutsch” und wer “britisch” wäre, weil sie die Landesfarben nicht auf dem Körper tragen und die Hymne nicht schon in der Wiege schreien können. Erst im Kindesalter wird ihnen von den Eltern, von der Kindergärtnerin, von der Schule, und nicht zuletzt von den Medien das “Deutschsein” und das “Britischsein” beigebracht werden.
In erster Hinsicht bin ich also nicht mehr unterschieden von einem Ausländer als ich es von einem Landsmann bin. Was aber verbindet die Menschen dann miteinander?
Plausibler erscheint da schon die Antwort der Materialisten. Wenn Marx schreibt, dass es vor allem die Besitzverhältnisse sind, die die Armen zur Klasse des Proletariats und die Reichen zur Bourgeousie eint, dann meint er damit, dass dieser Klassenunterschied über jedwede nationale Grenze hinaus Geltung hat. Vielmehr fühle ich mich dann wohl also mit einem Arbeiter aus Brasilien verbunden als mit dem reichen Bänker aus München-Grünwald, weil jener tagtäglich mit denselben oder zumindest ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie ich, während dieser ein völlig von meinem verschiedenes Leben lebt. Logisch folgte aus dieser Einsicht die internationale Arbeiterbewegung, die Voraussetzung war für den Klassenkampf und letztlich den Weg zu Marx’ Ideal des Kommunismus.
Jedoch scheint mir auch hier der Unterschied vor allem menschengemacht zu sein. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir alle “arm” im marxschen Sinne, weil jeder von uns besitzlos ist. Die Theorie des Materialismus kennt keine selbstverschuldete Armut, sie kennt nur historisch generierte und in ihrer Dialektik mehr oder weniger starre gesellschaftliche Klassen. So zutreffend der Marxismus in seiner ökonomischen Analyse ist und so genial in seiner Idee der Internationalisierung, der Aufhebung jeder Kleinstaaterei zugunsten der ganzen Menschheit, so unbrauchbar ist er für die Beantwortung meiner Frage, was die Menschen im Grundsätzlichen verbindet.
Was aber ist dann die Ursache dafür, dass ich mich mit Menschen verbunden fühle, dass ich sie “Mitmenschen” nenne, dass ich nicht und niemals im isolierten Selbstsein verbleiben kann, wie Heidegger erkennt? Für ihn ist das “Mitsein” der ständige, wenn auch defektive Modus des menschlichen Lebens. Doch erst Hannah Arendt erkennt die verdrehte Wertung in Heideggers Philosophie; nicht das isolierte Selbst, sondern das gesellschaftliche Miteinander ist die eigentlich authentische Lebensform. Charles Darwin begründet dies in seiner allgemein anerkannten Evolutionstheorie, und Pjotr Kropotkin stellt Jahrzehnte später noch einmal klar, dass der “struggle of life” nicht allein, sondern immer schon mit gegenseitiger Hilfe der Lebewesen untereinander gekämpft wird.
Zunächst einmal sind wir also alle Menschen unter Menschen, noch bevor wir uns Deutsche oder Briten nennen können, noch bevor wir arm oder reich sind, bevor wir gar wissen, wer unsere Mutter, wer unser Bruder ist. Die Forderung, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt, ist umso eindeutiger in einer globalisierten Welt, die wirtschaftliche und politische Zusammenhänge längst über die nationalen Grenzen, ja über ganze Kontinente hinweg getragen hat. Nur die Gesellschaft ist noch verhaftet in ihrer gestrigen Mentalität; sie ist noch nicht bereit, in globalen Zusammenhängen zu denken. Der Deutsche bleibt der Deutsche und der Brasilianer der Brasilianer, dessen Leben mich nichts angeht, obwohl ich tagtäglich Bananen von seinen Plantagen esse.
Die Globalisierung hat den Menschen längst überholt, und die Auswirkungen zeigen sich in der verheerenden Verantwortungslosigkeit, ja Unwissenheit, mit der unter den Augen einer Minderheit der Großteil der Weltbevölkerung ausgebeutet und verknechtet wird. Wir müssen uns besinnen auf unser Menschsein, das wir mit allen anderen Menschen teilen, nicht nur mit denen aus unserer Familie, unserer Nation, unserem Kulturkreis. Dementsprechend ist jetzt eine neue Solidaritätsbewegung mehr gefragt denn je. Ein neuer Internationalismus, ja ein Supernationalismus, der über jedwede ideologischen und territorialen Grenze hinweg alle Menschen anspricht, ist dringend notwendig. Nur so kann das Schreckgespenst der dehumanisierten Kapitalismusmaschine – und nichts anderes ist dieses scheinbar mit natürlicher Determination funktionierende technokratische Supersystem – wieder in menschliche Bahnen geleitet werden.
Geschichte ist machbar. Diese Erkenntnis stammt von Rudi Dutschke, dem klugen Kopf der Studentenbewegung 1968. Nahezu alle positiven Veränderungen der Menschheitsgeschichte wurden von der Gesellschaft, das heißt von untereinander solidarisierten Individuen, errungen, manchmal gewaltsam, manchmal allein durch die erdrückende Präsenz der Massen. Wir – das sind alle Menschen – haben heute noch die Chance, Geschichte zu machen, durch friedlichen, aber bestimmten Protest eine Veränderung der Welt zum Besseren zu erreichen. Das ist nicht selbstverständlich. Die Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften in der vielzitierten dritten Welt hat schon jetzt zu einem ausgeprägten und berechtigten Hass auf die Industrienationen geführt. Wir müssen uns darauf besinnen, uns mit all diesen – grundsätzlich nicht von uns unterschiedenenen – Menschen zu solidarisieren, bevor sich die Massen gegen uns wenden und beginnen, sich gewaltsam zu wehren und der Unterdrückung ein Ende zu setzen.
Der Kapitalismus hat unsere Welt zersplittert. Er hat dies mit dem Bewusstsein getan, die klaffenden Schluchten zwischen Armut und Reichtum auch geographisch auf ein Maximum hin auszudehnen, um sie zu tarnen und für den Einzelnen möglichst unerkennbar zu machen. Es liegt nun an uns Menschen, unsere Welt zurückzuerobern, sie wieder zu einen, und einen wirklichen, nicht nur einen ökonomischen, Globalismus zu schaffen. Die Mittel dazu haben wir bereits tagtäglich in unseren Händen; es sind die technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte, die es möglich gemacht haben, über gewaltige Distanzen hinweg soziale Kontakte aufzubauen.
Der Mensch ist in erster Linie menschlich, und jeder von uns ist auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Nur in einer globalen Solidargemeinschaft kann es Frieden und Wohlstand geben. Lasst uns heute anfangen, sie zu schaffen!
David Liese
David Liese ist Student der Politikwissenschaften und der Philosophie an der Universität Regensburg. Außerdem ist er leidenschaftlicher Künstler und verwirklicht sich gern musikalisch, filmisch und auch literarisch.

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Genau! Wir sind alle Terraner, sagt doch schon Perry Rhodan!
Ich bin vor allem stolz ein Mensch zu sein. Wobei, wenn ich mich so umschaue muss ich meinen Satz umformulieren. Ich bin vor allem ein stolzer Mensch. Ist es auch noch nicht ganz. Aber jetzt: Ich bin ein stolzierendes Lebewesen.
Ja, das ist schön!
Komischerweise wird aber immer von allen Seiten von uns gefordert, das Eine zu tun und das Andere zu lassen…
Also entweder soll ich stolz sein und mich nicht für irgendwas schämen (meinen die Rechten),
oder ich soll mich schämen und nicht stolz sein (meinen die Linken).
Sehr ‘konsequent’ von beiden Seiten…
Konsequenterweise müsste man entweder beides tun, oder beides lassen, alles Andere ist grober Unfug.
denn in unserem momentanen Zustand ist keine Einigung möglich. Die Summe von 1000xschlecht ist nicht =gut.
Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich mit anderen zu gruppieren. Jede Gruppe grenzt sich von anderen ab und schöpft dari Kraft und Selbstvertrauen. Die Grenze kann eine Staatsgrenze sein, die geistige Gesinnung oder die Mitgliedschaft in einem Schrebergartenverein. Fahnenschwenkend, fahnenverbrennend, fahnenhissend – egal. Mit anderen darauf stolz zu sein, in der Gruppe zu agieren und sich zu defnieren ist menschlich.
“Der Mensch ist in erster Linie menschlich.”
Ja!
Raaaaaaah – und der Nächste der keine Ahnung hat, was Nationalismus ist.
Das was man während der Fußball-WM beobachten konnte, hatte mit Nationalismus – nicht nur in Deutschland – herzlich wenig zu tun.
Irgendein intelligenter Kopf hat mal gesagt “Patriotismus heisst sein Land zu lieben und Nationalismus heisst alle anderen Länder zu hassen”.
Hi Svenske,
das ist so nicht ganz korrekt, trifft aber den Punkt relativ genau. Nationalismus und Patriotismus haben die selbe Wurzel, nämlich die Liebe zur eigenen Nation, wobei sich der Patriotismus eben eher auf das Vaterland, der Nationalismus auf die eigene Nation konzentriert.
Die Euphorie zur WM lässt sich durchaus als gemäßigter Nationalismus charakterisieren, der freilich klar von exklusiven, rassistisch gefärbten Nationalismen abzugrenzen ist.
Siehe dazu z.B. Jerzy Mackow oder Ernest Gellner, für den Nationalismus nichts weiter als das Bestreben war, ethnologische und politische Grenzen übereinzubringen. Es gibt also auch durchaus Nationalismusbewegungen abseits des “Hasses” auf andere Länder.
@ SwENSkE
“………. und Nationalismus heisst alle anderen Länder zu hassen”.
Ist es möglich, daß er nicht “Nationalismus” sondern “Nazismus” gemeint hat ?
Ich lese jeden Tag mehrere Artikel (im russischen Raum), die von Nationalisten geschrieben wurden.
Ich würde nicht behaupten, daß sie Haß gegen andere Länder bzw. Kulturen verbreiten würden.
Es ist eher anders, sie bezeugen sogar viel Respekt gegenüber anderen Kulturen.
Bei einigen von ihnen konnte ich sogar ähnliche Gedanken und Aufrufe, wie im “David Lieses” Artikel, entdecken.
Die Nationalisten beschäftigen sich aber mit ihren eigenen Problemen.
Sie wollen zuerst ihre eigene “Nationale Welt” in Ordnung bringen.
Die übrige Welt kommt für sie an zweiter Stelle.
Die “Nazis” stammen aber aus einer anderen Oper.
Deren Artikel kann man nicht länger als ein paar Minuten aushalten.
Vielleicht schafft das jemand länger, aber mein Leben ist (zum Glück) nicht so lang.
@ David Liese
Schöner Artikel, ich glaube aber nicht, daß die Völker dieser Welt sich für Deine Aufrufe interessieren.
“……, wobei sich der Patriotismus eben eher auf das Vaterland, der Nationalismus auf die eigene Nation konzentriert”.
Patriotismus und Nationalismus sind unzertrennlich vom Vaterland.
Nazionalismus kann nicht ohne Patriotismus und der Liebe zum Vaterland existieren.
Vaterland ist nur Patrioten/Nationalisten etwas von Bedeutung.
All diese Dinge sind unzertrennlich.
@Truvor
Dann erledigst du deine täglichen Lektüren nicht aufmerksam genug.
Nationalismus und Xenophobie sind unzertrennlich wie ein Liebespaar.
Ich vergnüge mich zwar nur gelegentlich mit derart Lektüren, aber auf xenophobe Ressentiments stoße ich in dem Milieu andauernd.
Nationalpatrioten sind zwar durchaus tolerant zu ausländischen Brüdern im Geiste, nicht jedoch zu einheimischen Minderheiten und allerlei “Gastarbeitern”, die ihrer Meinung nach zu unrussisch oder zu undeutsch sind und den “besseren Menschen” die Arbeit wechnehemn. Es ist die billigste Art sich selbst aufzuwerten, indem man auf die schwächsten draufhaut. Zur Abwechslung kann dem Zweck auch das abstrakte Böse wie das Weltjudentum dienen – ist ja auch ex def unrussisch wie undeutsch.
Viel eher sind sie mit Mythenbildung beschäftigt, um ihre Exklusivität und Gemeinschaftssinn zu erfinden und sich dadurch [in eigenen Augen] von den “anderen” [idR Minderheiten] abzuheben – meist ein geistiger Eiertanz um formelle Belanglosigkeiten.
Die Russen gibt’s genau so viel oder so wenig wie die Deutschen, außer im Sinne der Staatszugehörigkeit.
@ COPOKA
COPOKA ich schwöre Dir hoch und heilig, die Artikel der bösen Nationalisten, die auf die “allerlei Gastarbeiter” draufhauen, lese ich nicht. :-)
Vorweg: Ich bin leider(?)/ Gott sei Dank(?) kein Geisteswissenschaftler und kann deshalb meine Gedanken leider nicht so formulieren, wie es evtl. angebracht wäre.
Dieser Artikel hat für mich einige Haken (um nicht zu sagen Widerhaken) die mich etwas verwirren , und auf die ich stichpunktartig wie folgt eingehen möchte:
Was soll ein Mensch denn z.B. in zweiter, dritter, usw. Linie sein? Doch definitiv auch menschlich, denn alles was wir sind und tun wird durch unser Menschsein definiert.
Ich bin „deutsch“ weil ich in einen bestimmten Kulturkreis hineingeboren wurde. Das hat grundsätzlich nichts mit der Staatsbürgerschaft zu tun. Folglich gibt es Deutsche ohne deutschen Pass aber auch Menschen aus anderen Kulturkreisen die aber hier Staatsbürger sind.
Ich finde man darf durchaus stolz sein, wenn man die Sache aus einem kulturellen Gesichtspunkt betrachtet. Die vorhandenen sehr dunklen Schattenseiten wie z.B. das NS Regime bedürfen natürlich auch einer Wertung. Was daraus folgt ist für meisten hier lebenden Menschen eine immense Verantwortung damit so was nicht noch einmal passiert.
Ich bin ein Mensch der ohne sein Dafürkönnen (wie die meisten) hier geboren wurde und aufgewachsen ist. Dies hat mich deutlich geprägt und es gibt natürlich Unterschiede im Denken und zwangsläufig auch im Handeln bezogen auf Menschen die in anderen Kulturkreisen aufgewachsen sind. Das empfinde ich aber nicht als Nachteil sondern als Chance.
Ganz klar erst einmal die (fast) identischen Gene, die auch einen Teil das Verhaltens bestimmen und natürlich in zunehmenden Maße die globale Verantwortung für den gesamten Lebensraum. Darüber hinaus gibt es erfreulicherweise auch kulturelle Errungenschaften wie z.B. die Menschenrechte, den Internationaler Gerichtshof, die UNO usw. Was ich persönlich nicht als Bereicherung ansehen, sind z.B. so Dinge wie McDon* oder globale Öl- Konzerne die sich globale Katastrophen verursachen.
Die „globalisierte Welt“ (welch ein Unwort!) ist in meinen Augen dringend notwendig wenn man politisch davor schreibt und die heutigen technologischen Gegebenheiten als Segen(?) oder Fluch(?) voraussetzt. Was ich allerdings als große Fehlentwicklung erachte ist die kulturelle und wirtschaftliche „Gleichschaltung“, denn fast nichts anderes ist die aktuelle Globalisierung. Gerade letzteres ist geeignet um die kulturelle Vielfalt der Menschheit zu mindern und damit im Endeffekt damit die Chancen aller Menschen.
Fazit: „Jeck simmer all.“ – „Jede Jeck ist anders.“ – „Jeck, lohß Jegge lahns!“ :-)
Sowohl in meiner Eigenschaft als Jeck wie auch als Kosmopolit ernenne ich Dich hiermit zum Geisteswissenschaftler. Von den anderen dürfen dafür gerne ein paar ihren Titel abgeben. Bravo, tolle Zusammenfassung, werde ich gelegentlich zitieren!
bin kein großer Fahnenschwenker, nehme mir aber auf Feiern (Fußball) das Recht auf Gedankenlosigkeit heraus. Und finde alles Andere einfach nur spießig.
Zitat,
Nur in einer globalen Solidargemeinschaft kann es Frieden und Wohlstand geben. Lasst uns heute anfangen, sie zu schaffen!……
Wahre Worte mögen sie auch auf fruchtbaren Boden fallen und die Saat aufgehen, den was ich sehe sind immer mehr Lemminge und ich -Menschen die bewusst oder unbewusst in den Abgrund gehen.
Gern würde ich es anders sagen, jedoch dann würde ich Lügen!
Das ist leider nicht ganz korrekt. Man hat zwar keinen materiellen Besitzt, allerdings kommt niemand komplett ohne “Kapital” auf die Erde. Nach Pierre Bourdieu ist ab dem ersten Tag schon kulturelles und soziales Kapital mit dabei. Das bedeutet, dass ein Kind schon Kapital in Form von fanatischen Fußballeltern mitbekommen kann/wird. Und somit sind die Menschen von Geburt an nicht gleich, sondern schon dort ist Kapital unterschiedlich verteilt.
Aber völlig unabhängig davon, finde ich den Artikel sehr gut. Denn in einer utopischen Welt ohne soziale Unterschiede (gleiches soziales Kapital) wären wir von Geburt an alle einfach nur Menschen – und alle gleich.
Die Botschaft hör´ ich wohl, allein…
Hier ist ein Idealist am Werk, und das geht auch in Ordnung. Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, ob sich bestimmte Gesellschaftsgruppen länderübergreifend solidarisieren. Man setzt ihnen, um beim Fußball zu bleiben, eine Gruppe Jungmillionäre als Identifikationsfiguren vor die Nase, gerne mit Geschichten wie “vom Ghettojungen zum Millionär” versehen, und schon ist es vorbei mit länderübergreifend. Jeder feiert seine eigenen Helden inbrünstig, gerne drapiert mit den Nationalfarben, teilweise garniert mit Nationalismus. Schon die Römer wußten, wie man den Pöbel mit Brot und Spielen begeistert. Nichts anderes findet bis heute statt, und dieses Strategie hat auch ihre Wirkung nur selten verfehlt.
Kritische Selbstreflektion der eigenen Misere (schlechtes Verdienst, unzumutbare Arbeitsbedingungen) findet nach meiner Beobachtung kaum noch statt. Man akzeptiert dies mit einem Schulterzucken, weil man es (vermeintlich) ohnehin nicht ändern kann. Und da jeder Mensch ein wenig Ablenkung braucht, wendet man sich dankbar den besagten Spielen zu. Ein neuer Nationalismus wird daraus aber ganz sicher nicht entstehen, dazu fehlt den meisten Leuten schlicht die Zeit. Und kaum sind nationale Ereignisse vorüber, schon verschwinden die Fahnen wieder in der Rumpelkammer, man packt seine Siebensachen und fährt 500 km quer durch´s Land, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Oh, wie wahr, wie wahr…
Oder hat überhaupt jemand so richtig mitgekriegt, was unsere Legislative jüngst so alles verzapft hat, während der Pöbel mit besagtem Fahnenschwenken beschäftigt war? Ich habe gerade so am Rand was von (größtenteils nachteiligen) Änderungen bei den GEZ-Gebühren aufgeschnappt – sonst ist mir auch irgendwie alles entgangen… Olé-olé!
Sehr treffend finde ich auch die Andeutung auf die Berufspendler. Ich beneide manchmal die, die tatsächlich noch dort arbeiten – und davon leben – können, wo sie aufgewachsen sind.
uvu
Die Logik des Beitrags zerbricht an seinem inneren Widerspruch. Er startet mit einem humanen Motiv und endet mit einem idealistischen. Das kann nicht gutgehen, den natürliche Regungen folgen nun mal nicht ideologisch-idealistischen Motiven und Begründungen.
Warum fühlen sich Menschen einer Nation zugehörig? Der Begriff der Nation ist ein an Landesgrenzen festgemachter, willkürlicher Begriff, Instinkte und Regungen folgen aber nicht der Willkür. Dazu bedarf es Emotionen und Werte anzusprechen, die Gemeinsamkeit ausdrücken und ausdrücken sollen. Wie sehr das über Generationen gelingen kann, sind man an den Vereinigten Staaten von Amerika, dessen wesentliches Bindeglied einer ansonsten extrem heterogenen Gesellschaft der Patriotismus, das Bekenntnis zu Stars and Stripes und zur Dominanz eines gesellschaftlichen Systems ist. Doch schon wer mehr verlangt, scheitert grandios. Ein solidarisches System, das auf die Neuverteilung von Einkommen und Wohlstand maßgeblich aufbaut, lässt sich in einem solchen Schmelztiegel nicht durchsetzen.
Und so ist die Forderung des Authors nach weltweiter Solidarität schlichtweg ideologisch und der menschlichen Natur zuwiderlaufend. Es muss scheitern, ja es wird zurecht nicht aufgegriffen. Es ist eine Worthülse. Wie sollte eine solche Solidarität auch aussehen?
Der Begriff der Solidarität, mehr noch das Gefühl und Verlangen nach solidarischem Handeln, entspringt der kleinsten Gesellschaftseinheit: der Familie. In einer Familie, die auf Blut, Ehre und Abstammung gründet, brauchte noch nie jemand Solidarität zu predigen (vielleicht heute), sie war und ist einfach da. Nur in einer Gesellschaft, wo das Geld vom Amt kommt, kann es schließlich vorkommen, dass Mütter ihre eigenen Kinder verhungern lassen. Doch abseits solcher Defekte funktioniert das Zusammengehörigkeitsgefühl ohne Appelle.
Schon die Transformation auf eine über die Familienbindung hinausgehende Ebene funktioniert nur in Teilen. Wer würde schon zugunsten des Kollegen auf den eigenen Arbeitsplatz verzichten, sich opfern wie es Eltern für ihre Kinder tun? Auf nationaler Ebene wurde der Begriff der Solidarität eingeführt, um ein Staatenwesen zu gründen und zu festigen, später einen Sozialstaat zu implementieren. Was nichts anderes bedeutet, als das Geld von einem zum anderen Staatsbürger transferiert wird, die sonst nichts miteinander gemein haben als das Leben innerhalb gemeinsamer Landesgrenzen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass Menschen, die sich damit überfordert oder nur ungerecht behandelt sehen, diesem Solidaritätsgedanken und Landflucht entziehen. Und genauso verständlich ist, dass bedürftige Menschen zu so einer Gemeinschaft ziehen, wo Solidarität einfach zu haben ist und nicht mehr auf Gegenleistung gründet.
Und deswegen ist das Ideal des Authors am Ende auch fatal. Wer weltweite Solidarität verlangt und erwartet, bekommt logischerweise keine mehr. Soldarität ist eben eine Abgrenzung zu anderen. Wie kann man aber den Vermögenden zukünftig schelten, wenn der nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz nach den dort herrschenden Regeln seiner Solidaritätspflicht für ein Gemeinwesen nachkommen möchte?
dieser Beitrag ist erst recht abstrakt-ideologisch mit konservativ-reaktionären Anschlag, andererseits keinesfalls- wie dem Autor vorgeworfen – idealistisch
Was für eine kranke Scheisze ist das denn nun wieder? Wie kommst du dazu, dir einen so hochtrabenden Nick zu geben?
Wenn dir erstmal die, mit denen du nichts zu tun haben willst, auf die Bude rücken, um dein Essen in ihre leeren Bäuche zu stopfen, dann wirst auch du verstehen, daß man eben doch etwas miteinander zu tun hat, wenn man in Fußwegentfernung von einander lebt.
Dann wirst du begreifen, daß es eine Gegenleistung ist, eben nicht in dein Haus einzudringen.
Schade, daß du so auf die harte Tour bestehst.
@ David Liese
Schöner Artikel, so rebellisch wie treffend, so einfach wie stimmig.
Das will der Zeitgenosse aber nicht so gerne lesen ;-)
Als seit mehreren Dekaden mit kosmopolitischem Bewußtsein ausgestatteter Marschbewohner sehe ich allerdings die Tendenzen der Entwicklung.
Erstmal werden wir wohl Alles zu Klump hauen müssen, um zu erkennen, daß dann tatsächlich die Menschlichkeit als ńicht quantifizierbare Qualität übrigbleibt.
Ja, was für eine Sch… ist das?
Der Autor tritt für einen global einheitlichen Wert ein: Solidarität für alle, über alle. Viel dahinter steht nicht. Im Iran stehen derzeit 40 Menschen vor der Steinigung, die Urteilsvollziehung gegenüber einer Frau ist derzeit aufgeschoben, die Ehebruch begangen haben soll – gestanden nach stundenlanger Folterung. Es wäre interessant mit dieser Frau über die Zuteilung von Vermögen und den Solidaritätsbegriff zu debattieren. Sähe sie es als gerecht an, wenn ihrem Mann, der sie des Ehebruchs angezeigt hat, gemäß der Pro-Kopf-Verteilung ihr Vermögensanteil zugeteilt würde?
Oder: dieser Blog setzt sich vehement für einen schnellen Abzug aus Afghanistan ein, man könne anderen nicht die eigenen Wertvorstellungen aufpfropfen. Wenn dann die Taliban wieder die Macht übernähmen, so what? Auch die Konsequenz ist egal. Heute werden 10, 12jährige dort zwangsverheiratet, was so lange nicht schlimm ist, wie sie nicht arbeiten. Wer würde über die aus dem internationalen Topf zufallenden Vermögenswerte entscheiden? Die Taliban, die natürlich nur Männern etwas zuteilen würden, je nach Gläubigkeit? Und wie wäre das hier für eine 40jährige Unternehmerin, die erhöhte Abgaben zu entrichten, wenn nicht enteignet würde, um das Geld einem netten Turbanträger am Hindukusch zuzuschieben.
Das sind die Absurditäten, die hier einfach mal ausgeblendet werden. Es geht ja um höhere Werte. Schade, dass man sich nicht zuerst für geringere Werte wie körperliche Unversehrtheit, Schutz vor staatlicher Willkür, Selbstbestimmung der Frau u.ä. einsetzt. Schon damit hätte man ein Menschenleben lang zu tun.
Ja, was für eine Sch… ist das hier?
Warum willst du entgegen jeglichen gesunden Menschenverstand und jedliches Gefühl deine Handlungsreichweite so vergrößern, daß bereits beim formulieren des Satzes klar ist, daß du mit Unmöglichkeiten hantierst? Wozu nimmst du die iranische Frai in emotionele Geiselhaft?
Weil du weißt, daß ihre Rettung außerhalb der Möglichkeiten der hier Versammelten liegt? Weil du es nicht weißt? Weil es dir egal ist?
Wenn sich Afghanen gegenseitig töten halte ich es für bedauerlich und vermeidbar. Doch daß wir Afghanen töten, halte ich keineswegs für die Lösung des Problems der Afghanentötung.
Du schwallerst hier deinen sozialdarwinistischen Gedankenmüll in die Runde, wobei an keiner Stelle erkennbar ist, daß du ernsthaft an einer tatsächlichen Problemlösung interessiert bist.
Naja, wenn die Gene jucken, dann muß man sich halt kratzen.
Siehe Leitbeitrag. Genau das will der Author. Du hast dem nicht widersprochen. Wie bitte willst Du weltweite Solidarität erreichen, wenn wir nicht mal in der Lage sind, das Elementare weltweit herzustellen?
Genau wie die weltweite Solidarität. Da wäre ein Beitrag über besagte Iranerin sinnvoller gewesen.
Wie denn bitte vermeidbar?
Wir sind hier nicht mal in der Lage zu verhindert geschweige denn dagegen zu protestieren, dass Menschen vermöbelt werden (es sei denn es hätte einen rechtsextremistischen Hintergrund). Also: was schwallt ihr für einen Gedankenmüll?
“Ethisch”, “moralisch” oder “politisch” korrekt finde auch ich Xenocrates’ Kommentar keinesfalls (wobei ich auf diese Denkkategorien nicht unbedingt viel gebe); vom Standpunkt der Evolutionspsychologie jedoch ist er dennoch durchaus interessant.
(>> http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4re_Psychologie )
Die Evolutionspsychologie geht, grob gesagt und ins Unreine gesprochen, davon aus, dass unsere modernen Verhaltensdispositionen ihre Wurzeln in unserer Entwicklungsgeschichte haben, die sehr viel weiter zurückgeht als die bekannte Geschichtsschreibung. Xenocrates’ Kommentar zielt in diese Richtung, auch wenn man natürlich aus verschiedensten Gründen mit ihm nicht einverstanden sein muss (und auch ich es nicht unbedingt bin).
Das eigentlich Interessante an dieser Perspektive ist aber: Was können wir als Gesellschaft tun, um a) unseren evolutionären Wurzeln (falls vorhanden) gerecht zu werden, und b) dennoch die Dinge zum Besseren zu verändern, meinetwegen im “idealistischen” Sinne des obigen Artikels? Das ist m.M.n. der Spagat, der besonders interessant wäre, wie immer der Lösungansatz auch aussähe – vielleicht konseqentes “down-sizing” auf menschliche Strukturgrößen, konsequente Lokalisation, jedes Dorf und jeder Stadtteil für sich, aber alle für einen anderen, solche Dinge, ganz im Sinn des ursprünglichen, noch nicht gekaperten und pervertierten Liberalismus… Solche Ansätze fände ich interessant, egal, wie es um ihre Umsetzbarkeit steht, denn irgendwo muss der Mensch ja anfangen. Ich würde mnich freuen, hierzu vielleicht sogar vom Spiegelfechter etwas zu vernehmen, irgendwann.
Mit besten Grüßen, Frank
abhängig von der Perspektive, die man einnimmt, verändert sich die Vorstellung vom Menschsein. zB die soziologische von Bourdieu: Menschsein als System von Grenzen und Begrenzungen:
“Der Begriff des Habitus besagt genau das. Er bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache. Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist. Mit anderen Worten: Der Habitus ist ein System von Grenzen. Wer zB über einen kleinbürgerlichen Habitus verfügt, der hat eben auch, wie Marx einmal sagt, Grenzen seines Hirns, die er nicht überschreiten kann.Deshalb sind für ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar, unmöglich; es gibt Sachen, die ihn aufbringen oder schockieren. Aber innerhalb dieser seiner Grenzen ist er durchaus erfinderisch, sind seine Reaktionen keineswegs immer schon im voraus bekannt. …
Statt ..in Begriffen von sozialen Klassen zu denken, … sollte man eher von einem sozialen Raum ausgehen. Dieser soziale Raum hat, wie der geographische, eine Struktur – es gibt so etwas wie eine gesellschaftliche Topologie: Einige Menschen stehen ‘oben’, andere ‘unten’, noch andere ‘in der Mitte’. … Wer oben beheimatet ist, dürfte wohl nur in den seltensten Fällen jemanden von ‘unten’ heiraten. Zunächst einmal sind die Aussichten relativ gering, dass sie sich überhaupt treffen. Sollte das einmal geschehen, dann wahrscheinlich nur so en passant, kurz, euf einem Bahnhof oder in einem Zugabteil. Von einem wirklichen Zusammentreffen läßt sich da schwerlich reden. Und sollten sie tatsächlich einmal ins Gespräch kommen, werden sie sich wohl nicht wirklich verstehen, kaum sich eine richtige Vorstellung voneinander machen können. Mit anderen Worten: Es gibt so etwas wie einen Raum, der sehr starke Zwänge ausübt. Andererseits stehen Menschen, die räumlich nahe beieinander sind, in einem .. [topologischen] .. Nachbarschaftsverhältnis. Sie sehen sich öfter, treten miteinander in Kontakt, zuweilen auch in Konflikt, aber auch der stellt noch eine Beziehung dar….Einmal angenommen, ich wäre ein politischer Führer und wollte eine große Massenpartei aufbauen, die sowohl Unternehmer wie Arbeiter anspricht, dann dürfte das letztlich kaum gelingen. Selbst wenn die potentiellen Anhänger sich geographisch nahe sein sollten, sind sie auf der sozialen Ebene durch Welten getrennt. In bestimmten historischen Konstellationen, in Zeiten einer nationalen Krise mag es auf der Grundlage von Nationalismus zu einer Annäherung kommen. Aber die wäre letzten Endes doch fiktiv. ….
Der gesellschaftliche Raum ist – wie der geographische – im höchsten Maße determinierend; wenn ich sozial aufsteigen möchte, habe ich eine enorme Steigung vor mir, die ich nur mit äußerstem Kraftaufwand erklettern kann; einmal oben, wird mir die Plackerei auch anzusehen sein, und angesichts meiner Verkrampftheit wird es heißen: ‘Der ist doch nicht wirklich distinguiert!’… Dieser soziale Raum ist von einer penetranten Realität und wir kämpfen unablässig gegen ihn an. zB bestimmte Menschen können wir nicht treffen, andere, denen wir leiber aus dem Weg gehen würden, treffen wir. Allerdings ist dieser Raum veränderbar.”
man kann sich aber auf den Standpunkt von einem Psychoanalytiker wie Arno Gruen stellen, dann zeichnet das Mitgefühl, d.h. die empathischen Fähigkeiten das Menschsein aus und die Verkümmerung dieser Fähigkeit bis hin zu deren Abspaltung führt zur einer sozial determinierten Erkrankung mit großem gewalttätigem Potential, die sich unter der sozialen Normalität der Zeit verbirgt und zu Katastrophen wie das 3 reich führen kann
Nach dem Linguisten Chomsky zeichnet gerade die zur biologischen Ausstattung der Spezies Mensch gehörende und sie auszeichnende Fähigkeit zur Sprache das Menschsein aus. Dadurch gelangt der Mensch zu universalen sprachlichen Intuitionen (die dann begrifflich mitunter im Interesse von Herrschaft verfälscht werden), zB die der Gerechtigkeit. Chomsky erläutert diesen daraus entstehenden ‘Kampf um die Sprache’ an einem historischen Beispiel:
“Ich besuchte einmal ein Dorf in Laos, in dessen Mitte sich ein hübscher See befand, der den Dorfbewohnern früher als Wasserquelle und als Möglichkeit, ihre Freizeit zu verbringen, gedient hatte. In der Zwischenzeit war es einer mächtigen Einzelperson gelungen, alle anderen von der Nutzung des Sees auszuschließen, der nunmehr eingezäunt war. Um an Wasser zu kommen, mußten die Dorfbewohner jetzt mehrere Meilen laufen. Die Dorfbewohner konnten den See jenseits des Zaunes sehen, aber sie konnten ihn nicht mehr für sich nutzen. Nehmen wir an, der Besitz an diesem See sei durch ‘gerechte’ Mittel erlangt worden, was im prinzip sicherlich der Fall gewesen sein könnte. Würden wir daraus schließen, das Dorf sei in dieser Hinsicht eine ‘gerechte Gesellschaft’? Würden wir ernsthaft von den Dorfbewohnern erwarten, dieses Ergebnis als richtig und gerecht zu akzeptieren? Die von der USA unterstützte .. laotische Regierung nahm genau diese Position ein, indem sie nichts gegen solche Entwicklungen unternahm, während ihre Widersacher, die Pathet Lao, die laotischen Bauern organisierten, um solche Formen der ‘Gerechtigkeit’ zu überwinden. Ihr Erfolg dabei war so groß, dass die US-Regierung sich daran machte, einen Großteil des bäuerlichen Laos zu zerstören… ”
das Menschsein zeichnet sich also u.a. durch die auf der Sprachfähigkeit beruhende Möglichkeit zu sprachlichen Intuitionen, die sofern sie nicht im Herrschaftinteresse begrifflich vereinnahmt und verfälscht werden, den Menschen in ihrer natürlichen (nicht begrifflichen oder ideologischen) Menschlichkeit gemeinsam sind, sie also verbinden
Die Problematik der internationalen Solidarisierung, die eng mit dem zusammenhängt, was man “Nahsphärenethik” nennt, sehe ich wohl.
Wenn wir von der Notwendigkeit und vor allen Dingen der Unwiderrufbarkeit der Globalisierung ausgehen, ist eine internationalistische Bewegung dennoch in meinen Augen unabdingbar, um das extreme materielle Ungleichgewicht auf lange Sicht zu beseitigen oder wenigstens abzumildern.
Genau das schreibe ich ja auch im Artikel; die Gesellschaft ist (noch) nicht so weit, wie sie gemessen an der supranationalen Struktur der Ökonomie eigentlich sein müsste.
Und Solidarität – auch eine internationale – kann da anfangen, wo ich bewusst auf unethisch produzierte Artikel (vom Nike-Sportschuh bis zur Banane) verzichte und denjenigen Alternativen den Vorzug gebe, die auf eine gerechtere Entlohnung, bessere Lebensbedingungen und ein würdigeres Leben abzielt (Stichwort FairTrade).
Nur die Gesellschaft kann den Druck ausüben, den die Politik dank Korporatismus und den enormen Einflüssen der Wirtschaftsverbände längst nicht mehr imstande ist zu leisten. Und genau darauf zielt meine Schlussforderung ab.
Dass das möglicherweise ein langer Weg ist, bestreite ich nicht. Aber er muss meiner Meinung nach gegangen werden, wenn wir nicht in ein paar Jahrzehnten den endgültigen Zusammenbruch dieses Systems erleben wollen.
Welche Gesellschaft? Im Beitrag wird ja gerade darauf abgehoben, sich nicht als Nation zu begreifen. Die Solidarität, die genannt wird, ist stets nur eine materielle: zu verhindern, das andere (zuviel) mehr haben. Ein ziemlich degenerierter Begriff von Solidarität. Und die Definition von angemessenen Arbeitsbedingungen ist ein deutscher. 80 Millionen wissen bestenfalls, was für Milliarden von Menschen richtig ist?
In den vergangenen 50 Jahren kamen Nationen und Milliarden von Menschen zu Wohlstand, nicht indem sie eigenes Geld und Vermögen von A nach B gegeben haben. Das wäre ein Grund nachzudenken, ob weltweite Umverteilung das richtige Instrument für bessere Lebensbedingungen ist. Überhaupt, wenn es so einfach wäre, wäre es relativ leicht zu bewerkstelligen. Heute sind die Staaten mit dem höchsten Wohlstand i.d.R. Demokratien, mehr Volkswille wird es nie geben und ist weit mehr, als sich in Dikaturen durchsetzen lässt. Man bräuchte nur unter der Obhut der UNO zu entscheiden, sämtliche Vermögenswerte in einen Topf zu werfen und sie Pro-Kopf einheitlich zu verteilen.
Ob jemand arm oder reich wird, hat in einem hohen Maß mit persönlichen Fähigkeiten, Neigungen und Entscheidungen zu tun. Schon, ob ein 1er Abiturient sich im Alter von 19 Jahren für ein Ingenieursstudium oder für Sozialarbeit entscheidet, begründet enorme spätere Einkommensungleichgewichte. Und so würde bei einer sofortigen vollständigen Gleichverteilung aller Güter innerhalb weniger Jahre wieder deutliche Vermögensungleichgewichte entstehen, wir wären unser Leben lang nur noch mit der gerechten Verteilung beschäftigt.
Es gilt einzusehen, dass das nicht mal der einfache Chinese möchte, der in der Vergangenheit gesehen hat, wie leicht sein Nachbar zu Wohlstand gekommen ist. Und so bleibt es eine utopische Debatte, die noch in 100 Jahren geführt werden kann, mit der Überschrift, jetzt sei die Zeit reif.
@Xeno, @David:
Und da liegt der Finger auch schon in der (welt-)gesellschaftlichen Wunde: dem Geld. Sogar bei den Chinesen geht es mittlerweile nur noch um Geld, in Vietnam und Kambodscha; von den USA und unseren eigenen Gefilden ganz zu schweigen. Wir haben hier ein Problem, das über das der Solidarität hinausgeht: ein Problem der (gesellschaftlichen) Werte. Unser einziger verbliebener Wert ist Geld; gesellschaftliche und politische Unternehmungen werden nur noch in Gewinn und Kosten beziffert. (Wer das bezweifelt, möge einfach mal die Tagesthemen eines beliebigen Tages anschauen…)
Solidarität verlangt natürlich nach anderen Werten, nach humanistische Gesinnung, wenn man so will – leider sind “Geld” und “Gewinn” (Fokus auf dem einzelnen) mit ihr unvereinbar (Fokus auf der Gesamtheit, auf dem (Welt-)System), siehe Ölkatastrophe im Golf, Afghanistan, Hartz IV etc. pp.
Die Frage ist also eher, welchem Götzen wollen wir dienen, bzw. wollen wir denn überhaupt einem Götzen dienen, oder nicht eher uns selbst, uns allen, auf welcher Ebene auch immer – global (David) oder lokal (Xeno) (Sorry für die eventuelle Verallgemeinerung)? Momentan haben wir dem Namen nach eine Demokratie in politischen Belangen; dort aber, wo unser aller Götze “gefertigt” wird, in der produzierenden und der Finanzwirtschaft, gilt nach wie vor der Absolutismus oder eine Art Neo-Feudalismus – demokratische Rechte gibt es nicht “auf Arbeit” heute noch immer nicht, denn das Besitzrecht an der Arbeit definiert sich letztendlich über das Konstrukt des Arbeit-”Gebers”.
Zugleich stellt sich die Frage, welche Aspekte unser “Götze”, das Geld, über seine Tauschfunktion hinaus eigentlich für uns hat. Leider ist (und war) Geld nicht nur ein Tauschmittel, sondern immer schon ein Mittel zur symbolischen Selbstergänzung (>> http://de.wikipedia.org/wiki/Symbolische_Selbsterg%C3%A4nzung ).
Seinen Tauschcharakter hat es in (den oberen) (Teilen) der Bevölkerung schon längst verloren, und fungiert eher als eine Art Selbstwert-Anzeige – ich bin, was ich (an Geld) habe. Der Solidarität sind damit in dieser Geldwirtschft (unnatürliche) Grenzen gesetzt, denn sie ist damit gleichbedeutend mit einem Verzicht auf (konstruierte) Identität – ich bin, was ich habe, also kann ich nicht teilen, was ich habe, denn das würde bedeuten, einen Teil meines Selbst aufzugeben…
Das Grundproblem, das unseren aktuellen Problemen zugrunde liegt, ist ein Fetisch-Problem (>> http://de.wikipedia.org/wiki/Fetischismus_%28Religion%29 ) – und könnte damit wesentlich tiefer liegen, als politische und gesellschaftliche Lösungsansätze reichen. Es erschient mir, wie ich bereits sagte, eine Frage der Werte, egal, was Pragmatiker (wie vielleicht der Spiegelfechter himself) davon halten mögen. Wir leben in einer stetig dysfunktionaler werdenden Gesellschaft, und die Frage, David und Xeno, ist, wie wir damit umgehen. Vielleicht solltet ihr euch mal näher unterhalten – denn ihr beide habt, m.M.n., jeweils einen Teil der Problematik erfasst.
Beste Grüße, Frank
@ Ξενοκράτης
❝Opfere den Chariten❞
∀
¹∙ The Empathic Civilisation
[Jeremy Rifkin - full video]∙∙∙
²∙ Empathic Civilisation
[10 min. RSA Animate]@1 (Bulli)
Vergleiche auch Benjamin Blümchen:
“Terra, das heißt ‘Erde’ in der Weltraumsprache”
Ich bezweifle stark, dass Wohlstand vor allem von individuellen Leistungen abhängt.
Das Kind im Kongo, dass mit sieben Jahren in einer Tantal-Miene schuften muss, mit dem Maschinengewehr im Genick, wird sicherlich andere Aufstiegschancen haben als der Akademikersohn aus Deutschland, der Schullaufbahn und Studium von den Eltern finanziert bekommt.
Umverteilung muss nicht immer etwas mit Abgeben zu tun haben. Ich kann auch “umverteilen” und etwas verändern, indem ich bspw. bewusster konsumiere, indem ich Konzernen kritisch gegenübertrete, die mit Militärregimen kooperieren, indem ich…
Ich sprach von einer Gesellschaft und dass sich dort finanzieller Gewinn und Verlust nach vielen Kriterien entscheidet. Natürlich wird ein begabtes Mädchen im Sudan niemals annähernd die Möglichkeit haben, Vermögen vergleichbar einer 1A-Absolventin von Harvard zu erreichen. Das ist aber weniger eine Frage weltweiter Ausbeutung als gesellschaftlicher Strukturen vor Ort.
Schon mal darüber nachgedacht, wie das ein Mann auffasst, der nach hiesigen Maßstäben unter menschenunwürdigen Umständen in einer Grube in China schuftet, von diesem Job aber abhängig ist, weil seine Familie daran hängt?
Und auch schon mal darüber nachgedacht, wie es bei Milliarden von Menschen ankommt, wenn der liebe Grüßonkel von der UNO nun im Auftrage der Weltgemeinschaft großzügig Vermögenswerte verteilt / verschenkt? Die meisten Menschen sind da sehr eigen, selbst ein Schwarzafrikaner ist sehr stolz darauf, was er mit eigenen Händen geschaffen hat, und sei es nach hiesiger Einschätzung noch so klein und wertlos. Er möchte nichts geschenkt, sondern sich selbst etwas aufbauen können. Dazu benötigt er stabile Verhältnisse vor Ort, Recht, Gesetz und die Möglichkeit, Eigentum zu erwerben und zu behalten.
Und nicht deutsche Theoretiker, die entscheiden, was angemessen und tragbar ist.
gelöscht, steht an der falschen stelle
sf, dieses neue baumsystem ist großer mist, man weiß gar nicht auf welche stelle sich das kommentarfeld bezieht
So lange die Menschen bigott, sexistisch oder homophob sind, fühl ich mich nicht mit ihnen verbunden. Selbst wenn sie auf der gleichen Seite des Kapitalismus aufwachen wie ich.
Typisch d e u t s c h ist dieser Beitrag und die Diskussion darüber… ;-)
Weil mich das Thema schon eine Weile nervt, werde ich mal leicht OT:
Warum kann ich als Fußballfan nicht einfach mal unpolitisch sein? Zwar habe ich weder eine Deutschlandfahne noch eine meines Lieblingsvereins (mit dem mich von der Sache her noch weniger verbindet) – doch wenn ich eine hätte, würde ich kein schlechtes Gewissen bekommen. Auch die Freude darüber, dass die Mannschaft, die für das Land spielt in dem ich zufällig geboren wurde wundervollen Fußball gespielt hat und einen tollen dritten Platz erreicht hat, will ich mir nicht durch aberwitzige Politik/Ethik-Diskussionen zerstören lassen! Egal ob im Vereins- oder Nationalfußball, für einen Mannschaft sollte man doch sein, damit Nervenkitzel, Freude, Spaß und Leid entstehen können, nach denen man sich als Fußballfan sehnt. Natürlich kann man genauso gut auch Fan von der französischen Nationalmannschaft sein, aber warum nicht von der deutschen – ob man doch zufällig gerade hier lebt. Freude und Stolz liegen nahe bei einander und werden leicht verwechselt, aber vielleicht sollte man auch einfach nicht immer gleich auf der Definition rumreiten.
Und an die, die sich nicht mit “unserer” Nationalmannschaft anfreunden können, weil dort nur “Jungmillionäre” spielen sei gesagt, dass ungerechter Neid unangebracht ist. Wäre man selbst in der Situation wäre, würde doch keiner sagen: “lass mal lieber Fußballmanager, ich verzichte auf den neuen Millionenvertrag und spiele lieber für 1000EUR weiter – das reicht mir zum leben”. Dafür, dass im Fußball unbestritten generell viel zu viel gezahlt wird, kann der einzelne Profi nichts. Und wer glaubt, dass die Stadionpreise sinken würde, wenn die Spieler auf einen großen Teil ihrer Gehälter verzichten würden, glaubt auch an den Osterhasen.
Der Rest ist sehr schön geschrieben und wünschenswert, jedoch viel zu weit von der Realität und dem machbaren entfernt, um auch nur ansatzweise praktiziert zu werden.
…wann war sie je geeint?
@David Liese
“[...]Der Mensch ist in erster Linie menschlich, und jeder von uns ist auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Nur in einer globalen Solidargemeinschaft kann es Frieden und Wohlstand geben. Lasst uns heute anfangen, sie zu schaffen![...]”
Danke für – Ich plädiere ja schon weiter unten für den neuen Internationalismus von Ganz Unten, der den der weltweiten Herrschafts”eliten” ins Schwitzen bringen soll.
Du sprichst mir mit deinem Text aus dem Herzen, denn ich halte das Nationalflaggen-Gesäure für sowas von gestern…aber hallo….
Danke für den Text – Wirklich ;-)
Ich bin froh, dass es noch Menschen wie uns gibt, die eben für eine echte, nichtkapitalistische, Globalisierung plädieren.
Übrigens, ich weiß nicht was daraus geworden ist, aber die anti-neoliberal-südamerikanischen Staaten Venezuela, Bolivien, Ecuador u.a. plädieren schon lange für eine neue Internationale – von Ganz Unten……die aber mehr in unserem Sinne ist, und nichts mit der gescheiterten Internationale von Kalte-Kriegs-Zeiten zu tun haben will….
Gruß, und noch einmal danke für den Text,
Bernie
Übrigens, die neuesten Erkenntnisse der Evolutionsbiologie belegen ja auch, dass der Mensche auf Gleichheit, und Mitmenschlichkeit, genormt wurde, und nicht auf den Homo Öconomicus, der ein Traumwesen der Neoliberalen ist, die hier wieder einmal ihre völlige Abwesenheit von den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaften zeigen – Fazit: Neoliberale sind Steinzeit-Kapitalisten.
Gruß
Bernie
Ganz richtig – die Frage ist höchstens, auf welcher Ebene diese “Normung” am Besten greift. Da spricht einiges dafür, dass es die lokale, “familiäre” (oder Stammes-, dörfliche Ebene) ist, was wiederum für eine konsequente Lokalisation von solidarischen gesellschaftlichen Mechanismen sprechen würde, oder von gesellschaftlichen Mechanismen überhaupt – “soviel wie möglich lokal, nur der Rest global”.
Denn wenn die (Welt-) Gesellschaft als Ganzes nur noch global agiert (Nachrichten und Fernsehserien aus den USA in Afrika; “Verteidigung” der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Afghanistan), Produktion in China für Hungerlöhne und Konsum auf Kredit in Europa, dann wird das Erleben des einzelnen von seiner unmittelbaren, lokalen Realität entkoppelt, und damit letztendlich wahrscheinlich auch die Solidarität untereinander. Die Kinder hamburger Oberschichts-Eltern konkurrieren offenbar mit einer weltweiten Oberschicht; Solidarität mit den lokalen Mitbürgern ist da zweitrangig – dies als aktuelle Illustration.
Die Frage ist also: Wie kann man, können wir der Entkopplung unserer evolutionären Neigung zur Solidarität von unseren lokalen Gegebenheiten entgegentreten? Denn letztere ist, wie so oft, vielleicht nicht in unserem Interesse, in dem der Wirtschaft und der Besitzenden hingegen durchaus (auch wenn ich mich damit vielleicht etwas weit aus dem Fenster lehne)…
Beste Grüße, Frank
@ Evolutionsfetischismus
Daß heutzutage immer die Biologie als Sündenbock herhalten muß, ist sicherlich nicht nett für eingefleischte Biologen.
Gab es früher den Widerstreit inwieweit wir von Freiheit oder Determinismus bestimmt sins, wobei der Determinismus dann durch Gott aus ausführende Gewalt begründet war, wird heute irgendeine bilogistisch begründete Einschränkung des freien Willens herangezogen. ‘Die Evolution’ als höhere Macht hat Gott verdrängt, was uns direkt neben den vorlutheranischen Hansel stellt, der sich vom Robenträger erzählen ließ, wo der Hase lang läuft.
Der biologistische Ansatz jedoch drängt in seinem Anspruch umfassender und allgemeingültiger Objektivität die menschenmachende Kategorie Gut&Böse in das als verwerflich stigmatisierte Reich der ‘künstlichen Konstrukte’.
Doch wer die Moral verjagt, der muß ohne Moral leben. Nicht nur, daß es unseren Grundregeln zuwiderläuft, erzeugt es ein lebensbedrohliches Vakuum.
Warum sollte ich überhaupt irgendwas machen oder lassen, wenn die Frage nach gut&böse keine Rolle mehr spielt?
Warum trauere ich um die iranische Frau und den afghanischen Ziegenhirten, finde es schlecht und gar böse, daß ihnen ihr Schicksal so mitspielt? Habe ich etwa noch altbackene und untaugliche Gene, in denen dieses Konzept verankert ist, das es ja gar nicht geben dürfte, kann man es weder essen noch sich darin vor Witterung schützen, und es somit keine erkennbare Überlebensnotwendigkeit darstellt?
Und wenn ich nur von meinen Genen abhänge, die mich lenken und leiten, warum bekomme ich die Wahl, meine Vertreter auszusuchen? Spricht das Kreuz bei schwarz-gelb für Sieger-Gene, wie sie der winning-team-joiner in sich schmoren spürt? Und rote Kreuze zeichnen den Schädling aus? Funktioniert das so mit der Evolution?
Man sollte den Mut aufbringen, etlichen zeitgeistlichen Strömungen ein “Nein, da mache ich nicht mit. Das ist böse!” entgegenzusetzen. Auch ein klar formuliertes “Ja, das finde ich gut.” kann Wunder bewirken.
Die Deutschen sind jedenfalls keine Kulturgemeinschaft. Es gibt in Deutschland tausende Kulturen und Subkulturen, die absolut nichts miteinander gemein habe und die es ebenso im Ausland gibt. Und man bleibt ja auch Deutscher, wenn man nur US-Hip-Hop hört und von Goethe, Schiller, Marx, Bismarck, Hitler oder Grass usw. noch nie im Leben was gehört hat. Dass eine gemeinsame Sprache noch keine Gemeinschaft stiftet, sieht man schon an seinem Nachbarn, wenn der einem mal wieder im schönsten Deutsch als “dummes Arschloch” beschimpft. Und ein deutschsprachiger Schweizer lässt sich in der Regel nicht gerne als Deutscher titulieren. Und die Geschichte? Die meisten Deutschen kennen “ihre” Geschichte doch gar nicht, die sie angeblich zu Deutschen macht.
Dass es ein “natürliches” Bedürfnis gibt, Gemeinschaften zu bilden mag schon sein, keine Ahnung, ist aber so dahergesagt total abstrakt und inhaltsleer in Bezug darauf, WAS das jeweils für Gemeinschaften sind. Es ignoriert vor allem, dass eine Nation etwas ganz anderes ist ist als eine Facebook-Community oder eine Skatrunde, oder gehört zum Fußballverein eine Regierung und eine Bundeswehr? Außerhalb von so Massenhypes wie Lena oder WM organisieren sich die Leute auch gar nicht als Deutsche. sondern gehen ihren eigenen kulturellen Interessen nach, die sie nur mit einer begrenzten Zahl Leute teilen. Da eine nationale Identität drüber zu stülpen, ist bestenfalls merkwürdig. Was soll das für ein gemeinschaftliches Interese sein, deutsch zu sein? Was folgt daraus, es mit Menschen gleichen Passes zu tun zu haben? Nation beinhaltet doch keinerlei konkretes Interesse.
Außerdem bilden die Menschen außerhalb von historischen Ausnahmesituationen keine Nationen, sondern finden sie vor, suchen sich keine Nation aus, sondern kriegen schon bei Geburt einen Pass verpasst und arrangieren sich dann so gut wie möglich mit diesem Umstand.
Die Behauptung, dass es den meisten Fans nur um Fußball und Party ging und nicht um Patriotismus, ist ein Witz. Eine WM wird von Regierung und Fußballverband ausgerichtet, ist ein Wettstreit der Nationen, außnahmsweise mal ein friedlicher. Aber spätentens nach der WM spielt man mit Nordkorea dann keinen Fußball mehr. Nationen sind per se politische Gebilde. 99% der Deutschen haben “zufälligerweise” zu Deutschland gehalten, ginge es um Fußball, hätte sich das sicher anders verteilt. Viele hatten von Fußball keine Ahnung, habe genug Leute erlebt, die erstmal fragen mussten, wer denn überhaupt die Deutschen sind, denen sie die Daumen zu drücken haben. Und dass die deutsche Flagge ein unpolitisches Symbol ist, ist ja wohl auch ein Witz: Es ist die Flagge, das Hoheitszeichen eines Staates, mit Regierung und Verfassung, Bundeswehr, Merkel und Hartz IV usw.
“[...]Man sollte den Mut aufbringen, etlichen zeitgeistlichen Strömungen ein “Nein, da mache ich nicht mit. Das ist böse!” entgegenzusetzen. Auch ein klar formuliertes “Ja, das finde ich gut.” kann Wunder bewirken[...]”
Das gilt bei mir aber auch für das Leugnen der Evolutionstheorie, allgemein Kreationismus genannt, und angeblich sogar vom neuen Bundespräsidenten Wulff vertreten – ich sehe die Sache in der Grausicht, d.h. durchaus zweischneidig:
Die Evolutionstheorie ist eine Wissenschaft, die – im Gegensatz zum sturen Glauben – widerlegt werden kann, gerade hier wird es abwegig, wenn man der Evolutionstheorie folgendes unterstellt:
“[...]Die Evolution’ als höhere Macht hat Gott verdrängt, was uns direkt neben den vorlutheranischen Hansel stellt, der sich vom Robenträger erzählen ließ, wo der Hase lang läuft[...]”
“Die Evolution” ist eben keine “höhere Macht”, und kein Glaube, wie immer wieder gerne von christlichen Fundis behauptet wird, sondern eine Wissenschaft, die widerlegt werden kann.
Aktuelles Beispiel gefällig? Früher ging die Naturwissenschaft von einer geraden Linie der Menschheitsentwicklung aus, diese These wurde von Evolutionsbiologen als Unsinn enttarnt – heute geht man von unterschiedlichen Menschenarten aus, die nebeneinander existiert haben.
Allein hier sieht man den Unterschied zur Theologie, die z.B. davon ausgeht, dass “Gott” existiert, und keinen wissenschaftlich beweisbaren Weg geht, denn der sieht so aus, dass man alle Punkte erforscht, und erst zum Schluß zum Ergebnis kommt – “Gott” existiert eben nicht….nur so als Beispiel….
Manche behaupten gerade deswegen, dass “Theologie” keine Wissenschaft ist…..ganz im Gegensatz zur Evolutionstheorie….
Der Mißbrauch soll aber nicht geleugnet werden, denn der besteht ja gerade darin, dass Sozialrassisten – ganz entgegen Darwin – aus der Evolutionswissenschaft Dinge herauspicken, und verdrehen, wie die ihnen passen…..nur bei genauer wissenschaftlicher Vorgehensweise – siehe oben….
Gruß
Bernie
Tja, Bernie, das glaubst du.
Und bestimmen nun die Gene deine freie Entscheidung, diesen Glauben anzunehmen, oder entspringt dein Glaube anderen Quellen? Du hast die Wahl!
Daß man die Existenz Gottes nicht beweisen kann, steht sicherlich genauso fest wie das Gegenteil, daß seine Existenz beweisbar wäre. Meines Erachtens eine der eindeutigsten Pattsituationen, über die der Mensch verfügt.
Warum du jetzt die Kreationisten inss Spiel bringst, ist auch nicht so richtig nachvollziebar. Was haben die armen Jungs denn mit der Frage globaler Solidarität zu tun?
Die haben doch schon genug Kummer. Müssen sie jetzt auch noch instrumentalisiert werden? Reicht es nicht, respektive geht nicht schonn zu weit, iranische Ehebrecherinnen oder afghanische Ziegenhirten heranzuziehen, um den Diskurs über Handlungsreichweiten zu verkomplizieren?
Man sollte im Hinterkopf behalten, daß die Wissenschaft nunmal auch ihre natürlichen Grenzen hat, wie eigentlich alles, was wir erkennen können.
Wenn sie richtig erfolgreich ist, dann wird sie das Erklärbare verständlich machen können. Das Unerklärliche dürfte ihr aber verschlossen bleiben.
Ich halte es für angeraten, den Ball flach zu halten.
@Degnaphta
Du schreibst:
“[...]Tja, Bernie, das glaubst du.
Und bestimmen nun die Gene deine freie Entscheidung, diesen Glauben anzunehmen, oder entspringt dein Glaube anderen Quellen? Du hast die Wahl![...]”
Das ist eben mein Problem: Ich halte rein gar nichts mehr vom Glauben, denn beim Glauben hört der Verstand auf, und zwar egal an was du gerade glauben willst – da halte ich es doch mit Albert Einstein: “Alle Wahrheit ist relativ”.
“[...]Daß man die Existenz Gottes nicht beweisen kann, steht sicherlich genauso fest wie das Gegenteil, daß seine Existenz beweisbar wäre. Meines Erachtens eine der eindeutigsten Pattsituationen, über die der Mensch verfügt[...]”
Hast auch wieder recht, aber die Vorgehensweise, um diese angebliche “Pattsituation” zu umschiffen beweist eben wieder, dass Wissenschaft mit Glaube unvereinbar ist. Darauf wollte ich hinaus mit der Beschreibung der wissenschaftlichen Vorgehensweise zur Erlangung eines Beweises. Theologen behaupten von vorneherein, dass dieser Beweis existiert, ohne dies wissenschaftlich korrekt beweisen zu wollen, und dies ist genau das “Elend der Theologie”, wie ich einmal in einem gleichnamigen Buch las.
“[...]Die haben doch schon genug Kummer. Müssen sie jetzt auch noch instrumentalisiert werden?[...]”
Ich instrumentalisiere die nicht, sondern weise darauf hin, dass gerade die Kreationisten die gefährlichsten, gläubigen Fundamentalisten der Neuzeit sind, eben weil die die Evolutionstheorie, die rein wissenschaftlich, und nicht via Glauben, nachweisbar sein dürfte, leugnen. Na ja, lassen wir das Thema, dass von der Diskussion wegführt, ich mag halt Kreationisten eben nicht.
“[...]Man sollte im Hinterkopf behalten, daß die Wissenschaft nunmal auch ihre natürlichen Grenzen hat, wie eigentlich alles, was wir erkennen können[...]”
Eben nicht, nur solange bis es wissenschaftlich nachweisbar ist, dass es eben keine “natürlichen Grenzen” für die Wissenschaft gibt – dies ist reiner Aberglaube.
“[....]Wenn sie richtig erfolgreich ist, dann wird sie das Erklärbare verständlich machen können. Das Unerklärliche dürfte ihr aber verschlossen bleiben.[...]”
Wieviel was vor 100 Jahren angeblich unerklärbar war ist heute erklärbar – dank der menschlichen Vernunft, und der damit verbundenen Wissenschaft?
“[...]Ich halte es für angeraten, den Ball flach zu halten[...]”
Ich eben nicht, dass es Unklärbares nur solange gibt, wie die Wissenschaft die Erklärung (noch) nicht gefunden hat…..
….das ist ja gerade das tolle an der Wissenschaft, im Gegensatz zum Glauben, der reiner Aberglauben ist, und zwar egal in welcher Form dieser Glauben existiert…..
Übrigens, ich halte sogar Agnostiker/Atheisten, die angeblich einen “Glauben” haben, für keine reinen Agnostiker/Atheisten, denn wie schon erwähnt bei Glauben hört der Verstand auf…..
….auch wenn die Kirche heute behauptet, dass Glauben und Wissenschaft vereinbar wären (eine reine Lüge, da eben viele neuen Erkenntnisse z.B. in Europa gegen mächtigen Widerstand der Kirchen erkämpft wurden.)
Auch egal, lassen wir das Thema – führt eh nur in eine Sackgasse….
Gruß
und schönen Tach noch
Bernie
Oh Bernie,
bist du möglicherweise Fundamentalist? Naja, solange du nicht radikal und extremistisch wirst, kannst du Dank Religionsfreiheit ja glauben, was du willst. Da sich allerdings die Religionsfreiheit nur noch auf dem Papier so richtig austoben darf, sind sicherlich härtere Zeiten für Glaubende aller Art angesagt.
Eben nicht, nur solange bis es wissenschaftlich nachweisbar ist, dass es eben keine “natürlichen Grenzen” für die Wissenschaft gibt – dies ist reiner Aberglaube.
Nach meinem Kenntnisstand kann die Wissenschaft nur das bearbeiten, was sich auch wiegen oder sonstwie messen läßt. Wie wird sie mit dem Unwägbaren und dem Unermeßlichen umgehen?
Wieviel was vor 100 Jahren angeblich unerklärbar war ist heute erklärbar – dank der menschlichen Vernunft, und der damit verbundenen Wissenschaft?
Die heutigen Wahrheiten sind die Irrtümer von morgen, heißt es doch in aufgeklärten Kreisen der Wissenschaft. Oder wurde ich da desinformiert?
Ich eben nicht, dass es Unklärbares nur solange gibt, wie die Wissenschaft die Erklärung (noch) nicht gefunden hat…..
….das ist ja gerade das tolle an der Wissenschaft, im Gegensatz zum Glauben, der reiner Aberglauben ist, und zwar egal in welcher Form dieser Glauben existiert….. Und ich glaube ja, daß sogar Leute, die ihren Glauben in Abrede stellen, intensiv glauben… leider hochgradig unreflektiert, aber Entwicklungschancen gibt es immer und überall.
Hast du einmal in Betracht gezogen, daß der Wissenszuwachs eine Limesfunktion darstellen könnte. Man nähert sich einer Grenze, ohne sie jemals zu erreichen?
Agnostizismus dem Agnostizismus ist eine spannnde Empfehlung.
Aber da du ja Einsteins relative Wahrheit schon erkannt hast, wird das nichts Neues für dich sein.
Gott zum Gruße
“[...]Und ein deutschsprachiger Schweizer lässt sich in der Regel nicht gerne als Deutscher titulieren[...]”
Es gibt sogar Deutsche, die einmal deutsch waren, aber es heute nicht mehr gerne hören, weil eben Deutsche in diesem Land als Besatzer gewütet haben.
Welches Land ich meine? Die Niederlande, auch Holland genannt.
War sogar mir neu, oder ich hab’s mal gewußt und vergessen…..
Die Niederlande waren ein Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und niederländisch ist daher eng mit der dt. Sprache verwandt….
Wie erwähnt, schreib dies keinem Niederländer, du machst dich sofort unbeliebt, und auch wenn es die geschichtliche Wahrheit ist….
Der Grund heute? Die schiere Größe des Nachbarlandes Deutschland – d.h. Neid großes Land kleines Land, aber – gerade bei der jüngeren Mitgeneration – keine Erinnerungen mehr an die Besatzungszeit, die auch blutige Spuren in den Niederlanden hinterlassen haben soll.
Gruß
Bernie
Die USA haben 1973 auf Anraten des neoliberalen Wirtschaftsnobelpreisträgers Prof. Milton Friedman die Wehrpflicht abgeschafft. Prof. Friedman kalkulierte, dass die Menschenverluste in Angriffskriegen überproportional zur Aufstockung der Truppenkontingente zunehmen, was wiederum dazu führe, dass das Militär sein Soll an Neuverpflichtungen von Berufssoldaten immer mehr verfehlen müsse. Bevor die Armee die immer größer werdende Lücke mit blutjungen privaten Söldnern auffüllen könnten, müsse man auch Kriminelle, Vorbestrafte wg. Diebstahl, Raub, Körperverletzung oder Mord eine faire Chance geben, was schon für A. Hitler ein effizienter Weg gewesen sei, dergleichen Ungeziefer aus der amerikanischen Volksgemeinschaft auszumerzen.
Je mehr Verluste an derartigen „Berufssoldaten“ man aufhäufe, um so erfreulicher und ertragreicher entwickle sich das private Söldner-Business, das den darwinistischen „Ausschuss“ der USA auf diese elegante Weise entsorge.
Wirtschaftsnobelpreisträger Friedman kalkulierte neoliberal: Auch wenn die Lebensdauer privater Söldner immer kürzer werde, würden die Einsatzkosten der “robusten Eingriffe” mit steigendem Söldnerumschlag nicht signifikant steigen, da nach deren finalen Einsatzende keinerlei Folgekosten mehr anfallen. Somit sei die Abschaffung der Wehrpflicht der ultimative Katalysator, um das strukturelle Lohn- und Ausschussproblem der westlichen “Marktwirtschaft” auf unmenschliche Weise zu extra-territorialisieren.
Unser Freiherr zu Guttenberg würde gegen dergleichen Wirtschaftsnobelpeisträger-Ideen einwenden, die „Vermassung“ des Heeres berge die Gefahr des Verlustes „des aristokratischen Grundgesetzes soldatischer Staats- und Lebensauffassung“, also der Ideale des preußischen Offiziersgeistes. „Soldat sein, und insbesondere soldatischer Führer sein“ heiße schließlich „Diener des deutschen Staats sein mit all der darin inbegriffenen schwarz-gelben Gesamtverantwortung“.
Dergleichen Zerstörung des preußischen Offiziersethos durch Abschaffung der Wehrpflicht könnte in Freiherr von und zu Guttenberg immer mehr den Gedanken zum Staatsstreich reifen lassen, d.h. die Übernahme der Führung des Reiches durch die höchsten Heerführer, wie schon bei seinem Vorbilde Graf von Stauffenberg.
@GS
Ich glaub, da hast du dich verfahren. Gehört wohl hierher :)
Wahre Worte, wenngleich böse Zungen das ganze wieder als “Gutmenschentum” abbügeln werden. Ich dagegen würde den Text utopisch nennen – aber wie sagte schon Wild: “A map of the world not including Utopia is not worthing looking at”.
PS: Das eingangs erwähnte “Goethe-Hitler-Dilemma” ist sehr treffend formuliert. Chapeau.
13 Xenocrates:
Ist das ein Naturgesetz? Das wäre mir neu.
Beweis durch Behauptung? Nein, das ist eine reine Meinungsäußerung. Dann äußere ich meine auch: Das ist sehr wohl möglich. In Deutschland beispielsweise hat das über Jahrzehnte hinweg recht gut geklappt. Man sollte allerdings keine Gleichverteilung der Güter anstreben, sondern nur eine garantierte Mindestversorgung unter Menschenrechts-Gesichtspunkten und Chancengleichheit, dann hat man eine recht ideale Gesellschaft, in der auch die “Leistungswilligen” nicht zu kurz kommen. Dummerweise haben irgendwann die anderen Ideologen das Ruder komplett in die Hand bekommen, über die Regierung und insbesondere über die 4. Gewalt.
In Dänemark beispielsweise scheint das Ganze dagegen auch heute noch recht gut zu funktionieren.
Das genaue Gegenteil ist m.E. nach der Fall. Es scheitert nur daran, alle Menschen als Stammesmitglieder zu sehen. Das ist einfach nur eine Kopfsache. Wir haben einen kranken Zeitgeist entwickelt, der die Menschheit wahrscheinlich dahinraffen wird. Und wenn nicht die Menschheit, dann zumindest das, was wir Zivilisation nennen.
Garantie der Grundversorgung unter Maßgabe der Menschenrechte für alle + Chancengleichheit.
Nein, nur wenn zu wenig Geld vom Amt kommt und gleichzeitig die Mutter vorher dazu erzogen wurde, dass Dummheit und Egoismus positive Dinge sind.
Die Appelle sind nur wegen des kranken Zeitgeists nötig.
Das wäre angesichts des weltweit erarbeiteten, aber in bizarrer Art und Weise verteilten Wohlstands überhaupt gar nicht nötig.
Richtig, und es gibt wohl kaum einen Grund, warum das nicht auch weltweit so gemacht werden könnte.
Das ist nur dann nicht verwunderlich, wenn man nicht verstanden hat, dass Kooperation zu wesentlich(!) besseren Ergebnissen für alle führt als Egoismus und Konfrontation.
Man braucht niemanden zu schelten, es müssen “einfach nur” die Regeln überall dergestalt geändert werden, dass die obige Forderung der garantierten Grundversorgung & Chancengleichheit erfüllt ist. Innerhalb dieser Regeln kann der Vermögende sich dann frei und ohne Gewissensbisse der Vermehrung des Vermögens widmen.
@David
Vielen Dank für den Artikel.
Ich bin mit mir noch nicht im Reinen, ob es wirklich eine “internationale Solidargemeinschaft” sein muss. Einerseits, weil die Phrase verbraucht ist und andererseits, weil die Herzen der meisten Menschen nicht groß genug, bzw. ihre Mägen nicht voll genug sind.
Es ist meiner Meinung nach wichtig, die Abstrusität der praktizierten gesellschaftlichen Produktionsweise (und ihre Folgen) zu erklären. Der Nationalismus ist, wie Du andeutest, ein Symptom der internationalen Wirtschaftskonkurrenz. Er wird als “natürlich” wahrgenommen, weil die Menschen unterschiedlicher Nationen – tatsächlich – (nicht nur eingebildet/eingeredet/aufgestachelt) in Konkurrenz stehen.
Diese Konkurrenz kann überwunden werden – ein Weg wäre die internationale Solidarität – die sich vor allem in demokratischer, internationaler Arbeitsteilung beweisen müsste (passt da das Wort Solidarität überhaupt?). Dabei ist allerdings vollkommen unklar, wie wir von hier nach dort kommen. Ich finde, die Frage nach einem alternativen Wirtschaftssystem muss schnell in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diskussion, denn nur dort kann sie geklärt werden. Hoffentlich wird sich dabei schnell herausstellen, dass der nationale Blickwinkel hinderlich ist.
@Xenocrates
Ich glaube es fällt Dir deswegen so schwer, den Autor zu verstehen, weil Du Dich noch nicht wirklich mit Kapitalismus beschäftigt hast. Das wird immer dann deutlich, wenn Du die Unmöglichkeit eines anderen Wirtschaftssystems mit Argumenten belegen willst, die nur im aktuellen System gelten.
Was hat das mit dem Thema zu tun? Zumal ich mich über Funktionsfähigkeit und Fehler des Kapitalismus noch gar nicht ausgelassen habe? Der Author, wie viele idealistische Theoretiker, ignorieren die menschliche Natur und möchten natürliche Verhaltensweisen wegverpflanzen. Solidarität ist ein natürliches Verhalten – in einer kleinen Gruppe. Schon auf staatlicher Ebene lässt sie sich nur mit Zwang erreichen. Um wieviel größer müsste der Zwang zur Durchsetzung in einem globalen System sein? All das lässt sich heute und in der Vergangenheit beobachten, weshalb z.B. kriminelle arabische Clans sich hier abschotten und eine geschlossene Einheit bilden, gebunden weitgehend durch freiwillige Solidarität und gemeinsame Werte. Und es ist der Grund, warum in Afrika keine Staatenbildung möglich scheint, Clans (also Familien) dominieren die Politik und verhindern das Herausbilden einer übergeordneten Macht.
Um ein anderes Bild zu gebrauchen: eine Mutter, die ihr Kind stillt, ist das Natürlichste der Welt. Eine Frau, die einem völlig fremden Teenager aus einem anderen Land und einer anderen Kultur die Brust gibt, ist eine Perversion der Natur.
ich will dich nur kurz sprachlich korrigieren.
eine frau, die einem fremden kind die brust gibt, wird hier in deutschland amme genannt, nicht perversion der natur.
auf den anderen scheiß, der da drin steckt, gehe ich nicht ein.
@6 und 19, swenske und fian, betr. “Fußballpatriotismus”
Ich möchte mich da großteils anschließen und anraten, diese Vermischung von Fußballpatriotismus und Nationalismus, so differenziert verpackt sie auch daherkommt, allmählich mal aufzugeben, denn sie lenkt ab vom Wesen beider, ob man sie vergleicht oder unterscheidet.
Natürlich wird der Fußballpatriotismus politisch instrumentalisiert, aber welche positive, breite Euphorie wird das nicht? Erinnern wir uns an die wie ein internationaler Wettbewerb funktionierende Spendenwut bei der Tsunamikatastrophe vor einigen Jahren. Wurde das und (“Deutschland spendet am meisten!”) die nationalpatriotische Instrumentalisierung so beharrlich aufs Korn genommen wie der schwarz-rot-goldene Fussballjubel? Wurde nicht.
Ich erinnere mich an Patriotismen, die rückblickend für viel schädlicher gehalten werden müssen als alle periodischen Nationalteam-Euphorien zusammen, weil sie materielle, elitaristische und wirtschaftliche Werte gegenüber den solidarischen und internationalistischen Werten im deutschen Wertekatalog durchsetzten: “unsere starke Mark”, “deutsche Wertarbeit”, “Exportweltmeister”. Da sind doch viel fatalere Identifizierungen entstanden als bei der mit dem Beckenbauerteam und vorherigen oder folgenden Ballhelden. Stand das mal unter Nationalismusverdacht, was ja durchaus angebracht gewesen wäre? Viel weniger.
Aus der fußballerischen Perspektive: Erinnern wir uns an Schalke, den “Meister der Herzen” oder beispielsweise die letzte Meisterschaft von Werder Bremen, wo in der kleinen Stadt 50.000 Menschen lokalpatriotisch mit grünen Fahnen feierten. Das steht richtigerweise außerhalb jeder Patriotismuskritik, die sich eher an den Farben der Fahnen auszurichten scheint als an dem Grund, warum wer sie wie schwenkt.
Die Südafrika-WM (alles in 100 Reportagen nachzulesen im link unter meinem Namen) dürfte in diesem Sinne doch Bände gesprochen haben: zunächst feierten sogar über Rassengrenzen vereint die Südafrikaner und die Fans der anderen fünf afrikanischen Teams in den Nationalfarben jeweils ihr Team, auf dem ganzen Kontinent, und die konnten komischerweise sehr gut trennen zwischen der beschissenen sozialen und politischen Lage daheim und dem Sportfest. Als nach der Vorrunde nur noch Ghana dabei war und sogar ins Viertelfinale kam, da kämpfte der gesamte afrikanische Kontinent innerlich mit den Ghanaern: der nationalismusverdächtige und von jeweils nationalen Herrschern instrumentalisierte Nationalfarbenpatriotismus hatte sich über Nacht auf einer höheren Ebene aufgelöst, der kontinentalpatriotischen. Würde man der halben Milliarde afrikanischer Fußballfans deshalb jetzt Rassismus und Weissenhass unterjubeln?
Einige werden wohl auch das noch schaffen, obwohl diese Afrikaner vielleicht einfach nur mal menschlich waren, in ihren zu oft zu unmenschlichen Existenzen.
Fazit: Blödsinn. Mit abstrakten Begriffen gefertigte Analysen sollten sich auch nicht erhoffen, man frage heute mal Karl Marx, zu menschlicheren Lösungen zu führen. Bleibt auf dem Teppich, bevor noch mehr Menschen aus dem Keller in die Katakomben gefegt werden, mit und ohne Nationalismus.
@6 und 19, swenske und fian, betr. “Fußballpatriotismus”
Ich möchte mich da großteils anschließen und anraten, diese Vermischung von Fußballpatriotismus und Nationalismus, so differenziert verpackt sie auch daherkommt, allmählich mal aufzugeben, denn sie lenkt ab vom Wesen beider, ob man sie vergleicht oder unterscheidet.
Natürlich wird der Fußballpatriotismus politisch instrumentalisiert, aber welche positive, breite Euphorie wird das nicht? Erinnern wir uns an die wie ein internationaler Wettbewerb funktionierende Spendenwut bei der Tsunamikatastrophe vor einigen Jahren. Wurde das und (“Deutschland spendet am meisten!”) die nationalpatriotische Instrumentalisierung so beharrlich aufs Korn genommen wie der schwarz-rot-goldene Fussballjubel? Wurde nicht.
Ich erinnere mich an Patriotismen, die rückblickend für viel schädlicher gehalten werden müssen als alle periodischen Nationalteam-Euphorien zusammen, weil sie materielle, elitaristische und wirtschaftliche Werte gegenüber den solidarischen und internationalistischen Werten im deutschen Wertekatalog durchsetzten: “unsere starke Mark”, “deutsche Wertarbeit”, “Exportweltmeister”. Da sind doch viel fatalere Identifizierungen entstanden als bei der mit dem Beckenbauerteam und vorherigen oder folgenden Ballhelden. Stand das mal unter Nationalismusverdacht, was ja durchaus angebracht gewesen wäre? Viel weniger.
Aus der fußballerischen Perspektive: Erinnern wir uns an Schalke, den “Meister der Herzen” oder beispielsweise die letzte Meisterschaft von Werder Bremen, wo in der kleinen Stadt 50.000 Menschen lokalpatriotisch mit grünen Fahnen feierten. Das steht richtigerweise außerhalb jeder Patriotismuskritik, die sich eher an den Farben der Fahnen auszurichten scheint als an dem Grund, warum wer sie wie schwenkt.
Die Südafrika-WM (alles hier in 100 afrikanischen Reportagen nachzulesen) dürfte in diesem Sinne doch Bände gesprochen haben: zunächst feierten sogar über Rassengrenzen vereint die Südafrikaner und die Fans der anderen fünf afrikanischen Teams in den Nationalfarben jeweils ihr Team, auf dem ganzen Kontinent, und die konnten komischerweise sehr gut trennen zwischen der beschissenen sozialen und politischen Lage daheim und dem Sportfest. Als nach der Vorrunde nur noch Ghana dabei war und sogar ins Viertelfinale kam, da kämpfte der gesamte afrikanische Kontinent innerlich mit den Ghanaern: der nationalismusverdächtige und von jeweils nationalen Herrschern instrumentalisierte Nationalfarbenpatriotismus hatte sich über Nacht auf einer höheren Ebene aufgelöst, der kontinentalpatriotischen. Würde man der halben Milliarde afrikanischer Fußballfans deshalb jetzt Rassismus und Weissenhass unterjubeln?
Einige werden wohl auch das noch schaffen, obwohl diese Afrikaner vielleicht einfach nur mal menschlich waren, in ihren zu oft zu unmenschlichen Existenzen.
Fazit: Blödsinn. Mit abstrakten Begriffen gefertigte Analysen sollten sich auch nicht erhoffen, man frage heute mal Karl Marx, zu menschlicheren Lösungen zu führen. Bleibt auf dem Teppich, bevor noch mehr Menschen aus dem Keller in die Katakomben gefegt werden, mit und ohne Nationalismus.
Im Übrigen danke auch ich natürlich David Liese für seinen ansprechenden Artikel über ein Thema, das niemals als zu Ende diskutiert betrachtet werden sollte.
wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du in das land, dem goethe und andere zugerechnet werden, ohne eigenes verschulden hineingeboren. das kann passieren. es hätte auch passieren können, in ein land, dem gorki oder sartre oder cervantes oder shami oder weiss der kuckuck wer zugerechnet werden, schuldlos hineingeboren worden zu sein.
was sagt mir das? nationalismus fängt immer mit solchen helden an. klar, er endet auch immer mit den anderen helden, den napoleons, paulus’, montgomeries dieser welt – und mit ihren schurken, den hitlers, den wer-auch-immers, die du ganz nach bedarf zusammenklauben kannst. das hängt immer ganz davon ab, ob jetzt gaddafi ein schurke oder ein fussballsponsor ist, ob nordkorea ein erstrebenswertes eroberungsziel darstellt oder vielleicht doch eher der iran, oder in der vergangenheit jugoslawien.
wie willst du die technischen errungenschaften der letzten jahrzehnte von der entwicklung des kapitalismus abkoppeln? wie soll das gehen?
und dann: “Ich kann weder stolz sein auf mein Land noch auf meine Vorfahren, und ich muss auch keine Erbschuld mit mir herumschleppen und meinen Kopf demütig senken, wenn ich einem Juden auf der Straße begegne.”
nein, du musst nicht auf ‘dein’ land stolz sein, auch nicht, wenn es so tolle leute wie den goethe hervorgebracht hat. hat es nämlich nicht. dein land gab es nun leider nicht, als der goethe gelebt hat. aber das ist wieder eine andere geschichte, eine historische. schwierigkeiten habe ich so richtig damit, dass du deinen kopf nicht senken willst, wenn du einem juden auf der straße begegnest. und zwar deswegen: gibt es da jemand, der das von dir fordern könnte – und vor allem, woran erkennst du denn einen juden auf der straße, so damit du weisst, dass du deinen kopf vor ihm nicht zu senken brauchst?
hast du’s gemerkt? diese sachen, die nur ansatzweise irgendwo herausgezogenes aus deinem aufsatz sind, haben für mich – NUR FÜR MICH! – durchweg etwas sentimental deutschtümelndes, protonationalistisches und tatsächlich auch antisemitisches. da helfen auch die bröckelchen kropotkin, arendt und dutschke nicht.
du bist deutschland.
@ GrooveX
Indem man sie getrennt betrachtet.
Die volkswirtschaftliche Leistung, die hinter den Errungenschaften steckt, ist ja nicht ausschließlich dem Kapitalismus zu verdanken. Irgendeine volkswirtschaftliche Leistung hätte es auch ohne gegeben. Möglicherweise eine gemessen geringere, wobei sofort die Klärung erfolgen muß, wie denn überhaupt gemessen wird.
Nehme man Erleichterungen aus der Arbeitswelt, dann sind die glasklar aus positiver Fortschritt erkennbar. Ob sich etliche Hände mit der Sense oder einer Schaufel Schwielen schuften, oder ob ein paar Baggerschaufeln respektive ausgefuchste Ackergeräte des Menschen Gesundheit und Zeitverfügungspotential förderlich sind, dürfte den Betroffenen unbestritten als Segen gelten.
Daß andererseits Tankinnenreiniger oder das Malerhandwerk gleichzeitig durch ihre Erwerbstätigkeit in völlig neue Arten von Krankheit getrieben werden, ist da dann wieder die schmutzige Seite der Medaille.
Insgesamt wurden eigentlich genügend Fehler gemacht, um aus ihnen lernen zu können. Die Fehler allerdings zu institutionalisieren, indem man dem Fluch von Profit- und Wachstumszwang vorsätzlich erliegt, wird viel Ärger einbringen.
mp3-player und die Mehrheit der angeblich Wohlstand bewirkenden Produkte (50shampposorten, Billig-T-Shirts, Astronautennahrung usw) erachte ich übrigens nicht
als Errungenschaft im positiven Sinne.
Dank des Konzeptes ‘intellectual property’ wird sich Forschung und Lehre sowieso verabschieden, was dann zwangsläufig zur überfälligen Entschleunigung beitragen wird. Dann haben wir endlich auch die Zeit mal drüber nachzudenken, daß unsere Handlungsreichweite ja niemals über unsere Handlungsreichweite hinausgehen wird.
Das bedeutet, daß wir hier unseren Hof aufräumen müssen, und die Afghanen ihren, und die Koreaner ihren usw.
Wir schaffen ja nichtmal D oder gar EU. Was wollen wir denn woanders?
Und wenn wir das begriffen haben werden, dann klappt’s auch wieder mit den Errungenschaften.
du kannst kapital und produktion nicht trennen. sie sind gemeinsam die eine seite des falschen fuffzigers. die zweite seite der blechscheibe ist die nation, und die dritte – du kennst die dritte seite der medallje? richtig, das band – ist das humankapital für die eine und der finanzier für die andere.
und wenn wir das begriffen haben werden, dann klappt’s auch wieder mit der, der, der? ja, sag es, schrei es, ruf es aus!
Meinst Du wirklich, Du könntest im Kapitalismus beeinflussen, was entwickelt/hergestellt wird?
Nein, eher ‘Herr Rainer Zufall’.
Entwickelt/hergestellt wird, womit man meint, ‘gut Geld verdienen’ zu können…
Bricht dann die Nachfrage ein, weil der jeweilige (durchaus vorhandene) Bedarf wegen fehlender finanzieller Mittel nicht ‘umgewandelt’ werden kann – wird hier auch nichts ‘entwickelt/hergestellt’.
Die wirklich ‘wichtigen’ Dinge, die wären auch so ‘errungen’ worden, hätte wohl länger gedauert, aber dafür hätten diese dann auch länger ‘gehalten’ und wären ohne eingebautes Verfallsdatum an den Mann oder die Frau gebracht.
Btw. Menschen haben nämlich schon immer danach gestrebt, ihr Leben einfacher, leichter und schöner ‘zu machen’.
meinst du wirklich, dass unser streben, das leben einfacher, leichter und schöner zu machen einem dieser drei irgendwie näher gekommen ist? kennst du den film ‘we feed the world’? das ist eine dokumentation, die zeigt für wen und wo dieses leben nicht schöner und leichter wird. einfacher ist es so oder so nicht geworden, nirgendwo.
ob irgendetwas errungen worden wäre, wenn… weiss ich nicht. dieses wenn hat nicht stattgefunden.
und zuletzt, ich will doch um himmels willen nicht beeinflussen, was hergestellt wird, nicht im kapitalismus und nicht in irgendeiner anderen ökonomie. oder doch, verhindern ist ja auch beeinflussen. leider bin ich nicht größenwahnsinnig genug zu glauben, ich könnte das.
Lieber Autor,
was sagen Sie, wenn ich Ihnen sage, dass ich einige Franzosen kenne, die über ihre Nationalmannschaft mächtig frustriert waren, und plötzlich Deutschland unterstützt haben? Oder dass ich (deutsch) alle afrikanischen Teams angefeuert habe (incl. Ghana)? Und dass ich damit nicht alleine war? Dass in Stuttgart Italiener ihre italienischen Flaggen abgelegt haben zugunsten der deutschen Flagge? Oder dass türkische Jugendliche mit den Worten “immerhin sind bei euch ja noch 2 von uns dabei” auch Deutschland anfeuern? (analog für “3 von uns” für die polnischen Fans). Viele haben auch für Australien die Daumen gedrückt oder für Neuseeland oder für die Schweiz. Dass wahre Sportkenner andere Länder aufgrund ihrer ansprechenden Spielweise unterstützen?
Ich kann auch mittlerweile nach stundenlangem Üben die südafrikanische Nationalhymne singen (die ist eh viel hübscher als die deutsche: http://www.youtube.com/watch?v=qXKur2FAN7g)! Und die französische. Auf jeder Fanmeile konnte man Fans auftreiben, deren Mannschaft NICHT (mehr) vertreten war und die trotzdem mit Freude dabei waren. Bzw. die aus irgendwelchen dunklen Gründen die Seiten gewechselt haben (deutsche Spanienfans, holländische Deutschlandfans…). Ich glauben Sie machen es sich zu einfach mit Ihrer Betrachtung. An erster Stelle steht für die meisten irgendwo dazu zu gehören. Dabei ist es zweitrangig, ob die Fahne jetzt schwarz-rot-gold ist in die man sich wickelt oder grün mit blauer Raute oder rot-gelb-rot oder rot, gelb und grün. Würde man einzelne deutsche Jugendliche separieren und sie zu einer Gruppe portugiesischer Fans stecken, während sie ein Spiel Portugal gegen Spanien anschauen, würden die allermeisten auch für Portugal jubeln. Obwohl sie nicht in Portugal geboren wurden und demnach nicht stolz sein dürfen auf Vasco da Gama und Fernando Magellan und sich auch sonst nicht mit dem Land identifizieren, dessen Sprache sie nicht sprechen. In dem Moment gehören sie dazu, auch wenn der ganze Wortschatz aus portugiesischen Spielernamen und den Namen obskurer Longdrinks besteht :-)
@Opa Horst
Ich weiss zwar nicht, was angehender Politikwissenschaftler und Jungphilosoph dazu meint, mich wundert es in keinster Weise.
Menschen brauchen ihre “Helden”, um sie zu lieben und zu verehren.
Wer dem Raufbold auf der Strasse die Fresse poliert, wird zum Held der Strassenbande, wird verehrt, bewundert und sogar kollektiv verteidigt.
Nichts anderes geschieht auch in nationalen Maßstäben.
Im Übrigen bin ich ein Perverser – ich mag keine Helden.
@ GrooveX:
Ob es technische Errungenschaften wie das Internet unabhängig vom Kapitalismus nicht geben würde, bezweifle ich ganz stark. Selbst die realsozialistischen Systeme – auch wenn das ganz sicher nicht das Ideal ist, auf das ich hinstreben würde – haben gezeigt, dass technischer Fortschritt dort oft auf gleichem oder gar höheren Niveau stattfindet wie in kapitalistischen.
“gibt es da jemanden, der das von dir fordern könnte”
Ich weiß nicht genau, auf was du hinauswillst.
“und vor allem, woran erkennst du denn einen juden auf der straße, so damit du weisst, dass du deinen kopf vor ihm nicht zu senken brauchst”
Bestimmt nicht an Hakennase und Kippa.
Wenn dir das Bild des “auf der Straße treffen” nicht passt, ersetze es durch ein “im Gespräch mit ihm sein”. Was ich meine ist, das mich als 1989 geborenen Menschen keine Schuld am Holocaust trifft. Deshalb bin ich keineswegs Antisemit, denn von der Verantwortung, dem damals Geschehenen zu gedenken und dazu beizutragen, dass es nie wieder ein solches Verbrechen geben darf, bin ich auch nicht entbunden, wenn ich keine Schuld daran trage.
ich glaube, in einer kapitalistischen welt die produktion vom kapital abkoppeln zu wollen, ist mindestens abwegig. und ganz sicher behaupte ich nicht, dass es so dinger wie das internetz ohne kapitalismus nicht geben könnte. KÖNNTE! denn es gibt das internetz nicht ohne kapitalismus. nicht ohne akw, nicht ohne erdöl, nicht ohne bodenschätze, nicht ohne ausbeutung.
genau, es war das bild, das mir nicht gepasst hat. ich bringe jetzt mal ein anderes bild. stell dir einfach vor, der franzose als solcher, der franzmann, kann alles mögliche, aber mit sicherheit keinem juden auf der straße begegnen und sich dazu komische gedanken machen. sein erzfeind, der engländer an sich, obwohl dem franzmann sein erzfeind, kann es auch nicht. beide könnten sich so etwas nicht ausdenken. noch nicht mal für den jeweils anderen. der deutsche jedoch begegnet auf der straße nicht einem fremden, der alles mögliche sein könnte, nachbar zum beispiel, sondern einem juden, moslem, was auch immer seine fremdgesteuert xenophobe phantasie hergibt. insofern hast du ein zutreffendes bild gewählt.
ich für mein teil bin nie mit juden im gespräch, außer es handelt sich um religion. meine gesprächspartner unterscheide ich an ihren namen und titten.
Ich halte diese Behauptung für falsch.
Erstens habe ich nicht behauptet, in einem Gespräch mit einem anderen Menschen in erster Linie, quasi als sein “Primärmerkmal” dessen andere Ethnie, Religion etc. zu sehen. Das interpretierst du in meinen Text herein, was vielleicht eher etwas über dich und deine Prägung aussagt.
Und da wären wir beim zweiten, nämlich der Prägung. Es mag sein, dass wir unsere Mitmenschen kategorisieren, wenn wir ihnen begegnen, nach äußeren Merkmalen; Aussehen, Sprache und so weiter. Ich glaube, dass das zum einen mit dem Bedürfnis des Menschen, seine komplexe Umwelt zu ordnen zusammenhängt, zum anderen, viel größeren Teil aber von der gesellschaftlichen Prägung. Xenophobie wird uns (un)bewusst beigebracht, zum Beispiel von all den Meinungsführern, die in der Verwendung des Wortes “Autobahn” gleich eine Sympathiebekundung zum Nationalsozialismus sehen, die in einer Kritik an der israelischen Politik den lauernden Antisemitismus vermuten und und und.
Xenophobie ist ein Reflex, kein natürliches Verhalten “des Deutschen”.
was glaubst du, warum ich ‘fremdgesteuert xenophobe phantasie’ geschrieben habe?
alles, was ich hier von mir gebe, sagt etwas über mich und meine ‘prägung’ aus. das unterscheidet mich jetzt nicht großartig von anderen. allerdings habe ich schon den übermut zu glauben, mir meine ehemaligen prägungen einigermaßen ausgeätzt und mir eigene zugefügt zu haben. so einen satz zu bringen, dass es vielleicht mehr über mich und meine uswusf… aussage, ist mehr als ein unterschwelliges auskeilen. okay, das habe ich mir redlich verdient, kann ich mit leben.
zurück zum text. da habe ich nichts hinein interpretiert, das habe ich alles so genommen, wie es geschrieben steht und genau dazu meine gedanken formuliert.
Ich musste sofort an den Spruch von Pispers denken:
“Ich bin mit meinen bisschen Menschsein derart ausgelastet, zum Deutschsein komm ich ganz selten.”
Gut geschriebener Artikel übrigens.
Der Mensch ist in erster Linie menschlich
Jö,
und das Wasser ist in erster Linie wässrig,
der Affe ist in erster Linie affig,
und das Tier ist in erster Linie tierisch.
Gelle?
Ist im Übrigen affig oder tierisch zu sein besser oder schlechter als menschlich zu sein? Man kann schon vermuten, wie die meisten Menschen darauf antworten werden. Es ist doch klar, wir sind ex def “die Guten” oder zumindest “die Besseren” mit all unseren Eigenschaften, die uns bewusst sind oder die wir uns kulturbedingt einbilden.
Ist menschliche Gier oder menschliche Feindseligkeit etwa nicht menschlich? Oder das Streben nach mehr Macht und Einfluss, sprich unsere Neigung zum Parasitismus. Sind diese Eigenschaften gut oder schlecht?
Man darf darüber geteilter Meinung sein, und die Mehrheit, zumindest aus unserem “westlichen” Kulturkreis, würde sie gar nicht so schlecht oder unmenschlich empfinden.
Schon wieder eine Tautologie mit chauvenistischem Beigeschmack.
Menschen kann alles Mögliche miteinander verbinden, sowohl das “Gute” a.a. das “Böse” – je nach ggw. Lage und soziokulturellem Hintergrund.
Aber das Wesentliche dabei ist und bleibt das Wir-Gefühl, das wir noch von Affen geerbt haben. Das Gefühl, in einer Gemeinschaft der fremden und feindlichen Umwelt gegenüber geborgen zu sein.
Kaum wurde den Menschen ein Wenig Angst mit “bösen Terroristen” angejagt, schon scharten sie sich en masse brav und fügig um größte Verbrecher der jüngsten Zeit herum. Es ist also nicht nur affig, sondern auch menschlich.
Apropos affig zu sein. Ich erinnere mich an eine durchaus interessante TV-Sendung, in der Anthropologen der Frage nachgegangen sind, was eigentlich uns Menschen von den Affen unterscheidet?
Zunächst wurde in der Sendung eine Liste diverser Eigenschaften aufgestellt, von denen es zu vermuteten war, es seien DIE “menschlichen” Eigenschaften.
Pustekuchen! Zu meiner Verblüffung standen uns Affen bei vielen vermutlich rein “menschlichen” Eigenschaften im nichts nach oder waren uns sogar deutlich überlegen, wie z.B. bei Gedächtnis oder Rationalität. Ich will jetzt die Sendung nicht komplett beschreiben, würde sie jedoch jedem Humanitarier, der über “die Menschlichkeit” sinniert, wärmstens ans Herz legen.
Mein Resüme daraus, das auch mit meiner Lebenserfahrung gut übereinstimmt, könnte ich so formulieren: Menschen sind nur eine Art kultivierter Affen. Wobei “kultiviert” hier nicht mit positiv kollokorierter “Kultur”, sondern mit neutralem “Kult” zu begreifen ist.
Das ist es auch, was die Menschen am häufigsten verbindet – eine Gemeinschaft betet die gleichen Idole an und verehrt in ihrer sozialen Hierarchiestufe (oder Nische) dieselben “Eliten” oder “geistige Führer”.
Hmmm, da bin ich mir nicht so sicher, dass es evident mit Unwissenheit oder Ahnungslosigkeit der Ausgebeuteten und Verantwortungslosigkeit der Ausbeuter zu tun hat.
Das Problem ist, dass die meisten Menschen sich zwar unwohl als Ausgebeuteten fühlen und auf Ausbeuter erbost sind, hätten jedoch nichts dagegen, selbst zu Ausbeutern oder Gewinnlern zu gehören. Anders kann ich mir die breite Unterwürfigkeit vor “Eliten” und Verehrung allerlei “Promis” oder “Leistungsträger” nicht erklären. Das tun zwar nicht alle, aber die “demokratische Mehrheit” ist dafür ganz sicher durch simples Auftreten zu gewinnen. Von daher ist es vergebliche Mühe, “die Eliten” oder “Ausbeuter” auf eine oder andere Weise zu eliminieren – im nächsten Moment sind die “Befreier” auf ihrer Stelle und auch in ihrer Rolle.
Das ist viel zu abstrakt dieses Menschsein – jeder versteht darunter was eigenes und pocht auf Definitionshoheit. Und letzten Endes sind auch unsere ideologische Widersacher auch Menschen. Oder?
Das mit der allumfassenden Nächstenliebe hat’s noch nie richtig funktioniert, außer für Selbstbeweihräucherung und Verstärkung des Gefühls, dass ausgerechnet “wir” die wirklich Guten sind.
Es ist letzten Endes ein magisches Denken, Mystifizierung der Realität – ist sehr sehr menschlich.
Definitiv! Sie ist das Produkt unseres Tuns.
Und woraus leitet sich unser Tun ab?
Das verhängst du jetzt als allgemeingültige Pauschalisierung über alle Menschen?
Irgendwie habe ich den Eindruck, als könntest du dir nicht vorstellen, daß es auch Menschen gibt, die eine emanzipierte Haltung bezüglich ihres Stellenwertes als Rädchen im ökologischen Getriebe haben.
Selbst wenn man bedenkt, daß der Mensch wahrscheinlich die größte aller verfügbaren Optionspaletten hat inklusive der machtvollsten Werkzeuge, kann er allein deshalb nicht ‘der Beste’, ‘der Tollste’ oder ‘der Höchste’ sein, weil das die Frage nach dem niedrigsten Wesen nicht zu beantworten ist. Wir radieren zwar munter Arten aus, als wollten wir allein auf der Welt sein, aber das machen wir ganz gerecht nach dem Zufallsprinzip. Wer im Weg ist, kommt weg. Nicht gezielt sondern als Kollateralschaden, der ja sonst auch recht beliebt ist.
Aber sollte man sich einigen wollen unter allen Menschen, welche Art die niedrigste sei, um sie dann gemeinsam vom Antlitz der Erde zu tilgen, dann sähe ich da lange fruchtlose Diskussionen…. vielleicht wäre das ein cooler Boost für den Naturschutz.
“Die nächste Tierat, die wir ausrotten, die suchen wir gemeinsam aus!”
Das mit einer fetten Medienkampagne an den Konsumenten gebracht, könnte die Welt verändern ;-)
Die Antwort darauf findest du in dem von dir hervorgenommenen Zitat, wenn du es noch ein Mal aufmerksam durchliest.
Och, Spöggl und BILD lösen dieses Problem im Handumdrehen, zumindest auf nationaler Ebene.
einspruch! geschichte ist nicht produkt irgendeines tuns, allenfalls der blick zurück auf getanes. und dieser blick ist auch nur magisches denken und mystifizierung. insofern können wir aus der ‘geschichte’ – und wir versuchen es ja auch gar nicht – nichts für unser gegenwärtiges leben ableiten.
das große, wirklich dramatische problem dabei ist, dass wir mit einem geschichtlichen dogma behaftet sind. unsere ‘wurzeln’, die ‘antike’, der ‘humanismus’, die ‘renaissance’
DER STURM AUF DIE BASTILLE, ach, der ganze wust an dingen, die ‘unsere gesellschaft’ wertvoll machen sollte. doch nun, in der postmoderne, haben wir die dogmen abgeworfen und stehen leer da, ohne wirkliche traditionen, ohne wirkliche gemeinschaft, ohne orientierung, ohne gemeinsame sprache, dafür mit einem tollen internet.
Da bist du gar nicht so in Unrecht, wenn ich nachdenke.
Geschichte ist Produkt unserer Mytenbildung,
das Produkt unseres gemeinsamen Tuns ist das Geschehene ;)
Hmmm, die alten abgeworfen, die neuen zusammengesponnen.
@David Liese
Aus pädagogischer Sicht eine hervorragende Schlussfolgerung mit Aufforderung zum handeln. Gratulation!
(Was jetzt noch fehlt ist eine detaillierte Langfassung für den deutschen Vereins-, TV- und WM geschädigten Volksdepp).
was auch fehlt, wir wollen ja niemanden ausgrenzen, ist eine schlüssige langfassung für den deutschen volksintellektuellen. so viel integrationswille muss sein.
@David Liese:
Dann hoffe ich, dass Sie wachsam bleiben. Wir erleben nämlich dieser Tage live wie eine andere Bevölkerungsgruppe stigmatisiert wird (diesmal nicht wegen einer Religion, sondern weil sie arbeitslos sind, bzw. zu wenig verdienen und deshalb aufstocken müssen). Der Tag wird kommen, an dem man sie auch noch in fördernde Wohngemeinschaften zusammenpfercht werden, nachdem sie nun schon im Stadium “Zwangsarbeit light” angekommen sind. Oder zumindest, dass sie zusätzlich zu den Lebensmittelmarken, die sie im Supermarkt stigmatisieren, bald wohl noch ein äußeres Erkennungszeichen mit sich führen müssen.
Viele Grüße,
Opa Horst
Absolute Zustimmung, dieses Wort in den Gehörgängen der Gesellschaft.
Das Problem ist vor allem der Kehrseite des modernen Pluralismusgedanken geschuldet; wer artikuliert die Interessen derjeniger, die nicht (mehr) am kapitalistischen Leistungs- und Verwertungssystem partizipieren können bzw. die über keinerlei Druckmittel verfügen?
Auch hier greift, meiner Meinung nach, nur die von mir eingangs geforderte Solidarität und das Besinnen darauf, dass ich selbst genauso (unverschuldet) arbeitslos sein könnte.
Träume und Illusionen sind bequem, Erkenntnis ist beschwerlich.
Ja, eine breite Solidarität und das Besinnen darauf wäre zweifelsohne was ganz tolles, was unsere Gesellschaft von Grund auf verändern würde.
Nur kann man leider weder die eine noch das andere in der Gesellschaft durch bloße Forderungen verändern, die bleiben so wie die sind. Zumindest auf absehbare Zeit. Und wenn sie sich verändern sollten, dann nicht auf eine Aufforderung, sondern durch Propaganda oder Aufklärung, durch Einsicht, die sich aus konkreter Lebenslage und geläufigen Welt- oder Wertvorstellungen ergibt. Das braucht Zeit.
Aber wie sind sie denn ggw.? Und warum sind sie so wie sie sind?
Das sind die Fragen, die man sich stellen muss um von Träumerei hin zu Erkenntnis zu kommen. Träume sind gut, um ein Ziel anzuvisieren. Um es zu erreichen ist die Erkenntnis vonnöten.
Wie es damit in der Mittelschicht aussieht – wohl die breiteste soziale Schicht, zu der auch die meisten Leser und Kommentatoren hier angehören, kannst du einer hervorragenden Lektüre von Ulrike Herrmann entnehmen. Das Buch ist an paar Abenden durch – sind nur paar Hundert locker geschriebene Seiten, an dem Stoff kann man schon mehrere Tage knabbern.
Die Frage Warum geht sie allerdings gar nicht an – sie ist keine Anthropologin und macht lediglich eine Bestandsaufnahme. Und stellt noch paar richtige Fragen in den Raum, die sich daraus ergeben.
@David Liese
Insgesamt imho ein sehr schöner Artikel, regt zum Denken, zum Nachlesen an. Leider hab’ ich Fragen, zieh’ ich andere Schlüsse:
ja, und das alles iss von Menschen gemacht, gelle? Warum sollte das geändert werden? Die “üblichen 10%” wollen das ändern, die “üblichen zweiten 10%” wollen dass das so bleibt, die restlichen 80% können nich, traun sich nich, haben resigniert (“da kammer als Klaaner doch nix mache, gell?”) … Woraus schöpfst Du die Hoffnung, der Mensch könnte den Menschen überwinden? Und welches Problem folgt dann daraus?
Wir würden ja Menschen bleiben, oder?
Erkenntnis von Dutschke?, Behauptung von ihm!, nichts weiter. Gegenbeispiel: Direkt neben Deinem Artikel gibt Jens Leseempfehlungen, u. a.: Reinhart, Rogoff: Dieses Mal ist alles anders Ha! Toujours la même chose! Umschlagtext, Auszug:
Was würde Dutschke dazu sagen? Ich sage: “Und immer wieder: Toujours la même chose!”
Achtung, jezz wird’ ironisch: Da der Kapitalismus etwas fremdes, den Menschen aufoktroyiertes ist, können wir dieses Problemchen – mit Dutschkes Hilfe – locker lösen. Wir müssen nur wollen wollen, gelle?
PS.: Dutschke war imho ein großer, kluger Kopf. Seine Gespräche mit Günter Gaus (s. Youtube) sind große Klasse, auch wenn’s da um Utopien geht. Aber die braucht der Mensch ;-) – auch ich hab’ solche Flausen im Kopp (man kann’s kaum glauben, gelle?)
Zunächst einmal muss ich anmerken, dass ich den Fehler, den hier einige Kommentatoren machen, nämlich das berühmte “über einen Kamm scheren”, bei meiner einleitenden Bemerkung zur Fußball-WM nicht gemacht habe. Ich habe Mentalitäten beobachtet, die ganz klar nationalistische Züge tragen, und das hat mich zur Ausgangsfragestellung des Essays gebracht. Das heißt nicht, dass es nicht viele Fans gibt, die tatsächlich das rein sportliche Ereignis betrachtet haben (würde mich selbst da durchaus dazuzählen)!
Ich glaube nicht, dass sich die beiden Definitionen von “Geschichte” und “Geschehenen” ausschließen – denn das eine gäbe es ohne das andere nicht. Sicherlich ist Geschichte immer nur eine Sichtweise oder ein Konglomerat an Sichtweisen auf die Dinge. Geschichtsauffassungen teilen sich Kulturkreise, viel weit darüber hinaus geht das ganze meistens nicht.
Doch diese nachträgliche Mystifizierung kann nur unter der Voraussetzung des “Geschehenen” stattfinden. Ohne die Menschenmassen, die die Französische Revolution und den Zusammenbruch des feudalistischen Systems herbeigeführt hätten (und zwar durch ihre Taten, völlig egal, welche davon überliefert werden!), hätte es auch die Französische Revolution in der Erzählung nicht gegeben. Dasselbe kann man weiterspinnen – Fall der Mauer etc.
Geschichte ist nur deshalb Geschichte und nicht Märchen, weil das, was sie erzählt, auf der Grundlage des Geschehenen, Menschengemachten fußt. Deshalb stimmt das Dutschke-Zitat auch ohne Leugnung des Faktors der nachträglichen Auslegung.
Was wir nicht vergessen sollten, ist der fehlende normative Aspekt, wenn ich Geschichte nur als nachträgliche Verklärung irgendeines Geschehenen betrachte. Da sind wir nahe bei starrer historischer Dialektik, beim Weltgeist, der über uns schwirrt und uns determiniert, der uns alle nur zu austauschbaren Marionetten innerhalb eines festen weltgeschichtlichen Theaterstücks degradiert. Keine schöne, und meiner Ansicht nach auch ganz sicher auch nicht die zutreffende Aussicht. ;)
Eben, alles menschlich!
“über einen Kamm scheren” menschlich, nationalistische Züge menschlich, ist Geschichte immer nur eine Sichtweise menschlich …
Gerade, weil alles so menschlich iss, frag’ ich mich, wie wir “zum Besseren” kommen könnten?
Und? Was ist besser geworden?
Gut argumentiert, kann ich mit leben. Ist auch eine Sichtweise, die inkludiert, dass alle Fehler (mit Inbrunst?) immer wieder gemacht werden und (mit Inbrunst!) immer wieder behauptet wird: “Dieses Mal ist alles anders!”
Sry, ich hab’ vllt. zu tief gegraben – reizt mich halt bei solchen Themen wie auf Knopfdruck -, beim Thema Nationalismus und sonstigem Dünkel sind wir natürlich d’accord, gelle?
Nachtrag:
Komme gerade von Deiner Website (Frage: Wo kammer da ‘was hinnerlasse?). Klasse! Erst einundzwanzig und schon so gut zu Fuß ;-) Ich hoffe, man hört noch mehr von Dir, z. B. mehr von dieser Lyrik.
Wünsch’ Dir alles Gute!
PS.: Das Bild mit dem dunkelroten Halstuch find’ ich besonders.
Hallo Vogel,
leider gibt es (noch) keine Möglichkeit, Feedback direkt auf meiner Website zu hinterlassen. Ich finde im Moment noch keinen geeigneten Hoster… und mein eigener, etwas verwaister Blog bietet keine zufriedenstellende Kommentarfunktion (da nur mit vorheriger Registrierung bei Blogger).
Zu deiner Frage, wie dann “alles besser werden soll”: Dutschke hätte das beantwortet, indem er darauf hingewiesen hätte, dass die Menschen schon immer Geschichte gemacht, aber sie nicht bewusst gemacht haben – sie wussten nicht, was sie taten.
Deshalb war für ihn die Aufklärung über die bestehenden Verhältnisse so wichtig. Und auch da sind wir mit den technischen Fortschritten des 20./21. Jhd. um Längen im Vorteil.
Naja, da dreh’n wir uns jezz im Kreis, im “Dutschke-Kreis” ;-) – Aufklärung iss natürlich eine der Grundvoraussetzungen!
Und schon sind wir im nächsten Schlamassel: Wollen die Menschen Aufklärung? Wenn’s um Bestätigung und/oder Befreidigung von Neugierde geht: JA!, – geht’s um Mit-/Nachdenken: Lieber Nein!, – geht’s um Konsequenzen zieh’n, um Mit-/Verantwortung tragen: NEIN!! *duckundweg_aberschnell*
Anders gefragt: Wie ein echtes Interesse der Menschen an Aufklärung erzeugen und wie ermutigen, dann entsprechend zu Handeln (ohne wieder in die “10/10/80-Problematik” mit begleitender Kakophonie zu fallen)?
Jezz sind wir aber weit genug vom engeren Thema weg, oder?
Mittlerweile gibt es übrigens ein Gästebuch ;)
also, ich kann in Deinem Text keinen Idealismus feststellen. Der Umstand, dass Du am Ende appellativ nach einer ‘Solidargemeinschaft’ rufst, macht
natürlich keinen Idealismus aus, ebensowenig wie der verzweifelte Appell eines Menschen, der die Schrecken eines Krieges erlebt hat und den diese
Erfahrung dazu bringt, sich an seine Mitmenschen zu wenden, sie aufzufordern, diesen Wahnsinn zu beenden. Das ist kein Idealismus. Wobei es sich natürlich um einen Werturteil handelt, nicht um eine bloße wertneutrale Beschreibung. Idealismus ist so als Vorwurf gemeint, angeblich die ‘Realität’ auszublenden – genuer das, was man gelernt hat, als Realität zu halten, was nichts als eine Unterwerfung unter dem Wille von Macht ist. Mit diesem Vorwurf will man nur von der eigenen Unfähigkeit ablenken, sich dieser ‘Realität’ zu stellen, ohne sich ihr, der Macht, zu unterwerfen. Ich habe Deinen sympathischen Text so verstanden.
Vielleicht ist das Wort ‘Solidargemeinschaft’ unglücklich gewählt, da er nicht genau bezeichnet, was Du, wie ich glaube, sagen willst. Solidarität, wie
ich sie in Deinem Text verstehe, geht zurück auf ein authentisches Gefühl, das im Selbstbezug erlebt wird. Diese Intuition ist uns allen gemeinsam, dem
Menschsein an sich – vielleicht vor-sprachlich auch anderen Lebensformen. Sie beruht auf echtes Mitgefühl für das Leiden Anderer, der Mit-Verantwortung dafür, etwas was uns die Anpassung an der ‘Realität’ zu verdrängen zwingt. Man kann die Situation, die Chomsky beschrieben hat (im Beitrag oben), um die Intuition einer echten ursprünglichen Gerechtigkeit zu veranschaulichen, heranziehen. Um nichts Anderes handelt es sich bei dieser Solidarität, die uns mit dem Leid des Anderen verbindet, weil wir es selbst erlebt haben (und welches die Anpassung an der ‘Realität’ zu unterdrücken zwingt). Und diese Solidarität aus dem unmittelbaren Lebenszusammenhang des Dorfes herauszuheben, weil sich unserer eben erweitert hat zu sogenannten ‘Globalität’ hat nichts Idealistisches an sich, sondern erfolgt aus der
Einsicht, dass dieser ‘globale’ Lebenszusammenhang, so wie er real organisiert ist, schlecht, aber veränderbar, ist. Und dass es unser aller
mitmenschlichen Aufgabe ist, das zu verändern, ebenso wie wir vom Nächsten zu Recht erwarten würden, dass uns Solidarität, Gerechtigkeit, wiederfährt.
Man darf das nicht mit einem historisch geprägten Begriff der Solidarität verwechseln, der zur Herausbildung von anonymen sozialen Sicherheitsystemen geführt hat, die nichts mit der empathischen Erfahrung meiner und der Menschlichekit des Anderen zu tun haben, sondern mit sozioökonomischen Zwängen zur Erhaltung eines prinzipiell destruktiven irrationalen lebensfeindlichen Wirtschaftssystem. Übrigens nur als Hinweis zu einer der an Deinem Text gerichteten Kritiken: Wenn man schon sich bemüht, einen Begriff von Solidarität zu abstrahieren, sollte man sich erstens darüber klar werden, ob man ein historisches Phänomen erfassen will oder das von mir beschriebene menschliche an sich. Will man ein historisches Phänomen erfassen, sollten man es auch als solches behandeln und nicht enthistorisieren: Die Familie als Ursprung dieser historischen Solidarität gilt, wenn überhaupt, nur für die bürgerliche Gesellschaft.
Warscheinlich ist das aber auch nur eines Idealisierung, eine Projektion auf Raum und Zeit, die darüber hinwegtäuscht, wieviel Gewalt gerade aus der ‘Familie’ hervorgeht.
Zustimmung! Besonders zu
das haste schön gesacht! Damit ich mir das besser merken kann, hab’ ich einige Stellen hervorgehoben :-)!
Alles sehr richtig, aber leider sehr anthropozentrisch.
Ich bin in erster Linie ein empfindungsfähiges Lebewesen, dann erst ein menschliches.
Ständig werden Unterscheidungen aufgrund von Spezieszugehörigkeit getroffen, wo diese kein relevantes Kriterium ist, wo andere Kriterien sinnvoller und nötig wären – ebenso wie Nationalität oder Hautfarbe kein besonders sinnvolles Kriterium ist, um unter Menschen Unterscheidungen zu treffen.
Daraus hat sich, genau wie bei den nichtvaliden Menschen-Trennlinien, so viel Leid ergeben und ergibt sich in jeder Minute weiter, dass es mir wichtig war, darauf hinzuweisen, auch wenn mein Punkt nicht unbedingt die Intention des Artikels berührt.
In Deutschland findet man mehr Menschen mit denen man zusammen den Sieg der Deutschen Nationalmannschaft als den der Italienischen feiern kann (oder an einer Niederlage leiden) – woran kann das liegen, wenn es nicht am Nationalismus liegt?
Kleiner Tipp: Wir sehen die Spieler im Laufe des Jahres öfter in den dtsch. Medien, wir bezahlen die Strukturen die den Aufbau einer solchen Mannschaft ermöglichen u.s.w.
@ Bully.
Also definitiv kein Tefroder. Bingo !
Wuwei