Der traurige Egoismus der Mittelschicht
geschrieben am 26. Juli 2010 von Spiegelfechter
ein Gastartikel von Andreas Fecke
“Unsere Bildungspolitik funktioniert auch nicht nach der Logik, dass man den einen etwas wegnimmt, um es den anderen zu geben. Es geht darum, dass alle Kinder eine bessere Bildung erfahren, um später ihren Teil zum Gelingen des Gemeinwesens beizutragen. Das müsste auch im Interesse des Bürgertums sein, so es denn eine Verantwortung für die ganze Gesellschaft spürt und nicht nur für einen privilegierten Teil”, so schloß der Grünen- Parteivorsitzende und Bildungsbürger Czem Özdemir ein Interview über das Hamburger Referendum zur Schulreform. Wo er, dessen ganze Partei viel zu satt bildungsbürgerlich geworden ist, mal recht hat, hat er mal recht.
Das Resultat – 58% Nein – zeigt, dass das “Bürgertum”, das man auch die breite, satte Mittelschicht nennen könnte, kein Interesse am gesamtgesellschaftlichen Wohl, an Solidarität hat. Die Mittelschicht denkt, handelt und wählt – “wir tragen Deutschland ja auf den Schultern” – selbstbezogen – in diesem Falle im vermeintlichen Sinn ihrer eigenen Sprösslinge, den im Vergleich mit den Kindern aus sozial schwachen, “bildungsfernen Schichten” privilegierten Schülern.
Die Hamburger Schulreform sollte die Trennung von “Spreu und Weizen” durch die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit von vier auf sechs Jahre etwas hinausschieben, um sozial schwache Kinder besser in Schule und Bildung zu integrieren. Mehr Lehrer sollten aber auch dafür sorgen, dass die guten Schüler keine Nachteile erlangen und in Warteschleifen herumhängen, weil sie nichts lernen und auf die Schwächeren warten.
“Ziel der Reform ist in erster Linie eine bessere individuelle Förderung und eine zielgenauere Bewertung von Talenten und Fähigkeiten, denn zuletzt haben sich rund 40 Prozent der Empfehlungen nach der 4. Klasse als falsch herausgestellt. Die Verantwortlichen in Hamburg verweisen darauf, dass längeres gemeinsames Lernen inzwischen Standard in Europa sei und lediglich Deutschland und Österreich mit der frühen Trennung nach vier Jahren die Ausnahmen bilden. Die Reformbefürworter argumentieren, dass man den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen ausgleichen müsse. Erreichen will man das durch eine intensivere Betreuung der Benachteiligten, ohne die Förderung der Leistungsstarken aus den Augen zu verlieren. Ziel ist es, die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren und mehr Schüler zu besseren Abschlüssen zu bringen”
Die Zeit
“Hauptvorwurf der Gegner-Initiative: Die Schulen würden durch die Refom schlechter gemacht und die Eltern entmündigt. Es existiere kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass eine Schulempfehlung in der 6. Klasse genauer sei als in der 4. Klasse. Vielmehr bestehe bei einer späteren Entscheidung über die weiterführende Schullaufbahn die Gefahr, dass es wegen der Pubertäts-Probleme vieler Kinder zu Fehlentscheidungen komme. Die sechsjährige Primarschule sei ein teures Experiment ohne gesicherte Erfolgsaussichten. Die Gegner der geplanten Reform befürchten, dass das Leistungsniveau an den Schulen sinken wird, da es in einer Primarschule nicht die gleiche gute fachliche Förderung geben könne wie auf den weiterführenden Schulen. Angesichts der Schulzeitverkürzung auf zwölf Schuljahre an den Gymnasien seien die Klassenstufen 5 und 6 unverzichtbar, um den Kindern, die schneller lernen können und wollen, eine sinnvolle Bildung anzubieten. Die Kinder würden unnötigerweise zu Versuchskaninchen gemacht”
NDR
Die Bürgerinitiative “Wir wollen lernen” hatte damit argumentiert und erfolgreich mobilisiert. Bedenkt man, dass nicht nur die Regierungsparteien CDU und Grüne Alternative Liste GAL, sondern auch die Oppositionsparteien SPD und Die Linke (und auch die Piratenpartei) die Reform unterstützten und von den Parteien einzig die FDP und NPD dagegen mobilisierten, dass es also nicht um den üblichen Politikersalat sondern tatsächlich um die Reform ging, dann zeigt diese Niederlage deutlich, was Deutschland mit seinen Mittel- und Oberschichten bei – absolut wünschenswerten – zukünftigen Volksentscheiden zu erwarten hat, wenn die Freunde einer solidarischen Gesellschaft ihre Überzeugungs- und Mobilisierungsanstrengungen nicht verzehnfachen: die Verewigung der sozialen Spaltung, der Egozentrik, der Fahrradfahrerei, der Rettung der eigenen Bestände, ganz egal, was für alle und für morgen und für das Land insgesamt besser wäre.
Diese (relativ oder absolut) Wohlsituierten sind gegen Uniformität, gegen Vereinheitlichung, gegen Gleichheit, sogar gegen Chancengleichheit. Ihre intelligenten Kinder zwei Jahre länger zusammen mit dem blöden Mob – ein Skandal! Schicken sie ihre älteren Kinder auf Internate oder gehen diese in Studentenverbindungen, dann hat man auf einmal nichts mehr gegen die Uniform – diese vereinheitlicht dann ja unter den besseren Gleichen, sie grenzt ab gegen das ordinäre Volk.
Der ökonomische Erfolg der “besseren 60%” in unserer zunehmend wertelosen produktivistischen, kapitalistischen, habensorientierten Konsum- und Ellenbogengesellschaft zeigt, wieviel Intelligenz, Klugheit, Lernfähigkeit, Flexibilität und Einsatzbereitschaft in diesen Schichten verankert ist. Aber ihr politisches Verhalten zeigt, wie wenig soziale Intelligenz, soziale Klugheit, soziale Lernfähigkeit, soziale Flexibilität und soziale Einsatzbereitschaft, zu einem Zeitpunkt, wo das westliche Zivilisationsmodell global gesehen abgewirtschaftet hat und vor einer sozialen und ökologischen Transformation oder dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit steht, dem sich – mit allen ökonomischen Folgen – auch die Mittelschichten nicht entziehen könnten.
Hoffentlich tauchen sie bald auf, die gemeinsinn- und zukunftsorientierten Denker und Meinungsführer, die in der Lage wären, diese pervertierte Intelligenz der Mittelschichten in einem richtigen Sinne anzusprechen. Sonst wird es immer kälter in diesem Land werden, das reich genug wäre, in vielen Dingen beispielhaft voranzuschreiten.
Unter einem ähnlichen Gesichtspunkt fassen auch die “Nachdenkseiten” die Lage in einem 7-Punkte-Artikel namens “Die Abstimmung in Hamburg ist auch ein Erfolg der Denunziation gesellschaftspolitischen Engagements mit Hilfe des Etiketts ‘Gutmensch’” zusammen:
“….5. Also bleibt, wenn die Verlierer von Hamburg nicht nur Anpasser an den gemachten Zeitgeist sein wollen, nichts weiter übrig, als langfristig angelegt daran zu arbeiten, wieder mehr Menschen für eine Politik jenseits ihrer eigenen egoistischen Interessen zu interessieren und zu gewinnen.
6. Zu einer Offensive gegen die Dominanz des Egoismus der besser gestellten gehört auch eine deutliche weltanschauliche Auseinandersetzung mit den Propagandisten gegen das Gutmenschentum. Und es gehört dringend dazu, jene Politiker wie Sarazin und so genannte Wissenschaftler wie Baring und Politiker wie Westerwelle, die sich in inhumaner Polemik gegen jene Menschen und Gruppen, die man der Unterschicht zurechnet, gefallen, zu isolieren….. “
Immerhin – Scherz muss sein, und ein kleiner Trost vielleicht für die Mittelschichten – dürfte die Zahl derer auf der Welt, die Deutschland als das Land ihrer Träume ansehen, schon sehr gesunken sein – ganz im Gegensatz zur Zahl auch der Ärmeren in der Welt, die uns allmählich still bemitleiden oder auslachen ob unserer Saft- und Ideenlosigkeit. Von ihnen würden uns nur noch Flüchtlinge aus Krieg und krasser Armut belästigen wollen (auf die Tasche fallen), man könnte also ein paar Ziegel aus den Mauern nach außen für die Mauern nach innen verwenden…..ENDE.
Andreas Fecke

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Und auch hier wird die simple Tatsache übersehen, dass längst belegt ist, dass längeres gemeinsames Lernen weder einen Effekt auf Lernerfolge NOCH auf Integration sozial benachteiligter Kinder hat. Siehe hierzu Spiegel Titel von vor 3 Wochen oder die PISA Studien oder oder oder…ist ja nun wirklich keine neue Info…ganz ehrlich…es wird zwar als Argument erwähnt, aber nicht widerlegt. Stattdessen irgendein Elitenblödsinn, der nun wirklich unterstes Niveau und ziemlich dumm ist. Da ist man vom Spiegelfechter eigentlich Besseres gewohnt…Länder mit längerem gemeinsamen Lernen sind laut PISA-Studien nicht fähiger Kinder aus “bildungsfernen Schichten” zu integrieren. Es liegt eben nicht am Schulsystem, sondern daran, dass schon von kleinauf vermittelt werden muss, dass Bildung etwas wichtiges ist, um mündig und glücklich Leben zu können. Und diese Vermittlung fängt viel Früher an. Zu Hause, in Kindergärten und Vorschulen. Nicht im 4. und auch nicht im 6. Schuljahr…Das Ende dieses “Artikels” ist übrigens kaum lesbar, so schlecht ist es. Ein widerlicher Artikel voller Vorurteile (die er ja selbst anprangert), ohne Fakten und ohne was Neues. Reine Zeitverschwendung für alle Beteiligten. ENDE.
Genau so ist es.
Dieser Artikel enthält so unglaublich viele Behauptungen, weshalb viele Bürgerinnen und Bürger sich gegen die Schulreform gewendet haben – alle vollständig unbewiesen, aber schön als Tatsachen dargestellt verbunden mit dem Versuch, der angeblichen, fast uniforme n”Mittelschicht” altruistische Motive vollständig abzusprechen. Ähnliches äußerte auch schon Björn Böhning auf carta.info. Ich sehe es so wie “HerrWinter”: das längere gemeinsame Lernen muss noch lange nicht Ursache für das bessere Abschneiden anderer Länder sein. Die “wahren” Probleme in Deutschland liegen doch viel mehr im alltäglichen Schulchaos, das durch ständige Reformen und Revisionen immer schlimmer wird. Warum sollte diese unglaubliche Summe in Strukturen und Gebäude gesteckt werden, anstatt einfach mal den Alltag der Schülerinnen und Schüler zu verbessern? Warum werden Kita-Plätze und Mittagessen (quasi im Gegenzug und zur Finanzierung der HSH – kleine Polemik am Rande…) teurer (ach ja: auch nur für die “Besserverdienenden”, oder…)?
Aber die Kita mehr Kindern zu ermöglichen, um auch auf diese Weise die (sicherlich notwendige stärkere) Integration voranzutreiben (bzw. die “Ausgrenzung” zuvor zu vermindern) und Ungleichheiten schon zum Schulstart zu reduzieren, scheint für die Politiker in Hamburg (allen voran den Grünen) keine logische Schlussfolgerung.
Auf dem Rücken von Schulkindern Symbolpolititk zu betreiben, ist offenbar nach wie vor erstrebenswerter, als einmal tatsächlich etwas zu bewegen.
Dass kleinere Klassen auch ohne die Schulreform kommen und gar nicht abgewählt wurden, sei nur am Rande erwähnt…
Ja, es ist wichtig das Kinder liebevoll erzogen werden, ohne zu sehr Druck auf sie auszuüben. Wenn sie spielerisch lernen das Bildung etwas schönes sein kann, toll. Was das Modell des länger miteinander lernens bringt, so wie in den Skandinavischen Ländern (bis zur 8 oder neunten Klasse) ist das, bei entsprechendenr Betreuung durch Lehrer welche nicht die Mittelschichtshabituskinder bevorteilen, ein größeres sozialeres Lernen stattfindet, Kinder nicht vorschnell selektiert werden, Bildungsvorteile vom Elternhaus weniger zählen sondern mehr der Mensch/das Kind und schließlich die Solidarität zwischen den Kindern unterschiedlicher Herkunft erhöht wird. Das die Ergebnisse PISAmäßig, (sei die Studie formalistisch und unsauber wie sie will) nicht schlechter ausfallen, sieht man auch wieder anhand Skandinavien. bei diesen Modell ist vorrausgesetzt das Kinder zusätzliche Förderangebote bekommen wenn sie dies brauchen. Herr Winter sie haben nur teilweise Recht. Lernen von kleinauf ist wichtig, richtig. Selektion in der Schule, wie in Deutschland, schlecht.
“Und auch hier wird die simple Tatsache übersehen, dass längst belegt ist, dass längeres gemeinsames Lernen weder einen Effekt auf Lernerfolge NOCH auf Integration sozial benachteiligter Kinder hat.”
Da haben sie abasolut recht, wozu denn Kinder überhaupt noch zusammenschmeissen? Bringt ja eh nichts. Ich bin für die pränatale Selektion.
“Siehe hierzu Spiegel Titel von vor 3 Wochen oder die PISA Studien oder oder oder…”
Na klar, der Spiegel-Titel , der wirds wissen…. den Spiegel-Leser, (die eingebildeten selbstrefenziellen Pseudointelektüllen) wissen mehr, oder? Die verquasten Pisa-Studien sind ein immer wieder kehrender Quell von Geld für die Macher und ein Quell der Schalgzeilen für Bild, Spiegel, FAZ, Zeit und den Rest der dann empörten Mainstreammedien. Sehr glaubwürdige Quellen haben sie genannt. Hoffentlich landet ihr Kind zwischen denen, die sie so fürchten und verabscheuen.
Richtig, diese Studien besagen, dass es keinen Effekt hat. Es gibt also keinen rationalen Grund eine längere Grundschulzeit abzulehnen, wenn es doch wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie keinen negativen Einfluss hat. Trotzdem ist es “Wir wollen lernen” erfolgreich gelungen, irrationale Ängste zu schüren, dass die Kinder armer Eltern die Kinder reicher Eltern verblöden würden, wofür es absolut keine haltbare Grundlage gibt.
Bei dem “Volks”entscheid haben vor allem die Wohlhabenden abgestimmt, während die sogenannten bildungsfernen Schichten der Wahl ferngeblieben sind.
Die Kritik an dieser Wahl ist absolut berechtigt, zeigt sie doch die Probleme im deutschen Bildungssystem. Wer zur Oberschicht gehört und durchs Gymnasium getragen wird, fast schon allein, weil er am richtigen Ort wohnt, hält das Bildungssystem für tadellos und setzt alles daran, es nicht zu ändern. Wie gnadenlos alle anderen ausgesiebt werden, die nicht am richtigen Ort wohnen und nicht genug Geld haben, dass ist ihnen völlig egal, es hat ja nicht sie selbst betroffen.
Siehe auch http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2010/panoramavolksentscheid100.html
Lars schrieb am 26. Juli 2010 at 15:29
Genausowenig ist erwiesen dass sie einen positiven einfluss hat…
Reform um der Reform willen?
denke hier liegt das problem.
Wie soll jemand der kaum/kein Interesse an Bildung zeigt seinen Kindern vermitteln wie unverzichtbar wichtig eine solche ist?
Vor allem in wankelmütigen Kinderzeiten/Pubertätszeiten in denen man oft alles andere als weise und vorrausschauend plant und handelt – klar man ist ja noch kind :>
Wie einfach es ist sich grob über ein wahlthema zu informieren und zur wahl zu gehen verglichen damit einem Kind/teenager bildung sinnvoll und nachhaltig näher zu bringen. (und wie oft man das teilweise machen muss)
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Peanuts
Bildung beginnt im Kopf.
Das sehe ich ganz genau so. Wenn die Kinder in die Schule kommen bzw. nach vier Jahren Grundschulzeit sind sie selber noch gar nicht in der Lage zu entscheiden. Hier müssen Eltern und Lehrer gemeinsam ran.
Natürlich ist es schwierig nach vier Jahren zu sagen, ob jemand reif für das Gymnasium oder die Realschule ist. Zumal in der Grundschule gerade einmal die grundlegenden Fertigkeiten des Rechnens und Schreibens, vielleicht auch eine Sprache vermittelt werden. Als Bewertungsgrundlage erscheint mir das doch relativ schwammig.
Was machen nun Eltern die den Wert von Bildung nicht anerkennen und selbst nie damit konfrontiert wurden? Sie stehen vor einem Dilemma und entscheiden sich meist für den einfachen Weg. Und das Kind bleibt außen vor. Genau hier liegt meiner Meinung nach das Problem in Deutschland. Frühkindliche Förderung, sowohl in der Kita als auch in einer Vorschule und eine bessere Integration sollten hier die Schlagwörter sein. Erst dann hat das Kind eine reale Chance. Gibt es nämlich genug Stimmen von außen, die den Eltern aus “bildungsfernen” Schichten nahelegen, ihr Kind auf eine höhere Schule zu schicken und ihnen dabei Unterstützung anbieten, dann würde die Wahl vielleicht anders sein. Hier muss Bildungspolitik meiner Meinung nach ansetzen.
Jo, deswegen hängen uns auch all die Länder in den PISA-Studien ab, die genau dieses Modell haben.
Deutschland ist so ziemlich das einzige Land, in dem noch nach vier Jahren Schulzeit entschieden wird, wohin die Reise geht. Studium oder Hartz 4.
Nicht zu vergessen, daß Deutschland mit an der (traurigen) Spitze steht, wenn es um die nicht vorhandenen Bildungschancen von sozial Schwächeren geht.
Ein weiterer Volksentscheid, der mich zweifeln lässt, ob bundesweite Volksentscheide wirklich so wünschenswert sind.
Man führt doch keine direktes machtinsturment ein wenn man damit ernsthafte gefahr für seinen unnahbarkeit sieht ^^
In dem aussmaß wie bei uns Astroturfing praktiziert wird ist das ersthaft keine Gute Idee… (inkl anderer “lenkungsmethoden”
Deutschland ist so ziemlich das einzige Land, in dem noch nach vier Jahren Schulzeit entschieden wird, wohin die Reise geht. Studium oder Hartz 4.
So ist es nun auch nicht …
JA damit wird viel entschieden aber nicht zwischen Hartz 4 und Studium.
Das sind nur die beiden Kontraste.
Also ich möchte die Mittelschicht nicht in Schutz nehmen, denn das, was ich als diese Gruppe auch in meinem Umkreis wahrnehme, ist sicherlich mit einer der am wenigsten flexiblen Gruppen in dieser Gesellschaft. Immerhin haben sie noch etwas zu verlieren und oft genug hat man es sich in seinem kleinbürgerlichen Leben bequem gemacht, wo jede Veränderung direkt als Bedrohnung des Ganzen wahrgenommen wird.
Trotzdem kann ich das nein zu der Schulreform auch aus sachlichen Gründen teilweise nachvollziehen.
Ich halte die Verlängerung der Grundschulzeit auf 6 Jahre auch für einen eher unschönen Mittelweg. Was sagt denn diese Reform eigentlich aus? Man wollte falsche / zu frühe Selektierung verhindern und schwache Schüler fördern oder? Wieso geht man dann nicht endlich mal den ganzen Weg und denkt sich ein funktionierendes Gesamtschulkonzept aus, denn schlussendlich ist es genau das System, zu dem man gedanklich am Ende findet, wenn man die Idee dieser Reform zu Ende denkt.
Natürlich sind die bisher gemachten Erfahrungen mit Gesamtschulen in Deutschland sehr unterschiedlich. Immerhin hat man aber mittlerweile eine gewisse Erfahrung damit und könnte die Probleme gezielt angehen.
Und ja… es würde wahrscheinlich ein noch katastrophaleres Abstimmungsergebnis geben. Das sollte aber kein Grund dafuer sein, es nicht zu versuchen.
Das Ziel der Reform war sicherlich, es hingehend so hinzukriegen wie z.B. in Finnland:
Bildundssystem in Finnland
Inwiefern sowas in DE möglich ist, ist die große Frage. Fakt ist aber, dass Deutschland statistisch gesehen “etwas” hinterherhinkt:
Finnlands Pisa-Geheimnis
Um den SpOn-Link kurz zusammenzufassen: Wir lassen zu viele zurück, statt sie wieder ans Hauptfeld heranzuführen. – Und da das alles bekannt ist und die schlauen Bücher dazu Regalmeter für Regalmeter füllen, bleibt einem nur die Feststellung: eine Anhebung des Bildungsniveaus auf breiter Front ist nicht gewollt. Nur dann ergibt ergibt das tatenlose Beklagen der Bildungsmisere einen Sinn. Und da beziehe ich die Lehrer als Gruppe mit ein. Viele Dinge, wie der engere Kontakt zu den Elternhäusern, Patenschaften, Pausen- und Unterrichtsorganisation etc. können in jeder Schule für sich geregelt werden. Da braucht es keinen großen Wurf, da dieser (ob seiner Größe und dementsprechend vielen Beteiligten) sowieso nicht kommt und im Ergebnis ein Hinauszögern bis zum Sanktnimmerleinstag ist.
Was soll das denn sein? Sicher kein Qualitätsjournalismus. Auf diesen kruden Mischmasch von wilden Annahmen, abwertenden Vermutungen, unbelegten Behauptungen, esoterischen Glaubenssätzen, linker Agitation und unverschämten Diffamierungen im Einzelnen oder auch nur summarisch einzugehen verbietet sich. Der nächste Artikel wird hoffentlich wieder besser :)
Anm. des Gastautoren: Im Titel fehlt hier leider das Wort “Kommentar” aus meiner ursprünglichen Version. Es ist kein Artikel, es ist eine Polemik. Wie die vielen und unterschiedlichen, aber samt und sonders engagierten Kommentare zeigen, hat das geklappt. Dafür nehme ich einigen Zorn und ein schlechtes Image gerne auf mich, und lese auch offen alle Kommentare, von denen ich einige in menem eigenen Blog später als Gegenrede eingebaut zitieren werde.
In die Diskussion hier klinke ich mich auch nicht ein, eben weil ich keine Ansichten durchsetzen, sondern sie in den Raum stellen wollte, sie also nicht verteidigen zu müssen glaube. Polemiken arbeiten nun mal mit “Behauptungen”, weniger mit “wissenschaftlichen Analysen”.
So, soll es das sein? Eine Polemik lässt sich auch anständig formulieren. Dieser Text aber ist in einem enthemmt aggressiven, eine ganze Gesellschaftsschicht pauschal abwertenden, intoleranten, stellenweise gar linksfaschistoiden Duktus verfasst. Er ist unsachlich, ungerecht, anmaßend, und armselig. Aber jeder schreibt so anständig, wie es sein Charakter zulässt, so auch du.
Aber jeder schreibt so anständig, wie es sein Charakter zulässt, so auch du.
Dieser Text ist da natürlich komplett anders.
Von Anstand ist bei dir ja nicht viel zu sehen.
Du scheinst wohl zur “Mittelschicht” zu gehören und dich von der Polemik angesprochen zu fühlen…. ist aber kein Grund ausfällig zu werden.
Mit Zähnen und Klauen wird das Erworbene verteidigt, jegliche Änderung des status-quo wird als abzuwehrende Bedrohung gesehen, und jede_r ist sich selbst der/die Nächste. DAS ist armselig.
lieber jens, du hast wie immer recht. und an alle, welche sich an pisa und co klammern: methodisch sind diese studien so unsauber, dass ich mich nicht auf deren aussagekraft stützen würde. wusstet ihr beispielsweise, dass die pisa tests in den usa nur an privatschulen geschrieben wurden und nicht an öffentlichen? wusstet ihr, dass die teilnehmenden schüler in manchen ländern geld dafür bekamen? solch einer studie traue ich nicht über den weg.
zum thema: ich zitiere mal meinen professor für sprachwissenschaft, welcher kurz nach der wende aus dem westen nach sachsen kam. sinngemäßg meinte er: die ersten seiner jahrgänge, welche noch das alte ddr schulsystem erlebt hatten, waren in ihren leistungen top. die nächste generation (ab mitte der 90er) war schon deutlich schlechter. die aktuelle generation ist dagegen grauenhaft und viele schaffen es nicht einmal einen satz geradeaus zu schreiben.
Selbst wenn man die PISA Studien als Argument rauslässt (die ich übrigens im Bereich der Integration durchaus für Aussagekräftig halte, in wie weit die Kritik an der Methode in anderen Bereichen gerechtfertig ist, mag und kann ich nicht beurteilen, aber auch hier hätte ich mir Quellen von Ihnen gewünscht) bleiben die anderen Quellen, wie eben der Spiegelartikel, der genug seriöse Quellen nennt. Auch finde ich das, sollte man eine solche Reform fordert, die ja nun wirklich einen enormen Einschnitt in bisherige Strukturen bedeutet diesen besser rechtfertigen sollte! Also: wo sind denn die Studien, die genau belegen, dass es der Integration von Kindern aus bildungsfernen Schichten dienlich ist, dass sie länger mit den “anderen” gemeinsam lernen?
Und das Zitat ihres Professors ist, mit Verlaub und trotz der sicherlich vorhanden sehr guten Fachkenntnis des Mannes, hier vollkommen unwichtig. Eine einzelne Meinung ist ja schön, aber wohl kaum Aussagekräftig als Argument…seltsamerweise gibt es ja aber auch gute Ingenieure, Sprachwissenschaftler und und und, die nach der Wende zur Schule gingen…
Der Beitrag von Schule und Lehrern zur Reproduktion von Bildungsungleichheit
Hartmut Ditton In: Bildung als Privileg
Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit VS Verlag
Im deutschen Bildungssystem ist der Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen die entscheidende Weichenstellung (Blossfeld 1988; Ditton und Krüsken 2006b). Spätere Korrekturen der Schullaufbahn, vor allem Aufstiege in höhere Schulformen und das Nachholen von Abschlüssen, sind
schwierig und selten. Sie gelingen eher den Angehörigen oberer sozialer Schichten, die eine zunächst verpasste Chance nachträglich realisieren (Henz 1997a, 1997b). Auch im Verlauf der Bildungskarriere nach der Grundschule finden sich
somit soziale Barrieren, die Effekte der sozialen Herkunft auf den weiteren Bildungsverlauf zeigen jedoch eine abnehmende Tendenz. Bestätigt wird der entscheidende Stellenwert der Übergangsentscheidung nach der Primarstufe zum
wiederholten Mal durch Befunde der Längsschnittstudie „Bildungsverläufe im Jugendalter (BIJU)“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sowie durch
aktuelle Analysen der Daten aus PISA.
Bitte
Ein SpiegelArtikel ist nicht per Definition eine seriöse Quelle. Woher gewinnen die Quellen des SpiegelArtikels ihre Seriösität?
Apropos Spiegel: Nehmen Sie doch einfach mal ein Thema in dem sie sich bestens auskennen (z.B. Ihre Arbeit) und suchen Sie sich dann einen SpiegelArtikel zu diesem Thema heraus. Dann erkennen Sie vielleicht die “Qualität” der Recherche bei Spiegle und SpOn.
Was passiert, wenn man ein Pferd von hinten aufzäumt, hat man in Hamburg gesehen. Doch dazu später.
Der Vorwurf an die (behauptete) Mittelschicht, nicht gemeinwohlorientiert zu denken, ist absurd und zeigt, dass viele Kritiker des Volksentscheidergebnisses nicht verstanden haben, worum ist bei dem basisdemokratischen Instrument geht. Im Gegensatz zum repräsentativ gewählten Abgeordneten, mehr noch jedoch zum Regierungsamt repräsentierenden Politiker hat und soll der befragte Bürger nicht das „Gemeinwohl“ im Blick haben. Denn was ist dieses „Gemeinwohl“? Also solches kann man doch nur eine Politik verstehen, die am Ende in der Summe (!) die größten Vorteile für die Gesamtgesellschaft verspricht. Doch woher soll Politik das wissen?
Ein Instrument, dieses herauszufinden ist, die Bürger einzeln nach ihrer Meinung zu fragen, welche Vorteile sie persönlich sich von einer bestimmten Maßnahme versprechen. So etwas nennt man Volksentscheid und dort geht es eben genau um den Vorteil für den Einzelnen, um aus dem Ergebnis ableiten zu können, ob die Bürger sich in Mehrheit eher Vor- oder Nachteile versprechen. Die Bürger haben also genau das getan, was der Sinn dieser demokratischen Variante ist, nur Journalisten und Politiker haben den Sinn vergessen.
Es ist richtig, dass inzwischen die meisten Länder zwischen 5 und mehr Jahren gemeinsames Lernen haben. Allerdings fehlt in der üblichen Aufzählung der Abweichler immer neben Deutschland und Österreich die Ungarn, immerhin auch ein demokratisch entwickeltes Industrieland. Und noch etwas, das Entscheidende vergessen die Befürworter längeren gemeinsamen Lernens: in allen Staaten der OECD sind Kindergarten und Vorschule wesentlich weiter verbreitet als in Deutschland. Während wir hier über ein kostenloses Studium streiten, sind andernorts Vorschuleinrichtungen gebührenfrei.
Und so kommen die meisten Kinder aus bildungsfernen Schichten schon dumm und ohne die Voraussetzungen für Lernerfolge in die Schule. Eine Studie hat gezeigt, dass Kinder aus solchen Elternhäusern so weit in ihrer geistigen und persönlichen Entwicklung zurückgeblieben sind, dass sie meistenteils vom Schulbesuch zurückgestellt werden. Disziplin, Konzentrationsfähigkeit, Ehrgeiz sind in sechs Jahren elterlicher Betreuung so zurückgebildet worden, dass sie mit den häuslich betreuten Akademikerkindern nicht mithalten können.
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/82423/diw_sp0100.pdf
Kinder müssen gefordert werden und es bringt daher nichts, einen 6jährigen, rudimentär deutsch sprechenden Migranten mit einem bereits zweisprachig pallierenden Ingenieurssohn in eine Klasse zu sperren. Zwischen individueller Förderung und Fordern und andererseits Gleichheit besteht daher ein diametraler Widerspruch. Klar, dass sich da die meisten Eltern gegen die Gleichheit entscheiden. Zumal gerade die bildungsfernen Schichten ein gegen ihre Kinder gerichtetes, geradezu strafwürdiges Desinteresse an den Tag legen. So war in Hamburg die Wahlbeteiligung in den besseren Bezirken mit 54% doppelt so hoch wie in den ärmeren Gegenden, obwohl doch die Reform gerade ihren Kindern zugute kommen sollte. Befagungen durch Medienvertreter am Tag danach offenbarten, dass die meisten trotz monatelanger Werbung und Wahlbenachrichtigung den Termin vergessen hatten, Fußball wichtiger war, sie gerade keine Zeit hatten oder schlichtweg sich gar nicht informiert hatten. Wer solche Eltern hat…
Aus all dem gibt es eigentlich nur einen Schluss, dem man sich in Deutschland jedoch beharrlich aus „Political correctness“-Gründen verweigert, denn dann müsste man Probleme genau benennen und adressieren:
Das geht nur im Vorschulalter, denn bereits bei 3jährigen sind die Abstände heute enorm gewachsen. Warum man jedoch nicht beginnt, die bereits so früh Benachteiligten früh zu sieben durch staatliche Prüfungen der kindlichen Entwicklung und besonders Zurückgefallene dem schädlichen Einfluss Ihren Eltern zu entziehen und sie in Ganztagsvorschuleinrichtungen unterzubringen, wo sie die bereits entstandenen Defizite in Sprache, Sozialverhalten und Motorik bei professioneller pädagogischer Betreuung aufarbeiten können, hat nur mit Ideologie zu tun.
Bürgerlichen Eltern dagegen vorzuwerfen, dass sie vor allem das eigene Kindesinteresse im Sinn haben, zeigt, wie pervertiert das politische Denken inzwischen geworden ist.
Ich bin nicht nur beim hier behandelten Thema davon überzeugt, dass der persönliche Vorteil nur bei wenigen Menschen auch nur das wichtigste oder gar das ausschließliche Kriterium für das Abstimmverhalten ist. Jedenfalls bei der Mittelschicht.
Bei Menschen aus bildungsferneren und sozial problematischeren Verhältnissen sehe ich diese Gefahr weit eher. Die fallen IMO zudem eher auf Populisten von den Rändern des politischen Spektrums herein.
Quelle
Das alltägliche Leiden an der Gesellschaft wendet sich bekanntlich eher in Form von Selbsthass nach innen oder in Form von Fremdenhass (gegen „Sündenböcke“) nach außen, mündet aber selten in emanzipatorisch-politische Aktivitäten, also in das, was Bourdieu als Klassenkämpfe bezeichnet (Bourdieu 982: 26-276; 987: 205-258; Schwingel 993: 40-66). Aus der Protestforschung ist vielmehr bekannt, dass – zumindest in Deutschland – eher bildungsprivilegierte Akteure ihren Unmut äußern (Brand/Büsser/Rucht 986; Rucht 2004; Rucht/Yang 2004; Schmitt 2004, 2006a, 2007).10
Das wäre eine Erklärung warum die Leutz net wählen gehen.
Wer thematisiert, dass heute der Nachwuchs aus den höher gebildeten Schichten bereits im Alter von 3 Jahren 12 bis 18 Monate weiter entwickelt ist als die Kinder aus bildungsfernen Schichten? Das ist nicht eine Frage des Geldbeutels, das ist schlichtweg Desinteresse bestimmter Eltern. Und dieses Interesse an den eigenen Kindern wird man bei solchen Leuten nicht wecken können.
Wenn ihre Kinder einen Hauch einer Chance haben wollen, dann müssen sie weitgehend schon im Alter von 3 Jahren dem schädlichen Einfluss des Elternhauses entzogen werden. Heute entscheiden wir durch bundesweite Prüfungen, ob ein 6jähriger schulfähig ist. Was spricht dagegen, diese Untersuchung drei Jahre vorzuziehen und Kinder mit dramatischen Defiziten in persönlicher und geistiger Entwicklung in ganztätige Betreuungen zu bringen?
Die meisten haben längst vergessen, dass für erfolgreiches Lernen oder überhaupt Erfolg im Leben Beharrlichkeit, Disziplin, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Konzentrationsfähigkeit erforderlich sind. Eigenschaften, die heute 30-40% der Erstklässern fehlt. Und übrigens Eigenschaften, die ein bekannter Politiker vor vielen Jahren mal für die Leitung von KZs empfahl. Die Saat ist aufgegangen.
@Spiegelzensor Du solltest es mit der Satire nicht zu weit treiben.
Aber dieser Beitrag bringt die hintegründige Ideologie des hiesigen Bildungssystems auf den Punkt. Die persönliche und geistige Entwicklung der Kinder muss so früh wie möglich im Sinne der VOLKSwirtschaftlichen Interessen gelenkt werden. Die Produkte sind dann in zweifacher hinsicht nützlich: sie ackern als gäbe es kein Morgen und stehen stramm, wenn der Staat ruft.
EDIT: huch, jetzt ist Dein Kommentar weg …
Du siehst es also als Vorteil an, wenn ein Kind mit 6 Jahren ein paar Jährchen der üblichen Entwicklung hinterherhinkt? Und warum verlangst Du dann, dass andere, schneller Entwickelte die Rückstände des anderen abarbeiten (“länger gemeinsam lernen…”)?
Der ganze Beitrag thematisiert, wie egostisch die Mittelschicht abgestimmt habe. Kein ein einziges Wort verliert sich zu denen, die nach eigener Auskunft statt in die Wahlkabine lieber Fußballspielen oder gleich auf den Balkon gegangen sind. Die es nicht für nötig befanden, sich zu informieren und darüber zu urteilen, was im Interesse ihrer eigenen Kinder ein könnte. Nein, schuld sind die, die sich engagiert haben, interessieren, ihre Zeit opfern. Eigentlich pervers, oder? Aber passend zu einem Land, das immer in den Erfolgreichen die Schuldigen und in den Erfolglosen die Opfer sieht.
Tja so ist das wenn man moderiert wird. Und genauso verliert man den Spass am Bloggen…
@Spiegelzensor aka Xenocrates
Wer andere Diskussionsteilnehmer beleidigt, landet in der Freigabeschleige. So ist das, wenn man nicht fähig ist, die einfachsten Regeln der Kommunikation einzuhalten.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass dies kein gewollte Nebeneffekt ist.
by the way: es gibt untersuchungen, wonach selbst kindern mit guten noten aus sozial schlechter gestellten familien deutlicher häufiger auf die real- oder hauptschule geschickt werden, wie kinder aus der mittel- und oberschicht. dafür gibt es zwei gründe: 1. lehrer gehen bei ihren bildungsempfehlungen sozial selektiv vor.
2. eltern in der unterschicht erwarten vom besuch einer höheren schule häufig keinen nutzen für ihr kind.
daraus mussen folgen: gemeinsames lernen mindestens bis zur 10. klasse! denn wo vom system her nicht selektion vorgesehen ist, kann auch keine selektion stattfinden.
Ich weiß zwar nicht mehr, welche Untersuchungen das waren, aber folgendes habe ich letztes Semester im Studium gelernt:
Kinder aus der Ober- und Mittelschicht kriegen bei gleicher Leistung wie ein Kind aus der Unterschicht häufiger Gymnasialempfehlungen. Man hat dann mal versucht rauszufinden wodran das lag und im Endeffekt kam raus, dass die Grundschullehrer Ober-/Mittelschichtkindern die bessere Empfehlung geben, wenn sie zwischen zwei Empfehlungen stehen und Unterschichtkindern die schlechtere Empfehlung, wenn sie zwischen zwei Empfehlungen stehen.
Begründung der Lehrer: Ober-/Mittelschichteltern haben die Mittel(Geld,selber eine bessere Bildung) um ihr Kind zu unterstützen, wenn es auf dem Gymnasium überfordert ist(Nachhilfe, Hilfe durch die gebildeten Eltern), Unterschichtkinder sind hingegen auf sich allein gestellt, weil ihre Eltern bereits eine schlechte Bildung erfahren haben und nicht das Geld für Nachhilfe besitzen. Und um die Unterschichtkinder vor Überforderung und Misserfolg zu schützen, werden sie dann direkt auf Real- und Gesamtschulen geschickt.
Aber das primäre Problem in Deutschland ist, dass überhaupt so krass sortiert wird und erst sekundär, dass zu früh getrennt wird. Unsere Schulformen sind nämlich darauf ausgelegt die Schüler in eine bestimmte Richtung zu bilden (Haupt: Handwerk, Real: Büro-, Verwaltungstätigkeiten etc., Gym: Studium, Führungspositionen). Kommt ein Kind nun auf die Hauptschule hat man es praktisch schon aufgegeben und fördert es nur noch in Richtung handwerkliche Arbeit. Es wird nur noch marginal versucht ihre Bildung in anderen Bereichen zu verbessern. Deswegen brauchen wir eine gemeinsame Schulform für alle Bildungsschichten und damit meine ich nicht, dass alle in eine Klasse gesteckt werden sollen. Vielmehr brauchen wir ein Schulsystem mit maximaler Durchlässigkeit zwischen den Bildungsetagen, so dass ein “Hauptschulkind” mit guten Leistungen im Folgejahr automatisch in die “Realschulklasse” kommt, ohne sich bei Schulen bewerben und ihr gewohntes soziales Umfeld verlassen zu müssen. Und natürlich gibt es da noch einige Dinge, die geändert werden müssen, z.B. Klassengröße, Ausbildung der Lehrer in D.. das deutsche Lehramtsstudium ist wirklich grausig, wie ich selber feststellen musste.
Um noch mal was zu 4 vs 6 Jahre Grundschule zu sagen:
Kinder kommen mit unterschiedlichen Startbedingungen in die Grundschule (Genetik, Sozialisation) und Aufgabe der Grundschullehrer ist es die Guten zu fördern und die Schlechten auf ein bestimmtes Niveau anzuheben. Nun muss man sich fragen ob 4 Jahre reichen um die Fehler in der häuslichen Beziehung auszugleichen. Und ich komme da zu dem Schluss, dass 6 Jahre einfach bedeutet, dass die Grundschullehrer länger Einfluss nehmen und fördern können bevor die Kinder zum Architekten oder Elektriker abgestempelt werden. Aber es müssen natürlich auch noch andere Faktoren als Zeit, nämlich die Lernatmosphere und die Belastung der Lehrer betrachten. Wenn der Grundschullehrer mit 25-30 Kindern in der Klasse sitzt (was bei mir der Fall war) helfen ihm auch zwei weiter Jahre nicht um die Schlusslichter zu fördern…. was CDU/Grüne dort machen ist einfach nur halbbacken.
Wir standen vor einer Weile vor der Aufgabe, einen Kindergarten für unseren Sohn auszusuchen.
Bereits in den Kindergärten können Sie die Spaltung beobachten, was aber ja auch keinerlei Logik entbehrt: Wohngebiete, die homogen zusammengesetzt sind, beherbergen Kindergärten, die genau das widerspiegeln.
Und genau hier liegt auch das Problem: Kindergärten, deren Klientel aus Eltern besteht, die bereits in der zweiten oder dritten Generation praktizierte Ungerechtigkeit durchleben, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, sind kein Ort, an dem man sein Kind wissen möchte.
Zumal auch das Personal und die Ausstattung dieser Kindergärten völlig unterfinanziert sind.
Selbstverständlich haben wir für unser Kind etwas anderes gewählt, warum auch nicht? Wir können uns das ja leisten.
Aber die Frage stellt sich schon (wenn auch unausgesprochen), was denn passiert, wenn die Konsequenzen der sozialen Differenzen sich nicht mehr umschiffen lassen, vulgo: wenn das eigene Kind dann später auf der Grundschule mit genau diesen Kindern, denen man noch im Kindergarten aus dem Weg ging, zusammenkommt?
Wenn das Geld eben doch nicht reicht, es mit der Karriere nicht so voranging, um sich freizukaufen von den Konsequenzen der sozialen Spaltung?
Ich habe kein Problem damit, wenn der “blöde Mob” eine Chance hat, im gegenteil. Aber ich habe ein Problem damit, ihm diese zu geben. Wie denn auch? Soll ich SPD wählen? Oder die Linke? Oder die Grünen (ausgerechnet)?
Die Eltern in Hamburg haben ausgegrenzt, und ich kann es ihnen nicht verübeln. Wünschte ich mir, es wäre anders? Sicherlich. Kann ich es ändern? Sicherlich nicht.
Ich kann nur genauso ohnmächtig dem Systemversagen zuschauen, wie alle anderen auch.
Aber eines kann, muss und will ich tuen: alles daran geben, dass mein Sohn nicht die personifizierten Konsequenzen der Schlechtmensch-Politik der letzten Jahrzehnte auszubaden hat.
//Edit:
@ Spiegelzensor:
/FullAck
…was ist denn die Meinung der Lehrer? Müssten die nicht am ehesten die Situation beurteilen können? Würd mich interessieren…
Meine Eltern sind beide Studienräte(Gymnasium und Berufsschule).
Es ist aber wie mit allen, in der Hierarchie unten stehenden: Ansagen laufen von oben nach unten und nicht umgekehrt. Meine Mutter klagt schon seit 10 Jahren vergeblich rum. Letztendlich entscheiden die sog. Experten in ihren Türmen was gemacht wird, egal wie stark die Pfeile hageln.
Das eintättowierte hierachische Denken ist der größte Fluch der Menschen. Viele kommen aus dem Oben und Unten Schema nie wieder raus. Das “Oben” hat die Macht des Geldes und das “Unten” hat die Macht der Masse. Meinesachtens ist die Schulreform deswegen gescheitert, weil die Masse noch nicht verstanden hat sich sinnvoll zu organisieren und ihre Kraft zu bündeln. Bei jeder Wahl dasselbe Trauerspiel. Es fehlen die schlauen Mobilisatoren, die im “Oben” existieren.
Das interessiert mich! Arbeiten deine Eltern in HH und waren/sind sie für oder gegen diese Art der Reform und warum?
Sind hier vielleicht auch ein paar Grundschullehrer unterwegs?
Meine Eltern unterrichten in Bonn, aber ich habe mich mal bzgl. dieser problematischen Reform mit ihnen unterhalten. Wir sprachen über das Finnische Bildungssystem und inwiefern es in Deutschland genauso einsetzbar ist(Bildungssystem Finnland).
Das Finnische System ist sicher eine Antwort auf viele Fragen, und es beinhaltet auch ein längeres gemeinsames Lernen. Ob das allerdings der auschlaggebende Punkt für die exzellenten PISA Ergebnisse ist, ist sicherlich fraglich. Die jetzige Reform zielte sicher darauf ab ein gut laufendes System zu kopieren.
Die Lehrersicht(zumindest die meiner Eltern) ist immer sehr fokussiert auf das Wohlergehen der Schüler. Wichtigster Wunsch seitens der Lehrer ist mit Sicherheit: “Kleinere Klassen”, was einen persönlicheren Kontakt mit dem individuellen Schüler ermöglicht und weniger Stress für den Lehrer bedeutet. Eine Wohlfühlatmosphäre muss geschaffen werden die vorallem mit dem Wort “Ruhe” zusammenhängt. 14 Schüler pro Klasse wäre hier eine Traumvorstellung.
Bei meinem Vater auf der Berufsschule müssen sich die Lehrer sehr mit den privaten Problemen der Schüler befassen. Viel erzieherische Arbeit leißten und Werte vermitteln (Ersatzeltern spielen). Schlechte Erziehung ist der Hauptgrund für diese Doppelbelastung der Lehrer. Der “richtige” Unterricht läuft auf solchen Schulen nur zu 50%.
Letzte Woche habe ich eine Reportage über den “Verführer Supermarkt” gesehen in der ein EDEKA-Chef gesagt hat: “Ware muss zelebriert werden”. Ein perfekt strukturierter Supermarkt baut auf das Prinzip: “Je wohler sich die Kunden fühlen, desto länger bleiben sie und umso mehr kaufen sie”. Sowas könnte man auch ähnlich auf ein Schüler-Lernen-Wissen-Schemata übertragen. Wenn man sich mal die Zustände in diversen Schuleinrichtungen anschaut, will man doch lieber dort weg als dorthin.
Fakt ist, es muss sich was ändern! Nur was ist optimal für Deutschland? Positiv finde ich, dass es langsam ernster genommen wird und öffentliche Diskussionen angestoßen werden.
aber nicht auf die, wie die in Finnland einfach nicht existenden Probleme hierzulande beantwortet werden könnten. Vor allem das der sprachlich und kulturell durch ihre Familien und der jeweiligen Subkulturen einer Integration und erfolgreichen Schul- und Lebenslaufbahn ferngehaltenen Kinder aus Zuwanderungsfamilien und/oder bildungsfernen Verhältnissen.
Kein Schulsystem der Welt kann die massiven Defizite kompensieren, die den bedauernswertern Kindern in ihren Elternhäusern aufgeladen werden. Und eben dort müsste man ansetzen, nicht erst in der Schule.
Und was die Kinder aus Zuwanderungsfamilien anbelangt: solange Deutschland keine Zuwanderungspolitik wie z.B. die USA. Kanada oder Neuseeland einführt, sondern den Zuzug gering- oder gar nicht qualifizierter und an Deutschland als solches völlig uninteressierter Menschen in die für diese luxuriösen Sozialsysteme zulässt, solange diverse Parallelkulturen in Sprachen und Gebräuchen nicht nur nicht in Frage gestellt sondern von multikulturell bewegten Phantasten sogar willkommen geheißen werden, so lange wird stets Nachschub an Problemfällen zugeführt. Und diese Erkenntnis hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus zu tun, sondern ist eine Einsicht in die Realitäten.
Ich habe 22 Jahre an Hamburger Gesamtschulen (18 Jahre) und Gymnasien (4 Jahre) gearbeitet, bevor ich 2002 den Dienst beendete. Fazit:
1. Unter den immer noch herrschenden Bedingungen ist sogar die Gesamtschule für viele Eltern nicht mehr der Ort der Integration und des sozialen Lernens.
2. Längst nicht nur die Mittelschicht, sondern viele Menschen aus der Unterschicht schicken ihre Kinder an Gymnasien, letztere in der Hoffnung, ihnen den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen (was ich natürlich begrüsse). Den damit verbundenen Problemen wird an den Gymnasien immer noch zuwenig Beachtung geschenkt.
3. Pädagogik ist bis heute keine Wissenschaft, sondern ein ideologiebesetztes Fachgebiet mit strikt hierarchisch gegliederter Personal- und Machtstruktur. Es reden und schreiben immer dieselben, selbsternannten Gurus über etwas von dem sie nichts verstehen, da nie selbst praktiziert.
4. Da ich zu der austerbenden Rasse der Lehrer gehörte, die sich aktiv um den Lehrernachwuchs gekümmert hat (Referendars-Tutor), mußte ich über die Jahre feststellen, dass die jungen Nachwuchstalente zwar extrem gute Noten vorzuweisen hatten, sich dies aber nicht mit meiner Beurteilung ihrer Fähigkeiten deckte (womit ich keine persönliche Minderwertschätzung meine). Hier wird auch im Schulsystem eine Entwicklung deutlich, die in anderen Berufsfeldern ebenso kritisch beurteilt wird.
5. Die Politik hat so ziemlich alles vermurkst über die Jahre, was sie vermurksen konnte (die meisten Jahre SPD-Senat): Sie hat sich systematisch – mit immer neuen Rechnungs- und Vertuschungstricks aus der finanziellen Grundversorgung des öffentlichen Schulbidung herausgezogen (dabei wurde natürlich die übliche Wichtung Gym, Real, Grund…) strikt eingehalten. Der ziemlich abrupte Abriss der finanziellen Unterstützung insbesondere der Gesamtschulen wurde mit dem Ablaufen der sogenannten Grundstockmittel begründet (mehr als Halbierung der jährlichen Schuletats). Dies führte zu schulinternen Kriegen um die restlichen Mittel zwischen den Fachgebieten – ich erspare mir hier Einzelheiten. Durch das systematische finanzielle Austrocknung war alles andere eigentlich absehbar.
6. Der jetzt seit einem Jahrzehnt grassierende Evaluationswahn ist nichts weiter, als die auf den Bildungsbereich übertragene Konkurrenzideologie, verbunden mit immer restriktiver werdenden Bildungsvorgaben. (1996 gab der Hamburger Senat eine interne Untersuchung über Schulreparaturen in Auftrag: ca 600 Mill kamen heraus. Danach verschwand die Studie und nichts wurde renoviert).
7. Meine Mitarbeit an diesem Bildungs-Politiker-Ideologen-Wahnsinn habe ich genau an dem Tag beendet, als uns (natürlich am letzten Schultag vor den Sommerferien 2002) von der Schulleitung der ihr behördlich zugeleitete Grausamkeitskatalog vorgelesen wurde, u.a. bis heute zwei Abiturschulzeiten (13 Jahre an Gesamtschulen, 12 an Gymnasien).
Ich beende meine Liste hier willkürlich, sie ist aber noch längst nicht zu Ende. Damit hier kein falsches Gefühl aufkommt, ich war zum Zeitpunkt meines Abgangs von Schülern gewählter Vertrauenslehrer.
Was über die letzten Jahre in Hamburg schulpolitisch gemacht wurde, lenkt aus meiner Sicht vom immerwähreden und immer mehr zum Himmel stinkenden Skandal ab (dieser läßt sich ohne Mühe auf alle anderen Bundesländer mit unterschiedlicher Gewichtung erweitern): Es wird systematisch das öffentliche Schulsystem an die Wand gefahren. Politiker fühlen sich nicht mehr dem Gemeinwohl gegenüber verantwortlich, sondern haben sich unmerklich aber systematisch und im Gleichtakt zu Klientel-Lobbyisten verwandelt.
Meine Forderung: Ein gesamtdeutscher Bildungsgipfel unter Beteilung aller relevanten Schulformen. Hier dürfen Politiker nur zuhören, denn auch der Aufsichtsrat von Unternehmen kann selbständig über seine Planung entscheiden.
Aus dieser – hoffentlich mit viel Sachverstand und Selbstverantwortung durchgeführten – Gesamtkonferenz wird ein Maßnahmekatalog an die Politiker dieses Landes überreicht, mit der klaren Aufforderung, die darin enthaltenen Forderungen öffentlich (in ihren Parteien, auf öffentlichen Versammlungen und in den Parlamenten) zu diskutieren.
Danach wird nach Sachlage und nicht nach Ideologie entschieden. Möglich wäre dann eine komplette Rücknahme der unverantwortlichen Bund-Länder-Entscheidung mit dem Ziel, dem Bund eindeutig die Bildungsautorität zurückzugeben, die er bei so grundsätzlichen Weichenstellungen braucht.
So, das war mit Sicherheit viel zu lang – entschuldigt bitte. Ich hoffe aber, damit gezeigt zu haben, dass hier sehr wohl Lehrer mitlesen und mitdenken. Allen wünsche ich ein frohes Gelingen.
Detlef Reimers
Vielen Dank für die tollen Einsichten! Man sollte häufiger die Leute fragen, die das Werkzeug benuntzen, als die die es nur vermarkten…
Schöner kann man es kaum formulieren. Man sollte vielleicht ganz deutlich ergänzen: Alle sogenannten “Bildungsforscher” oder “Bildungsexperten” von den Universitäten, die Interviews in der Zeit, Spiegel, Focus oder sonstwo geben, haben ein ganz entscheidendes Merkmal gemeinsam: Sie haben nie auch nur eine einzige normale Unterrichtsstunde an einer ganz normalen Schule gehalten! (Showstunden ausgenommen). Geschweige denn mal ein ganzes Schuljahr an einer Schule verbracht. Außer PISA- und sonstige Statistiken kennen sie den Schulalltag nicht, höchstens aus Erzählungen…..oder aus der Erinnerung ihrer eigenen Schulzeit.
Bildungswissenschaftler sind also keine praxiserprobten Lehrkräfte? Stimmt, ebensowenig wie Politikwissenschaftler i.d.R. Politiker sind, Wirtschaftswissenschaftler Unternehmen oder Volkswirtschaften leiten, Germanisten Literatur verfassen oder Historiker Geschichte machen.
Es ist zwar durchaus richtig, dass in der Bildungspolitik oft die praktische Perspektive außer Acht gelassen wird oder zumindest zu kurz kommt – trotzdem ist es ziemlich billig Bildungswissenschaftlern vorzuwerfen, dass sie keine Lehrer (gewesen) sind.
Schade ;-) ich hätte mir gewünscht das du noch ein Beispiel mit Panikwissenschaftlern machst um das Argument total ad absurdum zu führen ;-)
Es ist natürlich richtig das Bildungswissenschaftler keine Lehrer sein müssen. Aber wie du schon sagst: “Es ist zwar durchaus richtig, dass in der Bildungspolitik oft die praktische Perspektive außer Acht gelassen wird oder zumindest zu kurz kommt”.
Wenn dieser praktische Aspekt zu kurz kommt dann braucht man hier eventuell eine Person die diesen Aspekt nicht zu kurz kommen lässt. Das Ying und Yang des Bildungssystems. Bildungswissenschaftler und Lehrer/Erzieher.
Du hast das nicht ganz begriffen.
Seit wann bilden Politikwissenschaftler Politiker aus?
Seit wann bilden Wirtschaftswisssenschaftler Unternehmer aus? (und ich rede von Unternehmern und nicht von Managern, das ist ein Unterschied)
Seit wann bilden Germanisten Schriftsteller aus?
Seit wann bilden Historiker Leute aus, die Geschichte machen?
Bildungs- und Erziehungswissenschaftler sind eben auch für die Lehrerausbildung bis zum ersten Staatsexamen zuständig. Das heißt angehende Lehrer werden in den ersten 4 – 5 Jahren ihrer Ausbildung von Leuten ausgebildet, die noch nie den Schulalltag bestritten haben.
Für mich ist das ein Problem.
Und wenn “Bildungsexperten” über Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, große oder kleine Klassen und sonst was schwadronieren, dann sollte man das für einige Zeit mal selbst gemacht haben. Ein Wirtschaftswissenschaftler käme auch nie auf die Idee ganz konkrete Handlungsanweisungen an Unternehmer in aller Öffentlichkeit zu geben. “Bildungsexperten” tun das.
Vielen Dank für diesen Beitrag.
Dieser bestätigt meine Auffassung, dass nur die Menschen aus der Praxis den tatsächlichen “Durchblick” haben. Leider findet man auch in diesem Blog viel zu selten solche Beiträge. Es überwiegen die pseudointelektuellen Klugscheißer und die ferngesteuerten (INSM)Trolle.
Ich betone ausdrücklich, dass dies nichts mit der Qualität der Artikeln von Spiegelfechter und den Gastautoren zu tun hat. Deren Niveau halte ich für relativ (mal mehr mal weniger) hoch.
Gruß
H. Müller
Als (Gast-)Autor der obigen Polemik möchte ich mich den vorherigen Loben explizit anschließen und für Ihren gar nicht zu langen Kommentar danken. Solche kompetenten, harten wie ruhigen Reaktionen lohnen allemal das Wagnis, sich hin und wieder provokant mitzuteilen.
Mein Pfeil ging in Richtung des selbstbezogenen politischen Verhaltens der “breiten Mehrheiten aus der Mitte” anhand einer eher “sozio-kulturellen” Betrachtung, ermöglicht durch das Bildungsthema. Ihren Beitrag hierzu werde ich mir zu zitieren erlauben, insbesondere, als dass Sie schließlich über Ihren Weg auch wieder an “mein Thema” herankommen: Die reale Politikerpolitik, die Sie geißeln, richtet sich ja letztlich am Wesen der Mittelschichten aus, die, Hamburg bewies es wieder, jene Mehrheiten darstellen, die zu Wahlsiegen verhelfen. Diese Symbiose ist gesellschaftsschädigend, führt auch zum steigenden politischen Desinteresse, sie muss angebohrt werden, damit “frisches Blut” in den Organismus fließen kann – das ist der Kern meiner Aussage.
Da der Kommentarbereich hier sich nunmehr beruhigt, gestatte man mir als Nachlese noch einige Leseemfehlungen aus der ursprünglichen Artikelfassung, die wir oben der Dichte halber ausgelassen hatten:
Zäune und Wachmannschaften
Die Hamburger haben gegen die Schulreform gestimmt. Doch die panische Abgrenzung der Mittelschicht wird das Problem verschärfen. Ein Kommentar von Christian Bangel, Die Zeit
Rettet das Gymnasium!
Die Hamburger Initiative »Wir wollen lernen!« kämpft mit allen Mitteln gegen die geplante Schulreform und längeres gemeinsames Lernen. Den bestehenden Zustand will nicht nur das Hamburger Bildungsbürgertum erhalten. Von Jungle World
Guardian of the Blind: “Die deutsche Bildungspolitik als ein Mittel zur Sicherung von Egoismus, Konkurrenzdenken und gesellschaftlicher Ungleichheit”
und von mir:
1. Das ABC der breiten Mehrheit…
und mein satirisches Mittelschichtgedicht
Treudeutsches Gedicht zum Neuen Jahr – Das Lied auf die glücklichen Mehrheiten
und eine
satirische Fotomontage
Vielen Dank für die vielen ermutigenden Kommentare. Vielleicht gelingt es ja doch, durch Beharrlichkeit und Sachlichkeit auf die Kernprobleme im Bildungsbereich hinzuweisen und Denkanstöße zu geben.
Ihr Angebot, Herr Fecke, nehme ich selbstverständlich gerne war. Danke für die Hinweise. Ich möchte meinen Beitrag doch noch um eine kleine Pointe ergänzen. An meinem letzten Gymnasium lernte ich zwei neu dazugekommende Kollegen kennen, die beide von den Hamburger Elitegymnasien “Johannäum” und “Christianäum” kamen und nach ca. 20 Jahren Lehrtätigkeit um die Versetzung gebeten hatten. Beide erzählten mir, dass sie es leid gewesen seien, sich nach jeder Zeugnisvergabe mit einem Heer von Rechtsanwälten herumschlagen zu müssen, die im Auftrage von Eltern per juristischen Einspruch Notenveränderungen durchsetzen sollten. Beide lernten sich erst auf unserer Schule gemeinsam kennen und waren überrascht, dass ihre Beweggründe dieselben waren.
Ich habe über die Jahre ähnliche Erfahrungen gemacht, mit eindeutig steigender Tendenz. Dies zeigt vielleicht am deutlichsten, auf welchem Wege wir uns heute befinden. Wer Geld hat, schickt seine Kinder zur Nachhilfe. Wenn das noch immer nicht reicht, wird der Hausrechtsanwalt geschickt. Ich habe insbesondere vor dem Hintergrund dieser Erfahrung die augenblickliche Entwicklung in Hamburg beobachtet und muss den Politikern im Senat komplette Realitätsblindheit bescheinigen. Eigentlich neige ich aber langsam zu der Meinung, dass man diese Klientel willentlich einfach gewähren lässt, da sie ja die eigenen Wähler und “Sponsoren” sind.
Mit Dank und freundlichem Gruß
D. Reimers
Vielen Dank für den Beitrag.
Ich finde folgendes wirklich wichtig und auch entscheidend:
Ich hoffe inständig, dass es eher früher als später auch wieder so wird.
@ elwu
Nur ein Wort – “würg”!
Sobald ich das Gefühl haben sollte, daß die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland eine ähnliche Meinung vertritt wie Sie, wäre für mich der Zeitpunkt gekommen, diesem Land entgültig “Lebewohl” zu sagen.
Ich war gegen längeres Lernen und das nicht aus Egoismus. Der Umbau zu Primarschulen hätte viele Millionen verschlungen, die man besser in mehr Lehrer, Lehrmittel oder Föderung von Sozialbenachteiligten hätte investieren können. Die Regierung hat ja keine vernünftigen Gegenargumente geliefert. In der Broschüre, die bei der Benachritigung zum Volksentscheid beilag, hieß es in der Erklärung der Regierung: Entweder mit Primarschule oder nicht, oder auch ganz anders: Wählst du Nein, wählst du die Schulreform ab. Anstatt dem mündigen Bürger gute Argumente bzw. Gegenargumente zu geben, wird damit gedroht die komplette Schulreform fallen zu lassen. Da hilft es auch nicht mehr, dass die Linke und überhaupt die Opposition sich mit auf die Seite der Schulreformer stellen…
Die Initiative war inhaltlich absolut begrüßenswert aber ihre Argumente waren falsch, deshalb ist die Niederlage auch zu verkraften. Ich stimme @Spiegelzensor (5) absolut in dem Punkt zu, dass der Vorwurf “Die denken nur an sich” die Naivität der Initiatoren entblöst.
Gemeinsames Lernen wäre was schönes. Aber niemand meint es so. Unser Schulsystem lehrt das erfolgreiche Bestehen in der Konkurrenz. Dieses Lernziel kann es natürlich am besten erreichen, wenn möglichst früh selektiert wird, und die Konkurrenz in den höheren Klassen auch fordernd bleibt. Da ist es logisch, dass die Forderung nach gemeinsamen Lernen – ohne gleichzeitige Forderung einer Reform der Bildungspolitik hohl klingt. Das Lernen muss wieder Priorität vor dem erfolgreichen Bestehen (womit nur die Abgrenzung vom Rest der Klasse/Schule/Jahrgangs gemeint ist) haben. Die Abschaffung der Noten wäre wohl ein wichtiger Schritt dahin. Nur wie sollte dann der Wirtschaft vermittelt werden, wie geeignet der Absolvent zur rentablen Verwertung ist?
Vielleicht indem man die übliche Praxis von Einstellungstests, wochenlanges “Probearbeiten”, Volontariate und Praktikantenstellen schlichtweg so wie bisher fortführt?
Einfach mal so, als Idee :)
Stimmt, da ist sogar noch Luft nach oben. Dann ist ja alles Supi.
Die Hamburger Entscheidung ist typisch egozentrisch für einen Teil unserer Gesellschaft. Und gleichzeitig ist es eine Tscheidung, die von Angst und Mißtrauen gegenüber den Schwächeren unserer Gesellschaft geprägt ist. Es ist eine Ausgrenzung, die wir in Deutschland eigentlich überwunden haben sollten.
Und es ist Neid, daß die sozial benachteiligten die Chance auf höhere Bildung bekommen sollten. Wer sich mit Lernen beschäftigt, der weiß, daß Kinder gerade in den ersten Schuljahren einen festen Bezugspunkt für ihre schulische Entwicklung benötigen. Und da sind 6 Jahre einfach besser als eine Selektion nach 4 Jahren. Ich selbst war auch ein Spätentwickler (Albert Einstein übrigens auch!). Ich hatte zum Glück Eltern, die mir die Freude am Lesen und damit am Lernen vermittelten. Und, in den Siebzigern wurden die II. Bildungswege freigemacht, davon konnte ich profitieren. Meine Mutter kämpfte darum, daß ich in die Realschule kam, meine Lehrer hätten mich gern in der Hauptschule gesehen. Erst unter der Bedingung, daß ich die 5.Klasse wiederhole, durfte ich überhaupt zur Realschule. Mir wurde damals gesagt, das sei ja sowieso sinnlos, aus mir würde sowieso nichts werden (das war die “Motivationsansprache” des Rektors der Realschule an mich!).
Zum Glück gab es engagierte Lehrer, die an mich glaubten. So geschah es, daß ich nach der 10.Klasse Realschule im II. Bildungsweg das Technische Gymnasium besuchen konnte. Und nach der Bundeswehr konnte ich dann auch studieren. Ich weiß nicht, ob dieser Weg heute noch möglich ist.
Eines meiner Lieblingsbücher über Schule ist das Buch von Enja Riegel – “Schule kann gelingen”. Es zeigt deutlich, daß sich Vertrauen und Zutrauen in Kinder lohnen kann. Enja Riegel war die Leiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, einer Gesamtschule, die mit Abstand die besten PISA-Ergebnisse erzielte! Man mag über PISA denken, was man will, aber es ist doch bezeichnend, daß gerade eine Gesamtschule die Spitze bildete. Und dort wird gezeigt, daß es die menschliche Komponente ist (genau wie bei mir), die die Grundlage für Erfolg und Mißerfolg bildet.
was unbestritten sein dürfte, ist, daß das bundesdeutsche schulsystem als eines der schlechtesten angesehen werden kann.
die erfolge von 8 – 13 jähriger schulzeit, rechenkünstler auf vorschulniveau oder bild(er)leser, sprechen für sich.
aber egal, ob diese tatsachen nun auf der frühzeitigen selektion oder den ständigen experimenten der fachidioten an den kindern herrühren, die trennung der kinder nach der 4. klasse ist ein anachronismus und volkswirtschaftlich gesehen ist es nicht vernünftig leistungsstärkere oder höher begabte schon nach der 4. klasse wegen ihrer sozialen herkunft von bildung auszuschliessen. genau das aber geschieht. verstärkt -und das zeigt, daß dieses gewollt ist – wird diese tatsache von zu niedrigen hartz 4 sätzen, die den betroffenen kindern auf jeden fall den besuch von gymnasium oder uni unmöglich machen.
zu robert
daß die ddr das bessere schulsystem hatte – auf jeden fall in punkto lernerfolg – dürfte niemand bezweifeln, der es mal mit schulabgängern beider systeme zu tun hatte. hätte man nach der annexion einfach übernehmen können.
zum egoismus der mittelschicht: egoismus ist eben auch dummheit.
da können die eltern noch soviel daran setzen, um für ihre kinder einen platz an der sonne, sprich ein höheres gehalt im späteren job , zu ergattern; der absturz weiter teile der mittelschicht und ihrer zöglinge ist sicher und schon jetzt zu beobachten. und alle jene, die ihre mitmenschen mit ellenbogen, list und tücke von den vermeintlich winkenden futtertrögen fernhalten wollen, bereiten in wahrheit ihren nachfahren die hölle auf erden. unsolidarität ist eben dummheit.
Na sieh mal einer an. Die Mittelschicht ist angeblich egoistisch und unsolidarisch. Gut, dass wenigstens die Unter-und die Oberschicht solidarisch sind, und keinesfalls eigenen Interessen verfolgen.
Hinter all den Problemen, mit denen sich Eltern und Schüler quälen müssen, steht ein gesamtgesellschaftliches Konzept, das bereits Kinder durch die Kosten-Nutzen-Analyse einer durch und durch kapitalistischen Gesinnung laufen lässt.
Hier geht es schon lange nicht mehr um Begriffe wie z.B. “glückliche Kindheit”, “Fröhlichkeit”, “Geborgenheit” oder “Heranwachsen”. Hier geht es um pure Bildung mit dem Ziel des größt möglichen Nutzens im Wertschöpfungsprozess einer aus allen Fugen geratenen Weltanschauung. Kinder sind Humankapital, um dessen Aktivierung, sprich Ausbildung, sich ein riesiger, immer noch steigender, Dienstleistungsmarkt entwickelt hat, der Millionengewinne verspricht. Dieser Zustand ist traumhaft, da Kinder ein nachwachsendes Produkt sind.
Einen interessanten, sehr emotionalen Artikel, geschrieben von einer Erzieherin aus einem Kindergarten, gibt es hier: [url]http://www.kinderwarte.de/?p=140[/url]
Albert Einstein war mitnichten ein Spätentwickler, sondern kannte in Mathematik und Physik stets nur eine Note:1!
Einzig Griechisch und Latein waren seine schlechten Fächer: 2.
Ach ja, Sport: 3, ganz nach Klischee….
Ist dieser Schwachsinn über Einstein eigentlich nicht mehr auszurotten?
Aber ganz alleine war der kleine Albert dann doch nicht: Er bekam immer Nachhilfe am Nachmittag von seinem Onkel, der war nämlich Physiker. Und Albert war begeistert dabei.
Übrigens stammt Albert Einstein aus der Oberschicht, sein Vater war selbständiger Unternehmer, gelegentlich Pleite. Er war aber bei der Elektrifizierung des ersten Münchner Bezirks dabei.
Insofern alles wie heute: Oberschicht, Nachhilfe, Gymnasium, so selektiert man Genies.
Ein kleiner Blick auf die Ergebnisse der Mathematik-Olympiade der letzten 30 Jahre macht dann eben auch die Defizite des finnischen Schulsystems ganz deutlich. Ich wünsche viel Spaß beim googeln derselben.
Wie nennt man Menschen, die erst mit 3 Jahren anfangen zu sprechen?
Er ist ohne Abitur vom Luitpold-Gymnasium in München abgegangen und hat sein Abitur in der Schweiz, der Aargauer Kantonsschule, nachgeholt. Dort ist Sport übrigens kein Fach gewesen.
Keine Ahnung, aber sicher nicht Spätentwickler, schon gar nicht schulischer Spätentwickler. Einstein beschäftigte sich schon mit 13 mit Integral- und Differenzialrechung, da ist man im allgemeinen in der 7. Klasse.
Falsch. Einstein ist nicht ohne Abitur abgegangen, weil er es nicht geschafft hat, sondern weil sein Vater nach Mailand zog. Er war damals 15 und in etwa in der 10. oder 11. Klasse, hätte also alleine in München wohnen müssen, was er als Minderjähriger wohl nicht wollte. In Italien gab es die Möglichkeit des Abiturs nicht, so dass er dieses später in der Schweiz nachholte.
Habe ich nie behauptet.
Einsteins Abiturzeugnis im Original
Man beachte die Noten in Algebra, Geometrie, Darstellende Geometrie und Physik.
Mancher Schwachsinn feiert immer wieder fröhliche Urständ.
Anmerkung für die mit schweizer Besonderheiten nicht vertrauten:
Die Noten in der Schweiz sind genau andersrum wie in Deutschland. So ist die 6 die beste Note, die 1 die schlechteste, also genau umgekehrt.
Viele Grüsse,
VB.
Um das Thema endgültig abzuschließen:
Wer die Jahreszahlen ganz genau ansieht, erkent, dass Albert Einstein das Abitur in 8 Jahren geschafft hat. Eingeschult wurde er mit 5, Wechsel auf das Gymnasium mit 9, Abitur mit 17. Einstein hat also Klassen ünersprungen und wenn der Mathelehrer mal ausfiel hat Albert den Unterricht übernommen, obwohl er der jüngste in der Klasse war. Nicht alles steht auf Wikipedia, manches nur in den guten alten Holzmedien (z.B. PHIUZ)
In den 8 Jahren ist er von München nach Mailand und schließlich nach Aargau gezogen, seine Schullaufbahn absolvierte er also in 3 verschiedenen Ländern. Wenn man überlegt welche Schwierigkeiten schon manche kriegen, wenn sie von NRW nach Hessen ziehen müssen, oder noch schlimmer, nach Bayern, kann man sehen, mit welchen Schwierigkeiten Einstein zu kämpfen hatte. Erwähnen sollte man, dass in Mailand das Haus der Eltern abgebrannt ist und die Familie Einstein danach erst mal Pleite war. Bei dem Brand sind auch Einsteins Zeugnisse mit verbrannt. Ein Grund für den Einstein-schlechter-Schüler-Mythos.
Ein Blick lohnt sich auch auf das Zeugnis: In Französisch eine 3 (=4). Ohne das er jemals in Französisch unterrichtet wurde, hat er also innert eines Jahres in Französisch Grundkursniveau erreicht.
Tja so ist das halt in Deutschland. Die Mittelschicht glaubt halt einfach, dass sie was besseres ist als die Unterschicht. Ist aber kein neues Phänomän. Je schlechter die Zeiten desto fester klammert man sich an seinen Status – und der kann am besten unterstrichen werden indem man nach unten tritt und nach oben buckelt. Es wird sich wohl erst was ändern wenn diese “tolle” Klasse endlich nach unten abgerutscht ist. Ganz nach dem Motto “Es muss erst schlechter werden damit es besser wird” oder nach dem marxistischen Motto “die Gegensätze verschärfen”. Man kann das gut finden oder auch nicht – es wird hierzulande passieren, arbeiten doch schließlich ALLE, ob rechts oder links, ob Arbeitgeberverbände oder Gewerkschaften auf dieses Ziel hin.
Länger gemeinsames lernen ist im Interesse unserer Kinder und unserer Gesellschaft – soziale Kompetenzen werden gestärkt wie z.B. Toleranz und Rücksicht. Eine Selektion schon nach 4 Jahren ist deutlich zu früh, die Kinder werden dadurch unter Druck gesetzt. Die Depressionen bei Schülern haben deutlich zugenommen – dazu gab es vor ca. 2 Wochen einen schönen Bericht in MONITOR vom WDR.
In den Niederlanden wird schon seit Jahrzehnten bis zu 8 Klasse gemeinsam gelernt – und das sehr erfolgreich (sowohl in Sachen Bildung als auch soziale Kompetenzen). Die Integration von Ausländern gelingt besser, aber ist nicht einzig auf das “Länger gemeinsam lernen” zurückzuführen. Daher empfehle ich den Deutschen die Strukturen an den Schulen zu ändern (kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte, bessere Ausbildung der Lehrer, Eltern ins Boot holen, Sportvereine und andere Organisationen einbinden …) und dann den Weg wie all die anderen erfolgreichen Bildungsländer zu gehen: Länger gemeinsam lernen !
Dafür müssen die Bürger, und ganz besonders die Wohlhabenden, bereit sein mehr Steuergelder zu investieren.
Und Herr Winter: Der Spiegel ist kein unabhängiges und seriöses Blatt mehr. Wer das glaubt ist doch recht naiv.
Bin selbst ein Mensch der oberen Mittelschicht und Stimme vielen Punkten des eher links liberalen SPiegelfechters zu. Aber hier bin ich wirklich enttäuscht.
Es mag ja sein das die Mittelschicht egozentrisch sei, das ist jeder der für SICH Geld verdient. Aber bei den Kindern sollte man vielleicht aufhören Ideologisch geprägte Scheinargumente zu nutzen.
Naja…jedenfalls viele Behauptungen denen ich nicht folgen will.
Bleibe Ihnen dennoch weiterhin gewogen mit beste Grüße
Tja, ein Mediziner oder eine Erzieherin können Dir sehr genau sagen, was ein 6jähriger können und wissen muss. Was von der Natur altersgerecht ist. Und nicht von der Ideologie her. Und wenn ein Kind 2 Jahre hinter einer natürlichen Entwicklung hinterherhinkt, dann ist das nicht natürlich. Und dann muss man sich wegen der Schuldfrage an jene wenden, die in der Zeit hauptsächlich (zeitlich) Verantwortung für das Kind trugen.
Eine unangenehme Frage, ich weiß…
genau!
mediziner und erzieher haben auch sehr klare vorstellungen, wie so ein tagesablauf von prekär beschäfftigten unterschichtlern mit zwei drei nebenjobs so aussieht! und so aus ihrem besserverdienenden status können sie wegen ihrer geistesgröße auch auf die entwicklungsverzögernden ursachen schließen. glotzt den ganzen tag nur rtl2 diese marode unterschicht und arbeitet nie!
ey, is auch voll doof so, ne, wenn papi beim geschichtenvorlesen einpennt.
anständige menschen leisten sich kindermädchen!
Danke! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.
@Fecke
Woher wolln Sie denn wissen, wie “die Mittelschicht” beim Referendum in Hamburg kürzlich abgestimmt hat?
Daß “Schule” als Sozialveranstaltung über Auslese- und Siebungsprozesse vor allem gesellschaftliche Positionen verteilt ist auch keine umwerfend neue Erkenntnis.
Und daß sowas wie längeres “gemeinsames Lernen” auch wenn´s nur bis Klasse Sechs gehn soll die “Illusion der Chancengleichheit” befördert war auch schon vor vierzig Jahren (1970) in einem Bourdieu-Buch nachlesbar …
ak
26. Juli 2010
Mich würden ja mal wie Parteienpräferenzen derjenigen Hamburger interessieren, die sich gegen das gemeinsame längere Lernen ausgesprochen haben. Ich vermute, dass der Anteil an Grünen-Wählern hier nicht unterm Durchschnitt liegt. Und ich habe – vorausgesetzt, meine Vermutung stimmt – das Gefühl, dass die Grünen-Wähler hier schon weiter sind als die Partei: Während die Politiker zumindest noch als Fassade soziale Ausgewogenheit fordern, sind die Grünen-Wähler schon längst auf ihren eigenen Vorteil aus und auf sonst nichts, nur bitte sozial bemantelt und ökologisch einwandfrei.
Eine Partei, die sich ernsthaft fürs Soziale eingesetzt hat, waren die Grünen letztlich noch nie. Es sei denn, man versteht Anti-Atompolitik als Sozialpolitik.
http://www.laenger-gemeinsam-lernen.de/grundsatzposition.html
(Kompletter Text dort)
“Das Schulsystem einer demokratischen und an einem humanistischen Menschenbild orientierten Gesellschaft hat die Aufgabe
* alle Kinder und Jugendlichen entsprechend ihren Möglichkeiten optimal zu fördern und
* die gesellschaftlichen Anforderungen und Regeln eines demokratischen Gemeinwesens den Heranwachsenden nahe zu bringen.
Hierzu gehören eine solide fachlich-kognitive Ausbildung und das Erlernen demokratischer und sozialer Verhaltensweisen.”
Warum wird über diesen – am reinen Lernen vorbeigehenden – Punkt (die demokratische, demokratielehrende Schule) nicht mal hier, beim ach so aufgeklärt-kritischen SF-Forum diskutiert?
Offenbar lügt sich das Bürgertum sein “Gutmenschsein” in der Bildung – wie auch bei Hartz, Krieg, Umwelt, etc. – beharrlich selbst vor. Ich verkneife mir eine weitergehende Wertung hierzu.
Zu einer Diskussion Arm gegen Reich und Deutsche gegen Ausländer haben diese Wahl erst Menschen wie du, Jens, und Ole von Beust gemacht.
Ich habe mir die Argumente von Seite A und Seite B angeschaut und daraufhin meinen Stimmzettel aúsgefüllt.
Warn mich doch bitte nächstes Mal vorher, dass mein Kreuzchen assozial und ausländerfeindlich ist. Das wäre großartig!
Ach Leute – immer diese leidige Systemdiskussion.
Es gibt haufenweise sich widersprechende Studien, die mal die Vorzüge des gemeinsam- und dann wieder die Vorzüge des getrennt Lernen belegen. Und mit jeder neuen Studie wird ein parteipolitischer Grabenkampf eröffnet, der letztendlich zu nichts führt. So geht das jetzt seit 30-40 Jahren, ohne dass wir zu einer Lösung kommen. Noch dazu mit 16 (!) verschiedenen Verwaltungen, von denen sich jede einzelne nach jeder Legislaturperiode mit einer neuen revolutionären Idee profillieren will. Ermüdend.
Viel wichtige wäre es, einfach mal einen auch im Vergleich zu anderen Industriestaaten angemessen Anteil des BSP in das Bildungssystem zu stecken – mehr gut ausgebildete (inklusive frühzeitiger Praxiserfahrung während des Studiums!) Lehrer braucht das Land. Dann klappt’s auch mit der individuellen Förderung. In welchem Schulsystem das dann geschieht ist meiner Meinung nach nachrangig. Und dann BITTE bei diesem wie auch immer gearteten System bleiben – nichts schadet dem Lehrbetrieb so sehr, wie die Tatsache, dass es sich beim deutschen Bildungssystem um eine Dauerbaustelle handelt, gegen welche die Autobahnbaustellen wie ein Kindergeburtstag aussehen…
Ach ja: Mittelfristig wäre es auch mal angebracht, die Bildung zur Bundesangelegenheit zu machen. An der Verfassung wird in letzter Zeit so viel unnütz bis schädlich und womöglich böswillig herumgeschraubt, da wäre doch zur Abwechslung eine tatsächlich sinnvolle Reform ganz nett.
PS: Für Spiegelfechter’sche Verhältnisse ein schwacher, weil unnötig und schlecht argumentiert polemischer Artikel, der an der Problematik vorbeigeht. Schade – Chance vertan.
Guter Kommentar zum schlechten Artikel (die sich in letzter Zeit hier häufen)!
Einfach mal machen anstatt 50 Jahre Stillstand. Auch bei scheinbar offensichtlichen Missständen finden sich Leute die diese bestehen lassen wollen.
Was ist eigentlich so schlimm daran bestimmte Dinge mal auszuprobieren?
In den deutschen Mittelschichten wird viel über Wettbewerb gelabert: Das genaue Gegenteil wird praktiziert. Vor allem wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, soll das Gymnasium wie schon seit dem 19. Jahrhundert dauerhaft Wettbewerbsvorteile sichern. Antiquierte Zutrittsbarrieren, mangelnde Durchlässigkeit, staatsbürokratisches Erziehungsbeamtentum, alles wird von der „Neuen Mitte“ gefressen. Am verlogensten aber ist die grüne Mischpoke.
Ihre sozialen Minderwertigkeitskomplexe manifestieren sich im dümmlichen Dünkel des mittelständischen Nachwuchses. Kein Wunder, daß der dünkelhafte Brei ihres antiquierten Gymnasiums mangelhafte soziale Intelligenz, mangelhafte soziale Klugheit, magelhafte soziale Lernfähigkeit, mangelhafte soziale Flexibilität und mangelhafte soziale Einsatzbereitschaft ablaicht. Die laufende Dauerverblödung ist an derlei bürokratischen Erziehungsanstalten Programm.
Ich selbst habe übrigens eine -wenn man so will elitäre- Privatschule besucht und hatte nur kurz vor dem “staatlichen” Abitur das durchaus zweifelhafte Zwangsvergnügen, staatlich dauerbetreute Gymnasten zu erleben, deren Hirn von Beamten und anderen finsteren Seelen versaubeutelt und verblödet worden war.
In einer Gesellschaft, in der die soziale Mobilität definitiv abgenommen hat, sollte nach meinem Verständnis Bestrebungen, die diesem Mißstand abhilfe schaffen sollen unterstützt werden.
Allein um ein Zeichen der Solidarität für die Eltern und Kinder mit einer etwas problematischen Beziehung zu Bildung zu setzen.
In meiner Generation der unmittelbaren Verwandschaft war es genau umgekehrt. Die besten Schüler stammten aus den weniger einkommensstarken Familien. Zumindest 2 von denen haben inzwischen verdientermassen recht hohe und recht fürstlich bezahlte Management-Positionen in größeren und erfolgreichen Unternehmen des deutschen Mittelstandes. Soziale Mobilität war also möglich und es sollte vereinfacht werden.
Ich habe in Köln Bocklemünd den Kindergarten besucht. Das war schon damals teilweise ein sozialer Brennpunkt. Dort wurd ich auch eingeschult. Im ersten Schuljahr sind meine Eltern (mit mir) in die gutbürgerliche Vorstadt gezogen. Damals, d.h. Mitte der 70er, haben sich meine Eltern glaub ich nicht viel Gedanken darüber gemacht, dass ich in dem bocklemünder Kindergarten/Grundschule zum bildungsfernen Honk werde.
Ich kenn auch einen 8-jährigen, der mit alleinerziehender Mutter in Köln-Nippes zur Schule geht. Der hat dort eine Klasse übersprungen, ist sehr intelligent und ich geb dem definitiv gute Chancen im Leben.
Ich lese hier von fast allen Seiten nur, was sich jeder ideologisch dabei denkt – was praktisch herauskommt, interessiert wohl zumindest in der kurz- bis mittelfristigen Perspektive (und damit auch in der Zeit zwischen Wahlperioden, in der mit einer gewissen Stabilität in unserem volatilen Schulsystem gerechnet werden kann – also vor der nächsten “Reform”) offenbar niemanden so recht. Ich habe meine Wahl danach getroffen, welche Mittel (begrenzter staatlicher Ressourcen, die anderswo eingespart werden müssen) eingesetzt werden und was für die einzelnen Schüler (unabhängig von der Herkunft) meiner Erwartung nach dabei in den nächsten Jahren praktisch herauskommt.
Die Gleichung war letztlich für mich erschreckend:
Viel Geld, das anderswo schmerzlich fehlt, ergibt langjähriges Chaos und Agonie im Schulalltag
Hat sich von den Kritikern des Ausgangs mal einer die Mühe gemacht und angeschaut, wie denn die Umsetzung eigentlich aussehen sollte, auf was für eine Ausgangslage sie trifft…? Wenn denn dort alles gut gewesen wäre oder zumindest in Ruhe die Grundlagen geschaffen worden wären, so dass für die Schüler (und Lehrer) ein aushaltbarer Übergang existierte, hätte dies die Situation sicherlich geändert; ich bin grundsätzlich für gemeinsames längeres Lernen und vor allem bessere (und frühere) Integration.
Ich bleibe dabei: die Schulreform war nur ein fauler Kompromiss und Symbolpolitik.
Die Parteien haben sich auch nicht ansatzweise die Mühe gemacht, jemanden wie mich abzuholen. Es wäre die Mühe sicherlich wert gewesen. Viele Argumente der Reformgegner und deren Auftreten haben mich auch nicht überzeugt. Aber im Zweifel stimme ich dann gegen ein völlig unausgegorenes Konzept und für den Status quo, bevor etwas in Gang gesetzt wird, das vorne und hinten nicht funktioniert.
Also bitte: Kritik gebührt den Initiatoren der Schulreform, denn sie haben eine grundsätzlich richtige Ausgangsidee dermaßen schlecht umsetzen wollen und mit für viele untragbaren Elementen gemischt, dass sie es sind, an denen die Refom letztlich zu Recht gescheitert ist.
wieso sind denn die mittel für die bildung in der bildungsrepublik deutschland so begrenzt?
ja sind denn die mittel so begrenzt?
wieso sind denn die boni der bänker systemrelevant und die bildung der kinder wird vom elterlichen geldbeutel abhängig gemacht?
wieso werden eigentlich privatschulen, deren schulgeld sich bestenfalls der sehr gehobene mittelstand leisten kann staatlich bezuschusst?
muss man denn wirklich einen staat mit öffentlicher daseinsfürsorge halten, wenn man sich doch bequem topausgebildete ausländer importieren kann (kosten ja nix)
hätten die achso vornehmen hanseaten denselben bahei inclusive pr-agentur nicht für eine grundsätzlich bessere schule veranstalten können?
ist eine pseudoelite, die sich in ihrer geistigen inzucht suhlt, weil sie glaubt, mit den paar privilegien gegenüber denen da unten, doch noch einen tollen aufstieg auf die titelseiten von gala und bunte hinzulegen, nicht bemitleidenswert?
Sicherlich sind viele davon allgemein berechtigte Fragen, nur hätte die Schulreform daran nichts geändert. Fakt ist nun einmal, dass Hamburg massive Kürzungen in verschiedenen Sozialbereichen vornimmt, aber vornehmlich für Strukturen und Gebäude im Zuge der Schulreform das Geld “raushauen” wollte. Insofern hat der Senat offenbar ja eine Entscheidung über “begrenzte Mittel” getroffen zugunsten der Schulreform und – mindestens indirekt – zulasten von anderen sozialen Bereichen. Also ist die Abstimmung auch eine Abstimmung über diese Prioritätensetzung gewesen. Insofern hat die Schulreform nichts mit dem grundsätzlichen “Bildungsbudget” zu tun. Über ein solches ist auch nicht abgestimmt worden. Die Frage, warum das Bildungsbudget so hoch (bzw. so niedrig ist) hat also rein gar nichts mit der Abstimmung zu tun (was natürlich nicht heißt, dass die Frage nicht berechtigt sein kann).
“die Verewigung (…) der Fahrradfahrerei” ???
Kann mir mal jemand erklären was das bedeutet? Und was “die Freunde einer solidarischen Gesellschaft” dagegen haben sollten?
Ich stehe auf dem Schlauch
Fahrradfahrerei = möglicherweise: nach Oben buckeln und nach Unten treten
@ 28 Das hat mir auch Rätsel aufgegeben :D
Ich denke mal “Fahrradfahrerei” ist ein Verweis auf “nach oben buckeln und nach unten treten”.
Ist es.
Vielen dank. Wieder was gelernt
Erneut ein Beleg dafür, das Basisdemokratie ihre Tücken hat. Unter anderem auch deswegen sieht ja das GG das imperative Mandat nicht vor. Dass die Abgeordneten als solches dennoch ein quasi imperatives Mandat haben weil sie praktisch den Weisungen ihrer Parteien unterliegen ist wieder etwas anderes. Geheime Abstimmungen in den Parlamenten würden wahrscheinlich einen sehr positiven Effekt haben.
Was die – ausgebliebene – Hamburger Schulreform anbelangt, besonders wesentliche effektive Verbesserungen, falls überhaupt, waren eh nicht zu erwarten. Wenn man es mit einer multikulturellen Immigrationsgesellschaft, noch dazu mit Privatfernsehen gesattelt, zu tun hat, dann sind erhebliche Probleme im Bildungswesen nun mal vorgezeichnet. Diese zu überwinden mag zwar zu einem Teil möglich sein, dass dies aber in diesen Schicksalsjahren nicht nur unseres Landes, sondern der westlichen Gesellschaft insgesamt gelingen könnte erscheint mir nicht plausibel.
Bildung ist etwas, was sich eine Gesellschaft allgemein in nicht so guten Zeiten eher zögerlich leistet.
Ja, immer dann, wenn sie nicht das von der politischen Klasse und der unterlegenen Seite gewünschte Ergebnis zeitigt. Da alle Parteien und ‘Fachleute’ über das Ergebnis in HH jaulen, würden sie es wohl gerne frei nach Brecht halten, und das Volk auflösen, um ein neues, mit genehmeren Abstimmverhalten zu wählen.
Das belegt zwar ein eigenwilliges Demokratieverständnis, das Übrigens auch im Artikel hier und im Thread dazu anklingt. Aber jeder wie er kann. Zudem ist es eine nicht seltene Schwäche vieler Menschen, in Niederlagen weder Größe noch Einsicht zeigen zu können.
Die Hamburger haben sich da in meinen Augen etwas ganz Großes durch die Finger gehen, oder sollte man lieber sagen, aus den Händen nehmen lassen. Oft wird argumentiert: “Prinzipiell wäre ich ja für ein gemeinsames längeres Lernen gewesen, aber nicht so.” Da stellt sich doch die Frage, wie denn dann? Und vorallem, wie soll denn nach diesem ´klaren` Entscheid gegen eine Schulreform und den damit verbunden Abgängen und persönlichen Niederlagen in der Politik in Zukunft eine vergleichbare Reform angestoßen werden? Das ist doch jetzt für die nächsten Jahre erstmal ein rotes Tuch. Zumindest für die Volksparteien, die meinen, sich noch so nennen zu dürfen. Außerdem bin ich der Meinung, dass man sich schon weitreichende Gedanken gemacht hat und nicht nur zwei Jahre an die Grundschule dran knipsen wollte. Es sollten mehr Lehrer eingestellt und auch die Klassen verkleinert werden, was ja im Grunde genau das ist, was eigentlich alle wollen. Nur eben nicht so?
Dann hab ich hier gelesen, es gäbe keine Studien, die belegen würden, dass die geplanten Maßnahmen einen positiven Effekt hätten. Dazu kann man sagen, das ist einfach nur typischer Unwille zur sachgemäßen Informationsfindung bzw. objektiven Meinungsbildung, wie es ihn bei solch emotional geführten Diskussionen so häufig gibt. Es gibt diese Studien, und das nicht zu knapp. Eine kurze Internetrecherche genügt. Ich hätte gerne einmal fundiert erklärt, wieso es rund um uns herum so wunderbar funktioniert mit dem längeren Lernen, mit den Gesamtschulen, mit den NICHT dreigliedrigen Schulsystemen. Ist der überforderte Einserschüler nebst lauter zurückgebliebenen Arbeiter- und Sozialhilfekindern (entschuldigt die Polemik) ein rein deutsches/deutschsprachiges Phänomen?
Eines zumindest ist ein rein deutschsprachiges: In keinem anderen OECD-Land wird so früh über die berufliche und damit auch soziale Zukunft eines Menschen entschieden wie bei uns. Mit 10 Jahren entscheidet sich quasi, nein nicht quasi, entscheidet sich beim allergrößten Prozentsatz der Kinder, ob sie später Industriekaufmann oder Kaufmann im Einzelhandel werden, um jetzt ein einfaches Beispiel anzuführen.
Das schreibe ich als baldiger Diplom-Ingenieur, der vom Gymnasium über die Realschule, Berufsschule, Fachoberschule doch noch zum Studium gekommen ist, also die in gewissem Maße schon vorhandene Durchlässigkeit unserer Schulen erfahren hat. Aber auch dazu gibt es erschreckende Zahlen. Ich kann schon von mir sagen, dass ich ein äußerst seltener Fall bin, der den weg nach dem Abgang vom Gymnasium nochmal zum Studium geschafft hat. Wer sich die OECD-Berichte mal vor Augen führt kommt nicht drumherum, erkennen zu müssen, dass unser hochselektives, dreigliedriges Schulsystem einen gewissen Nachteil für unsere Kinder im internationalen Vergleich bildet. An der sozialen Schieflage, die zweifelsohne bei uns existiert aber in anderen Ländern eben auch, kann das nicht liegen.
Ach ich könnte noch so viel schreiben, habe aber momentan keine Zeit mehr.
Also lange Rede kurzes Ende, die Hanburger haben sich vor den Karren der Menschen spannen lassen, die ein großes Interesse daran haben, ihre Kinder möglichst schnell durch das Schulsystem durchschleusen zu können und bereits währenddessen auch eine deutliche gesellschaftliche Trennung des sozialen Status und der Berufschancen zu erreichen.
Guten Abend
ein Mit_Elbianer aus Dresden
Was ist von einem Atlantik Brückler wie Czem Özdemir zu erwarten? Nichts, das ist menschlicher Bestechungs Müll, der nur Lobbyismus und Manipulation kennt und keine Demokratischen Volks Entscheidungen akzeptiert.
@Gastautor A. Fecke:
In der Tat das ist kein “Artikel”, aber auch nicht einfach ein “Polemischer Kommentar”. Das Werk ist ein Paradebespiel für die Vorstufe demokratiefeindlicher Pamphlete, die im schlimmsten Falle in Diktatur enden. Noch mühsam getarnt unter dem Mäntelchen “die wissen es einfach noch nicht die Blöden”, da müssen wir noch Aufklärungsarbeit leisten (wobei gleichgültig ist, ob es sich um “Mittelschicht”, “Oberschicht” oder Proletariat handelt). Wer dem Gedanken”gut” von Fecke folgt, der landet ganz woanders! Wehret den Anfängen.
Bei einigen Diskutanten sieht man sehr schön, wie wieder einmal die Opfer zu Tätern gemacht werden sollen. Dabei tun sich einige besonders impertinente Sozialdarwinisten hervor.
Das öffentliche Schulsystem wird an die Wand gefahren, die Löhne werden derartig gedrückt, dass für viele Ausgaben für Bildungsangebote neben den öffentlichen Schulen kaum zu stemmen sind und gerade bei Geringverdienern wird das ohnehin geringe Elterngeld gekürzt oder gleich komplett auf Hartz IV angerechnet,
Nach dem Prinzip teilen und herrschen kann wird dann die sogenannte Mittelschicht gegen das Prekariat aufgehetzt, als ob der desolate Zustand der öffentlichen Schulen daher rühre, dass auch die Nachkommen des Prekariats diese besuchen.
Die Verlängerung der Primarschule ist meiner Meinung nach eine reine Placebomassnahme. Sie geht nicht nur an den Ursachen der Bildungsmisere in Deutschland weit vorbei, sondern lenkt auch trefflich von einer eingehenderen Betrachtung ab,
Und der hamburger Biedermann lässt sich dabei trefflich von den sozialen Brandstiftern an der Nase herumführen.
Längeres gemeinsames Lernen ist zwar sicher nicht sinnvollste Lösung des Problems, aBär:
Es ist nuneinmal so, dass der Mythos der “Bedarfsgerechten Förderung” durch Selektion schlicht Mumpitz ist.
Hauptschulen sind nuneinmal unser Sammelbecken für die schlechtesten Schüler, die schlechtesten Lehrer und die schlechteste Finanzierung.
Dazu kommt noch, dass bei den Eltern der dortigen Schüler die Taschen eher leer sind und daher sogar mehr Geld für diese Schüler bereitgestellt werden müsste, da von zu Hause aus kaum etwas kommen kann.
Würde dies alles geändert, dann wären wir erst bei gleicher Förderung, noch nichteinmal bei bedarfsgerechter wegen vermeintlicher schlechterer Schüler wohlgemerkt, nur bei gleicher.
Für Bedarfsgerechtigkeit müsste man wohl das Salär der HS Lehrer über das der Gymnasial Lehrer hinaus erhöhen, also letztlich die Lehrer umschichten, kostenlose individuelle Nachhilfe anbieten, Geld für Bildungsfördernde Hobbys verteilen, die Zahl der Lehrer pro Schüler im Vergleich zum Gymnasium verdoppeln um Problemschüler seperat zu betreuen etc.
Wird nie passieren, also:
Da sich das quasi durch die Geschichte der Bundesrepublik zieht und sich dort auch nichts bessert, sondern eher verschlechtert, scheint eine von oben verordnete Einheitsschule die einzig mögliche Lösung hin zu einer Verbesserung zu sein.
Ist aber nicht durchsetzbar, also wohl weiter wie gehabt.
http://www.youtube.com/watch?v=2jAI0hzDZuc
Mehr braucht mal wohl zu Elitendenken nicht zu sagen.
So ist es leider, da müssen wir uns als Vertreter dieser Schicht nichts vormachen. Mittelschicht ist alles andere als solidarisch, sie ist durch und durch “wettbewerbsorientiert” und darauf erpicht, sich von der s.g. Unterschicht und “bildungsfernen Schichten” abzugrenzen. Wobei diese Unterschicht im Wesentlichen nur ein Produkt einer Medienpropaganda ebendieser Mittelschicht ist.
Dass die Mittelschicht “Deutschland ja auf den Schultern” trägt, stimmt im Übrigen. Das tut sie aber nicht aus Selbstlosigkeit oder Altruismus, sondern aus eigener Dummheit. Die Mittelschicht identifiziert sich mehrheitlich mit der Oberschicht, daher handelt und wählt sie dementsprechend – zur Freude der Oberschicht und zu eigenem Nachteil.
Ich habe es hier vor paar Tagen bereits gepostet, möchte es noch ein Mal tun – das Buch von Ulrike Herrmann all jenen wärmstens ans Herz legen, die noch romantische Illusionen bezüglich der “Bildungsschicht” pflegen. Sehr erhellend.
Es ist traurig, dass Kindern – egal was einem von der Natur her “in die Wiege gelegt” worden ist, ein ordentlicher Bildungsweg bereits am 10. Lebensjahr verbaut wird, weil er Pech mit den Eltern hatte. Und keiner soll mir da erzählen, dass sich Menschliche Begabungen und Talente in diesem Alter endgültig feststellen lassen. In Ausnahmefällen – ja, in der Regel jedoch nicht. Nur im pseudoelitären Denken der Mittelschicht sind 10-jährige Kinder unwiderruflich “verloren”, wenn sie nicht jene Erziehung erfahren haben oder nicht jene Sprache erlernt haben, die Mittel- und Oberschicht für richtig hält.
Bin ich ganz deiner Meinung. :)
Ich finde es nur noch erschreckend, was in diesem Land abläuft. Diese jämmerliche Kleinstaaterei, sowohl in der Bildung wie auch in vielen anderen Bereichen, ist geradezu beschämend. Daß die Hamburger beim Volksentscheid so abgestimmt haben, dies hat ganz klar mit purem Egoismus zu tun. Es geht nur um das eigene Kind, um seine (vermeintlich) optimalen Chancen. Den Parteien in Hamburg muß man vorwerfen, daß sie es nicht verstanden haben, eine breite Mehrheit der Leute für ihr Anliegen zu mobilisieren.
Man muß es leider immer wieder auf´s Tablett heben: Die zehnjährige Gesamtschule muß her, im ganzen Land. Die Lehrpläne müssen diegleichen sein, im ganzen Land. Die Prüfungen müssen diegleichen sein, im ganzen Land. Das gab es ja alles schon einmal – in der untergegangenen DDR. Das finnische Bildungssystem hat sich genau dort in den 70er Jahren eine Menge abgeschaut und die Grundideen weiterentwickelt. Das ist etwas, das man sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen kann. Nach der Wende wurde in Ostdeutschland ein völlig antiquiertes Schulsystem kritiklos übernommen, und niemand wagte es, dagegen zu protestieren. Bildungsideen in einer Diktatur suchen? Um Gottes Willen!!!
Wenn ich sehe, wie man heute nun mühsam versucht, hier und da Gesamtschulen zu basteln, um grundlegende Erkenntnisse zu gewinnen, wie man hier und da wieder eine Berufsausbildung mit Abitur anstößt, dann ist mir nur noch zum Weinen zumute. Wie will dieses Land in der Zukunft im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn es schon unfähig ist, neue Ansätze konsequent zu wagen?
Aber gut, es muß wohl erst so schmerzen, daß Veränderung unausweichlich wird. Bis dahin sollen die Eltern weiter mit Anwälten ihr Kind in das Gymnasium “hineinklagen”, auch auf die Gefahr hin, daß das Kind dort untergeht. Deutschland, wohin gehst Du???
ethikstandards beim rückfall in unselige vergangenheiten zuzusehen, macht auch von weit weg wenig spaß.
@ak#20
Nu, nicht fragen, nachschaun.
zB da:
http://statistik-nord.de/fileadmin/maps/referendum_hh_2010/atlas.html
Das wurde weiter analysiert und mit Einkommen/Arbeitslosigkeit korreliert.
(Link leider nicht präsent, aber wenn Du artig fragst, werde ich Dir das gerne rausrecherchieren. Man ist ja Menschenfreund.)
Ansonsten finde ich es schon merkwürdig, wie man über den Autor herfällt.
Das Motto erklecklicher Teile der ‘Mittelschicht’ ist für mich verkürzt das:
(Das habe ich von einem Kärtchen, das ich mal in München an der Windschutzscheibe diverser SUV-Vehikel entdeckt hatte. fand ich sehr treffend.)
Was wiederum korreliert mit Sondernummern fürs Auto und allerlei anderen merkwürdigen ‘Status’-Symbolen.
Dass Narzissmus, Statusdenken, Segregation sehr kapitalismuskompatible Haltungen sind — braucht da jemand wirklich noch Nachhilfe?
Augen aufmachen hilft!
Ich habe lang genug im Landkreis Starnberg gewohnt , um zu wissen, wie die Leutchen dort ticken (naja, die halten sich ja eher schon für Oberschicht).
Die Lage an den Schulen im Starnberger Landkreis ist genauso, wie
“D. Reimers –27. Juli 2010 at 00:45″ das geschildert hat.
Darüber hinaus hockt der Rektor mit Grosskopferten oft privat zusammen.
Wenn der Daumen auf den Lehrkörper nicht ausreicht, marschieren die Anwälte auf oder man droht mit Beziehungen.
Als ultima ratio kauft man sich die Dienstbarkeit des Lehr-Apparats, indem man seine Frischlinge in Privatschulen oder aufs Internat schickt.
Da regieren dann das Geld und die Beziehungen noch unmittelbarer.
So wie mans gewohnt ist.
Ausserdem ist man unter sich.
‘socialism of the rich’. man ist es zwar noch nicht, aber man will auch so sein.
Kontroll-illusion nennt man das wohl.
Leider ist das ein denk-provizieller Sandkasten.
DA sitzen die Rollenmodelle und zugleich die Problemfelder unserer Gesellschaft.
Was wollen manche Geiferer hier eigentlich?
Gated communities wie in Argentinien und sonstwo?
Wo die Schüler mit Chauffeur in die Schule gekarrt werden, und vom Rest der Gesellschaft überhaupt nichts mehr wissen, und von vorherein davon ausgehen, dass sie den Staus ihrer Alten erben.
Ansonsten bescheuert, dass es zum Steinerweichen ist.
Was nicht verwunderlich ist, wenn man in einer Kaspar-Hauser-Welt aufwächst.
Manchmal habe ich den Eindruck, als ob die werten ‘Leistungsträger’ so mit sich beschäftigt sind, dass sie nichtmal den Bankrott ihrer löchrigen Axiomatik erkennen können.
Sonst würden sie zB Richard Wilkinson kennen
http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Wilkinson_(public_health)
Aber vor lauter Status und sonstiger Gschaftlhuberei haben sie zu allem Überfluss auch noch die Fähigkeit zu kohärentem Denken verloren.
Sie sprengen sich selber in die Luft.
Und dann spotten sie über Selbstmordattentäter, die angeblich von 24 Jungfrauen träumen.
Nee,sooo doof sind DIE meiner Einschätzung nach nicht!
Das ist eine Projektion!
Wie dämlich kann man eigentlich noch sein?
(Sorry für den langen post. Bin grade nachhause gekommen, und die Tastatur hat noch nicht geraucht.
Liest aber sowieso keiner mehr, weil ja längst die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.
Ich hoffe doch, Hr Reimers und der Autor. Würde mich sehr freuen.)
Der Autor liest noch, hatte ja auch harte Vorwürfe bekommen (nimmt er als legitime Reaktion auf provokante Artikel auch unaufgeregt mit), und freut sich natürlich, wenn mal ein Pro-Kommentator im Ton sogar noch einen drauflegt, ohne deshalb etwa als “linksfaschistoid” rüberzukommen oder “unbelegte Behauptungen” in die Welt zu setzen.
Allerdings habe ich meinen Teil oben gesagt und will nicht noch weiter anheizen, sondern für den Wilkinson-link danken, welcher zu dessen Wissenssammlung “Equality Trust” führt. Empfehlenswert, denn dort sind in der Rubrik “Why more equality” sehr viele “harte Fakten” angeführt zur Unterstützung einer Gesellschaftsidee, die der senegalesische Ökonom Cheikh Tidiane Diop mal in die Frage kleidete: “Taugen Wachstumsraten als Index für glückliche Gesellschaften?”
Eine “glückliche Gesellschaft” als Vision, das erscheint dem Mainstream natürlich als “sozialromantisch”, als kindisch eben. Ich glaube hingegen (glaube), dass ein wenig mehr kindliche Sichtweisen bei den Gestaltern der Gesellschaft allen gut tun würden. Gerade in einem Land, in dem bei Liedern wie “Kinder an die Macht!” Millionen von Menschen begeistert sind, von denen sehr viele allerdings am nächsten Morgen ihren Nachwuchs schon im jüngsten Alter dem Leistungsprinzip ausliefern (und die anderen ihre Kinder vernachlässigen). Wie soll denn diese kommende, eines Teils einer natürlichen Kindheit beraubte (Kompensation sind dann Mountainbikes für 4-jährige Möpse der Erfolgreicheren und Gangerlebnisse für die der anderen) Generation später jemals etwas wie Empathie empfinden können? So wird alles in Zement gegossen, von Leuten, die sich das Wort “Flexibilität” aufs Banner schreiben, und begonnen hat das nicht erst kürzlich ….
Danke, groo, dass ich zum Schluss (meinem) so nun doch noch ein paar Worte zur Erziehung sagen (war ja oben nicht mein Thema) und den Bogen noch mal kurz um alles herum spannen konnte.
werter Andreas Fecke,
es ist mitten in der Nacht, und Zeit für ein paar Gedanken, die sonst den Tag scheuen.
‘Gutmensch’ heisst nicht, sich jeden Unsinn gefallen zu lassen.
Die Fakten sind auf ‘unsrerer’ Seite.
Was mich manchmal wundert und gleichzeitig besorgt macht, ist, wie faktenfern gerade unsere ‘Elite’ und die ‘Leistungsträger’ zu sein scheinen.
Als nebenberuflicher Zahlenmensch muss ich mir manchmal anhören:
“Aber Zahlen sind doch nicht Alles!”
Wo ich dann was in meinen Bart murmele.
Diese Aversion gegen Zahlen, wenns ums Eingemachte geht, ist schon sonderbar. Wo man andererseits als Buchhalter oder Ingenieur oder sonstwas von ihnen lebt.
Wenn sie wehtun, lehnt man sie einfach ab; hält sie für gelogen, übertrieben oder sonstwas, zitiert Churchill, wenn man sich für gebildet hält.
5,5t CO2 für einen New-York-Flug?
Mehr als ein Jahres-pro-Kopf-Verbrauch eines world-citizens?
Da lass ich dann halt ein paar Bäume pflanzen, aber mir doch nicht das Vergnügen nehmen, heisst es.
Dieser scheinheilige Hedonismus lässt mich durch die Decke gehen.
Andererseits gehört er zum Syndrom ‘Mittelschicht’.
Oberschicht sowieso.
Inkohärenz bis Lüge/Selbstbetrug.
(Ich habe ein mehrjähriges Privatprojekt: ‘Wieso glauben wir, was wir glauben?’ Die Resultate sind niederschmetternd. Man muss nur ehrlich zu sich selbst sein. Wen hat man denn sonst für ‘Ehrlichkeit’, ausser sich selbst? Drei Freunde? Glück gehabt!)
Wenn ich etwas zum Erziehungssystem beitragen könnte, dann das:
Kinderchen:
Uberdenkt Eure Axiome/Lebensmaximen, die Ihr so als Fahne in Eurem Leben vor Euch hertragt, und werdet Euch bewusst, wie lächerlich/inkohärent die Meisten sind!
Was aber meist in den Wind gesprochen ist, und uns letztlich –als Spezies– den Kragen kosten wird.
Die ultimative Antwort der Hedonisten:
Nach mir die Sintflut.
Heuer fliege ich noch nach Hawaii, um den dollen Wind zum Surfen auszunutzen oder nach Grönland, um die Gletscher schmelzen zu sehen.
Und dann machen wir uns über die Bonobos und die Schimpansen lustig, wie doof die doch sind.
Was kann unsereins tun, ausser das Gesicht in die Hände zu legen, und grademal die Wahl zwischen einem Weinkrampf und einem Lachkrampf zu haben?
—Keine Sorge, ich bin da durch.
Die Umstände zwingen uns zu einem möglichst souveränen Metastandpunkt, mit einem Bein in der Realität, ohne die wir ja nicht existieren können.
Schön wärs, in einer platonischen Parallelwelt so als Idee über den Himmeln zu schweben
Ist nicht.
Wie soll ich das nennen?
Renovierten Existentialismus?
Sorry.
(Gute Nacht. Naja. Ist fast Morgen. 4:13, lese ich grad)
“Nach uns die Sintflut.” Da ist ein in mehrfachem Sinne fataler, sich selbst antreibender Mechanismus im Gange: die auf der Grundlage der Entsolidarisierung in der Gesellschaft durchsetzbaren Verschlechterungen der öffentlichen Dienstleistungen in Gesundheit, Bildung etc. und die hohe Zukunftshypothek führen die Mittelschichtgruppe “Gutsituierte” (Eigenname “Leistungsträger”) und natürlich die Oberschicht ja verstärkt dazu, sich und Nachwuchs diesem Trend vermittels der eigenen finanziellen Potenzen zu entziehen. Auf diesem feuchten Grunde wachsen dann auch Spekulationsblasen an Börsen. Sogar anders extreme Phänomene wie der Pilotenstreik tauchen auf, die Entsolidarisierung wird Funktionsprinzip der ganzen Gesellschaft.
“Staatsverschuldung wächst, zu viel Last für kommende Generationen, die das erben? Meinen Kindern zahle ich die Uni, einen Anschub in den Job und später erben sie neben der öffentlichen Schuld mein Vermögen. Uns betrifft es nicht oder geringer, so lange keine grundlegenden Veränderungen stattfinden.” So ist man sonntags gerne mal für effiziente Politik gegen Klimaveränderung, Weltarmut, Welthunger, stürzt sich montags auf Meldungen, die die schlechte Verwendung der entsprechenden Gelder belegen, und wählt am nächsten Sonntag stets diejenigen an die Macht, von denen man sich verspricht, dass sie sich im hart-auf-hart Fall aus allen Solidarversprechen hinausstehlen und die Bestände der eigenen Mittel- und Oberschichten schützen.
Was natürlich keinen Damm gegen keine Sintflut schafft, aber, siehe oben, “meine Familie kann alleine leben, nach und neben uns die Sintflut!”. Eine in einer ökologisch und sozial bedrohten, globalisierten Welt unvernünftige Haltung, deren Protagonisten aber das Gegenteil zu sein glauben.
Doppelt fatal ist, dass die Mittelschichten natürlich vielschichtig sind und im allgemeinen und im Selbstverständnis Gruppen beinhalten, die im Grunde genommen ökonomisch gar nicht dazu gehören. Von oben gibt es da Understatement, aber vor allem unten gibt es einen dicken Rand von Leuten, die die Verwechslung von Menschenwert und Status gefressen haben, keinesfalls zu beispielsweise einer Gruppe “mittlere und untere 60%” gehören wollen und den Eliten unreflektiert folgen – entgegen ihrer eigenen Interessen, denn sie werden nicht viel vererben, verschulden sich sogar oft. In der Sintflut würden sie ersaufen.
Diese Gruppe wecken und ansprechen zu lernen, sie erfolgreich zum Dialog einladen zu können, das ist die einzige Chance für solidarische, emanzipatorische und nachhaltige Politik. Ihrer Fußtruppen entledigt, hätten dann auch mehr Mitglieder der oberen Mittelschichten wieder ein Ohr für das Wort “Gemeinwohl”.
Ich kann das nicht, Sie nicht und auch der Spiegelfechter und Hunderte andere Webseiten nicht. Jede auf eigene Weise, tun es auch SPD, Grüne und Linke nicht, obwohl sie es unter Eingehen gewisser Popularitäts- und Imagerisiken könnten. Dafür wird es also ein paar Prominente, ein paar Akademiker und Mainstream-Journalisten brauchen, die von diesen Menschen respektiert werden. Das ist mein Appell.
@andreas fecke,
tja, ich weiss es auch nicht.
So ganz allgemein grüble ich in trüben Momenten, ob die Fähigkeit zum Selbstbetrug proportional mit der mechanischen Intelligenz wächst oder sogar überproportional zunimmt.
Als Humanist möchte ich glauben, dass das etwas mit Ablenkung zu tun hat.
Man nehme die Ablenkungen weg, und…
fatalerweise tut sich ein Sinnvakuum auf.
Das ist das Fatale an Kulturräumen.
Es ist dieser horror vacui, gleichauf mit der Angst vor dem Anderen, der/die Gesellschaften letztlich zusammenhält, und sie solange irrsinnige Dinge tun lässt, bis sie zusammenbrechen, und durch einen anderen Unsinn ersetzt werden.
Änderung durch Erkenntnis/Information?
Fehlanzeige.
Deine Hoffnung
ist besser als nichts.
Aber wer soll das sein?
Zeig mir einen unter denen, die grade in Bayreuth herumlungern, aber bitte nicht Gottschalk!
In USA fällt mir Thomas Friedman als Konvertit ein, aber die meisten haben das vermutlich nichtmal gemerkt.
Trotzdem.
Halten wir den Kopf oben!
In diesem Sinne
@groo
Nennen kann ich da auch niemanden, es gibt sicherlich aber viele Leute in der zweiten Reihe, die das Zeug dazu hätten, auf so einem Umweg in die erste zu kommen. Gesine Schwan als Bundespräsidentin hätte ein mobilisierender Faktor sein können, auch wenn sich ein konservativer Gegenpol gebildet hätte, dessen Mitglieder aber ohnehin schon zu Werke sind.
Sie müssten sich halt selber entdecken…
Hätte sollen, müsste tun, an dem Punkt ist das Land.
Jedenfalls danke ich für die sehr interessante kleine Unterhaltung mit neuen für mich Impulsen, wünsche auch alles Beste und gehe mit humanistischen Grüßen
Betrifft meinen comment #40
‘awaiting moderation’
Jens, kannst Du mal bitte die moderation-rules bekannt machen?
Danke.
Das nervt nämlich schon!
Meine Wortwahl ist bisweilen harsch, aber mE nie SO unkorrekt, sodass er zensierwürdig wäre.
Ideal wär ein popup mit politically incorrect words, die ich dann ausmerzen kann.
;)
Ersatzweise könntest Du bitte mal genau auf die Stelle hinweisen, die den Beitrag ins Nirvana geschickt hat!
Dann können wir lachen oder weinen.
PS:
Meinen Beitrag halte ich für relevant, sonst hätte ich ihn nicht geschrieben.
Und der Zeitfaktor entwertet ihn bis zu NULL!
Frustrierend!
Das hat mit der Wortwahl im klassischen Sinn nichts zu tun. Im Filter sind diverse Buzzwords – z.T. von Spammern, z.T. von Störenfrieden. Woran Dein letzter Kommentar hängen geblieben ist? Keine Ahnung. Die Gefahr, in diesem Filter hängen zu bleiben, steigt natürlich mit der Länge des Beitrags. Das ist nun einmal der Preis dafür, in einem Blog, das nicht 24/7 überwacht ist, ohne Anmeldung etc. pp. posten zu können.
Haha,
da ist ja ‘lost in translation’ noch eine nachvollziehbare Geschichte!
Versteh’ schon.
Sch.. Technik.
Man muss mit den Macken wohl leben.
Ich habe mich da mal schon mit Simon Johnson & Robin Hanson angelegt.
Mein Fehler, ehrlich gesagt.
Ich war wütend, bis ich Ignorant gemerkt habe, dass das nur eine Maschine ist.
Die haben offenbar dasselbe Problem.
Political correctness, mediated via a machine.
Aber trotzdem…
was geht hier vor sich?
Auf dem Klo lese ich Schopenhauer.
Da habe ich solche Probleme nicht.
Jedenfalls bin ich dankbar, dass Du diese Korrekturfunktion 15min hast.
Die überwiegt die ‘Moderation’.
Da kann ich dann etliches wegarbeiten, und wenn ich lustig bin, sogar die Rechtschreibung polieren.
Das macht mich froh! :)
(sorry. Schon wieder zu lang.)
Keine Ahnung – Du hast auf jeden Fall eine wahnsinnige Anspruchshaltung ;-)
Wenn Du mir erklären kannst, wie ich als “Ein-Mann-Unternehmen” gleichzeitig Artikel recherchieren, schreiben, bloggen, Buchhaltungskrams erledigen, Auftragsartikel schreiben, Angebote abgeben, den Blog 24h observieren, kommentieren, moderieren und dann auch noch die technischen Feinheiten einarbeiten soll, die benötigt werden, um anspruchsvolle Menschen, wie Dich, zufriedenzustellen … wenn Du mir das erklären kannst … gebe ich Dir ein Bier aus ;-)
Werter Jens,
haben wir uns jetzt missverstanden?
Es ist mir komplett unverständlich, wie Du das alles schaffst!
Du bist in der deutschen Blog-Medienlandschaft (bis auf ähem-Lieb, Müller, Jahnke ,… auf ihrem Gebiet) UNSCHLAGBAR!
Das weisst Du zwar sicher auch, aber es ist doch gut, wenn Dir das jemand ab und an sagt.
Also sage ICH das zwischendurch!
Mag sein, dass ich eingebildet bin–machmal– aber ich weiss, wer der Bessere auf seinem Gebiet ist.
DU!
(Über ‘mein’ Reservat spreche ich mal nicht. Tut nichts zur Sache.)
Reicht das?
Ich zerbreche mir immer noch den Kopf, wie Dein Riesen-Beitrag
an der deutschen Sinnfindung irgendwie gewürdigt werden könnte.
Muss mal in meinem Geldbeutel kramen. Was mir zwar zuwider ist, aber sagen wir mal, I do my best. Ich bin kein Krösus, aber ich lebe.
Aber was ich NICHT will: Dass du mir NICHT in die Magengrube haust, Ausser wenn Du gute Gründe hast .
Aber dann: Hau zu mit aller Kraft!
So soll es unter noble men sein.
Der Trick ist nur, dass die, die nicht da sind, wo wir sind, das nicht verstehen können, und diese -ähem- ‘noble’ Haltung irgendwann obsolet wird.
OK?
(bitte versteh mich recht: ich will keine alte Noblesse rekreieren, sondern eine Neue entstehen lassen!)
@Groo
Da laufe ich vor Scham ja puterrot an. Danke ;-)
Da hänge ich mich mit einem schon lange fälligen Hinweis auf die Rolle von Gastautoren an. Öfter mal wurde von Stammlesern die Existenz, zumindest die “mangelnde Qualität” “so vieler” Gastautoren bemängelt.
Sie entlasten den Betreiber eines nunmehr ziemlich großen Blogs mit, man sieht es hier im Kommentarbereich, nicht homogenem Publikum – für aufwändigere Arbeiten, für liegengebliebenes, für “die guten alten Spiegelfechter- Artikel”. So ein Publikum braucht nun mal einen schnelleren Rhytmus und eine breitere Palette als ein kleine Leserfamilie. Diese ist zwar viel treuer, auf Dauer aber auch leicht (geistig) inzestös.
Die Gastautoren sind aber keine Klone von Herrn Berger, sie bringen u.U. ungewohnte Kost, aber sie sorgen auch direkt oder indirekt für Themen, auf die dieses Blog sonst verzichten würde, damit meine ich insbesondere “meine” Afrikarubrik.
So wäre es nur fair, wenn dieser Problematik mit einem Vorschuss an Wohlwollen statt einem Vorschuss an Ansprüchen und Mißtrauen begegnet werden würde.
Jedem anderen Gratisprodukt sieht man kleinere Mängel nach, nur nicht im Internetinfobereich, das ist nicht fair.
schenke den äußerungen des blogbetreibers jens keinen glauben, groo.
habe gestern ein posting verfasst, das nicht ganz dem gängigen schema eines linkslinken rötelrötlings entsprach –> wusch, weg wars.
natürlich! Hassbeiträge werden natürlich sofort gelöscht. Und Dein gelöschter Beitrag war ein Hassbeitrag der üblen Sorte. Geh zu PI, da kannst Du Dich mit Gleichgesinnten amüsieren.
was meinst Du?
Ich bin passionierter Schwammerlsucher, und sowas kommt bei mir in die Pfanne, und hat immer gut geschmeckt!!
Es kommt auf den Ton und den Inhalt an. Jens ist (wie die Mehrheit der Stammposter hier) sicher recht weit bis sehr links. Aber man darf durchaus auch Meinungen schreiben, die nicht diesem hiesigen Mainstream entsprechen. Die auch nicht mal politisch linkskorrekt formuliert sind. Nur sollte man, und das ist gut so, weder gegen Anwesende noch Dritte ausfallend werden, sonst wird moderiert. Die Regelung und deren Anwendung durch Jens ist IMO völlig in Ordnung. Wobei ich natürlich nicht alle Postings sehe, weil manche gelöscht bzw. gar nicht erst durchgelassen werden.
Der Eindruck, dass sich so mancher Linke hier tonal relativ viel und auch mehr bis hin zu ad-personam-Gestänker herausnehmen darf gegenüber Mitschreibern, die nicht am selben Ortsrand im politischen Spektrum beheimatet sind, kann dabei täuschen, muss es aber nicht.
Davon ab sind wir erwachsene Leute und entscheiden daher in eigener Souveränität, auf welche Provokationsversuche wir eingehen. Den Ursprungsartikel etwa verorte ich persönlich hart an der Grenze zum ‘Haßbeitrag’. Der ist eben so weit entfernt von mir auf der linken Seite wie es der unsägliche Hermannsche Loveparade-Kommentar rechts ist.
Na gut,
dann eben ein wenig Sachlichkeit. Ein mir bekannter Lehrer (Gymnasium) wurde in eine schwedische Großstadt geschickt, um sich im November (sic!) die dortige Gesamtschule anzusehen. Er wurde bedauert, so, als ob man ihn nach Sibirien geschickt hätte. Als er wieder zurückgekommen war wirkte er sehr nachdenklich. Was war passiert?
Er hat dort erlebt, dass 14jährige kurdische Kinder, die kein Wort schwedisch konnten, 2 Jahre später fast auf der gleichen Ebene wie gleichaltrige Schweden schriftlich und mündlich kommunizieren konnten. Seine Referenzpersonen waren schwedische Lehrer.
Um das zu erreichen wird diese Gesamtschule als Ganztagsschule betrieben, der Direktor ist per Handy bis 22 Uhr abends stets erreichbar, die Klassengrößen sind real bei ca. 15 Schülern, es gibt reichlich Zusatzangebote, die man hier als ,,schulfern” einstufen würde – und dort ist man im November eh lieber mit Freunden in einem geheizten Raum als im nebligen Freien.
Das Einzige, was unser Land einzigartig macht, scheinen die Gebirge aus hohler Sprache zu sein, die wir schätzen, weil wir das Offenkundige nicht sehen möchten. Die Frage bleibt aber, welche Arbeit Diejenigen denn hinterher machen sollten, wenn sie in erhoffter Weise massenhaft hochqualifizierte Abschlüsse erreicht hätten. Haben wir dafür Angebote?