Der heimtückische Begriff „Chancengerechtigkeit“
geschrieben am 03. August 2010 von Spiegelfechter
Analyse eines neoliberalen Propagandabegriffs
ein Gastbeitrag von Holdger Platta
Geben wir es gleich am Anfang zu: der Begriff der „Chancengerechtigkeit“, der so zukunftsoffen und menschenfreundlich klingt, scheint eine durch und durch positive Vokabel zu sein, haushoch überlegen zum Beispiel dem kühleren Begriff der „Chancengleichheit“. Wieso also Mißtrauen gegenüber diesem Begriff? Wieso Mißtrauen gegenüber der Tatsache, daß vor allem die CDU, neben der FDP, die altvertraute „Chancengleichheit“ auszuwechseln versucht gegen die neue „Chancengerechtigkeit“?
Klar ist: wo „Chancengleichheit“ – vergleichsweise nüchtern – mit dem Ton einer objektiven Tatsachenfeststellung daherkommt, da setzt der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ von Beginn an ganz subjektiv auch auf einen Wärmeton. „Gerechtigkeit“, dieser Begriff ist assoziativ verbunden mit „Recht“, „Rechtlichkeit“, „Rechtsstaat“; für denjenigen, der christlich erzogen worden ist, mit einem gütigen Gott; und für die anderen, die eher an unsere Verfassung denken und deren Grundrechtekatalog, mit einem lauteren Staat.
Doch in Wahrheit täuscht dieser Begriff der „Chancengerechtigkeit“ nur ein Mehr an Wärme, Güte und Rechtlichkeit vor. In Wahrheit stellt er einen erheblichen Rückschritt gegenüber dem Begriff der „Chancengleichheit“ dar. Und: in Wahrheit verbergen sich hinter beiden Begriffen – dem alten wie dem neuen – hochproblematische Propagandavokabeln. Wieso?
Nun, fangen wir mit der Differenz der beiden Begriffe an, mit dem suggestiven Vorsprung der „Chancengerechtigkeit“ gegenüber der bloßen „Chancengleichheit“. Viele von uns haben es vermutlich schon häufiger erlebt: der Begriff der „Chancengleichheit“ stößt oft bereits beim ersten Äußern auf spontanen Widerspruch. „Menschen sind nicht gleich!“, heißt es da etwa oder „Gleichmacherei!“. Natürlich ist das Unsinn und ein Mißverständnis. Der Begriff der „Gleichheit“, der in dieser Wortverbindung Anstoß erregt, stammt aus der Französischen Revolution und meinte zu dieser Zeit wie späterhin keinesfalls die klon-identische Gleichheit der Menschen, meinte nicht idiotische „Egalisiererei“ und damit Verneinung der Menschen in ihrer jeweiligen Besonderheit. Sie meinte nichts anderes als die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz! Aber leider: menschliches Reagieren funktioniert nicht immer so rational. Und auf diese Emotionalität setzen eben auch die Propagandisten der neoliberalen Ideologie. Wo sich’s machen läßt, packt man in die Begriffe noch irgendwelche Psycho-Effekte hinein. Und in dieser Hinsicht ist die „Gerechtigkeit“ der „Gleichheit“ weit überlegen. „Gleichheit“, das ist nur objektive Feststellung: zwei Menschen sind gleich groß, haben das gleiche Gewicht, laufen beim 100-Meter-Sprint mit gleichem Tempo ins Ziel. Aber „Gerechtigkeit“? Da taucht plötzlich assoziativ die personale Zuwendung auf, der gütige Richter zum Beispiel. „Gerechtigkeit“, das ist sozusagen „Gleichheit“ mit einem ethischen Heiligenschein. Aber: dieser suggestive, dieser gefühlsevozierende Vorsprung der „Gerechtigkeit“ gegenüber der „Gleichheit“ beziehungsweise der „Chancengerechtigkeit“ gegenüber der „Chancengleichheit“ ist zugleich auch der kritische, der höchst fragwürdige Punkt! Denn unvermeidbar mengt sich damit auch Moral, mengt sich Ethik, mengt sich ein Urteilen, womöglich sogar Juristerei ins Spiel – und dort, beim Urteilen wie in der Juristerei, ist es mit der „Gerechtigkeit“ und Objektivität oft furchtbar schnell vorbei! „Gleichheit“, das läßt sich objektiv messen, „Gerechtigkeit“ nicht! Und zweitens: mit dem Urteilen kommt auch ein Beurteiler ins Spiel. Und da – ich sage es jetzt schon – ist es mit Demokratie fast schon vorbei! Denn:
Begriffsabgrenzung
Im Begriff der „Gerechtigkeit“ ist unvermeidbar eine höhere Instanz fantasiert, die über „Recht“ oder „Unrecht“ entscheidet. Wo in der Demokratie politisch über Interessen verhandelt und entschieden wird, zwischen Einzelnen und Gruppen – dem Ideal nach in Augenhöhe miteinander -, wird hier nun von oben herab über Interessen und Gerechtigkeit entschieden. Kurz: in diesem emphatischen Begriff der„Gerechtigkeit“ steckt im Unterschied zur nüchternen „Gleichheit“ ein Stück undemokratischer Autorität oder undemokratischer Sehnsucht nach Autorität. Dies gilt um so mehr, wenn es um politische, soziale und ökonomische Interessen geht, die sich gar nicht alle durch obersten Richterspruch regeln lassen. Vor allem dann nicht, wenn sich dieser „Gerechtigkeits“-Begriff zusammentut mit dem Begriff der „Chancen“, und an dieser Stelle wird der Begriff geradezu heimtückisch und verbirgt einen heimtückischen Hinterhalt. Ich meine das Folgende damit:
Der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ rückt die reale „Gerechtigkeit“ der Welt selber ganz, ganz weit in den Hintergrund (nur bei der Verteilung der Chancen soll es noch „gerecht“ zugehen, die Welt selber braucht gar nicht „gerecht“ zu sein). Und mehr noch: der Begriff der Chancen macht nur deshalb Sinn, weil die Welt selber gerade nicht „gerecht“ ist (und schon gar nicht egalitär!). Bei genauerem Hinsehen gibt das der Begriff „Chancengerechtigkeit“ ja selber zu erkennen (und man entdeckt es sofort, wenn man auch dessen Rückseite anschaut und nicht nur gebannt auf seinen edlen Ethik-Anschein blickt!): wir leben in einer Welt des Oben und Unten, wir leben in einer Klassengesellschaft – und der Begriff der „Gerechtigkeit“ verschleiert diese Tatsache nur. Ein Ding aus dem Tollhaus – wieder einmal! Womit die üble Sache aber längst noch nicht zuendeanalysiert ist. Denn anders formuliert bedeutet das:
Der Begriff der „Chancen“ verlagert das Moment der „Gerechtigkeit“ (oder auch das Moment der „Gleichheit“ – in dieser Hinsicht gibt’s keinen Unterschied zwischen dem dürren Bruder „Gleichheit“ und dem ethtisch-edlen Verwandten „Gerechtigkeit“!) aus dem Bereich der Tatsächlichkeiten in den Bereich bloßer Möglichkeiten. Der Teilbegriff der „Chancen“ selber sagt uns das: nur theoretisch, nur als Absicht, dem Ziele nach, nur am Anfang eines Wettbewerbs oder knallharter Konkurrenz geht es – vielleicht! – gerecht zu. In Wirklichkeit aber und dem Ergebnis nach ist diese Art der „Gerechtigkeit“ – die „Chancengerechtigkeit“ – nur ein Ausgangsphänomen: am Ende steht jedesmal die Ungleichheit, die Hierarchie, die Welt der Sieger und Besiegten. Das Strukturprinzip „Gerechtigkeit“, das eigentlich die Tatsachenrealität einer Gesellschaft kennzeichnen sollte, schrumpft durch die Beifügung des Wortes „Chancen“ zusammen zu einer Wunschfantasie, zur Fiktion und wird in Wahrheit zu einem Signalbegriff, der für den sozialen Kampf aller gegen alle steht, zu einem billigen Trostwort an die Kämpfer vor der Schlacht, an deren Ende es stets die „loser“ und die „winner“ gibt. Doch damit nicht genug: die besondere Gemeinheit des Begriffs der „Chancengerechtigkeit“ – im Unterschied zur „Chancengleichheit“ – besteht darin, daß dieser speziellen Vokabel zufolge das Ergebnis des erwähnten Konkurrenzkampfes, die faktischen Ungleichheit am Ende, sogar moralisch oder ethisch völlig in Ordnung ist.
Ergo: dieser Austausch des Begriffs „Chancengleichheit“ gegen den Begriff „Chancengerechtigkeit“ bedeutet, daß jene Menschen, die bei diesem Kampf aller gegen alle verloren haben, mit Fug und Recht verloren haben. Heißt: im Begriff der „Chancengerechtigkeit“ verbirgt sich auch noch die Schuldzuweisung an die Adresse der Verlierer. Und das macht die Heimtücke dieses scheinbar so gütigen Gerechtigkeitsbegriffes aus: wer unten landet, soll dieses auch noch als gerechten Ausgang betrachten. Er war für diese Kampfgesellschaft eben nicht gut und fit und schlau genug. Und vielleicht denkt er sich auch: ungenügend beharrlich, fleißig und konsequent! Der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ enthält wegen dieser moralisch-ethischen Kontamination also auch einen brutalen Vorwurf an die Verlierer: selber schuld!
Und damit entlastet sich eine tatsächlich ungerecht strukturierte Gesellschaft des Unten und Oben sowie des Kampfes aller gegen alle selber von jedweder Schuld. – Ihre hierarchische Struktur: gerecht! – Ihre Benachteiligung der vielen Verlierer (bis weit in das Hinunterregieren dieser Niedergekämpften in die Lebenssituation des Dahinvegetierens unterhalb des Existenzminimums hinein): gerecht! – Die Millionengewinne dort, die Massenentlassungen von Zehntausenden von Menschen da: gerecht!
Kurz: der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ ist kein Begriff, der vom lieben Gott kommt oder von einem gütigen Richter auf Erden, nein, der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ stellt eine Selbstbeweihräucherungsvokabel sondergleichen dar, sie ist nichts anderes als die ethisch-aufgemotzte Selbstfeier einer in Wahrheit inhuman entfesselten Globalisierungswelt! Der Begriff der„Chancengerechtigkeit“ ist insofern nichts anderes als Ausdruck einer abgrundtief zynischen Menschenverachtung, die dem Menschen, der am Boden liegt, auch noch bescheinigt: „Recht so!“. Ausdruck also einer Brutalität, die das Opfer nicht nur ganz real zu Boden getreten hat, sondern danach auch noch moralisch zu Boden tritt.
Doch das Erschreckendste ist: manche von den Opfern glauben dieses selber sogar. Sie selber sind es, die sich als Versager empfinden, sie selber sind es, die sich schämen, die Schuldgefühle verspüren darüber, es nicht geschafft zu haben wie die anderen „da oben“. Kurz: wenn manche Aktive aus der Anti-Hartz-IV-Bewegung fragen: „Wo ist das Volk?“, so lautet die Antwort: zu einem Großteil in dieser Depression! Menschen, denen bereits während der Jahre ihrer Berufstätigkeit verwehrt war, Selbstbewußtsein und Ich-Stärke entwickeln und trainieren zu können, die werden auch bei ihrem Absturz in die Arbeitslosigkeit nicht über Nacht zu selbstbewußten Menschen, zu Helden und zu Kämpfern. Ganz im Gegenteil, sie fallen im Zustand der Arbeitslosigkeit um so leichter in diese Selbstbeschuldigungsfalle hinein: sie haben es – so „denkt“ es in ihnen selbst! – nicht geschafft, in einer „gerechten“ Gesellschaft ihren Anteil an Lebenschancen für sich selber realisieren zu können! Sie gleichen Menschen, die in den Dreck gestoßen worden sind und nun auch noch glauben – unbewußt zumeist -, daß sie selber es gewesen sind, die sich in den Dreck gestoßen haben. Sie legen das Versagen der Gesellschaft an ihnen als ihr eigenes Versagen aus.
„Die da oben“ aber glauben ernsthaft, daß sie verdienen, was sie verdienen: sie verwechseln Moral mit ihrem Kontostand. Sie glauben ernsthaft: weil es ihnen gut geht, wären sie auch gut. Dabei sind sie nur „fein raus“ – fein raus aus dem unbewußten Selbstbeschuldigungsdunkel der Verliererseelen; fein raus aus den Elendsverhältnissen; fein raus aus der Verfassungspflicht, allen BürgerInnen dieses Staates die Menschenwürde zu sichern, nicht aber nur den heimtückischen Menschenrechte-Ersatz „Chancengerechtigkeit“.
Jungliberale und Chancengleichheit
Mag sein, daß der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ nicht einer der psychologisch wirksamsten Kampfbegriffe des Neoliberalismus ist; einer der niederträchtigsten Ideologisierungsvokabeln dieser Propagandisten ist er auf jeden Fall. Oder übertreibe ich? Übertreibe ich vielleicht sogar maßlos?
Nun, der Landesverband der Jungen Liberalen in Baden-Württemberg hat sich im November 2007 ausführlich mit dem Thema „Chancengerechtigkeit“ auseinandergesetzt. Das Resultat:
1. Selbst dieses Jungvolk des Neoliberalismus erkennt an, daß es bei uns „soziale Unterschiede gibt“, unterschiedliche „materielle Möglichkeiten“ je nach Schichtzugehörigkeit. Doch was folgt für diese Nachwuchsleute der FDP daraus?
2. Keinesfalls, daß dieses geändert werden müsse. Keinesfalls auch, daß Bildungsnachteile für Unterschichtkinder z.B. ausgeglichen werden müßten durch mehr Krippenplätze oder dergleichen. Ganz im Gegenteil:
3. Solche Politik, so diese Ländle-Liberalen, vertrüge sich mit liberaler „Wert-Orientierung“ nicht. Denn: die „bildungsfernen“ Eltern seien an den Startnachteilen ihrer Kinder selber schuld – da haben wir sie also bereits: die Schuld der Opfer daran, daß sie Opfer sind (und die Kinder dann zu Recht Opfer dieser Opfer!) –, und helfen würde nur Stärkung der „Motivation“ dieser Eltern zur Förderung ihrer Kinder, indem man ihnen, den Eltern, die gleichen materiellen Chancen, wie sie in höheren Bildungselternhäusern vorhanden sind, gerade eben vorenthält! Diese Allzu-Jung-Liberalen wörtlich:
„Wenn der Staat versucht Chancengerechtigkeit herzustellen dann untergräbt er damit die entscheidende Motivation für sozialen Aufstieg, indem er den Eltern die Verantwortung für die Zukunft ihrer Kinder nimmt.“
Und weiter:
„Statt einer Gerechtigkeitsgesellschaft brauchen wir eine Aufstiegsgesellschaft und das bedeutet einen Wandel in den Köpfen, nicht in der Verteilung materieller Mittel (…) Das Schlüsselwort liberaler Bildungspolitik lautet also nicht Chancengerechtigkeit, die letztlich ein Anspruchsdenken gegenüber dem Staat bedient, sondern Leistungsbereitschaft, und zwar nicht nur bei den Schülern, sondern genauso bei den Eltern.“
Und schließlich auch dieses noch:
„Unsere Gesellschaft befindet sich heute in einem Zustand, in dem weite Teile von ihr erst wieder den Wert von Bildung lernen müssen (…) Die Gesellschaft ist hier, wie in vielen Dingen gefragt, nicht der Staat oder die Politik.“ (Nebenbei: in diesen Zitaten der FDP-Jung-Gebildeten habe ich sämtliche Schreibfehler stehen gelassen, um das bemerkenswerte Mindermaß an Bildung bei diesen prachtvollen Nachwuchspolitikern im Original wiedergeben zu können…)
Daß diese FDP-Denke mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, mit Sozialstaat nichts und nichts mehr mit Rechtsstaat, sei hier nur angemerkt. Angemerkt auch nur die grenzenlose Unbarmherzigkeit dieser Sätze, die Arschpauker- und Steißtrommler-Mentalität dieser Pädagogik, die Verantwortung der Menschen für ihre Kinder und Liebe zu ihnen nur unter den Prämissen des äußersten Zwangs noch zu denken versteht. Hier melden sich – aller zeitgenössischen pädagogischen Forschung zum Trotz – wieder die rabenschwarzen Erziehungsmaximen des 19. Jahrhunderts zu Wort; einhundert Jahre Bildungsgeschichte sind also an diesen Bildungspolitikern vorbeigegangen. Gleichwohl, zentraler Punkt dieser Ansichten in unserem Zusammenhang ist: meine These, am Ende dieses Denkens in den Kategorien der „Chancengerechtigkeit“ statt „Chancengleichheit“ steht der Schuldspruch für jene, die in unserer Gesellschaft auf der Strecke geblieben sind, diese These läßt sich kaum deutlicher fassen als in diesen FDP-Sätzen. Und ein zweiter, weitaus entsetzlicherer Befund kommt gleich noch hinzu: für das – vermeintliche! – Versagen der Eltern werden gleich auch noch deren Kinder in Sippenhaft genommen! Wir haben es hier mit nichts weniger als mit faschistoidem Denken auf dem Gebiet von Erziehung und Chancengleichheit zu tun. Diese FDP-Denke ist menschenverachtende Abkehr von jeglicher Solidarität: selbst völlig unschuldigen Kindern gegenüber.
Und die CDU?
Nun, da ist mit noch höherrangigem „Zitatenschatz“ aufzuwarten! Da kann man sogar aus den Grundsatzprogrammen dieser Partei zitieren – aus den Jahren 1994 und 1998 -, aus Grundsatzprogrammen, die an diesen Punkten heute noch gültig sind.
Um es vorwegzunehmen: auch hier – wie bei den FDP-Jungliberalen – gibt es zunächst auch Feines zu lesen. So heißt es im Kapitel „Gerechtigkeit“ (S. 94) ebenso verfassungstreu wie fromm:
1. „Grundlage der Gerechtigkeit ist die Gleichheit aller Menschen in ihrer von Gott gegebenen Würde und Freiheit.“
Doch keine zwei Sätze später geht es auch hier dieser Maxime schon an den Kragen, vorbereitet durch einen Zwischensatz, der – unterdessen ein alter Bekannter für uns – wiedermal erst ganz auf den „Wärmeton“ setzt, mit Wörtern wie „Anerkennung“ und „Ausgleich“:
2. „Gerechtigkeit fordert die Anerkennung der persönlichen Leistung und Anstrengung ebenso wie den sozialen Ausgleich. Gerechtigkeit verlangt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln.“
Da haben wir’s: der Begriff der „Gerechtigkeit“ hat endgültig den Begriff der „Gleichheit“ aus dem Wege geräumt. „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich“ behandeln, das ist genau jenes angemaßte Richteramt, genau jene Bewertungswillkür von oben herab (leicht väterlich getönt), wie ich sie bereits am Anfang angesprochen habe. Zwar folgt dieser zentralen Aussage noch einiges Sozialblabla – Politik solle für „ausgleichende Gerechtigkeit“ sorgen z.B. -, aber das alles wattiert nur diesen zentralen Brutalsatz (Gleiches solle gleich, Ungleiches ungleich behandelt werden) und wird wieder und wieder relativiert, zurückgenommen, mit Gegen-Sätzen torpediert. Zum Beispiel: „Absolute Gerechtigkeit ist nicht erreichbar.“ Dies die Relativierung. „Auch politisches Handeln stößt wegen der Unzulänglichkeit der Menschen an Grenzen.“ Dies die Zurücknahme (denn welcher Mensch wäre nicht „unzulänglich“?). „Gerechtigkeit schließt die Übernahme von Pflichten entsprechend der Leistungsfähigkeit des einzelnen zum Wohle des Ganzen ein.“ Dies der Satz, der alle Gleichheitssätze vorher torpediert: sozialstaatlicher Schutz nur für denjenigen noch, der sich selber zu irgend etwas „ verpflichtet“. Wer dächte da heute nicht an Zwangsarbeit in der Gestalt von 1-Euro-Jobs? Heißt: auch dieser Satz, der Sozialstaatsschutz an Bedingungen knüpft, ist verfassungswidrig! Hilfsbedürftigkeit – gleich welcher Art – setzt unserem Grundgesetz zufolge eben gerade nicht irgendeine Gegenleistung voraus. Auch hier – im CDU-Grundsatzprogramm – schrumpft das Sozialstaatsdenken als Staatspflicht also zusammen zum bloßen Gnadenakt, auch hier schimmert bereits das Bild vom Hilfsbedürftigen als pflichtvergessenen Sozialschmarotzer durch.
Der Germanist Jens Husmann-Driesen, der 2006 an der Uni Duisburg-Essen über die „Ideologiesprache von SPD und CDU“ promovierte, kommentiert in seiner Doktorarbeit diesen Abschnitt aus dem CDU-Grundsatzprogramm folgendermaßen:
„Die so verstandene leistungsorientierte Gerechtigkeit wird zu einer Erfolgsethik, die besagt: Derjenige, der erfolgreich ist, ist gerechterweise erfolgreich. Derjenige, der trotz erbrachter Leistung nicht erfolgreich ist, ist gerechterweise nicht erfolgreich.“
Heißt: auch hier, in diesem scheinbar so staats- und kirchenfromm definierten Begriff der „Chancengerechtigkeit“ im CDU-Grundsatzprogramm verbirgt sich jener Schuldspruch an die Adresse jener, die es nicht geschafft haben, nach oben zu gelangen, oder gar ganz unten gelandet sind: „Recht so, richtig so!“ Und Husmann-Driesen hat völlig zutreffend konstatiert, daß es bei dieser „Gerechtigkeit“ gar nicht mehr um Menschlichkeit geht, sondern nur noch um Erfolg. Diese Auffassung von „Gerechtigkeit“ und „Chancengerechtigkeit“ ist nichts anderes mehr als Selbstrechtfertigungslehre derer da oben und nichts anderes als die moralische Fertigmache all jener, die beim Lebenskampf auf der Strecke geblieben sind.
Oder um es ganz einfach zu sagen: dieses Gerechtigkeitsverständnis ist nichts anderes mehr als Ausdruck schäbigster Niedertracht!
Holdger Platta
Holdger Platta ist Autor und Wissenschaftsjournalist

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Ich finde diesen Artikel gelungen. Allerdings hätte man dieses Unwort “Chancengerechtigkeit” auch anders zer/ bzw. erlegen können.
Aus Wikipedia:
Zwar beinhaltet demnach der Begriff “Gerechtigkeit” u.a. auch die Verteilung der Chancen, aber eben nur als Teilmenge! Die Vertreter der “Chancengerechtigkeit” lassen nun “geschickt” den m.E. wesentlichen Teil der Gerechtigkeit, nämlich den Ausgleich der Interessen sowie im besonderen die Verteilung der Güter bewusst weg. Dies ist unzulässsig weil damit künstlich ein Begriff geschaffen wird, der im besten Fall keinen Sinn ergibt, bzw. so wie ich diese Brüder einschätze, ist es eine gewollte “Diskreditierung” der Begrifflichkeit des wichtigen Wortes “Gerechtigkeit”.
Wenn man weiter drüber nachdenkt, könnte einem so richtig übel werden. :-(
Ich musste nach dem FDP Teil aufhören. So ein schlechter Artikel. Mehr Ausrufungszeichen als die Bildzeitung…das hat wohl seinen Grund. Die Begriffsabgrenzung wirkt wirr und unüberlegt und dieses Schreiben mit Schaum vorm Mund stärkt den gemachten Punkt nicht. Wirkliche Hinweise wie man es besser machen könnte fehlen auch und eine wirkliche Auseinandersetzung mit den von den Jungliberalen gebrachten Argumenten (unabhängig ob man die jetzt gut findet oder nicht) fehlt ebenfalls, da der Autor vor lauter Empörung fast erstickt an seiner eigenen Heiligkeit. Das Wort widerwärtig kam mir hierbei auch in den Sinn, aber nicht in den direkten Zitaten…
Muss es in jeder zweiten Zeile ein Ausrufezeichen und der dem entsprechende O-Ton sein? Teilweise ist der Artikel klar wie im vorletzten Satz, teilweise gehetzt und von seiner Sache blind begeistert wie der letzte Satz.
Eine Mischung aus 20-jähriger Student, der den Sozialismus oder das Veganertum für sich entdeckt hat und der Welt die frohe Botschaft verkünden will, und einer sprachlichen Abrechnung mit politischen Nebelkerzenfloskeln.
Sobald man übrigens auf der einen oder anderen Seite der Grundideologie des “Lebenskampfs” zustimmt, hat man schon fast zwangsläufig jene zum Sieger erklärt, die sich selbst in diesem Kampf als Sieger empfinden und das entsprechende Selbstbewußtsein haben, nicht jene die irgendwo unter ferner liefen firmieren. Nur auf dem Klo sind sich beide Gruppen dann noch gleich, beide gleichsam gefangen in Vorstellungen von Erfolg und Misserfolg. Das ist das makabere an der Chancengleichheit: du hattest alle Chancen und doch keinen Erfolg? Na dann bist du eben ein Versager. So führt der Weg von der Chancengleichheit der 70er schnurstracks zur Chancengerechtigkeit mancher CDUler von heute. Sie alle dienen dem gleichen goldenen Kalb, ganz gleich ob mit egalitärem oder elitärem Grundton. Einen Ausweg daraus gibt es nicht, irgendwo muss der Ehrgeiz ja hin. Im besten Fall kommt dabei am Ende wenigstens eine Karriere mit Sachverstand heraus, gesellschaftlich also eine Meritokratie. Im schlimmsten Fall eine Kleptokratie der guten Verbindungen voller Mittelmaß.
Dass dem Begriff der Gerechtigkeit die richterliche Autorität innewohne, lässt sich nicht unbedingt nachvollziehen, schließlich gibt es einen Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Die Idee des Artikels, zur politischen Neubesetzung von Begriffen, ist eine recht gute, aber die Argumentation scheint mir ein bisschen arg konstruiert. Ich denke es ist möglich, dass man versucht das Wort der Gleichheit aus dem politischen Vokabular zu löschen, vielleicht sogar weil man es selbst einmal negativ besetzt hat. Gerechtigkeit ist aber seit jeher ein ebensolcher Kampfbegriff.
Und ist der von-oben-herab Staat, den Du kritisierst nicht gerade die einzige Instanz, die die „natürliche Ungleichheit“ aus dem CDU Programm verteidigen aber auch zurechtstutzen könnte?
Abschließend noch ein schöner Satz zum Unterschied zwischen Liberal und Konservativ aus dem Global Language Dictionary von der PR-Agentur „The Israel Projekt“ :
World view is especially important to the Left as they see a world where basically all
people are good and with education and communication we can all get along. This is stark
contrast to most conservatives who believe that there are good people (i.e. Israel) and bad people (i.e. Iran) and that good people need to be protected from the bad people.
Süß oder ? Ich jedenfalls rechne mich zur erstere Seite ^^.
Ich hätte ja gar nichts dagegen, dass eine “persönliche Leistung” dieser Jungliberalen “anerkannt” würde, aber nur, wenn sie “gerechterweise” dann eben auch nicht realitätsenthoben und qua Geburt mit güldenem Schnuller im Mund leistungslos auf den Höhen der Gesellschaft wandelten, sondern bspw. ihrer realen Leistung entsprechend bei der Müllabfuhr malochen müssten, was ihrem meritokratischen Ansatz dann doch voll und ganz entsprechen würde. Danach duften tun sie ja schon …
@Holdger Platta
März 2009 „Die Schüler-Union in Nordrhein-Westfalen wollte gegen Gemeinschaftsschulen protestieren und wählte dafür ausgerechnet das Motto “Jedem das Seine” – einst prangte es über dem KZ Buchenwald.
Jetzt machte die CDU eine Notbremsung, die Schüler-Union hat sich entschuldigt.(…) Auch die Landesschülervertretung fand klare Worte: Die Schüler-Union habe “eine sehr deutliche Beziehung” zum Nationalsozialismus hergestellt; “einen solch geschichtsträchtigen Satz bewusst im Bezug auf ein wünschenswertes Schulsystem zu verwenden, zeugt von außerordentlicher Dummheit”.
Die Landes-CDU ließ die Verwendung von “Jedem das Seine” stoppen. “Um jede Form der Missdeutung zu vermeiden, werden wir die Schüler-Union veranlassen, den Text zu ändern”, sagte Hendrik Wüst, Generalsekretär der CDU in Nordrhein-Westfalen. “Die Kampagne ‘Deine Stimme für die Mehrgliedrigkeit’ findet unsere volle Unterstützung. Der Plan der Sozialdemokraten, Haupt-, Realschulen und Gymnasien abzuschaffen, wird von uns entschlossen bekämpft”, so Wüst weiter.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,612757,00.html
In der faschistischen Variante läuft das Prinzip der Chancengleichheit hinaus auf Gleichschaltung von Oben mittels direkter staatlicher Gewalt. Gewisse CDU-Varianten laufen hinaus auf Ungleichschaltung von Oben mittels formaldemokratisch legitimierter staatlicher Gewalt, die tatsächliche Ungleichschaltung absichert.
Das Grundgesetz folgt allerdings dem liberal-demokratischen Verständnis von Chancengerechtigkeit. Der Kern des Grundgesetzes (Art. 1-20) kann durch Abstimmungen gleich welcher Art nicht mehr zerstört werden. Das ist die Konsequenz des historischen Faschismus.
Dem Grundgesetz geht es darum, den Menschen gleiche Chancen zu verschaffen, am (ungleichen) wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und sich selbst zu verwirklichen. Die Gleichverteilung der Zugangsmöglichkeiten zu den notwendigen Grundgütern (u.a. Bildung, soziale Sicherung) ist nach dem Grundgesetz Grundvorausetzung für die individuell zu entscheidende Entfaltung von Lebenschancen in einer ungleichen Gesellschaft.
Also, das Verständnis von Chancengerechtigkeit im Grundgesetz ist gerichtet auf die nachträglich per Umverteilung hergestellte gleiche Verteilung von Zugangschancen. Dieses Verständnis von Chancengerechtigkeit kann aber auch aktive Umverteilungen und Korrekturen einschließen, um Chancengleichheit direkt an der Quelle zu garantieren, und das bedeutet nun mal, den demokratischen Sozialismus zu verwirklichen.
Es scheint ja zum Konzept des Neoliberalismus zu gehören, dass der an sich positiv besetzte Begriff der “Gerechtigkeit” nach und nach in den Köpfen “verdreht” wird. Dass damit dem Wohlfahrtsstaat der Boden unter den Füßen weggezogen wird, zeigt der Text ganz schön.
Was soll man aber auch anderes erwarten, wenn schon von Hayek soziale Gerechtigkeit als “Trojanisches Pferd des Totalitarismus” bezeichnete. Für ihn war doch selbst Chancengleichheit Teufelszeug. Und wenn einen Neoliberalen dann doch mal ein Anfall sozialen Mitgefühls packt, dann hübscht er sich die Tatsache der nicht zu übersehenen sozialen Ungleichheit dadurch auf, dass er sich vormacht, dass das ja die Triebfeder menschlichen Fortschritts sei – so verstehe ich z. B. die Vorstellungen der jungen “Liberalen”
Allerdings muss man da ja heutzutage gar nicht mal mehr auf die “liberalen Truppen” zurückgreifen. Leute wie Steinbrück haben doch schon vor Jahren den Begriff der “Gerechtigkeit” verwurstet, dass sich jeder Neoliberale nur noch die Augen reiben konnte: Für sozial gerecht hielt er Politik, wenn sie für jene (und NUR für jene) gemacht sei, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun. Man könnte das auch gleich so sagen: Der Teufel sollte in Zukunft auch per Gesetz nur noch auf den größten Haufen schei*en.
Zur “Chancengerechtigkeit” wusste Steinbrück dann auch noch was zu sagen: Sie sei das Grundprinzip eines modernen, die Bürger “aktivierenden” und ihre “übertriebene Anspruchshaltung” bekämpfenden Sozialstaats. Der solle nicht jeden einzelnen gegen den Markt schützen, der solle zur Teilnahme und Teilhabe auf den Märkten befähigen. Wie diese “Bildungsinitiative” sich in den letzten Jahren entwickelt hat, wissen wir ja. Mit anderen Worten: “Du musst lernen, ein Ar***loch zu sein auf dieser Welt – dafür kannst du bei uns übrigens einen Kurs besuchen … ach, du hast kein Geld dafür … ja, ne … aber du hast die gerechte Chance gehabt. Aber du hast ja immer noch die Freiheit, dir auszusuchen, unter welcher Brücke du schlafen möchtest. Da kannst du dann Privatinitiative und Eigenverantwortung beweisen.”
Der Rückgriff auf FDP oder CDU ist also gar nicht unbedingt notwendig. An der Erosion des Begriffs der “Gerechtigkeit” arbeitet unsere “soziale” Partei Hand in Hand mit den anderen Teufeln, was die Lage allerdings noch hoffnungsloser erscheinen lässt.
Chancengerechtigkeit bedeutet, daß die Ungleichheit von Chancen gerecht sein kann.
Genau genommen geht es nur darum, jede Veränderung unserer derzeitigen Gesellschaft zu unterbinden, den aktuellen Zustand festzuschreiben. Das ist das gleiche Bild, welches der Volksentscheid in Hamburg bot, festhalten am aktuellen Zustand um jeden Preis. Oder anders ausgedrückt, die Profiteure des aktuellen Systems wollen auch weiter profitieren. Die Verlierer sollen auch weiter die Verlierer sein, ohne jede Chance auf das Erreichen der Gleichheit, weil eben diese Chancenlosigkeit gerecht ist. Anders ausgedrückt, wer in der Gosse liegt, der soll gefälligst dort bleiben!
Wir sehen doch schon jetzt, daß gerade die aktellen Sozial-Gesetzgebungen alles tun, damit die Betroffenen nicht aus ihrer Situation herauskommen. Warum sind die Hartz IV-Bezüge so extrem niedrig? Warum werden gerade die Kinder von sozial schwachen Familien vernachlässigt? Warum werden Schulen geschaffen, die den Vorsprung der Bessergestellten zementieren? Warum werden “Eliten” einseitig gefördert? etc. etc.
Im Grunde sind wir eine alternde Gesellschaft mit Angst, ja Panik vor Veränderungen. Alles soll bleiben wie es ist, die Welt ist so wie sie ist, gerecht! Und weil sie gerecht ist, haben wir Chancengerichtigkeit. Die Sieger bestimmen die Regeln!
Spiegelfechter möchte etwas Gutes, mein Lob einmal dafür. Die Methode bzw. Begründung überzeugt mich leider nicht ganz. Auf einem falschen Weg kann man auch zu einem falschen Ziel gelangen, deshalb lohnt es sich darüber zu reden.
Ein wichtiger Punkt ist mit diesem Zitat angesprochen: “”„Gleichheit“, das läßt sich objektiv messen, „Gerechtigkeit“ nicht!”"
Ich schlage vor, Gerechtigkeit als höchsten Wert zu akzeptieren. Gleichheit ist eine Unterkategorie, oftmals gerecht. Ungerecht ist Diskriminierung, also Gleiches OHNE sachlichen Grund ungleich zu behandeln oder Ungleiches OHNE sachlichen Grund gleich zu behandeln.
Deutlich ist also: OHNE Wertung geht es nicht, mann kann mit Tatsachen (z. B. auch iR einer Wissenschaft, Rechtswissenschaft, Naturwissenschaft …) niemals ohne Wertungen umgehen. Auf welche Tatsachen beruft man sich, welche sucht man sich aus? Warum nicht das Wirtschaftswachstum als alleinigen Handlungsmaßstab nehmen, lässt sich noch besser messen? Das wäre natürlich Unsinn. Recht lässt sich nie empirisch messen, die Fakten in der Welt um uns herum können nie der einzige Maßstab sein. Gerechtigkeit gibt es also nicht mit einer materialistischen Denkmethode.
Muss man deshalb in Subjektivität, Relativität gefangen sein? Nein, der Bezugspunkt Mensch mit seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen ist selber eine Wirklichkeit, wenn sein Potential auch nicht messbar ist. Handlungsmaßstab sind insoweit intersubjektive Präferenzen und der Konsens in der Gesellschaft, der es den Menschen erst möglich macht, selbstbestimmt an der Demokratie teilzunehmen.
Mein Tipp: Wende dich mehr der Gerechtigkeit zu, die als erstes einen Blick in uns erforderlich macht. Gerechtigkeit ist ein schöner Begriff, für den wir uns nicht zu schämen brauchen.
P. S. : Nur wird der Begriff meist nicht so definiert, wie ich vorschlage, sondern eben nach den “Anforderungen der Zeit” i.S. der “Sachzwänge” i.S. der Wünsche der Mächtigen;) Insofern hat Spiegelfechter doch Recht: mit einem so verstandenen Begriff lässt sich alles anstellen, auch Ungerechtigkeit (mit dem Wertungsbegriff “Gleichheit” aber auch, s.o.). Deshalb: Auf den Weg kommt es an, ich schlage den Weg der Menschlichkeit vor (Realismus). Das sind Werte, die allem vorausliegen und alles zusammenhalten (auch die Gesellschaft und Demokratie).
großartiger Artikel, bitte mehr davon, und nicht vom emöpren Comment-Echo der Nerdosphäre beirren lassen.
Ich denke der Artikel ist schon zienlich gut.
Ich war zuerst auch ein wenig abgeschreckt von der recht emotionalen Schreibweise, aber es als “mit Schaum vorm Mund” zu beschreiben find ich ähnlich emotional.
Ob es nun Empörung oder Zustimmung ist, nach dem “sacken lassen” des Artikels ist auch diese Emotionalität nichts Negatives – Es geht hier auch um den menschlichen Betrachtungswinkel der Thematik – Das passiert tatsächlich alles, es geht um reale Menschen , nicht nur um den “Modellbaukasten Sozialpolitik”.
Das bitte nicht vergessen.
Und ich finde da darf auch mal als stilistisches Mittel eine Übertreibung durch übermäßigen Gebrauch Ausrufungszeichen gewählt werden.
Insgesamt find ich den Stil recht polarisierend (erfolgreich wenn man die Comments liest ;)), aber gut! Inhaltlich auch eine sehr schöne Herleitung der Begrifflichkeit.
Weiter so!
Da kann man nur sprachlos daneben stehen: Einsame Klasse! “Lob, Lob, Lob!”
Die Stelle, an der ich allerdings Kopfschmerzen kriege: Wenn, erwiesenermaßen, das Elitariat bei relativer Freiheit (gleich Abwesenheit von Regeln und Vorschriften, von Hilfen und Geleit, kurz: Steuerung) mit ermüdender Kosequenz in die falsche Richtung rennt, wie isses dann beim Prekariat? Machen die’s besser, wenn sie mehr Chancen, bessere Chancen, mehr Möglichkeiten, bessere Möglichkeiten geboten kriegen? Du hast es ja tlw. angedeutet, dass da ‘was “im Argen liegt” (*huh*, wusste garnich, dass ich so harmlos sein kann ;-)) … aber, anders gefragt: Wie könnte denn eine optimale gleichermaßen von Regeln und Vorschriften befreite jedoch bessere Steuerung zum aussehen? So ‘ne Art “unsichtbare Hand”? ;-)
Dass die Menschen einfach so
allesvieles gut und richtig machen wird ja jeden Tag widerlegt. Wie also könnte der alternative Weginszu mehr Licht gehen?@Jens
Wo kriegst Du nur so gute Leute her (Mehrzahl)? Gleich und gleich gesellt sich gern? Oder wie? Weiter so!
@Meerbuscher
Duisburg (Landtagswahl 2010) ist ein Beispiel, wie die sog. Großen Volksparteien (SPD, CDU) Extremismus und Radikalismus produzieren, indem fette Beamtenmischpoken ihr Unwesen treiben . Die SPD in Duisburg ist immer noch die bräsige Monopolpartei, in deren Bauch die Eiterbeule einer langjährig verbunkerten CDU ausbricht. OB Adolf S. ist nur eine CDU-Eiterbeule im SPD-Bauch des einschlägigen Reviergeistes, Eiter vom Eiter. Duisburg wird Braunau.
Studien belegen, dass „das Gefühl politischer Einflusslosigkeit rechtsextreme Einstellungen stärker als das Gefühl wirtschaftlicher Benachteiligung“aufkochen.
http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Jeder-Vierte-ist-auslaenderfeindlich_aid_373928.html
@ThorDok
ThorDok, kriechende fette Maden wie OB Adolf Sauerland sind die idealen Treibmittel, um braune Eiterbeulen in Duisburg und anderswo in Serie offen ausbrechen zu lassen. Braune Eiterbeulen brauchen nur ein Ferment zum Aufplatzen und in dieser fetten Qualle OB Adolf S. hat es sich erstmal materialisiert. Entleert sich eine reife Eiterbeule von selbst, muss beachtet werden, dass der Eiter infektiös ist. Die CDU sollte es also garnicht so weit kommenlassen und die gelbe Eiterbeule ausdrücken, sobald Brüderle reif ist.
Das eigentlich Perverse an dieser Debatte um Gleichheit ist die resultierende Verdrehung aller Folgebegriffe. Dass die ‘Gleichheit’ in Hinsicht auf die Startchancen konstitutiv für die erfolgreiche Entwicklung kapitalistisch-demokratischer Gesellschaften ist, hat am schlagendsten noch Alexis de Tocqueville nachgewiesen (‘Über die Demokratie in Amerika’), seither wurde dieser Befund immer nur erneut bestätigt. Ohne vorherige (Chancen-)Gleichheit gibt es auch keinen Wettbewerb, keinen freien Markt, keinen nennenswerten technischen Fortschritt usw. Gerade diese Gleichheit hat also keine ‘sozialistischen’ Wurzeln – eher im Gegenteil: In sozialistischen Staaten wurde die Gleichheit noch nie verwirklicht, das sind alles hochhierarchische Systeme mit strengen selbstergänzenden Auswahlverfahren, die im Darwin’schen Sinne nur dem (Zu-Uns-)Passendstem offenstanden.
Wenn jetzt die hirnbefreiten Gelfrisuren von den Jungen Liberalen gerade diesen Zentralbegriff ihrer gesellschaftlichen Utopie des Liberalismus in die Tonne treten, zeigt sich, dass sie es auch mit dem Wettbewerb und dem Markt so ernst gar nicht mehr meinen – das sind nur traditionale Worthülsen, Verbal-Klingeling und Hokuspokus-Fetische, die mit der angeblich erwünschten künftigen Realität wenig bis nichts zu tun haben. Sie tragen also ihren Namen zu Unrecht. Sie wünschen sich gewissermaßen einen Sozialismus auf höchstem gesellschaftlichen Niveau – anders ausgedrückt: Cliquen-Wirtschaft.
Im Kern geht es ihnen um einen neuen Elitarismus, der den Pöbel von den Fleischtöpfen dieser wohlgeborenen Sohnemännchen gefälligst ausschließen soll. Wettbewerb und freier Markt kommen für solche Jungschnösel nicht in Frage, schon gar nicht auf den Karriereleitern …
Die Doktorarbeit von Jens Husmann-Driessen ist als Online-Publikation (pdf-Datei, 3MB) auf einer Webseite der Deutschen Nationalbibliothek vorhanden. Der Titel der Arbeit ist: «Die Ideologiesprache der beiden Volksparteien SPD und CDU in ihrer Grundsatzprogrammatik seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland». Und hier der Link zum Datensatz im Katalog.
@Jan Hanfeld, kaum zu fassen, dass die Partei eines Clement oder Steinbrück mal derart zukunftsträchtige Einsichten hatte:
Welch ein pseudoaufklärerisches Wirrwarr! Viel geschrieben, wenig gesagt. Vor allem die vielen Zitate deuten darauf hin, dass der Autor zwar eine Meinung hat, sie aber nicht die eigene ist.
Sprach der, der gleich mal mit einem Zitat zur Tür hereingestolpert kommt …
;-)
Das ist kein Zitat, sondern mein Name (sollte Dir das nicht aufgefallen sein). Im Übrigen heiße ich Hase.
Jaja, diese verantwortungslosen Eltern – schlimm ist das: Ich kannte mal einen, der seine Tochter Winnetou getauft hat … dabei hatte sie gar keine Silberbüchse.
@Vogel #12
Es geht doch darum eine Gesellschaftsform zu finden, die den Menschen, auch die die in der Minderheit oder sonstwie benachteiligt sind, *Chancen* für ein gutes und *gerechtes* Leben zu bieten. Das meine ich nicht nur materiel, sondern auch in geistiger, sozialer und vieleicht sogar intellektueller Hinsicht. Das Ganze sollte ein andauernder Prozess der Weiterentwicklung zum “Guten” hin sein.
Ich kann mir dazu keine bessere Form als die Demokratie vorstellen, zumindest in unserem Kulturkreis nicht. Die mutmaßlich beste Gesellschaftsform haben wir, die Verfassung (GG) dürfte weltweit wohl auch unter den den Besten rangieren, nur mit der Weiterentwicklung ist es wohl so wie mit dem “negativen Wachstum”, d.h. in meinen Augen haben wir uns in den letzten 40 Jahren in demokratischer Hinsicht nicht weiterentwickelt. Warum das so gelaufen ist vermag ich nicht zu beantworten, evtl. hat es was mit der Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche zu tun, bzw. dem Versagen auch der (auch interlektuellen) Eliten?
Martin Sheen(???)
Wenn ich so Deine Gedanken – wie ich sie verstehe – so vor mich hin und weiter spinne: D’accord! Und wie heißt es im richtigen Leben: Ja … aber:
Das *gerecht* hat Holdger Platta ja nu ausreichend zerlegt, oder? Und: Da wird schon seit ca. hunderttausend Jahren nach “schöner, besser, weiter, bunter für alle” gestrebt – der Eine sagt’s mit leiser Stimme, der Andere brüllt’s mit dröhnendem Geräusch – und dem rennen die meisten nach -, und das, was wir haben kommt dabei raus …
Zu Deinem Demokratiezitat – ein Zweifel steckt da imho zu recht drin. Man muss fragen: Iss Demokratie wirklich die beste Herrschafts-/Regierungsform die man sich vorstellen/wünschen kann? Es geht ja auch so: “Ich bin für die Monarchie! Warum? In der Monarchie ist es möglich, dass ein schwachsinniger auf den Thron kommt. In der Demokratie ist es jedoch wahrscheinlich!” Beweise …?
IMO nein, zerlegt wird die “Chancengerechtigkeit”, also eine rein partielle Betrachtung. Auch in #1 hat meiner einer versucht diesen Unsinn zu widerlegen. Weiter empfinde ich es als sehr wichtig, an dem (nicht zu 100% erreichbaren) Ideal der Gerechtikeit festzuhalten. Dieser (Grund)Wert sollte in einer vernünftigen Gesselschaft quasi sozusagen als Extrakt und im allgemeinen Konsens über alle Schichten herauskommen.
Obwohl womöglich die Antwort das Thema etwas verfehlt, interessiert wäre ich schon an Deinen “Beweisen” warum es ihn einer nicht konstituellen Monarchie gründsätzlich gerechter zugeht als in einer Demokratie. (Was ich z.Z. sehr stark bezweifle)
Man kann zum Thema *gerecht* lange diskutieren, was hier ja auch stattfindet, und am Ende kommt jeder zu seiner Meinung.
Sry, was den letzten Teil meiner Antwort anlangte, hab’ ich natürlich ;-) vergessen. So wie Dein Demokratiezitat einen Zweifel in sich trägt, trägt mein Zitat (K. Kraus, M. Weber? ich weiß es nicht) vielleicht ein Körnchen Wahrheit in sich.
Beweise … da sind natürlich unsere Politiks und Eliten gemeint, eben ;-)
Frieden? Frieden! :-)
Nicht vergessen: Es war die SPD, die Partei der sozialen Gerechtigkeit, die Hartz IV erfand.
Je wärmer die Worte, umso kälter das Klima.
“Faschistoides Denken”, “menschenverachtende Abkehr”, … mir gefallen diese Schaum-vorm-Mund, “Ich reg mich aber auf!”Artikel so gar nicht.
Schon der “Das Dritte Reich läßt grüßen” Artikel hat gezeigt, dass dies der inhaltlichen Auseinandersetzung, die beim Spiegelfechter ja gewöhnlich im Mittelpunkt steht nicht gut tut.
Der Unterschied zwischen Chancengleichheit und -gerechtigkeit ist ein grosser, aber zur Erklärung ist es nicht nötig ausführlich verbal um sich zu treten; der Unterschied liegt ganz unspektakulär darin, dass Gleichheit etwas anderes bedeutet als Gerechtigkeit (das steht natürlich auch im Artikel – Holger Platter hätte es schlicht dabei belassen sollen).
Andererseits überkommt mich so langsam eine Art verbal-bräunliche Erwartungshaltung: Welcher Misstand wird wohl nächste Woche Nazi sein?
Was für ein eifernder Murks. Ich hoffe, Jens hat dafür nichts bezahlt :)
Der Artikel ist zwar etwas kompliziert und wiederholend geschrieben, aber 1. ist die Wiederholung die Mutter der Weisheit und 2. ist das Herausarbeiten des Unterschiedes und die Wertigkeit der Gerechtigkeit je nach Gesellschaftsschicht nicht ganz einfach. Ich jedenfalls finde das Thema und dessen Herausarbeitung wichtig und wertvoll. Es sind Auswüchse der Demokratie.
FULL ACK @ Holdger Platta!
Könnte von mir sein – meine Rede quasi ;)
Viele Kommentatoren wollen nicht den Inhalt, sondern die Form bewerten – warum auch nicht? Trotzdem: Der Artikel ist gut und trifft neoliberale Aussagen der CDU, FDP und deren menschenverachtenden Wortwahl. Ich kann verstehen, daß Kommentatoren “Schaum vor dem Mund haben” und einige Lehrer sich betroffen fühlen.
Der Satz
sollte für einige Kommentaren noch ergänzt werden:
Sie verwechseln Wissen mit Können.
Übrigens ist das Bild mit den Treppen von M.C. Escher treffend. Er hat bewußt diese Lithographie “Relativität” genannt.
Der Beitrag von Holdger Platta ist mE schon in Ordnung.
Wie politische Meme zu politischen Waffen geschmiedet werden, ist eine wichtige Sache.
Momentan fällt mir nur Albrecht Müller (Meinungsmache) in D. ein, der das Problem regelmässig angeht, aber mE nicht sehr tiefschürfend (sorry to say), dafür aber sehr praxisbezogen.
Ein paar lockere Gedanken zum Thema:
—
Die ursprüngliche Triade ‘Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit’ wurde ja irgendwann in ‘Freiheit-Gleichheit-Solidarität’ umgebogen.
Wieso, ist mir unklar. Ich finde die ursprüngliche Triade menschlicher.
—
die Amis sind uns da wieder mal ein paar Schritte (Richtung Abgrund) voraus.
Wer ihn nicht kennt: George Lakoff.
Lakoff predigt ja seit Jahrzehnten, dass es im politischen ‘Diskurs’ wesentlich um die Deutungshoheit über Zentral-Begriffe geht.
Auszug:
und
Lesenswert als Ganzes:
http://www.alternet.org/module/printversion/147473
—
Interessant fand ich den Versuch Seehofers vor ca 6 Monaten , ‘Leistungsträger’ durch ‘Lastenträger’ zu ersetzen.
Das war sicher in irgendwelchen CSU-Strategiekommissionen abgesprochen, war aber ein Schlag ins Wasser.
—
ebenfalls interessant ist das:
Für die freie und faire Gesellschaft
Positionsschrift
von Dr. Guido Westerwelle, MdB Bundesvorsitzender der FDP
Berlin, 3. November 2003
Westerwelle mühte sich damals u.a. ab, die Begriffe Gleichheit/Gerechtigkeit abzubiegen in den der ‘Fairness’.
aus dem Inhaltsverzeichnis:
Wer sich das antun möchte:
42 Seiten Westerwelle:
http://www.fdp-bundespartei.de/files/363/fuerdiefreieundfairegesellschaft.pdf
Ich habe mir damals angetan, das Wort für Wort zu lesen und sogar noch absatzweise (für mich) zu kommentieren.
Man gönnt sich ja sonst nichts.
WW war sicher begeistert von seiner juristisch geschulten Formulierungskraft.
Mir war eher zum Kotzen.
Platta’s Artikel iss sicher besser als “nur” mE schon in Ordnung. Ansonsten hast Du noch ‘n paar schöne Treffer gelandet – und: Danke für die Links!
Das ist tatsächlich das Thema:
die Bekämpfung der Umdeutung von Sprache, die “neokons’sche Verballhornung”!
Danke für den Artikel. Ich habe gerade nach der Doktorarbeit über Parteiensprache gesucht. Bei dem Namen fehlt nen “s” Jens Husmann-Driessen :)
Doktorarbeit Die Ideologiesprache der beiden Volksparteien SPD und CDU in ihrer Grundsatzprogrammatik seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland
Aktuelles Beispiel:
Soeben in Plusminus (22:00):
China blockiert den Export seltener Erden.
Statement seitens der deutschen Industrie:
“Eines sollte klar sein:
Aha!
Da holt man die alten Thesen aus der Mottenkiste, wenn einem die eigenen nicht mehr in den den Kram passen!
Also nichts von ‘Chancengerechtigkeit’, was die Chinesen schlicht so interpretieren, dass sie aufholen wollen.
So klein ist die ‘Begriffs’-Welt!
Das nennt man ‘fragmented mind’. (vgl Bob Altemeyer)
Vielen Dank für diesen sehr guten Gastbeitrag von Holdger Platta.
Als Ergänzung dazu ein kleiner Hinweis auf das
Neoliberale ABC auf nachdenkseiten.de. Einige Einträge dort könnten evtl. als Grundlage für weiterere Beiträge dienen…
…wie wäre es?!?
Banana Joe
P.S. Die Reaktionen mancher -die offenbar selbst “Schaum vor dem Mund” haben- zeigen, dass dieser Beitrag ins Gelb-Schwarze getroffen hat. ;-)
@Banana Joe
schöner Link auf Lieb/nds.
Aber bitte sei Dir bewusst, dass Müller/Lieb hartgesottene Keynesianer sind, und zB ein Eintrag zu ‘Zins’ fehlt, was symptomatisch ist.
Eine -ähem- globale Perspektive haben sie nicht!
So sehr sie über dem gängigen Dummfug stehen, gibt es da einige sehr schmerzliche Lücken.
Schau zB da:
THE ULTIMATE COMMENCEMENT ADDRESS
http://allenlrolandsweblog.blogspot.com/2010/08/ultimate-commencement-address.html
DAS ist (mE) der Stand der Erkenntnis.
Sorry. Wir sollten uns nicht streiten.
Grüsse
Ohne Zweifel wortgewandt dieser Holdger Platta. Leider verlieren wortgewandte Leute, weil es ihnen so leicht fällt, oft mehr Worte als nötig.
Ich habe mal nach dem Begriff “Chancengerechtigkeit” gegoogelt, da ich ihn noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Erster Trost schon bei der Eingabe des Begriffs in das Suchfeld: beim c angekommen schlägt die Googlesuche bald Chancengleichheit vor, die Chancengerechtigkeit hat sich also (im Web) noch nicht durchgesetzt.
Googelt man dann nach “Chancengerechtigkeit” so stößt man alsbald auf eben den hier abgedruckten Artikel von Holdger Platta, Erstelldatum 23.08.2008: http://www.flegel-g.de/Fremdbeitraege/chancengerechtigkeit.html. Hätte man vielleicht erwähnen können, dass der Artikel schon etwas älter ist. Aber egal, eine Revolution wird er auch 2010 nicht auslösen.
Zu viele Buchstaben. Lohnt sich nicht für so ein Thema.
Sollte man – anstatt sich darüber zu ereifern – nicht viel mehr froh darüber sein, wenn CDU und FDP, anstatt von “Chancengleichheit” zu sprechen, die sie in Wirklichkeit ja doch nicht anstreben, vermehrt zu der Vokabel “Chancengerechtigkeit” greifen, die sich wesentlich leichter als zynische Kampfvokabel des Neoliberalismus enttarnen lässt?
Ein trojanisches Pferd. Der Autor beschreibt zunächst richtig, dass “Gleichheit” ursprünglich nichts anderes als Gleichheit vor dem Gesetz (bzw. Gott) meinte. Die Bedeutung hat sich verändert, der Inhalt wurde ausgeweitet – und er bringt den berechtigten Einwand gegen diese Deutungsausweitung. Gleichheit heißt eben nicht “Egalisiererei”. Aber was macht er dann? Er diskreditiert den Begriff der ‘bloßen’ Chancengerechtigkeit und beschreibt leidenschaftlich und vollmundig in mehreren Wiederholungen in aller Deutlichkeit wie verwerflich es ist, dass das Leben ungleiche Ergebnisse liefert. Was er will, spricht er nicht ausdrücklich aus (oder vermutlich sogar doch) – es lässt sich aber nicht bestreiten: er will Ergebnisgleichheit, Egalisiererei. Ein ungleiches Ergebnis kann nicht gut sein. Gerecht ist nur das gleiche Ergebnis. Alles andere ist des Teufels. Alles andere ist eine Klassengesellschaft mit Gewinnern und Verlieren, die aus dem “sozialen Kampf aller gegen alle” folgt. Der böse heimtückische neoliberale Begriff der Chancengerechtigkeit will diese ungleiche Gesellschaft nur legitimieren. Was heimtückisch, und für mich menschenverachtend ist, ist dieser Artikel und die dahintersteckende Denke. Er manipuliert den Leser und pervertiert die Begriffe bis seine Wertungen mit den Inhalten übereinstimmen. Mit derselben Beliebigkeit hat der Autor kein Problem etwa an anderer Stelle in seiner Roman-Herzog-Glosse ohne weiteres festzulegen, dass sich die Festschreibung von Mindestlöhnen schon aus dem Menschenwürdesatz ergeben würden. Das ist Moralaposteltum und weiterer Tiefpunkt dieses Blogs.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Zeichnung des Karrikaturisten Hans Traxler. Ein langer Link, aber es lohnt sich.
http://www.google.de/imgres?imgurl=http://www.lrs-neuss.de/images/ueber_uns/Traxler_gerechte%2520Auslese_300.jpg&imgrefurl=http://www.lrs-neuss.de/ueberuns/ueberuns_einrichtung.shtml&h=195&w=300&sz=16&tbnid=o4Wi4bmpj4I2TM:&tbnh=75&tbnw=116&prev=/images%3Fq%3Dhans%2Btraxler&usg=__vGNqbWInxiIcOcQHWLvEpbOWVpM=&sa=X&ei=4wlZTP7gG6iHOLyl8aEJ&ved=0CCIQ9QEwAg
Ähhmmm “guter Artikel”?? Jo – Marke “Geifernder Hobby-Psychoanalytiker, der an Elend sowie neoliberaler Gemeinheit der Welt verzweifelt ist und versucht diese durch Quantität der Wörter zu erschlagen.” Trotzdem nicht alles falsch was er schreibt, aber schwer zu finden und zu ertragen im dem Wust. Ich leide mit, an der Neoliberalen Welt und am Artikel und rege an, trotzdem die ungleichen Ergebnisse des Lebens zu geniessen. Aus den ungleichen Ergebnissen resultiert manche kurzweilige Spannung im Leben.
@ Spiegelfechter & Autor:
Danke. Ebendiese Auseinandersetzung um Begriffe findet heute, wohl bewußt, leider viel zu selten statt.
Dabei beruht der “manufactured consent” (N. Chomsky) der imperialistischen Medien im wesentlichen auf der Deutungshoheit:
Sei es, daß SPD und Grüne als “Links”, die Union als “sozialdemokratisiert” bezeichnet werden (was nur Kabarettisten erlaubt sein sollte).
Seien es “soziale Hängematten”, “Islamofaschismus”, “Schurkenstaaten”, “Terroristen”, “Präzisionsschläge”, “Sozialschmarotzer”.
Sei es daß unsägliche “TINA” (“There is no alternative”) – in praktisch jeglichem Kontext – im Kanzlerumfeld.
Auch sehr auffällig: FDP und Linke reden beide, mit oft ähnlichen Worten, von Steuer- und Abgabengerechtigkeit. Sie meinen dabei aber völlig verschiedene Dinge.
Das ist eben die Crux mit dem “gerecht” sein. Wir koennen wohl unterstellen, dass keiner meint “dem Recht entsprechend”, das waere ja doch etwas trivial; also ist das gerecht eher ein “einem Massstab gerecht sein”, “Anforderungen gerecht werden” – naja, und wenn jeder seinen eigenen Zollstock dabei hat, ist es zwar immer irgendwie “gerecht”, aber es kommt doch etwas Unterschiedliches heraus.
Ob der Artikel gut oder schlecht ist, kann nicht 100%ig beurteilen. Ich habe ihn nämlich nicht zuende gelesen. Der erste Part war zumind. anstrengend genug, um mich gelangweilt abzuwenden. Was nützt der inhaltlich tollste Artikel, wenn man nicht auf den Punkt kommt.
Sehr schön, dabei ist alles doch so einfach: Gleichheit ist der Zustand, vor dem sich all jene fürchten, die ihre Privilegien aus seiner Abwesenheit ziehen, wie zB in der Sklavenhaltung. Um diesen Zustand der Abwesenheit von Gleichheit ideologisch zu legitimieren, wird das kollektive Bewußtsein mit Mythen erfüllt, welche die moralische Notwendigkeit solcher Abwesenheit begründen. So funktionieren nun mal Herrschaftsideologien.
btw
amüsant, welche Kopfschmerzen eine solche doch eher leichte Reflexion einigen Leuten bereitet :-)
Schoener Artikel!
Dieses “gerecht” aus dem Munde der FDP hat mich schon im Zusammenhang mit dem Steuersystem ganz fuchsig gemacht. Wenn man nun diese Zitat-Perlen auf den Bereich Steuern umformt, dann erkennt man doch eine gewisse Konsistenz in der Verwendung des Begriffes “gerecht”!
„Wenn der Staat versucht Chancengerechtigkeit herzustellen dann untergräbt er damit die entscheidende Motivation für sozialen Aufstieg, indem er den Eltern die Verantwortung für die Zukunft ihrer Kinder nimmt.“
“Gerechtigkeit verlangt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln.“
Danke Holdger Platter.
Leider nur bemängelt er das Fehlen christlicher Werte im Begriff “Chancengrechtigkeit”. Aber nicht doch, lieber Holdger. Spätestens seit Calvins Prädestinationslehre ist doch wohl jedem zumindest etwas protestantisch angehauchten Christen klar: Gottes Gerechtigkeit ist im Himmel bereits dem Menschen spätestens seit Geburt vorherbestimmt. Halleluja und Amen!
Schön in diesem Zusammenhang, dass sich die Katholen und andere sich auf Jesus berufende Sekten dierer Richtung – wohl dank der Ökonomie (pardon: Ökumene – dem zunehmend offensichtlich anschließen.
Eben “Jedem das Seine” (suum cuique). Was zwar von den Nazis missbraucht wurde, aber immerhin auf Plato zurückgeht, von Cato d.Ä. zitiert wurde, Preußens Schwarzen Adlerorden zierte. Also: Jedem das Seine, natürlich unserer Elite und den Neoliberalen.
@Holdger Platta
Es war interessant, diesen Artikel zu lesen, da er nicht nur in Bezug auf die beiden erwähnten Begriffe dazu animierte, die implizite Bedeutung von Wörtern aus dem medialen Alltag zu hinterfragen. Vielen Dank für die Mühe – ich finde, es hat sich gelohnt :-).
Spitzen Artikel. Ausrufezeichen :}
Und lieber zehn mal mit Leidenschaft und Wut, nein Zorn http://www.youtube.com/watch?v=6DeCeV_DyZs&feature=digest/, als mit akribischer und psychologisch hintergründiger Wortwahl, wie bei der Begriffsfindung im Neufeudalismus.
Bitte das Gleiche nochmal für den Begriff der Freiheit. Ausrufezeichen
Kein anderer Gedanke wurde und wird von der Herrschaftsklasse so pervertiert wie dieser.
Wenn ich diese Leute schon das F-Wort in den Mund nehmen sehe – der Ton muss nichtmal gegeben sein – um wieder irgendwelche Deregulierungen auf der einen und Einschnitte auf der anderen Seite zu rechtfertigen, kommt mir die Galle zu den Ohren raus!
Schade irgendwie, dass es nur noch um Chancen geht.
Soziale Gerechtigkeit als Ziel von Chancengleichheit das wäre doch die Forderung.
Ich meine eine Verteilungsgerechtigkeit die auf Solidarität gestützt ist. Nicht das es hier ein Durcheinander mit dem Gerechtigkeitsbegriff gibt :-)