Ping-Pong Diplomatie
04. August 2008 von Spiegelfechter - Drucken
Kleine Ursachen können eine große Wirkung haben. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Orkan auslösen und das zufällige Aufeinandertreffen zweier unkonventioneller Sportler kann Weltgeschichte schreiben. Wäre der amerikanische Tischtennisspieler Glenn Cowan an einem Apriltag des Jahres 1971 im japanischen Nagoya nicht in den falschen Mannschaftsbus gestiegen, sähe die Welt heute anders aus und die Olympischen Spiele 2008 würden wahrscheinlich nicht in Peking ausgetragen werden. Die sogenannte „Ping-Pong Diplomatie“ zwischen der USA und China brach die Isolation des asiatischen Riesenreiches auf und ebnete neue Wege.
Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges 1949 übten die Kommunisten unter Mao Zedong im gesamten Festlandschina die Macht aus. Das von ihnen ausgerufene Staatsgebilde nannten sie “Volksrepublik China”. Die Bürgerkriegsgegner der Kuomintang beherrschten nur noch die Insel Taiwan und führten von dort die “alte” Republik China fort. Die kommunistische Volksrepublik China war im Jahre 1971 diplomatisch und wirtschaftlich komplett isoliert. Seit dem Ende des Bürgerkriegs ging die außenpolitische Alleinvertretung für das gesamte chinesische Festland an die Republik China über, die nur aber nur auf der Insel Taiwan faktisch Macht ausübte. Die Republik China hatte einen Platz in der UNO und übte das Vetorecht Chinas im UN-Sicherheitsrat aus. Wiederholte Initiativen von „Rotchinas“ einzigem Verbündeten, dem maoistischen Albanien, der VR China die Vertretungsansprüche in der UN zu übertragen, wurden vor allem durch die USA und ihre Verbündeten immer wieder vereitelt.
Die VR China war damals das, was man heute als „Schurkenstaat“ bezeichnen würde. Eine katastrophale Struktur- und Industriepolitik, euphemistisch „Großer Sprung nach vorn“ genannt, zeichnete für rund 30 Millionen Todesopfer verantwortlich, die meisten starben bei Hungersnöten. In dem zerrütteten Land wurde 1966 von Mao Zedong die „Kulturrevolution“ ausgerufen, eine innen- und strukturpolitische Kampagne, die den Staat komplett nach den Vorstellungen Maos formen und politische und intellektuelle Kritiker beseitigen sollte. Die Menschen- und Bürgerrechtssituation in der VR China war im Jahre 1971 auf einem Nullpunkt angelangt. Außenpolitisch sah es für die VR China kaum besser aus. Das militärische Engagement an der Seite der Nordkoreaner im Koreakrieg galt als offener Bruch mit den Vereinten Nationen. Im Vietnamkrieg unterstützten die Chinesen die kommunistischen Verbündeten aus Nordvietnam, mit dem die USA damals Krieg führten.
Zwei Jahre zuvor hatte die chinesisch-sowjetische Krise einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Grenzfluss Ussuri kam es im Frühjahr zu offenen Gefechten, die Sowjets hatten mittlerweile 25 Divisionen an die chinesisch-sowjetische Grenze verlegt und drohten offen mit einem Einsatz von Nuklearwaffen gegen die chinesischen Atomforschungsanlagen. Mao erkannte 1971, dass er sich nicht gleichzeitig gegen die Sowjetunion und die USA stellen konnte. Eine Öffnung zu einer Seite war nötig und Mao sah in den USA – trotz des radikalen Antiamerikanismus und Antikapitalismus während der Kulturrevolution – das kleinere Übel. Die USA wiederum erkannten, dass es für ihre politischen Ziele in Asien von Vorteil sein könnte, wenn sie mit der VR China zusammenarbeiteten und auch die USA sahen in der Sowjetunion die größte Bedrohung. Vor allem der 1969 gewählte Präsident Nixon galt damals als Befürworter einer Annährungspolitik. Die Rahmenbedingungen für einen diplomatischen Durchbruch waren also vorhanden, dass es ausgerechnet „Ping-Pong“ sein sollte, was diesen Durchbruch ermöglichte, ist dennoch eine amüsante Fußnote der Weltgeschichte.
In den frühen 1960er Jahren war die VR China die Weltmacht des Tischtennis. Der dreimalige Weltmeister Zhuang Zedong war einer der wenigen Helden im kollektivistischen China. Während der Kulturrevolution war jedoch neben der Kultur auch der Sport verpönt und Zhuang durfte von 1966 bis 1969 nicht einmal trainieren. Die Tischtennisweltmeisterschaft im japanischen Nagoya im Jahre 1971 war das erste internationale Turnier, an dem die chinesischen Sportler wieder teilnehmen durften. Ein weiterer Teilnehmer dieser Weltmeisterschaften war der 19jährige Amerikaner Glenn Cowan – ein langhaariger Hippie, dessen Interessen neben dem Tischtennis Drogen und Frauen waren. Nach einer Trainingseinheit stieg Cowan versehentlich in den falschen Mannschaftsbus und war plötzlich von der chinesischen Mannschaft und deren Delegation umgeben, die ihn wie einen Außerirdischen anstarrten, ohne ein Wort zu sagen. Cowan wollte das Schweigen brechen, in dem er humorvoll bemerkte, dass seine langen Haare und sein Äußeres auch in den USA für Staunen sorgten. Auch nach der Übersetzung durch den ebenfalls anwesenden Teamdolmetscher entspannte sich die Situation nicht.
Zhuang Zedong, der große Star der Chinesen, hatte Mitleid mit dem seltsamen Amerikaner und wollte ein Zeichen für die Völkerverständigung setzen. Die chinesischen Sportler hatten vom chinesischen Premier Zhuo Enlai die Direktive „Zuerst die Verständigung, dann der Wettkampf“ mit auf den Weg bekommen und nach diesem Motto wollte Zhuang auch handeln. Dies war mitten in der Kulturrevolution, als die Amerikaner der Klassenfeind Nummer Eins waren, ein rebellischer Akt. Im Bus wurde Zhuang noch von Mannschaftskollegen zurückgehalten. Zhuang sagte seinen Mannschaftskollegen, der Staat USA sei vielleicht der Feind des Staates Chinas, aber ein amerikanischer Mensch sei deshalb nicht auch Feind eines chinesischen Menschen. Er wühlte in seiner Tasche und fand ein Seidenbild einer chinesischen Berglandschaft in seiner Tasche, dass er dem verblüfften Cowan schenkte. Der wollte sich revanchieren, fand aber nur einen Kamm in seiner Tasche –als Geschenk wäre dies eher peinlich gewesen.
Als der Bus am Stadion ankam, entging das seltsame „Pärchen“ natürlich nicht den Photographen und Reportern. Als Cowan Zhuang kurz darauf ein eigens gekauftes T-Shirt mit Peace-Zeichen und dem Slogan „Let it be“ schenkte, war die Story für die Presse perfekt. Die Bilder gingen um die Welt und Cowans bejahende Antwort auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, auch in China zu spielen, wurde auch von Zhuang gehört. Der schlug seiner Delegation vor, die US-Mannschaft auf eine Freundschaftstour nach China einzuladen. Die Idee wurde weitergeleitet und stieß zunächst auf taube Ohren. Premier Zhuo Enlai lehnte dieses Vorhaben strikt ab. Mao Zedong erreichten die Meldungen über das seltsame Zusammentreffen erst am letzten Tag der Weltmeisterschaften und er fand Gefallen an der Idee. „Dieser Zhuang ist nicht nur ein guter Tischtennisspieler, sondern auch ein guter Diplomat“ soll Mao gesagt haben. Letzte Hindernisse gab es aber noch aus den USA. Die Vorstellung, dass die ersten Amerikaner, die offiziell die VR China besuchen, „Schwarze“ und „opportunistische Hippies“ (O-Ton) sind, passte vor allem den Konservativen überhaupt nicht ins Bild und der Dialog mit den „Kommunisten“ aus China stand auch nicht eben hoch auf deren Agenda.
Die Reise wurde gegen alle Bedenken durchgeführt und war ein gigantischer Erfolg – in den chinesischen und in den amerikanischen Medien. Die Chinesen wurden ihrerseits von den Amerikanern eingeladen und die Politik erkannte auf einmal die Dialogbereitschaft der jeweils anderen Seite. Bereist zwei Monate später besuchte der damalige Sicherheitsberater Henry Kissinger Peking, beendete die Wirtschaftssanktionen, die seit 20 Jahren bestanden und führte Vorgespräche für die Planung eines Treffens auf höchster Ebene. Im Februar 1972 wurde Peking die höchste diplomatische Ehre zuteil: US-Präsident Richard Nixon besuchte Mao Zedong in Peking und leitete eine umfassende Entspannungspolitik ein. Während die Sowjets vor Wut schäumten, opferten die USA bereits im Oktober 1971 dafür sogar ihre Verbündeten auf der Insel Taiwan. Die VR China übernahm sowohl den Sitz bei den Vereinten Nationen, als auch den Vetoposten im Sicherheitsrat. Die VR China war damit „gezähmt“, sowohl außen- als auch innenpolitisch begann ab diesem Zeitpunkt eine lange Entspannungsphase. Als Mao 1976 starb, setzte sein Nachfolger Deng Xiaoping die Entspannungspolitik fort und führte die innen- und wirtschaftspolitischen Reformen durch, die die Grundlage schufen, dass China zu einer modernen Großmacht werden konnte.
Sähe die Weltgeschichte anders aus, wenn Glenn Cowan nicht in den falschen Bus gestiegen wäre? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es gab ein beiderseitiges Interesse, sich politisch anzunähern. In der Weltpolitik spielen allerdings neben kalkulierten und rationalen Abwägungen auch Zeitfenster eine Rolle. Das Zeitfenster für die chinesisch-amerikanische Annährung stand 1971 weit offen und niemand weiß, wann es sich wieder geschlossen hätte, wären nicht zwei Tischtennisspieler durch dieses Fenster gestiegen. Glenn Cowan verfiel in den 1970er Jahren seiner Drogensucht, wurde psychisch krank und geriet in Vergessenheit. Er arbeite zunächst als Schuhverkäufer, lebte viele Jahre als Obdachloser am Venice Beach und verstarb 2004 bei einer Bypass-Operation. Zhuang Zedong wurde nach seiner Tischtenniskarriere Sportminister und wurde 1976 in der Spätphase der Kulturrevolution wegen „konterrevolutionärer Tätigkeiten“ inhaftiert. 1977 soll er versucht haben, sich in der Haft an seinem eigenen Gürtel zu erhängen. 1980 wurde er entlassen und seit 1985 trainiert er in Peking jugendliche Tischtennisspieler. In China ist sein Name immer noch sehr bekannt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Superstar aus den individualistisch geprägten USA in allgemeine Vergessenheit geriet und einsam verstarb, während der Volkssportler aus dem Massenkollektiv VR China, in dem das Individuum nichts galt, immer noch berühmt und beliebt ist.
1979 wurde die VR China Mitglied des IOC und nahm 1984 in Los Angeles das erste Mal an Olympischen Spielen teil. Sehr zum Ärger der Sowjetunion, die die Spiele in Los Angeles boykottierte. 2008 veranstaltet die VR China zum ersten Mal die Olympischen Spiele. Eine neue Chance für eine neue „Ping Pong Diplomatie“, bei der der Sport die Türen öffnet. Dies wäre ohne die beiden Tischtennisrebellen wohl kaum möglich gewesen.
Jens Berger
Hintergrund:
Alexander Wolff und David Davids - Opening Volley
Bildnachweis (v.o.n.u.): The Legion Magazine, Andy Michelsen auf Now Public, China Pictorial Supplement/Courtesty of the ITTF, TIME Magazine
Posted in China |




















































































Auf dem Time-Cover steht Yanks in Peking. Da stellt sich mir die Frage, seit wann die Yanks Beijing sagen und schreiben, wir Kontinetaleuropäer aber bis heute nicht.
@firefly
Gute Frage … das ist mir auf die Schnelle auch gar nicht aufgefallen. Ein Artikel aus dem “The American Legion Magazine”, aus dem Oktober 71, der sich der Sache annahm, verwendet übrigens auch die Version “Peking”.
@SF
WOW! das ist ja mal ein ganz anderer Spiegelfechter!
Da hast Du mich ganz positiv überrascht, wobei ich den anderen SF natürlich auch nicht missen möchte ;)
(guy fawkes,) john wilkes booth, gavrilo princip, van der lubbe, lee harvey oswald und nun noch glenn cowan. es ist so schön einfach, die weltgeschichte auf einzelne gestalten zu reduzieren - aber es gibt ja bekanntlich kein leben im konjunktiv ;)
Sehr schöner Artikel. Auch solche (auf den ersten Blick) unwichtige Anekdoten haben einen gewissen Wert, wenn man eine bestimmte geschichtliche Epoche verstehen möchte. Denn dazu man muss auch das Denken der Menschen auf jeder sozialen Ebene verstehen, und nicht nur die politischen Agenden einer einzigen spezialisierten Klasse.
Ping-Pong Diplomatie - kann selbst Eliten ins Transpirations- Koma versetzen..
de.youtube... (Flattermann) er wird lange im Knast sitzen für das was er angerichtet hat um den sogenannten Eliten den Arsch zu retten..
@King Balance
Bist Du jetzt unter die Marktfundamentalisten gegangen? Was für ein Quark - aber das ist hier total OT.
Anscheinend gab es tatsächlich mal eine Zeit, in der die USA eine vorausschauende Diplomatie betrieben. Oder war die Welt damals einfach noch übersichtlicher, will sagen `bipolarer´ ?
Hallo Jens,
bei Dir bin ich hin und her gerissen. Einerseits Deine “linke Ader”, andererseits Dein Blick auf China und in älteren Beiträgen auch zu Tibet. So oder so, schreiben kannst Du.
Dein Standpunkt zjm Thema Freiheit und Rauchen, hat mir als altem Liberalen natürlich mit am besten gefallen ;-))
Hoher Respekt für diesen Artikel, kann mich selber noch schwach an diese Geschichte Anfang der Siebziger erinnern.
Muss ja auch mal gesagt werden.
Grüße
Moin
Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass ständig Sportler irgendwo auf der Welt in falsche Mannschaftsbusse steigen, manche werden zusammengeschlagen, manche merken es gar nicht und manche verschenken vielleicht tatsächlich ihren Kamm, was dann missverstanden wird.
Entscheidend ist in einer medienlastigen Welt nicht, was passiert, sondern was jemand mitbekommt und was dann zu einer Geschichte gemaht wird, die weitererzählt wird. Im richtigen Moment kann so eine Geschichte dann nützlich werden. Das unterscheidet sie vom Schmetterling.
@SF
Was hältst Du davon?
tagesschau...
Ich persönlich finde die Reportage grenzwertig und ich habe die ganze Zeit beim Ansehen an die alten Tarzan- und Afrikafilme gedacht, in denen der große Weisse von leicht kindischen Bwana-Rufern begleitet wurde und großherzig für sie gesorgt hat. Aber vielleicht bin ich auch etwas überempfindlich, dennoch glaube ich, dass in der Tagesschau noch vor 10 Jahren Reportagen von solcher Qualität nicht aufgetaucht wären.
@Schwitzig
“Grenzwertig” ist das richtige Wort. Man versucht mit dem Holzhammer die chinesischen Behörden vorzuführen. Das kann man machen, innovativ ist da sicher nicht.
Ich war übrigens sehr(!) positiv von der Titelstory im aktuellen Print-SPIEGEL überrascht. Ich hatte das schlimmste erwartet, v.a. bei der Titelüberschrift “Die nächste Revolution - Chinas Angst vor der Freiheit”. Was ich dort las, war allerdings ein feinfühliger, neutraler und sehr hintergründiger Artikel über die politischen Rahmenbedingungen in China. Wenn für den SPIEGEL einmal Lob angebracht ist, dann für diesen Artikel.
da waren dann wohl der Chefredakteur und Teile der Belegschaft im Sommerurlaub SCNR
@Lau Dan
Man hat sich zumindest bemüht den “Schaden” zu begrenzen und hat den Titelartikel durch zwei eingestreute typische SPIEGEL-Kurzartikel “ergänzt”, u.a. ein IV mit dem Dalai-Lama Sprecher ;-)
Ein schöner Artikel und eine schöne Anekdote mit den beiden Tischtennisspielern. Habe ihren Beitrag interessiert gelesen, denn ich kannte diese Story noch nicht (was auch vielleicht daran liegt, dass es vor meiner Zeit war). Die Pointe gefällt mir auch gut, dass ein Einzelner in dem kommunistischen und überbevölkerten China anhaltende Popularität besitzt, während jemand wie Cowan im vermeintlich individualistischen Westen einfach untergeht.
Sehr erbaulich ist, dass man manchmal als “kleines Licht” doch irgendwie am großen Rad der Weltpolitik mitdrehen kann.
8eI’ll thingk about it.7e I compleatly agree with last post. yxu
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