Die große Dekompression
geschrieben am 21. Oktober 2008 von Spiegelfechter
In fast allen Industriestaaten haben die Einkommensunterschiede zwischen den Besser-, den Normal- und den Geringverdienern in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich zugenommen ? nur Frankreich, Griechenland und Spanien konnten sich gegen diesen Trend stemmen. In zwei Dritteln aller Staaten nahm zudem die Einkommensarmut zu. Deutschland nimmt dabei in beiden Bereichen im OECD-Vergleich für die letzten Jahre einen traurigen Spitzenplatz ein ? in keinem Industriestaat der Welt haben sich die Einkommen zwischen 2000 und 2005 so sehr auseinander bewegt wie in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die OECD, die heute die Studie ?Growing Unequal?? vorstellte, in der die Einkommensverteilung und die Armut in den 30 OECD-Ländern über den Zeitraum der letzten 30 Jahre beleuchtet werden.
Die Einkommensungleichheit in Deutschland ist den fünf Jahren zwischen 2000 und 2005 stärker gestiegen, als in den gesamten fünfzehn Jahren davor zusammen. Lag der Gini-Koeffizient ? ein statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen ? für Deutschland im Zeitraum zwischen den 1980er Jahren bis zum Jahr 2000 noch rund ein Viertel unter dem OECD-Durchschnitt, so hat er mittlerweile fast zum OECD-Durchschnitt aufgeschlossen. Der Anteil der Deutschen, die in Einkommensarmut leben, hat sich seit Mitte der 1980er von 6% auf 11% im Jahre 2005 beinahe verdoppelt und liegt nun erstmals über dem OECD-Durchschnitt von 10,6%. Einkommensarmut wird von der OECD dann prognostiziert, wenn eine Person weniger als 50% des Medianeinkommens hat. Auf diese Art und Weise werden im Vergleich zum Maß des Durchschnittseinkommens Extremwerte aus der Statistik herausgefiltert ? die Boni der Dax-Vorstände haben also statistisch keinen Einfluss auf das Maß der Einkommensarmut, wie häufig behauptet wird. Die rasante Scherenentwicklung im deutschen Einkommensgefüge ist laut OECD vielmehr auf die Tatsache zurückzuführen, dass in Deutschland ? anders als in den meisten OECD-Staaten ? auch die Schere zwischen mittleren Einkommen und höheren Einkommen immer stärker auseinanderklafft.

Für die steigende Ungleichheit bei den deutschen Einkommen machen die OECD-Forscher verschiedene Faktoren verantwortlich. Als Hauptverantwortlichen hat man die Arbeitsmarktpolitik ausgemacht. Die Bruttolöhne klaffen immer stärker auseinander, der Anteil der Gering- und Teilzeitbeschäftigen nimmt ebenso stark zu wie der Anteil derjenigen, die im Niedriglohnsektor tätig sind. Gleichzeitig stieg der Anteil der Haushalte, in denen es kein Mitglied gibt, das einer Lohnarbeit nachgeht, um vier Prozentpunkte auf 19% an ? dies ist der höchste Anteil in der gesamten OECD. Wenn es um die Armutsziffern geht, so ist auch die relative Zunahme von Einpersonen- und Alleinerziehenden-Haushalten ein gewichtiger Grund. Je weniger Personen in einem Haushalt leben, desto größer sind die relativen Haushaltskosten pro Person und desto geringer ist das verfügbare Einkommen nach Abzug der fixen Kosten.
Kritisch wird von der OECD das deutsche Umverteilungsmodell betrachtet, das weniger den armen Bevölkerungsschichten zu gute kommt als in anderen Ländern. Während beispielsweise in Skandinavien Teile der Ungleichverteilung über das Sozialsystem abgefedert werden, gelingt dies in Deutschland nur ungenügend. Staaten wie Dänemark verfahren nach der ?Robin Hood-Methode? und nehmen das Geld von den Reichen und geben es den Armen, während in Deutschland signifikante Summen an Personen ausgezahlt werden, die nicht arm sind und es im Steuersystem Methoden gibt, die die Ungleichheit steigern, anstatt sie zu senken, wie beispielsweise das Ehegattensplitting.
Der beste Weg, in einer hoch arbeitsteiligen Welt aus der Armut herauszukommen, ist die Bildung. Die OECD untersuchte in diesem Zusammenhang die Einkommensmobilität; diese ist ein Maß für den Zusammenhang zwischen dem erzieltem Einkommen einer Person und ihrem familiären Hintergrund ? bei der Untersuchung werden die Einkommen von Vätern und Söhnen verglichen. Die OECD hat eine negative Korrelation zwischen Einkommensungleichheit und Einkommensmobilität festgestellt. Die Länder, in denen Einkommen relativ gleich verteilt sind, haben meist auch eine hohe Einkommensmobilität, das heißt, das Einkommen der jüngeren Generation steht nicht in direktem Zusammenhang mit dem Verdienst und dem sozialen Stand der Elterngeneration. Deutschland liegt bei diesem Vergleich im Mittelfeld ? die Einkommensmobilität ist wesentlich geringer als in Skandinavien, Australien und Kanada, aber wesentlich höher als in Staaten wie Italien, Großbritannien und den USA, in denen die Einkommensungleichheit noch höher ist als in Deutschland. Da ein um Chancengleicheit bemühtes Bildungssystem der beste Schlüssel ist, die Einkommensmobilität zu steigern, sind die Aussichten für Deutschland in dieser Hinsicht eher trüb. Laut OECD ist in fast keinem Industrieland das Bildungsniveau so sehr vom Einkommen und vom sozialen Stand der Eltern abhängig wie in Deutschland. Während Gymnasiasten aus ?gutem Hause? im PISA-Test durchaus mit den Spitzenreitern aus Finnland mithalten können, liegen Kinder aus ärmeren Schichten auf einem Niveau mit der Türkei und Mexiko. Eine auf sozialen Ausgleich und Gleichheit ausgerichtete Gesellschaft beginnt zu erodieren.
Woher kommt diese Erosion und was führte dazu, dass die Einkommen immer ungleicher werden? In den meisten OECD-Staaten gab es vor der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern eine ähnliche Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg führten sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks zu einer nie gekannten Einkommenskompression. Löhne und Gehälter sind von sozialen Normen bestimmt. Diese Normen waren über Jahrzehnte darauf ausgerichtet, eine möglichst gerechte und gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten. Dieses Ansinnen fand auch in den wirtschafts- und sozialpolitischen Strömungen dieser Zeit sein Leitbild. In den USA war es der ?New Deal?, der zur ?Great Compression? führte, in Deutschland war es nach dem Zweiten Weltkrieg die Soziale Marktwirtschaft, die in einer gerechten Verteilung der Einkommen und des Wohlstands nicht nur ein volkswirtschaftliches, sondern vor allem ein gesellschaftspolitisches Ziel sah. Ludwig Erhard, der ?Vater? der sozialen Marktwirtschaft, drückte es in seinem Buch ?Wohlstand für alle? folgendermaßen aus:
?So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, dass ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.
Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung musste also die Voraussetzung dafür schaffen, dass dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Ressentiment zwischen ?arm? und ?reich? überwunden werden konnten.?
Sowohl in den USA, als auch in der Bundesrepublik, führte diese Politik zu einem steigenden Wohlstand in der Breite. Noch in den 1960er Jahren verdiente ein Facharbeiter nicht merklich weniger als ein Lehrer oder ein Anwalt. Unternehmensleiter schickten ihre Kinder auf öffentliche Schulen und leitende Angestellte machten oft in den gleichen Orten Urlaub wie ihre Arbeiter. In den USA und Großbritannien nahm diese lange Periode der Einkommenskompression in den frühen 1980ern ein Ende.
Es gibt verschiedene Theorien, warum dies so war. Die ?Globalisierungsthese? macht die internationale Konkurrenz bei schlechter ausgebildeten Arbeitnehmern dafür verantwortlich, dass sich deren Löhne von denen der besser ausgebildeten Arbeitnehmer abkoppelten. Erstere standen im verstärkten Wettbewerb, letztere nicht. Eine weitere These macht den Fortschritt für diese Entwicklung verantwortlich ? der technische Fortschritt habe die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften erhöht und die damit verbundene Rationalisierung die Nachfrage nach geringer qualifizierten Arbeitskräften gesenkt. Eine Einkommensverteilung nach ?Hirn? und ?Muskeln? sei die zwangsläufige Folge gewesen. Die Chicagoer Schule um Sherwin Rosen entwarf als Antwort die ?Superstar-Hypothese?, die den Wettbewerb zum Wettkampf macht, bei dem der Gewinner reich belohnt wird und der Unterlegene mit weit weniger auskommen muss. Als alleinige Erklärung des Phänomens ist allerdings keine der drei Thesen zu gebrauchen. Die Globalisierung hat zwar etwas mit den Löhnen der VW-Arbeiter zu tun, aber wenig bis nichts mit den Löhnen für Friseusen und den Boni der Dax-Vorstände. Der technische Fortschritt erklärt zwar die gestiegenen Löhne von Akademikern, aber nicht die Ungleichverteilung in diesem Spektrum und die ?Superstar-Hypothese? erklärt zwar die Spitzengehälter der Ackermänner, aber nicht die hohen Einkommen aller mittelmäßig begabten Geschäftsführer und leitenden Angestellten.
Ausschlaggebend war wohl vor allem ein moralischer Wandel im angelsächsischen Wirtschaftsraum, der von mit geeigneten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien unterfüttert wurde. Auf das ?Anything goes? und die um sich greifende Ansicht, dass Gier sich lohne, folgten fast zeitgleich Politiker, die durch eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die weite Bereiche des Wirtschafts- und Soziallebens Marktregeln unterwarf, bei denen der Staat sich aus der sozialen Umverteilung immer mehr heraus zog. Steuern wurden gesenkt, Märkte dereguliert, Lohnnebenkosten gedrückt, und Sozialleistungen gestrichen. In den USA und Großbritannien wurde diese Politik als ?Reaganomics? bzw. ?Thatcherism? bekannt. Seit dieser Periode begann in beiden Staaten die große Dekompression der Löhne und des Wohlstands ? der ?New Deal? wurde aufgekündigt und vor allem die USA bewegen sich seit dem wieder auf eine ökonomische Ungleichheit hin wie in den ?Goldenen Zwanzigern? vor der Weltwirtschaftskrise. In Deutschland kamen diese Entwicklungen zeitversetzt an ? erst die Rot-Grüne Koalition schaffte es, mit ihrer ?Agenda 2010? auch in Deutschland eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik in weiten Bereichen zu etablieren ? die ?Soziale Marktwirtschaft? wurde aufgekündigt und das Primat ?Leistung muss sich wieder lohnen? ersetzte egalitäre Ansätze. Die OECD-Ergebnisse können daher kaum überraschen ? sie sind eine direkte Folge dieser Ergebnisse.
Jens Berger
Bildnachweis: Alle OECD
Vertrauen Sie Deutschlands Nr. 1
Wissenschaftlich fundierter Test
www.PARSHIP.de




Kein Kommentar – eine Frage. Gibt es einen Link zum Bericht oben oder habe ich ihn übersehen?
@misterL
Ja hast Du (übersehen) – erster Absatz ;-)
Lang ist es her, dass der Fürst dem Volke mit Gewalt den “Zehent” – also 10% Steuer – abgepresst hat.
Heute sind 50% Einkommensteuer und 19% Umsatzsteuer, 20% Sozialversicherungssteuer, Steuern, Abgaben und nochmal Steuern, die so alltäglich und selbstverständlich (sowohl für die Obrigkeit als auch für die übrige Bevölkerung) geworden sind, dass sie (fast) keiner mehr als Raub und Enteignung wahrnehmen kann. Es sind nicht nur die Wirtschaft und Banksterlandschaft, die uns alle zu versklaven versucht, sondern auch die Marionetten des WiBa-Konstrukts, die unsere ReGIERungen, zum großen Teil, ausmachen. Darüber sollten wir uns endlich im Klaren sein!
Wir sollten uns nichts vormachen, für mich ist aktuell auch jemand, der brutto 4.000 Euro im Monat verdient noch ein Klein/Geringverdiener. Auch kenne ich viele bestausgebildeten Akademiker, die für ‘n Appel und ‘n Ei sich regelrecht “prostituieren” müssen, damit der Überlebenskampf weitergehen kann. Von wegen sei der beste Weg, in einer hoch arbeitsteiligen Welt aus der Armut herauszukommen, die Bildung – Deutschland hat derzeit über 200.000 arbeitslose Akademiker!
@ Cogito ergo sum
Damals hat man aber 10% von etwas weggenommen, von dem man kaum leben konnte. Und der Bürger bekam als Gegenleistung nicht allzu viel zurück.
Heute bleibt selbst nach Abzug noch sehr viel mehr übrig und bekommst für die Steuern ein Staatswesen mit Rechtsstaat und öffentlicher Infrastruktur, von der man in der schlechten alten Zeit nicht mal träumen konnte.
@Cogito ergo sum
teilweise würde ich mit dir übereinstimmen, aber was ist denn dann der schlüssel zum erfolg? wenn es nicht die bildung ist?
@firefly
ich kann mich an die schlechte alte zeit nicht mehr so gut erinnern. ist lange her (danke SF für der verweis auf abs 1) aber mit einem hätte er schon recht. wenn in 2006 die investmentbanker der db tatsächlich etwas um die 5.6 milliarden euros an boni kassiert haben wegen ihrer geschäftigkeit ohne damit etwas reales (ausser vielleicht schulden in 2008 und später) geschaffen zu haben, dann sind selbst seichte inflationsausgleiche fürs lohnvolk nur valiumversetzte (nicht opium) brotkrümmel fürs volk, wie damals schon. aber das hat er so nicht geschrieben. ;-)
jaja neiddebatte hin neiddebatte her – eine gerechte bezahlungsdebatte fehlt in diesem lande. gingen nicht 2006 ein paar pfleger und krankenschwestern auf die strasse um ein paar euros mehr zu bekommen oder war es der hartmannbund für seine ärzte (zum guten teil sehr zu recht übrigens, allerdings leider etwas einseitg)?
@freerk
wenn wir ein volk von 40 millionen top ausgebildeten akademikern wären ging es uns mit unserem arbeitsmarkt keinesweg in grossen und ganzen auch nicht besser ohne andere veränderungen (oder “rückschritte” in der entwicklung). das dienstpersonal in hotels muss nicht aus dipl. bilogen bestehen und bei ford braucht man auch keine belegschaft am band, die aus docs der philisophie besteht.
der top bildungsansatz ist der ansatz fürs fundament – nicht für die breite. da braucht es ordentlich bezahlte arbeit an der nicht noch zeitarbeitsfirmen dazwischen mitverdienen wollen.
Wenn Bildung über Jahre unser größtes und wohl auch einziges Kapital war und ist, wir dann auf medialen Druck u.a. von Bertelsmann dennoch Studiengebühren einführen, gleichzeitig auf Anregung vieler Lobbygruppen wie der INSM den Niedriglohnsektor massiv ausbauen, danach wenig überrascht erfahren, dass die Einkommensschere sich bei uns schneller öffnet als sonst in einem vergleichbaren Land, und fast zeitgleich, und ebenfalls nicht überrascht, erfahren, dass Studiengebühren viele Menschen vom Studieren abhalten, warum fällt es dann den von uns gewählten Politikern so schwer, hieraus logische, menschliche, ethische und moralische Konsequenzen zu ziehen. Ich verstehe es wirklich nicht.
@5
Vitamin B
@ firefly
Warum müssen Steuern immer als Äquivalent für staatliche Leistungen herangezogen werden? Ist es für Dich selbstverständlich 4 Monate (im besten Fall) bzw. 6 Monate (im schlimmsten Fall) eines jeden Jahres n u r für das von Dir angedeutete “Staatswesen” zu arbeiten? Für mich persönlich ist das aktuelle Steuersystem nichts anderes als eine staatlich verordnete Wegelagerei – Punkt.
Beim Stichwort “Rechtsstaat” fällt mir spontan der Kommentar von Prof. Dr. Selenz ein, der mal über den “Justiz-Sumpf Deutschland” geschrieben hat.
http://www.hans-joachim-selenz.de/kommentare/2008/justizsumpfdeutschland.html
In einem weiteren Kommentar schrieb er darüber hinaus über “kriminelle” Staatsanwälte, die das Legalitätsprinzip nicht mehr intus haben sollen.
http://www.hans-joachim-selenz.de/kommentare/2006/kriminellestaatsanwaelte.html
Auf solch einen “Rechtsstaat” kann ich gern verzichten, vor allem dann, wenn er mit illustren “Persönlichkeiten” á la Esser, Ackermann, Hartz oder Zumwinkel in Verbindung gebracht wird.
Die Steuern, die an den Staat abgeführt werden, sind de facto Zwangsabgaben, ohne eine konkrete, individuelle Gegenleistung. Wir brauchen zwar eine öffentliche Infrastruktur, die allerdings mit relativ wenig Geld aufrechterhalten werden kann. Die heutige Abgabe- und Steuerlast rechtfertigt in keinster Weise weder den “Rechtsstaat” noch die öffentliche Infrastruktur. Bestes Beispiel – die Mineralölsteuer: Über 50 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben MÜSSEN die Autofahrer in diesem Land dieses Jahr zahlen, davon gehen knapp 17 Milliarden in den Strassenbau. Den Rest bekommen in diesem Jahr weder die Schüler, Studenten, Lehrer, Rentner, Arbeitslose noch die Polizisten, Pendler oder Häuslebauer, sondern unsere Bankster, die mit unseren Milliarden, mit unseren Zwangsabgaben ihre Kasinospielchen weiter spielen dürfen. Ist das die Gegenleistung, die uns zusteht?
SF: “Die Globalisierung hat zwar etwas mit den Löhnen der VW-Arbeiter zu tun, aber wenig bis nichts mit den Löhnen für Friseusen und den Boni der Dax-Vorstände.”
Ich bin jetzt nicht besonders fitt in vwl, aber.. die ganze Textilindustrie und viele andere sind ja beinahe vollständig aus Deutschland und anderen Hochlohnländern abgewandert. Die NäherInnen sind also Arbeitslos und drängen auf den Friseusen Markt.. und schwupps ist ein Überangebot an geringqualifizierten vorhanden. Gerade die Autoindustrie konnte sich ja wegen der Kapitalintensivität noch hier halten, zumindest die Inlandsnachfrage wird zumeist aus deutscher Produktion bedient. (schätze ich mal)
Es ist irgendwie soner art Paranoia in Deutschland. Niemand will Steuern zahlen, aber jeder will eine soziale Hängematte für den Notfall. Am besten die Linkspartei wählen, die die Banker verhaftet und dem Pöbel seinen Frass gibt.
“jaja neiddebatte hin neiddebatte her – eine gerechte bezahlungsdebatte fehlt in diesem lande. ”
@ misterL
Die “Neiddebatte” ist einfach nur erbärmlich. Es gibt in der welt keine gerechtigkeit und keine gerechten löhne und keinen weihnachtsmann. So sehe ich es zumindest. Diese gleichmacherei ist zum kotzen. Wieso studieren die Linksradikalen nicht einfach mal BWL und werden “Banker mit Herz” ? Für eine neue Welt.. dann ist auch wieder Überangebot an Bankern und die Löhne sinken auf das Niveau der Krankenpfleger.
Dass der staat dabei erbärmlich versagt bildungschancen zu schaffen muss man kritisieren. Dass das studium nicht kostenlos ist, dass schulbücher geld kosten, dass das steuersystem kompliziert und ungerecht ist…
Ist natürlich auch eine frage der.. moral? Wenn ich schon 5 jahre meines lebens in ein studium investiere will ich auch mehr verdienen als ein krankenpfleger. Ist das jetzt abwegig? Ich studiere kein bwl und werde wahrscheinlich niemals reich.. deswegen hasse ich aber noch keinen manager… Es ist menschlich nach Macht zu streben, aber Neid ist es ebenfalls.
Das problem ist eher, dass der krankenpfleger vielleicht studiert hätte, wenn er die chance dazu gehabt hätte. Es geht darum ihm diese chance zu geben und nicht den Ackermann zu verfluchen, weil er erfolgreich ist. Über die staatseigenen versager in den Landesbanken schweigt die politik aber viel lieber. Schon irgendwie erbärmlich….
So much trouble in the world…
Hier ein Clip zum Mindestlohn:
http://www.youtube.com/watch?v=gE5g4VYCmdo&feature=related
Die Steuerquote ist noch hoch genug, um deutlich mehr Umverteilung entgegengesetzt zu betreiben, wenn man es denn wollte. Um es platt zu sagen (in der linken Spalte sind die Bücher, die es genauer ausdrücken): die Regierungen der letzten zwei Jahrzehnte sind schlicht korrupt bis ins Mark und die Ausnahmen sind meist dumm und inkompetent. Jedenfalls alles Marionetten der Industrie und Lobbyverbände und die Medien machen ja ordentlich mit. Der aktuelle OECD-Bericht war ja höchstens eine halbe Stunde auf SPON in der ersten Reihe, während der Mittagspause und kurz danach brauchte man schon die Suchfunktion. Vorher noch das Sodann-Interview gelesen, wo er genau das anprangert und von SPON als hirnlosen Idealisten abgestempelt wird. Es ist zum KOTZEN.
Ich weiß auch beim besten Willen nicht, warum ich so viel Lohnsteuer bezahle, aber gleichzeitig um meinen Job bangen muss. Wenn ich den los bin, wird es teurer. Haus, Familie, zwei Kinder etc. könnte ich mir auch ohne Lohnsteuer nicht leisten, selbst wenn ich das Haus weglasse. War alles in den 70ern ja noch problemlos möglich.
Arbeit ist neben der Selbsterhaltung meist nur noch da, um sich ein paar kleine Extras zu leisten, wenn überhaupt. Heute kriegt man in einem üblichen Mittelständlerjob, falls es denn noch gibt, vielleicht 80qm Wohnung, ein Kind (wenn überhaupt), Auto, ein Hobby und ein Kurzurlaub finanziell gebacken, als Doppelverdiener. Früher hatte man im gleichen Job 200 qm Eigenheim, Garten, zwei Kinder oder mehr, Auto und drei Wochen Urlaub in der Schweiz mit den Großeltern inklusive, während die Frau ansonsten Haus und Kinder gehütet hat. Unser Nachbar hat das sogar als Automechaniker finanziert gekriegt. Das war doch mal Standard in diesem Land. Jetzt werden wir nur noch verarscht.
Zur Einkommensmobilität heißt es im Text:
“Deutschland liegt im Vergleich i”
Da scheint ein Teil der Satzes “verschluckt” worden zu sein.
Der neoliberale Spruch “Mehr netto vom Brutto” ist ein Ablenkungsmanöver! Die Steuerbelastung liegt in D deutlich unter OECD-Schnitt. Auch einschl. Sozialabgaben wird der OECD-Schnitt unterschritten. Skandinavien mit deutlich höherer Steuer- und Abgabenbelastung hat eine deutlich geringere Ungleichheit und Armut.
Es soll davon abgelenkt werden, daß sich seit 2000 die inflationsbereinigten BRUTTO-Löhne und -gehälter in keinem OECD-Land so schlecht entwickelt haben wie in Deutschland.
Hallo,
ein wenig Ranting, ja?
Vor geraumer Zeit hörte ich eine Aussage, welche ich persönlich nicht nachvollziehen kann, aber den Gedanken dahinter trotzdem interessant fand. Jemand, der in Berlin arbeitete und wohnte, mit all den Diskussionen, welche hier stattfinden, in Kneipen, Bars, Freunde usw., und den es dann einmal eine Weile nach Frankfurt/M und Umgebung verschlug, meinte nach einer Weile: “Die Leute dort wissen gar nicht, was hier los ist!”. Man ist “hier” wohl näher dran, man spürt den Leidensdruck in der direkten Umgebung, das Gefälle ist deutlicher sichtbarer?
Ja, die Schere zwischen reich und arm ist da. Ich spüre es an mir selbst und in meiner Umgebung.
Es ist merkwürdig, dass Qualifikation alleine nicht mehr für einen Job genügt, wenn man es als natürlich empfunden hat. Es hat aber auch den Geruch des Passiven. Oder es gibt die Jobs einfach nicht mehr.
Ich favorisiere die Gesellschaft, in welcher das auffangende Netz bedingungslos garantiert wird und vorhanden ist: die warme Wohnung, Wasser, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung, Zugang zu Bildung, Mobilität und Netzen.
Das ist grob gesagt mein Mass, an dem ich die Dinge messe. Darauf aufbauend lässt sich doch vieles erreichen oder ändern. Der eine reicher, der andere ärmer.
Wenn die Gesellschaft das nicht mehr leisten kann, dann gilt es eben nach Alternativen zu suchen. Einfach nur “die Schlechten” durch “die Guten” in einem geschmierten Getriebe zu ersetzen, das ändert das Getriebe nicht. Was soll das Geschimpfe “auf die da oben”?
Es gibt in meiner Umgebung so viel Wut, Energie und soviele Ideen. Ich kann und mag mir einfach nicht vorstellen, dass es unter der “Decke” nicht brodelt und schon längst all die Alternativen losgetreten worden sind und vieles bröselt.
Wenn man es liest, dass die “Jugend” eben doch das Internet nutzt und nicht das Fernsehen, das doch schon eine feine Sache. Dass man Musik, Filme, Büchter, Texte, Bilder browsen, stöbern und sich die Sachen zeigen und teilen kann, dass man nicht auf einen einzigen Distributionsweg angewiesen ist, dass man sich bei den Leuten direkt bedanken kann, auch das hat sich geändert. Und gar nicht zu reden von offenen Hardware- und Software-Architekturen in der IT.
Davon wird man aber noch nicht satt.
Und ob man durch viel Kultur weniger gelangweilt ist, mag ich auch nicht glauben.
Oder das Verhältnis zwischen Mann und Frau, welches sich hier auf irgendeine Art abbildet, aber z.B. in Russland sich wieder ganz anders verhält, das birgt auch jede Menge Ärger in sich. Und wenn man sich erst einmal in moralischen Vorstellungen einzelner Nationen verstrickt hat, ohje.
Soviele Dinge, die zumindest mir noch unklar sind.
Zu Kommentar-Nr. 11 – jamesf:
Du schreibst: “Über die staatseigenen Versager in den Landesbanken schweigt die politik aber viel lieber.”
In der Diskussion um das Finanzmarkt-Desaster werden häufig die Probleme der Landesbanken in den Vordergrund geschoben. Beabsichtigte Wirkung: Es soll der Eindruck erweckt werden, der Staat sei schlimmer als der Markt (die privaten Geschäftsbanken). So läßt sich
herrlich vom Treiben im internationalen Spielcasino (das ganz wesentlich von privaten Geschäftsbanken, institutionellen Anlegern und reichen Privatpersonen angeheizt wird) ablenken.
Die ursprüngliche Aufgabe der Landesbanken war die regionale Wirtschaftsförderung. Neoliberalen Politikern wie dem bayrischen und dem sächsischen Finanzminister war das wohl zu kleinkariert. Die Landesbanken sollten mehr und mehr agieren wie private Geschäftsbanken, obwohl insbesondere die hierfür notwendigen personellen Ressaucen fehlten. Diese Länderfinanzminister trieben die Landesbanken dann auch in das Geschäftsfeld der spekulativen Geschäfte. Das war eine Pleite mit Ansage. Die neoliberalen Politiker in Gestalt z.B. des bayrischen und sächsischen Finanzministers tragen hierfür die Verantwortung.
Ein sehr anschauliches Beispiel (West-LB) für diese schrittweise Umwandlung der Landesbanken zeigen die NachDenkSeiten:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3510
Neoliberale Wissenschaftler, Medien und Politiker führen häufig die Globalisierung als quasi
gottgegebenes Schicksal für die zunehmende Ungleichheit an. Die Globalisierung liefert für die neoliberalen “Sauereien” die Rechtfertigung.
Daß die Spielregeln der Globalisierung nicht gottgegeben sind, sondern von Menschenhand
gemacht und somit auch veränderbar sind, wird unterschlagen.
Die skandinavischen Länder, welche in die Globalisierung genauso eingebunden sind wie z.B. Deutschland, zeigen, daß es durchaus auch anders geht:
http://www.jjahnke.net/skan-p.html
Eine Anmerkung zu der in dem Beitrag genannten nominalen Steuerbeastung für Kapitalgesellschaften (Abb. 12463):
Das deutsche Unternehmenssteuerrecht bietet im internationalen Vergleich ein breites Arsenal zur “steuerlichen Gestaltung”. Diese Steuerschlupflöscher werden auch und gerade
von Kapitalgesellschaften reichlich genutzt. Stellt man nicht, wie in diesem Beitrag geschehen, auf die NOMINALE Steuerlast ab sondern auf den TATSÄCHLICH gezahlten
Steuern, dann würde der leicht über dem skandinavischen Durchschnitt liegende nominale
Steuersatz unter den skandinavischen Wert fallen.
Leider versucht die zur Zeit amtierende, in der Bevölkerung jedoch unpopuläre konservative
Regierung Schwedens, mit “Reformen” die neoliberalen Staaten zu kopieren. Die aktuellen Diskussionen über die negativen Folgen des “Turbokapitalismus” könnten sich jdedoch als wirksame Bremse gegen die “Reform”-Bestrebungen der konservativen schwedischen Regierung erweisen.
@jamesf
nene, da ist der vater wunsch des gedankens den ich nicht geschrieben habe. die mehrzahl der ärzteschaft in den krankenhäuser wurden/werden extrem mies bezahlt bei hoher anforderungen an zeitlicher verfügbarkeit und inhaltlicher leistung. das gilt auf der ebene pfleger/schwester nicht anders nur eben noch schlechter. das war und bleibt meine kritik am hartmannbund als sie zu recht auf die strasse gingen für mehr geld für die ärzte. sie hätten es besser zusammen mit der vertretung verdi für pfleger/schwestern gemeinsam durchgezogen.
gerechter lohn mag an ein schwieriger begriff sein, weil er erreichbare und totale gerechtigkeit suggeriert, die es sicher nicht geben wird. ok, nennen wir es dann halt faire bezahlungen für ein leben ohne angst und not und in würde als mindestanforderung und als anerkennung gesellschaftlicher leistungen.
das ich mit gesellschaft nicht nur eine x-beliebige firma meine ist hoffentlich klar. wer über seinen beitrag am gemeinschaftseinkommen beitragen kann, um so die infrastruktur zu schaffen/aufrecht zu erhalten in der lage ist leistet auch einen gesamtgesellschaftlichen beitrag. ich halte es für psychologisch keine gute leistung einer gesellschaft, wenn sie wegen eines viel zu geringen bruttoeinkommens einen teil der erwerbstätigen von dieser aufgabe als in meinen augen falsches geschenk von dieser verbindungsebene befreien muss. das mal so als gedankensplitter für eine geistig/mental verarmte gesellschaft, nach dem sie wirtschaftliche verarmung zuließ.
Zu Kommentar 11 – jamesf
Du schreibst: “Über die staatseigenen Versager in den Landesbanken schweigt die Politik aber viel lieber. Schon irgendwie erbärmlich.”
Richtig ist: Die für die Probleme der Landesbanken verantwortlichen Politiker (z.B. Finanzminister Huber in Bayern) schweigen.
Ansonsten gilt jedoch:
In der Diskussion um das Finanzmarkt-Desaster wird auffällig häufig auf die Probleme der Landesbanken als ?staatliche Banken? aufmerksam gemacht. Beabsichtigte
Wirkung: Man möchte den Eindruck erwecken, der Staat sei schlimmer als der Markt (die privaten Geschäftsbanken), obwohl der weit überwiegende
Teil der Finanzmarkt-Probleme von Geschäftsbanken, institutionellen Anlegern und reichen Privatpersonen verursacht wurde.
Und:
Die ursprüngliche Aufgabe der Landesbanken war die regionale Wirtschaftsförderung. Neoliberalen Politikern wie dem bayrischen und dem sächsischen Finanzminister war das wohl zu kleinkariert. Die Landesbanken sollten mehr und mehr agieren wie private Geschäftsbanken, obwohl insbesondere die hierfür notwendigen personellen Ressaucen fehlten. Diese Länderfinanzminister trieben die Landesbanken dann auch in das Geschäftsfeld der spekulativen Geschäfte. Das war eine Pleite mit Ansage. Die neoliberalen Politiker in Gestalt z.B. des bayrischen und sächsischen Finanzministers tragen hierfür die Verantwortung.
Ein sehr anschauliches Beispiel für diese schrittweise Umwandlung der Landesbanken (am Beispiel der West-LB) zeigen die NachDenkSeiten:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3510
@17: Inwieweit verfolgen denn die skandinavischen Länder eine andere Politik hinsichtlich der Globalisierung.
@Spiegelfechter: Ludwig Ehrhard und dieses ganze Müller Armack und Euken Zeugs, auf das er sich berief, ziemlich liberal. Und tatsächlich führte die Nachfragesituation auf dem deutschen Arbeitsmarkt quasi automatisch zu einem Anstieg der Löhne der abhängig Beschäftigten. Ähnliche Tendenzen gibts häufig in signifikanten Wirtschaftsaufschwüngen. Gegenüber der USA waren wir ja lange Zeit noch ein Niedriglohnland.
Denke die Globalisierung hat auch einen weiteren Umlenkungseffekt. Durch den Markteintritt Asiens als Technologie und Industrie-Standort verteuern sich möglicherweise die relativen Preise von Rohstoffen zu Fertigprodukten. Damit wirds schwerer Profite mit unseren Exportprodukten zu erzielen. Diese Überlegungen beruhen jedoch lediglich auf Plausibilitätsüberlegungen und dem Wissen um die hohen Rohstoffpreise der letzten Jahre.
Ausserdem liegen wir direkt an der Grenze zu dem Niedriglohngebiet Osteuropa. Zum Glück holen deren Löhne recht gut auf.
Das skandinavische Modell find ich auch sehr attraktiv. Bin mir nicht sicher, ob es kulturelle Unterschiede gibt. Wann immer ich mit Dänen, Schweden oder Finnen zusammengearbeitet hab, hatte ich den Eindruck, dass die ein besonderes und sehr ernstes Gemeinschaftsgefühl haben. Versuchen sollten wir es. Glaub schon an die Technologie- und Globalisierungsthesen als Erklärungsansätze. Wir müssen nur eine Politik finden, die das konterkariert.
Ansonsten find ich viele Kommentare einfach zu negativ und frustriert. Ich hab in meinem Arbeitsleben die Erfahrung gemacht, dass sich Fleiß, Beharrlichkeit, Wille & antrainierte Fähigkeit neues zu lernen irgendwann schon in angenehmere und recht gut bezahlte Arbeitsbedingungen niederschlagen. In diesem Prozess haben mir viele einen Vogel gezeigt. Natürlich besitze ich keine 100% Sicherheit, dass dies immer so bleibt.
@ misterL
mein Kommentar hatte die Intention, dass die Bildung einer der Schlüssel zum Erfolg ist, aber nicht der einzige. von daher habe ich auch nicht dafür plädiert, dass alle Hotelarbeiter und Mitarbeiter bei Ford Akademiker sein müssen. Aber ich kenne aus meiner eigenen Erfahrung, wenn es in einem Land kaum richtig ausgebildete Fachkräfte gibt, dann kann dieses Land einfach nicht erfolgreich sein.
Ich glaube, Du wirfst deinen Fokus hauptsächlich auf die gerechte Verteilungspolitik, in meinem Fall ist die Wachstumsfrage. Aus diesem Grund gibts zw. uns solche Meinungsdifferenzen.
@6 misterL
Das hat nichts mit Neid zu tun. Ich gönne Herrn Ackerman jeden Euro, sowie ich auch den Herren Ballack, Bohlen oder den Bürdern Albrecht jeden Euro gönne. Es geht um das gesellschaftliche Gefüge, das droht aus der Achse zu kippen. Wenn ich Zahlen des paritätischen Wohlfahrtsverbandes höre, nach denen die unteren 10% der Einkommensskale ein durchschnittliches Vermögen von minus(!) 8.000 Euro haben, dann wird mir Angst und Bange – hier kann man ausnahmsweise sogar mal “Euren” Youtube Filmchen recht geben. Wir haben im Niedriglohnsektor eine Art modernen Feudalismus – die oberen 10.000 leihen (über die Banken, die ihnen als Aktionären gehören) dem Pöbel Geld, das er nie zurückzahlen kann, da die Zinslast höher ist, als seine Einkommenszuwächse. Über Gesetzte wird der Pöbel gezwungen, jede Arbeit – und sei sie noch unattraktiv – anzunehmen, um über die Tilgung und den Zins die “Upper 10″ zu bezahlen. Wir sollten unsere Phantasie nicht damit beleidigen, uns nicht vorstellen zu wollen, wie das langfrisitig ausgeht – dadrin sehe ich eine große Gefahr für die Demokratie. Und das hat nichts mit Neid zu tun.
@10 cogito ergo sum
Ja, weil ich nur durch dieses Staatswesen überhaupt in der Lage bin, so viel Geld zu verdienen, dass ich überhaupt Steuern zahlen kann. In einem nicht funktionierendem Staatswesen (nehmen wir mal Zimbabwe) ist dies nicht möglich. Auch volkswirtschaftlich macht das Sinn – irgendwer muß die Waren und Dienstleistungen, durch die “wir” das Geld verdienen, auch kaufen. Autos kaufen keine Autos, auch wenn das platt klingt und eine VW, die nur vom Export leben will, ist zum Scheitern verurteilt.
Zum Glück sitzen “wir” am längeren Hebel ;-)
@16 OK
Danke, ein guter Kommentar!
@freerk #22
Das ist ok so. Ich wollte ja nur daruafhinweissen. Das Bildung nicht die Lösung auf alle Probleme ist, weil genau das im Mainstream dauernd so dargestellt wird.
@SF #23
Sei nicht so naiv! ;-) Natürlich wird die Hauptreaktion auf diesen Bericht sein, ihn und alle Folgedebatten in eine Neiddebatte abzudrängen.
@SF #24
Zum Glück sitzen ?wir? am längeren Hebel ;-)
In Summe schon, aber wir werden alle einzeln veranlagt. Das verkürzt den Hebel enorm. ;-))
wir sollten uns bei der notwendigen offenen und freien Diskussion darüber, wie eine gerechte und vernünftige Verteilung der gesellschaftlich erzielten Einkommen aussehen kann, nicht vom von interessierter Seite stammenden Vorwurf einschüchtern lassen, es handle sich dabei um eine Neiddebatte. Das ist nicht nur eine Frage nach einer gerechten Verteilung der Einkommen, sondern danach, ob sich ein ökonomisches System gänzlich von den grundlegenden Prinzipien der Vernunft verabschieden will. Eine Gesellschaft, die es zuläßt, dass ihre productive members immer weniger von dem auch durch ihre Arbeit erzeugten Einkommen erhalten, so dass der Punkt erreicht wird, wo sie nicht mehr davon leben können, es andereseits zuläßt, dass eine priviligierte Schicht ihre systemisch begründete Macht benutzt, um sich einen immer größeren Anteil anzueignen – so eine Gesellschaft wird früh oder später implodieren, es sei denn ihre productive members akzeptieren unter welcher Gewaltform auch immer ihre Situation.
weitere Infos dazu, u.a. zur Legende der zu großen Steuerbelastung hierzulande, wenn überhaupt sind die Gering- und Durchschnittsverdiener unverhältnismäßig höher als die Besserverdiener belastet, hier
http://www.jjahnke.net/steuern.html
http://www.jjahnke.net/rundbr46.html#un
@misterL
Oh, das hat nichts mit Naivität zu tun. In den USA gibt es einen ganzen Wirtschaftszweig, der damit beschäftigt ist, Statistiken zu “fälschen”, Zahlen umzuinterpretieren und die Ungleichheitsdebatte auf einen Neiddebatte herunter zu brechen.
@salvo
Yep, das wollte ich auch in #23 sagen, aber Du drückst es natürlich geschliffener aus ;-)
@SF #28 und @salvo #27
Die “Industrie” haben wir in D auch und findet sich in diversen medialen Laberrunden quasi täglich zusammen in immer ähnlicher persönlicher Zusammensetzung und natürlich hat salvo recht. Nur, passieren wird es dennoch. ;-)
Aber @SF #23 Du bist in der Realität der 10% am unteren Ende angekommen. Deine Analyse dessen, die ja im Grunde auch die Analyse des PWV ist (Demokratiegefährdung) ist?/scheint ein Teil der Geschäftsgrundlage (Kreditvergabe bei gleichzeitiger Annahme, dass diese nie zurück gezahlt werden können) diversen Konsumerbanken auch in D zu sein.
In Erinnerung an das *poff* in uns birgt das eine überraschende Option, konsequent zu Ende gedacht. ;-)
Etwas wurde nicht angesprochen. Je größer die Ungleichheit der Einkommen, desto wahrscheinlicher ist es , das es Menschen gibt, die sich Vermögenswerte (z.B. Aktien) zu immer höheren Preisen gegenseitig verkaufen. Und damit sollte auch klar sein welche Think Tanks von wem finanziert wurden, um die Grundlage hierfür, die Steuerpolitik politisch durchzusetzen. Die Systemkrise ist Folge dieser Steuerpolitik. Banken und Versicherungen , der Finanzmarkt, braucht mehr Ungleichheit.
Stimmt es das der Ginikoeffizient in den USA und China > 0,4 ist.
Soziologen haben bei einem Ginikoeffizienten > 0,4 soziale Unruhen vorausgesagt.
Ist so etwas in den USA denkbar?
Hier ist eine Statistik des Gini-Indexes verschiedener Länder auf einem Blick: http://tinyurl.com/27vozo Die USA liegt mit 45 relativ hoch. Über drohende soziale Unruhen in den USA kann natürlich keine Rede sein. Im DDR Fernsehen gabs ähnliche “Hoffnungen” anläßlich der genüßlich und völlig mitleidlos ausgeweideten Krise der 80er. Schon eine verkehrte Welt, wenn sich ausgerechnet die DDR über die US of A Sorgen macht ;-)
Ich denke, es ist sehr kulturabhängig. Manchen fehlt es einfach an dem nötigen Optimismus. Viele Saarländer und Ostdeutsche werden bereits bei einem Gini-Koeffizienten von 28 völlig hysterisch.
@lemmy
Dein Link ist falsch ;-)
Was den sozialen Frieden und die Stabilität in den USA angeht – von einigen Amerikanern und Freunden, die häufig “drüben” sind, habe ich gehört, dass die Lage dort momentan so langsam brenzlig wird. Abseits der Fassaden der Metropolen gibt es eine ganz andere USA. Eine USA, in der die Leute ihre Häuser verkaufen müssen und im Auto leben, da sie das Auto brauchen, um einen neuen Job zu bekommen, das Haus aber nicht. Es gährt, auch wenn ich nicht dramatisieren will.
@ Beate, #31
Noch etwas Generelles zu Gini & Co.: http://poorcity.richcity.org/
Leider pflegt Götz die Seiten nicht mehr :-(
@hannilein.
man glaubt, man kann den zeitpunkt von unruhen berechnen???
@SF
vor wenigen tagen konnte man im TV kleine billig-zelt städte auf parkplätzen sehen mit dort lebenden durchschnittsamerikanern. es hatte was von einer massen notunterkunft.
http://www.youtube.com/watch?v=CnnOOo6tRs8
“Soziologen haben bei einem Ginikoeffizienten > 0,4 soziale Unruhen vorausgesagt.
Ist so etwas in den USA denkbar?”
denkbar ist es schon, auch in den USA, und als Mittel dagegen hat schon immer Ideologiebildung genutzt, in den USA der Art wie wir sie heute wieder gegen Obama hören
“Liberals hate real Americans that work and achieve and believe in God.”
http://www.thenation.com/blogs/campaignmatters/374418
@ “misterL”, #35
Yep. Finde ich schon seit langen Jahren interessant, da ich eher einen ‘psychologischen Ansatz’ mutmassen und Unruhen somit meist als “spontan” betrachtet würde (vgl. die Arbeiten zur Massenpsychologie von Le Bon bis Canetti).
Hier ist der richtige Link: http://tinyurl.com/5oyqgo
Aber wie sieht denn eine solche Gährung in Amerika aus:
Die werden doch auf gar keinen Fall “commi”-Bewegungen wie die LINKE starten, sondern eher:
- Religion
- Drogen
- Kriminalität
@Lemmy
… oder die immer stärker werdenden Libertären, mit ihrem politischen Arm Ron Paul, die den Staat wenn möglich abschaffen wollen und eine seltsame Form des Anarchokapitalismus einführen wollen. Anarchy in the US … hätte das der olle Johnny Rotten geahnt ;-) Leider sind die US-Libertären eher das Problem, als die Antwort. Gut, dass ich kein Ami bin.
Ob soziale Unruhen in den USA denkbar sind?
Natürlich. Zuletzt haben zwar in Frankreich Autos gebrannt, aber die USA haben eine lange Geschichte vergleichbarer Ereignisse. Watts liegt doch gar nicht so lange zurück.
Der Kommentator, der meint, unsere Infrastruktur wäre auch viel billiger zu haben, möchte bitte mal den heute auf den Nachdenkseiten verlinkten Artikel über Public-Private-Partnerships lesen – oder am besten gleich seine Informations-Infrastruktur aufrüsten, indem er das Buch von Werner Rügemer zu diesem Thema durchliest. Infrastruktur ist deshalb teuer, weil sie vielfach nicht ins Wettbewerbsschema passt und sich bei ihrer Erstellung immer dann Monopolrenten abgreifen lassen, wenn der Auftragsvergabeprozess intransparent gehandhabt wird – was in Zeiten von vor den Parlamentariern geheimgehaltenen Verträgen der Exekutive mit Investoren von der Ausnahme zur Regel zu werden droht.
@Spiegelfechter:
Ist die Aussage, man gönne Ackermann jeden Euro, wirklich glaubwürdig – und eine optimale Antwort auf den Neidvorwurf -, wenn man einen höheren Spitzensteuersatz fordert? Muss die Antwort nicht vielmehr lauten, dass man gegen Studiengebühren, für eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser, gegen die Entlassung von Junglehrern mit Erstvertrag in den Sommerferien etc. ist und aus diesem Grunde Ackermann eben nicht “jeden Euro” gönnen kann? Hätte er jeden Euro, dann hätte im übrigen niemand anders mehr irgendeinen Euro. Es ist doch nicht so, als wäre der Markt kein Verteilungsmechanismus knapper Güter. Bei uns wird er aber im Interesse einer Oligopol- und Volksverdummungsrenten erzielenden Elite zunehmend deformiert. Marktfreiheit wird neuerdings als Freiheit des Marktes von der Teilhabe des unteren Drittels der Gesellschaft interpretiert.
btw, zur Frage, ob es in den usa zu “sozialen Unruhen” kommen kann. Diese gibt es schon längst, wenngleich nicht in breit koordinierter, in organisierter Aktionseinheit, sie verfällt auf persönliche, lokal begrenzte Tragödien, Verzweiflungstaten. Die realen sozialen Widersprüche sind derart groß und wachsen derart, dass es ohne ‘soziale Unruhe’ gar nicht geht. Diese Gesellschaft hat alle Hände voll zu tun, der Gewalt, die sie selbst erzeugt, Herr zu werden
“The Rising Body Count on Main Street”
http://www.motherjones.com/commentary/tomdispatch/2008/10/going-to-extremes.html
interessant ist auch der Blick auf die ‘Vorsorge’ von Herrschaft für den Fall, dass die konstitutiven vielen auf menschliche Schicksale begrenzten ‘sozialen Unruhen’ zu einer großen für Herrschaft gefährlichen sozialen Unruhe werden
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28910/1.html
@Jörg
Nein nein, das ist schon ernst gemeint. An der “Mangagergehälter” Debatte beteilige ich mich daher auch nicht. Ich gönne es den Leuten, aber – und das ist ein großes “aber”, die Gehälter müssen natürlich in einem sozialkompatiblen Kontext stehen. Ein Manager – wie auch Ackermann – darf natürlich nicht Arbeitsplätze abbauen, Lohnsteigerungen der Arbeitnehmer mit dem Argument der Finanzlage drücken und sich dann fette Boni einstreichen. Das geht nicht, aber als Postmaterialist (*g*) ist es mir egal, was er bekommt, wenn er denn diese Regeln einhält. Dann muss halt der Staat herkommen und sein Einkommen sozialverträglich umverteilen – ja dann kommt der Steuersatz ins Spiel und wenn ich nur an eine flache(!) Verlängerung der Progression denke, die beispielsweis bei einem Einkommen oberhalb 1 Mio ? mit einen Spitzensteuersatz von 70% endet, habe ich gar keine Probleme mit fetten Boni.
Doch, wenn Ackermann weniger Boni bekommt, dann hat diese Euro jemand anderes. Dieser “jemand” ist aber nicht der Steuerzahler oder gar der Niedriglöhner, sondern der Aktionär der Deutschen Bank. Die Boni sind also eigentlich ein Umverteilspiel innerhalb der oberen 10% der Vermögensskala.
Betrachtet man die aktuelle Diskussion zu möglichen Konjunkturprogrammen, dann fällt auf,
daß die Neoliberalen zumindest in der Steuerpolitik dort weitermachen, wo sie vor der Finanzkrise aufgehört hatten.
Ein aktuelles Beispiel bietet das nun diskutierte Vorziehen der Steuerbefreiung der Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge auf das Jahr 2009 erkennen. Diese angedachte Maßnahme wird uns als Entlastung breiter Bevölkerungsschichten verkauft. Das ist sie jedoch mitnichten! Bezieher hoher Einkommen würden hiervon weitaus stärker profitieren als Bezieher mittlerer Einkommen:
-wegen deren höheren absoluten Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung und
- wegen deren höherem Grenzsteuersatz auf das zu versteuernde Einkommen.
30% der Lohnabhängigen (insbes. aus dem Niedriglohnsektor) haben einen so geringen Verdienst, daß sie keine Lohnsteuer entrichten und somit von der Steuerfreistellung überhaupt nicht profitieren würden.
Das gleiche Bild zeigt sich bei den Rentnern: Nur die Bezieher hoher und damit steuerpflichtiger Renten würden davon profitieren.
Zusammengefaßt: Nutznießer wären v.a. Spitzenverdiener. Auch ökonomisch wäre dies widersinnig: Wegen deren hoher Sparquote würde die steuerliche Entlastung nur teilweise als Kaufkraft auf unserem Binnenmarkt wirksam werden. Dem internationalen Spielcasino hingegen würde schlimmstenfalls wieder neues Spekulationskapital zugeführt
Ich möchte auch die Wiedervereinigung und ihre Folgen als möglichen Mit-Grund ins Spiel bringen, warum Deutschland da ganz weit vorne (bzw hinten) liegt. Die Hau-Ruck-Methode zur “Eingliederung” der ostdeutschen Wirtschaft hat zu ernormer Arbeitslosigkeit und sozialer Verunsicherung im Osten geführt und auch zu zunehmender Schwächung der westdeutschen Wirtschaft durch Transferzahlungen (zudem in einer Zeit zunehmender globaler Konkurrenz). Das Herumdoktern an diesen gewaltigen Problemen (Gürtel enger schnallen, Hartz IV, Mini-Jobs) hat die Probleme dann wohl eher noch verschlimmert oder zumindest deutlicher sichtbar gemacht, auch in Form einer sich immer stärker öffnenen Schere in der Einkommensverteilung (gerade auch im Vergleich zu anderen europäischen Nachbarn).
quote:
Ausschlaggebend war wohl vor allem ein moralischer Wandel im angelsächsischen Wirtschaftsraum, der von mit geeigneten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien unterfüttert wurde.
(erster satz im letzten absatz)
sorry wenn ich irgendwas übersehen habe, aber wer hat mit geeigneten wiwi theorien unterfüttert? würde ich doch sehr gerne wissen.
@SF #42
Teilwahr Doch, wenn Ackermann weniger Boni bekommt, dann hat diese Euro jemand anderes. Dieser ?jemand? ist aber nicht der Steuerzahler oder gar der Niedriglöhner, sondern der Aktionär der Deutschen Bank. Die Boni sind also eigentlich ein Umverteilspiel innerhalb der oberen 10% der Vermögensskala.
Es hängt davon, wo der Nun-Nicht-Mehr-Boni intern erscheint. Erscheint er auf der Konzerngewinnseite vor Steuern, ist ein Teil davon nun in den Steuern drinn. Geht er an Aktionäre, dann ist er dort im Gewinn drinn und wird dann – wie auch immer – versteuert. Macht die DB Verluste, reduziert er die Verluste, was das Steueraufkommen nicht juckt.
Gute analytische Darstellung der Misere unserer Gesellschaft.
Das zum Abbau der Sozialleistungen verkündte ..
Primat ?Leistung muss sich wieder lohnen?
war zudem von Anfang an verlogen.
Die Geld-Elite unserer Gesellschaft besteht weniger aus echten Leistungsträgern als aus unverdienten Erben, für deren Kapitalvermehrung die wahren Leistungsträger unserer Gesellschaft (in Bildung und Ausbildung, sowie in wertschaffender Produktion Arbeitende) für ein viel zu geringes Einkommen arbeiten müssen.
Unser Land leidet darunter, dass eine korrupte, schmarotzende und zu keiner brauchbaren Arbeit fähige Geld-Elite die Gesellschaft an die Wand fährt, währenddessen fähigem Nachwuchs aus schlechter bemittelten Schichten, der die Fahigkeiten und den Drive für eine positive Entwicklung mitbringt, der Erfolg verbaut wird.
@Ben
Ich meine damit die “Chicagoer Schule”, im Falle der USA z.B. Arthur Laffer.
@misterL
D´accord ;-)
@27 salvo
Die Frage muss doch erstmal lauten – kann in dieses System überhaupt noch so etwas wie ‘Vernunft’ in Bezug auf die ‘productive members’ einziehen (von der Fragwürdigkeit von Formeln wie ‘gerechter Lohn’ mal abgesehen) bzw warum es diese politischen Entwicklungen und das Überhandnehmen der Finanzspekulation gegeben hat. Das einfach nur auf die ‘Gier’ der Reichen zurückzuführen ist genauso verkürzt wie die Armutsproblematik auf den ‘Neid’ der Ärmeren zu reduzieren.
Wirtschaft und Politik sind eben nicht einfach so ‘unvernünftig’, und auch die Finanzspekulation hat nicht einfach so überhand genommen – der tiefere Grund dafür liegt darin, dass sich die ‘Realwirtschaft’ durch Rationalisierungen und Lohndrückerei systematisch die eigene Nachfrage entzieht. Und der vielleicht zunächst ‘logisch’ erscheinende Schluss, dann müsse man eben noch billiger – mit noch weniger und noch schlechter bezahlten ‘Mitarbeitern’ – produzieren, verschärft diese grundlegende Krise immer weiter. In der Autoindustrie bspw gibt es mit jedem Modellwechsel regelrechte Produktivitätssprünge von 10, 15 oder sogar 20%. Es ist aber illusorisch, 10 oder 20% mehr Fahrzeuge abzusetzen, was der Fall sein müsste, wollte man Beschäftigung und Löhne wenigstens auf einem konstanten Niveau halten.
Also wird entlassen und werden Lohnzuwächse, wenn überhaupt, deutlich unter dem Produktivitätsfortschritt vereinbart. Damit aber sinken erneut Beschäftigung und Löhne, und also auch die Nachfrage. Und also wird auch nicht mehr in Ausweitung der Produktionskapazitäten investiert, sie werden zwar weiter modernisiert und rationalisiert, ansonsten aber eher abgebaut, das Geld fliesst statt dessen in den Finanzsektor und erzeugt so auch immer noch mehr ‘Renditedruck’.
Die Verlagerung in ‘Billiglohnländer’ wie im Falle des schwarze (aber nicht schwarz genug) Zahlen schreibenden Nokia-Werkes ist dann der nächste Schlag auf die Nachfrageseite. Das ist eine Abwärtsspirale, die viele Firmen nur noch am Finanzmarkt überhaupt noch die Renditen erreichen liessen, die Investoren und Aktionäre verlangen. Porsche zB hat ja auch nicht mit Autos das Geld ‘verdient’, mit dem sie einem ‘Weltkonzern’ wie VW zu Leibe rücken können. Nun droht aber das Finanzkarussell, das bisher die grundlegende Schwäche der Realwirtschaft noch einigermaßen überdecken konnte, in’s Stocken zu geraten. Die Finanzkrise greift weniger auf die Realwirtschaft über als dass sie diese auf ihre eigene grundlegende Schwäche zurückwirft – und diese Schwäche durch drohende Kreditklemmen natürlich noch zusätzlich verschärft.
Dieses System erstickt an der eigenen Produktivität, auf die es wegen seiner Konkurrenz keine rationale Antwort wie zB Arbeitszeitverkürzungen und sinkende Gewinnansprüche finden kann. Der Erste, der dies akzeptierte – wäre auch als Erster ‘draußen’ aus dem Markt. Also ‘produziert’ man Armut.
Es ist mE eine (auch nicht ungefährliche) Illusion, zu glauben, dass man so einfach wieder zu einem ‘vernünftigen’ Kapitalismus mit einem Finanzsektor, der sich wieder(?) dem ‘Dienen’ der Realwirtschaft verschreibt, zurückkehren könne. Deshalb – und nicht weil sie von ihrer ‘Gier’ nicht lassen können – werden wir ausser den ‘Rettungs’versuchen des bestehenden Finanzsystems und weiterer ‘Verfilzung’ der Staaten mit ‘ihren’ Unternehmen (siehe Sarkozy) auch nichts dergleichen erleben. Und das hat – obwohl selbst ‘Linke’ wie Dieter Dehm das zu glauben scheinen – auch nichts mit irgendeinem (Staats-) Sozialismus zu tun, sondern erinnert eher an die alten StaMoKap-Theorien. Nicht der Staat verleibt sich das Kapital ein, sondern wird auf einer neuen, höheren Stufe zu seinem ergebenen Diener.
@Peinhard
ja, diese Widersprüche sind mir durchaus bewußt, ich halte mich aber in diesem Blog mit solchen theoretischen Schwergewichten wie der Systemfrage zurück, sorry. Dass diese zu stellen und auf möglichst breiter gesellschaftlicher Ebene zu beantworten notwendig wäre, d’accord. Die Frage hat übrigens flatter aktuell sehr schön auf seinem Blog feynsinn gestellt – schade dass er meinen Beitrag nicht freigibt
Das halte ich für Nostalgie. Hans-Ulrich Wehler hat im letzten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte darauf hingewiesen, dass der Mythos der nivellierten Mittelstandsgesellschaft schon zu der Zeit, als er aufkam, nicht stimmte. Deutschland ist nach dem “Dritten Reich” sofort wieder anti-egalitärer geworden.
Das ergibt eher keine belastbare Hypothese, wie schon oft angemerkt worden ist. Thatcher und Reagan haben ja nicht Löhne festgesetzt. Das Problem ist vielmehr das Absinken nicht-spezialisierter Arbeit. Inwiefern das politisch zu konterkarieren ist, das ist eine andere Frage.
@salvo
“Ja, diese Widersprüche sind mir durchaus bewußt, ich halte mich aber in diesem Blog mit solchen theoretischen Schwergewichten wie der Systemfrage zurück, sorry.”
Aber es nützt ja nix, selbst auf die Gefahr hin, Wänden zu predigen. ;) Was hülfe es denn wir gäben uns Illusionen hin, zu denen übrigens auch das berühmte ‘Skandinavische Modell’ gehört. Denn auch wenn es immer noch besser scheint oder ist als der typisch deutsch gründliche Wahnsinn, der hierzulande entfesselt wurde – auch dieses Modell befindet sich in rasantem Rückbau, zZt vor allem in Schweden. Auch hier fordern die ‘Sachzwänge’ der Kapitalverwertung ihren Tribut.
Dein Kommentar by feynsinn scheint übrigens freigeschaltet, und hat gleich noch ein Geschwisterchen bekommen. ;)
@Peinhard #50
So fragwürdig finde ich diese Formel ?gerechter Lohn? an sich nicht. Ich halte es für einen ziemlichen Irrglauben anzunehmen wie Du selbst im eigenen Folgeabsatz auch, die Mehrheit ist des Kosums überdrüssig und will die vollen Regale nicht mehr leer kaufen.
Im Gegenteil, würde eine grosse Mehrheit hinreichend Tauschmasse haben, würde sie als produktives Mitglied dieser Gesellschaft auch ein ordentlich konsumierendes Mitglied sein. (Ob das aus Ressourcengründen sinnig ist, ein anderes Thema.) Ist es aber aus den von Dir beschrieben Gründen eben nicht. Die Kohle fehlt dafür oder wo es geht hilft die Finanzwirtschaft gerne über die eigene Herstellerhausbank des Automobilkonzerns, weil man dann doppelt verdient. Am Fahrzeug und an der Finanzdienstleistung. Wo wir wieder bei der Gier sind statt des schönen guten Geschäftsmannsgedanken wonach man den anderen ja noch irgendwie Leben lassen möchte, weil der soll ja noch mal wieder kommen (können).
Das die Kohle fehlt, liegt unsortiert und unvollständig an: höheren Gebühren, an neuen Gebühren am notwendig gewordenen eingenen Standbein zur Altersvorsorge (hallo Finanzwirtschaft) und je nach betrieblicher Situation an gekürzten Einkommen wegen Wegfall von Zulagen, Urlaubs.- Weihnachtsgeldern, etcpp. Ach ja Bildung ist auch teuer und dafür sollt eman dann auch noch einen Vetrag abschliessen – mit der Finanzwirtschaft.
In 2009 reduziert sich bereits heute absehbar die verfügbarbare Kaufkraft ohne sonstige Einflüsse pro Haushalt mit Steuraufkommen um ca 1.5 % wegen dem neuen Krankenkassenbeitrag in der GKV. Es braucht keinen Sinn um festzustellen, das Wachstum in 2009 wird ausbleiben. Da auf Arbeitgeberseite der selbe Gegenwert am Gewinn knabbert, darf davon ausgehen, dass Lohnzuwächse noch schlechter ausfallen werden. Kein Arbeitsplatz ist dabei durch Technik und Verlagerung verloren gegangen und dennoch sind ca 1.5% Kaufkraft in 2009 schon heute futsch.
…Faden verloren…
Ausweitung der Produktionskapazitäten? Warum? Für Wen? Genauer, für wen im Innland? Wenn man schon mal den Binnenmarkt aus den Augen verloren hat oder nur als Bestandsmarkt mit Firmenfahrzeugen bestückt und verwaltet, kann man sich leisten, die Einkommen der Beschäftigten in Frage zu stellen. Also, wofür man neue Kapazitäten schaffen kann ist vielleicht ausserhalb vom Innland. Ist es sinnvoll diese gleich auch ausserhalb vom Innland zu verlagern? Falls ja, dann ja. Was braucht man dafür? Geld. Wer kommt ins Spiel? Die Finanzwirtschaft mit Darlehn für Investments und die Staaten mit Subventionen für neue Jobs wahrscheinlich auch Kreditfinanziert. Falls nein, dann tragen unsere Beschäftigten (noch) zur Wertschöpfung bei? Werden sie es mit Unterstützung des Finanzmarktes schaffen, auch wenn es knapper wird? Bekommen wir es noch produktiver hin? Welches Investment benötigen wir dafür eventuell (hallo Finanzwirtschaft). Mehr Arbeiten für weniger Lohn? Hauptsache der Job bleibt erhalten. Es geht? Es geht noch? Ok, es geht!
Das System erstickt nicht an seiner eigenen Produktivität es ertrinkt daran, dass die Bezahlbarkeit zB eines neuen Fahrzeuges davon abhängt, ob man die Differenz per Darlehn noch bezahlen kann oder nicht.
Dazwischen ist ein Termin mit den Analysten. Die wollen Zahlen haben um den Aktionären hochrechnen zu können, dass wir deren Erwartungen doch noch irgendwie erfüllen können. Gelobt sei, was den Kurs oben hält – und sei es mit dem Finanzierungsgeschäft. Oben fiel der Begriff “Gier”. Wessen Gier eigentlich? Wer braucht zweistellig Wachstumsraten? Now and forever. Wofür? Sachzwang? Scheint so, die wollen es, sie kriegen es. Ist mein Job (also nicht in echt meiner. ;-)) .
Nach Feierabend schaut der Opelianer dann kurz bei seinem Berater vorbei und fragt den, ob denn die Fonds für seine Altervorsorge und/oder für die Ausbildung seiner Kinder ordentlich was abwerfen. Wird ja schliessen auch nicht billiger – später. Sein viel zu alter Opel parkt derweil unter der Laterne. Immerhin ist der abbezahlt.
Sorry Peinhard und andere. Ein wenig durcheinander aber vielleicht doch nicht so ganz falsch. Und die Frage: wo ist der Notausgang?
Viel Spass bei der Antwort. :-)
@Spiegelfechter:
Ist mir schon klar, dass wir übereinstimmen. Mir ging es dabei um den Sprachgebrauch. Und insoweit glaube ich nicht, dass Du mit den von Dir gewählten Formulierungen irgendeine Chance hast, dem Neidvorwurf zu entgehen. Das Neidfreiheits-Testat bekommt halt nur, wer den eisernen Willen mitbringt, von Tatsachen unerschüttert den Chancenlosen ihre Armut vorzuwerfen. Unter Bedingungen eines “Wohlstands für alle” neidfrei bleiben – das kann ja jeder. Gefordert ist, eigene oder nachbarliche Armut als notwendigen Preis des Erfolgs weniger zu verstehen.
“sorry wenn ich irgendwas übersehen habe, aber wer hat mit geeigneten wiwi theorien unterfüttert?”
Monetaristen, behavioral economists, Neoklassiker, Chicago School, Hayekianer etc. Wobei zu bemerken ist, dass die ersten drei Kategorien auch eine Minderheit von Ökonomen umfassen, die nicht zu einer politisch konservativen Selbstinterpretation ihrer wissenschaftlichen Arbeit gelangt sind. Für die letzten beiden kann man das, soweit ich weiss, nicht ernsthaft behaupten. Obama-Berater Goolsbee hält sich nicht gerade hundertprozentig an den Theoriekanon der Chicago School – trotz der Tatsache, dass er die Chicago School durchlaufen hat. Daher sollte man ihn nicht der Schule zurechnen.
“Ich denke, es ist sehr kulturabhängig. Manchen fehlt es einfach an dem nötigen Optimismus.”
“Optimismus” ist nicht kultur-, sondern epochenspezifisch. Optimismus-Propaganda war die ideologische Hauptressource des Reaganismus (oder, noch deutlicher: sie ist das verbindende Element von kapitalistischem und sozialistischem Realismus). Schaue ich mir dagegen Deutschland in den 60er und 70er Jahren an, so wurde es umgetrieben von Ängsten vor Atomkrieg und Umweltkatastrophen. Offenbar können Ängste politisch sehr produktiv sein. Sie sind es auch derzeit in den USA, in denen die öffentliche Stimmung aktuell eher an jene Ära in Deutschland erinnert, in der der Begriff der “Reform” etwas anderes meinte als den Griff in die Taschen jener Bürger, die angesichts der zunehmenden Entleerung selbiger eigentlich eh kaum noch Taschen bräuchten.
Freilich kann man das Argument durchaus umdrehen und den eingeforderten Optimismus auch mal gegen die fiskalpolitische Propaganda der großen Koalition wenden: Woher weiss z. B. die SPD-Spitze eigentlich, dass die von Lafontaine und Gysi angemahnte Erhöhung des Steuerniveaus in der BRD auf den OECD-Durchschnitt hierzulande wachstumsfeindlich und realitätsfern ist? Sie will es glauben und glauben machen – das ist alles. In diesem Kontext ist Pessimismus Trumpf. Andererseits bringt SPD-Haushälter Schneider sogar den von den Bankern nicht mehr geteilten “Optimismus” auf, letztere könnten bald wieder
weiteren Superprofiten entgegensehen. Da manifestiert sich wahre Glaubensstärke.
Persönlich sehe ich die Hauptschwäche der Linken darin, dass die agenda-kritische Bevölkerungsmehrheit einfach nicht über den Wunsch, zur DM zurückzukehren, hinauskommt. Angesichts des vor dem Verfassungsgericht anhängigen Verfahrens gegen die Zustimmung zum EU-Verfassungsvertrag scheint es zwar so, als gäbe es eine Koalition zwischen Paläo-Konservativen á la Gauweiler, Paläo-Sozialdemokraten á la Schachtschneider und Linkspartei, die die Bevölkerungsstimmung abbildet, aber de facto sind Linke nun mal Internationalisten. Als Lafontaine in Frankreich gegen den Vertrag Stellung nahm, tat er das auf französisch. Einen anderen Vertrag und eine veränderte Gesellschaft zu wollen, ist eben nicht dasselbe, wie sich einfach in die Vergangenheit zurückzusehnen.
Unsere gegenwärtige Polit-Elite ist offenbar für die Bürger letztlich ebenso zustimmungsfähig, wie es Reagan und Bush (in seiner ersten Amtszeit) für die Amerikaner waren. Ökonomische Selbsttäuschungen lassen sich jahrzehntelang aufrechterhalten. Noch vor kurzem meinten 38% aller Amerikaner, sie würden zu den Top-1% der Verdiener und Vermögensbesitzer gehören. Sozialdemokratismus á la Krugman ist bei uns derzeit einfach nicht mehrheitsfähig. Die Europäer kommen momentan noch nicht über die irrlichternde Orientierungslosigkeit á la Sarkozy hinaus. Anything goes – von Goldstandardphantastereien bis zu wirklichkeitsfremdem Verstaatlichungsgerede. Nur das Naheliegende ist undenkbar. Eigentlich fehlt bloß noch ein europäisches Star Wars-Projekt, um die Flucht ins Imaginäre zu komplettieren.
Die Abwesenheit des Sozialstaats verursacht offenbar erst dann Schmerzen, wenn alle seine Bestandteile erfolgreich amputiert sind – wenn aus den Schmerzen Phantomschmerzen geworden sind. Da bleibt ein größeres Stückchen Weg vor uns. Noch können wir heroisch die Zähne zusammenbeißen und uns über die Verfügbarkeit regierungsoffizieller Sedativa freuen. Wer wird denn gleich das Rauchen aufgeben, weil ihm drei Zehen fehlen?
@misterL
“Ausweitung der Produktionskapazitäten? Warum? Für Wen?”
Um die ‘Selbstverwertung des Wertes’ aufrecht zu erhalten. Steigt die Produktivität ohne dass eine Produktionsausweitung den ‘Minderbedarf’ an Arbeitkraft kompensiert, gerät das System unweigerlich in die beschriebene Abwärtsspirale. Dieses System ist ‘zum Wachstum verdammt’ – andernfalls es kriselt und/oder sich eben obskure Erscheinungen wie allerlei ‘Blasen’ ausbilden.
“Das System erstickt nicht an seiner eigenen Produktivität es ertrinkt daran, dass die Bezahlbarkeit zB eines neuen Fahrzeuges davon abhängt, ob man die Differenz per Darlehn noch bezahlen kann oder nicht.”
Dass er das immer weniger kann, hängt aber eben mit der beschrieben Stagnation oder gar Schrumpfung aufgrund der ‘Schere’ zwischen Produktivitätsfortschritt und Produktionsausweitung und der dadurch produzierten Armut zu tun. Zum ‘gerechten Lohn’ könnte ich jetzt einfach auf Marx’ ‘Kritik des Gothaer Programms’ verweisen. Was ich hiermit auch tue. ;) Es kommt aber noch dazu, dass aufgrund immer weiter fortschreitender Vernetzung und Arbeitslteilung sowie der vermehrten Nutzung ‘toter’ Arbeit in Form von Wissen und Maschinen ein ‘individueller Anteil’ ander ‘Wertschöpfung’ noch viel weniger festgestellt werden kann.
Die Seite http://www.newsproject.org hat immer wieder interessante Berichte über die Auswirkung der Finanzkrise auf Privatpersonen. Unter der Rubrik Fallout on Mainstreet stellen sie Interviews mit Studenten, Farmern, Einzelhändlern, Pastoren uva. online.
Sehenswert!
@Peinhard
ich halte beide Ansätze für notwendig: Einersteits sollte diese Gesellschaft wieder lernen, über alternative Konzepte nachzudenken, das Unverstellbare sich wieder vorstellen können, dass es eine Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise geben kann. Wie diese Alternativen aussehen können, darüber sollten die Menschen frei und offen diskutieren können – der alternative Gesellschaftsentwurf kann aber IMHO nicht das theoretische Ergebnis eines abgehobenen sich selbst legitimierenden Zirkels sein. Wir können uns zwar lange und breit darüber auslassen, wie alles auszusehen hat und wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Aber abgesehen davon, dass unsere theoretische Auseinanderstzung eben angesichts der realen Verhältnissen nur Theorie bleiben würde, wäre sie nur ein möglicher Entwurf unter vielen. Ic h hege eine prinzipielle Skepsis gegenüber allen, die – selbst guten Willens – die Wirklichkeit in die Form theoretischer Konstrukte einsperren (wie zB Robert Kurz, dessen selbstgefällige theoretische Gewissheit mir Angst macht). Der andere Ansatz, den beispielsweise Jens in seinem Blog fährt, man könnte ihn eine systemimmannente Kritik nennen, ist aber mE ebenso notwendig und wichtig, da es nicht nur darum gehen kann, entweder den kapitalismus total zu überwinden oder tatenlos zuzusehen, wie er zusammenbricht und alle Lebensbreiche mitzieht. Der OECD Bericht zeigt ja, dass es in Deutschland um Einiges schlimmer ist als in anderen europ. Ländern. Das ist ein Hinweis, dass in diesen anderen Ländern politisch mit der kapitalistischen Wirklichkeit anders umgeht als hierzulande. Es gibt also auch alternative politische Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Systems. Ob das das Beste ist, vermag ich nicht zu sagen. Du wirst sagen, der Kampf um Verbesserungen innerhalb des Systems sei eine Illusion, ich halte das offen. (p.s. deinem Einwand, dass auch in Schweden zB ähnliche Transformationspprozesse wie hier ablaufen, muss man entgegnen, dass diese erst unter der Ägide konservativer Parteien verstärkt werden, die zu einer Zeit an die Macht gekommen sind, als das neoliberale Modell noch kaum angefochten war.)
“dann ist auch wieder Überangebot an Bankern und die Löhne sinken auf das Niveau der Krankenpfleger.”
Au weia. Es rollt eine Entlassungswelle durch Bankerland. Mag sein, dass Schalterpersonal wie Krankenpfleger bezahlt wird oder auch nicht – Derivatehändler jedenfalls wird man jetzt nicht mehr bloß, weil man eine entsprechende Qualifizierung hat. (Übrigens zeigte jüngst eine Studie auf, dass es heute auch nichts mehr nützt, eine SAP-Qualifizierung zu erwerben – SAP-Beraterjobs bekommen nur noch diejenigen, die schon welche haben.) Die Millionenboni haben nichts mit der minimalen Verfügbarkeit hochqualifizierten Personals zu tun, sondern mit dem reichlichen Aufkommen parasitärer Einkunftsquellen. Der holländische Tulpenboom, die South Sea Bubble etc. hatten auch nichts mit einem Mangel an Gärtnern oder Seeleuten zu tun. Da frage ich mich doch wirklich, wie man auf solchen Blödsinn kommt. Nur unter der Annahme von gesamtwirtschaftlichem Arbeitskräftemangel kann man so etwas behaupten. Gesamtwirtschaftlicher Arbeitskräftemangel ist aber die historische Ausnahme. In Frankreich und Deutschland gab es ihn so ca. zwischen 1958 und 1968. Und selbst damals gab es es Migration als Nachschubquelle. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Arbeitskräfteüberschüsse sind die notwendige Voraussetzung einer Umverteilung von unten nach oben.
“Hans-Ulrich Wehler hat im letzten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte darauf hingewiesen, dass der Mythos der nivellierten Mittelstandsgesellschaft schon zu der Zeit, als er aufkam, nicht stimmte. Deutschland ist nach dem ?Dritten Reich? sofort wieder anti-egalitärer geworden.”
Auf dem Historikertag letzte Woche war Wehler vielfach Gesprächsthema ( er selbst war nicht anwesend). Sein fünfter Band wird wohl als extreme Enttäuschung abgehakt werden. Seine “Hinweise” darin halten leider allzuoft der Empirie nicht stand.
“Das ergibt eher keine belastbare Hypothese, wie schon oft angemerkt worden ist. Thatcher und Reagan haben ja nicht Löhne festgesetzt. Das Problem ist vielmehr das Absinken nicht-spezialisierter Arbeit.”
Das Problem ist eine übermässige Steigerung des Arbeitsangebots in Relation zur Arbeitsnachfrage. Ich würde bspw. mal annehmen, dass Schuhputzen “nicht-spezialisierte Arbeit” ist. Die US-Presse berichtete kürzlich, im Zuge der Kurseinbrüche sei die Nachfrage nach der Dienstleistung der an der Wall Street tätigen Schuhputzer um ca. 80% eingebrochen. Ich biete eine Wette an, dass sie sich damit wieder auf einem Niveau wie vor ca. 30 Jahren befindet. Wir kommen also zu dem Schluss, dass es keineswegs “nichtspezialisierte Arbeit” als solche ist, die in den letzten 30 Jahren “abgesunken” ist.
Interessanter Artikel, bei dem allerdings die Frage offen bleibt, wie es zu New-Deal oder sozialer Marktwirtschaft kam. Begründungen, die auf hoher oder schwacher Moral fußen, sind immer instabil. Oder glaubst du, wir könnten, indem wir “die Moral” wieder anheben, zu einer Umkehr der Politik kommen? Und warum sollte die Moral gelitten haben?
@Jörg Friederich
Eine interessante Frage, die ich mit einer Gegenfrage bewantworte. Warum galt es früher als unschicklich, als leitender Angestellter das hundertfache seines Assistenten zu kassieren? Warum hatten die alten Firmenlenker der Bonner Republik eine soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter?
In den USA verhält es sich wohl ähnlich – zumindest, wenn man Krugman Glauben schenken darf.
Ergänzung zu meinem Kommentar #59 und zugleich indirekter Kommentar zu Jörg Friedrich und Spiegelfechters Kommentar #61:
Ich bin kein Historiker, habe aber umfangreiches statistisches Material zum Thema des Zusammenhangs zwischen Beschäftigungsniveau und demographischer Entwicklung gesammelt. Daraus geht hervor, dass für entwickelte Ökonomien gilt, dass die Bevölkerungsentwicklung der zuverlässigste Prädiktor der langfristigen Beschäftigungsentwicklung ist – zuverlässiger als alle von verschiedenen ökonomischen Schulen bemühten Parameter der Geld-, Fiskal- und Ordnungspolitik.
Das hat eine positive und eine negative Implikation: die positive besteht darin, dass Deutschland vermutlich tatsächlich in absehbarer Zeit den aus Arbeitnehmersicht dringend benötigten Arbeits- und Fachkräftemangel bekommen wird, der wieder zu einer egalitäreren Einkommensverteilung in Deutschland führen kann. Die negative besteht darin, dass die Prognose eines weitere 40 Jahre anhaltenden Bevölkerungswachstums auf unserem Planeten bedeutet, dass erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts mit einer globalen Abnahme von Hunger und Elend zu rechnen ist – und nicht einmal dies, falls Fundamentalisten aller Religionen von Osama bis Palin es hinkriegen, den segensreichen Trend der Geburtenabnahme wieder zu invertieren. Zu diesen Fundamentalisten muss wohl auch die in Deutschland besonders häufige Subspezies von Wirtschaftswissenschaftlern gerechnet werden, die wider alle statistische Evidenz den Kausalitätsvektor zwischen Ökonomie und Demographie einfach umkehren und damit verdeutlichen, dass man auch Wirtschaftswissenschaft mit theologischer Absicht oder doch zumindest bloß theologischem Ergebnis betreiben kann.
Dass sich hier tonnenweise politische, soziologische, sozialpsychologische und moralisch-ideologische Implikationen ergeben, liegt auf der Hand.
@Peinhard
Gilt das im Kern genau dann, wenn Du um Deinen Binnenmarkt eine schöne stabile Mauer gebaut hast. Den höheren Ouptut kann man auch zum selben Preis exportieren und woanders verwerten.
Produktivität ohne dass eine Produktionsausweitung den ?Minderbedarf? an Arbeitkraft kompensiert, gerät das System unweigerlich in die beschriebene Abwärtsspirale.
Ja, nein. Das funktioniert anders. VW könnte zu 100% seine Produktion nach China verlegen, seine Zulieferer über leichten Preisdruck dazu anregen zu folgen und einen Golf in D dann ggf. für unter 10.000 statt für über 20.000 anbieten. Die müssten nur dafür sorgen, dass die verlorenen Jobs in D irgendwie halbwegs gut bezahlt anderweitig entstünden und es wäre für den Markt in D für VW wahrscheinlich rein wirtschaftlich kein Verlust. Der Verlust wegen Imageschadens wäre der weitaus grössere. (Alles eine lose Behauptung – ich weiss.)
Dein
fortschreitender Vernetzung und Arbeitslteilung sowie der vermehrten Nutzung ?toter? Arbeit in Form von Wissen und Maschinen ein ?individueller Anteil? an der ?Wertschöpfung? noch viel weniger festgestellt werden kann.
ist einfach ein eigenständiger Produktsfaktor, der sich neben den Faktor individuelle Arbeit gestellt hat und in Zukunft immer mehr Bedeutung haben wird als individuelle Arbeit. Das Autos keine Autos kaufen ist klar, aber vielleicht machen es Produktionautomaten für ihren Weg zur neuen Produktionsstätte.
Siehe es emtionslos (versuchs es zumindest) – individuelle Produktionsromatik und volle Werkshallen sind Geschichte.
@SF #61
Warum galt in den 50er und 60er Jahren vieles als wenig schicklich, was heute im Kinderprogramm zu sehen ist? Moral und Ethik verändern sich. ;-)
Die Bonner Republik hat ohnehin zwei bis drei Sonderrollen. 1. Nachkriegsdeutschland saft auf Demokratiekurs zu bringen und zu halten. Mit der Peitsche geht das schlecht. 2. Den Beweis anzutreten wie gut das neue System ist und 3. Jede Menge Potential für Aufbauarbeit in jeder Hinsicht.
Vergessen: Punkt 4 der Rheinische Kapitaliusmus. Leben und Leben lassen bzw. auch jet wat gönne könne. ;-)
@61 , 64
Nein, so stimmt das nicht. Die sozialen Rechte samt deren Lohngefälle in der alten BRD wurden massiv von den Arbeitern und den Gewerkschaften erkämpft, erkämpft unter dem besonderen Aspekt einer hochgerüsteten Systemauseinandersetzung weltweit. Verschenkt wurde da überhaupt nichts.
Diese einmaligen historischen Sonderbedingungen, die Schaufensterpolitik in beiden deutschen Staaten, ermöglichte das menthale Gefühl der “Unschicklichkeit” und das, was heute historisch unter der Epoche “soziale Marktwirtschaft” zu verstehen ist.
Ohne die DDR, mit ihren sozialen Rechten, das andere System als Tatsächlichkeit, hätte es den Verhandlungspielraum der Gewerkschaften in der BRD bei Arbeitskämpfen und Verhandlungen, und die Einsichtsichtsfähigkeit der Arbeitgeberverbände nie so gegeben.
Leise Kritik:
- Hm. Nun stehen diese Sätze im Text auch noch direkt nebeneinander. Als sei das des Spiegelfechters Fazit: Bildung. Nichts gegen Bildung, Gott behüte, aber nicht gegen Armut, sondern als Grundvorraussetzung für das Gelingen eines demokratisches Gemeinwesens. Daher sollte sie selbstverständlich auch kostenfrei sein. Sonst sägt sich das System selbst ab, und am Ende gibts President Palin oder Paris Hilton als Kaiserin, und Aberglauben und Pogrome erleben ihre Renaissance. Die ökonomistische Sichtweise, Bildung sei vor allem deswegen toll, weil man damit (als “Investition” ins eigene “Humankapital”, muhahahaha) seinen Marktwert steigere und einen tollen Job bekomme, können hervorragend ausgebildete Geisteswissenschaftler nur belächeln. Die Art “Bildung”, von der hier die Rede ist, beschränkt sich eher auf das Lernen eines bestimmten Gewinner-Habitus und “nachgefragter Kompetenzen”. Nachgefragt vom Markt, von Unternehmen, wohlgemerkt. Und hier zeigt sich wieder einmal das Versagen dieses Marktes, denn er produziert angepasste Ameisen, Parteisoldaten und gestreamlinte McKinsey-Gewinnertypen, aber keine notwendige Kritik mehr am großen Ganzen. Ein System aber, das so nicht mehr in der Lage ist, sich selbst ehrlich zu hinterfragen, steht auf tönernen Füßen.
Was die auseinanderklaffende Schere angeht – die ist jenseits aller Beteuerungen natürlich genau so gewollt, vom neoliberalen CDU-Flügel wie von der Agenda-SPD. Anreize, Baby. Wer im Dreck sitzt und im TV den Denver-Clan sieht oder eine Reportage über Hotels in Oman, oder die schönen Sachen aus der Werbung, der wird fleissig Tellerwaschen, um auch mal so ein Millionär zu werden. Hayek. Das ist das ganze schlichte Geheimnis, verborgen hinter einem Nebel von heuchlerischen Beteurungen, Fake-Besorgnis und Lügen über Aufstiegschancen. Ändern wird sich da nix. Fragt doch mal Herrn Sinn, ob es schlimm ist, dass Menschen arm sind. Fragt jeden asozialen Parteigänger der FDP, und er wird euch erzählen, hierzulande sei sowieso niemand arm. Etc.
Wie aber kommt es zu dieser Politik? Man hat per Umfragen herausbekommen, wie die jeweilige Volkspartei ihre Pfründe sichern kann: Die Leute sorg(t)en sich nämlich sehr um die Arbeitslosigkeit. Also geben wir ihnen Arbeit. Niedrig bezahlt, so wenig, dass der Staat ergänzen muss, egal. Hauptsache, die Statistik sinkt. Notfalls wird noch ein wenig manipuliert. So kann man dann auch jede Schweinerei und Liebedienerei gegenüber der Wirtschaft, und jede reale Verschlechterung der Lebensumstände für die Mehrheit rechtfertigen:
“Sozial ist, was Arbeit schafft.”
Wie es zu diesem kurios-irrationalen abendländischen Arbeitskult kam, wäre einen eigenen Artikel wert (noch im Mittelalter war Arbeit Fluch und Plage, und man träumte vom Schlaraffenland. Heute geht man auf Florida-Rolf los, und hat Arbeitszeiten, die tw. länger als im Mittelalter sind, gestrichene Feiertage, etc. etc.)
Sorgten sich die Leute nicht um Arbeit, sondern um Einkommen, ginge es also stattdessen darum: “Die Kinder sollen genug zu essen bekommen und was anständiges lernen, jeder muss gleichen Zugang zu einem anständigen Gesundheitssystem haben, die Ressourcen sollen vernünftig verwendet werden, niemand soll in einem der reichsten Länder der Welt hungern müssen, die auseinanderklaffende Schere ist obszön, wir wollen nicht Dritte-Welt-Zustände, kein Mensch muss hunderte Millionen Euro besitzen, wenn andere die Heizung nicht bezahlen können”, müsste man ganz andere Politik machen und das von allen produzierte Bruttosozialprodukt ganz anders verteilen. Das hiesse etwa Grundeinkommen, oder eine Form von demokratischem Sozialismus, Genossenschaften und Kooperativen, Staatsunternehmen, oder eine Mischung von all dem, oder whatever. Das hiesse, der von CDU und FDP so verteufelten “Gleichmacherei” das Wort zu reden. Aber das wollte man nicht.
Die Tellerwäscher wollen lieber Hayek. Dass von 1000 Tellerwäschern vielleicht 6, 7 Millionäre werden und die anderen Tellerwäscher bleiben, die nie in dem Restaurant essen gehen werden, für das sie Tellerwaschen, ist die Seite der Medaille, die gerne verschwiegen wird.
Daher, wie gesagt, nichts gegen breite gute Bildung, das wäre immerhin mal ein Anfang, um all das zu ändern.
Zu Lemmy Caution
und der Willigkeit der US-Bürger, hohe Ungleichheit zu erdulden:
Das hat auch mit der starken calvinistischen Prägung der USA zu tun. Nach dieser sehr puritanischen Lesart des Protestantismus ist Armut stets durch eigene Schuld verursacht. Dies erzeugt bei den von Armut Betroffenen ein tiefes Schamgefühl und treibt viele in die Einsamkeit. Daher kaum öffentliches Aufbegehren selbst gegen ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse.
Ich halte den empirischen Befund der unterschiedlichen Moral zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten sogar für plausibel. Ich glaube auch, dass Moral sich verändert, sie tut das nicht von selbst, aber auch nicht einfach in Abhängigkeit von ökonomischen Faktoren. Einfache Basis-Überbau-Theorien (die hier niemand behauptet hat, nicht dass man mich missversteht) sind sicherlich nicht brauchbar – auch nicht in ihrer dialektischen Variante.
Weiterhin bin ich auch der Meinung, dass moralische Normen auf ökonomische Entscheidungen wirken und damit eine regulierende oder auch zerstörende Rolle spielen.
Aber was folgt aus alledem? Sollen Manager zwangsweise auf Kirchenbesuche verpflichtet werden? Prüfungen im Fach Ethik für BWLer?
Erst einmal glaube ich nicht, dass es um die Moral der Manager schlechter bestellt ist als um die der anderen Menschen in einer Gesellschaft – die Konsequenzen sind nur größer. Die Frage ist also nicht, warum die Moral der Reichen gelitten hat, sondern warum insgesamt ethische Grundsätze in die defensive gekommen sind. Vielleicht sind das Gründe, die irreversibel sind? Oder werden wir wieder moralisch, wenn es uns nur schlecht genug geht?
@young urban: alles sehr interessant, du solltest selber bloggen. Aber was soll die versteckte Hayek-Kritik? Hast du ihn gelesen? Dem ist am wenigsten ein Vorwurf zu machen, denn der hat die Grenzen seines Wissens und seiner Theorien sehr gut gekannt.
“instabile Begründungen”
Coole Feststellung. Ja mei, was sag ich drauf? Instabil – instabil wie das wirkliche Leben vielleicht? Aber indem ich eben eine bestimmte Begründung gebe, mache ich mich für andere greifbar. Da wird es dann halt kostspieliger für mich, die gegebene Begründung wieder zurückzuziehen. Ich kann sie nicht einfach kassieren, ohne dass mich andere dafür zahlen lassen – um es mal mit Hilfe eines monetären Paradoxes auszudrücken.
Aber es geht auch undialektisch. Das Arbeitskräfteangebot kann z. B. sinken durch
a) Krieg – siehe Deutschland infolge von WK 1 und 2 und 30jährigem Krieg
b) Auswanderung – siehe Deutschland in den späten 40er Jahren, Irland praktisch jahrhundertelang
c) Immigrationsrestriktion – siehe USA zur Zeit des New Deal oder EU aktuell
d) De-Emanzipation der Frauen – USA in den späten 40ern
e) Geburtenraten – der Faktor, der heute diskussionsbeherrschend geworden ist und es für die politische Rechte bspw. auch in den 20ern und 30ern war, als Demographen davon schwadronierten, die Berliner Bevölkerung habe sich offenbar für die 0.5-Kind-Familie entschieden (schon immer waren es paradoxerweise schrumpfungsverängstigte Völker, die wähnten, ihnen fehlten Lebensraum und andere Ressourcen)
f) Ausmerzung von qualifizierten Bevölkerungsminderheiten – deutscher Antisemitismus
g) Freiwilliger Rückzug oder Ausquartierung von Gastarbeitern – USA 50er Jahre und frühe 60er Jahre, als schwarze und hispanische Bürgerrechtler (Chavez, Abernathy) an der Grenze demonstrierten, um gegen Immigration Stellung zu beziehen; aktuell Remigration von Hispanics oder Polen aus USA, Island, England usw., auch von Deutschrussen aus der BRD)
h) Epidemien – Pest im Mittelalter, Grippe-Massentod nach WK 1
Ebenso können alle diese Faktoren fehlen oder mit umgekehrtem Vorzeichen auftreten. Identity politics wird immer dann beherrschend, wenn der Arbeitsmarkt kritisch wird. Im Extremfall – jüdischer Zionismus – wird eine ganze Ethnie von ihrer Umwelt gezwungen, sich im Interesse der Selbsterhaltung territorial und ideologisch komplett neu zu orientieren. Die gewöhnliche Dosis majoritärer Xenophobie steigt bei zweistelligen Arbeitslosigkeitsraten für Zuwanderer und Gastarbeiter schnell auf ein gefährliches Belastungsniveau an.
Also ist die egalitärere Struktur der deutschen Restvolksgemeinschaft der 50er Jahre nicht apriori als moralische Errungenschaft zu verbuchen. Der Vergleich mit ihr zeigt aber, dass man auch heute “mehr Egalitarismus wagen” könnte, ohne Existenz oder Erfolg unserer Gesellschaft zu gefährden. Und dass wir heute im Unterschied zu damals mit moralischen Selbstlegitimationen hantieren, die das Ausbleiben dieses Versuchs eigentlich als eine erstaunliche Leerstelle in unserem Selbstverständnis kenntlich machen.
@young urban
Alles richtig – ich bezog den Ansatz “Bildung” auf die Einkommensmobilität. Die beste Chance für ein Kind aus “einfachen” Verhältnissen einen besser bezahlten Job als seine Eltern zu bekommen, ist nun einmal Bildung – wenn man mal singuläre Chancen á la Rapper oder Fußballstar herauslässt.
Natürlich kann “Bildung” auch umgekehrt zur Einkommensmobilität beiträgen, die ja als solche nicht postiv definiert ist. Als Sohn aus besserem Haus kann man auch “Philosophie” studieren und dann wesentlich weniger verdienen, als der Herr Vater – aber das meine ich natürlich nicht in meinem Beispiel ;-)
@Jörg Friederich
Deine Meinung in Gottes Ohr.
Nutz nichts – Wirtschaftsethik wird unterrichtet, aber keiner nimmt das Gelehrte ernst. Da die BWL sich auch nicht um solche Sachen zu kümmern hat (der Physiker, der eine Atombombe baut, hat auch kein Prüfungsfach “Ethik”), muss es nun einmal Gesetze geben, die die Auswirkungen des Handelns der Wirtschaft in Leitplanken einpassen, die im Sinne der Gemeinschaft tolerabel sind. Dass dies einen Wirtschaftliberalen nicht schmeckt, ist mir klar. Aber die von Dir genannte Selbstkontrolle funktioniert nun einmal leider nicht. Im Zweifel bevorzuge auch ich freiwillige Ansätze und würde nicht sofort nach dem Staat rufen – aber momentan ist mein Vertrauen doch arg gestört.
Das stimmt sicher.
Weil “moralische” Argumente in Zeiten, in denen es uns geht, nicht gehört werden – schon vergessen?
@62 Jörg
Die Betonung muss hier auf kann liegen. Denn die OECD hält die mit der Schrumpfung einhergehende Alterung der Gesellschaft für einen wesentlichen Grund für die Ungleichheit. Sie beziffert den Anteil der Alterung an der Ungleichheit im Falle Deutschland sogar mit 20 Prozent. Der Mechanismus dahinter ist natürlich, dass alte Leute keine Arbeitseinkommen beanspruchen können.
Generell muss man in dieser Diskussion die Rolle der Erwerbstätigkeit beachten. Deswegen waren ja 2007 1,2 Millionen Menschen aus der Armutsgruppe herausgekommen. Wie auch immer das jetzt weitergeht.
@Spiegelfechter: Du ruftst (notgedrungen) in einer Diskussion nach dem Staat während du an anderer Stelle die Privatisierung der Rest-landesbanken erwägst – wenn du nicht aufpasst wirst du noch zu einem echten Neo-Liberalen. Dann lannst du mich auch wieder ohne “e” in der Mitte des Nachnamens schreiben.
Zu Peinhard und dem Druck auf das skandinav. Modell:
Entgegen der Wahl-Versprechen (“nur kleine Korrekturen am Wohlfahrtsstaat”) möchten Schwedens Konservative stärkere “Reformen” durch-drücken (z.B. Reduzierung oder gar Abschaffung der Erbschaftsteuer). In Schwedens Bevölkerung sind die Konservativen mittlerweile unpopulär. Die Finanzmarkt-Krise dürfte deren neoliberale Politik in weitere Erklärungsnöte bringen.
@63 misterL
Nur noch mal kurz…
“Gilt das im Kern genau dann, wenn Du um Deinen Binnenmarkt eine schöne stabile Mauer gebaut hast. Den höheren Ouptut kann man auch zum selben Preis exportieren und woanders verwerten.”
Die von mir beschriebenen ‘Effekte’ sind zwar in den Metropolen besonders ausgeprägt, gelten aber prinzipiell auch längst für den ‘Weltbinnenmarkt’.
“Das Autos keine Autos kaufen ist klar, aber vielleicht machen es Produktionautomaten für ihren Weg zur neuen Produktionsstätte.”
Wohl kaum… die erhalten nämlich auch keinen Lohn.
“Siehe es emtionslos (versuchs es zumindest) – individuelle Produktionsromatik und volle Werkshallen sind Geschichte.”
Ich habe das Beispiel zwar schon ein paar mal gebracht, aber stell dir einfach eine 100% automatische Produktion von Gütern und Dienstleistungen vor. Wie soll das noch ‘kapitalistisch’ funktionieren…?
“Gründe, die irreversibel sind”
Ich glaube, jetzt taste ich mich an meine intellektuelle Schmerzgrenze heran. Die calvinistische Prägung der USA wäre dieser Hypothese zufolge ja in den letzten 40 Jahren erheblich folgenreicher gewesen als in den Jahrzehnten zuvor. Wie soll das gehen? Zuletzt sind ganz überwiegend katholische und andere nichtprotestantische Einwanderer in die USA gekommen.
“Die Frage ist also nicht, warum die Moral der Reichen gelitten hat, sondern warum insgesamt ethische Grundsätze in die defensive gekommen sind.”
Da bin ich versucht, Ernst Jünger variierend zu sagen, dass die Summe aller Moral immer gleich bleibt. Auf die Idee könnte man tatsächlich kommen. Wir sind nicht mehr antisemitisch wie der Herr Adenauer, der in den 50er Jahren keine Hemmungen hatte, eine Formulierung wie “der Einfluss jüdischer Kreise in Amerika” in den Mund zu nehmen, gönnen stattdessen aber dem Herrn Ackermann einen höheren Anteil am Volkseinkommen, als ihn seinerzeit sein Vorgänger Abs vereinnahmen konnte. Jedenfalls finde ich es ein bisschen dünn zu sagen, die Frage sei nicht, warum die Moral der Reichen gelitten habe, weil schließlich die Moral der Manager sich lediglich durch größere Konsequenzen von jener des Restvolks unterscheide. Diese Aussage lässt überhaupt nicht zu, so etwas wie Moral zu denken, die schließlich an die Möglichkeit des willentlichen Tuns und Unterlassens gebunden ist. Warum und wie ist einer Manager? Warum rettete der Manager Berthold Beitz jüdische Menschenleben, während der unbekannte Gefreite XY jüdische Menschenleben opferte? Wie kann man ernsthaft behaupten, das Handeln des Gefreiten habe weniger schwerwiegende Konsequenzen gehabt? Wie stellen wir uns das bei jenem Russen vor, der im Kalten Krieg einst den Raketenabschussbefehl verweigerte (habe den Wikipedia-Link aktuell nicht zur Hand)? Hat der etwa nicht moralisch werthaltiger gehandelt als die Kremlherren, sondern einfach bloß eine höhere Kognitionsleistung erbracht? Und wenn das so war – warum war dann nicht er an der Spitze, sondern stattdessen am Ende der Hierarchie? Wenn die Manager dieser Welt heute mehr Leistung erbringen als früher, warum sterben dann in den von ihnen gemanagten Verhältnissen dieses Jahr wesentlich mehr Menschen den Hungertod als noch letztes Jahr (Weltbank)? Angeblich sind wir – nicht einige von uns, sondern alle – in der Nachkriegszeit mehrere Jahrzehnte lang immer intelligenter geworden: der sogenannte Flynn-Effekt. Wenn das so war, wieso werden dann einige für ihre steigende Intelligenz belohnt, obwohl sie gar nichts dazu beigetragen haben – und andere, deren Intelligenz ebenso zugenommen hat, werden von den Nationalökonomen aufgrund ihrer zunehmenden Armut als kognitiv defizitäre Minderleister abgestempelt?
Mal abgesehen von allen Argumenten ist mir die Grafik zu Einkommensungleichheit / Einkommensmobilität aufgefallen.
Als Naturwissenschaftler fällt mir auf, dass dafür, dass die Abhängigkeit der Einkommensmobilität von der Ungleichheit gezeigt werden soll, eigentlich die Achsen vertauscht sind. Desweiteren halte ich es für recht weit hergeholt, bei einer so breiten Verteilung von Korrelation zu sprechen.
Dazu drei Beispiele:
Frankreich hat eine vergleichbare Ungleichheit wie Deutschland, aber eine signifikant geringere Mobilität.
Spanien hat bei deutlich höherer Ungleichheit eine vergleichbare Mobilität
und wenn man Kanada mit Deutschland vergleicht, ist genau der umgekehrte Zusammenhang postulierbar.
Deshalb würde ich sagen, dass generell diese Beziehung gelten mag, aber aus dieser Grafik so und in dieser Entschiedenheit nicht ableitbar ist.
Für eine Korrelation ist die Streuung zu groß, somit ist dieses Verhältnis nur ein Parameter, der von vielen anderen, evtl. auch Länderspezifischen überlager wird.
Nur aus der Grafik ist aber auch denkbar, dass es den Zusammenhang gar nicht gibt.
Ich betone noch mal, dass das keine Kritik an den Argumenten sein soll, davon habe ih nämlich wenig Ahnung, zumindest nicht genug, um darüber ordentliche Diskussionen zu führen.
Zu Karl Heinrich: Die Armut habe in 2007 wg. Beschäftigungszunahme um 1,2 Mio Menschen abgenommen:
Ich bezweifle diese wohl vom DIW stammende Zahl. Durch die reale Abnahme des Medianeinkommens hat sich rein statistisch die Zahl der Armen reduziert, ohne daß sich deren Situation auch nur um einen Deut verbessert hat.
Außerdem sind die Realrenten auch in 2007 gesunken.
@71
Das ist doch gerade die Crux: Individuell mag diese Mobilitätschancenrechnung plausibel klingen und wenistens als Wahrscheinlichkeitsrechnung aufgehen: “Wenn ich mich nur anstrenge und fleissig bin, kann / werde ich es schaffen.” Gesamtwirtschaftlich betrachtet können natürlich nicht alle aufsteigen, und auch nicht mal alle, die sich anstrengen, denn das ganze System beruht darauf, dass es eine Arbeitslosenreservearmee, dass es Niedriglohnjobs, Schuhputzer und Tellerwäscher gibt. Ich werde nie die zynische verschwurbelte Begründung vergessen, mit der mal jemand aus der CDU die Beibehaltung der Hauptschulen forderte (das war vor ein paar Jahren und vor der dann folgenden Hauptschuldiskussion). Da ging es nur um Bedürfnisse “der Wirtschaft” an Bevölkerungsoutput, die Fließbandarbeiter braucht und wenig Steuern zahlen will, und nicht um irgendwelche “Chancen”.
Der Traum, aufzusteigen, und die Energie, die dieser entfesselt, ist volkswirtschaftlich betrachtet, natürlich sehr von Nutzen, und man wird den Teufel tun, Leuten das auszureden, wie ja auch alle entsprechenden Diskussionen zeigen. Aber wie ehrlich ist das denn? Was sagt man denen, die es nicht schaffen: “Sorry”? “Loser”? Ohne wirklich gleiche, auch materiell gleiche Startbedingungen ist das ganze Chancengleichheitsgerede doch eher ein Feigenblatt, um die Abschaffung materieller Umverteilung zu rechtfertigen, oder den ungerechten Status Quo: “Die warn eben zu faul.”
Das neokonservativ-neoliberale Menschenbild, das Zustände, wie sie heute existieren, gerne bewahren möchte, geht ja klassischerweise davon aus, dass es ein oben und ein unten gibt, Leistungsträger und Sozialstaat-auf-der-Tasche-lieger, dass also ein jeder seinen (von Gott, vom Markt, von der Leistung) zugewiesenen Platz hat, und das alles gut so ist. Daher der Hass auf “Gleichmacherei”. Und sorry, das ist nun mal Hayek. Die Synthese von Neokonservatismus und Neoliberalismus, die wir in den letzten 10 Jahren erlebt haben, ist natürlich besonders schön, da Anwürfe gegen den Konservatismus mit neoliberalen Mobilitäts- und Aufstiegschancenargumenten begegnet wird, wo der Markt aber versagt, der herzensgute, steuerentlastete vermögende Christenmensch (mit den echten Werten ™) karitativ einspringt, der weise König gut regiert, und der Arme aufs Himmelreich hofft.
Außerdem: Die Art von Bildung, die der Markt erzeugt und verlangt, entspricht wirklich eher der Dressur von Affen, wie sie die Band “Wir sind Helden” mal in einer Zeile besang, als dem Schillerschen oder Humboldtschen Idealen. Ähnlich wie bei der herzergreifenden “Vertrauenskrise” der Banken entzieht sich aber auch hier der Kapitalismus mal wieder seine eigenen Grundlagen.
Un dennoch würde ich individuell natürlich auch jedem Aufstiegswilligen gut zusprechen und ihn unterstützen, statt ihm zu sagen “vergiss es”. So schizophren ist das eben alles.
@Peinhard
Das mit dem Autofahrenden Produktionsautomaten war denn doch Satire. ;-)
Es ist nicht relevant, ob ich mir das vorstellen kann. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis das weltweit überall im Einsatz wäre. Fakt ist sicher bald (wenn es in den Labors nicht schon so weit ist), dass in weiten Teilen indviduelle Produktionsmitarbeit überflüssig sein wird. Gerade so zukunftsweisende Energieerzeugung per Windräder brauchen bei der Steuerung und Überwachung mehrerer Energieparks fast kein Personal. Man kann sie remote steuern. Kernenergie ist da wesentlich Personal intensiver. Wie sich dann Kapitalismus neu justiert hat, ist wie gesagt irrelevant, weil es nicht von jetzt auf gleich da ist – es passiert schleichend. Zudem. Auf dem Wege dahin wird noch einiges passieren. Oilpeak, Klima, Wasser und Ernährung. Da steht noch viel auf der Agenda.
Vor ein Paar Jahrzehnten texte schon meine US-Lieblingsband in den 80er: profit motiviert, willkommen im krieg und überlebe das nächste jahr. Seit dem hat sich nix geändert.
Karl Heinrich: Reagan und Thatcher hätten die Löhne nicht festgesetzt:
Aber sie haben die polit. Rahmenbedingungen so geändert, daß der wachsenden Ungleichheit Tür + Tor geöffnet wurde, z.B. durch die weitgehende Zerschlagung der Gewerkschaften. Die Methoden Reagans lassen sich sehr gut nachlesen im aktuellen Buch des diesjährigen Ökonomie-Nobelpreisträgers, Paul Krugman (“Nach Bush”).
@Neoliberalismus und Rolle des Staats, z. B. bei den Landesbanken:
Gibt´s Leute, die hier ernsthaft in der Dichotomie Staat vs. Privat das Problem sehen? Dazu fallen mir zwei Meldungen ein. Die eine: In Kuba hat Raúl Castro angeordnet, vermehrt brachliegendes Land an Bauern zu verkaufen, um derart die Agrarproduktion anzukurbeln. Das ist Entstaatlichung, die die Sozialbindung des Eigentums verwirklicht, indem sie Staatseigentum in Privateigentum umwandelt. Zweite Meldung: Die Bertelsmänner von der INSM rufen die EU und die USA zu gemeinsamen Anstrengungen mit dem Ziel eines regime change in Venezuela auf, da Chavez kein Privateigentum zulasse. Beleg unserer Neusozialen für diese Behauptung: Chavez lässt brachliegendes Land von Großgrundbesitzern enteignen, um es an landlose Bauern zu verteilen. Auch dies ist die Verwirklichung der Sozialbindung von Eigentum. Nebenbemerkung: Ich kann nicht beurteilen, ob Venezuela auf dem Weg in eine castristische Diktatur ist, es mir aber durchaus vorstellen, dass dem so sein könnte. Mir geht es hier aber um die INSM und das Grundgesetz.
Und für die Landesbanken gilt wie fürs Eigentumsrecht: entweder bekommen sie wieder ihren alten Daseinsgrund resp. Unternehmenszweck – unwahrscheinlich, da dieser mittlerweile von der KfW und anderen Instituten abgedeckt wird – oder man privatisiert sie/wickelt sie ab.
@74 Jörg Friedrich ohne “e” ;-)
Ich bin sicher kein Etatist. In Bereichen der Daseinsvorsorge und bei natürlichen Monopolen bin ich idT gegen jegliche Privatisierung, Geschäftsbanken gehören aber ganz sicher nicht dazu. Da es in D ein sehr gutes Sparkassensystem gibt, das den Mittelstand meines Wissens auch ordentlich bedient und auch international wettbewerbesfähig ist, sehe ich keinen Grund, warum der Staat sich Geschäftsbanken halten muss. Alle im Text genannten Nachteile dieser Landesbanken inkl. der Führungsstruktur sind für Geschäftsbanken nun einmal brandgefährlich. Natürlich könnte man (meine Argumentation in vergleichbaren Fällen) strenge Regeln aufstellen, nur fehlt mir der Glauben, das dies überhaupt nötig ist, da ich das ganze Modell “Landesbanken” für falsch halte. Meine Meinung.
@83 Jörg
Ich bin vollkommen Deiner Meinung. Öffentlich-rechtliche Institutionen haben da ihre Daseinsberechtigung, wo es Lücken in der privaten Versorgung gibt, die negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Die Landesbanken sind im populären Sinne so etwas, wie Vorabendserien in der ARD und im ZDF – nur das letztere nicht so gefährlich für das Allgemeinwohl sind ;-)
@all und vorallem @anonym
Leider sind einige Kommentare im Wortfilter des Spamschutzes hängen geblieben – die habe ich jetzt freigegeben, wodurch es zu Verschiebungen in den Kommentarnummerierungen kam. Sorry.
Moin moin,
das ist mir jetzt bissel zu viel! Aber einfach Marxens “Kapital” lesen und verstehen, erklärt fast alles, ohne Hokus(“Volkswirtschafts”)-Pokus(“-lehre”)!
Gute Nacht,
wolfgang
@whamburg
Karl Marx ist Hokus(?Volkswirtschafts?)-Pokus(?-lehre?) ;-)
“Außerdem: Die Art von Bildung, die der Markt erzeugt und verlangt, entspricht wirklich eher der Dressur von Affen, wie sie die Band ?Wir sind Helden? mal in einer Zeile besang, als dem Schillerschen oder Humboldtschen Idealen. Ähnlich wie bei der herzergreifenden ?Vertrauenskrise? der Banken entzieht sich aber auch hier der Kapitalismus mal wieder seine eigenen Grundlagen.”
Du hast das Wesen der ‘Bildung’ in diesem System sehr gut auf den Punkt gebracht, schade dass das hier untergeht. Die Forderung, die Verarmungsprozesse breiter Bevölkerungsschichten durch so genannte Chancengleichheit durch ‘Bildung’ umzukehren, ist total verlogen. Sie gehört eben zur derzeitigen ideologischen Infrastruktur dieser Gesellschaft. Ehe man über ‘Bildung’ spricht, müßte dieser Begriff gründlich de-konstruliert werden, andernfalls beteiligt man sich nur an der Konsolidierung falschen Bewußtseins, wie sich das hier auch am Festhalten der Dichotomie Staat/Privat zeigt. Es ist tatsächlich so, dass als Allererste eine grundlegende Ent-Ideologisierung stattfinden müßte, eine De-konstruktion der Kategorien, auf deren Grundlage wir im Diskurs ‘Wirklichekeit’ konstituieren.
zum Topic einige aufschlußreiche Zahlen
Teil1: Daten des Statistischen Bundesamtes vom 22.02.2007
Volkseinkommen 2004 1 650,58 Mrd ?
Volkseinkommen 2006 1 730,38 Mrd ?
Zuwachs 79.80 Mrd ?
Prozentualer Zuwachs 4,83%
Arbeitnehmerentgelt 2004 1 136,79 Mrd ?
Arbeitnehmerentgelt 2006 1 144,89 Mrd ?
Zuwachs 8,10 Mrd ?
Prozentualer Zuwachs 0,71%
Unternehmens- und Vermögenseinkommen 2004 513,79 Mrd ?
Unternehmens- und Vermögenseinkommen 2006 585,49 Mrd ?
Zuwachs 71,70 Mrd ?
Prozentualer Zuwachs 13,96%
Teil2: Daten des Statistischen Bundesamtes vom 22.02.2007
Lohnzuwächse 1995 ? 2004
Schweden 25,4
GB 25,2
USA 19,6
Irland 19,4
Dänemark 15,6
NL 11,9
Frankreich 8,4
EU der 15 7,4
Belgien 6,4
Spanien 5,4
Österreich 2,8
Italien 2,0
Deutschland ? 0,9 (MINUS)
Teil3: Daten des Statistischen Bundesamtes vom 22.02.2007
?Steuer Anteil der Vermögen- und Erbschaftssteuer am BIP:
Japan 2,9 Prozent
USA 3,1 Prozent
Kanada 3,9 Prozent
UK 3,9 Prozent
Australien 2,9 Prozent
Schweiz 2,9 Prozent
Frankreich 3,2 Prozent
OECD Durchschnitt 1,9 Prozent
Deutschland 0,9 Prozent?
Spitzensteuersatz in
Schweden 60%
Finnland 60%
Dänemark 59%
Niederlande 52%
Belgien 50%
Japan 50%
Österreich 50%
Frankreich 48,09
Spanien 45%
Italien 43%
Irland 42%
Deutschland 42%
USA 41,60%
Wir sollten “Optimismus” nicht den Reagonomics überlassen.
Mein damit keine Tschaka-Tschaka Mentalität. Im Gegenteil arbeite ich persönlich vergleichsweise sehr technisch-nerdy … da gabs immer Situationen, in denen ich meinen Themenschwerpunkt änderte und da war ich dann erstmal der doof. Hätte ich mir da Gedanken über die ungleichen Startbedingungen zwischen mir und den Kollegen/Konkurrenten gemacht, wär ich nie auf einen grünen Zweig gekommen.
Das mein ich mit Optimismus.
Wenn man ein paarmal durch diese Doof-Phase gegangen ist, wird man ausserdem zu einem viel geduldigeren und einfühlsameren Experten.
Denke, diese “Welt ist vom bösen Neoliberalismus befallen” Haltung kann einen auch persönlich behindern. Man soll ja gar nicht zum großen Ja-Sager oder so werden.
Neoliberalistisches Denken entstand ja gerade aus einer Frustration über die mangelnde Steuerungsfähigkeit der großen Politik.
Und hier:
Will das nicht zu einer Diskussion um den Socialismo del Siglo XXI machen, aber hier wieder der Glaube von isolierten Maßnahmen in der große Politik, die dann imho völlig aus dem Zusammenhang in gut/schlecht Töpfchen getan werden.
Das kubanische Regime hat im Zuge der Tourismus-Einnahmen die teilweisen Liberalisierungen in der Landwirtschaft vorher auch wieder zurückgenommen. Und daraufhin ist die vorher schon peinlich niedrige Produktivität der kubanischen Landwirtschaft noch weiter zurückgegangen. Ich kann das mit Zitaten vom kuban. Agrarminister im Neuen Deutschland belegen, wenn das jemand anzweifelt. Jetzt wird wieder in die andere Richtung geradelt.
In der venezoelanischen Landwirtschaft hat die Preisbindung die landwirtschaftl. Produktion deutlich behindert. In Venezuela werden z.Zt. in einem vorher unvergleichlichen Maße Lebensmittel importiert und staatlich subventioniert verkauft. Im übrigen wurden auch politisch mißlibige Klein- und Mittelbauern enteignet.
Von einer durchdachten Landwirtschaftspolitik wurde zwar in den Alopresidentes bis etwa Mitte dieses Jahres viel geredet. Konkrete Ergebnisse fehlen da aber bislang. Zur Zeit wurde das Thema Landwirtschaft von den Regionalwahlen Ende dieses Jahres und Feixen über die Finanzkrise abgelöst. Und so läuft das seit über 10 Jahren…
Sehr gefährlich, zu glauben eine Schicht von sympathischen Kleinbauern würde da entstehen nur weil Chávez das sagt.
Gibt sowohl zu Kuba als auch zu Venezuela genug englischsprachige Oppositions-Blogs, die man sich mal anschauen könnte, wenn einen die dortige Politik für plausibel in die Richtung erscheint. Aber die Überprüfung findet nicht statt. Und daran krankt die Linke.
Joachim Jahnke zu den Ursachen der Krise
“Die Neoliberalen wollten mit ihrer Lehre nach dem Fall der Berliner Mauer und des Kommunismus in Osteuropa den Marxismus endgültig austreiben. Was sie jedoch seitdem erreichten, ist eine gigantische Akkumlation von Kapital auf einer kleinen Seite der Gesellschaft. Gerade hat die OECD, eigentlich eine Organisation der kapitalistischen Länder, die immer einseitigere Einkommensverteilung in den alten Industrieländern dokumentiert. Aus der Gruppe von Ländern, die nach dem letzten Stand von 2005 beim oder über dem OECD-Durchschnitt an Ungleichheit lagen, hatten viele nach dem Fall der Mauer in Richtung Ungleichheit dazugepackt, dabei auch Deutschland mit dem viertstärksten Anstieg unter 11 Ländern (Abb. 13543, 14523). Deutschland legte 4,1 Gini-Punkte zu – sehr viel, wenn man berücksichtigt, daß der Abstand zu Schweden und Dänemark mit ihren sozialen Modellen nur etwas über 6 Punkte beträgt.
Eine so einseitige Einkommensentwicklung hätte die Kaufkraft der breiten Massen an Verbrauchern längst austrocknen und die Volkswirtschaften in die Krise treiben müssen. Doch die Neoliberalen konnten das durch einen Trick vermeiden. Die Reichen konnten nämlich die von ihnen nicht benötigte Kaufkraft an die Armen und viele Normalverbraucher auf Kredit zurückleihen. Vor allem viele Amerikaner, die sich sonst nie ein Haus hätten leisten können, konnten nun mit Hypotheken finanzieren, die dann sekurisiert um den Globus herum kapitalkräftigen Anlegern als Anlagen dienten. Auch die Wohlhabenden aus Deutschland waren im Casino der Kredite dabei. International finanziert wurde über zweifelhafte Papiere nicht nur der Bau von Eigenheimen sondern auch der Autokauf, Kreditkartenkauf und selbst Studenten.
Um die Profite aus solchen Papieren noch zu steigern, wurden sie mit Bankenkrediten im Volumen hochgehebelt. Dabei mogelten sich die Banken durch Ausgründung von Vehikeln für das Geschäft mit solchen Kreditpapieren an der Bankenaufsicht vorbei. Die neoliberalen Regierungen wußten natürlich, was da lief (auch die Bundesregierung förderte Sekurisierung und Handel mit solchen Papieren), doch einerseits versprachen ihnen die kurzfristigen Erfolgsmeldungen des künstlichen Booms die Wiederwahl, andererseits nahmen sie neoliberal die vermeintlichen Interessen der Wohlhabenden wahr. Wer Kritik übte, wurde daran erinnert, daß der Reichtum nach unten tröpfeln würde.
Die beiden Hauptüberschußländer China und Deutschland, die ihren Export auf unterentlohnter Arbeitskraft aufbauten, traten ebenfalls als gigantische Kreditgeber an die Defizitländer an. Arme und ausgebeutete chinesische Arbeitnehmer finanzierten so mit den Überschüssen ihrer Arbeitskraft über den chinesischen Staat den Hausbau in USA mit. Mit Japan brachten es diese drei Länder im vergangen Jahr auf einen Leistungsbilanzüberschuß von 835 Mrd Dollar, in fünf Jahren eine gigantische Steigerung auf das Dreieinhalbfache oder seit 2001 zusammen 2,8 Billionen Dollar (Abb. 03798). Es ist die größte internationale Kreditaktion in der Weltwirtschaftsgeschichte.
Was allerdings fehlte, war die Kreditwürdigkeit derer, denen man erst die Kaufkraft abgenommen und dann zurückgeliehen hatte. Also mußte die gigantische Kreditblase früher oder später brechen. Man kann sie nicht wieder aufblasen, wo sie war, und so rutscht die Weltwirtschaft in die Krise.
Die einzige dauerhafte Wirtschaftsordnung kann nur darin bestehen, die Kaufkraft dort zu belassen, wo sie den Arbeitnehmern originär gehört. Ohne staatliche Eingriffe in die Einkommensverteilung und Sozialklauseln im internationalen Handel wird das jedoch nicht möglich sein. Denn ohne das Schreckgespenst des untergegangenen Kommunismus werden die Vermögenden nicht von sich aus und freiwillig auf die nun jahrelang eingefahrene ungleiche Einkommensverteilung verzichten.”
http://www.jjahnke.net/rundbr46.html#kap
Zwischen chinesischen und deutschen Löhnen besteht hoffentlich doch noch ein gewisser Unterschied…
Und Jahnke hat eine sehr einfache Lösung für alle Probleme: Wir verbieten einfach Importe.
Nur beruht einfach ein Großteil des Wohlstands v.a. des Westens darauf, dass hier Unternehmen sitzen, die Maschinen, Software, etc. herstellen, die wegen hoher Qualität ihre Abnehmer findet. Dank moderner Management-Methoden erhält der Einzelne viel Wertschätzung und Möglichkeiten der Partizipation, so dass der Einzelne sich eben auch gerne in die Arbeit einbringt. Ein großer Teil dieser zu erfreulichen Arbeitsbedingungen hergestellten Güter werden exportiert. Wir würden uns damit ins eigene Fleisch schneiden, nur weil ein paar Leute der Meinung sind, dass einfache Arbeiten, die in China viel billiger erledigt werden können, ne total geile Sache ist.
Im übrigen verdanken wir unsere eigene technologisch-wirtschaftliche Entwicklung dem Umstand, dass England und Frankreich während unserer Niedriglohnphase im 19. Jhdt. sehr offen gegenüber unseren Importen waren. Gegenüber den USA war die Bundesrepublik noch in den so hoch bewunderten 60ern ein Niedriglohnland.
Weiterhin empfinde ich persönlich sowieso mehr Empathie mit Kollegen und Freunden in Osteuropa und Südamerika, die trotz ihrer Gehaltserhöhungen und qualifizierter Tätigkeit z.T. immer noch weniger verdienen als irgendwelche teutschen Verweigerer. Die Angleichung der Löhne nimmt natürlich eine gewisse Zeit in Anspruch. Jedoch vollzog sie sich in den letzten Jahren in Ländern wie Slowenien, Slowakei, Tschechien, Ungarn und Polen oder auch in Bangalore relativ schnell.
Man kann darüber reden, durch irgendwelche Maßnahmen Gehälter inklusive Bonussysteme irgendwie nach oben zu beschränken. Aber auf den Freihandel sollten wir aus verschiedensten Gründen nun wirklich nicht verzichten. Viele Fortschritte im naturwissenschaftlichen/ingeniörstechnischen Bereich werden in den nächsten Jahren ohnehin in Asien oder sogar Brasilien gemacht. Damit wir daran partizipieren, können wir uns nicht einfach einschliessen. China hat eine solche Einschlußpolitik zwischen dem 15. Jhdt. und 19. Jhdt. versucht. War nicht besonders erfolgreich.
Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass das neoliberale Gesellschaftsmodell wieder total versagt hat.
Und von wegen Bildung:
“Motto: Bei den Banken sind sie fix, für die Bildung tun sie nix!”
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3534#more-3534
@93
vorab: ich nehme prinzipiell niemanden ernst, der mit bloßen Unterstellungen arbeitet. Ich empfehle jedem Interessierten, sich bei Jahnke selbst zu informieren, was er unter ‘falscher Globalisierung’ versteht und welche alternative Konzepte er vorschlägt, jedenfalls nicht ‘keine Globaliserung’, wie du hier unterstellst
http://www.jjahnke.net/index.html
Zu Lemmy Caution und Venezuela:
Es ist erstaunlich, wie genau manche Neoliberale (z.B. STERN, Lemmy Caution) über angebl. oder tatsächl. Übeltaten Chavez’ informiert sind, zu massiven Verbrechen etwa der kolumbianischen Regierung (z.B. Zusammenarbeit mit faschist. Todesschwadronen, Wahlbetrug, Stimmenkauf) jedoch schweigen. Bush + Merkel kritisieren zwar Chavez, unterstützen jedoch den kolum. Staatschef Uriebe.
Zu Lemmy Caution und der
“vielen Partizipation”, “Wertschätzung” und den “angenehmen Arbeitsbedingungen” in Deutschland:
Du hast wohl die letzten 10 Jahre verschlafen! Der Leistungsdruck der Beschäftigten nimmt ständig zu (erkennbar auch am Anstieg psychischer Erkrankungen), die Arbeitszeiten nehmen seit mehreren Jahren wieder zu. Und die Reallöhne sinken seit Jahren.
@Salvo: Jahnke möchte eine durch den weißen Mann bestimmte Handelsordnung. Zugeständnisse an nicht-traditionelle Industrieländer werden großmütig eingeräumt, wenn es die soziale Ordnung der traditionellen Industrieländer nicht “übermäßig” stört.
@96: Alvaro Uribe ist der demokratisch gewählte Präsident Kolumbiens. Er besitzt zur Zeit einen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung. Natürlich ist ein gesundes Mißtrauen gegen kolumbianischen Politikern immer angebracht. Schliesslich handelt es sich um ein innenpolitisch äußerst gewalttätiges Land.
Davon ungeachtet, ist es völlig ok Hugo Chávez (der sein Referendum verloren hat) vehement abzulehnen. Im Gegensatz zur beginnenden Castro Diktator der 60er wird Chávez von der überwältigen Mehrheit der Studenten und Intellektuellen abgelehnt. Dies geht – auch nach den Erfahrungen von 50 Jahren Castro Herrschaft in Kuba – bis zum Haß des von mir zur Zeit geradezu verehrten Schriftstellers und Politshow-”Moderators” Jaime Bayly, der seit Monaten ca. 40% seines von youtube downloadbaren Programms Hugo Chávez und seinen Dependancen widmet. Jaimito Bayly ist in Lateinamerika sehr prominent und beliebt. Die Castro-Diktatur stand in den 60ern für den Fortschritt. Aus meiner Sicht damals ein Irrtum. Chávez steht nicht für den Fortschritt.
@97: Ich habe die letzten 10 Jahre nicht verschlafen, sondern mich im Gegensatz in solche Arbeitsbedingungen hereinbemüht. Selbst wenn der durchschnittliche Reallöhn sinkt, kann dein eigener steigen. Ist doch schön.
Zu Lemmy Caution – Kommentar-Nr. 98:
Die momentane Popularität Uribes resultiert nicht zuletzt aus der von den Begleitumständen her noch immer nicht geklärten Geiselbefreiung.
Chavez verfügt laut Umfragen über eine Mehrheit von 55 bis 65% (je nachdem,
ob ein eher regierungsnahes oder ein oppositionsnahes Institut die Umfrage
durchführt). Die Amerikahörigkeit der venezulanischen Opposition dürfte die
Zustimmungsraten der venezulanischen Opposition nicht gerade nach oben getrieben haben (Stichworte: Finanzmarktkrise, Offenbarungseid der neoliberalen Ideologie, außenpolitischer Imperialismus). Zugegeben: Durch den Verweis auf den Zocker-Finanzkapitalismus kann Chavez Schwächen seiner eigenen Politik zudecken.
“Popularität” an sich ist darüber hinaus kein Qualitätsmerkmal, und
das gilt sowohl für Chavez als auch für Uribe. Denn auch Hitler und Stalin verfügten
zu ihrer Zeit sehr lange über eine große Popularität (selbst unter dem Aspekt, daß
sie die Kontrolle über die Massenmedien ausübten). Auch Mafiosi Berlusconi (kaum
wieder im Amt, beginnt das alte Spiel: die Gesetzgebung wird auf seine Person
zugeschnitten) konnte trotz seiner mehr als dubiosen Politik- und Geschäftspraktiken erneut
die italienischen Wahlen gewinnen. Er verfügt zwar über einen umfangreichen “Medien-
Apparat” und trotzdem: jeder Italiener hat die Möglichkeit, sich unabhängig von den
Berlusconi-Berieselungsmedien anderweitig zu informieren. Auch hier gilt:
eine gewonnene Wahl ist noch kein Qualitätsmerkmal für die Politik des
Wahlsiegers.
Du schreibst: “Alvaro Uribe ist der demokratisch gewählte Präsident Kolumbiens.”
Tatsache ist jedoch: Uribe hat bei Parlamentswahlen Wahlbetrug begangen und im kolumbianischen Parlament Stimmenkauf betrieben.
Was mich massiv stört: Der STERN z.B. schlägt sehr oft mit voller Breitseite auf Chavez ein,
tut aber gleichzeitig so, als handele es sich bei Kolumbien um ein ganz normal regiertes
demokratisches Land. Diese Art von Kampagnen-Journalismus kotzt mich an.
Uribe besass auch schon vor der Geiselbefreiung hohe Zustimmung.
Er ist einfach sehr erfolgreich gegen die Kolumbien nun mal schlicht und einfach höchst unbeliebten FARC.
Die sich daraus ergebende Sicherheit erzeugte ein starkes Wirtschaftswachstum.
Mit dem Niedergang der FARC verliert übrigens auch die parapolítica ihre Legitimation und Uribe geht z.T. schon gegen diese Leute vor. Wirklich vertrauen kann man dem ganzen natürlich nicht, zumal zwar ein Niedergang der FARC stattfindet aber die Coca-Produktion hoch bleibt. Und Coca ist dort nunmal ein wichtiger Treibstoff für die Gewalt.
Chávez hat immerhin großmäulig Truppen mobilisiert, während Uribe völlig cool blieb. Das ganze endete dann wie in einer Telenovela mit Umarmungen auf dem Latino-Gipfel in Santo Domingo. Nein, Chávez kann wirklich unabhängig von Uribe behandelt werden, ohne dass von “Kampagnen-Journalismus” gesprochen werden muss. Der Kerl wird einfach kontinuierlich verrückter. Kritik ist nicht Draufschlagen.
Zu Lemmy Caution:
Sie schreiben zu zum kolumbianischen Regierungschef Uribe:
“Er besitzt zur Zeit einen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung.”
Neben den bereits von anderen Blog-Teilnehmern vorgebrachten kritischen Stellungnahmen
zu Uribe (Wahlbetrug, Stimmenkauf, Zusammenarbeit mit rechten Todesschwadronen) läßt auch nachfolgende Äußerung erhebliche Zweifel am demokratischen Charakter der Uribe-Regierung aufkommen:
“Am 1. Oktober bin ich nach Cali gefahren. Ich hatte vor, dort zwei Wochen zu bleiben, um zwei Organisationen unseres Netzwerks zu begleiten. In der Region herrscht ein erbitterter Arbeitskampf der Zuckerplantagenarbeiter, die vom Netz unterstützt werden. Am Tag meiner Ankunft gab es einen Demonstrationszug der Zuckerarbeiter und ihrer Unterstützer und Unterstützerinnen. Ich habe Fotos gemacht und den Demonstrationszug die ganze Zeit beobachtet. Nach den Kundgebungen im Zentrum Calis hatten wir uns schon von der Demonstration entfernt, als ich von drei Männern in Zivil, die sich als Beamte der kolumbianischen Geheimpolizei DAS zu erkennen gaben, aufgefordert wurde mitzukommen. Gegen 17 Uhr kamen wir in der Einrichtung des DAS an, wo man mir gegen 20.30 Uhr eröffnete, dass ich die Nacht über bleiben müsse, ohne die Möglichkeit, einen Anwalt zu kontaktieren. Erst um 10.30 Uhr am nächsten Morgen hat mir mein Anwalt dann gesagt, dass der DAS dabei sei, meine Ausweisung vorzubereiten. …
Meine Ausweisung hat in jedem Fall mit dem Streik zu tun. Denn eine Woche später wurden zwei Franzosen ausgewiesen, die einen Dokumentarfilm über die Situation der Zuckerarbeiter drehen wollten. Für die kolumbianische Regierung scheint der Zucker-Konflikt unheimlich kritisch zu sein, sie wollen da offenbar auf keinen Fall internationale Beobachter haben, die Informationen ins Ausland verbreiten. …
Das ist eine für den kolumbianischen Staat typische Reaktion, Menschenrechtsaktivisten und die sozialen Bewegungen in Verbindung mit der Guerilla zu stellen und sie damit zu kriminalisieren und zu illegalisieren. Das Gleiche machen sie auch mit den streikenden Zuckerarbeitern, um alle militärischen Maßnahmen gegen sie zu rechtfertigen. Dazu passt, dass das Red de Hermandad y Solidaridad ungefähr eine Woche nach meiner Ausweisung eine Morddrohung von Paramilitärs erhalten hat, in der alle Organisationen des Netzwerks, auch die Kolumbienkampagne Berlin, aufgeführt und zum militärischen Ziel erklärt wurden. All das gefährdet sehr die internationale wie auch die nationale Menschenrechtsarbeit.
Ich denke, dass sich die wiederholten Fälle von Ausweisungen in der Region Cali auf die Menschenrechtsarbeit im ganzen Land auswirken werden. Natürlich sind das Einschüchterungsversuche, vor allem wenn der Präsident dann auch noch im Fernsehen erklärt, diese Beobachter seien Kriminelle, die im Gefängnis sitzen sollten. Im Moment müssen wir alle sehr vorsichtig sein, was die Menschenrechts- und Beobachterarbeit fürchterlich behindert.”
http://www.neues-deutschland.de/artikel/138057.praesident-uribe-kriminalisiert-solidaritaet.html#
zurück zu diesem Thema
@Jens, hast Du schon diesen Artikel von weissgarnix über Keynes gelesen?
“Retter des Kapitalismus”
http://www.weissgarnix.de/?p=677
@salvo
Im Großen und Ganzen ein netter Artikel, auch wenn mir da ein paar Sachen aufstoßen.
-> Marx
Der Autor vergöttert Keynes, kritisiert allerdings seine Anhänger auf eine hochnäsig öberflächliche Art und Weise. Da stellt sich die Frage, wen er im Namen Marx´ eigentlich kritisiert – das Original oder die Interpretation? Das Original hat zu einer “etwas” anderen Zeit gewerkelt, als der gut Keynes und ich würde ihn eher – wenn schon nicht als geistigen Wegbereiter -, dann doch als “Vorlagengeber” für Keynes bezeichnen. Eine derart oberflächliche Spaltung (Marx böse, Keynes toll) trifft den Punkt nicht.
-> Lafontaine
Der Autor kennt Lafontaine anscheinend nur vom Hören Sagen, sonst würde er wissen, dass dieser wesentlich mehr Keynes als Marx in seinem Köcher hat.
-> Fristenkongruenz
Da macht es sich der Autor sehr einfach.
Ansonsten ist der Artikel aber recht gut.
Ich finde den Artikel in erster Linie wirr. Was ist der ‘sanfte Tod des Rentiers’ anderes als ein Absterben der Kapitalakkumulation, mithin die ‘Überwindung des Kapitalismus’; die ‘Sozialisierung der Investitionen’ anderes als dann eben auch die ‘Sozialisierung des Eigentums’? Oder was die (so dort nicht erwähnte) Verlagerung von Aufgaben, die für die Privatwirtschaft mangels Rendite uninteressant gewordenen sind, in den öffentlichen Sektor anderes als ‘Vergesellschaftung’? Keynes sah mE sehr wohl, dass der Kapitalismus auf längere, wenn nicht mittlere Sicht eben nicht zu ‘retten’ ist, hoffte aber (im Gegensatz zu Marx) auf einen sanften, von ‘verständiger Wissenschaft’ moderierten Übergang zu einer ‘postkapitalistischen’ Gesellschaft.
@SF: Meinst du ‘Vorlagengeber’ zB in Hinsicht auf die Krisentheorie?
@Peinhard
Vorlagengeber deshalb, weil Keynes sich in seiner Theorie sehr viel vom Marx´schen kritischen Ansatz abgeschaut hat. Wenn wir in politischen Bildern bleiben wollen, so ist Keynes für mich, ein Sozialismus mit humanem Gesicht.
Mich würden ja mal die Stellen bei Keynes interessieren, aus denen Du den Willen zu einer “postkapitalistischen” Gesellschaft herauslesen willst ;-)
“Mich würden ja mal die Stellen bei Keynes interessieren, aus denen Du den Willen zu einer ?postkapitalistischen? Gesellschaft herauslesen willst ;-)”
Dazu müsstest du ja eigentlich einfach nur die an den fraglichen Artikel gerichteten Fragen beantworten…
Mich würde dann aber mal interessieren, inwiefern und warum Marx für einen ‘inhumanen’ Sozialismus stehen soll. ;-)
Ich würde mal behaupten, dass er sich auf die bisherigen Umsetzungen des Sozialismus bezieht von denen vor allem der in China unter Mao und der sowjetische unter Stalin riesige Opfer gefordert haben.
Zwar würde der Kapitalismus, wenn man die Opfer gegeneinander aufwiegen würde wohl mehr Opfer auf seiner Seite verbuchen, aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass der autoritäre Sozialismus gescheitert ist.
Die Theorie von der Diktatur des Proletariats wurde zweckentfremdet, allerdings war eine System wie es vielerorts in seinem Namen errichtet wurde wohl kaum seine Intention.
Unbestritten ist allerdings, dass die Marx’sche Analyse des Kapitalismus immernoch sehr aktuell ist und sich viele seiner Prognosen bewahrheitet haben.
Herr Horst, da bin ich ganz bei Ihnen. ;) Nur muss man sich auch fragen, ob ein Sozialismus, der ausdrücklich den Kategorien Ware, Wert, Lohnarbeit etc verhaftet blieb, überhaupt so genannt werden darf. Marx selbst hätte das mit Sicherheit verneint.
Zu Keynes’ ‘postkapitalistischem Impetus’ siehe auch:
http://www.memo.uni-bremen.de/docs/m6504.pdf
@Peinhard
Danke für den Link, ich werde den Text am Wochenende lesen
@Jens
weissgarnix ist in seinem aktuellen Beitrag wieder auf den ‘new deal’ zu sprechen gekommen, es schreibt allgemein von einzelnen Maßnahmen, die teilweise einander aufgehoben hätten, der New Deal an sich sei kein zusammenhängendes durchdachtes Konzept gewesen. Leider wird er in dem kurzen Text nicht konkret. Würde mich interessieren, welche Maßnahmen er meint und welche Wirkung sie hatten oder nicht hatten
http://www.weissgarnix.de/?p=689
Pam Martens, Wall Street Insider, stellt die Frage, ob wir es mit einer Kreditkrise oder dem Zusammenbruch eines Ponzi Schema zu tun haben
“Purge your mind for a moment about everything you’ve heard and read in the last decade about investing on Wall Street and think about the following business model:
You take your hard earned retirement savings to a Wall Street firm and they tell you that as long as you “stay invested for the long haul” you can expect double digit annual returns. You never really know what your money is invested in because it?s pooled with other investors and comes with incomprehensible but legal looking prospectuses. The heads of these Wall Street firms have been taking massive payouts for themselves, ranging from $160 million to $1 billion per CEO over a number of years. As long as new money keeps flooding in from newfangled accounts called 401(k)s, Roth IRAs, 529 plans for education savings, and hedge funds (each carrying ever greater restrictions for withdrawing your money and ever greater opacity) everything appears fine on the surface. And then, suddenly, you learn that many of these Wall Street firms don’t have any assets that anybody wants to buy. Because these firms are both managing your money as well as having their own shares constitute a large percentage of your pooled investments, your funds begin to plummet as confidence drains from the scheme.
Now consider how Wikipedia describes a Ponzi scheme:
?A Ponzi scheme is a fraudulent investment operation that involves promising or paying abnormally high returns (?profits?) to investors out of the money paid in by subsequent investors, rather than from net revenues generated by any real business. It is named after Charles Ponzi…One reason that the scheme initially works so well is that early investors ? those who actually got paid the large returns ? quite commonly reinvest (keep) their money in the scheme (it does, after all, pay out much better than any alternative investment). Thus those running the scheme do not actually have to pay out very much (net) ? they simply have to send statements to investors that show how much the investors have earned by keeping the money in what looks like a great place to get a high return. They also try to minimize withdrawals by offering new plans to investors, often where money is frozen for a longer period of time…The catch is that at some point one of three things will happen:
(1) the promoters will vanish, taking all the investment money (less payouts) with them;
(2) the scheme will collapse of its own weight, as investment slows and the promoters start having problems paying out the promised returns (and when they start having problems, the word spreads and more people start asking for their money, similar to a bank run);
(3) the scheme is exposed, because when legal authorities begin examining accounting records of the so-called enterprise they find that many of the ‘assets’ that should exist do not.”
Looking at outcomes 1, 2, and 3 above, here?s where we are today.”
http://www.counterpunch.org/
Ich denke, dass hier http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/—dgreports/—dcomm/documents/publication/wcms_100786.pdf wäre ein Update des Themas würdig. Zumindest nach erstem Crosslesen.