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  • Fünfzig Jahre afrikanische Entkolonisierung

    geschrieben am 15. Oktober 2010 von Spiegelfechter

    ein Gastbeitrag von Achille Mbembe

    Hier sind wir also im Jahr 2010, fünfzig Jahre nach der Entkolonisierung. Gibt es wirklich irgend etwas feierlich zu gedenken, oder muss im Gegenteil alles neu angepackt werden?

    Autoritäre Restaurationen hier, administrative Mehrparteiensysteme dort, woanders magere Fortschritte, die umkehrbar bleiben. Fast überall ein sehr hohes Niveau an sozialer Gewalt, sprich Situationen des Absackens, verpuppter Konflikte oder offenen Krieges auf Grundlagen einer Ressourcenausbeutungswirtschaft in direkter Verbindung mit der kolonialen merkantilistischen Logik, welche die Ausblutung weiterhin fördert – so sieht mit einigen Ausnahmen das Gesamtbild aus.

    In den meisten Fällen sind die Afrikaner noch nicht einmal so frei, ihre Führer frei auswählen zu können. Zu viele Länder hängen immer noch an der Gnade von Satrapen, deren einziges Ziel der lebenslange Machterhalt ist. Da sind die meisten Wahlen natürlich gefälscht. Den Aspekten der Wahlprozeduren bringt man zwar die grundsätzlichsten Elemente des Wettbewerbs als Opfer dar, aber man behält die Kontrolle über die wesentlichen Hebel der Bürokratie, der Wirtschaft und vor allem der Armee, der Polizei und der Milizen. Die Möglichkeit, die Regierung per Stimmzettel zu stürzen, gibt es praktisch fast nirgends, und so können nur das Attentat, die Rebellion oder der bewaffnete Aufstand dem Prinzip der ewigen Fortdauer der Macht widersprechen.

    Global gesehen sind die Dinge also festgefahren, vor allem im frankophonen Afrika, wo man dank der Wahlmanipulationen und der Vater-Sohn Ablösungen sagen kann, dass man de facto unter maskierten Klanherrschaften lebt.

    Wohin gehen wir?

    Mich beuteln auch fünf schwerwiegende Tendenzen. Die Erste ist die Abwesenheit eines demokratischen Denkens, welches eine wahrhafte Alternative zum gegenwärtig fast überall etablierten Ausbeutungsmodell darstellen könnte. Die Zweite ist der Rückzug jeglicher Perspektive einer radikalen sozialen Revolution auf dem Kontinent.

    Die Dritte ist die ansteigende Senilität der schwarzen Mächte (Anm.: Original: des pouvoirs nègres), ein Phänomen, das, unter Beibehaltung der Proportionen, an ähnliche Prozesse im 19. Jahrhundert erinnert, als zahlreiche Königreiche ihre Souveränität verloren, in Unordnung und Brüderkriegen endeten, weil sie unfähig waren, den internen und externen Druck und das Andocken an einen destruktiven Kapitalismus zu verhandeln.

    Die Vierte ist das Absacken ganzer Gesellschaftsteile und, bei Millionen von Menschen, das ununterdrückbare Verlangen, überall sonst zu leben nur nicht bei ihnen – das allgemein gewordene Verlangen nach Abfallen und Desertion.

    Diesen strukturellen Dynamiken fügt sich eine weitere hinzu: das Auftauchen einer Kultur des Baseballschlägers, des blutigen Aufruhrs ohne Zukunft, der sich bei günstiger Gelegenheit in Plünderkriege verwandelt. Diese Art von Lumpenradikalismus (Anm.: Original: sorte de lumpen-radicalisme), in Wahrheit Gewalt ohne alternatives politisches Projekt, wird nicht nur von “sozialen Kadetten”, deren tragische Symbole die “Kindersoldaten” und die “Joblosen” der Armenghettos sind, getragen. Diese Sorte blutigen Populismus wird, sobald nötig, auch von sozialen Kräften mobilisiert, die kraft ihrer Kolonisierung des Staatsapparates aus ihm ein Instrument persönlicher Bereicherung gemacht haben. Oder ganz einfach eine private Ressource oder eine Quelle des Raffens jeglicher Art, im Zusammenhang mit dem täglichen Kampf der Anhäufung oder schlicht dem täglichen Überlebenskampf. Um den Preis der Zerstörung von Staat, Wirtschaft und der Institutionen ist diese Klasse zu allem bereit, um ihre Macht zu erhalten, und im Übrigen ist in ihren Augen Politik nichts anderes als eine Methode, den Bürgerkrieg oder den ethnischen Krieg mit anderen Mitteln zu führen.

    Diese brüsken Beobachtungen bedeuten jedenfalls aber nicht, dass es in Afrika keine Bedürfnisse von Freiheit und Wohlsein gäbe. Dieses Verlangen aber hat Mühe, eine Sprache zu finden, hat Mühe, effiziente Praktiken zu finden, und vor allem eine Übertragung in neue politische Institutionen und eine neue politische Kultur, in welcher der politische Kampf kein Nullsummenspiel mehr ist.

    Die Gewalt der “Nirgendwoher”

    Damit die Demokratie in Afrika Wurzeln schlagen kann, müsste sie von organisierten sozialen und kulturellen Kräften getragen sein; von Institutionen und Netzen, die geradeheraus aus dem Genie, aus der kulturellen Erinnerung, aus der Kreativität und vor allem aus den Kämpfen der Menschen selbst und aus ihren eigenen solidarischen Traditionen entstanden sind.

    Aber das reicht nicht. Wir brauchen auch eine Idee, die die lebendige Metapher der Demokratie wäre. So könnte man beispielsweise einem neuen demokratischen Denken den Weg öffnen, indem man Politik und Macht rund um den Imperativ des Stärkens der “Lebensreserven” neu definiert – auf einem Kontinent, auf dem die Tötungsmacht quasi unbegrenzt ist und Armut und Krankheit das Leben so unsicher und so prekär machen.

    Im Grunde genommen muss so ein Denken gleichsam utopisch wie pragmatisch sein, um radikal zu sein. Notwendigerweise müsste es ein Denken der Grenzen des Politischen und der Politik des Begrenzens sein. Gleichzeitig muss es ein Denken-was-kommt sein, ein Denken des Auftauchens und des Aufstandes. Dieser Aufstand jedoch müsste, im Kontext der Globalisierung und im Hinblick auf die Ereignisse seit den Unabhängigkeiten, weit über das antikolonialistische und antiimperialistische Erbe hinausgehen, dessen Grenzen nunmehr flagrant sind.

    In der Zeit bis dahin gibt es zwei entscheidende Faktoren, die die Demokratisierung des Kontinents bremsen. Zunächst eine gewisse politische Ökonomie. Dann eine gewisse Vorstellungswelt über Macht, Kultur und Leben.

    Einerseits hat die Brutalität der ökonomischen Zwänge, die die afrikanischen Länder entlang des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts erfahren haben – und die unter dem Knüppel des Neoliberalismus weiterläuft -, dazu beigetragen, eine Vielzahl und Vielfalt von Menschen “von nirgendwoher” zu fabrizieren. Deren Erscheinen auf der politischen Bühne wickelt sich zunehmend ab über die Mode des Tötens während xenophober Wallungen oder ethnischer Kämpfe – vor allem am Tag nach verfälschten Wahlen, im Zusammenhang mit Protesten gegen das teure Leben (Anm.: statt “Lebenshaltungskosten” den Originalausdruck übernommen: protestations contre la vie chère), oder auch im Rahmen der Kämpfe um essentielle Lebensressourcen.

    Hier handelt es sich um Leute, die strikt nichts mehr zu verlieren haben, die darüber hinaus dem völligen Verlassensein ausgeliefert sind – Lebensbedingungen, denen sie oft nur durch Migration, Kriminalität und alle möglichen Illegalitäten entkommen können. Es ist eine Klasse der “Überflüssigen”, mit der der Staat (wo er noch existiert), mit der insbesondere der Markt höchstselbst nichts anzufangen wissen. Es handelt sich um Menschen, die man kaum in die Sklaverei verkaufen könnte wie in den Zeiten der Anfänge des modernen Kapitalismus, die man kaum zur Zwangsarbeit verdammen kann wie in der kolonialen Epoche oder der Apartheid. Aus dem Blickwinkel des in diesen Regionen der Welt existierenden Kapitalismus sind sie vollkommen nutzlos – eine Masse menschlichen Fleisches, die man der Gewalt, der Krankheit, dem nordamerikanischen Evangelismus, den islamischen Kreuzfahrern und allen Spielarten der Hexenkulte und der Illumination überlässt.

    Sodann hat die Brutalität der ökonomischen Zwänge auch das demokratische Projekt jedweder Inhalte entleert, indem es auf simple Formalitäten zurückgeführt wurde, auf ein Ritual ohne Inhalt noch Symbol, schlimmer noch, auf ein Ritual ohne Konsequenzen für das Leben der einfachen Menschen.

    Zudem gibt es, wie vorhin angesprochen, die Unfähigkeit, den Kreislauf der Ressourcenausziehung und des Raubes zu verlassen, der, nebenbei bemerkt, schon vor der europäischen Kolonisierung existierte. (Anm.: gemeint ist die “mittelalterliche” arabisch-islamische Aktivität auf dem Kontinent im Zusammenwirken mit afrikanischen Herrschern.) Zusammengenommen bilden diese Faktoren ein enormes Gewicht auf den Formen, die der soziale Kampf in Afrika annimmt.

    Diesen fundamentalen Fakten schließt sich das Mitte der 1980er Jahre beginnende Ereignis an, welches sich als der große soziale Bruch erwies (Anm.: Original: “diffraction”, nicht rupture= Bruch). Diese Brechung der Gesellschaft hat nahezu überall zu einer Deformalisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen geführt, zu einer präzedenzlosen Fragmentisierung des Feldes der Regeln und Normen, und zu einem Prozess der Entinstitutionalisierung, der den Staat selber nicht ausließ.

    Diese Diffraktion hat zugleich eine große Abschiedsbewegung bei vielen sozialen Akteuren eingeleitet und hat dergestalt neuen Formen des sozialen Kampfes Tür und Tor geöffnet, eines gnadenlosen Kampfes um das Überleben, rund um den Zugang zu Lebensressourcen. Heute ist das Wellblechviertel der neuralgische Punkt dieser neuen sozialen Kämpfe. Dabei handelt es sich um molekulare und zellulare Konfrontationen, die Elemente des Klassenkampfes, des ethnischen Konfliktes, der religiösen Jahrtausende und der Hexenkulte kombinieren.

    Zuletzt gibt es die bekannte Schwäche der Oppositionen. Macht und Opposition handeln in Funktion eines kurzen Zeitraumes, das Handeln ist geprägt von Improvisation, punktuellen und informellen Arrangements, verschiedenen Kompromissen und Kompromittierungen, von den Imperativen der sofortigen Machteroberung oder deren Erhalt um jeden Preis. Ununterbrochen werden Allianzen geknüpft und aufgelöst. Vor allem aber hat sich die begriffliche Vorstellung von “Macht” kaum geändert.
    Die die Politik in Afrika strukturierende Vorstellung davon bleibt jene des permanenten Bürgerkrieges. Solange man es nicht schafft, Politik und Krieg begrifflich voneinander zu trennen, solange wird das Potenzial negativer Gewalt enorm bleiben.

    Entkolonisierung und Internationalisierung

    Dieser fünfzigste Jahrestag der Entkolonialisierung ist nicht nur eine afrikanische Angelegenheit. Frankreich, das greifbar den Eindruck vermittelt, die Demokratisierung des Kontinents nur hohlzüngig zu akzeptieren, will aus dem Jahr 2010 “das Jahr Afrikas” machen. Seit 1960 jedoch hat es sich in seinem Hinterhof der Demokratisierung rüde widersetzt und im Zweifelsfalle nicht gezögert, auf Attentat, Korruption und Gewalt zurückzugreifen.

    Heute noch ist Frankreich, – richtiger- oder falscherweise -, bekannt für seine hartnäckigste, sattelfesteste und unveränderlichste Unterstützung der korruptesten Satrapien des Kontinents und der Regime, die der afrikanischen Sache den Rücken gekehrt haben.

    Für all das gibt es einen einfachen Grund: die historischen Bedingungen, unter denen sich die Entkolonialisation vollzog, sowie die weitergeführten Besteuerungssysteme – all das zementiert durch die in den 1960er Jahren ungleich vereinbarten “Verträge über Kooperation und Verteidigung”.

    Vielleicht wissen wir das nicht genau genug, aber das Ziel dieser Geheimverträge war nicht die Liquidation der kolonialen Beziehungen, sondern nur, diese Beziehung neu zu verhandeln und neu zu fixieren. Im Namen dieser neuen Fixierung und Neuverhandlung der alten kolonialen Beziehungen übt Frankreich de facto weiterhin einen oft negativen Einfluss in den afrikanischen Angelegenheiten aus.

    Die Vereinigten Staaten opponieren nicht aktiv gegen die Demokratisierung Afrikas. Zynismus und Heuchelei reichen da bei weitem aus. Andererseits bringen zahlreiche private amerikanische Institutionen der Entstehung und der Konsolidierung der afrikanischen Zivilgesellschaften auch eine vielfältige Unterstützung bei, wie beispielsweise viele Stiftungen. Der Moralismus und der Evangelismus ihrer Interventionen lassen allerdings zu wünschen übrig.

    Ein Hauptfaktor der nächsten fünfzig Jahre wird die chinesische Präsenz in Afrika sein. Wenn nicht ein Spiegelbild des ungleichen Austausches, der so charakteristisch ist für die Beziehungen des Kontinents mit den westlichen Mächten oder den internationalen Finanzinstitutionen, so ist diese Präsenz zumindest zweckgeprägt. Wahr ist, dass sich die Beziehung zu China gegenwärtig kaum vom Modell der Ressourcenausbeutung unterscheidet – dem Modell, das, Raubritterei integriert, die Basis der schwarzen Tyranneien darstellt (Anm.: Original: des tyrannies nègres). Wir sollten also nicht erwarten, dass China in den kommenden Kämpfen für Demokratie eine große Hilfe sein wird. Momentan unbedeutend ist der Einfluss der anderen aufsteigenden Macht Indien.

    Südafrika, nunmehr an der Reihe, kann die Demokratie in Afrika nicht alleine promoten. Südafrika hat dazu weder die Mittel, noch den Willen, noch die intellektuellen Ressourcen, und noch weniger den Quell der Vorstellungskraft. Im Übrigen muss Südafrika zunächst die Demokratie daheim vertiefen, bevor es sich anschickt, diese bei anderen zu fördern. Die Demokratisierung Afrikas ist, ich bin einverstanden, zunächst eine afrikanische Frage. Trotzdem hat sie internationale Dimensionen.

    Der Weg einer radikalen Transformation via einer sozialen Revolution ist, zumindest jetzt, blockiert. Was müsste geschafft werden? Eine Art kontinentalen “New Deals”, der von den verschiedenen afrikanischen Staaten und den internationalen Mächten kollektiv verhandelt wird. Ein New Deal zum Vorteil der Demokratie und der wirtschaftlichen Entwicklung, der ein für alle Mal das Kapitel der Entkolonisierung schließen würde.

    Dieser “New Deal” käme mehr als ein Jahrhundert nach der berühmt-berüchtigten “Berliner Konferenz”, die die Aufteilung Afrikas beschlossen hatte. Er würde eine Finanzspritze für den Wiederaufbau des Kontinents beinhalten. Aber er würde zugleich juristische und strafrechtliche Rahmen beinhalten, Sanktionsmechanismen, auch Mechanismen der Ächtung, deren Umsetzung notwendigerweise multilateral sein müssten – und deren Inspiration sich in kürzlich stattgefundenen Transformationen des internationalen Rechts spiegeln müssten.

    Angelegentlich würde dies beinhalten, dass Regime, die Verbrechen gegenüber ihren Völkern schuldig sind, mit militärischer Gewalt entmachtet werden, und dass die Verantwortlichen vor die internationale Strafjustiz gebracht werden. Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” selbst sollte Gegenstand einer erweiterten Interpretation werden, die nicht nur Massaker und ernsthafteste Menschenrechtsverletzungen einschließt, sondern auch hochgradige Korruption und Ausplünderung der natürlichen Ressourcen eines Landes. Auch private lokale und internationale Akteure in diesem Zusammenhang sollten Gegenstand diesbezüglicher Dispositionen sein.

    Die Frage der Demokratisierung und des wirtschaftlichen Fortschritts Afrikas sollte von nun an auf diesem Niveau historischer und strategischer Tiefe betrachtet werden.

    Die Zukunft wieder neu öffnen

    Für das kommende halbe Jahrhundert wird ein Teil der Rolle der Intellektuellen, der Kulturschaffenden und der Aktiven in den afrikanischen Zivilgesellschaften genau in folgenden zwei Dingen bestehen:
    Einerseits entlang bestehender Kämpfe eine demokratische Idee zu artikulieren,
    andererseits die Frage der Demokratisierung Afrikas zu “internationalisieren”, in gerader Linie der letztjährigen Anstrengungen, das internationale Recht allgemeingültig zu machen – Anstrengungen, die die Schaffung überstaatlicher juristischer Instanzen zur Folge hatten.

    Dann sollten wir über die traditionelle, von der Geschichte der kapitalistischen Demokratien abgeleitete Konzeption der Zivilgesellschaft hinausgehen. Einerseits sollte dem Faktum der sozialen Vielfalt Rechnung getragen werden – Vielfalt der Identitäten, der Zugehörigkeiten, der Gehorsamkeiten, der Autoritäten und der Normen -, und davon ausgehend sollten wir neue Formen der Mobilisierung und der Führung erfinden.

    Andererseits war die Notwendigkeit der Schaffung eines intellektuellen Mehrwerts niemals dringender als heute. Dieser Mehrwert muss in ein radikales Transformationsprojekt des afrikanischen Kontinents reinvestiert werden. Die Schaffung dieses Mehrwertes wird nicht allein ein Werk des Staates sein. Meiner Ansicht nach ist sie die neue Aufgabe der afrikanischen Zivilgesellschaften. Um dahin zu kommen, müssen wir um jeden Preis die Logiken der Dringlichkeit (humanitäre Interventionen) und der sofortigen Bedürfnisse verlassen, Logiken, die bislang die Debatte über Afrikas Zukunft kolonisierten.

    Wenn die Afrikaner Demokratie wollen, dann liegt es an ihnen, den Preis dafür zu bezahlen. Niemand sonst wird ihn an ihrer Stelle bezahlen. Sie werden sie auch nicht auf Kredit bekommen. Nichtsdestoweniger werden sie sich auf neue internationale Netze stützen müssen und dürfen, auf eine große moralische Koalition außerhalb der Staaten. Auf die Koalition all derjenigen, die glauben, dass nicht nur die Sicherheit unserer Welt ohne einen afrikanischen Anteil nicht garantiert wäre, sondern dass unsere Welt entschieden ärmer an Geist und an Humanität wäre ohne Afrika.

    Achille Mbembe

    Originaltext: Cinquante ans de décolonisation africaine

    Achille Mbembe wurde 1957 im Kamerun geboren, ist ehemaliges Mitglied der afrikanischen Diaspora, Doktor der Geschichte in Paris. Heute unterrichtet er als heute Professor für Geschichte und Politologie am Wits Institute for Social & Economic Research (WISER) in Johannesburg, Südafrika. Er ist ein international anerkannter Autor “dissidenter” Fachbücher und Artikel im Bereich Postkolonialismus.

    Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

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    Tags: Afrika
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    43 Kommentare:

    1. unbequemer schrieb am 15. Oktober 2010 at 18:36 - Permalink

      Warum werden Menschen unterdrückt? Weil es über Jahrtausende funktioniert hat. Deswegen werden in manchen Kulturen auch noch immer die Frauen unterdrückt. Und auch in Kulturkreisen die sich Gleichberechtigung auf die Fahnen, sprich in der Verfassung, geschrieben haben, üben diese Gleichberechtigung nicht wirklich aus.

      Inzwischen sind nur die Metoden subtiler geworden. Die Menschen sollen es nicht mehr erkennen, das auch SIE unterdrückt werden, deswegen wird die Aufmerksamkeit auf Menschen gerichtet, denen es noch schlechter geht. Das ist in unserem Staat nicht anders, hier sind nicht nur die ALG-2-Bezieher die Sündenböcke. Und es finden sich immer wieder dumme Menschen, die den Parolen hinterher laufen. Aber das hat ja schon Einstein erkannt – die Dummen sind nun einmal in der Mehrheit – nur, er hat nach meinem Kenntnisstand nicht erklärt, warum die Menschen dumm sind. Sie werden DUMM gehalten, damit sie die Ursachen nicht erkennen.

      Und so ist eben irgendwo das “ganz Unten”, um denen, die eigentlich auch “Unten” sind, das Gefühl zu vermitteln, eben noch nicht ganz unten zu sein. Und so lange Menschen ihr Selbstwertgefühl nur duch Dissonanzreduktion aufrecht erhalten können, so lange wird es Unterdrückung geben.

      Wer wen unterdrückt ist immer nur eine Seite der Medaille.

    2. Truvor schrieb am 15. Oktober 2010 at 19:34 - Permalink

      Solange es in Afrika was zu holen gibt, wird Afrika eine Kolonie bleiben.
      Ihre Freiheit werden die Afrikaner nur dann bekommen, wenn sie keine Ressourcen, die die Kolonialmächte brauchen, mehr haben.
      Die Demokratien (USA, EU) sind die Ersten, die sich gar keine Demokratie in Afrika wünschen.
      Ich glaube die Afrikaner werden noch lange die (Afrikas) Marionetten dieser “Demokratien” (USA, EU) aushalten müssen.
      Ich beneide die Afrikaner nicht (der Liebe Gott hat sie mit Ressourcen gesegnet).

    3. Yurun schrieb am 15. Oktober 2010 at 19:55 - Permalink

      technisch:

      http://www.lemessager.net/

      “Le site est indisponible”

      Schade den Text nicht im Original lesen zu können.

      sachlich:

      Die Idee hinter dem Text finde ich nobel, doch die Macht des Faktischen sehe ich dabei etwas unterrepräsentiert. Wie sollten “die Afrikaner” denn überhaupt die Chance erhalten, den Preis für die Demokratie zu bezahlen, wenn gleichzeitig der Preis für mineralische Rohstoffe und inzwischen gar landwirtschaftliche Produktionsflächen derartige Begehrlichkeiten erzeugt, mitsamt der zu ihrer Vollstreckung angewandten mehr oder weniger rücksichtslosen Methoden? Wie soll allein schon der Preis gezahlt werden, mit dem sich Getreide importieren, lokale Landwirtschaft fördern und Energie subventionieren lässt? Das alles angesichts maßlos wachsender Elendsquartierer, im Fachjargon gerne euphemistisch Millionenstädte genannt. Noch dazu mit einer Weltwirtschaft, die mit “instabil und unnachhaltig” sehr wohlwollend umschrieben ist.

      Hier wäre ein Blick auf einige Entwicklungen in Indien bzw. Bangladesch oder andere Länder vielleicht hilfreich, denn die Probleme dort ähneln ja zumindest denen vieler afrikanischer Länder, mögliche Herangehensweisen an diese also auch. Sich wirtschaftlich oder ideell nach Europa oder Nordamerika zu orientieren oder zusammen mit China noch schnell von der letzten Runde klassischen Fortschritts profitieren zu wollen halte ich für den falschen Weg, wenn Hilfe auch freilich von überall her stammen kann. Statt “New Deal” von staatlichen Gnaden eher “local community” (durchaus basierend auf erprobten Ideen und selbst Startkapital von außerhalb). Die internationalen Fronten und unterschiedlichen Interessenlagen, wie sie sich zum Beispiel bei den Klimaverhandlungen zeigen, sind ja nicht zufällig so wie sie eben sind. Dem inhärenten Muster von Politik als Bürgerkrieg durch internationale Eingreiftruppen auf Basis eines erweiterten Völkerrechts Herr werden zu wollen, ganz gleich ob juristisch oder militärisch, halte ich zudem für einen zwar in mancher Hinsicht verführerischen Traum, wie so vieles Angesichts der Realitäten unserer Welt aber eher einen illusorischen Alptraum. Sowas endet ohne eine Welt die reif dafür ist nur in Dingen wie dem Kosovokrieg, nicht aber in einem glücklichen Uganda.

      Ein verzweifelter kongolesischer Bergarbeiter sagte es mal recht passend in die Linse eines französischen Kamerateams: “Dieser Bergbau bringt uns nichts, wir krepieren hier langsam. Was wir brauchen ist Land auf dem wir Nahrung anbauen können, nicht Löcher im Boden.” (sinngemäß)

      • Gebintit schrieb am 15. Oktober 2010 at 21:24 - Permalink

        Deprimierendes Bild, das der Autor hier zeichnet. Kein Wunder, dass so viele Afrikaner vom Auswandern träumen. Es erinnert an die Metapher von Malthus, vom Tisch, an dem alle Plätze besetzt sind und die Überflüssigen nur noch auf den Tod warten.

        Hier gibt es den Text im Original (die oben verlinkte Seite ist momentan nicht verfügbar):
        Cinquante ans de décolonisation africaine

        Leider ist mein Französisch zu schlecht, um den Text im Original zu lesen. Beim Lesen des Textes oben, dankenswerterweise von Andreas Fecke übersetzt, hatte ich allerdings das Gefühl, dass mein deutscher Wortschatz ebenfalls recht klein ist. Die meisten Leute werden das Elend Afrikas wohl erst wahrnehmen, wenn die Elenden vor ihrer Tür stehen. Das könnte schneller gehen, als sie denken.

        Zu mächtig ist das Kartell der Raubritter des 21. Jahrhunderts. Die vielen schwarzen Despoten sind in der Tat nur so etwas, wie die Satrapen Persiens, die korrupten Statthalter der alten Kolonialmächte, die vorne herum von Demokratie und Menschenrechten faseln und hinten herum ihr altes Ausbeutungsspiel mit den verfeinerten Methoden des modernen Kapitalismus fortsetzen.

        • hartzler schrieb am 15. Oktober 2010 at 23:38 - Permalink

          Die deutsche Übersetzung kommt wohl/vllt. ein wenig verkopft daher, da der Übersetzer sich sehr stark an der Kernaussage(auch einzelner Wortgruppen) wortgetreu orientiert hat. Übrigens zu Recht, wie ich finde(halt der Korrektheit geschuldet). Kann man auch nur 80% des Originaltextes wiederum wortgetreu übersetzen, so dreht sich einem schon der Magen gehörig um. Es erschließt sich dann die Intention schlüssig und den Text nochmals im Original zu lesen, lohnt definitiv.

          Auf jeden Fall muß ich mich euch(Yurun&Gebintit) anschließen. Ich mußte erst gestern wieder die widerlichen Umstände mit ansehen, unter denen Kinder z. Bsp. Coltan für unsere IT-Industrie aus dem Boden Afrikas holen. Dafür bekommen sie Nichts, was es dies Wert wäre. Kinder als Rohstoff für den Rohstoff unseres Wohlstandes.
          Und es geschieht mir recht. Ich tippe vermutlich gerade auf Ihrer Lunge “Arbeit”. :(

          Tja. Es verbleibt ein wenig ratlos, Euer

          hartzler

      • andreas_fecke schrieb am 15. Oktober 2010 at 23:21 - Permalink

        Originallink: Viele afrikanische Medien speichern nur für kurze Zeit. Neben einer 9 Euro/Monat paysite, wo man bei Mbembe direkt kommentieren kann, gibt es glücklicherweise auch eine Kopie (100%) der Originalfassung im öffentlichen Bereich der ansonsten ebenfalls pay-website “Courrier International”:
        http://www.courrierinternational.com/article/2010/04/01/aux-africains-de-se-battre
        Als Übersetzer und Initiator des Artikels füge ich an dieser Stelle zwei Dinge hinzu:
        1. Der obige Artikel ist (der beste) Bestandteil mehrerer Übersetzungen in meinem Blog
        http://andreassozpol.blog.de/2010/10/04/afrikaner-preis-demokratie-selber-bezahlen-50-jahre-afrikanische-unabhaengigkeit-texte-afrika-9454197/
        2. Autorisierung, Authentizität: Mbembe ist direkt nur über oben genannte paysite anschreibbar, also hatte ich Alain Manbanckou (siehe 1.) zwecks Autorisierung angeschrieben, von denen beiden ich zuvor schon mehrere Texte übersetzt hatte. Vorangegangene Übersetzungen hatte ich in den jeweiligen Blogs als Kommentator bekannt gemacht, mir wurde dort gedankt.
        Meine Anfragen an Mbembe via Mabanckou bezüglich autorisierter Übersetzung wurden nicht beantwortet, (vielen mails, die einer wie ich schickt, geht es erst mal ebenso), aber ich werde diesen Spiegelfechterartikel natürlich an erreichbaren Stellen verlinken, und dort nachträglich dafür autorisiert werden.
        Bis dahin zeichne ich im presserechtlichen Sinne verantwortlich.
        Andreas Fecke

        • R_Winter schrieb am 16. Oktober 2010 at 13:51 - Permalink

          Neben einer 9 Euro/Monat paysite

          Ist die Angabe richtig? Wenn ja, lässt es tief blicken.

          • andreas_fecke schrieb am 16. Oktober 2010 at 15:29 - Permalink

            Die Angabe ist richtig, es handelt sich um die Webseite “Mediapart”.
            http://www.mediapart.fr/club/blog/Achille%20Mbembe
            Die Internetwelt in FR oder USA ist anders als hier.
            Vielleicht lässt so etwas tief blicken.
            Blicken wir noch tiefer:
            warum kaufen wir im Supermarkt Mist für Geld und wollen im Internet alles umsonst haben, und dann auch noch das beste davon?
            Warum soll Kritik nur der Verdächtigungen erhaben sein, wenn der Kritiker barfuß läuft? Oder nur Information?
            Ich zahle jeden Monat 7,50 Euro an “Courrier International”, das ist etwa der Preis von 1,5 SPIEGEL- Specials, und würde das eine niemals mit dem anderen tauschen.
            Solange (und auch noch danach) irgendwelche Spekulanten im Handumdrehen Geld machen, sollten Leute wie Mbembe oder auch Jens Berger mit ihrem Intellekt auch Geld machen können. Oder Nicht?
            Meinesteils ist diese Geschichte abgelaufen, also plädiere ich auf
            SOLIDARITÄT.

            • R_Winter schrieb am 16. Oktober 2010 at 17:54 - Permalink

              Nicht die absolute Höhe ist beachtlich, sondern die Höhe in Afrika – aber
              “… je ärmer das Land, des so höher die Hotelpreise….” und so scheint es auch in Afrika zu sein. Die Aussagen werden durch die 6,50 im Monat nicht glaubwürdiger. Der Vergleich mit Jens Berger hinkt beachtlich.
              Wenn ich im Internet an jeder Stelle ca. 5 € im Monat zahlen müsste, wäre meine Rente erheblich reduziert und die Informationen wären wie vor 20 Jahre wieder rationiert auf jene, die zahlen können.

          • andreas_fecke schrieb am 16. Oktober 2010 at 15:38 - Permalink

            Übrigens sehe ich gerade, dass dort Mbembes Blog freigeschaltet ist, also gibt es noch einen O-Link:
            http://www.mediapart.fr/club/blog/achille-mbembe/300410/cinquante-ans-de-decolonisation-africaine
            und für mich eine weitere Vernetzungskorrespondenz,
            natürlich gratis, damit niemand zu tief blicken muss.

      • andreas_fecke schrieb am 16. Oktober 2010 at 05:11 - Permalink

        Indisponible: Hat vielleicht nichts mit dem Thema zu tun, aber mir wird einigermaßen übel, wenn die größte unabhängige kameruner Zeitung, die ich oft verlinkt habe, auf einmal nur noch über twitter oder facebook lesbar ist, und das ohne Erklärung ….
        More about Cameroun

    4. Drmaus schrieb am 15. Oktober 2010 at 22:36 - Permalink

      Vielleicht kann man die Zukunft Afrikas doch ein wenig optimistischer sehen als der Autor. Eine der aus meiner Sicht positiven Entwicklungen der letzten Jahre ist, dass die ehemaligen Kolonialmächte immer mehr aus Zentrum des Weltgeschehens rücken. Die Staaten Südamerikas gewinnen an Stabilität, und beginnen sich langsam von der Rolle des machtlosen Rohstofflieferanten zu befreien. Langfristig kann Afrika vielleicht in einer multipolareren Welt einen ähnlichen Weg einschlagen. Auch in anderen Entwicklungsländern etwa in Südostasien haben die korrupten Eliten eingesehen, das der Weg hin zu mehr Stabilität der für sie auf die Dauer gewinnbringende ist. Natürlich sind die afrikanischen Gesellschaften noch im weit höheren Masse traumatisiert und zerrüttet als die in Asien und Südamerika, aber trotzdem meine ich einen einen Wagen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erkennen.

      • Yurun schrieb am 15. Oktober 2010 at 23:52 - Permalink

        Dem würde ich generell zustimmen, wobei dieses “die Afrikaner sind ja sowieso unfähig ihren Laden selbst in Ordnung zu bringen” ja wesentlicher Teil dieser ganzen unseligen Kolonialdenke ist. Dies war ja auch einer der Gründe warum Sarkozy mit dieser einen Rede in Dakar vor kurzem so schlecht ankam.

        Es gibt keinen triftigen Grund warum nicht auch afrikanische Staaten es hinbekommen können ihre Eigeninteressen wahrzunehmen und ihre Rohstoffe im Sinne der eigenen Entwicklung zu nutzen (bzw. auch bewusst nicht zu nutzen), anstatt sich wie derzeit in Nigeria für einen Apfel und ein Ei die Umwelt ruinieren zu lassen. Es gibt allerdings viele kleine und größere Probleme, die eine solche Entwicklung vielerorts zumindest erschweren. Einige davon haben ihren Hauptsitz dabei auch in westlichen Großstädten, größtenteils ist es aber schlicht der Bevölkerungsdruck. Bittsteller, Schuldner und Marionetten haben es schwer hier “aufzuräumen”, noch schwerer aber ist es für all die Menschen eine Lebensgrundlage zu schaffen. Die Tendenz vieler Entwicklungsländer in einigen Fragen solidarisch miteinander einen eigenen Machtblock zu bilden ist vor diesem Hintergrund positiv.

        • andreas_fecke schrieb am 16. Oktober 2010 at 03:28 - Permalink

          Sarkozy: hier die deutsche Übersetzung der “Rede an die afrikanische Jugend” in Dakar 2007 und die Replik von Achille Mbembe (jeweils 40%) :
          http://andreassozpol.blog.de/2007/09/09/rede_an_die_jugend_afrikas_von_sarkozy_a~3119756/

        • andreas_fecke schrieb am 16. Oktober 2010 at 03:56 - Permalink

          Zitat Mbembe gegenüber Sarkozy:

          “Wie also soll man sich am Ende wundern, dass seine Definition des Kontinents und seiner Einwohner ausschließlich eine negative ist? So erkennt man den “afrikanischen Menschen” unseres ethnophilosophischen Präsidenten hauptsächlich an allem, was er nicht hat, nicht ist und nie schaffte. Und an seiner Opposition zum “modernen Menschen” (gemeint ist “der weiße Mann”) – Opposition, die aus seiner irrationalen Bindung an das Königreich der Kindheit herrühre, an die Welt der Nacht, an das einfache Glück und an ein goldenes Zeitalter, das doch niemals existierte.

          Schließlich und endlich ist das Afrika der neuen französischen Eliten ein im Wesentlichen rurales Afrika. Voller Feen und Geister, halb poetisch, halb albtraumhaft. Bevölkert von Bauern, von einer Gemeinschaft der Leidenden, die nichts gemein hat außer ihrem gemeinsamen Platz am Rand der Geschichte, zerschmolzen wie sie sind in einer außerweltlichen Welt – jener Welt der Hexer und Magier und der Fabelwesen, die Brunnen bewachen, in den Bächlein singen und sich in Bäumen verstecken. Jener Welt der Toten des Dorfes und der Ahnen, deren Stimmen man hört. Der Masken und der Wälder voller Zeichen. Jener Welt der Beschwörungsformeln als da sind die so genannte “afrikanische Solidarität”, der “Gemeinschaftsgeist”, die “Wärme” und der Respekt der Älteren und der Chefs. “

      • Truvor schrieb am 15. Oktober 2010 at 23:55 - Permalink

        @ Drmaus

        ” ……….. , dass die ehemaligen Kolonialmächte immer mehr aus Zentrum des Weltgeschehens rücken.”

        Du schreibst aber die Kolonialmächte viel zu früh ab.
        Ich glaube nicht, daß die Kolonialmächte (insbesondere die USA) es jemals zulassen würden, daß irgendeine andere Macht (bzw. eine Allianz von Mächten) sie entmachtet.
        Wer verläßt schon die Bühne freiwillig ?
        Die Kolonialmächte haben alles, um jeden beliebigen Konkurrenten (außer Russland) in die Steinzeit zurückzubomben.

      • Vogel schrieb am 16. Oktober 2010 at 10:37 - Permalink

        @Drmaus
        Na, da wäre ich ja ‘mal gespannt, wenn z.B. die südamerikanischen Eliten (überwiegend Weiße bzw. Weißgemischte) ihre Hilfe, ihr Weltbild, am besten durch die schwarzen Schwadronen ausgeprägt, nach Afrika brächten – was dann wohl besser werden würde? :(

    5. egalitarist schrieb am 15. Oktober 2010 at 23:31 - Permalink

      Die Schaffung dieses Mehrwertes wird nicht allein ein Werk des Staates sein. Meiner Ansicht nach ist sie die neue Aufgabe der afrikanischen Zivilgesellschaften. Um dahin zu kommen, müssen wir um jeden Preis die Logiken der Dringlichkeit (humanitäre Interventionen) und der sofortigen Bedürfnisse verlassen, Logiken, die bislang die Debatte über Afrikas Zukunft kolonisierten.

      Was will der Autor damit sagen – soll man einen Genozid dulden?
      Soll man Millionen Afrikaner verhungern lassen, um möglicherweise eine ‘neue Perspektive’ für die Zivilgesellschaften zu schaffen?!

      Nach einem guten Einstieg – wirkte der Artikel doch zunehmend irreal / surrealistisch auf mich.. So bleib ich in tiefer Skepsis, über den Horizont und die gezogenen, nötigen Konsequenzen für ein unterdrücktes Afrika und eine desillussionierte, zertrümmerte Bevölkerung bezüglich der Vision des Autors. *sceptic

    6. Marc B. schrieb am 16. Oktober 2010 at 12:33 - Permalink

      Der Artikel erscheint mir deutlich zu negativ mit Tendenz zum Destruktiven. Erstens gibt es”Afrika” nicht, es handelt sich um eine ungeheure Vielfalt von Kulturen und Staaten mit individuellen Entwicklungen. Selbst wenn man sich nur auf das Afrika südlich der Sahara beschränkt, ist eine allgemeine Aussage (wie: Politik als Abart des Bürgerkriegs) nicht sinnvoll.

      Zweitens zeigen trotz aller beschriebener Probleme die harten Indikatoren deutlich aufwärts. Die Lebenserwartung steigt (trotz AIDS) massiv, die Geburtenrate fällt. Die Bildungsindikatoren zeigen, dass die kulturellen Grundfähigkeiten inzwischen flächendeckend sind, auch sekundäre Schulbildung und universitäre Abschlüsse steigen massiv. Dank moderner Technik (Mobiltelefone gibt es mittlerweile überall, auch in ländlichen Regionen) gibt es regionale Kommunikation über medizinische Informationen aber auch über Preise und Marktchancen landwirtschaftlicher und anderer Produkte und so weiter.

      • Toiletman schrieb am 17. Oktober 2010 at 06:29 - Permalink

        Hast du für diese positiven Behauptungen Beispiele? Insbesondere das mit der Geburtenrate würde mich interessieren. Der Autor sucht sich für meinen Geschmack die Schuldigen einmal wieder zu sehr Aussen und nicht ebenfalls bei Völkern selbst. Insbesondere die Stammesmentalität ist in meinen Augen ein riesiges Problem. Afrikanische “Bürgerkriege” sind fast immer Stammeskriege

    7. PrinceEugen schrieb am 16. Oktober 2010 at 16:35 - Permalink

      Im Übrigen muss Südafrika zunächst die Demokratie daheim vertiefen,

      Nun, wie man lesen kann, sind die gerade dabei, dieselbe abzuschaffen.

    8. Lemmy Caution schrieb am 17. Oktober 2010 at 16:42 - Permalink

      Nach dem Desaster der unabhaengigen afrikanischen Staaten der letzten 50 Jahre wuerd ich mir als Afrikaner zunaechst die Frage stellen, warum es in praktisch allen ost- und suedasiatischen Staaten sowie in vielen lateinamerikanischen Gesellschaften ein Aufholprozess stattfindet, waehrend viel zu viele Afrikaner mit Macht immer noch so agieren wie die afrikanischen Sklavenhaendler im 17. Jhdt.: Das Leben der eigenen Leute an den Meistbietenden verschachern…
      Die vielen schoenen Worte von new deal und so nuetzen wirklich niemanden…
      Vernuenftige Europaer, Asiaten und Lateinamerikaner schuetteln darueber nur noch den Kopf.

    9. Drmaus schrieb am 17. Oktober 2010 at 23:43 - Permalink

      Schon ein wenig traurig, dass dieser Artikel es mühsam auf 25 Kommentare inklusive einmal “Ausländer raus” bringt,während laue Web 2,0 Nabelschau “Piratenweib” (nichts für ungut Spiegelfechter) es locker auf 200 Kommentare bringt. Naja, vielleicht ist es ja garnicht so schlecht für die Welt, wenn sich jeder Schwerpunktmässig für den eigenen Bauchnabel interessiert.

      • kailoxx schrieb am 18. Oktober 2010 at 10:18 - Permalink

        und genau ist das Problem dieser Welt. Erbsünde. Wie du dich in der extremsten Situation entscheiden würdest, globales Gemeinwohl vs. eigenes Wohl, wirst du wohl nie erfahren, weil dir es erspart bleibt…

    10. smukster schrieb am 18. Oktober 2010 at 18:37 - Permalink

      Den Aufholprozess gab es in LA schon einmal viel staerker in den 50ern und 60ern, bevor er von den USA (und mit ihnen verbuendeten europaeischen Staaten und lokalen Eliten) gewaltsam beendet wurde. Ansaetze gab es damals durchaus auch in Afrika, diverse Hoffnungstraeger – die das gleiche Schicksal erlitten.

      Eine aktuelle Perspektive sehe ich, leider, fuer Afrika nciht – wenn dann eher noch auf lokaler oder Stammesebene denn auf staatlicher. Aber: Was soll schlimm sein an einem “failed state”, bzw genauer gesagt: Muss dieser schlimm sein? Warum soll der europaeische Nationalstaat das hoechste der Gefuehle und Ende der Geschichte sein? Bei den Problemen und Konflikten, die das uns bringt? Und der bloedsinnigen unproduktiven Buerokratie?

    11. moses pace schrieb am 18. Oktober 2010 at 19:00 - Permalink

      Bin nun wahrlich kein Experte in Afrikafragen und auch kein Prophet, aber als Erdenbürger denk ich mir :”Wenn wir den Nahostkonflikt in den nächsten 100 Jahren irgendwie überleben, dann wird uns Afrika um die Ohren fliegen…”

      Es zerreist mir fast das Herz, einen ganzen Kontinent so in Not zu sehen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass da die Wiege der Menschheit einmal stand…man kann nur hoffen, dass der Kreis sich dort nicht auch wieder schliesst…

    12. smukster schrieb am 18. Oktober 2010 at 19:20 - Permalink

      Anteilnahme ist nett, aber ich glaube (als Aussenstehender zugegebenermassen), dass es den meisten Menschen dort am liebsten waere, der Norden wuerde sich einfach heraushalten. Weder gut- noch boesgemeinte Einmischung.
      Wenn ich eine Prognose wagen darf: Naechstes Jahr wird der Buergerkrieg im Suedsudan sich wieder verschaerfen. Und daran wird die deutsche Politik einen nicht unerheblichen Anteil gehabt haben…in Somalia wird jede Stabilisierung von (u.a.) den USA und Deutschland gewaltsam verhindert…
      Die Liste laesst sich fortsetzen.

      Abgesehen davon: “Afrika” ist nicht nur Elend, auch wenn es in unseren Medien manchmal so ankommt.

      • Truvor schrieb am 18. Oktober 2010 at 20:48 - Permalink

        @ smukster

        ” ………… , der Norden wuerde sich einfach heraushalten.”

        Damit hat alles begonnen.
        Der Norden hat nicht nur in Afrika was angerichtet.

      • moses pace schrieb am 18. Oktober 2010 at 20:49 - Permalink

        …wenn ich nur dran denke welche waffen man da unten mal probeweise hat zirkulieren lassen, wirds mir schlecht…

        und das ist mir auch klar, sowie die tendenz…deshalb sag ich ja hundert jahre…

        • Truvor schrieb am 18. Oktober 2010 at 21:12 - Permalink

          @ moses pace

          In Afrika haben die Großmächte Sowjetunion und USA Jahrzehntelang ihre Stellvertreterkriege geführt.
          Deshalb müssen wir uns nicht wundern, daß Afrika mit Waffen voll aufgefüllt ist.

    13. smukster schrieb am 19. Oktober 2010 at 05:46 - Permalink

      @Truvor:
      Dass es vorher ein Paradies war, ist nun auch nicht richtig – Kriege gab es auch vorher, und auch die Araber haben Sklaven gekauft, die afrikanische Koenige oder Stammesfuersten fuer sie gefangen haben.
      Aber die Einmischung der Europaeer hat das enorm ausgeweitet, eine Kolonialwirtschaft aufgebaut, Waffen ins Land gebracht, kuenstliche Grenzen gezogen…also existierende Dinge extrem verschaerft und zu einem Dauerzustand gemacht.

      Waffen kommen auch nach Ende des Kalten Krieges dort hin, eine Kalaschnikow zu kriegen soll extrem einfach sein. Der Film “Darwin’s Alptraum” schildert das…soll aber nicht sehr realitaetsneh sein, zugegeben.
      Dafuer gibt es immer wieder Regierungen, die als “Stabilitaetsgaranten” (=Stellvertreter) in einer Region aufgeruestet werden, aktuell zB Ruanda, Lybien, Tschad und Aethiopien – zehn Jahre spaeter sind sie dann nicht mehr stabil, die Waffen sind aber noch da und auf dem Markt frei verfuegbar fuer die Meistbietenden.

      • Truvor schrieb am 19. Oktober 2010 at 21:50 - Permalink

        @ smukster

        Ich habe ehrlich zu sagen, noch nie behauptet, daß Afrika vorher ein Paradies war/wäre.
        Die Kolonialmächte haben aber das Gleichgewicht in Afrika durcheinander gebracht bzw. zerstört.
        Und zwar in allerlei Hinsicht: das militärische,- wirtschaftliche,- politische etc. Gleichgewicht.
        Die Folgen der Kolonialpolitik werden sie (leider) noch lange spüren.

    14. smukster schrieb am 20. Oktober 2010 at 05:30 - Permalink

      @Truvor:

      Ok, hab Deinen Satz “Damit hat alles begonnen.” dann etwas zu woertlich genommen.
      Wobei selbst das Gleichgewicht (soweit ich weiss, bin kein grosser Experte da) schon gestoert war durch duen Sklavenhandel mit den Arabern – aber das war nciht der ganze Kontinent.

      Bringt natuerlich auf Dauer nciht viel, staendig ueber die Vergangenheit zu diskutieren, da das die Zukunft nicht verbessert. Aber fuer die naechste Zeit sehe ich wenig Hoffnung – was der Westen machen kann (und Russland und China, klar), ist sich oekonomisch und militaerisch raushalten. Wo ein Wille waere, waere vielleicht ein Weg…

    15. Winston Smith schrieb am 21. Oktober 2010 at 08:43 - Permalink

      Es ist die typisch linke Denke, dass wir im Westen für alles Elend dieser Welt verantwortlich sind. Schaut man nach Haiti oder Liberia, wo Afrikaner die Chance hatten, ohne Kolonialismus blühende Gemeinwesen aufzubauen, muss man sich fragen, ob es nicht an den Menschen selber liegt. Mir sagte ein Afrikakenner, dass das größte Entwicklungshemmnis dort Aberglaube und Stammes- bzw. Clandenken seien. Dafür kann man den Westen nur schwer verantwortlich machen…

    16. smukster schrieb am 21. Oktober 2010 at 10:26 - Permalink

      Haiti und Liberia haben also keine Kolonialvergangenheit? Wie bitte? Haiti war franzoesisch, in Liberia wurden ehemalige Sklaven angesiedelt…
      Ganz nebenbei haben wir explizit geschrieben, dass der Westen NICHT fuer alles Uebel verantwortlich ist – aber vorhandenes Uebel stark verschlimmert hat im Fall Afrikas.

      “Entwicklungshemmnis” – welche Entwicklung ist hier gemeint? Die nachholende Entwicklung nach europaeischem Muster? Diese Denkweise stammt aus den 60ern…wer sagt, dass sie fuer “Afrika” (unzulaessige Verallgemeinerung, weiss ich) der beste Weg ist?

      Andere Sache: Richtig ist, dass ohne korrupte lokale Eliten, die sich als Statthalter des Westens die Taschen vollstopfen, das Ganze nicht funktionieren wuerde. Versuche, diese Statthalter loszuwerden, werden regelmaessig von “uns” bekaempft, leider meist erfolgreich. Zurueck zu Haiti, immerhin wurde Aristide zweimal von den USA und Europa gestuerzt – warum wohl?

    17. Winston Smith schrieb am 21. Oktober 2010 at 12:02 - Permalink

      @smukster:

      Entwicklung zur Demokratie ist gemeint. Das ist ein westliches Modell, das sich hier bewährt hat und von dem auch Afrika profitieren könnte. Demokratie braucht aber “Bürger”. Aber wer in Clan-, Stammes- und Familiendenken verhaftet ist, kann kein Bürger sein, weil er nicht in Gemeinwohlkategorien denkt.

      Welche afrikanischen Herrscher sind denn Statthalter des Westens? Mugabe? Geht es nicht in den Ländern am schlimmsten zu, an denen der Westen kein Interesse mehr hat?

      • Truvor schrieb am 21. Oktober 2010 at 21:58 - Permalink

        @ Winston Smith

        “Das ist ein westliches Modell, ……..”

        Du wünschst (Westen zwingt auf) Afrikanern ein westliches Modell und was ist, wenn Afrikaner ihr eigenes Modell entwickeln wollen ?
        Und was ist, wenn sie gar keine Demokratie wollen ?
        Vielleicht gefällt es ihnen so zu leben, wie sie schon immer gelebt haben ?
        Das ist das ewige Problem des Westens, Westen fragt all diese Afrikaner, Afghaner, Chinesen etc. nicht, welches Modell sie sich wünschen.
        Westen behandelt sie alle, wie Entmündigte.
        Westen will einfach nicht kapieren (oder tut so), daß (beispielweise) die Afghaner gar keine Demokratie wollen und trotzdem besetzt er seit über 9 Jahren das Land.
        Westen versucht sogar Russland westliche Demokratie aufzwingen (dem Land, das Westen mehrmals militärisch besiegt hat, wären die Russen tatsächlich so Böse, wie sie im Westen beschrieben werden, dann gäbe schon längst keinen Westen mehr) und will einfach nicht kapieren, daß die (insbesondere westliche) Demokratie als Modell überhaupt nicht zu Russland paßt.

        “Mugabe ?”

        Das Geld, das Mugabe dem Volk gestohlen hat, liegt im Westen (Banken).
        Was meinst Du, wie Unabhängig er vom Westen nicht ?

    18. smukster schrieb am 21. Oktober 2010 at 19:35 - Permalink

      Hab ich missverstanden, das mit der Entwicklung. Aber wie gesagt: Die Demokratisierung wurde und wird immer mal wieder erfolgreich verhindert

      Wieso Stammesdenken und Gemeinwohl sich ausschliessen, verstehe ich nicht. Was ist der Unterschied ob jetzt Staat oder Stamm? Und wer sagt eigentlich, dass Staaten nach westlichem Muster die beste Loesung sind? Die kolonialen Grenzen sind doch gerade ein weiteres der grossen Probleme! Waeren nicht vielleicht informellere fliessende Uebergaenge viel besser? Dazu zurueckzukehren ist wohl nicht mehr moeglich, insofern ist die Frage muessig.

      Statthalter: Mugabe sicher nicht. Dafuer die Regierungen in Laendern wie Aethiopien, Somalia (gibt es die “Uebergangsregierung” eigentlich noch?), Kongo-Zaire, Ruanda – in Westafrika kenne ich mich nicht aus. Madagaskar, siehe Landverkauf. In Nordafrika eigentlich alle Staaten, mensch schaue sich nur einmal die Fluechtlingsbekaempfung an. Wissen Sie eigentlich, was in unserem (europaeischem, d.h. insbes. deutschem) Auftrag dort passiert? Dass Menschen in der Wueste ausgesetzt oder in so menschenfreundlichen Laendern wie Lybien in Lager gesteckt werden?

    19. smukster schrieb am 21. Oktober 2010 at 19:45 - Permalink

      …erfolgreich verhindert seit der Zeit de Dekolonialisierung, damals zB Ghana, Zaire. In juengerer Zeit sind offene Putsche oder -versuche seltener, es gibt sie aber immer noch, zB Aequatorial-Guinea. Lateinamerika ist dafuer aber natuerlich bekannter, weil es mehr Aufmerksamkeit bekommt.

      Demokratie nach westlichem Muster ist (wenn sie halbwegs funktioniert) sicher nicht die schlechteste Regierungsform – aber auch nicht die beste, die ich mir vorstellen kann. Die Geschichte geht weiter, und sicher nicht in jedem Land mit den gleichen Stationen.

    20. Yurun schrieb am 21. Oktober 2010 at 23:59 - Permalink

      Hier mal eine auf ARTE ausgestrahlte Dokumentation, die noch eine knappe Woche auf deren Mediathek einsehbar sein wird. Es geht darin hauptsächlich um Schulden von Entwicklungsländern und deren Rolle im Geflecht der Globalisierung. Dabei ist auch interessant wie sich doch die grundlegende Denkweise ganz allgemein ähnelt, wie also immer und überall Mittel und Wege gefunden werden, seine Geschäfte zu machen und dabei wenn nötig ganze Völker zu entmündigen, ganz gleich wie entwickelt ein Land nun ist. Grenzen der Dreistigkeit und Asozialität scheint es dabei nicht zu geben, Hauptsache es funktioniert.

      http://videos.arte.tv/de/videos/wieviel_schulden_ertraegt_afrika_-3477312.html

    21. andreas_fecke schrieb am 22. Oktober 2010 at 10:00 - Permalink

      Über den Autor Achille Mbembe, Denken und Werk
      fertige ich hier eine deutsche Übersetzung des umfassenden frz. Wikipediartikels an. Der ist z. Zt. untypisch “unlexikalisch” (und mit Korrekturaufforderung), dafür für uns Themenferne sehr interessant, weil voller Interpretationshilfen und Erklärungen.
      Auszug “über die afrikanische Erkenntnistheorie”:

      Nach dem Vorbild von Jean-François Bayart, der einlud, sich von westlich-zentristischen Referenzen zu befreien, um Afrika in seinen eigenen Realitäten zu sehen, so wie es sich selber darstellt, lädt Mbembe ein, den Kontinent nicht nur in Begriffen des Mangels und Nichtdaseins zu denken, sehen und fühlen, sondern zu analysieren, was der Kontinent heute darstellt. So steht er in Opposition zur gängigen Afrikaanalyse, insbesondere in den internationalen Institutionen (UNO, Weltbank, IWF, UNDP, EU etc.), mit ihrer Perspektive des Mangels, des Defizits, und ihren Geboten, was Afrika sein solle. So wird der Kontinents stets und immer noch gesehen im Vergleich zum Westen, zu einem anzustrebenden Modell, nicht für was er wirklich ist. Entgegen der massenweisen Prosa der Afrikaexperten erinnert uns Mbembe daran, dass somit das einzige, was wir wirklich über Afrika wissen, das ist, was der Kontinent sein müsste….

      Wahrscheinlich aufgrund der Ernsthaftigkeit seines Blickes auf Afrika, werfen manche ihm vor, das Spiel des Afro-Pessimismus zu spielen, den er jedoch auch bekämpft. Das Unverständnis zwischen Mbembe und “seinen Brüdern” ist gängig. Insbesondere wirft man ihm seine Theorie der nécro-politique vor, frei nach der Bio-Macht Theorie von Michel Foucault, in der er die Souveränität als Macht über Leben und Tod definiert, über die die afrikanischen Herrscher über ihre Völker verfügen. Viele haben dieses Denken so verstanden, als reduziere sich Politik in Afrika auf die Macht zu töten. So beschreibt Mbembe die Postkolonie als einen Ort, wo das Kommando und die Macht gleichermaßen eine “Ökonomie des Todes” sind. Die Regierenden üben ihre Macht nach einem Modus der Gewalt, der Obszönität und des Grotesken aus. So eignen sie sich die Macht über das Leben der Regierten an. Es ist eine Zeit, wo “souverän sein heisst, Kontrolle über die Sterblichkeit auszuüben und das Leben als ein Ergebnis und eine Demonstration der Macht zu definieren”. Für Mbembe wohnen wir im Postkolonialismus einer unproduktiven Gewalt bei, im Unterschied zur Kolonialzeit, wo das Töten ein Ziel verfolgte: die Rentabilität. In Afrika wird diese Theorie noch als Häresie empfunden.

      Wie soll man sich selber benennen, welche Identität kann man sich geben, wenn die Werkzeuge des Denkens und der Analyse eine exogene Erfindung sind? Édouard Glissant erinnert uns daran, dass ‘sich benennen’ gleich ‘existieren’ ist. Wie jedoch soll man ausschließlich durch die Vermittlung anderer existieren? Mit anderen Worten, wäre die Reaktion nicht dieselbe gewesen, wenn Mbembe nicht die Theorie der Bio-Macht benutzt hätte, um diese afrikanischen Phänomene zu erklären?

    22. smukster schrieb am 23. Oktober 2010 at 15:04 - Permalink

      Danke fuer die Hintergrundinfos.
      Das klingt fuer mich nach einer afrikanischen Variante von Carl Schmitt – “Souveraen ist, wer den Ausnahmezustand ausrufen kann”…oder sehe ich das zu einfach?
      Warum allerdings im Postkolonialismus die Rentabilitaet kein Ziel mehr sein soll, verstehe ich nicht.


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