In Zeiten des Krieges
geschrieben am 15. Februar 2009 von Spiegelfechter
Nestor Machno und die “Machnowschtschina”- eine fast vergessene Episode aus der russischen Revolution
Der Anarchismus hat eine lange Tradition in Russland, und auch zwei seiner bedeutendsten Theoretiker, Pjotr Kropotkin und Michail Bakunin stammen von dort. Weniger bekannt ist, dass auch einer seiner wichtigsten “Praktiker” dort, bzw. in der Ukraine wirkte. Während der Revolutionswirren 1917-21 organisierte Nestor Machno eine anarchistische Bewegung und kämpfte gegen Zaristen wie Bolschewiki.
Als im Jahre 1905 in Russland revolutionäre Unruhen ausbrachen, wurde der damals fünfzehnjährige Nestor Machno zum Freiheitskämpfer. Machno, Sohn eines armen Bauern, der kurz nach seiner Geburt verstarb, begann zu diesem Zeitpunkt verbotene sozialistische Literatur zu lesen und verteilte Flugblätter. Kurze Zeit später schloss er sich in seiner Heimatstadt Guljaj-Pole einer anarcho-kommunistischen Gruppe an, die sich durch Terrorakte gegen Fabrikbesitzer und Kaufleute und die Verteilung illegaler Druckschriften schnell einen Namen machte. Machno wurde während dieser Zeit mehrfach verhaftet – nach einer Verhaftung im September 1907 verbrachte er zehn Monate in Untersuchungshaft und wurde erst entlassen, als ein Fabrikant die geforderte Kaution bezahlte. Kaum wieder auf freiem Fuß, kämpfte Machno weiter – mindestens zwei Polizisten fielen Anschlägen der Gruppe zum Opfer. Im August 1908 wurde Machno im Vorfeld eines Bombenattentats auf die Polizeistation in Guljaj-Pole von verhafteten Mitstreitern verraten und im Jahre 1910 zusammen mit 14 weiteren Angeklagten wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilt. Aufgrund seiner Jugend wurde seine Strafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt, die er in einem Moskauer Gefängnis verbüßen sollte. Eigentlich wäre er nach Sibirien verschickt worden, aber seine Mutter konnte erfolgreich an die Gnade der Behörden appellieren, da Nestor Machno bereits in jungen Jahren schwer an Typhus erkrankte und ein Arbeitslager in Sibirien sein sicherer Tod gewesen wäre.
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Sehr schöne historische Betrachtung, ein “libertärer Kommunist”.
Hat jemand Victor Peters’ Nestor Machno. Das Leben eines Anarchisten von 1975 gelesen? Ich finde Jens’ Artikel etwas idealisiert. Die wahllosen Erschiessungen, Requisitionen und Plünderungen der Machno-Gruppen bleiben hier ebenso ausser Betracht wie die Teilnahme einiger der Machno-Gruppen an den (von Nestor Machno selbst unnachsichtig missbilligten und bestraften) Judenmorden in der Petljura-Zeit.
Jens’ Artikel hat aus meiner Sicht etwas Schlagseite. Die Bolschewisten werden vilifiziert, die Anarchisten idealisiert. Ist so völlig ausser Betracht geraten, dass die Bolschewisten bis 1918 eine Koalition mit russischen Anarchisten, den linken SR, hatten, die nicht durch formelle Kündigung, sondern durch einen Putschversuch der linken SR mit einem Mordanschlag auf Lenin beendet wurde?
Wohlgemerkt, Machno ist eine interessante und faszinierende Persönlichkeit, aber, wenn Victor Peters nicht völlig lügt, auch ein skrupelloser Räuber, Mörder und Vergewaltiger. Zumindest sollte man solche historischen Quellen prüfen und bewerten.
@aquadraht
Es ist idT schwer im Netz etwas neutrales zu finden – die meisten “Quellen” stützen sich auf Arschinow, der nun sicher nicht neutral ist.
Ich habe mich weitgehend an “Dittmar Dahlmann – Land und Freiheit” gehalten, das auf einer Promotionsarbeit zum Thema Machno und Zapata basiert. Peters Werk wird darin mehrfach als Quelle genannt. Die Ausschreitungen etc. pp. gehen nicht auch Machno selbst, wohl aber auf seine Anhänger zurück – für mich kein so wichtiges Detail, das es extra erwähnt werden müsste. Man hat nun einmal Beschränkungen – ich kann TP keinen 20-Seiten Artikel abliefern ;-)
Dazu auch dieser Textauszug von Rudolf Rocker (sicher auch nicht über alle Zweifel erhaben, aber mE in diesem Punkt glaubwürdig):
“Als bei dieser Gelegenheit Mratchny, gewiß ohne jede Absicht, Machno zu verletzen, der Meinung Ausdruck gab, daß im Krieg kein Armeeführer imstande sei, für die Handlungen jedes Mannes in seinem Heer einzustehen, wurde Machno plötzlich sehr erregt und sagte: „Dann sind Sie also auch der Ansicht, daß die Beschuldigung der Bolschewiki auf Wahrheit beruht und wir tatsächlich Pogrome angezettelt hätten?“ Mratchny war betroffen, da ihm gewiß kein Gedanke ferner lag als dieser; er antwortete aber sehr ruhig: „Ich verstehe nicht, Machno, wie Sie aus meinen Worten solche Schlüsse ziehen können. Ich wollte lediglich feststellen, daß es schwarze Schafe in jeder Bewegung gibt, für deren Handlungen man diese nicht verantwortlich machen kann. Sie wissen doch selbst am besten, daß sogar Soldaten der Roten Armee an Judenpogromen teilgenommen haben und dafür erschossen wurden, ohne daß man für solche Ausschreitungen die bolschewistische Regierung verantwortlich machen könnte. Dies und nichts andres war der Sinn meiner Worte. Ich habe nicht einmal behauptet, daß einzelne Ihrer Leute an solchen Akten teilgenommen haben, weil mir dazu alle Unterlagen fehlen. Ich wollte nur sagen, daß, selbst wenn Einzelakte dieser Art vorgekommen sind, man die ganze „Machnowstschina“ nicht danach beurteilen dürfe.“ Doch Machno gab sich mit dieser logischen Erklärung nicht zufrieden. “
Jens, ich habe selbst betont, dass Nestor Machno bezüglich der Judenpogrome absolut integer ist, er hat sie verabscheut und bekämpft. Peters hat einen Fall erwähnt, wo Machno einen jungen Anarchisten, der ein antisemitisches Plakat trug, ohne zu fragen erschossen hat.
Aber genau solche willkürlichen Erschiessungen, manchmal auch, weil der Chauffeur zu spät kam oder betrunken war, prägen Machno eben auch sehr stark. Folterungen gab es wohl auch. Gut, das war keine Zeit, in der das Leben eines Menschen hoch im Kurs stand. Und solche Morde gehörten wohl auch zum Image des Räuberhauptmanns, als der Machno populär war. Gewiss war er kein Massenmörder wie Petljura, Bandera oder Schandruk, die heute von Geschichtsrevisionisten wie Juschtschenko hochgejubelt werden.
Ich habe das Buch von Peters leider nicht. Es war im Seminar für osteuropäische Geschichte der Uni Marburg, als ich es gelesen habe. Falls es nicht geklaut wurde, sollte es da noch sein.
Was die Teilnahme von Teilen der Machnowschtschina an den Petljura-Morden angeht, ist die aber schon recht gut belegt. Wie gesagt, Nestor Machno hat das leidenschaftlich bekämpft. Aber das war eine Bauernbewegung, die sich nicht so einfach ideologisch steuern und kommandieren liess, was mit Anarchismus eh nicht so ganz kompatibel wäre.
Auf jeden Fall ein lesenswerter und verdienstvoller Artikel. Ich muss aber warnen, wenn viele hier emphatisch ihre antibolschewistischen Vorurteile bestätigt sehen. So einfach ist es auch wieder nicht.
@aquadraht
Doppelposting – das habe ich auch schon in TP gepostet:
Über Peters als Referenz schreibt Dittmar Dahlmann (S. 15):
> http://books.google.de/books?id=6EYgJO2hWmgC&
Victor Peters [...] kann leider nur sehr beschränkt als seriöse,
historische Arbeit bezeichnet werden.
Man sollte sich bemühen, eine distanzierte Position zu den verschiedenen Quellen einzunehmen. Ob das immer gelingen kann? Schwierig ;-)
Beste Grüße
Jens
Jens, ich sehe und kenne das Problem. Aber ich habe mir den ganzen Kram nochmal angeschaut, und finde, dass das, was Dahlmann mit Peters anstellt, mit geschichtswissenschaftlichem Diskurs wenig bis nichts zu tun hat, mehr mit dem, was die jungen Leute als “Dissen” bezeichnen. Ich habe das in TP etwas ausführlicher erläutert.
Es gibt Richtlinien, wie man als Historiker Quellen prüft und kritisiert. Bei Herrn Dahlmann kommt es mir vor, als wenn er alle Geschichtsproseminare geschwänzt hätte. Entweder hat er in den über 50 Zeugenberichten, die Peters präsentiert, keine Widersprüche nach den Grundsätzen der Quellenkritik gefunden, oder er hat eine solche Prüfung nicht einmal versucht. In beiden Fällen ist das ein Armutszeugnis.
@ aquadraht, #2 u. 4:
Wie ich Dir vorhin schon bei TP sagte: Auch Peters ist, hinsichtlich seiner Familiengeschichte (für die Nicht-TP-Forumsteilnehmer: Vater und Großvater wurden von “Machnow-Banditen” getötet) für mich nicht per se frei von Ressentiments, – nur, weil er Historiker ist.
Da kann ich ihm ebensogut auch Arschinoff entgegenstellen. A. war “dabei”? Na und – Peters war sogar als Opfer dabei.
Hast Du Belege, daß M. selbst geraubt, gemordet und vergewaltigt hat? “Raub” ist in Zeiten des Krieges (deshalb heißt der Artikel auch so) “Requirierung”, “Mord” das angeblich notwendige Töten des “Feindes” und – über Machnows Sexualleben las ich noch vorhin was anderes…
Und wo hast Du die Chauffeursgeschichte her? Belege wären mir da willkommen.
Überhaupt – obwohl ich schon viele Sommer gesehen habe, wundert es mich doch, daß ein Artikel, der einfach einen historischen Gegenentwurf zu den Rechten und auch zur Gegenwart aufzeigen sollte, plötzlich nur von “Linken” (hier: Trotzkisten, Leninisten und Stalinisten) attackiert wird.
An Deinem Beispiel: Du bist anscheinend “Marxist-Leninist”, verurteilst aber den “Stalin-Putsch von 1931″, denn erst dieser war eine “Tragödie”. Sorry, aber schon der Ausschluß Trotzkis aus der Partei 1927 hätte man wissen können, wo der Hase hinläuft. Eigentlich war schon das Abschlachten der Kronstadter Matrosen zuviel…
Nee – Du weißt, was die “Stolypinsche Krawatte” war? Die hat jedenfalls weniger Opfer gefordert als eine gewaltsame Revolution samt Bürgerkrieg. Und das schreibe ich Dir (und auch meinen gewaltbereiten Anarchokumpels) ins Stammbuch.
Gute Nacht!
hannilein
Wie würde die Welt wohl Heute aussehen, wenn Machno beim Vorstoß der ‘Weißen’ auf Moskau nicht eingegriffen hätte. :)
Darf ich fragen in welchem Zusammenhang denn dieser Artikel nun steht? Also er hört sich nicht schlecht an und es ist auch mal interessant über diese Zeit etwas zu erfahren, denn das wusste ich bisher noch nicht, aber ich würde gerne wissen, ob es denn einen Grund hat, warum dieser Artikel gerade jetzt kommt? Krieg haben wir ja im Moment zwar auch aber nicht dort. Krass ist das schon, wenn man sich das mal genau überlegt, was da alles so abgegangen ist.
Habs als Bildungsergänzung aufgefasst, der Hintergedanke ist mir auch entgangen, gabs den vielleicht gar nicht? War aber sehr interessant, wird ja recht selten thematisiert diese Zeit. Obs eine Kritik an den Bolschewiki war?
@Christian und Horscht
Nö – es steckt da kein besonderer Hintergrund dahinter. Ich hielt die Geschichte nur für so interessant, dass es sich lohnt, einen Artikel darüber zu schreiben. Mehr nicht. Kritik an den Bolschewiki? Ist mW nicht nötig, da sie außerhalb der ehemaligen Jubelliteratur im real existierendem Sozialismus eigentlich bereits kritisch genug betrachtet werden.
@Hannilein
Gewaltsam war die Revolution (wenn man deren unmittelbaren Machtübernahme sich direkt anschaut) von und zeitlich im Jahr 1917 in Russland durch die Bolschewiki ja eben nicht (auch wenn das die Bolschewiki propagandisch und filmisch später gegenteilig dargestellt hat). Das ist historisch erwiesen. Die unmittelbare Regierungsübernahme durch die Bolschewiki, das Zeitfenster zwischen der bürgerlichen Doppelregierung (der militärischen Kerenski Offensive) und dem Sturm auf das Winterpalais, war alles andere als gewaltsam.
Zeitlich gesehen ging die Gewalt innerhalb das Umbruches und Sturz des Zaren von den bürgerlichen Kräften aus, denen das national bürgerliche Russland und ein Krieg gegen Deutschland wichtiger war, als der Frieden und eine weitere soziale Veränderung. Es waren die bürgerlichen Kräfte um Kerenzki, die weiter Krieg führen wollten, und in den Bolschewiki um Lenin “geostrategische Agenten” Deutschlands sahen.
Der Aufstand in Kronstadt, ist die Geschichte eines sozialen Konflikts zwischen bäuerlicher Produktion von Lebensmitteln und der städtischen Konsumtion, dem Austausch von Werten, unter den Bedingungen eines Bürgerskriegs, der sich zu einem direkten Kampf um die politische Macht erneut entwickelte. Die Darstellung aus anarchistischer Sicht, die Bolschewiki hätte die Revolution verraten, indem sie gegen aufständischen Matrosen vorging, verschweigt, worum es den Führern des Aufstands und vieler daran Beteiligter Bürgerlicher wirklich letztlich ging: die Restauration der bürgerlichen Macht in Russland.
Die Frage, ob es eine friedlichere Entwicklung hätte geben können, stellte sich zu dem Zeitpunkt der direkten militärischen Intervention durch die bürgerlichen Staaten in Russland, die die Regierung stürzen wollten, nicht mehr. Der folgende Bürgerkrieg war in seiner Grausamkeit, mit dem Mantel der Grausamkeit ersten Weltkrieges bekleidet, direkt vorgezeichnet. Machno macht da in seinem praktischen “Anarchismus” und seinen politischen Forderungen und Handlungen keine Ausnahme.
Ironischerweise hat Machno Nester später selbst im Exil in Frankreich in der Dielo Truda eingestanden, dass seine Bewegung über kein klares politisches Konzept verfügte, wie die Verteilung und Struktur der Städte zu den Dörfern sich gestalten sollte und wie die Verteilung und Produktion von Gütern in einem bäuerlich strukturierten Land wie Russland organisiert sein muss.
Seine Charakterisierung als idealistisch geprägter Räuberhauptmann unter Kriegebedingungen trifft es sicher genau.
Vergewaltigung? Mord? Lügen? Räuberhauptmann?
Lemmys choice: http://www.kas.de/wf/de/71.5230/
@Hannilein: Es ist in meinen Augen ohne Kenntnis des Buches ein wenig billig, Peters abzuqualifizieren, weil sein Vater und Grossvater von Machnoleuten getötet wurden. Das erklärt vielleicht einen Teil seiner Motivation, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Sein Buch ist aber keinesfalls bloss eine Abqualifizierung Machnos und seiner Bewegung. Eine völlig neutrale Haltung zu Machno findet man ohnehin nicht, entweder sind da glühende Anhänger oder Gegner und Feinde jeder Abstufung.
Was die Plünderungen angeht: Klar kann man die Requisition nennen, und die Morde Exekutionen oder Liquidierungen. Die Machnoleute haben auch nicht als einzige geplündert, bei den Landverteilungen der Bolschewiki ging es oft nicht anders zu, und sie haben auch auf gar keinen Fall als einzige getötet. Was die sexuellen Gewalttaten, meist an Frauen und Mädchen der höheren Sozialschichten, angeht, werden bei Peters und nach meiner Erinnerung auch in anderen Quellen Fälle beschrieben, bei denen Machno mindestens Mittäter und Teilnehmer war. Über seine sexuellen Neigungen weiss ich nicht Bescheid, da habe ich auf die Schnelle nichts gefunden.
Es geht mir auch nicht im Traum darum, Machno niedermachen zu wollen. Auch wenn für Dich jemand, der auf Tendenzen in die übliche antibolschewistische Richtung eher skeptisch reagiert, reflexhaft zum “Marxisten-Leninisten” werden muss. Solche Zuschreibungen sind nicht nur wertlos, sondern entlarvend. Du solltest davon ablassen.
Was “man” in Bezug auf die Entwicklung der UdSSR hätte wissen können, halte ich für mehr als nur ein wenig fahrlässig. Bis 1928 wurde unter den Bolschewiki regelmässig die Frage der Wiederzulassung der anderen Arbeiter- und Linksparteien (die bis Anfang der dreissiger Jahre Büros in Moskau unterhielten) diskutiert – ok, und jedesmal vertagt. Man muss schon verbohrtester Geschichtsdeterminist sein, um da eine notwendige Entwicklung zu Tschistka und Gulag sehen zu wollen. Wer ein wenig Russisch kann oder sich auch nur der ins Deutsche, Englische, Französische etc. übersetzten Zeugnisse des vorstalinistischen Russlands ansieht, kann vor solcher antikommunistischer Ignoranz nur schaudern.
1925 waren in der gesamten UdSSR weniger als 100.000 Menschen aus allen Gründen in Haft, darunter kaum jemand aus im engeren Sinne politischen Gründen. Das ist eine Haftquote, die ganz erheblich unter unserer heutigen in Deutschland liegt. Emigranten konnten das Land frei bereisen, und machten das auch. Die kulturellen und literarischen Blätter waren voll von Debatten aller möglichen Richtungen und Fraktionen.
Was Stalins Putsch angeht: Wie sonst soll man die Ermordung Kirows und die darauffolgende Terrorkampagne denn nennen? Ist die Erschiessung von 800.000 Menschen und die Inhaftierung einer noch viel grösseren Zahl für Dich keine Tragödie? Und behauptest Du allen Ernstes, die UdSSR nach 1931 unterscheide sich kaum von der zuvor?
Wer Stolypin war, musst Du mir nicht erzählen. Es ist aber komplett geschichtsblind, die Situation vor und nach dem ersten Weltkrieg gleichzusetzen. Die fast 5000 Gehängten in kurzer Zeit waren für die Periode vor dem ersten Weltkrieg eine gewaltige Zahl und verursachten Schaudern und Abscheu. Aber auch der militaristische preussische Pickelhaubenstaat mit seiner Sozialistenverfolgung hat bis zum 1. Weltkrieg genau null (0) oppositionelle Arbeiter erschossen und bis zu seinem Sturz zwei (2), nämlich Köbis und Reichpietsch. Um tausende Arbeiter abzuknallen (“Gefangene werden nicht gemacht” – Noske) bedurfte es der Sozialdemokraten. Andere Baustelle, zeigt aber den Zivilisationsbruch. Und der hat in den Gräben und Materialschlachten des Weltkriegs stattgefunden. Insofern ist Dein Argument ahistorisch und auch ein gutes Stück weit niedermachend gegenüber den revolutionären Strömungen jener Zeit.
Im letzten Jahrtausend war es vielleicht noch verständlich das die “Idealisten” mit einer blutigen Revolution vorgehen mussten.
In diesem Jahrtausend sollte sich eine Änderung zu besseren Systemen nicht mehr an “kriegerischen” Revolutionen orientieren.
Sehr richtig Schachspieler,
…. sondern durch kleinschrittige Reformen.
Sobald ein paar Joker erzählen sie hätten den coolen Masterplan ganz geschmeidig eine gerechte Welt zu schaffen, geht das ganze da draußen regelmässig in die Hose…
irgendwann stellt die Gesellschaft nämlich fest, dass das doch alles nicht so gold ist und der wo dann die schlechte Nachricht überbringt, wird erschossen.
Der Krieg ist schon lange der bürgerliche Normalzustand seit 1990, und das einzige was heute neu ist, dass dieser Krieg direkt in die Metropolen der ersten Welt in dem gleichen Ausmaß zurückzukehren droht, wie er schon lange da draussen tobt. Wer nicht einmal diese einfachen Wahrheiten wahrnehmen will, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Was in Europa wirklich droht, ist nicht eine idealistische Revolution, sondern ein neuer Faschismus mit einem Krieg nach Innen und Außen gegen die direkten imperialen Konkurrenten und deren Produktionsstätten, wenn das Kapital nicht mehr Willens und in der Lage ist, die eigene innersystematische Produktionskrise friedlich zu lösen.
@Schachspieler: Revolutionen haben nie stattgefunden, weil sich jemand eine andere Regierungsweise ausgedacht hatte und die gern mal ausprobieren wollte, Revolutionen wurden nie so zum Spass gemacht. Sie waren stets das Resultat einer tiefgreifenden Krise der ganzen Gesellschaft und überkommenen Herrschaftsform, einer Situation, in der die Herrschenden nicht mehr weitermachenkonnten wie zuvor und die Beherrschten nicht mehr so weitermachen wollten.
Wenn die Lemmys hier von “keinen Experimenten” quaken, ist das dreiste Heuchelei und Lüge, ja Obszönität. Ich sehe nicht, dass sie je Suharto, Pinochet, Jelzin oder Mobutu “kleinschrittige Reformen” vorgeschrieben oder Noske und Pabst zur Gewaltlosigkeit gemahnt hätten. Auch ein verlogenes bürgerliches Arschloch wie Popper hat angesichts der Ereignisse nach 1989 nie zum “peacemeal social engineering” angehalten und vor zu grossen, zu unüberschaubaren revolutionären Schritten gewarnt. Nicht dass ich das nicht verstehe: die Gegenrevolution ist die Party des Bürgergesindels. Aber sie zeigt auch, dass alle bürgerlichen Appelle zu Vorsicht und Mässigung verlogen und heuchlerisch sind. Im Popperschen Sinne falsifizieren sie da ihre eigene Argumentation.
Ich hoffe im Übrigen sehr, dass wir nie in eine Situation wie die in Russland 1917-24 kommen, und wenn wir noch einmal eine so gewaltlose und generöse Volksbewegung wie die Novemberrevolution von 1918/19 erleben, uns Hyänen wie Noske erspart bleiben. Gerade die deutsche Revolution hat, ähnlich der Pariser Commune, gezeigt, dass Generosität nicht vor dem Massaker schützt, es im Gegenteil einlädt. Nicht zufällig waren es die Bolschewiki mit ihrer gnadenlosen Wehrhaftigkeit, die ihre Revolution, mit welchen Blessuren und Verunstaltungen auch immer, vor dem konterrevolutionären Blutbad bewahren konnten.
Und bei allen Verunstaltungen hat diese Umwälzung fast ein Dreivierteljahrhundert ihre Wirkung und Ausstrahlung auf die Welt ausgeübt. Auch wenn an der berüchtigten Frage an Radio Jerewan schon etwas dran ist: “Kann man den Sozialismus in einem Lande aufbauen? Im Prinzip ja. Es empfiehlt sich dann allerdings, in einem anderen zu leben.”
Meinjanur
@aquadraht
Im letzten Jahrhundert und in den Jahrhunderten davor war es einfach notwendig zu revolutionieren.
Die Menschen mussten sich irgendwann von der Unterdrückung befreien und den “Machthabern” zeigen das nicht alles geduldet wird.
Ohne eine “Revolution” im herkömmlichen Sinne ging es damals nicht.
Und seit dieser Zeit hat sich das “Volk” auch den ominösen “Mob-respekt” verdient.
Überall wo sich heutzutage diesselben diktatorischen Zustände wie damals im Zarenreich oder den sonstigen Monarchismen finden, ist eine “blutige” Revolution nicht auszuschliessen.
Eine diktatorisch-monarchische Unterdrückung wirst du wahrscheinlich ohne Gewalt nicht los.
Nur heutzutage sieht die Situation in den “demokratischen” Ländern anders aus.
Es ist keine Diktatur sondern eine Demokratie im Anfangsstadium sozusagen.
Das diese Demokratie in eine “kapitalistische” Schieflage geraten ist mag wahrscheinlich an den “üblichen” Verdächtigen liegen, und diese sind meiner Meinung nach immer die Machthaber.
Das Problem das sich immer wieder zeigt ist einfach der Umgang mit Macht.
Solange eine neue Ideologie keinen “akzeptablen” Umgang mit “Macht” und “Personifizierung” garantieren kann, solange ist sie gescheitert.
Solange brauchen wir auch keine Änderung der Verhältnisse.
Und falls ein neues “System” nicht fähig ist Gewaltlos vorzugehen, dann fehlt es an ethischen Grundsätzen.
Es hat sich im Kommunismus, Kapitalismus, Monarchismus oder Gottesstaat deutlich gezeigt das die Probleme immer wieder aus den gleichen Gründen entstehen.
In jedem dieser Systeme schafft es eine kleine “Elite” den Rest der Gesellschaft zu unterjochen.
Die Kernsache ist nicht “Revolution”, die hatten wir , sondern “lebende Demokratie” und zwar im Sinne der Erfindung, mit Verbesserung, Modifikation, Änderungsindex oder nenne es Demokratie 2.0, wie auch immer.
Wie willst du für etwas revolutionieren und einstehen, wenn du nicht “garantieren” kannst das sich nicht wieder “Machtgeile” Individuuen profilieren und das ewige Spiel weiterspielen.
Was nützt dir eine Änderung vom System wenn die neuen”Systemträger” neue Machtverhältnisse aufbauen?
Sieh es wie ein “Macht-Virus” auf dem Computer, was nützt dir ein neues Betriebssystem und was nützt dir eine neue Antivirensoftware wenn sie gegen das “Machtvirus” nichts anrichten können?
Da kannst du deinen Rechner rebooten und gegen die Wand schmeissen so oft du willst.