Occam’s Razor – ein Netz aus Intrigen
geschrieben am 04. Februar 2007 von Spiegelfechter
erster Teil – geschrieben am 27.11.06 – die Fortsetzung ist ebenfalls online.
Wer hat Alexander Litwinenko umgebracht?
Für die westlichen Medien ist der Fall klar – Putin wollte einen Kritiker mundtot machen. Eine recht schwache These – was gibt es noch für mögliche Motive, bzw. wer könnte an einer Demontage Putins am ehesten Interesse haben?
Um eine Aussage über die möglichen Gründe für den Mord an Alexander Litwinenko (L.) zu machen sollte man sich am besten zunächst sein näheres Umfeld betrachten:
- Alexander Goldfarb
L.s engster Vertauter. Ein gebürtiger Sowjet, der 1975 nach Israel emmigrierte, später in die USA ging und mittlerweile amerikanischer Staatsbürger ist. Sie lernten sich während L.s Gefängnisaufhalt in den späten 90ern kennen. Goldfarb war damals Direktor für die Auslandsoperationen einer von George Soros mit hunderten Millionen Dollar finanzierten Stiftung (1). Ziel dieser Stiftungen war es Russland bzw. die GUS dem westlichen System gegenüber zu öffnen (“Demokratie”, “freier Markt”). Er heuerte bei Boris Berezowski, desen Vertauter er seit 1995 ist, an und wurde dort 2000 leitender Direktor einer Stiftung, die
hauptsächlich Putin-Kritiker finanziell unterstützt.(2) (3). Er wird als die rechte Hand von Boris Berezowski bezeichnet.
- Boris Berezowski
B. war der erste russische Milliardär und unter den Oligarchen der Jelzin-Ära ein primus inter pares. Sein Vermögen “erwarb” er sich am Anfang mit Hilfe tschetschenischer Mafiakreise (4). In einem schwer durschschaubaren Intrigenspiel aus Mafia, Drogenhandel, dem Tschschenine-Krieg, der Plünderung Russlands unter Jelzin, Medienübernahmen und Morden wurde er mächtigster russischer Medientycoon, Förderer der Jelzin-Politik und Multi-Milliardär. Zusammen mit Roman Abrahmowitsch riss er sich auch Sibneft unter die Nägel und ist darüber auch in Causa “Yukos” involviert (4). Er war die Person, die den Friedensprozeß mit Tscheschenien torperdierte (gegen Alexander Lebed, der “natürlich” auch keines normalen Todes starb). Die Machtübernahme Putins setzte seinem Treiben ein Ende und er fand in GB Asyl, einem Land, daß schon immer Verständnis für Piraten hatte.
In der Schweiz und Frankreich wird übrigens gg. ihn wg. Geldwäsche ermittelt. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Mord an Wlad Listjew, einem popluären TV-Journalisten, der bei einem Sender arbeitete, den B. übernommen hatte. Die Spur wurde in Richtung Gussinski (B.s Konkurrent) und Luchkov (OB von Moskau, Gussinski-Freund und B.-Gegner) gelegt. Verdächtiger und Profiteur war auch B. Die Ermittlungen gg. ihn wurden natürlich unter Jelzin eingestellt.
- Lord Bell of Belgravia
Ein PR-Profi ersten Ranges. Er war Magraret Thatchers PR-Mann und leitete damals die Kampagnen der Konservativen. 1998 von Blair zum Lord of Belgravia geschlagen berät er bis heute diverse Personen und Gruppen u.a. die irakische Regierung bei der “promotion of democracy”, Rupert Murdoch, Conrad Black, Boris Yeltsin. Seit vier Jahren arbeitet er für Boris Berezowski.(5) Man könnte ihn also mit Fug und Recht als den PR-Mann bezeichnen, der mit “Freier-Markt”/”Demokratie”-Kampagnen gegen Russland sehr vertaut ist und allerbeste Beziehungen zu den westlichen Medien hat. “Natürlich” hat er sich des L.-Falles angenommen und steuert die PR-Politik in diesem Fall.(3).
- John Henry
Henry ist ein Londoner Toxikologe, der bereits als “Whistleblower” im Rahmen der vermeindlichen Juschenko-Vergiftung in Erscheinung getreten ist. Nachdem er von Goldfarb gebrieft wurde gab er bereitwillig Thesen zum Besten, die die Spekulationen um die L.-Vergiftung anheizten (3). Diese “falschen” Spekulationen wurden natürlich von den Medien (v.a.von Murdochs Medien (siehe Lord Bell) bereitwillig aufgegriffen und
mit den “richtigen” Schuldigen verknüpft. (8) und schliesslich noch die Personen, mit denen L. zuletzt Kontakt hatte:
- Andrej Lugowoi
Freund von L. und enger Vertrauter B.´s. Er war früher Leibwächter B.´s und Sicherheits eines von B.´s Fernsehsendern (bei dem der ermordete Wlad Listjew arbeitete). Zusammen mit zwei Bekannten traf er L. kurz vor dessen Erkrankung. (6)
- Marco Scaramello
Selbsternannter italienischer Professor, der für den CIA arbeitet(e). So wertete er 1992 das persönliche Archiv des KGB-Überläufers Wassili Mitrochin aus.(6)
Bei so vielen “illustren” Personen im näheren Umfeld, die Erfahrung mit Morden und politischen Ränkespielen haben, ist es da wahrscheinlich, daß der Mord von Putin in Auftrag gegeben wurde?
Warum sollte Putins dies tun?
Klar ist, daß sowohl beim Politowskaja-Mord als auch beim L.-Mord, dass beide kurz vor für Russland wichtigen internationalen Treffen stattfanden, daß westliche Medien sehr schnell den Finger auf den
Kreml ausstreckten und dass beide Morde international Empörung auslösten. Politkowskaja wurde zu Putins Geburtstag, kurz vor dem Petersburger Dialog und einem Europagipfel umgebracht. L.´s Tod überschattete den EU-Russland-Gipfel.
Es ist äußert unwahrscheinlich, dass der Kreml so gegen sich selbst arbeitet. Außerdem hätten russische Geheimdienstkreise sicher wesentlich weniger spektakuläre Mordinstrumente eingesetzt.
In diesem Netz aus Mafia, Tscheschenien, “freier Presse”, “freiem Markt”, russischer Innenpolitik und kriminiellen Oligarchen scheint vor allem ein Akteur Vorteile zu haben und das ist Boris Berezowski. Er sitzt als “fette” Spinne mittem in Netz der Akteure. Er hat Macht, die Mittel und einen Handlanger, der kurz zuvor mit L. gesehen wurde. Seine Medienmaschine springt in Schnelle an und schiebt die Schuld auf Putin – ein Schelm, wer …
Alexander Litwinenko war wohl der Mohr der seine Schuldigkeit getan hatte.
Er konnte B. in seiner regulären Aufgabe kaum mehr nützlich sein – um so nützlicher war er als Bauern-Opfer, daß ohne Wissen in einem makabren Intrigenspiel geopfert wurde … umgeben von seinen Mördern,
die als beste Vertaute die PR-Arbeit organisierten.
Auch Zusammenhänge mit der Yukos-Affäre kommen in Frage. Natürlich haben auch die USA und Israel gute Gründe Putin zu demontieren und beide haben Geheimdienste, denen ein solches “Täuschmanöver” zuzutrauen wäre – in diesem Falle wären Berezowski und Co. “nur” Trittbrettfahrer bzw. Instrumente, die i.S. der Akteure handeln.
Am wenigsten Vorteile hätte jedenfalls Putin, so daß es grotesk scheint, er stecke hinter diesem Mord.
Jens Berger
Tags:
Litwinenko Lugowoi Polonium Beresowski Mord Russland Putin Analyse

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