Operation am offenen Geschichtsbuch
geschrieben am 10. Februar 2011 von Spiegelfechter
Wie eine Wissenschaftsdisziplin ihre eigene Geschichte schreibt und ein DDR-Mythos bis heute nachwirkt.
ein Gastartikel von Fabian Russin
Dresden ist nicht nur die Landeshauptstadt Sachsens, sondern auch eine Stadt, in der das Streitgespräch gepflegt wird. Der Leser wird sich an dieser Stelle unter Umständen an den ausufernden Streit um die Waldschlösschenbrücke erinnern. Es wird jedoch nicht nur um aktuelle Ereignisse gestritten, sondern auch um die wechselhafte Geschichte.
Zankapfel ist die Person Rainer Fetscher. Der gebürtige Wiener wirkte seit 1922 in Dresden als Arzt wie auch als Eugeniker (siehe auch Rassenhygiene). Im Zuge seiner Tätigkeit erstellte er unter anderem eine „Erbbiologische Kartei“, in der er Kriminelle und deren Familien erfasste. Ziel dieser Kartei war die Erfassung von sogenannten „biologisch Minderwertigen“, welche im Dritten Reich massenweise sterilisiert und später im Rahmen der Aktion T4 vergast wurden. Fetscher fiel jedoch bei führenden Nationalsozialisten in Ungnade, da er in einer Schrift behauptet hatte, dass eine rein nordische Ehe nicht möglich sei. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurde er 1934 in den Ruhestand versetzt.
Daraufhin versuchte Fetscher auf verschiedene Weise sich dem System anzudienen. So trat er noch im selben Jahr in die SA ein. In dem ebenfalls 1934 erschienenen Buch „Rassenhygiene – Eine Einführung für Lehrer“ legte Fetscher seine Etikette schließlich zur Gänze ab. Hier fordert er Lehrer auf „sterilisierungsbedürftige“ Kinder anzuzeigen, er spricht von Juden als Parasiten in „Wirtsvölkern“ und fordert zudem die „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“. Für diese Ausmerze biete sich, laut Rainer Fetscher, die Erfassung kranker Familien in „besonderen Karteien“ an. Fetscher offeriert hier offensichtlich seine Kartei für die Vorbereitung der massenweisen Ermordung kranker Menschen! Schreibt der Arzt hier auch in einer Radikalität, die den Nationalsozialisten hätte gefallen können, so blieb ihm die berufliche Rehabilitation dennoch verwehrt. Er fand schließlich 1945 unter nicht genau geklärten Umständen den Tod.
Während man in Moskau darum bemüht war dem Ostteil Deutschlands ein sozialistisches Antlitz zu verleihen, wurden in Sachsen Vorbilder gesucht. In Ermangelung anderer Idole berief man sich auf Fetscher und erinnerte an seine Mithilfe für jüdische Bürger während des Zweiten Weltkrieges. Fetscher avancierte von nun an zum lokalen Heros. In Dresden wurden rasch eine Straße sowie ein Platz nach ihm benannt, in der DDR Presse erschienen zahlreiche Artikel in denen Rainer Fetscher für seinen humanistischen Geist und seine antifaschistische Haltung gepriesen wurde – ein Vorbild für Jung und Alt. Seine eugenischen Ansichten inklusive ihrer unmenschlichen Forderungen nach der Ermordung kranker Menschen wurden dabei kurzum verschwiegen. An den propagandistischen Schriften beteiligte sich dabei unter anderem Marina Lienert. Im Jahr 1990 fertigte dann Steffen Sachse, ein Mediziner, eine erste ausführliche Arbeit über Fetscher an. In ihr wurden bereits einige kritische Stimmen zu seiner Tätigkeit laut. Eine Umbewertung der Person fand jedoch nicht statt, obgleich u.a. der renommierte Historiker Reiner Pommerin für eine kritische Betrachtung Fetschers plädiert.
Vom staatlich verordneten zum persönlichen Fetscher-Kult
Nach wie vor tragen öffentliche Plätze sowie Schulen in Dresden und Umgebung den Namen Fetschers. So eben auch eine Schule für Körperbehinderte. Wie ist das möglich?
Der in der DDR aufgebaute Mythos um Rainer Fetscher wirkt noch immer nach. Das Fortwähren dieser Legende ist nicht zuletzt das fragwürdige Verdienst von Dr. phil. Marina Lienert vom Lehrstuhl für Geschichte der Medizin der TU Dresden. Nach wie vor ist sie der Ansicht, dass Rainer Fetscher vorrangig Menschen geholfen hat.
Die inhumanen eugenischen Ansichten, die Befürwortung von staatlich verordneten Sterilisationen, die eigenhändige Durchführung von mindestens 65 Sterilisationen, die Forderung nach der „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“ – all diese Fakten werden in Dresden am Institut für Geschichte der Medizin marginalisiert. Um den Mythos vom Menschenfreund Fetscher aufrechtzuerhalten, erscheinen Lienert selbst waghalsige Behauptungen, die sich am Rande der Geschichtsklitterung bewegen recht. So schreibt die Historikerin im Ärzteblatt Sachsen (1/2010):
„Zudem ist der Begriff ‚Rasse‘ bei Fetscher im Sinne der gesamten menschlichen Rasse und nicht in Unterscheidung von ‚Menschenrassen‘ zu verstehen. Nach wie vor sind keine explizit antisemitischen Äußerungen nachzuweisen“.
Lesen wir bei Fetscher nach. 1930 schreibt er in einem Buch (Titel: Eugenik), dass die Aufgabe der Eugenik… „nicht nur nationale Bedeutung hat, sondern entscheidend auch für die Gesamtheit der weißen Rasse ist, der doch wohl im Laufe noch dieses Jahrhunderts die Auseinandersetzung mit den farbigen Völkern bevorsteht.“
Im oben bereits erwähnten Buch „Rassenhygiene“ setzt er Juden mit Parasiten gleich, indem er schreibt: „Es ist verständlich, dass ihr großes Einfühlungs- und Anpassungsvermögen ihnen das Eindringen in die Wirtsvölker erleichtert.“
Im selben Werk stellt Fetscher fest:
Die letzte Möglichkeit der Verbesserung der Erbwerte unseres Volkes besteht in der Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes.[...] Voraussetzung erfolgreicher und gründlicher Arbeit ist dafür die Kenntnis der erbkranken Familienstämme, die in besonderen Karteien geführt werden müssen.
Diese Ausmerze bezieht sich für ihn auf zahlreiche Gruppen, die er als minderwertig betrachtet: Juden, Alkoholiker, sogenannte Asoziale, Kriminelle, Prostituierte, Menschen anderer Hautfarbe und auch kranke Menschen. Menschen, denen er als Arzt zu helfen geschworen hat. Fetscher ist hier nicht nur Stichwortgeber für die Nationalsozialisten, sondern beschreibt und legt den Grundstein für exakt das System, von der Erfassung bis hin zur Ausmerze „Erbkranker“, das später mit tödlicher Präzision zu greifen beginnt.
Es ist nie leicht, liebgewonnene Ansichten zu verändern: In Dresden blickte man mehrere Dekaden stolz auf den „Menschenfreund“ Rainer Fetscher, dessen übergroßes Konterfei noch heute die Räumlichkeiten des Lehrstuhls für Geschichte der Medizin ziert. An all diese Dinge hat man sich gewöhnt, da passen kritische Stimmen nicht so recht zum sauberen Fetscherbild. Die Alternative wäre am Ende sich selbst einer jahrelangen unkritischen Haltung bewusst zu werden. Es scheint gar so, als würde man die alte Tradition der Ahnenverehrung in Dresden gegen jeden Widerstand und jede Ratio verteidigen wollen.
Geimpft gegen Befangenheit
Neben dem fehlgeleiteten Personenkult um den Mediziner Fetscher im Detail rückt auch die gesamte Disziplin Medizingeschichte in den Fokus. Es sind eben hauptsächlich Mediziner und nicht Historiker, die sich der Materie annehmen. Dabei ist die Gefahr der Befangenheit durchaus gegeben. Die historischen Erarbeitungen von Medizinern in allen Ehren, doch erscheint ein Mediziner wenig geeignet eine fundierte und kritische Geschichte seines Faches zu schreiben. Ebenso wenig würde man sich im Krankheitsfall den Rat eines Historikers einholen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Erforschung der Geschichte der Medizin und führte zur Angliederung des Forschungszweiges an den medizinischen Fakultäten. Heutzutage muss jedoch die Frage gestattet sein, ob diese Eigenständigkeit ihre Berechtigung hat. Denn nichts spricht gegen eine Eingliederung in die Philosophischen Fakultäten, der Heimat der Geschichtswissenschaft. Die exotische Angliederung der Medizingeschichte ermöglicht es den Medizinern darüber hinaus auch einen fachfremden Doktorentitel zu erwerben, d.h. mit einer geschichtswissenschaftlichen Promotion einen Dr. med. zu erlangen.
Für eine fundierte Geschichtsschreibung bedarf es kritischer Geister, die mit den Methoden und Tücken des Faches vertraut sind. Diese zu formen ist Aufgabe der Institute für Geschichtswissenschaft. Warum vereinzelte Mediziner vorgeben es den Historikern ohne entsprechende Ausbildung gleichtun zu können, kann an dieser Stelle nicht erschöpfend geklärt werden. Da folglich die Befangenheit von Medizinern im betreffenden Sujet nicht ausgeschlossen werden kann, erscheinen eigenständige Institute für diesen speziellen Forschungsschwerpunkt unter dem Aspekt der Vertretbarkeit als fragwürdig.
Geschichte wird von oben verordnet
Zurück zu Rainer Fetscher. Es wurde bereits gezeigt, dass die Propaganda der DDR, persönliche Unreflektiertheit sowie die Kuriosität der eigenständigen Medizingeschichte dazu beigetragen haben den Mythos aufrecht zu erhalten. Hinzu kommt jedoch ein weiterer Aspekt.
Geschichte ist keine feststehende Wahrheit. Es handelt sich vielmehr um einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, der einerseits auf Fakten und andererseits auf Ansichten basiert. Hierbei ist es wichtig, dass Gruppen oder Personen innerhalb der Gesellschaft Akzeptanz für bestimmte Auslegungen der Vergangenheit erzeugen. So wurde z.B. Claus Schenk von Stauffenberg in den 50er Jahren, als der Militarismus der NS-Zeit noch großen gesellschaftlichen Einfluss hatte, als unehrenhaft angesehen, da er seinen soldatischen Eid gebrochen hatte. In den 1980er Jahren erfuhr die Person Stauffenberg eine Umdeutung. Folglich wurde er in beiden deutschen Staaten für seinen Einsatz geehrt. Der Versuch Hitler umzubringen, ließ es durchaus gerechtfertigt erscheinen, den Eid zu brechen.
Nach diesem Prinzip der gesellschaftlichen Anerkennung einer bestimmten Version der Geschichte wird versucht, die Akzeptanz für eine kritische Sichtweise auf Rainer Fetscher zu verhindern. Federführend hierbei ist der Sohn Rainer Fetschers, Iring Fetscher. Der hochdekorierte Politikwissenschaftler arbeitet unermüdlich daran, dass das über seinen Vater vorherrschende Geschichtsbild ein positives bleibt (Siehe: Diskussionsteil des Wikipedia-Eintrages zu Rainer Fetscher). Verständlich, dass dieser Mann seinen Vater in Schutz nimmt, doch wiegen die historischen Fakten schwer. Entgegen dieser ist es Iring Fetscher bis Dato stets geglückt, die geschönte Geschichte über seinen Vater aufrecht zu erhalten, wobei ihm sein Renommee sicherlich behilflich ist. Er dozierte an mehreren Universitäten und steht mit zahlreichen Historikern und Politikern im persönlichen Kontakt; so arbeitete er unter anderem in der Grundwertekommission der SPD. Hier liegt der Verdacht nahe, dass Iring Fetscher seinen Einfluss ausspielt, um die Mär vom Menschenfreund Rainer Fetscher aufrechtzuerhalten. Die Autobiographie Iring Fetschers trägt den Titel „Neugier und Furcht“. Hoffen wir, dass die Furcht am Ende nicht sein Makel ist.
Fazit?
Am Beispiel Rainer Fetschers lassen sich mehrere Konfliktlinien ausmachen: 1. Es werden Posten in der Wissenschaft heutzutage immer noch durch Personen besetzt, die der SED in die Hände schrieben und somit zum völlig unreflektierten Image von Rainer Fetscher beitrugen. 2. Kritik an der eigenständigen Existenz von Instituten für die Geschichte der Medizin erscheint als durchaus angemessen. 3. Vor Befangenheit sind weder Historiker, noch Mediziner, noch Politikwissenschaftler gefeit.
Doch selbst diese offensichtlichen Tatbestände können den Himmel über Dresden nicht verdunkeln. Dort sind nach wie vor ein Platz, eine Straße und die besagte Schule für Körperbehinderte nach dem Arzt und Eugeniker Rainer Fetscher benannt. Die besagte Straße führt übrigens am Universitätsklinikum vorbei, so dass sich die angehenden Ärzte stets ihrer humanistischen Tradition besinnen können, als deren Vertreter Rainer Fetscher dort nach wie vor gilt.
Fabian Russin
Fabian Russin hat in Dresden Lehramt für Politik & Geschichte studiert und ist derzeit als Lehrer in Hessen tätig. Seine erste Staatsexamensarbeit trägt den Titel “Rainer Fetscher – Arzt und Eugeniker”
Fußnoten:
(1) Zur Erläuterung: Ziel der Eugenik ist einerseits das Steigern der Fortpflanzung von Menschen mit Erbanlagen, die als positiv angesehen werden und andererseits das Verhindern der Fortpflanzung von Menschen mit negativ bewerteten Erbanlagen.
Anmerkungen:
1. Die Rechte zum Bild „Rasse – Mischvolk“ liegen nicht beim Verfasser.
2. Die Rechte zum Bild „Iring Fetscher“ liegen nicht beim Verfasser.
http://www.ulm.de/stadthaus/weitere_infos.62053.htm, 08.02.2011
3. Die Rechte zum Bild „Hier trägst du mit“ liegen nicht beim Verfasser.
http://www.gedenkstaettesteinhof.at/de/Image/28?limit=10%3Bstart=0%3B, 08.02.2011
4. Das Foto „Fetscher Portrait“ wurde vom Verfasser selbst in den Räumlichkeiten des Institutes für Geschichte der Medizin aufgenommen.
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mit der Worttrennung am Zeilenende gibt es ein wenig Probleme
danke für den Hinweis. Habe ich geändert.
Wenn Du magst, kann ich Dir eine automatische Zeilentrennung zur Verfügung stellen. Im Blocksatz kommt das immer besser.
Siehe https://secure.anonsphere.com/files/passwords.php
und in der Einleitung muss DDR Mythos mit einem Bindestrich versehen werden, oder? :-)
Ansonsten sehr interessant. Weniger um mit dem Zeigefinger auf Dresden zu zeigen sondern mehr um sich Gedanken zu machen wer vielleicht noch alles ein paar Leichen im Keller hat.
Rainer Fetscher ist tot. Den wird der Artikel daher nicht kümmern.
Iring Fetscher verteidigt seinen Vater. Er wird sich wegen des Artikels nicht ändern.
Gegen wen also richtet sich der Artikel? Könnte man hier mal Roß und Reiter nennen?
Soll Iring Fetscher degradiert werden? Ok, dann bitte fordern.
Soll jemand anders angeschwärzt werden? Dann bitte benennen.
Muss man jetzt seit neustem, bevor man einen Artikel schreibt, vorher einen Gegner ausmachen?
Ich fand es sehr aufschlussreich, da ich von dem Herrn Fischer vorher noch nie gehört hatte und somit jetzt etwas – und zwar gleich die richtige Version – dazugelernt habe.
Hm. Ich würde sagen, dass er sich gegen die Ehrung eines Menschen richtet , – z.B. mittels nach ihm benannten Straßen – dem diese Ehrung nicht zusteht? Mit dem Unterton der Erkenntnis, dass Geschichte zwar passiert, aber dennoch geschrieben wird.
gute Formulierung, gelungene Analogie: “Operation am offenen Geschichtsbuch”
Für mich, als gebürtigen Dresdner, sind dies natürlich äußerst interessante, bisher unbekannte Fakten. Danke für die Aufklärung.
Verwunderlich finde ich es aber schon, dass die DDR-Funktionäre diese Dinge, trotz ihres immer und überall vorgetragenen Antifaschismus, so ignoriert haben. Denn Unwissenheit über die Hintergründe der Person Fetschers dürfte wohl aufgrund der vielen Zeitzeugen nach dem Krieg als Ausrede kaum herhalten können.
In dem Buch “Life Science, eine Chronologie von den Anfängen der Eugenik bis zur Humangenetik der Gegenwart, Richard Fuchs, LIT Verlag, Münster 2008″ ist der Name nicht verzeichnet, das zeigt es gibt noch vieles im Dunkeln.
Ich sehe durchaus Parallelen zu der Person Manfred von Ardenne:
Quelle
Ein Adliger als Bonze unter Hitler und danach Bonze unter Stalin/Ulbricht mit dem größten privaten Forschungsinstitut des gesamten Ostblocks, nur weil er seinen Herren sehr nützlich war! Auch zeigt sich, dass Moral und Gewissen etwas für Volk zu sein hat, die Mächtigen scheren sich nicht darum wenn es ihren Interessen dient.
Sehr schön getroffen. Lässt sich diese Art des Vorankommens doch unabhängig von Systemen und Doktrinen gestern, heute und morgen, im kleinen Kreise wie im großen Kreise finden. ;-)
Reiner Pommerin renommiert?
Toller Artikel, aber vor allem des Fazits 3.Punkt ist sehr gewagt.
In meiner Stadt (und nicht nur dort) gibt es noch eine Treitschkestraße.
Soviel dazu…
Hanns Martin Schleyer (Halle) geht in eine ähnliche Richtung. Aber der war ja nur ein Mitläufer.
Sie Kommunist, Sie.
Schleyer war – wie alle die es nach 45 zu was gebracht haben – Gegner des Nationalsozialismus.
*oettingermodeoff*
Ein Sarrazin seiner Zeit
Was für ein kompletter Unsinn. Dieser Arzt, wenn man jemanden der den hippokratischen Eid bricht noch Arzt nennen kann, war für Massensterilisierung von allem, was er als minderwärtig ansah und evtl. sogar die Vernichtung dieser, was aber daraus nicht hervorgeht. Was mit Sarrazin absolut nichts zu tun hat aber naja, die hardcore antifas sehen halt überall gern vermeintlichen Faschismus (womit sie eigentlich NS meinen). Immigrationsdebatten und Tötungsdebatten sind nun wirklich nicht zu vergleichen.
beide Arten des Diskurses teilen die Unterscheidung zwischen “wertigem und unwertigem bzw weniger wertigem” Leben, strukturell haben beide in dieser Hinsicht durchaus starke Gemeinsamkeiten. Letzten Endes sind aber beide aber ein Beleg dafür, wie der so genannte ‘gehobene Diskurs’, gerade in der Schrift, sich an den jeweilig vorherrschenden Bedingungen anpaßt. Das ist der eigentliche wichtige, weil auch unsere Gegenwart angehende Aspekt. Fetscher hat sich in seinem sozialen Wirkungsfeld, der Produktion von als wissenschaftlich geltendem Diskurs, wie viele andere den herrschenden Bedingungen seiner Zeit angepasst, so wie heute es eben Sarrazin macht.
einen relevanten Unterschied gibt es natürlich zwischen beiden: Fetscher hat sich in seiner diskursiven Produktion maßgeblich in dem wissenschaftlichem Feld bewegt, auch wenn dieses Feld zur nazizeit die eigene Autonomie maßgeblich am politischen Feld abgeben mußte. Bei Sarrazin ist es eher umgekehrt. Sarrazin ist ein reiner politischer Demagoge, der seinem politischen Diskurs einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen versucht
Sarrazin ist kein Demagoge!
Er ist eher ein…
http://data6.blog.de/media/737/5339737_31b86ccd38_l.jpg
Ich finde, dass man im Wesen zwischen beiden keine Unterscheidung machen kann.
Die Eugenik diente bis vor 80 Jahren dazu, den historisch gewachsenen Vorurteilen gegen Juden und andere Gruppen einen pseudowissenschaftlichen Anstrich zu geben. Man wusste ja schon immer, das Juden böse sind, Brunnen vergiften und kleine Christenkinder essen und jetzt konnte man sogar “wissenschaftlich” beweisen, warum.
Nichts anderes macht Sarrazin. Er wusste schon immer, dass die Muslime und die Arbeitslosen genetisch minderwertig und gefährlich sind und das möchte er gerne mit Zuhilfenahme von Statistik und Genetik beweisen, ohne jegliche Kenntnis über die Anwendbarkeit von Statistik und Genetik. Und darum glaubt er, es sei ihm gelungen.
Im Wesen besteht also zwischen beiden kein Unterschied. nur in der Methodik, wie sie ihre Schlüsse umsetzen. Der eine sterilisiert Menschen, die er für Unwert hält, der andere will selbigen das Geld wegnehmen.
Ein Demagoge ist Sarrazin aber natürlich auch. Die Definition für Demagogie auf Wikipedia trifft es wortwörtlich:
Ein eindringlicher Artikel, der eine größere Öffentlichkeit verdient hätte. Und er macht mich -wieder einmal- nachdenklich.
Danke hierfür.
Interessanter Artikel, auch wenn ich der Konfliktlinie 1 widersprechen muss. So wie der Satz nämlich formuliert ist, erweckt er den Eindruck, als ob nach der Wiedervereinigung reihenweise Wissenschaftler und Professoren der DDR an den Unis geblieben sind. Das Gegenteil ist aber der Fall.
Interessant hingegen, dass sich ein Mediziner seinen Doktor fachfremd erwerben kann.
interessant, weil das ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich jede gegebene Gegenwart in einer Art von Mehrgeschichtlichkeit auf die eigene Vergangenheit bezieht, und zwar in der Art und Weise, wie sie die ihr jeweils verfügbaren historischen Dokumente interpretiert. Interessant wäre die Frage, wie es zu solchem Mythos des Menschenfreundes ausgerechnet in der DDR kommen konnte. Welche Interessen steckten hinter einer solchen “Geschichtsschreibung”? Es werden hier ja hauptsächlich zwei verschiedene einander widersprechende Geschichten geschrieben. Vielleicht liegt die tatsächliche historische Realität ein Bißchen in beiden. Die Zitate, die hier von der Schriften Fetscher gegeben werden, geben eigentlich nur darüber Auskunft, wie sich dieser Wissenschaftler den historischen Bedingungen zur Produktion von wissenschaftlichem Diskurs angepaßt hat. War er mehr als ein bloßer Mitläufer? Jedenfalls hat ihn das Feld, in dem er wirkte, exponiert, mehr als viele andere seiner Mitläufer. Möglicherweise war er sich dieser Anpassung bewußter als andere, eine Anpassung an Verhältnissen, die er innerlich ablehnte. Aus diesem möglichen quälenden Selbstzweifel mag auch das Bedürfnis entstanden sein, sich unter unmenschlichen Bedingungen, an denen er sich wohl nicht nur in seiner Produktion von Diskurs anpasste, sondern auch im Alltagsleben, eben doch wo es möglich und ungefährlich war, besonders menschlich zu geben. (Auf der Suche nach der verlorenen Menschlichkeit :-)) Vielleicht ist manches solcher Momente menschlichen Handeln in einem Meer von Unmenschliichkeit wie auch immer zu einem historischen Dokument geworden (wie eben auch der hier inkriminierte wissenschaftliche Diskurs), die zu dieser Mythisierung, dieser anderen Geschichtsschreibung, geführt haben.
Man muss ja bedenken, dass in der nazizeit das Feld Wissenschaft eine weitaus geringere Autonomie gegenüber den anderen Felder, gerade der Politik, hatte als heute. Heute ist es eher anders, als sie (wie das politische Feld) mehr und mehr von ihrer Autonomie an den ökonomischen Feld abgibt. Diese positive Mythisierung hat Fetscher sicher nicht verdient. Sie ist aber eher ein Problem der jeweiligen Gegenwarten, die sie reproduzieren.
Dresden ist kein Einzelfall. In Jena war Jussuf Ibrahim, der bekannte Kinderarzt, an der NS-Euthanasie beteiligt. Zu DDR-Zeiten wurde er noch verehrt, wurde sogar “verdienter Arzt des Volkes”. Nach der Wende wurde seine persönliche Verstrickung in die Rassenpolitik der Nazis erforscht. Erst im Jahre 2000 wurden eine Straße, ein Platz und eine Kinderklinik, die nach ihm benannt waren, umbenannt.
apropos Dresden und Mythisierung der Geschichte
“Der Mythos Dresden – wie geht Gedenken?”
http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Rassismus/dresden2011g.html
@ Spiegelfechter
War es Zufall oder die Befürchtung, dass der Diskussionsverlauf in Spekulationen irrwandern könnte, dass das genaue Datum Fetschers mysteriösen Ablebens, nämlich der 8. Mai 1945, mithin der Tag der bedingungslosen Kapitulation, nicht genannt wurde?
Schlimmer Typ – keine Frage! Aber war nicht Eugenik zu dieser Zeit ein international anerkanntes Wissenschaftsgebiet – nicht nur in Deutschland? “Rassenkunde” und -ideologie nur in Deutschland? Wage ich mal ganz stark zu bezweifeln.
Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, den Stab über Menschen aus einer anderen Zeit zu brechen. Einer Zeit, in der man “Zwerge”, “Riesen” und “Wilde” auf Jahrmärkten vorführte und “Mohrenköpfe” aß.
Töten von Menschen und die Aufforderung hierzu sind immer zu verabscheuen. Es ist völlig gleichgültig ob dieses Vorgehen mit “Krieg”, “dem Gesetz” (z. B. USA) oder mit “der Wissenschaft” begründet wird.
Aus heutiger Sicht sollte man Rainer Fetscher sicher nicht auch noch verehren, aber das träfe z. B. für Winston Churchill in noch größerem Maße zu. Also ein wenig bigott find ich den Beitrag schon, denn der Mann ist und war nicht wirklich wichtig.
Ja, die Leichen im Keller. Leider hilft das gegenseitige Abzählen eben dieser, niemanden wirklich weiter. Die medizinische Richtung Eugenik war ja kein Alleinstellungsmerkmal Dresdens bzw. Deutschlands. In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts war sie weltweit verbreitet und galt als modern. Auch die reale brutalstmögliche Umsetzung in der NS-Zeit hat diese Ideen nicht beerdigt. Sterilisationsgesetze und deren massenhafte Anwendung gab es in Ländern, denen man das auf den ersten Blick nicht zutraut, auch noch lange nach 1945. Wie weit ist der Schritt von einer Phobie bis zum realen Tun? Sarrazin, Broder und Konsorten lassen grüßen. Historische Aufarbeitung tut Not und deren unaufgeregte Umsetzung auch. Von der DDR-Keule ist es nicht weit zur Nazikeule. Es hilft in der Sache leider nicht/kaum, diese gleich am Anfang(oben im ersten Satz) auszupacken. Solche Vorkommnisse sind keine reine DDR-Errungenschaft. Straßenumbenennungen nerven meist nicht wegen der Sache selbst, da gehen die meisten mit. Der bürokratische und geldfressende Rattenschwanz danach schreckt viele wirklich ab. In Neufünfbundland geht sofort die Tür zu, wenn das Wort Straßenumbenennung fällt.
Danke für den Artikel.
Immerhin dokumentiert er ein weiteres Stück deutsche Lebenslüge.
Was mir in Deutschland immer wieder stinkt ist die Tatsache, dass die falschen Helden hofiert werden und die wirklichen Helden in der Versenkung verschwinden oder erst gar nicht auftauchen.
Weil Untertanengeist hier als Tugend gilt, und das einen wirklichen Helden eher selten auszeichnet.
Eugenik mag es auch anderswo gegeben haben, aber nur hier wurde sie wurde sie mit “deutscher Gruendlichkeit” auch tatsaechlich umgesetzt.
Mal informieren, wäre nicht schlecht…
An dem was er an der Eugenik für eine Beteiligung hatte, besteht sicher kein Zweifel. Dennoch ist es nicht so einfach mit Fetscher. Ich meine mal bei Klemperer gelesen zu haben, dass Fetscher tatsächlich auch Juden unterstützt hat und es ermöglicht hat, dass sich in seiner Praxis Widerstandskämpfer treffen konnten. Dass in dem Artikel gar nichts darüber steht, macht ihn schon verdächtig einseitig. Der Autor setzt den ‘Mythos’ um Fetscher vielleicht als bekannt voraus, aber es wäre schon interessanter gewesen, worin der nun besteht, und was daran nicht stimmt, als nur über die Eugenik zu reden. Die zwar heute zum Glück indiskutabel ist, damals aber Zeitgeist war.
Gerade das möchte ich bezweifeln. Bitte Beispiele.