Griff in die Sozialkassen
geschrieben am 29. April 2009 von Spiegelfechter
Um außergewöhnliche Konjunkturdellen nicht allzu sehr auf den Arbeitsmarkt durchschlagen zu lassen, gibt es das Instrument des „Kurzarbeitergeldes“. Unternehmen, die vorübergehende Auftragseinbrüche verzeichnen müssen und keine anderweitigen Reserven haben, können bei der Arbeitsagentur für die Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld beantragen. Die Arbeitsagentur bezuschusst dann die Arbeitnehmer in Reserve mit bis zu 67% des Nettoeinkommens. Normalerweise ist dieses Kurzarbeitergeld auf sechs Monate begrenzt. Angesichts der Weltwirtschaftskrise hat die Bundesregierung die maximale Bezugsdauer bereits auf 18 Monate erhöht und plant laut Presseberichten nun sogar eine Ausweitung auf volle 24 Monate.
Grundsätzlich ist das Instrument Kurzarbeitergeld durchaus sinnvoll. Unternehmen müssen keine qualifizierten Arbeitnehmer entlassen, wenn sie mit einer vorübergehenden Krise konfrontiert werden, der Arbeitnehmer behält im Idealfall seinen Job und alle arbeitsplatzbedingten Begünstigungen, und für die Sozialkassen ist das Instrument nahezu aufkommensneutral. Wenn die Arbeitnehmer entlassen werden müssten, würden sie anstatt des Kurzarbeitergeldes Arbeitslosengeld kassieren. In der Theorie ein sinnvolles Instrument, in der Praxis jedoch bietet kaum ein anderes arbeitspolitisches Instrument so viel Missbrauchspotential wie das Kurzarbeitergeld.
Das Sozialsystem darf natürlich erst dann zum Zuge kommen, wenn sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind. Wenn die Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit geschickt werden sollen, noch Überstunden vor sich hinschleppen, die während der Kurzarbeit abgebaut werden könnten, so verliert das Instrument Kurzarbeit seine Berechtigung. Wenn die Unternehmen, die Kurzarbeit beantragen, über ausreichende finanzielle Reserven verfügen und sogar noch schwarze Zahlen schreiben, darf nicht das Sozialsystem herangezogen werden, um ganz normale unternehmerische Risiken zu übernehmen. Die Arbeitsagenturen wissen theoretisch um dieses Missbrauchspotential, haben aber weder die personelle Ausstattung noch die Vorgaben, Anträge gewissenhaft zu überprüfen. Die Botschaft aus Berlin ist auch eindeutig zweideutig – wie weiland bei der Finanzmarktkontrolle ist auch heute die oberste Direktive, „eine Kontrolle mit Augenmaß“ auszuüben. Das hört die Industrie gerne und nutzt das Instrument Kurzarbeit in nie gekanntem Umfang.
Ende März lagen der Bundesarbeitsagentur bereits Anträge für insgesamt 1,7 Millionen Kurzarbeiter vor. Wenn diese Anträge abgewickelt sind und die Anzahl der Anträge weiterhin exponential steigt, wird von den Etatrücklagen in Höhe von 2,1 Milliarden Euro bald nichts mehr übrig sein. Im letzten Monat musste der Staat bereits mit 173 Millionen Euro in die Bresche springen. Die gesamten Reserven der Bundesarbeitsagentur betragen 17 Milliarden Euro – diese Summe könnte bei einer lang anhaltenden Krise schneller schmelzen als ein Eiswürfel in der Sommersonne. In diesem Fall würde wieder einmal der Bund mit Sonderdarlehen einspringen.
Ohne Missbrauch wäre dies eine weitere bedauerliche Folge der Krise unter vielen. Durch das Missbrauchspotential könnte über das Kurzarbeitergeld aber auch eine gigantische Plünderung der Sozialsysteme durch die Industrie stattfinden. Wie so etwas funktionieren kann, hat der Volkswagen-Konzern eindrücklich gezeigt.
Ende Februar malte die Wolfsburger Chefetage ein schwarzes Bild – Umsatz- und Gewinneinbrüche. Man beantragte bei der Bundesarbeitsagentur Kurzarbeitergeld für 61.000 der etwa 92.000 Beschäftigten im Stammwerk Wolfsburg, sowie für die Standorte Emden, Hannover und Zwickau. Wer einen Passat bestellt, muss sich nicht wundern, wenn er vier Monate Wartezeit hat, beim Golf sind es sogar sechs Monate, und der Polo gilt als ausverkauft – schon vor der Erfindung der Abwrackprämie. Die Wolfsburger, die momentan ganz besoffen vor Freude sind, dass sie wahrscheinlich bereits in diesem Jahr größter Automobilhersteller der Welt werden, spielen neuerdings sogar mit dem Gedanken, sich mit Porsche eine eigene Investmentbank mit angeschlossener Sportwagenproduktion zuzulegen. Volkswagen verfügt über gigantische Finanzreserven – wenn es darum geht, einen kleineren Auftragseinbruch abzufedern, müssen allerdings die Sozialkassen einspringen.
Alleine die Kurzarbeit im Stammwerk Wolfsburg dürfte mit rund 110 Millionen Euro aus den Sozialkassen bezuschusst worden sein. Die Aktion muss ein gigantischer Erfolg gewesen sein – nur wenige Wochen später meldeten die Wolfsburger einen operativen Gewinn von 312 Mio. Euro für das erste Quartal. Die Börsianer jubilierten und kommentierten den Kassenangriff aus Wolfsburg mit entwaffnend ehrlichen Worten: „VW verringerte seinen Lagerbestand zu Jahresbeginn mit Hilfe von Kurzarbeit und verfügt so nach eigenen Angaben über ein dickes Liquiditätspolster, um die Krise zu überstehen“.
Nach Informationen des „Focus“ werden nun im Stammwerk Wolfsburg bis Ende Juni an den Wochenenden Sonderschichten gefahren und VW-Chef Martin Winterkorn habe in der letzten Woche bereits nachfragen lassen, wer in den dreiwöchigen Werksferien im Juli arbeiten könne. Ein gigantischer Erfolg des Instruments Kurzarbeit? Wohl kaum, eher ein besonders dreister Griff in die Sozialkassen. Wäre es nicht Volkswagen, sondern ein kleiner Mittelständler, der bei einer so offensichtlichen Erschleichung staatlicher Hilfsmittel ertappt worden wäre, so stünde bereits ein Beamter der Bundesarbeitsagentur mit einem Rückzahlungsformular in der Tür der Geschäftsführung – Herr Winterkorn wird weiterhin ruhig schlafen dürfen.
Jens Berger
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| Tags: Deutschland Neoliberalismus | |
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Danke für diesen Artikel, es ist wirklich mehr als erstaunlich, was sich Unternehmen alles leisten können, sobald sie mal eine gewisse grösse erreicht haben.
Dennoch frage ich mich wieso es Volkswagen eigentlich so gut geht, ich persönlich würde nie auf die Idee kommen mir einen zu kaufen, naja ausser ich würde morgen auf der Strasse zuzfällig über 10 kg Gold stölpern, dann könnte ich es mir vorstellen einen kleinen Golf W12 zu holen, aber das gehört nicht zum Thema..
Ich kannte das Konzept nicht, aber dass schreit schon sehr nach Missbrauch… Das wird die Sanierungen der Kassen sicher weiterhelfen…
Irgendwie ist es ermüdent das man sich darüber nicht mal mehr aufregen kann.
P.S. Es tut mir leid das ich vollkommen “Off topic” poste, aber ich habe erst jetzt den Newropeans banner oben rechts auf deiner Seite gesehen… Ich gehe mal davon aus das es eine Unterstützungsaussage ist und keine Werbung :) Wenn ja würde ich mich freuen wenn du ein Kommentar oder einen Beitrag dazu schreibst.
@Skl8em
Kommt noch ;-)
Chapeau, sehr interessante Perspektive die Kurzarbeit zu betrachten…
Jens, täusche ich mich oder hast du früher mehr Quellen angegeben?
Sehr interessanter Artikel. War mir in diesem Zusammenhag völlig neu.
Wenn man sich die beinharten Kontrollen bei Hartz IV anschaut, dann fehlen einem für diese Großzügigkeit die Worte. Aber diese Ungleichbehandlung ist inzwischen systematisch.
ja, auch von mir ein Dankeschön für diesen erneut aufklärerischen Beitrag.
tja, auch hier gilt wohl das, was Krugmann schon längst für die usa erkannt hat
“OK, we are a banana republic”
http://krugman.blogs.nytimes.com/2008/09/29/ok-we-are-a-banana-republic/
Die Sozialkassen werden seit 25 Jahren kontinuierlich ausgeplündert. Da ist nichts mit Konjunktiv. Verluste werden voll Staat, Beschäftigten, Bürger und Sozialkassen aufgebürdet, Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet.
Ich war damals – bei Opel Rüsselsheim – auch schon in Kurzarbeit. Mit 80 Überstunden. Und ich war einer von denen mit wenig Überstunden. Genauso wirds bei allen anderen großen “Arbeitgebern” aussehen.
Mercedes entlädt die Verluste aus der gescheiterten Fusion mal wieder bei Beschäftigten, Bürgern, Sozialkassen und dem Staat ab, kann mich aber nicht dran erinnern, daß Mercedes von den riesigen Gewinnen freiwillig 10% in Sozialkassen gezahlt hätte. Betriebsräte sind in der Regel willige Erfüllungsgehilfen, die alles machen, solang sie freigestellte Taubenzüchter sind. Das System krankt – und das mit voller Absicht.
Aber keine Angst – morgen in der Blöd-Zeitung: Der Aufschwung kommt! Dieter Bohlen kauft sich eine neue Yacht! oder so.
gruß
Griff in die Sozialkassen …
oder das Gelage während der Pest (A Feast in Time of Plague).
Solange die Politclowns die Spendierhosen an haben, darf die Fete noch gemütlich gefeiert werden. Spätestens nach dem September werden die Hosen heruntergelassen.
Lieber SF, du schreibst schier göttlich schön.. Wie die supersten Journalisten in meiner Jugendzeit. Ausser Dir hat eigentlich nur noch Ross Gittins vom Sydney Morning Herald mehr inherente Logik.
Tatsache ist, rund ein Drittel, vielleicht auch nur 15% des angenommenen Geldes auf der Welt sind plötzlich entschwunden. Papier, nicht aufgegangene Tulpenzwiebeln.
Jetzt wird die Menge des “Funny Money” noch ein wenig erweitert. Das gibt vielen, inklusive Kurzarbeitern, noch ein paar relativ gute Monate. Vielleicht sogar zwei Jahre. Danach ist Schluss, Aus und Basta. Anstatt der grossen Pleite, kommt die etwas grössere Pleite etwas später. Ich bin dankbar für jeden Aufschub, denn der Unterschied im Endresultat ist nur relativ.
Wie Dortmund mit dem Europapokal 1997. Danach nur noch Nudeln. man existiert noch. Immerhin hat man den Pokal als Wegzehrung.
Vor ein paar Wochen musste ich mich hier noch von einem in Rumänien ansässigen deutschen Auslandshelfer drangsalieren lassen weil ich meinte, die wirtschaft wird erstmal 10% schrumpfen. Offiziell sind wir schon mal bei 6% in D, US und JAP.
Wie ich in meinem der ersten Beiträge hier gesagt habe: eine Zeit ist zu Ende gekommen, wir werden wahrscheinlich abinfltioniern muüssen, brauchen vielleicht eine neue Währung, und danach brauchen wir etwas sozialverträgliches.
Das Jetzt ist hochinteressant, aus einer historischen Perspektive. Das Morgen hinter dem Berg muss ausformuliert werden. Wie eben gerade auch beim FC Bayern heute.
Die tiefes “V” Rezession wird eine langes “L”Rezession werden. Ohne auf Details zu achten, mit Schulden wird as immer eine Umverteilung von unten nach oben sein, wie mir das Franz-Josef Strauss mal sehr genau erklärt hat.
Da wohl hier keiner die Absicht hat jeden Edeka Laden an der Ecke verstaatlichen zu wollen, müsen wir daher untersuchen mit welchen marktwirtschaftlichen Mitteln wir hier einen breitgetreuten relativen Wohlstand aufrechterhalten wollen und können.
Die Plünderung der Arbeitslosenversicherung und das Aufbrauchen der Reserven ist auch unter dem Aspekt zu sehen, dass der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung innerhalb von wenigen Jahren um mehr als die Hälfte reduziert wurde. Von der Ersparnis der letzten Beitragskürzung kann sich ein Normalverdiener einmal im Monat eine Pizza kommen lassen oder ins Kino gehen. Wie soll das alles bezahlt werden? Oder ist etwa mutwillig geplant, dass es gar nicht bezahlt werden kann, um weitere Leistungskürzungen vornehmen zu können ?!?
Ein Bekannter erklärter mir vor einiger Zeit die Kurzarbeit in seinem Betrieb damit, dass auch die Konkurrenz zu diesem Instrument gegriffen hat, obwohl es dem Unternehmen eigentlich gut gehen würde.
Diese Subventionierung erinnert mich an den Frührenten-Boom. Zitat von damals (1996): “Blüm wirft aber den Großunternehmen vor, sich über die Frühverrentung auf Kosten der Beitragszahler und des Mittelstandes zu sanieren.”
Auch damals profitierten vor allem Großunternehmen.
@Martin Betzwieser, 10
Ja, das wird wohl der Plan sein. Erst die Einnahmen drastisch zurück fahren und das dem Mob noch als Wohltat für den Geldbeutel verkaufen und dann sagen: seht her, die Kassen sind in der Krise nicht krisenfest, nur private Vorsorge ist krisenfest. Geht es doch um etliche Milliarden Euros, die in den Kassen schlummern, die ein paar gerne in den Händen hätten.
Nicht umsonst sind vorallem in der letzten Zeit viele Zusatzversicherungen auf dem Markt gelandet, die ehemalige bzw. gekürzte Kassenleistungen im Krankheitsfall waren wie Brillen, Zähne etc. Die Krankenkassen wurden regelrecht geplündert, da die Politik die Grundsteine zur Massenausweitung der Sklavenlohnjobs legte. Mittlerweile sind wir in diesem Bereich den USA dicht auf den Fersen und werden sie wohl demnächst überholen. Was da ein Beiträgen letztlich den Kassen vorenthalten wurden.
Wobei, wozu brauchen wir 300 und mehr Krankenkassen? Eine wäre wesentlich billiger im Unterhalt. Aber das ist ein anderes Thema.
Phil die anzahl der kassen ist nicht so das problem, eine stärkung der kassen durch versicherungspflicht in kombination mit abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze
und natürlich mit strengeren regelungen gegen die pharma abzocke rund kartelle würden allen helfen
Ein Artikel, der einem schon wieder den Magen umdreht, ‘tschuldigung Jens, mehr Dein Verdienst als Deine Schuld! Das würde ich gern in der “Aktuellen Kamera” bei ARD und ZDF sehen. Aber die feiern “unsere” Politkasper für ihr tolles “Krisenmanagment” ab, und berichten eifrig über deren Konjunkturprognosen… -eine schräg gepfiffene Melodei der falschen Töne im Dunklen! Und die Schafsherde von Souverän will, wenn man FORSA Glauben schenken kann(?), zu 14% FDP wählen! Ich muss da jetzt ganz schnell wieder den Kopf über die Schüssel hängen (göbel)…
@nox:
Sehe ich jedoch anders: es muss x-mal Verwaltung, Rechner etc. vorgehalten werden. Auch möchte der Besitzer gerne auch mal etwas Geld sehen. Der Manager möchte gerne auch einen neuen Firmenwagen etc. haben. All das kostet Geld. Viel Geld, welches eingespart werden könnte, gäbe es nur eine Kasse.
Das ist wiederum wahr.
phil kleine kassen können besser individuell beraten o.ä
das hat schon vorteile… nur ist die umsetzung absolut schlecht.
eien flache verwaltungstruktur und mehr beratung können kosten sparen und den service verbessern.
Habt ihrs heute oder gestern nicht gelesen, die ALGII Empfänger werden schon mal auf Kürzungen 2010 vorbereitet, denn in der Krise muss ja jeder seinen Beitrag leisten oder so.
wann wird eigentlich widerstand zur pflicht; Und wäre gewalt in diesem falle nicht legitim?
Ich meine, wie soll man dieses geflecht von politikern, wirtschaftslobbyisten, bankmanagern, journalisten und anderem geschmeiss denn sonst loswerden?
allerdings müssten die bürger dann für eine kurze zeit aufhören sich gegenseitig das leben schwer zu machen was wohl nicht passieren wird.
die Merkel wird eh wiedergewählt wenns so weitergeht…
Widerstand ist schon seit langem Pflicht, jedoch mit Gewalt erzeugst Du (derzeit) nur Gegengewalt und SF’s optimistische Sicht, dass nicht auf Demonstranten geschossen wird, kann ich nun wirklich nicht mehr teilen, zumal ja gerade die Bundeswehr darauf vorbereitet wird, genau das zu tun und unser Menschenfreundlicher Lissabonvertrag sogar Hinrichtungen erlaubt.
Derzeit dürfte die Staatsgewalt der Bürgergewalt weit überlegen sein – Du bekommst nur ein sinnloses Blutbad. Das Geschmeiss aus Politikern und Wirtschaftsvertretern wirst Du aber auch nicht los, denn sie werden darauf achten, sich ihre Machtgrundlagen notfalls mit Gewalt zu erhalten. “Wählen” oder Wahlverweigerung ist auch nur Kosmetik, da bei einer “Wahl” meiner Ansicht nach nur die Linke als Bremsklotz in Betracht käme, denn alle anderen “Wahlen” hätten keinen messbaren Effekt. Kleine Parteien zu wählen ist zwar nett, aber interessiert keine Sau und Nichtwählen bringt gar nichts, da unsere “Volksvertreter” sich sogar dann noch als vom “Volk legitimiert” betrachten würden, wenn aus der Volkskaste keine einzige Stimme abgegeben worden wäre und sich das “Wahlergebnis” ausschließlich aus Stimmen der Politikerkaste selbst ergibt.
Und auch wenn unsere “gewählten” “Volksvertreter” größtenteils korrupt, doof und gewissenlos sind … sich selbst zu wählen kriegen sie wahrscheinlich so gerade eben noch hin.
Es bleibt also die Bremsklotzwahl.
Nun haben Bremsklötze zwar die Eigenschaft zu bremsen (was wir dringend brauchen), aber nicht die Fähigkeit, die Richtung zu ändern (was wir dringend bräuchten). Die “Wahl” lindert also kurzfristig die Verelendungseffekte, festigt aber gleichzeitig die marode Struktur, da der Leidensdruck nicht ganz so schlimme Ausmasse annimmt. Angesichts der Alternativen wäre das meine “Wahl” und darin meine Hoffnung, dass es grundsätzliche Richtungsänderungen initiert durch derzeit vielleicht noch unbekannte Idealisten gibt. CDUCSUSPDFDPGRÜNE führen unser Land wie schon in den ‘20ern der Liberalismus in ein Blutbad, das den meisten zum Nachteil gereicht. Danach gibt es kurzzeittig eine soziale Gesellschaft, bis das Geschmeiss, wie wir es aktuell als Führungskaste haben, sich wieder traut, aus den Löchern herauszukriechen.
Man kann auch ohne Gewallt Widerstand leisten. Siehe Gandhi. Generalstreik wär mir persönlich lieber als Blut auf den Straßen. So sehr ich korrupte, verlogene, neoliberale Politiker/Manager/Berater/Experten verachte.
Und die Linke als Bremsklotz? Nur als Bremsklotz?? Sehe ich nicht. Wenn ich mir Reden von Gysi, Wagenknecht oder sogar dem Unsympathen Lafontaine auf youtube ansehe, dann haben die durchaus auch konstruktive Vorschläge. Ob sie davon viel umsetzen würden, wenn sie an die Macht kämen oder ob sie zum Zombie wie die SPD ausbluten würden, ist eine andere Frage. Während unsere “Demokratie” sehr deprimirend ist, weigere ich mich sie aufzugeben solange sich noch eine halbwegs glaubwürdige Alternative präsentiert.
@20 Kalle
Das ist ja im Wesentlichen das, was ich geschrieben habe :-). Es wird immer eine Diskrepanz zwischen dem Gesagten und den Taten geben, aber vielleicht haben wir ja wirklich mal Glück, dass ein paar Idealisten neue Ideen verwirklichen können.
Wenn ich mir allerdings die Mainstreammedien und die sich verschärfende “Kontrolle” des Internets ansehe, sehe ich schon rein bildungstechnisch schwarz:
Im September bekommen wir Schwarz-Gelb und direkt danach beginnt das “Volk” wieder zu heulen … vielleicht haben wir tatsächlich die Regierung, die wir verdienen?
vermutlich wird diese Plünderung der Sozialsysteme, zusammen mit den von den ‘Arbeitnehmernvertretungen’ hingenommenen Einkommensverlusten zu einer weiteren strukturellen Abnahme der Lohnquote benutzt werden, dh, es besteht die Gefahr, dass die Lohnabhängigen nicht nur die Krise ihrer Herrschaften bezahlen, sondern darüber hinaus die strukturelle Grundlage für eine weitere Verschlechterung ihrer Position mitzulegen helfen, hier in Deutschland wird diese Verschlechterung – vermute ich – auf grund des völligen Fehlens einer wirksamen Opposition besonders scharfe Züge annehmen (spätestens nach den kommenden Wahlen wird es richtig losgehen, wenn die spd mit der cdu oder fdp ihr ‘linkes’ Programm umsetzt :-))
Man muss ja sehen, dass hier die Lohnquote auch ohne ‘große Krise’ kontinuierlich abgenommen hat
“Workers are desperate and willing to accept the salary freezes and/or wage cuts. As costs (wages) come down, firms are better able to reduce final goods prices in order to sell their product as demand for their product falls. But then, as prices fall workers are willing to accept lower wages. This is the infamous wage-price spiral.”
http://www.rgemonitor.com/us-monitor
“UK wages collapse at fastest rate in 60 years”
http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/5245729/UK-wages-collapse-at-fastest-rate-in-60-years.html
p.s. Tabellen und Grafiken zun Memorandum 2009 der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik
http://www.memo.uni-bremen.de/docs/memo09-tab.pdf
http://www.memo.uni-bremen.de/docs/memo09-grafiken2.pdf
“Habt ihrs heute oder gestern nicht gelesen, die ALGII Empfänger werden schon mal auf Kürzungen 2010 vorbereitet, denn in der Krise muss ja jeder seinen Beitrag leisten oder so.”
aus den Hinweisen auf den nachdenkseiten
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3908#more-3908
wobei die Quelle, die Berliner Umschau, mit Vorsicht zu genießen ist
http://www.berlinerumschau.com/index.php?set_language=de&cccpage=23042009ArtikelBBBlaschke1
@Kalle
Ghandi wird immer falsch dargestellt und sein Verhalten aus dem Zusammenhang gerissen.
Seine Forderung nach “Gewaltlosigkeit” stützte sich auf die machtvollen und gewaltätigen Streits der indischen Arbeiter und der indischen Militäreinheiten. Sein Verhalten beruhte auf der machtvoller Taktik und der Macht der Gegenbewegung, die militant gegen die Kolonialmacht England vorgingen.
Ohne diesen gewaltätigen Widerstand, hätte es Ghandi nie so gegeben, und es ist auch falsch ihn als gewaltfreien Widerstandskämpfer darzustellen. Er war früherer Militär und wusste ,dass die Wahl der Mittel von den konkreten Umständen und den Machtverhältnisse abhängig ist.
Ein Generalstreik mit einer starken Volksbewegung wäre das Richtige: die kleinen und großen neoliberalen Profiteure der letzten 30 Jahre haben zu verschwinden. Argentinische Forderungen würden die Arroganz der Macht, die Arroganz der neoliberalen Minderheit und deren Medienmacht mit “Yeah basta, es ist Schluß mit lustig, verschwindet alle”, endlich in ihre Schranken weisen.
Nur, die deutschen Gewerksbosse werden diese Zustände nicht zulassen. Auf deren Seite hängt die Gewahr des Verlustes zu vieler Privilegien und zu viele eigene Schweinereien der letzten 30 Jahre dran.
Hallo!
Viel hilft viel ! Oder wie soll man das sagen ? Die Sozialkassen des Landes machen es möglich. Wo woanders reingebuttert wird, wird woandes einem das Fell über die Ohren gezogen! Wunderbarer Ausgleich!
@nox, 16
Sehe ich anders. Warum muss es nur klein sein um eine gute Beratung anbieten zu können?Doch Du hast recht. Bisher war es vielfach so, dass je größer ein Verein wurde, desto größer wurde die Verwaltung der Verwaltung. Vllt. sollte mal an diesem Konzept gearbeitet werden.
@Kalle
Höchstwahrscheinlich, wenn die Partei alleine(!) an die Macht käme, würde das zweite passieren – Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. So wie ein Stück Scheiße die Schmeißfliegen anzieht, ziehen die “Regierungsparteien” – egal welcher Natur – immer(!) Creme de la Creme des machtgeilen Abschaumes an. Nur dazu wird es wohl nie kommen, da die Gesalbten der CDU/CSU/FDP/SPD-Einheitspartei ihre Wählerschaft in absehbarer Zeit nicht verlieren würden und die Linke – auf Dauer gesehen – bestenfalls mit 20% Stimmen bundesweit rechnen könne. Gegenwärtig ist sie, mit Ausnahme weniger Länder, zur Opposition verdammt und sie tut es zuweilen sehr gut.
Von daher bin ich ggw. in meinen Wahlpräferenzen ganz fest entschlossen.
Allen Anwesenden noch einen schönen “Tag der Arbeit” :)
Hallo Jens (Euer Durchlaucht),
ich hätt da mal ne Frage. Wird der “Griff in die Sozialkassen” nicht von den Lohnnebenkosten bezahlt, die in Deutschland “viiiieel zu hoch sind” und die man unbedingt senken sollte? Ich frage nur, um vielleicht eines Tages die wirtschaflichen Zusammenhänge zu verstehen. Ich hab den Eindruck, dass wir zwischenzeitlich so offensichtlich ausgeraubt werden, dass die meisten denken: “Nein, nein wenn das sooo offensichtlich ist, täusche ich mich sicherlich und ich versteh den GROSSEN Zusammenhang einfach nicht”.
@anon
Ich bitte doch um die korrekte Anrede “Eure hochwürdigste Blog-Eminenz” *lol*
Ganz genau um diese Kassen handelt es sich. Es ging ja auch nie wirklich darum, die Beiträge zu senken … jedenfalls nicht den Arbeitnehmeranteil, sondern nur den Arbeitgeberanteil. Und nun rate mal, was erhöht werden wird, wenn die Kassen leer sind? Der Arbeitgeberanteil? Oder doch der Arbeitnehmeranteil?
EhB-E Jens,
ist doch Wurst, von welchem Anteil es gekürzt wird. Weg ist weg! Die Kohle fehlt in den Sozialsystemen. Wie sagt Volker Pispers so schön ” Brutto oder Netto ist doch egal. Sagen wir doch einfach Bretto, oder noch besser: Nutto.”
So läuft das in einem Sozialstaat. Hat man zudem nicht noch die Zeitarbeiter nach hause geschickt?
Beeindruckende e-Funktion: Angemeldete Kurzarbeiter in Deutschland
Paßt voll ins übliche Bild dieser Tage… der Fisch stinkt vom Kopf her. Schön beobachtet auf jeden Fall, wieder mal!
@anon (und spiegelfechter)
es gibt ja nicht nur die Lohnsteuer, sonder auch
Landsteuer
Gewinnsteuer
Vermögenssteuer
Umweltabgaben
Mehrwertsteuer(Luxuskonsumgütersteuer)
Tobinsteur(zBsp: 0.001% auf jede finanzielle transaktion)
(edit: Besteuerung über Inflation wäre ja auch möglich, nur habt ihr nicht mehr eure eigene währung)
etc.
Die Lohnsteur finde ich und ein paar andere (Bedingungsloses Grundeinkommenmodel von Werner Götz) ganz perfide weil damit menschliche Arbeit gegenüber maschineller zusätzlich unatraktiv gemacht wird, ganz zu schweigen vom administrativen Aufwand.
Guter Vergleich ist ja die höhere Besteuerung von Alcohol und Zigaretten, damit diese weniger nachgefragt werden. –> gleicher Effekt bei der Lohnarbeit.
wiedermal (booom)-UPS
Habe nummer 29.
nochmals gelesen und da scheint mein obiger beitrag ja ein bisschen abgwegig (vor allem in der Adressur).
Anon und Spiegelfechter beschreiben die aktuelle Situation und mein Beitrag stellt nur das von Anon und Sf angedeutete aber nicht angesprochene dar.
sehe ich das richtig?