Jugendschutz und politische Zensur
geschrieben am 26. Mai 2009 von Spiegelfechter
Wenn man dem Jugendschutzfilter JusProg Glauben schenkt, ist das politische Netz und auch Telepolis jugendgefährdend
Internetanbieter, deren Geschäftsmodell Inhalte sind, die vom Gesetz als jugendgefährdend angesehen werden, haben in Deutschland ein Problem. Sie müssen Vorkehrungen treffen, dass zu beanstandende Inhalte nicht von den lieben Kleinen aufgerufen werden können. Eine dieser Vorkehrungen sind sogenannte Filterprogramme, die von den Eltern installiert werden und den Zugriff auf indizierte Seiten sperren. Was aber, wenn diese indizierten Seiten gar keine fragwürdigen Inhalte enthalten, sondern politische Inhalte, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack sind?
In der Schwarzen Liste des Filteranbieters JusProg e.V. finden sich massenhaft alternative Medien wie beispielsweise Telepolis oder die Nachdenkseiten, die offensichtlich nach Einschätzung der Hamburger Jugendschützer nicht für Jugendliche geeignet sind. Auch die Internetseiten der Grünen und der Piratenpartei sind nach Einschätzung von JusProg jugendgefährdend.
Dies alles wäre lediglich eine weitere Internetposse unter vielen, wenn nicht ausgerechnet JusProg als einziges Filtersystem zu einem Modellversuch der staatlichen Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zugelassen wäre. Ein Filtersystem mit staatlicher Rückendeckung, das die Informationen einzelner Parteien unterdrückt, wäre allerdings ein Verstoß gegen das Parteiengesetz, welches in §5 die Gleichbehandlung aller Parteien einfordert.
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Kommentare
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Das passt doch eigentlich ganz gut zusammen.
Yepp 1000Sunny.
Das liesst sich wie eine Runde Sache. “Bild.de” mit seinen Softpornobildchen und ansetzen zur Volksverhetzung als Aufpasser vor dem selben und die Politik ist mit am Tisch. So ist Deutschland gestrickt. Daran ist nichts neues zu finden. Naiv, wer glaubt im Internet würde sich das bei Gelegeheit nicht auch ausbreiten… ;-)
Die Frage ist: “Wer strickt Deutschland so?” (soziologisch gesehen)
Vermutlich muss erst jemand klagen …
@1000sunny: Wer das Netz so ’strickt’, das lässt sich soziologisch wohl gar nicht mehr mit einer klaren Klassen- oder Schichtenanalyse beantworten. Ich denke eher, es gibt einige vormalige Informationsmonopolisten (*wer immer das ist*), deren Existenz- und Geschäftsmodell dahinerodiert und die sich deshalb vorkommen, als hätte sie die Mäuse in ihrer Speisekammer.
@1000sunny
All jene, die auch schon in der Vor-Internetzeit das Land mit Meinungen für den Durchschnittsstammtisch versorgt haben und danach angepaßt regiert haben?!? Solange das denic nicht gezwungen wird Filtertüten von Bild.de einzusetzen bleibe ich entspannt.
Ansonsten schalte ich das Internet ab, gehe ich an den Kiosk und kaufe den Freitag dort. Oder muss der Kioskbetreiber sich dann einen Ausweis zeigen lassen?
Ein krankes Land, diese mediale BRD…
Die Zensur fängt viel viel früher im Leben an. Nicht erst jetzt und nicht erst im Internet. Und wir betteln danach.
ich koennte mir vorstellen, das die selbsternannten jugendschuetzer viele der gemeldeten seiten gar nicht kontrollieren, sondern einfach durchlaufen lassen. so bloed kann doch keiner sein, zu glauben, das solche willkuerlichen einstufungen nicht zu kenntnis genommen werden! was ist bloss los in diesem land! *arrrghhh*
@ Spiegelfechter
“Die Seiten der Grünen wurden im Laufe des Nachmittages für Jugendliche “ab 14″ freigegeben, während die meisten politischen Seiten und die Piratenpartei nun mit dem nichtssagenden Label “individuell” ausgezeichnet wurden.”
Au contraire Monsieur, Freud würde dir in diesem Fall wahrscheinlich wiedersprechen. Der größte Teil dieser Seiten ist tatsächlich individuell und hebt sich somit von dem gewünschten Mainstream ab.
Individualität ist aber das letzte was die Meinungsmacher sich bei dem lieben “Wahlvieh” wünschen, ergo muß man die zukünftigen Wähler (die lieben Kleinen) davor “schützen”.
In der tat ist das Wort “individuell” in diesem Kontext sehr vielsagend, allerdings war die Intention bei der Wahl des Wortes wohl eine andere, sehen diese Herren die Individualität diverser Blogger offensichtlich als Gefahr für unsere Kinder.
Schade das Freud nicht mehr lebt, seine Meinung hierzu würde mich doch interessieren.
Mit besten Grüßen
Donald
Beim Jugendschutz wird erprobt was mit Sicherheit später für alle eingeführt wird. Das zensierte Internet, frei von unerwünschten Inhalten, was dann ein braves langweiliges Internet sein wird.
Man müsste mal die anderen Filterangebote eingehend prüfen, vielleicht sind da ja auch linke Filter dabei, die bspw. die Bildung oder die Junge Freiheit oder den Bayernkurier zensieren.
Nachtrag: Filter, die auf dem black list Konzept basieren, sind mE immer äusserst problematisch, diese Art von “Jugendschutz” ist mE eher jugendgefährdend.
off topic:
http://www.freitag.de/community/blogs/spiegelfechter
Läuft das noch?
Gut auch die Meta-Angabe: “meta name=”Keywords” content=”Spiegelfechter Beta-Blogger,
Enfant terrible, selbsternannter Fachmann für alles ;-)” /”
;)
Wie ich hier dokumentiert habe
http://meingottundmeinewelt.de/2009/05/23/jugendschutzprogramm-zensur/
sind alle Parteien von den Sperren betroffen. Man sollte nicht so tun als wenn eine Gruppierung eine andere mit Sperren überzogen hätte.
@1000Sunny: Kannst du das erläutern? Wo fängt das Ganze denn deiner Meinung nach an?
Ich finde, man muss hier eh differenzieren. Das Internet ist eben nicht das typische (mehr oder minder zentrale) Medium. Netze lassen sich nie ganz kontrollieren.
@Michael Schwarz:
Yo, gut recherchiert, da wird wüst durch die Gegend gesperrt. Da kann man sehen wie aufwendig und durchgeknallt das Vorhaben. Wenn die Filteranbieter wenigstens eine white list präsentieren würden…
Der Satz wird gerne vorgebracht, obwohl er im Prinzip eine Nullaussage ist. Ein Beispiel:
Als der Emsdetten”amok”läufer seine Motivation im Netz dokumentiert hat, begann die Polizei eine beispiellose Zensuraktion – unterstützt von den Medien:
http://www.leckse.net/artikel/misc/abschiedsbrief-im-vergleich
Weder das Contentlöschen noch die Desinformation wurde in den MSM nennenswert kommentiert und obwohl die Informationen wie in dem obigen Link dank Schutzmassnahmen engagierter Bürger trotz Polizei noch verfügbar sind, interessiert sich kaum einer dafür und noch mehr Menschen wissen gar nicht davon.
Die meisten Menschen haben keine Zeit und keine Medienkompetenz, sich Informationen abseits der Brotkrumen der Staatspresse zu verschaffen, denn im Inet musst Du das erst einmal finden, dann bewerten, ob es “seriös” ist (ich erinnere an Weizäcker-”Zitate”) und seit Jahren findet mehr oder weniger konzertiert eine Verunsicherungskampagne statt, die dem Normalsurfer suggeriert, dass das “Anklicken” von unbekannten Seiten brandgefährlich ist, weil in den meisten Fällen irgendein Betrüger dahintersteht, der dann Dein Konto leerräumt.
Viele Normalsurfer haben jetzt schon Angst, irgendeinen Link anzuklicken, weil sie sich vor ominösen “Hackern” fürchten. Dazu kommt das diffuse Gefühl, dass es vielleicht passieren könnte, dass man auf “illegale Inhalte” trifft und in Folge Probleme mit der Staatsmacht bekommt. Es ist ein Klima der Verunsicherung, das seit Jahren sicherlich nicht unabsichtlich erzeugt wird, denn erstmalig in der Menschheitsgeschichte liegt die Informationshoheit im globalen Maßstab, was z.B. für Feindbilder sehr wichtig ist, nicht in Staats/Lobbyhand. Wissen ist Macht. Diese Binsenweisheit ist durchaus auch Machtpolitikern und ihren Käufern bekannt und diese wünschen sich wohl aus Eigeninteresse kein “langweiliges”, sondern ein sauberes Internet, denn nichts ist in der kapitalistischen Wertegemeinschaft unkonstruktiver als Informationsvielfalt und -freiheit, denn es könnte dazu führen, dass Strukturen hinterfragt werden, bzw. dass es Widerstand gibt. Ganz im Gegensatz zum kapitalistischen Weltbild ist die Masse der Menschen nämlich sehr wohl gewillt, sozial miteinander zu leben – das Recht des Stärkeren wird mit dem Informations- und Bildungsgewinn immer mehr in Frage gestellt.
Ein sauberes Internet dient unter anderem der präventiven Widerstands- und Aufstandsbekämpfung. An dieser Stelle ist völlig zu Recht ein Nazivergleich angebracht: Die Bücherverbrennungen konnten nicht die in den Büchern enthaltenden Informationen zurückhalten – sie haben weite Teile der Bevölkerung nur davon abgehalten, sich diese zu beschaffen.
Die ganze Jugendschutzdebatte ist meines Erachtens doch ein Schuß in den Ofen. Im Internet soll der kleine geschützt werden, aber aufm Klo zuhause liegt die Bild wo jeden Tag der Busen glänzt und der kleine reinschauen kann. Die Bravo wird doch auch gerne gekauft, gerade weil dort soft-Erotik geboten wird….
Etwas mehr Erziehung und würde schon helfen, anstatt Kinder im “schützenswerten Alter” stundenlang alleine vor dem PC sitzen zu lassen.
Für mich bleibt es einfach nur absurd. Auf der einen Seite hofft man, dass seine Kinder von externer Hand eine Zensur bekommen – die bitte aber so wie man es selber machen würde wenn man die Zeit aufwenden würde, wozu eine nicht geringe Anzahl von Personen aber anscheinend keine Lust habt, aber gegen eine Zensur im allgemeinen wehrt man sich und probt den Aufstand im Netz.
Einfach mal nachdenken : Kein Kind unter 12 Jahren sollte stundenlang vor einem PC ohne Kontrolle sitzen. Wenn man das Wort “Erziehung” etwas ernster nehmen würde, bräuchte man die Zensurfilter auch nicht und müsste sich dann nicht über die Sperrlisten aufregen.
bild.de ist jetzt ab 14…
ich find diese filter auch sehr problematisch. kann schon verstehen dass manche Eltern sowas wollen, aber wenn das Kind unbedingt an etwas ran will kommt es auch dran, egal ob man so fragwürdige filter benutzt oder nicht.
Webseiten mit Kinderpornografie lassen sich schnell aus dem Internet entfernen
Und wieder einmal beweist sich, wie leicht kipo gelöscht werden kann. Nachdem CareChild bereits einsatz zeigte und provider wegen des gehosteten materials anschrieb, welches dann alsbald gelöscht wurde, setzt Alvar Freude nun nach und lässt weitere 60 seiten durch die provider sperren.
@Tom @schwitzig
Ich meinte: Viel früher im Leben eines jeden. Es gibt eine staatliche Instanz, die schon ganz früh darauf achtet, dass wir die “richtigen” Informationen kriegen. Alle anderen sind “Not-On-The-Test”.
Die Kontrolle ist so gut, dass man von Autoren, wie Paul Goodman nie etwas lesen wird und es vielleicht ein Buch pro Millionen-Stadt gibt – obwohl sie so viele Fragen stellen und Antworten geben. Selbst für den Spiegelfechter wären diese Analysen so aufrüttelnd, dass er ängstlich in den Schoss des Status Quo und von Zensursula flüchten würde.
Vielleicht ist das so eine Art Whitelist-Filter, also, alles was drin ist, ist interessant und sollte unbedingt gelesen werden;-) Mal im Ernst, die verbotenen Früchte oder Bücher sind schon immer die interessantesten gewesen.
Mit den verbotenen Früchten hast Du absolut Recht. Man müsste also die Whitelist so umfangreich gestalten, aus “richtigen” und belanglosen Informationen, und verbreiten, dass jeder, der die Informationen nicht weiß keine Chance auf gesellschaftliche Partizipation hat. So eine Art “Denial Of Service” mit Annahmezwang.
Damit hast Du eine positive Zensur – oder fehlt noch etwas?
White lists sind natürlich schon konzeptionell besser, geben sie doch eine Verweismenge auf Inhalte, die positiv bewertet wurden und somit eine gewisse Sicherheit, die mit black lists nicht zu erreichen sind.
“Konzeptionell besser” soll hier nicht heissen “wünschenswert”.
Einige Firmen konfigurieren den Internetaccess aus dem LAN so.
Klar wenn das so weiter geht dann siehts bald mau aus im Netz. Das internet ist und bleibt eine Gradwanderung. Aber im Zweifelsfall bin ich dann doch eher für mehr Gefahrt und mehr Freiheit!
Grundsätzlich ist Jugendschutz im Internet eine gute Sache. Die Verantwortung dafür liegt bis zu einem gewissen Alter des Nachwuchses bei den Eltern. Bis zu einem Gewissen Alter, da ist es meiner Meinung nicht mehr kontrollierbar.
Jugendschutz im Internet ist schön und gut – jedoch finde ich z.B. das Jugendschutz.net total übertreibt. Wenn man als Webmaster auch nur eine Erotik-Webseite verlinkt erhält man eine Abmahnung im Wert von 500 € – wer nicht reagiert, kriegt die Polizei vor die Tür gestellt.
Ein klares Jugendschutzverfahren muss her!