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      Weil’s gerade so schön passt:...

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      Keiner bleibt übrig, weil dein Beispiel absolut nicht...

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      J. S. bei Der Demografie-Traktor: Immer in Bewegung:

      Was wurde eigentlich vor 30 Jahren prognostiziert? Und hat sich...

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  • Fast wie in alten Zeiten

    geschrieben am 03. Juni 2009 von Thomas Dudek

    Solidarnosc-Fahnen im Tränengasnebel, wütende Werftarbeiter und sich mit ihnen schlagende Polizisten. Und über allen der Schatten des im Baustil des sozialistischen Klassizismus errichteten Warschauer Kulturpalastes, den viele Polen bis heute als das Symbol der sowjetischen Unterdrückung verstehen. Eine Szenerie, die stark an das Kriegsrecht und die 80er Jahre in Polen erinnerte. Doch diese sich am 29. April abspielenden Szenen waren keine Dreharbeiten für ein Doku-Drama á la Heinrich Breloer über den Widerstand der Solidarnosc gegen die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, sondern knallharter Kampf um Arbeitsplätze.

    Die Aktivisten der Danziger Solidarnosc nutzten den an diesem Tag in Warschau stattfindenden Kongress der Europäischen Volkspartei EVP, an dem neben Premierminister Donald Tusk auch Regierungschefs wie Angela Merkel, Silvio Berlusconi und Jean-Claude Juncker teilnahmen, um gegen die Schließung der Danziger Werft zu demonstrieren. Ein Protest, der in einer heftigen Straßenschlacht endete. Nachdem die Werftarbeiter Reifen in Brand gesteckt und Feuerwerkskörper gezündet hatten, ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor. 25 Verletzte, davon 20 Gewerkschaftsmitglieder, sind das traurige Fazit dieser Auseinandersetzung, die mittlerweile auch ein juristisches Nachspiel hat.

    Dieser gewalttätige Arbeitskampf, der heftigste, den die polnische Hauptstadt seit Jahren erlebt hat, ist jedoch nicht ein Ergebnis der weltweiten Wirtschaftskrise, sondern ein Produkt der Wirtschaftspolitik der Europäischen Union. Im November 2008 beschloss die Wettbewerbskommissarin der EU, Neelie Kroes, dass die Werften in Gdingen und Stettin seit dem 1. Mai 2004, dem Beitritt Polens in die Europäische Union, illegal vom polnischen Staat subventioniert wurden und somit gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen haben. Eine Entscheidung, die die EU-Kommission zwar offiziell als eine Chance für die Werften bezeichnete, die de facto aber das Todesurteil für die beiden Schiffsbaubetriebe bedeutete. Einen Großteil der als Staatshilfe erhaltenen 1,3 Milliarden Euro müssen die sich im Staatsbesitz befindlichen Werften zurückzahlen, erklärte Brüssel, ansonsten sollen diese zerschlagen und in Teilstücken verkauft werden.

    Eine Forderung, an der die EU-Kommission nicht nur nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise festhielt, obwohl zeitgleich in Ländern wie Deutschland und Frankreich riesige Konjunkturpakete geschnürt wurden, sondern diese sogar erweiterte. Am 20. April wurde bekannt, dass die EU-Kommissarin Neelie Kroes auch über die bereits privatisierte Werft in Danzig, in der im August 1980 die legendäre Gewerkschaft Solidarnosc gegründet worden war, ein ähnliches Urteil sprach. Die oberste Wettbewerbshüterin der Europäischen Union lehnte den Restrukturierungsplan der polnischen Regierung für die ehemalige Lenin-Werft ab und forderte im Gegenzug von dem Schiffsbaubetrieb, der dem ukrainischen Stahlkonzern ISD gehört, die Rückzahlung von ungefähr 75 Millionen Euro, die die Werft angeblich bisher vom polnischen Staat als Unterstützung erhalten habe.

    Die Rückzahlung der Subventionen würde für die Danziger Werft jedoch das Ende bedeuten. Deren in Donezk ansässige Besitzer ISD hat bereits jetzt unter einer Gesamtverschuldung von 3,3 Milliarden Dollar zu leiden und muss allein in diesem Jahr 400 Millionen Dollar an Krediten tilgen. Eine finanzielle Belastung, die ISD nur durch den Verkauf mehrerer Firmen stemmen kann. Die Forderung der EU-Kommission erschwert die wirtschaftliche Lage des ukrainischen Stahlgiganten, der in den letzten Jahren verstärkt auf Einkaufstour im Westen ging, momentan aber wie auch deutsche Stahlkonzerne unter der Wirtschaftskrise zu leiden hat, nur noch zusätzlich. Auch deshalb, weil die polnische Regierung zunächst ankündigte, keine weiteren Rettungsmaßnahmen für die Werft in Danzig zu starten.

    Somit drohte den 2.400 Beschäftigten der Danziger Werft das gleiche Schicksal wie ihren Kollegen in Gdingen und Stettin. In Gdingen lief im April das letzte Schiff vom Stapel, in Stettin im März. Danach blieb den ca. 9.000 Beschäftigten der beiden Werften nur noch die Hoffnung auf neue Investoren. Doch die Danziger Gewerkschafter wollten sich nicht mit ihrem Los abfinden. Noch am Tag, als die Entscheidung der EU-Kommissarin Neelie Kroes bekannt wurde, kündigte die Solidarnosc Proteste an. Einen für den 29. April, der wie schon erwähnt in einer heftigen Straßenschlacht endete, und einen für den 4. Juni in Danzig.

    Der 4. Juni ist in Polen jedoch von besonderer Bedeutung. An diesem Tag fanden in Polen vor genau 20 Jahren die ersten halb-demokratischen Wahlen statt, welche die Opposition den damaligen kommunistischen Machthabern am Runden Tisch abtrotzte. Eine Wahl, die aus polnischer Sicht erst die Öffnung der Berliner Mauer ermöglichte. Aus diesem Anlass wollte Premierminister Donald Tusk die Regierungschefs der ehemaligen Ostblockstaaten, dazu auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, nach Danzig einladen, um vor den Toren der ehemaligen Lenin-Werft dieses Jahrestages zu gedenken.

    Doch unter dem Eindruck der gewalttätigen Solidarnosc-Proteste in Warschau, sowie den zeitgleich stattfindenden Besetzungen von Abgeordnetenbüros der regierenden PO in mehreren Städten, darunter auch das Büro von Premierminister Tusk in seiner Heimatstadt Danzig, durch die Gewerkschaft Sierpien?80 (August?80), die sich ebenfalls auf die Tradition der oppositionellen Arbeiterbewegung in den 80er Jahren beruft, verlegte der polnische Regierungschef die politischen Feierlichkeiten kurzerhand nach Krakau. ?Ich will unsere Gäste vor Schlägern schützen?, sagte Tusk auf einer Pressekonferenz zu seiner Entscheidung.

    Eine Entscheidung, die in Polen eine große Diskussion auslöste. ?In Danzig wird Polen versammelt sein, in Krakau die ZOMO?, kommentierte der Vize-Vorsitzende der Solidarnosc auf der Danziger Werft, Karol Guzikiewicz, die Verlegung der politischen Feierlichkeiten in die ehemalige Hauptstadt Polens (Anm. des Autors: ZOMO war eine paramilitärische Sondereinheit der Miliz in der Volksrepublik Polen). Doch mit solchen Aussagen steht die Solidarnosc alleine da, und dies sogar in Danzig. ?Ich gratuliere den Solidarnosc-Führern der Danziger Werft. Euch ist es gelungen, ein fröhliches Fest zum Jahrestag des Niedergangs des Kommunismus durch die Solidarnosc zu verhindern. Euch ist es gelungen, Danzig und Polen zu kompromittieren. Ihr habt die großartige Tradition der Solidarnosc verraten?, warf der Bürgermeister der Hafenstadt, Pawel Adamowicz, den Gewerkschaftsführern vor. Eine Meinung, die auch die Bewohner der Stadt teilen. Wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts PBS DGA ergab, sprechen sich 79,7 Prozent der Danziger gegen eine Demonstration der Solidarnosc am 4. Juni aus.

    In einem Land, in dem sich politische Gegner erbittert bekämpfen, fand die Solidarnosc dennoch Unterstützer. Ausgerechnet Präsident Lech Kaczynski kündigte an, die Feierlichkeiten hauptsächlich in Danzig verbringen zu wollen. ?Der 4. Juni ist sehr eng mit Danzig verbunden?, sagte Kaczynski, der vor 20 Jahren in Danzig für den Senat kandidierte, in einem Radiointerview. ?Wenn es mir aber die Zeit erlauben sollte, werde ich auch in Krakau sein?, erklärte das Staatsoberhaupt. Eine Erklärung, die Kaczynski, der sich seit über einem Jahr einen erbitterten Machtkampf mit Premierminister Tusk liefert, heute kaum jemand abnimmt.

    Auch deshalb, weil die PiS, an deren Spitze der Zwillingsbruder des polnischen Präsidenten steht, den Arbeitskampf der Solidarnosc mittlerweile für ihre eigenen Zwecke nutzt. Während des Breslauer Parteitags vom 9. Mai, mit dem die konservative Partei ihren Europawahlkampf eröffnete, forderte Jaroslaw Kaczynski die Delegierten dazu auf, den Namen der Gewerkschaft zu rufen. Eine Aufforderung, die die Parteimitglieder sofort in die Tat umsetzten. Nicht ohne Grund – in Warschau wird schon seit längerer Zeit vermutet, dass die Spitzen der Solidarnosc eng mit der Partei von Jaroslaw Kaczynski verbunden sind und sie deshalb nicht im Interesse der Gewerkschaft, sondern zum Wohle der PiS handeln.

    Kritik an Tusk gibt es aber nicht nur in der Opposition, sondern auch in den eigenen Reihen.
    Krzysztof Zaremba, Abgeordneter des Senats, der zweiten Kammer des polnischen Parlaments, trat Ende April aus der Regierungspartei PO aus. ?Meine Parteifreunde bekamen Angst vor der Wettbewerbskommissarin der EU, Neelie Kroes, und haben ihr deshalb unsere Werften auf dem Silbertablett serviert?, begründete der Stettiner Politiker in einem Interview für die Tageszeitung Rzeczpospolita seinen Parteiaustritt, und warf der polnischen Regierung nicht nur Tatenlosigkeit gegenüber Brüssel vor, sondern der EU auch die Zerschlagung der polnischen Werftindustrie. In dem Interview beschuldigte Zaremba die EU-Kommission, private Investoren bewusst abgeschreckt zu haben.

    Vorwürfe, die Tusk dazu zwangen, sich zu wehren. Auch um die Debatte um die Verlegung der politischen Feierlichkeiten nach Krakau zu entschärfen, lud der polnische Regierungschef Am 18. Mai die Solidarnosc und andere auf der Danziger Werft aktiven Gewerkschaften zu einer Diskussion in der Hafenstadt ein. Doch die größten Gewerkschaften der legendären Werft, Solidarnosc und OPZZ boykottierten die vom polnischen Fernsehen übertragene Diskussion. Ein Umstand, der Tusk nicht störte. Aus der Diskussion machte Tusk einen Monolog, in dem er behauptete, dass die Regierung bisher 600-700 Millionen Zloty (ca. 139-162 Millionen Euro) an Subventionen zahlte, und auch alles Erdenkliche tue – inklusive eines neues Restrukturierungsplans – um die Wiege der Solidarnosc zu retten. Eine Behauptung, die die Gewerkschaft sofort als eine Lüge bezeichnete.

    Aus diesem Grund finden am 4. Juni, neben den offiziellen Feiern in allen polnischen Gemeinden, in mehreren Städten Gewerkschaftsproteste statt. Sowohl die Solidarnosc, die sich durch die Konflikte der letzten Wochen neu gestärkt fühlt, als auch Sierpien?80 riefen für diesen Tag zu Demonstrationen auf.

    Wie groß die Resonanz auf diese Demonstrationsaufrufe sein wird, ist jedoch fraglich. In den letzten 20 Jahren haben die Gewerkschaften, die vor 1989 noch als das Symbol der Freiheit galten, enorm an Ansehen verloren. Ehemalige Solidarnosc-Mitglieder, die in den Jahren darauf in Regierungsämter gelangten, waren immer wieder in Skandale verwickelt, die auch das Ansehen der Gewerkschaften beschädigten. Zudem haben die Polen, wie aktuelle Umfragen ergaben, auch keine Lust mehr, durch Steuergelder unrentable Betriebe wie die ehemalige Lenin-Werft am Leben zu erhalten. Und nicht gerade förderlich für die Gewerkschaften ist auch die neueste Entwicklung in den Werften von Gdingen und Stettin. Ausgerechnet für diese beiden Schiffsbaubetriebe, in denen die Gewerkschaften nicht besonders aktiv sind, fand sich ein neuer Investor. Am 14. Mai kaufte United International Trust zuerst die Werft in Gdingen, zwei Tage später die in Stettin.

    Ob die Arbeiter der beiden Werften von diesem Deal profitieren, bleibt jedoch abzuwarten. Von United International Trust ist nur bekannt, dass sie ihren Sitz auf den Niederländischen Antillen haben. Die Herkunft ihres Kapitals, die nach Medienspekulationen entweder in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Kuwait liegen soll, ist jedoch noch ein großes Fragezeichen. Ein Umstand, der den Deal höchst dubios macht, die Regierung in Warschau aber trotzdem nicht daran hindert, dieses Geschäft als Erfolg zu feiern. Und als Erfolg kann die Regierung von Donald Tusk auch die neueste Entwicklung im Fall der Danziger Werft feiern. Quasi als Geschenk zum 4. Juni, äußerte sich vorgestern Neelie Kroes positiv über den neuen Restrukturierungsplan der Regierung für die ehemalige Werft und ließ durchblicken, dass diese eine große Überlebenschance habe.

    Thomas Dudek

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    14 Kommentare:

    1. Spiegelfechter schrieb am 3. Juni 2009 um 20:08 - Permalink

      @Thomas Dudek

      Danke für die sehr interessanten Einblicke in die politischen Vorgänge unseres östlichen Nachbarns. In den Medien wird dieses Thema ja stets stiefmütterlich behandelt.

      Was mich interessieren würde – wie haben sich die Löhne und Arbeitsbedingungen auf polnischen Werften im Laufe der jüngeren Zeit entwickelt? Und was ist in dieser Hinsicht durch die Privatisierungen zu erwarten?

    2. markus schrieb am 3. Juni 2009 um 21:11 - Permalink

      der rückhalt für die Danziger im rest polens ist auch eher mau. die danziger wollen nicht “für eure krise zahlen” und der rest polens hat kein interesse für die werften zu zahlen.
      wenn ich mich recht erinnere war für den 22.5 auch eine solche demo für Poznan (Posen für die ewiggestrigen) geplant. gehört hat man jedoch nichts darüber, bin nichtmal sicher ob sie überhaupt stattgefunden hat.

      ?: die werbung zu der Veranstaltung bezog sich auf eine Demo in Warszawa

      und ja … wenn in Frankreich ein Auto brennt werden kamerateams eingeflogen. für polen interessiert sich keine Sau und das trotz der vielen Polen oder polnischstämmigen in Deutschland (von der aehem wechselvollen Geschichte mal ganz zu schweigen)

    3. Thomas Dudek schrieb am 3. Juni 2009 um 21:15 - Permalink

      Hallo Jens,

      vielen Dank für das Kompliment. Gleichzeitig möchte ich auch das Kompliment zurückgeben. Die Bebilderung ist Dir sehr gut gelungen!

      Nun zu Deiner Frage:
      Egal ob zur Zeiten der Volksrepublik oder zu denen der aktuellen der Marktwirtschaft. Die Löhne und auch die Arbeitsbedingungen waren in den polnischen Werften niemals schlecht, sogar im Gegenteil, besser als in anderen Betrieben und Fabriken. Dafür gibt es zwei Gründe: In den kommunistischen Zeiten galten die Werftarbeiter, neben den Bergleuten, als die “Könige des Proletariats”; nach der Wende hatten die Werften wegen ihrer oppositionellen Vergangenheit einen besonderen Ruf. Aus diesem Grund hat man die polnischen Werften auch immer subventioniert und den Stellenabbau nur vorsichtig betrieben. Was zu einer seltsamen Entwicklung führte: obwohl die Auftragsbücher der Werften immer voll waren, vor allem in Stettin und Gdingen, mussten die Betriebe vom Staat unterstützt werden. Diese Subventionen dürften nach den von der EU vorgegebenen Privatisierungen wegfallen, doch die Investoren, die hoffentlich seriös sind, übernehmen sehr gute Werften mit sehr gut ausgebildeten Arbeitern. Die neuen Besitzer werden wahrscheinlich auch nicht die Löhne senken und auch nicht die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Doch davon werden wahrscheinlich nicht alle Schiffsbauer profitieren. Aus ökonomischen Gründen werden wohl einige Stellen gestrichen!

    4. antiferengi schrieb am 3. Juni 2009 um 21:42 - Permalink

      Im Polskie Radio heisst es:

      But Minister of the Economy and deputy PM Waldemar Pawlak has admitted that the government has very little knowledge about the company in whose hands the future of shipbuilding in Szczecin and Gdynia lays.

      Details of this company, based in the Dutch Caribbean, are indeed sketchy. We ask Craig Eason from Lloyd?s List if he can enlighten us further.

      And how can the finance minister, Jacek Rostowski, prick the ballooning budget deficit, which he says will reach over 18 billion zloty by December this year? Our resident economic guru, Maciej Krzak ? editor of the CASE thinktank?s quarterly report – tells us that the government?s hands are tied by economic legislation.

      Egal welche Deals hier im großen Maßtstab in Polen ständig stattfinden, immer hat dieser Think Tank seine Finger mit drin:
      http://www.case.com.pl/strona–ID-o_case_ludzie,osoba_id-16825330,nlang-710.html

    5. Thomas Dudek schrieb am 3. Juni 2009 um 22:17 - Permalink

      @Markus

      Ob Posen oder Poznan, ich sehe es nicht so eng. Wir sagen schließlich auch nicht Milano oder Roma, sondern Mailand und Rom. Problematisch wird es aber, wenn man aus Lodz Litzmannstadt macht!

      Ja, Du hast Recht. Die Unterstützung der Polen für die Gewerkschaften ist momentan sehr gering. Auch die Demos werden von den meisten Polen skeptisch beobachtet. Dies kommt dadurch, dass viele Polen die weltweite Wirtschaftskrise noch nicht spüren, auch wenn das Land davon betroffen ist. Zudem gelten Demonstranten in Polen noch oft als Radaumacher!

      Ob am 22.5 eine Demo in Poznan stattfand, weiß ich nicht. Doch in Warschau gab es eine. Jedoch mit geringer Beteiligung.

    6. markus schrieb am 3. Juni 2009 um 22:58 - Permalink

      @ thomas,
      ja im privaten sprachgebrauch schmeiße ich auch oft dt und pl bezeichnungen durcheinander, aber aufgrund solcher geschichten wie “litzmannstadt” u.ä. ziehe ich idr die polnischen namen vor.

      zur wwk. die scheint ebenso wie die finanzkrise recht spurlos an den polen vorbeigangen zu sein. noch sind ist das BSP leich positiv (müsste um 0,8% liegen, 1q 09) und die arbeitslosigkeit steigt nur moderat. die gründe für den glücklichen ausgang der finanzkrise liegen wohl im “unterentwickelten” (aka regulierten) polnischen Bankensektor. da hat man realativ wenig in seltsame finanzprodukte investiert. carry trades gibt es zwar auch und eine dezente immobilienblase, aber das lässt wohl langsam dampf ab. krasse verschuldungen wie in z.B. rumänien gibt es dort wohl ebenfalls nicht.
      die verspätung der wirtschaftskrise scheint wohl mit der starken binnenkonjunktur zusammen zu hängen. da steht polen deutlich besser da, als zb deutschland. D ist jedoch der größte außenhandelspartner für Polen und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis “wir” den kleineren Nachbarn mit in den Abgrund reißen.

      zum 22.5
      die Werbung die mir in poznan aufgefallen war, hatte nur ein Datum jedoch keinen Ort, war daher davon ausgegangen, dass es sich auch auf Poznan beziehen würde, gemeint war aber Warszawa. die geringe Beteiligung zeigt auch recht klar, dass es wohl vorallendingen ein lokaler Konflikt frustrierter werftarbeiter ist. afaik wurde jedoch in Poznan ein PO büro besetzt.
      bin mal gespannt ob es in krakow zu soliaktionen kommt, “früher” war es ja auch mal ein zentrum der Solidarnosc, besonders die trabantenstadt nowa huta, aber seit Mittalsteel die Hütte aufgekauft hat, scheint sich da vieles wieder beruhigt zu haben. nur der schlechte Ruf ist geblieben.

    7. Informant schrieb am 4. Juni 2009 um 00:44 - Permalink

      Buchtipp:

      Naomi Klein – Die Schock-Strategie (enthält ein hochinteressantes Kapitel zum polnischen Niedergang durch die Privatisierungen in den 80ern)

      Kennt’s wer schon, das Kapitel?

    8. Der Schachspieler schrieb am 4. Juni 2009 um 01:19 - Permalink

      Noch ist Polen nicht verloren :-)

      Der Artikel ist gut, zeigt schön das Abschlusskapitel in der privatisierung Polens.

      In Polen wo neben nicht-renovierten Althäusern , die “Investorträchtigen” Neubauten das Landschaftsbild prägen, ist dieses Thema doch schon längst gegessen.
      Die staatlichen Grosswerke sind schon längst passe.

      Mc-Donalds, Wer sucht den Superstar, breite Felgen sowie Imageträchtige Kreditautos haben sich schon längst in den letzten Schützengräben des Jugendgeistes eingeprägt.
      Wer sollte den sonst den Hunger stillen, den der graue Kommunismus hinterlassen hat?
      Die Mc-Donaldisierung der Gesellschaft trägt sicherlich, wenn sie nach dem gleichen Erfolgsmodell wie in den USA betrieben wird, ganz gewaltig zur Binnennachfrage bei.

      Auf die Dauer keine Erfolgslösung, wie man so schön sehen kann.

      Arbeitnehmergesetze sind trotz starker Soldarnosz keinesfalls auf dem Niveau von Deutschland, das macht ja ein Land, laut Experten, attraktiver für Investoren.

      Und überall die gleiche Frage, wohin geht den eigentlich die EU?

      Viele fühlen sich verarscht nachdem Hollywood ihnen eine funktionierende Leistungsgesellschaft offeriert hat, und nun mit der Finanzkrise aufmarschiert.

      Solidarnosz scheint da eher was für Nostalgiker zu sein.

    9. Thomas schrieb am 4. Juni 2009 um 09:41 - Permalink

      Was die Werften betrifft: Angesichts des extremen Überangebots an Schiffen, und völlig überdimensionierter Wertkapazitäten in China und Korea wird es wohl für alle Werften (egal ob in Polen oder anderswo) sehr schwierig sein, in den nächsten 10 Jahren nennenswerte Aufträge an Land zu ziehen.

    10. markus schrieb am 4. Juni 2009 um 13:20 - Permalink

      @ schachspieler …

      bis zu einem gewissen grade hast du natürlich recht, die macdonalidisierung hat auch in Polen ( wie auch im Rest der Ostblocks) voll durchgeschlagen. die Geselschaft hat entwickelt sich hier zunehmend analog zu der im Rest der westlichen Welt. Im Bereich Jugendkultur gibt es praktsich jetzt schon keinen Unterschied mehr (aka unpolitische Spassgesellschaft) .

      aber zu deiner US-These. Davon kann hier nicht die Rede sein. Die Verschuldung pro Kopf hält sich besonders in Polen in engen Grenzen und Kredite ( idr carry trades aus der Schweiz) haben auch nur die aufgenommen, die in stabilen Arbeitsverhältnissen standen. Der Laden läuft in der Hinsicht deutlich weniger auf Pump als das große Vorbild jenseits des noch größeren Teiches.

      edit: die Gewerkschaft schreibt sich Solidarno??, sind zwei getrennte Zischlaute am Ende. Sprich in etwa “sch-tsch”. sz entspräche dem deutschen “sch”

    11. Thomas Dudek schrieb am 4. Juni 2009 um 15:03 - Permalink

      @Markus

      Tja, die Diskussion um die politisch korrekte Bezeichnung polnischer Städte kann man lange führen;-)

      Du hast Recht, die meisten Länder Europas sind stärker von der Finanzkrise betroffen als Polen. In Bezug aufs Wirtschaftswachstum ist Polen ein kleiner Lichtpunkt am Horizont der kontinentalen Rezession. Doch mittlerweile musste auch die Regierung zugeben, dass die Krise nicht spurlos an Polen vorbeigegangen ist. Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist durchaus erschreckend, die Arbeitslosigkeit ist in Polen innerhalb eines Jahres um 4 Prozent gestiegen, da den Unternehmen die Aufträge aus dem Ausland abhanden gekommen sind. Auch die Binnenkonjunktur ist zurückgegangen, zum Teil auch deshalb, weil die Banken kaum noch Kredite vergeben, weder an Unternehmen noch an Privatleute. Vor über einem Jahr hast Du dagegen fast problemlos einen Kredit erhalten, was viele Leute durchaus dazu genutzt haben, um über ihre Verhältnisse zu leben!
      Und dass die Polen über ihre Verhältnisse gelebt haben, bekommen sie jetzt zu spüren. Letzte Woche veröffentlichte die polnische Schufa erschreckende Zahlen, wonach die Privatverschuldung (unbezahlte Kredite, Telefonrechnungen etc) in den letzten zwölf Monaten enorm zugenommen hat.

      Diese Entwicklung macht sich natürlich auch auf dem polnischen Immobilienmarkt bemerkbar. Böse gesagt, er steht momentan still! Nur ein Kredit der Schweizer Nationalbank, auch in Polen haben viele Leute Kredite in Schweizer Franken aufgenommen, um sich Eigentumswohnungen zu kaufen, verhinderte eine ähnliche Immobilienblase wie in den USA.

      Die Gewerkschaft Sierpien’80 hat nicht nur in Poznan Abgeordentenbüros besetzt, sondern auch in anderen Städten. Es waren Aktionen, die von der Bevölkerung nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen wurden. Viemehr verstehen die Leute solche Aktionen, auch die gewalttätigen Proteste der Solidarnosc, als Vandalismus. Dafür gibt es mehrere Gründe: a) die Gewerkschaften haben einen schlechten Ruf, wofür sie zum Teil selbstverantwortlich sind; b) viele Polen sind einfach nicht politisch genug oder zu sehr mit ihrer eigenen Existenz beschäftigt, um sich gewerkscgaftlich zu engagieren

    12. Thomas Dudek schrieb am 4. Juni 2009 um 15:21 - Permalink

      @Schachspieler

      Dafür, dass die Solidarnosc etwas für Nostalgiker ist, ist die Gewerkschaft selbtverantwortlich. In den letzten Jahren haben viele Funktionäre zu sehr auf ihre eigenen Interessen geachtet!

      In Bezug auf die McDonaldisierung Polens hast Du auf Deine Art und Weise Recht. Eine kleine Anektode: als ca. 1992/93 in Krakau der erste McDonald’s aufgemacht hat, war es eine Sensation. Statt zum Wawel pilgerten die Schülergruppen aus der Provinz zu dem Fast-Food Giganten. Heute dagegen findest Du McDonald’s, aber auch Burger King, in jeder etwas größeren Stadt. Heute sind diese Dinger Alltag!

      Auch die Privatisierung ist in Polen so gut wie abgeschlossen. Doch einige Kronjuwelen, die richtig Kohle machen, hat der Staat behalten. KGHM, ein weltweit agierender Kupferkonzern, die Mineralölkonzerne Lotos und Orlen, der Letztere betreibt auch Tankstellen in Deutschland, oder das Energieunternehmen PGE, sind nur einige solcher Goldgruben. Und kleine Info: als die Regierung Tusk letztes Jahr überlegte, einige dieser Betriebe zu verkaufen, war ein Schrei der Empörung in der Öffentlichkeit zu vernehmen.

    13. Der Schachspieler schrieb am 4. Juni 2009 um 19:22 - Permalink

      @markus

      Die Pro-Kopf Verschuldung wird sich im Rahmen halten, weil Polen erst den Anlauf genommen hat hin zum Pump-Leben. Sie hatten keine richtige Zeit eine ordentliche Pro-Kopf Verschuldung aufzubauen.
      Auf dieser halben Strecke befinden sie sich momentan und das ist ihr Glück.
      Militärisch interressant für die Amis, und wirtschaftlich interressant für die EU.
      Vergiss nicht das Brzezinski ein Nationalheld in Polen ist, und ein Denkmal in Warszaw bekommen wird, oder hat.

      Und was will eine Pro-Kopf Verschuldung aussagen wenn die reichsten Länder viel die höhere Pro-Kopf Verschuldung haben als die ärmsten (Abgesehen von den Steueroasen)?
      In der heutig kranken Kreditwelt ist eine hohe Pro-Kopf Verschuldung ein Garant für weitere Kredite. Länder mit der niedrigsten Pro-Kopf Verschuldung sind die ärmsten und unterentwickelten in der Welt.
      Die haben nicht mal Bonität.

      @Thomas

      In Czestochowa ist es mittlerweile Tradition für die Abiturenten,
      Maturaabend: Zuerst Kirche und dann McDonalds.

      Die katholisch Konservative Ader ist die einzig richtige Bremse im Ausverkauf Polens, so scheint mir.

      Mit Solidarnosc verhält es sich wahrscheinlich auch wie mit jedem anderen Verein, der sich mal warmgelaufen hat um Macht zu bekommen.
      Dasselbe Krankheitsbild, diesselbe Diagnose : keine Therapie möglich.

    14. Thomas Dudek schrieb am 4. Juni 2009 um 21:12 - Permalink

      @ Schachspieler

      Die Geschichte aus Czestochowa ist mir neu. Irgendwie finde ich sie amüsant, aber auch gleichzeitig erschreckend. Ich dachte, die Abiturienten in Polen hätten bessere Ideen. Aber vielleicht ist das in Czestochowa nur der Einfluss der Schwarzen Madonna!;-)

      Ob das katholisch-konservative Lager tatsächlich die einzig richtige Bremse ist, um Polen vor dem “Ausverkauf” zu retten, bezweifele ich persönlich sehr. Die Probleme der Danziger Werft sind nicht neu. Die Vorgängerregierung von Kaczynski hatte nur Angst, diese in die Hand zu nehmen!


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