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Tibet reloaded?

geschrieben am 06. Juli 2009 von Spiegelfechter

Es scheint so, als würde sich Geschichte manchmal doch wiederholen. Wir schreiben den März des Jahres 2008 – in der tibetischen Metropole Lhasa kommt es zu schweren Ausschreitungen zwischen Tibetern und chinesischen Sicherheitskräften, bei denen mehrere Todesopfer zu verzeichnen sind. Westliche Medien und Politiker fordern rückhaltlose Aufklärung, geben in ersten Statements der Volksrepublik China die Schuld an den Opfern und beklagen die unverhältnismäßige Gewalt seitens des chinesischen Sicherheitsapparates. China wiederum beschuldigt reflexartig sinistere Exilgruppen der Urheberschaft. Bei genauerer Betrachtung und sorgfältiger Analyse der spärlichen Augenzeugenberichte ergibt sich indes ein vollkommen anderes Bild: Vor über einem Jahr verübte ein gewalttätiger tibetischer Mob ein Pogrom gegen die in Lhasa lebenden Han-Chinesen. Chinesische Sicherheitskräfte griffen zu spät, dann aber mit ganzer Wucht in das Geschehen ein und stellen binnen kürzester Zeit die Ruhe wieder her. Ein Großteil der Opfer waren allerdings Han-Chinesen und keine Tibeter. Getötet und verletzt wurden sie nicht von den Sicherheitskräften, sondern vom demonstrierenden Mob. Hintergrundrecherchen ergaben, dass die fürchterliche Eruption nackter Gewalt spontan von statten ging und nicht von langer Hand aus dem Ausland geplant war.

Kommt das dem ein oder anderen Leser bekannt vor? Der gleiche Plot spielt sich momentan in Ürümqi in der westchinesischen Provinz Xinjiang ab – nur dass es diesmal die ethnische Gruppe der Uiguren ist, die zunächst Täter und dann auch Opfer blutiger Straßenkämpfe wurde.

Xinjiang – Rohstoffe und Muslime

Die Provinz Xinjiang grenzt im Westen an Afghanistan, Pakistan und Indien. Traditionell leben hier die Uiguren, ein sunnitisches Turkvolk. Im 18. Jahrhundert wurde das Gebiet unter den Mandschu-Kaisern dem chinesischen Kaiserreich einverleibt. Heute genießt die Provinz innerhalb der Volksrepublik China den Status eines autonomen Gebietes. Wie in Tibet hat die Siedlungs- und Wirtschaftspolitik des letzten Jahrzehnts auch in Xinjiang zu ethnischen Spannungen geführt. Mit den Transfergeldern zum Aufbau der Wirtschaft kamen immer mehr Han-Chinesen in die entlegene Wüstenprovinz. Mittlerweile stellen die Uiguren dort nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung, in der Provinzhauptstadt Ürümqi machen die Uiguren gerade einmal noch 13% der Bevölkerung aus. Aus ihrer Sicht überschwemmen die Han-Chinesen ihre Heimat und nehmen ihnen die neuen und auch alten Arbeitsplätze weg. Zu diesen ökonomischen kommen allerdings auch religiöse und kulturelle Konflikte. Die Volksrepublik kämpft gegen die Einflussnahme des saudisch finanzierten Wahabismus, erlaubt nur eine staatlich freigegebene Version des Koran, schließt neu entstandene Moscheen und verbietet den Gläubigen die Pilgerreise nach Mekka, so sie denn nicht im Rahmen einer staatlich überwachten Reisegruppe geschieht, was sich allerdings kaum ein Uigure leisten kann. Da die Provinz Xinjiang reich an Kohle, Gold und anderen Rohstoffen ist, und dort auch Öl- und Gasvorkommen vermutet werden, spielt sie für die Volksrepublik eine strategisch wichtige Rolle. Der Traum der Uiguren von einem „freien Ost-Turkestan“ wird daher wohl immer ein Traum bleiben.

Ein Pogrom im fernen Süden

Vor einer Woche kam es in der südchinesischen Provinz Guangdong zu einem blutigen Pogrom gegen Uiguren in einer Spielzeugfabrik. Ein wütender Mob aus Han-Chinesen fiel über uigurische Fabrikarbeiter her, wobei zwei junge Männer starben und 188 weitere Uiguren verletzt wurden. Videos, die auf Youtube erschienen, geben eine Vorstellung von der unglaublichen Brutalität der Täter:

Angestachelt wurden die Han-Chinesen von einem gezielt gestreuten Gerücht, die Uiguren hätte eine Han-Chinesin vergewaltigt. Der Urheber dieses Gerüchts war ein Han-Chinese, der seinen Job verloren hatte und sich nun an den Uiguren rächen wollte, die – so seine Überzeugung – ihm den Arbeitsplatz weggenommen hatten. Der Han-Chinese wurde von den Behörden verhaftet, das reichte den Uiguren in Ürümqui aber nicht. Für sie war dieser Vorfall der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am gestrigen Sonntag gingen – je nach Quelle – 1.000 bis 8.000 Uiguren in Ürümqui auf die Straße, um eine restlose Aufklärung dieses Vorfalls zu fordern.

Wie und warum diese Demonstration außer Kontrolle geriet, ist mangels verlässlicher Quellen nicht ersichtlich. Augenzeugenberichte, die im Guardian, der Washington Post und der New York Times zitiert werden, legen folgenden Hergang nahe: Gegen 18.00 Uhr teilten sich die Demonstranten auf und machten mit Knüppeln bewaffnet Jagd auf Han-Chinesen. Zentrum dieser Ausschreitungen war der „Erdaoqiao-Markt“, der mitten in einem meist uigurisch bewohnten Viertel der Stadt liegt. Hier kam es zu Übergriffen auf Han-Chinesen, ihre Geschäfte und Wohnungen. Nach Angaben der Behörden wurden bei den Ausschreitungen allein 190 Busse und mehr als 200 Geschäfte in Brand gesetzt. Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua berichteten, dass Uiguren vor Mitternacht mit Hackmessern, Holzlatten und Ziegelsteinen bewaffnet auf Han-Chinesen Jagd gemacht hätten. Am späten Abend gingen die Sicherheitskräfte mit Schützenpanzern, Tränengas und Elektroschockern gegen die marodierenden Uiguren vor. Augenzeugen berichten auch von Schüssen, die beim Zusammenstoß von Sicherheitskräften und Uiguren gefallen sein sollen.

140 Tote – aber wer sind die Opfer?

Die blutigen Ausschreitungen forderten bislang mindestens 140 Menschenleben – mit steigender Tendenz. Über 800 Verletzte werden noch in den Krankenhäusern der Stadt behandelt. Wer nun aber die Todesopfer in toto dem Konto der chinesischen Sicherheitskräfte zuschreibt, handelt grob fahrlässig. Zeugenaussagen legen die Vermutung nahe, dass ein Großteil der Todesopfer Han-Chinesen sind, die von Uiguren erschlagen wurden. So berichtet ein leitender Arzt, dass die überwiegende Mehrheit der Verletzten Han-Chinesen seien . Eine Krankenschwester gab der Washington Post zu Protokoll, dass ein Großteil der Verletzten mit Kopfverletzungen eingeliefert wurde, die von Schlägen mit Knüppeln herrühren. Es ist also anzunehmen, dass auch ein Großteil der Todesopfer nicht auf das Konto der Sicherheitskräfte geht, sondern eher Folge eines gewaltsamen Pogroms der uigurischen Demonstranten ist.

Reaktionen aus Deutschland

Derlei Abwägungen sind in der Politik allerdings verpönt. Reflexartig hat man den Schuldigen an den Ausschreitungen und den Todesopfern bereits ausgemacht. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Walter Kolbow, warf den chinesischen Sicherheitskräften in einem Statement vor, sie hätten „jegliches Maß an Verhältnismäßigkeit missachtet“ und die Grenze des Zulässigen überschritten. Woher weiß Herr Kolbow, wie die chinesischen Sicherheitskräfte vorgingen? Genauere Informationen über das Vorgehen der Behörden sind bislang noch nicht bekannt. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn es eigentlich nur darum geht, reflexartig einen Schuldigen zu finden. Dabei ist die kommunistische Führung Chinas ein denkbar geeigneter Sündenbock.

Dass Politik und Medien sich nicht gegenseitig mit Schuldvorwürfen in Richtung Peking übertrumpfen, liegt wohl an den Uiguren, die sich wesentlich schlechter als „Sympathieträger“ verkaufen lassen, als beispielsweise die Tibeter. Das Freund-Feind-Schema der Medien ist oft banal. Die Tibeter schneiden in diesem Schema in ihren orangenen Roben, ihrer exotisch-mysteriösen Kultur und Religion und dem überaus charismatischen Dalai Lama bestens ab, während die Chinesen ein nahezu „perfekter“ Bösewicht sind. Die Uiguren, deren Grundvoraussetzungen mit denen der Tibeter nahezu identisch sind, schneiden da im Vergleich wesentlich schlechter ab. Sie haben keine charismatischen Führer, sind weder „sexy“ noch „en vouge“ und leben nicht im pittoresken Himalaja, sondern in einem öden unwirtlichen Teil Zentralasiens, der von der Taklamakan-Wüste durchzogen wird. Vor allem aber sind sie muslimisch – und das ist für das Medien- und Politikinteresse des Westens Grund genug, ihre Interessen nicht weiter zu verfolgen. Stars und Helden sehen halt anders aus.

Hätte die Bundesregierung Interesse am Schicksal der Uiguren, hätte sie beispielsweise dem Wunsch der US-Regierung entsprochen und die uigurischen Guantanamo-Häftlinge aufgenommen. Herrn Schäuble waren die Uiguren allerdings zu muslimisch, er weigerte sich und nun haben die Pazifikrepublik Palau und die Bermudas die unliebsamen Muslime aufgenommen. Wer am Sonntag wohlfeile Reden über unterdrückte Minderheiten hält und am Montag sich selbst vor seiner Verantwortung für diese Minderheiten drückt, ist – im besten Falle – unglaubwürdig.

Jens Berger

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56 Kommentare

Kategorien: Ausland China Medien

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Trackbacks:

  1. 1 · und abgesehen davon . . . » Blogmarks vom 6.7.2009 am 6. Juli 2009 um 22:02·

    [...] Der Spiegelfechter » Blog Archive » Tibet reloaded? – der Spiegelfechter zu den Unruhen in China [...]

  2. 2 · Tibet reloaded? >> Uiguren, Han-Chinesen, Ausschreitungen, Sicherheitskräfte, Provinz, Xinjiang, Todesopfer, Sicherheitskräften >> Womblog [Worte oder mehr] am 7. Juli 2009 um 12:23·

    [...] Jens Berger | – Es scheint so, als würde sich Geschichte manchmal doch wiederholen. Wir schreiben [...]

  3. 3 · “Unbeabsichtigte Muskelkontraktion” » mein-parteibuch.com am 7. Juli 2009 um 21:06·

    [...] zugetragen. Dazu, wie es zu der Randale in China gekommen ist, wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Die oben geschilderte Geschichte spielt in einem Land, wo es ganz normal ist, dass Polizisten [...]

  4. 4 · “Unbeabsichtigte Muskelkontraktion” >> China, Randale, Polizisten, Polizei, Uiguren, Todesschuss, World, Geschichte >> Womblog [Worte oder mehr] am 8. Juli 2009 um 10:33·

    [...] zugetragen. Dazu, wie es zu der Randale in China gekommen ist, wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Die oben geschilderte Geschichte spielt in einem Land, wo es ganz normal ist, dass Polizisten [...]

56 Kommentare

  1. ppp am 6. Juli 2009 um 18:05 - - Permalink

    “Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Walter Kolbow, warf den chinesischen Sicherheitskräften in einem Statement vor, sie hätten „jegliches Maß an Verhältnismäßigkeit missachtet“ und die Grenze des Zulässigen überschritten. Woher weiß Herr Kolbow, wie die chinesischen Sicherheitskräfte vorgingen?”

    Von einer Partei, die eine Frau Saalfrank für ihren Wahlkampf zur Familienpolitik engagiert erwarte ich nicht anderes.

  2. egal am 6. Juli 2009 um 18:47 - - Permalink

    Das Lustige ist ja, dass der Hergang wie im Artikel geschildert eigentlich von Anfang an aus der Presse erkennbar war (Mob bewaffnet mit Messern und Knüppeln greift Passanten an). Zusätzlich die Information. dass es 140 Tore und viele Verletzte gegeben hätte. Es gab keine Aussagen wer diese Toten waren und wer sie “verursacht” hat. Selbst jetzt, wo der Ablauf klarer wird, fragt hier kaum niemand nach. Im Radio (NDR-Info) gerade gehört und auch in den Foren und mittlerweile die offiziellen politischen Reaktionen im Ausland (also auch hier) sind dominiert von Antichinesischer Stimmungsmache. Ähnlich wie beim Iran und bei Russland wird mittlerweile jedes gelieferte Feindbild aufgenommen. Und das wohlgemerkt nicht bei den Bild-Lesern, sondern bei den aufgeklärteren Leuten, die das Internet auch zur Informationsbeschaffung und zur Diskussion nutzen. Das lässt auf jeden Fall nichts gutes für die Zukunft erahnen.

  3. egal am 6. Juli 2009 um 18:51 - - Permalink

    Ich hatte vergessen zu erwähnen: Gut, dass sich du (SF) dich davon nicht mitreißen lässt, sondern eine kritische Distanz pflegst. Wenn es auch Dinge zu bemängeln gibt (wie zB die fehlende Radikalität (hier gemeint gundsätzliche Systemkritik). Man kann das Übel ruhig mal beim Namen nennen: Kapitalismus.

  4. Spiegelfechter am 6. Juli 2009 um 19:20 - - Permalink

    @egal

    Nun – im Zusammenhang mit China würde ich das Argument “Kapitalismus” mal lieber aussparen ;-)

  5. knt am 6. Juli 2009 um 20:01 - - Permalink

    Das solltest du nicht tun, man kann viel über den Kapitalismus von China lernen….

  6. luky am 6. Juli 2009 um 20:08 - - Permalink

    Dannke für diese nüchterne Zusammenfassung der bekannten Fakten. Ich bin erwartungsgemäss nicht ganz gleicher Ansicht, was die Einmischung von aussen angeht; da spekuliere ich dann gern ein bisschen mehr.

    im Zusammenhang mit China würde ich das Argument “Kapitalismus” mal lieber aussparen

    Vielleicht was China angeht, aber wenn es um unsere Medien und deren Feindbilder geht, wäre ich vorsichtig.

  7. Peter am 6. Juli 2009 um 21:00 - - Permalink

    Ohne tiefergehende Kenntnis der Region würde ich aus dem Gesagten schließen, dass es sich um seperatistische Bestrebungen einer (zwar seit langem aber dennoch letztendlich) unter Besatzung stehenden, ethnischen Gruppe handelt.
    Mit der kapitalistischen Wirtschaftsform an sich hat das meines Erachtens wenig zu tun. Obgleich sie natürlich die Wirtschaftsform unter der Besatzung ist.

    Im Weiteren ist mir der Begriff der kommunistischen Regierung irgendwie nicht verständlich. Klärt mich auf falls ich falsch liege, aber der Kommunismus hat doch per Definition keine Regierung nötig, oder? Meiner Meinung handelt es sich daher bei dieser, wie auch vielen anderen kommunistisch genannten Regierungen schlicht um Diktaturen respektive Oligarchien, deren Propaganda vom kommunistischen Gedanken geprägt ist.

    Ebenso wie die Propaganda der Regierenden unserer repräsentativen Ochlokratie kapitalistisch oder freiheitlich oder (man setze seinen Lieblingswert) geprägt ist.

    Damit sei gesagt: Kommunismus und Kapitalismus sind nicht Staats- sondern Wirtschaftsformen.

  8. Max Krapp am 6. Juli 2009 um 21:24 - - Permalink

    Ja, Commiebashing in der Deutschen Parteienlandschaft! Wie JB richtig schreibt, sind die Uiguren weder Cool, noch exotisch, noch haben sie die “richtige” Religion. Aber he, egal, für ein paar billige Tritte in Richtung China wird das schon reichen. Schade für uns, dass die Chinesen sich sowas merken, und sie haben ein sehr gute Gedächtnis.

  9. Gebintit am 6. Juli 2009 um 23:24 - - Permalink

    Mal wieder schön geschrieben der Artikel. Die Aussage

    Nun – im Zusammenhang mit China würde ich das Argument “Kapitalismus” mal lieber aussparen ;-)

    teile ich aber nicht ganz. So wie ich China kenne, ist es extrem kapitalistisch. Und in gewisser Weise verschärft dies die Minderheiten-Probleme schon. Die Han-Chinesen sind nämlich nicht nur sehr zahlreich, sondern meist auch sehr geschäftstüchtig und genießen noch dazu – vorsichtig formuliert – eine gewisse Protektion durch die Zentralregierung, was aus ethnischen Gründen vermutlich kein Zufall ist. Kapitalismus verschärft die Problematik insofern, als sich die Minderheiten nun in zunehmenden Maße auch immer mehr wirtschaftlich an den Rand gedrängt fühlen. In Kunming gibt es übrigen sehr hübsch gekleidete Minderheiten aus den Bergen, man sieht sie meist mit Kind auf dem Rücken beim Betteln … Wäre vielleicht was für unsere Medien ;)

  10. Goldener Reiter am 7. Juli 2009 um 06:02 - - Permalink

    Wenn man diesen Konflikt mit einem Schlagwort ettiketieren will, dann wuerde ich auch dazu raten, den “Kapitalismus” zu vermeiden.
    “Imperialismus” ist da schon treffender.

    Die “Reaktionen aus Deutschland” halte ich fuer reichlich verlogen. Da wird wohl eher versucht, kurz vor der Wahl das Parteiprofil noch einmal etwas zu polieren. Aber, dass “die Chinesen” uns das uebelnehmen, brauchen wir wohl nicht zu befuerchten. Die wissen selbst, dass Politik vor allem heisse Luft ist.

  11. Max Krapp am 7. Juli 2009 um 07:13 - - Permalink

    @ 10 Goldener Reiter

    Bei der Sache mit Tibet vor kurzem klangen die aber nicht so, als würden sie das auf die leichte Schulter nehmen. Die Chinesen haben als Volk eine verdammt lange Tradition, und sie wissen das auch (Sprich: Sie haben ein verdammt großes nationales Ego).

  12. Goldener Reiter am 7. Juli 2009 um 07:44 - - Permalink

    @11 Max Krapp

    Haben sie.
    Nach meinem Eindruck aber deswegen, weil es staatlich genaehrt wird.
    Ich weiss, dass ich mich damit als sinophob darstelle, aber “die Chinesen” haben im wesentlichen die Meinung, die ihnen von ihrer Regierung eingetrichtert wird.
    Und ich bin mir sicher:
    Solange unsere Regierung (wie auch schon unter Rot-Gruen) in den wesentlichen Dingen Konzessionen macht, und vor allem ein guter Geschaeftspartner bleibt,
    wird es uns Peking nachsehen, dass hin und wieder aus der zweiten Reihe ein wenig gequakt wird ;)

  13. aquadraht am 7. Juli 2009 um 07:44 - - Permalink

    Ein paar Leute hier überschlagen sich nicht besser mit Mutmassungen als die Mainstreampresse. Sich zu informieren täte gut. Zum “besetzten Gebiet”: Bereits 1945 wurde auf einem Teil des heutigen Xinjiang eine kommunistische Sowjetrepublik Turkestan gegründet, die 1946 in einer Koalitionsregierung von Kommunisten, regionaler (anti-Chiang-kai-chek-)KMT und regionalen Linksnationalisten aufging. Diese linkssozialistische Regionalregierung beschloss nach Verhandlungen 1949 ihren Anschluss an die neu gegründete VR China unter dem traditionellen (seit 1755) Provinznamen Xinjiang mit dem Zusatz Xinjiang-Uighur. 1955 wurde die Provinz zum autonomen Gebiet.

    Bezüglich der Unruhen und internationaler Kontakte bin ich nicht sicher. Die Exiluighuren haben den scheusslichen Vorfall in Guangdong weidlich ausgenutzt, um zu hetzen und Zwietracht zu säen. Ich sehe wirklich nicht, dass die Polizei in Guangzhou oder die chinesischen Medien die Vorfälle vertuscht hätten. Nicht nur der Anstifter muss mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen, mindestens 10 Täter der Schlägerei in Guangdong können froh sein, wenn sie um die Höchststrafe (das ist heute Giftspritze, nicht mehr Erschiessen) herumkommen, bis zu 100 weitere haben mit Freiheitsentzug und noch einige mehr mit Geldstrafen zu rechnen. Wenn man auf die Seiten der Exiluighuren geht, bekommt man den Eindruck, Uighuren wären Freiwild für Han.

    Überhaupt mal “Han”: Das bezeichnet ein Catch-all für alle Chinesen, die keiner der 56 anerkannten Minderheiten angehören. Diese “Han” sprechen 7 verschiedene Sprachen, von denen nur 4 (Wu, Jin, Xiang und Hui) der Hochsprache nahe stehen (etwa wie das niederländische dem deutschen), die 3 anderen sind dieser gegenüber und untereinander unverständlich und haben auch andere Grammatiken. Die “Han” unterscheiden sich untereinander mindestens so, wie sie sich von den Minderheiten unterscheiden. Es gibt in China auch kein Han-Bewusstsein: es gibt schon Vorurteile und Dünkel, etwa der Städter gegenüber der Landbevölkerung, der Gebildeten gegenüber den Ungebildeten. Es gibt auch ethnische Stereotype: Uighuren gelten schon mal als gewalttätig (die Unruhen haben dies Stereotyp gestärkt), die Tibeter auch, aber eher, wenn sie besoffen sind – in Chengdu haben viele Einheimische Angst vor den Khampa mit ihren langen Messern (hübsche Dinger, eigentlich schon Kurzschwerter, stabil genug, um einen Baum zu fällen oder ein Yak zu schlachten, und rasiermesserscharf).

    Die Chinesen sollten aber meiner Meinung nach den Blick etwas abwenden von den ausländischen Unruhestiftern. Die hat es schon immer gegeben, im Kalten Krieg eher noch verschärfter. An Unruhen wie in Tibet und jetzt in Xinjiang ist von Bedeutung, dass sich so viele offenbar frustrierte und gewaltbereite junge Männer zu solchen Ausschreitungen hinreissen lassen. Das ist ein Problem mit Modernisierungsverlierern, dass es überall auf der Welt gibt, und in China mit seinem rasenden Entwicklungstempo eben gerade.

    Dagegen gibt es keine Patentrezepte. Dass die Uighuren unterdrückt würden, weil sie ihre Zahl seit 1949 nur verdreifacht haben, während die der Han sich verzwanzigfacht hat, ist Humbug. Die Han haben davon, dass sie Han sind, nur Nachteile, Einkindpolitik, Zahlen für Ausbildung und Gesundheit und vieles mehr. Das liefert natürlich auch Munition für Unmut und Krawalle wie in Guangdong.

    Ein Vielvölkerstaat ist kein Ponyhof – nirgends auf der Welt. Bloss: Alternativen dazu gibt es auch nicht.

  14. transwarp am 7. Juli 2009 um 08:01 - - Permalink

    bild titelt mal wieder ordentlich:

    156 Tote, mehr als 1400 Festnahmen Explodiert China?

    Nach den Tibetern 2008 werden nun uigurische Aufständische niedergemetzelt

  15. bombjack am 7. Juli 2009 um 08:25 - - Permalink

    [...]Die Volksrepublik kämpft gegen die Einflussnahme des saudisch finanzierten Wahabismus,[...]

    Ist zwar jetzt hier total OT, nur wenn ich mir den Wikipedia Eintrag zu den Wahhabiten http://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten ansehe, frage ich mich ob nicht sehr vieles über den radikalen Islam eigentlich von Saudi-Arabien ausgeht und man dieses Ländle zu den “Schurkenstaaten” zählen müsste, da sie “Terroristen” und/oder andere radikale Islamisten finanziell und gedanklich mitunterstützen.

    Zumindest mit den Menschenrechten dürfte diese Auslegung des Islam nicht vereinbar sein……

    bombjack

  16. bismodo am 7. Juli 2009 um 10:11 - - Permalink

    heute stellt german-foreign-policy folgenden Text ins Netz:
    http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57570
    (nur heute ohne Abonnement abrufbar)

  17. luky am 7. Juli 2009 um 10:28 - - Permalink

    @aquadraht: Danke für die vielen Infos. Ich nehme an, Du liest auch chinesische Quellen?

    Wie oben schon gesagt, finde ich es zu einfach, Einmischung einfach von der Hand zu weisen, weil man nichts konkretes beweisen kann, bzw. weil die Indizien nicht ausreichen. Ich will nicht behaupten, dass die Unruhen vom Ausland geschürt werden, aber ich verstehe, wie man auf die Idee kommen kann.

    @bombjack: Das überrascht Dich jetzt nicht wirklich, dass die Saudis die Jihad-Kreuzritter finanzieren, oder? Wenn wir schon bei Wiki, China und Einmischung sind, dann lempfehle ich jedem Interessierten, den Artikel über die Triaden zu lesen. Kenntnisse über die beiden Opiumkriege sind empfohlen.

    PS: @bismodo: Danke für den Link. Eine Menschenrechtskonferenz zusammen mit dem NED passt ganz gut…

  18. Goldener Reiter am 7. Juli 2009 um 11:31 - - Permalink

    @13 aquadraht

    “Modernisierungsverlierer” kann man das natuerlich auch nennen…

    Aber schoen finde ich, wie Du den dumpfen, von Vorurteilen gepraegten Geisteszustand des “Chinesen” schilderst.
    Konnte das selbst nicht besser, ohne noch halbwegs neutral zu klingen ;)

  19. aquadraht am 7. Juli 2009 um 13:45 - - Permalink

    Goldener Reiter: “Den Chinesen” habe ich bislang noch nicht getroffen. Vielleicht kannst Du mir ja erzählen, wo er wohnt. Heute früh habe ich mal Mao besucht, direkt neben mir drei alte (ich schätze 70-75 Jahre) tibetische Mönche, die dem verstorbenen Vorsitzenden die Ehre erwiesen. China ist ein Land der Gegensätze, man erlebt jeden Tag Überraschungen.

    Aber das sind Menschen, so wenig perfekt wie überall. Viele erleben die Uighuren in der Tat als Bettler, Taschendiebe, Hehler oder Schläger, das ist de fakto ein Sozialkonflikt, der aber auch in China dazu neigt, ethnisiert zu werden. Zu toll darf man es damit aber nicht treiben, sonst setzt es Knast. Wär was für unsere PIler (just joking).

    Trotzdem ist es keine wirklich dumme Idee, in der Nähe uighurischer fliegender Händler und ihrer Family völlig vorurteilsfrei etwas genauer auf Handy, Kamera etc. zu achten, diese Taschendiebstähle sind wirklich nicht selten. Und wenn Khampa betrunken sind, sollte man in der Tat bedenken, dass sie ein hitziges Temperament und spitze, rasiermesserscharfe Messer mit fast 40cm langer Klinge aus allerbestem chinesischem Stahl (auf Qualität achten sie) haben.

    Luky: Ich gebe mir Mühe (mit den chinesischen Medien), ich lerne aber noch. Es wird aber besser.

    Ach noch was, GR: Die Chinesen machen nichts lieber und intensiver, als auf die Regierung zu schimpfen.

  20. krokodoc am 7. Juli 2009 um 14:05 - - Permalink

    Es sollen ja auch Molotow-Cocktails gegen das chinesische Konsulat in München geflogen sein. Erstaunlich, wie zurückhaltend das ehemalige Nachrichtenmagazin aus Hamburg hierbei ist:
    “Bereits am Montag haben dem chinesischen Regierungssprecher zufolge Unbekannte Molotow-Cocktails in das chinesische Konsulat in München geworfen. Die Polizei in München bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es am Montag einen Zwischenfall gab, nannte aber keine Details.”

    Sonst reichen doch auch immer Augenzeugen, um Fakten zu erzählen?

    Spannend, ob die bayerische Polizei in diesem Zusammenhang die Büros des “World Uyghur Congress” in München durchsucht, da man hier doch wohl einen direkten Zusammenhang vermuten kann.

  21. Thomas am 7. Juli 2009 um 14:49 - - Permalink

    Die Sueddeutsche hat den Anschlag auf das Münchner Konsulat im Lokalteil:

    http://www.sueddeutsche.de/,ra14m1/muenchen/177/479665/text/

  22. luky am 7. Juli 2009 um 15:10 - - Permalink

    @a²: Respekt…

  23. aquadraht am 7. Juli 2009 um 15:11 - - Permalink

    @20 ach watt. Wären das Attacler, dann wären längst die Türen der Privatwohnungen eingetreten, die Hunde erschossen und die Bibliotheken verwüstet, wie das die Ordnungskräfte in unserem Rechtsstaat so zu machen pflegen. Da reicht ein soziologischer Begriff wie Gentryfizierung für monatelange Haft, nicht wie in Diktaturen in China.

    Aber das sind doch _Freiheitskämpfer_ und _bedrohte Völker_, so wie die Renamo-Massenmörder in Mocambique, die bis zuletzt von der Hanns-Seidel-Stiftung ausgehalten wurden.

    Und nein, ich möchte da nicht sachlich bleiben.

  24. flo am 7. Juli 2009 um 16:34 - - Permalink

    Ich stimme mit deiner Darstellung in vielem überein. Was mich ein wenig stört ist die leichtfertige Benutzung des Wortes Pogrom. Die Pogrome im zaristischen Russland fanden mit staatlicher Förderung bzw. mindestens wohlwollender Duldung statt und wahren Gewalttaten der Mehrheit an einer ohnehin schon unterdrückten Minderheit. Die Formulierung “Rassenunruhen” ist wesentlich genauer, wie es überhaupt Parallelen zu entsprechenden Fällen in der Vergangenheit in den U.S.A. gibt, also blinde Gewalt einer diskriminierten Gruppe, die unter Umständen starke staatliche Gegengewalt hervorruft. In China kommt nur zur sozialen Diskriminierung auch noch die kulturelle und politische Diskriminierung hinzu.

  25. Goldener Reiter am 7. Juli 2009 um 18:04 - - Permalink

    @19 aquadraht

    Daher habe ich den Chinesen in Anfuehrungszeichen gesetzt, weil ich die damit implizierte Verallgemeinerung unterstreichen wollte. Ich weiss ja mittlerweile, dass Du bei “China” (DAS China gibt es ja auch nicht) immer sehr auf Differenzierung bedacht bist.

    Wenn man Dir nicht sehr wohlgesonnen entgegentritt, koennte man da wohl auch leicht einen sino-spezifischen Relativismus reininterpretieren ;)

    Das “Chinesen” gerne ueber die eigene Regierung schimpfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Das habe ich mitbekommen, als ich mir noch die Zeit genommen habe mit den “Chinesen” in meinem Umfeld laengere Zeit zu verbringen.
    Bin aber bald zu dem Schluss gekommen, dass das reine Ersatz- bzw. Alibihandlungen sind. Echte Kritik habe ich nicht erlebt.
    Ich kenne das Verhalten gut vom Bund, wo Mannschaften und Unteroffiziere auch gerne auf Offiziere schimpfen, aber im Alltag dann doch bedingungslosen Kadavergehorsam pflegen, und sich auch vorschriftswidrige Behandlung gefallen lassen und dabei mitmachen.

    Wie Du merkst, habe ich, anders als Du, eine eher negative Einstellung zu “den Chinesen”.
    Ausnahmen gibt es, aber die kann ich an einer Hand abzaehlen.

  26. Florian am 7. Juli 2009 um 19:12 - - Permalink

    Woher weiß Herr Kolbow, wie die chinesischen Sicherheitskräfte vorgingen? Genauere Informationen über das Vorgehen der Behörden sind bislang noch nicht bekannt. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn es eigentlich nur darum geht, reflexartig einen Schuldigen zu finden. Dabei ist die kommunistische Führung Chinas ein denkbar geeigneter Sündenbock.

    Das ist einfach die “Schattenseite”, wenn ein Regime die freie Berichterstattung einschränkt.
    Wer nicht zulässt, dass sich unabhängige Quellen selber ein Bild machen, muss damit rechnen, in die Täterecke gestellt zu werden.
    Auch wenn die chinesische Führung in diesem Fall unberechtigterweide als Täter gesehen wird, hoffe ich, dass sie daraus lernt. Wie bei nahezu allen Konflikten ist Öffentlichkeit auch hier der beste Schutz für (fast) alle Beteiligte.

  27. aquadraht am 8. Juli 2009 um 02:10 - - Permalink

    @Goldener Reiter: Deine Kriterien sind fundamentalistisch, etwa so, als wenn man in der BRD nur als “echte Kritik” akzeptiert, wenn die sozialistische Revolution gefordert wird. In der Tat wollen die allermeisten Chinesen keinen Umsturz der Gesellschaft, sie haben dazu auch wenig Grund.

    Deine “negative Einstellung” ist unuebersehbar. Ueber Glaubensfragen diskutiere ich nicht.

  28. fpk am 8. Juli 2009 um 04:26 - - Permalink

    @ aquadraht

    modernisierungverlierer ist glaube ich der falsche ansatz. jedes jahr gibt es in china zehtausender kleinerer und größerer solcher unruhen. die unzfriedenheit mit lokalen und regionalen regierungen ist groß, nicht wegen der modernisierung, sondern wegen koruption, vetternwirtschaft, willkür und intransparanz und der unmut darüber entläd sich dann immer wieder in spontanen Aufständen. nur einige der letzten zeit, die es in die medien geschafft haben:
    http://www.zonaeuropa.com/20090621_1.htm
    http://www.zonaeuropa.com/20090525_1.htm

    in diesem fall kommt dann noch die ethnische karte hinzu. du hast zwar recht, dass minderheiten in china bestimmte ausnahmeregelungen genießen. Sie müssen sich nicht an die ein kind politik halten usw. in china gilt aber auch viel mehr als woanders, dass du nichts wirst ohne die nötigen kontakte zur politik, und da sitzen sogenannte han-chinesen. das ist der entscheidenede vorteil, den sie haben. und der entscheidende nachteil der uiguren und anderer minderheiten.
    und dass sich uiguren wie tibeter dadurch bedroht fühlen durch die mehr oder weniger gezielte siedlungspolitik der zentrale in peking in ihren angestammten gebieten eine minderheit zu werden sollte auch verständlich sein.

    ich denke dass hier eine kombination vorliegt aus elementen wie sie auch sonst in china vorkommen (unmut über intransparenz lokaler reg. …) verstärkt und gelenkt durch das ethnische element und die wahrgommene diskriminierung.

  29. fpk am 8. Juli 2009 um 04:47 - - Permalink

    So gut auf den Punkt bringen wie imagethief kann ichs leider nicht:

    To have one ethnic minority erupt in angry rioting looks like misfortune. To have two erupt in angry rioting suggests that a rethink of the overall approach might be a good idea.

  30. Goldener Reiter am 8. Juli 2009 um 05:31 - - Permalink

    @aquadraht

    Lieber “fundamentalistisch” als blind: Die allermeisten “Chinesen” sind gar nicht in der Lage einen “Umsturz” der Gesellschaft (das waere bei China schon ein halbwegs normaler Rechtsstaat, und ich bin da mittlerweile warlich nicht mehr anspruchsvoll) zu fordern, weil sie ihn sich als gut konditionierte Untertanen nicht vorstellen koennen.

    Deine eigene einseitige Glaubensbindung belegst Du uebrigens schon damit, dass Du die Schamlosigkeit besitzt anzufuehren, die Han-Chinesen haetten so sehr unter der Einkindpolitik zu leiden. Wer das mit dem was Uiguren oder auch Tibeter zu erdulden hat auch nur annaehernd gleichsetzt, hat Masstaebe, bei denen sich warlich jede Diskussion von selbst verbietet.

    Kommt noch dazu, dass Du leichtfertig Unwahrheiten verbreitest:
    Zwar bestehen die “Han-Chinesen” aus mehreren Gruppen diverser Sprachfamilien (und nicht Dialekte, wie gerne verbreitet) aber ein Bewusstsein als “Chinesen” haben sie sehr wohl. Und zwar ziemlich ausgepraegt. Die einzigen, die da eine Ausnahme sind, sind die Chinesen auf Taiwan, die sich mittlerweile durchaus nicht mehr als Teil dieses Volkes betrachten.

  31. Karl Heinrich am 8. Juli 2009 um 13:24 - - Permalink

    @fpk #29

    So gut auf den Punkt bringen wie imagethief kann ichs leider nicht:

    To have one ethnic minority erupt in angry rioting looks like misfortune. To have two erupt in angry rioting suggests that a rethink of the overall approach might be a good idea.

    Liegt das Problem aber wirklich auf Seiten der (Han-)Chinesen? Überall, wo sie auftauchen, entfalten sie – wenn man sie denn lässt – großen Fleiß und große Merkantilität. In Tibet, in Xinjiang, auch außerhalb in Ländern wie Malaysia. Das bringt neue Chancen für die jeweilige autochthone Bevölkerung. Aber natürlich auch Missgunst. Solche entwickelt sich oft vor dem Hintergrund von Religion, also einer angestammten transzendental ausgerichteten Kultur, im Ringen mit der durch und durch weltlichen Einstellung der Chinesen, ihrem hands-on-approach.

    Man sollte durchaus im Blick behalten, dass die chinesische Mehrheitsgesellschaft nicht die Minderheitskulturen unterpflügen darf. In vielerlei Hinsicht – aquadraht hat darauf hingewiesen – ist das durchaus gewährleistet. Andererseits gibt es da wohl auch berechtigte Forderungen der Minderheiten, so etwa (nach einem Deutschlandradio-Bericht), wenn in einer Stadt wie Kaxgar aus Erdbebensicherheitsgründen gewachsene uigurische Straßenzüge plattgemacht werden sollen, obwohl sie bisher Erdbeben besser standgehalten haben, als die Häuser in chinesischen Kernprovinzen.

  32. fpk am 8. Juli 2009 um 15:19 - - Permalink

    “Liegt das Problem aber wirklich auf Seiten der (Han-)Chinesen?”

    Das Problem liegt an dem pol. Sytem, das sie dominieren und das keine funktionierenden checks and balance oder einklagbare rechte kennt. die partei und ihre kader stehen sehr oft über dem gesetz. wenn es für normale chinesen schon oft unmöglich ist recht zu bekommen und sich vor willkür der lokalen chefs zu schützen, wie mag das dann erst mit minderheiten aussehen.

    BTW die Net-Nanny hat seit heute auch facebook geblockt. Langsam gehen sie mir gewaltig auf die Nerven. so viele seiten wir derzeit waren schon lange nicht mehr unerreichbar.

  33. OAlexander am 8. Juli 2009 um 17:05 - - Permalink

    Dass der Spiegelfechterdie Führung Chinas als “kommunistisch” bezeichnet ist natürlich ein grobes Foul. Es handelt sich hier um eine ganz normale Feld- Wald und Wiesendiktatur die ursprünglich unter Bezugnahme auf kommunistische Ideale an die Macht gelangte. Damit hat sich das. Die Chinesen haben halt eine andere Methodologie die führende Kaste an der Macht zu halten als der Westen, die sich an den Notwendigkeiten die der Erhaltung des Kolonialreiches dienlicher sind orientiert. Dieses Kolonialreich dient als Raum fürs Volk, Rohstoffreservoir und zur Absicherung der Grenzen von China proper. Das ganze auf der Basis von Demokratie abgesichert durch die Besitzer des Pressewesens aufrechtzuerhalten wäre viel zu reibungsverlustreich um praktikabel zu sein.

    Wenn der Westen konsequent für Menschenrechte eintreten würde könnte er ja schlicht und einfach sagen, “Freiheit für Tibet, die Uiguren und Stop der Unterstützung Burmas oder wir kaufen nicht mehr”. Sollen doch die Chinesen ihre Computerplatinen und Billigsocken fressen. Wird natürlich nicht gemacht, da dem starke wirtschaftliche Interessen zuwiderlaufen. Die chinesische Regierung nimmt übrigens für die Legitimation ihres Systems auch wirtschaftliche Interessen in Anspruch. Damit wäre mal das Primat der Wirtschaft auf beiden Seiten etabliert.

    Was Menschenrechte anbelangt, diese sind für den Westen nichts anderes als ein politisches Instrumentarium zur Abgrenzung und zur Legitimation des eigenen Systems und werden wenn als notwendig erachtet argumentativ verwendet. Der Dalai Lama, zu Zeiten des kalten Krieges noch nachhaltig hofiert, wird bereits von vielen westlichen Regierungschefs ignoriert oder mit Kurztreffen abgespeist. Wenn das Selbstbestimmungsrecht der Völker für Tibeter und Uiguren gelten sollte, dann müsste man auch annehmen dürfen, dass dies beispielsweise auch für das per UN-Entscheidung – “die schwärzeste Stunde der UN”, so sinngemäss ein Vormaliger UN-Generalsekretär – in das Javanische Kolonialreich, Handelsname Indonesien, eingegliederte West-Neuguinea gelten sollte. Das stört aber keinen. Da können die dortigen eingeborenen Steinzeitneger noch so protestieren, deren Verbleib bei Indonesien dient der “Stabilität der Region”. Spanien könnte ja auch die ETA vollends delegitimieren wenn im Baskenland ein Referendum abgehalten würde. Bei Israel, das mit exakt der gleichen Motivation wie China Xinjiang, das Westjordanland kolonisiert, wird auch nicht gross protestiert (die Situation ist dort sogar formell schlimmer, da die Wohnbevölkerung, die Palästinenser, auch formell ausgegrenzt wird, während China die Uiguren formell integriert). Auch St. Obama hat das lange Zeit keiner juristischen Oberhoheit unterstehende Folter-KZ auf Guantanamo Bay (ein von Kuba abgepresstes Territorium) auch noch nicht aufgelöst und weiterhin Sitzen dort Unschuldige mehr als ein halbes Jahrzehnt ohne formelle Anklage. Wo bleibt der entschiedene Protest der Bundesregierung?

    Menschenrechte, die ja auch bei uns im Westen immer verlustiger werden, sind als nichts anderes als ein Ausdruck von westlicher Machtpolitik. Zu Zeiten des großen Ost-West-Konfliktes, als wir Leute wie Stroessner, Pinochet und Sukarno zur Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten einsetzten, hatte ich ein gewisses Restverständnis. Heute ist der Westen nurmehr schlecht unter Schlechten – ohne dafür noch Entschuldigungen anführen zu können. Lügen und Verdrehungen müssen herhalten.

    Jetzt habe ich gerade bei der Newshour with Jim Lehrer (ÖR-TV, USA, pbs.org) eine Diskussion zum Thema Uiguren mitverfolgt. Zum ausgewogenen Streitgespräch waren zwei Uiguren eingeladen. Das war dann auch schon die ganze Teilnehmerliste. Das war natürlich eine hitzige Angelegenheit. sind die Chinesen garstig, oder furchtbar garstig, Volle Freiheit oder volle Autonomie für Uiguristan (das ist kurz und einfach zu schreiben). Westliche Pressefreiheit am scheinenden Werk.

    Was Uiguristan anbelangt, was sollen wir machen? Morgen Abstimmung über Unabhängigkeit? Die Mehrheit der Bewohner würde das wohl ablehnen, die sind nämlich schon Han. Bald wird das auch in Tibet so sein, denn die neue Eisenbahnlinie wird schon für die entsprechende Umschichtung der Bevölkerungsgruppen sorgen – wie weiland bei Bleichgesichtern versus Rothäute, wahrscheinlich aber etwas zivilisierter.

    Letztendlich werden aus den Uiguren und Tibetanern im Verlauf der Jahrhunderte wohl neue Untergruppen der Han. Wir können hoffen, dass das alles mit Anstand abläuft, effektiv gibt es aber keine Einflussmöglichkeiten auf die chinesische Innenpolitik. Auswärtige Einflussnahme ist allgemein verhasst, was sich aus den leidvollen Erfahrungen Chinas mit externen Mächten in den letzten Jahrhunderten ergibt. Die Chinesen lesen ihre Geschichte zudem etwas anders als wir das im Westen tun Dies bezieht auch die kommunistische Ära mitein, die eher als erfolgreiche Re-Emanzipation denn als sonst etwas verstanden wird. Weil wir schon bei den Han sind …

    Han

    Kollege aquadraht gab hierzu einige Erläuterungen. Kurz hier mein Senf: Das Selbstverständnis der vielschichtigen Han-Völkergruppe besteht nicht darin sich als Ethnie oder Chinesen zu betrachten, sondern sieht sich vielmehr als Zivilisation schlechthin – der Ursprung und das Zentrum dessen was als Zivilisation gilt, also etwas über völkischen Aspekten stehendes. Das sich selbst so nennende Reich der Mitte sieht sich mit dem selben Selbstverständnis als Zentrum der Menschheit wie beispielsweise die Amerikaner. Darauf beruht der Zusammenhalt und das Selbstverständnis der Han – die Han sehen sich mit Nachdruck als niemanden gegenüber geringer an. Arges Reklam, aber ein Grundverständnis Chinas lässt sich wohl daraus ableiten.

    Nicht direkt verbunden mit China, aber es interessiert mich trotzdem:

    Honduras

    SF, und auch die Kollegen: Präsident Zelaya wurde, soweit ich das verstehe, vom Parlament und dem höchsten Gericht des Landes mittels Militär aus dem Amt gejagt weil er eine nicht verfassungskonforme Abstimmung durchführen wollte, mit dem Ziel, zeitgleich mit den turnusgemässen Präsidenschaftswahlen im November eine Abstimmung durchzuführen ob er eine zweite Amtszeit haben dürfe. Die Novemberwahl wäre also zur Farce verkommen. Kann mir irgendeiner erklären warum die ganze Welt ausserhalb von Honduras Zelaya wieder im Amt sehen will? Ich habe zum Thema bislang nirgendwo etwas sachliches gefunden.

  34. Franko am 8. Juli 2009 um 18:08 - - Permalink

    @33 OAlexander

    Sehr guter und realistischer Kommentar, jenseits allen ideologischen Gefasels. Danke!

  35. Gebintit am 8. Juli 2009 um 20:11 - - Permalink

    @KH

    Überall, wo sie auftauchen, entfalten sie – wenn man sie denn lässt – großen Fleiß und große Merkantilität. In Tibet, in Xinjiang, auch außerhalb in Ländern wie Malaysia. Das bringt neue Chancen für die jeweilige autochthone Bevölkerung.

    Klar, ein bisschen primitiv und materialistisch rückständig sind ja manche dieser von einer Han-Invasion beglückten Völker schon. Sie sitzen zwar auf vielen Bodenschätzen, sind aber alleine zu blöd, um diese ordentlich zu vermarkten. Statt hinab zu ihren Bodenschätzen schauen sie hinauf zu Allah oder drehen vergeistigt ihre Gebetsmühlen und machen viele Kinder, statt viel Geld. Rückständig einfach. Gut, dass ihnen geholfen wird. Ich verstehe auch nicht, warum sie so aufrührerisch sind. Undank eben.

  36. salvo am 8. Juli 2009 um 20:21 - - Permalink

    “Überall, wo sie auftauchen, entfalten sie – wenn man sie denn lässt – großen Fleiß und große Merkantilität.”

    ja, Rassismus, positiv gewendet, aber Rassismus eben

  37. Jojo am 8. Juli 2009 um 22:25 - - Permalink

    @36 “Rassismus”

    So ein Quatsch!
    Deutsche sind pünktlich, Italiener lebenslustig, Engländer sind höflich, Skandinavier trinken zuviel, Chinesen sind fleissig und Schwarze haben den Groove….
    Das sind sicher Stereotype, ist aber bestimmt kein Rassismus. Man entwertet dieses Wort, wenn man es so inflationär verwendet und verharmlost damit den wahren Rassismus, der darauf abzielt, andere Menschen als minderwertig darzustellen.

  38. salvo am 9. Juli 2009 um 09:48 - - Permalink

    und Du verharmlost Deinerseits den Rassismus, wenn Du seine Realität von seinen Erscheinungsformen, u.a. eben Setreotypen, trennst. Rassimus ist durch keine harte Grenze definiert, die man überschreiten muss, um als solcher zu gelten, sondern hat seine Realisierungsbedingungen in den Formen der alltäglichen Wahrnehmung, zB solche Stereotypen.

  39. salvo am 9. Juli 2009 um 10:12 - - Permalink

    im ‘manifesto della razza’ des italienischen Faschismus wird die italienische Rasse biologisch aus ‘physischen und psychologischen’ Merkmalen hergeleitet

    “I caratteri fisici e psicologici puramente europei degli Italiani non devono essere alterati in nessun modo. L’unione è ammissibile solo nell’ambito delle razze europee, nel quale caso non si deve parlare di vero e proprio ibridismo, dato che queste razze appartengono ad un ceppo comune e differiscono solo per alcuni caratteri, mentre sono uguali per moltissimi altri. Il carattere puramente europeo degli Italiani viene alterato dall’incrocio con qualsiasi razza extra-europea e portatrice di una civiltà diversa dalla millenaria civiltà degli ariani.”

    was sind denn diese physischen und psychologischen Merkmale anders als ‘Stereotypen’?

  40. Karl Heinrich am 9. Juli 2009 um 11:15 - - Permalink

    @fpk #32

    Ja, demokratische Zivilgesellschaft wär schon schön. Dass man auch mal einen Journalisten anrufen kann, und der berichtet dann über das, was die Behörden mit einem machen. Und man kann vor’s Verwaltungsgericht ziehen. Aber sowas kriegen die Russen ja im Grunde auch nicht gebacken. Wenigstens haben die Chinesen eine Kultur des zivilen Ungehorsams entwickelt.

    @Gebintit #35

    Das Hübsche ist ja: Der Herr Lama bestreitet die transzendentale Mittagspause für die hiesigen Yuppies, während seine jungen Leute in Lhasa darüber wütend sind, weniger Wohlstand zu haben als die Chinesen.

    @Salvo

    Du redest dummes Zeug.

  41. salvo am 9. Juli 2009 um 11:22 - - Permalink

    @40

    das mag sein, das ändert aber nichts am Umstand, dass Sie sich Stereotypen bedienen, die auf eine rassistische Gesinnung hindeuten

  42. Paolo Pinkel am 9. Juli 2009 um 14:02 - - Permalink

    VIELEN VIELEN VIELEN DANK HERR BERGER!

    Ich fasse es kaum, es gibt tatsächlich jemand der objektiv über China berichtet! Unglaublich!

    Es ist einfach grotesk, dass Ihre “China-Berichterstattung” besser ist, als all das was einem in renommierten Zeitungen wie guardian, FAZ, sueddeutsche etc aufgetischt bekommt.

    Wenn es nach mir ginge, würde ich sämtliche überregionale Zeitungen dazu zwingen, Ihre Artikel abzudrucken, damit dieser subtilen Volksverhetzung hinsichtlich China endlich Einhalt geboten wird.

    Die scheiß Mainstream-Medien in Deutschland sind schlichtweg die größten Volksverhetzer überhaupt die für die grassierende Islamo- und Sinophobie verantwortlich sind.

    Einfach mal weils passt:

    http://www.stern.de/panorama/:Sauerland-Prozess-Angeklagte-Kontakt-Islamisten-Gruppe-IJU/705789.html

    Ahhhh….es gbt diese sagenhafe “IJU” also gar nicht? Na wer hätte das gedacht…dabei hat man uns doch die schlimmsten Geschichte dazu aufgetischt.

    Nur einer hat durchgeblickt und die Lügen schon vorher aufgeklärt:

    Terrorziel Europa.Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste von Jürgen Elsässer (Die Linke)

    Ich mag die Linke wirklich nicht, aber die sind die einzige Partei die ein vernünftiges, dh. kritisches Verhältnis zu den Medien hat… .

    So…jetzt gehts mir besser ^^

  43. Gebintit am 9. Juli 2009 um 19:53 - - Permalink

    @KH

    Der Herr Lama bestreitet die transzendentale Mittagspause für die hiesigen Yuppies, während seine jungen Leute in Lhasa darüber wütend sind, weniger Wohlstand zu haben als die Chinesen.

    Ich finde, du betrachtest die Welt zu materialistisch. Mit den Argumenten, mit denen du die – diplomatisch ausgedrückt – Einmischung, der Han-Chinesen verteidigst, kannst du auch den europäischen Kolonialismus verteidigen. Was waren diese Länder rückständig, bevor wir sie beglückt haben. So begann doch die Globalisierung, der globale Sieg des Materialismus. Der militante Materialismus fordert viel mehr Opfer als der militante Islamismus! Darüber sollte man mal nachdenken!

  44. name am 9. Juli 2009 um 21:03 - - Permalink

    @43

    Das Kind heisst Kapitalismus, und Verschleierungen wie “Materialismus” täuschen nur über die Zustände, wie sie sind.

  45. Karl Heinrich am 9. Juli 2009 um 21:19 - - Permalink

    @Gebintit #43

    Ich weiß nicht, welche Opfer der “militante Materialismus” gefordert hat. Aber eins steht fest: Jeder muss seine Gebetsmühle schwingen dürfen, und seinen Hintern in die Luft recken, solange er will. Aber er darf sich dann nicht beklagen, wenn andere in der Zeit Geld verdient haben. Und das wiederum scheint mir eines der Probleme zu sein, das dem militanten Islamismus zugrunde liegt.

  46. aquadraht am 10. Juli 2009 um 03:27 - - Permalink

    @30 GR: Etwas mehr Sachlichkeit würde nicht schaden. Ich sehe weniger, dass die Chinesen egal welcher Ethnie gross “konditioniert” wären, jedenfalls nicht konditionierter als Du oder andere. Es sind Menschen mit eigenem Kopf zum Denken, auch wenn Dir die Ergebnisse dieser Denkprozesse nicht in den Kram passen. Es hat ein Geschmäcklein, wenn Du diesen Menschen das Urteilsvermögen absprichst, weil sie Deiner Ideologie nicht folgen mögen.

    Wenn Chinesen eines nicht sind, dann “Untertanen”. Es gibt wenig, was Chinesen lieber tun als Vorschriften, vor allem Verbote, zu missachten, zu ignorieren oder zu umgehen. Das fängt an mit den Rauchverboten und hört beim Strassenverkehr, dessen Regeln bestenfalls der Status unverbindlicher Empfehlungen zugebilligt wird, noch lange nicht auf.

    Das Pathos über die furchtbaren Leiden der Tibeter und Uighuren ist deplaziert. Ich zweifle, dass viele Uighuren und Tibeter in die Hassfalle der separatistischen Propaganda tappen. Und die Bevorzugung der Minderheiten ist real – sie führt auch hier und da zu Unmut. Für normale Menschen ist es eine schwerwiegendere Einschränkung, nur ein Kind zu haben als dass ein paar Vorturner der jeweils eigenen Ethnie keinen Separatstaat bilden dürfen. Mit “Schamlosigkeit” hat das nichts zu tun.

    Und bitte, mässige Deine Anschuldigungen. Wenn Du etwas anders siehst oder anders über das Bewusstsein anderer Menschen mutmasst, macht das entgegengesetzte Wertungen und Auffassungen nicht zu Unwahrheiten, weder leichtfertig noch vorsätzlich.
    Ich denke auch, dass Du mit Deiner Auffassung zu den Taiwanern danebenliegst. Die DPP ist als politische Kraft tot. Ma müsste viel falsch machen, um Ihr auf die Beine zu helfen, und er macht grad nicht viel falsch. Gewiss werden die Taiwaner ihren Status nicht preisgeben. Aber dass sie sich nicht als Chinesen fühlten, ist schlicht Humbug.

  47. aquadraht am 10. Juli 2009 um 03:59 - - Permalink

    K-H: Bitte sei auch nicht ungerecht gegenüber den Menschen aus den Minderheitengruppen. Was die Uighuren angeht, hat sich ihre Zahl durch die angeblich so völkermordende chinesische Politik gewaltig gesteigert, und bezogen auf die vorrevolutionären Zustände ist der Zuwachs an Lebenserwartung, Bildung, Hochschulabsolventen, veröffentlichter wissenschaftlicher und schöngeistiger Literatur in der Landessprache etc. erheblich eindrucksvoller gewachsen als der der chinesischen Bevölkerung allgemein.

    Und ganz am Rande: 1949 wurde Xinjiang nicht erobert wie die Mandschurei oder das Herrschaftsgebiet des Ma-Clans in Gansu und Qinghai, es wurde auch nicht wie Tibet nach einem Scharmützel ohne weitere Gewalt dem Staatsgebiet angegliedert. Vielmehr hat eine kommunistisch-sozialistisch-linksnationalistische Koalition (deren Regierung aus Clanchefs und Intellektuellen bestand) den Beitritt zur Volksrepublik (und nicht zur UdSSR) proklamiert.

    Sicher müssen solche Ausschreitungen sehr ernst genommen werden, und hier werden Politiker und Sozialwissenschaftler der VR China noch einige Aufgaben erledigen müssen. Dass die Exilszene hetzt, steht aber ausser Frage. Die Behauptungen über eine Polizei die in die Menge geschossen hätte, gleichen aufs Haar den Lügen aus Dharamsala im Vorjahr, ebenso der krampfhafte Versuch, den Pogrom in ein Massaker “Han” vs. Uighuren umzulügen.

    Nebenbei: Ich kann dieses projektive Gerede über das angebliche Sendungsbewusstsein der Chinesen nicht mehr hören. In China ist Deng Hsiao Pings Wort von Frosch im Brunnen, für den der Himmel klein sei (eine Kritik an chinazentrierter Sichtweise), immer noch eine populäre Maxime, und die Menschen schauen nach Taiwan, in den Westen und den Rest der Welt, mit Neugier und Interesse, nicht mit Sendungsbewusstsein. Sicher, das Bewusstsein, in den letzten Jahrzehnten viel erreicht zu haben, ist da, und die Wirtschaftskrise hat den Lack vom Westen etwas blättern lassen. Übrigens heisst “Guo(2)” nicht Reich, sondern Land, sonst müsste Deguo Deutschreich, Yingguo Englischreich und Taiguo Thaireich heissen. Bloss bei Faguo kommt es (im Deutschen, aber auch nur da) mal mit Frankreich zufällig hin.

  48. salvo am 10. Juli 2009 um 09:34 - - Permalink

    so, iat das denn unwahr, was etwas die monde diplomatique schreibt?

    http://blog.mondediplo.net/2009-07-07-Revolte-des-Ouigours-de-l-extreme-Ouest-chinois

  49. aquadraht am 10. Juli 2009 um 17:33 - - Permalink

    salvo: Ich finde den Beitrag zumindestens etwas oberflächlich. Ein pauschales “die Uighuren werden unterdrückt” wird der Realität nicht gerecht. Es gibt Probleme der Uighuren und Probleme mit zumindest einem Teil der Uighuren. Ich sehe allerdings nicht, dass ein wesentlicher Teil der Leute sich einem der zentralasiatischen Armenhäuser anschliessen will. Was genau abgelaufen ist, bedarf noch genauerer Untersuchung. Zum einen denke ich schon, dass da Modernisierungsverlierer ihre Hilflosigkeit gegenüber der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Dynamik abreagieren, zum Anderen sind die Exiluighuren keine Einbildung der Chinesen. Und Minderheitenpolitik ist nirgends einfach.

  50. Mynona1989 am 11. Juli 2009 um 05:39 - - Permalink

    Hallo Herr Berger,
    danke für ihre recht informativen und vor allem differenzile Beiträge, auch wenn ab und zu das Linke aus Ihnen immer hervorlugt =).
    Könnten Sie bitte mal über die allgemeinen Probleme in China schreiben, weil die meisten die lauthals “free xxx” Mitläufer haben Scheuklappen auf oder wie ein Chinese sagt “hockt wie ein Frosch im Brunnen, der denkt das Stück Himmel sei alles von der Welt”. Und die Probleme die Tibeter, Uiguren, Muis usw. betreffen ja alle Ethnien. Das größte Problem in China ist aber die Korruption. Je rangniedriger ein Beamte ist deso mehr sind sie korrupter, ich weiß nicht ob Sie es wissen, für was man alles Motivationsgeld springen lassen muss. Und da der Staat ungern zugibt, dass die “Arme” nicht lang genug sind um alle Provinzen vollkommen zu kontrollieren, gibt es halt immer die unschönen Zwischenfälle, die der Westen immer als Schuld der Zentralregierung sieht. Und um das Gesichts zu wahren, schluckt die KP lieber die Anschuldigungen runter, statt zu sagen, was Sache ist.
    Ich würde mich also sehr freuen Herr Berger, wenn Sie darüber schreiben.
    mfg ein sehr langer passiver Mitleser =)

  51. Björn am 12. Juli 2009 um 15:54 - - Permalink

    Exzellenter Beitrag! Nur den Verweis auf die Guantanomo-Häftlinge finde ich etwas weit hergeholt.

    Mein Kommentar zur Berichterstattung in der deutschen Presse:
    http://farorientalism.blogspot.com/2009/07/double-standard-oder-warum.html

  52. Lolman am 13. Juli 2009 um 18:26 - - Permalink

    Youtube hat das 1 Video entfernt. weil es zu “gewaltätig sei” wohl


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