Cervantes und die Ohnmacht der politischen Eliten
geschrieben am 15. Juli 2009 von Spiegelfechter
Mit der digitalen Revolution haben die alten Eliten ihre Deutungshoheit verloren. Für immer mehr Bürger wird das Netz mit all seinen interaktiven Kommunikationsplattformen zu einem virtuellen Raum, in dem man sich nicht nur informiert, sondern auch aktiv an der Diskussion teilnimmt. Die Zeiten, in denen sich das Volk mit der bloßen Empfängerrolle im Kommunikationsmodell zufrieden gab, sind ein für allemal vorüber. Wer heute die Deutungshoheit für sich beansprucht, muss sich der Diskussion stellen, in der diese Deutungshoheit nur allzu oft bis zur Bedeutungslosigkeit zerpflückt wird. Während die Grandseigneurs des gehobenen publizistischen Zeigefingers die Zeichen der Zeit verdrängen und in ihrem hoffnungslosen Kampf gegen die Windmühlen des Meinungspluralismus der wohlverdienten Rente entgegenstolpern, haben die meisten Verlage zumindest im Kern erkannt, dass sie sich der digitalen Revolution anpassen müssen.
Zu Ende gedacht hieße dies allerdings, die Deutungshoheit aufzugeben, denn der partizipative Journalismus lebt vom Widerspruch. Bis auf den Freitag ist allerdings „noch“ kein Verlag dazu bereit, sich dem Leser glaubhaft zu stellen. Stattdessen wird der Leser unter dem hohlen Schlagwort der Interaktivität an den virtuellen Katzentisch gesetzt, an dem er seine Narrenfreiheit in Anspruch nehmen und weitestgehend unbemerkt seine – nicht immer durchdachte – Kritik äußern kann. Der Kommentarbereich der Branchenprimi erinnert in diesem Punkt auch eher an die „Spielwiese“ (engl. Sandbox) echter Onlinemedien, in denen die Nutzer nach Herzenslust – aber abseits der offiziellen Plattform – trollen und experimentieren können. Wie lange die deutschen Branchenprimi sich mit ihrer Illusion einer Partizipation des Lesers behaupten können, ist ungewiss. Noch können sie von Glück sagen, dass keiner von ihnen aus der Reihe der Standhaften ausgeschert ist – im angloamerikanischen Bereich sieht das bereits anders aus. Nicht zuletzt durch ernstgemeinte interaktive Features wurde der britische Guardian zur meistgelesenen redaktionellen Onlinezeitung im Netz.
Die digitale Revolution hat allerdings nicht nur das Selbstverständnis der Verlage unterminiert, auch die Politik fängt langsam zu ahnen an, welche Gefährdung für sie im digitalen Orkus lauert. Das System der repräsentativen Parteiendemokratie, das in der alten Bundesrepublik durchaus als Erfolgsgeschichte gelten konnte, befindet sich in einer Sackgasse. Sei es der Mangel an glaubhaften Alternativen in der Politik, die Machtlosigkeit des Einzelnen in einem starren System oder die selbstreferenzielle Darstellung der Politik durch die politischen Eliten – der Bürger fühlt sich in einem immer stärker werdenden Maße nicht mehr von der Politik repräsentiert. Damit verliert die repräsentative Demokratie ihre Legitimation ihrer Herrschaft. Die offene Partizipation ist Kern der digitalen Revolution, und eine immer größer werdende Zahl aktiver „Netzbewohner“ will es nicht wahrhaben, dass es in der realen Politik keine realistische Möglichkeit der Mitbestimmung gibt. Die immer größer werdende Zahl von Onlinepetitionen, die mehr als 50.000 Zeichner erreichen können, ist ein erstes Anzeichen dieses konstruktiven Aufbegehrens. Der Wunsch nach Partizipation ist eine Büchse der Pandora – ein Zurück gibt es nicht mehr.
Das Thema, wie die repräsentative Demokratie auf diese „neuen Zeiten“ reagieren muss, ohne ihre Legitimation zu verlieren und ohne Machtbefugnisse abzugeben, ist bereits seit längerer Zeit Inhalt der Arbeit politischer Berater. Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist dieses Thema mittlerweile angekommen. Die DGAP ist einer der größten deutschen Think-Tanks, dem neben den üblichen Verdächtigen aus der Politik auch die üblichen Verdächtigen aus dem Umfeld der Politikberatung angehören – z.B. Roland Berger, Horst Teltschik, Michael Rogowski oder Friede Springer. Finanziert wird der Think-Tank vom Who is Who der deutschen Rüstungsindustrie und dem Auswärtigen Amt. In der aktuellen Ausgabe der DGAP-Zeitschrift „Internationale Politik“ widmen sich die politischen Berater Jan-Friedrich Kallmorgen und Johannes Bohnen vom Think-Tank „Transatlantische Initiative“ dieser Thematik. Ihr Aufsatz „Wie Web 2.0 die Politik verändert“ ist eine Anleitung für die politische Elite, wie sie in Zeiten der digitalen Revolution ihre Deutungs- und Gestaltungshoheit verteidigen kann.
Der Ausgangsanalyse der beiden Autoren wird man schwerlich widersprechen können – Staat und Politik werden sich auf den Wandel im Kommunikationsverhalten einstellen müssen, wenn sie ihre Handlungsfreiheit bewahren wollen. Als Ziel geben sie vor, die repräsentative Demokratie nicht schwächen, sondern sie weiterentwickeln und stärken zu wollen. Der König ist tot, es lebe der König – bereits in der Formulierung der Zielsetzung offenbaren die Autoren, worum es ihnen eigentlich geht. Wer ernsthaft partizipative Elemente in die repräsentative Demokratie einführen will, schwächt sie per se, auch wenn er die Basis ihrer Legitimation unberührt lässt. Mehr Bürgerdemokratie heißt immer weniger Parteiendemokratie und weniger Einfluss für die milliardenschwere Politikberaterbranche. Mehr Bürgerdemokratie wollen die Autoren eigentlich auch gar nicht, es geht ihnen vielmehr darum, der Politik durch eine Einbindung des Web 2.0 eine höhere Legitimation zu verschaffen, um „Politik- und Demokratieverdrossenheit entgegenzuwirken“.
So richtig die Analyse der Autoren, so fragwürdig sind deren konkrete Handlungsempfehlungen. Am Beispiel der Kaffeehauskette Starbucks erläutern die Autoren ihren Lesern, die schwerpunktmäßig in der politischen Elite zu verorten sind, wie man den Kunden zum aktiven Ideengeber macht, um die Dienstleistung am Kunden zu perfektionieren. Kaffee verkaufen und Politik zu gestalten sind aber im Idealfall zwei unterschiedliche Dinge. Der Vergleich lässt jedoch bereits auf das Politikverständnis der Autoren schließen. Das Volk ist der Souverän, die Politik hat dem Volke zu dienen und ihm nicht kalten Kaffee zu verkaufen. Politische PR und Marketing haben sich allerdings in den letzten Jahren so sehr angeglichen, dass es keinen allzu großen Unterschied mehr macht, ob man nun Damenbinden oder den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr verkauft – was zählt ist nicht das Produkt, sondern die Illusion vom Produkt. Ein Werber verkauft keine Damenbinden, sondern das Gefühl von Freiheit – ebenso wie der politische Spindoctor, dessen Produkt der Krieg in Afghanistan ist.
Starbucks hat natürlich kein Interesse daran, dass ein Nutzer auf den Internetseiten des Kaffeehauses die preiswertere Konkurrenz preist oder eine Reportage über die Arbeitsbedingungen auf den Kaffeeplantagen der Starbucks-Lieferanten einstellt. Ebenso wenig hat ein transatlantischer Think-Tank oder die deutsche Regierungspolitik daran Interesse, gute Argumente gegen den Afghanistan-Krieg im Netz zu kommunizieren. Es geht daher auch nicht um den offenen Dialog und die Mitbestimmung der Bürger, sondern darum, die eigenen Argumente unter dem Deckmäntelchen der Partizipation besser zu kommunizieren.
Ihre Strategie beschreiben die Autoren folgendermaßen:
Erforderlich sind Sinn für politische Kommunikation und Agenda-Setting, professionell organisierte Netzwerke und Datenbanken, erstklassiges Marketing, ein Gespür für die Zielgruppe und nicht zuletzt eine solide Finanzierung.
Solche Politikplattformen gab es bereits – zum Beispiel das in Horst Teltschiks Dunstkreis entstandene Portal Trupoli. Man mag zwar darüber streiten, ob Trupoli mit erstklassigem Marketing ein Erfolg hätte werden können – die Zielgruppe hat jedoch ihrerseits ein feines Gespür für den Versuch, Meinungen zu lenken. Die Autoren setzen den Fokus hingegen auf die Außen- und Sicherheitspolitik – schließlich arbeitet ihr Think-Tank auch auf diesem Feld. Da verwundert es nicht, dass sie bei den Vorschlägen zur Realisierung dann auch ihre eigene Branche ins Spiel bringen:
Sind diese Bedingungen gegeben, lassen sich mit Hilfe von themenspezifischen Web 2.0-Communities, Wikis, Videokonferenzen und strukturierten Diskussionen Ideen und Argumente von Bürgern sammeln. Um sie für die Politik nutzen zu können, müssen diese Informationen aufbereitet und verdichtet werden. Dies erfordert eine intensive Betreuung. Schließlich braucht Politik – vor allem die ausführende Arbeits- und Beamtenebene – keine der zahlreichen Online-Foren, die unstrukturiert jeden über alles schreiben lassen, sondern lesbare, präzise Handlungsvorschläge und Empfehlungen von Bürgern, die im Idealfall mit Expertenwissen angereichert werden.
Gefilterte Meinungen liegen der Politik allerdings bereits zuhauf vor – dies ist schließlich die Kernaufgabe politischer Berater und Lobbyisten. Um die Stimme des Netzes wahrzunehmen, muss die Politik nur aus ihrem virtuellen Fenster blicken. Das Netz ist beispielsweise mit überwältigender Mehrheit gegen das Gesetz zur Filterung von Internetangeboten. Im Gesetzgebungsverfahren wurden auch Netzaktivisten gehört, zugehört hat man ihnen allerdings nicht. Es scheint eher, als wolle die Politik sich im Netz Argumente heraussuchen, mit denen sie sich verkaufen kann – das Zuhören gestaltet sich dementsprechend selektiv.
Welche Möglichkeiten stünden der Politik oder beispielsweise der Bundeskanzlerin zur Verfügung? Sie könnte neben ihrer wöchentlichen Videoansprache eine Webseite schaffen, auf der sie die Bürger um inhaltlich strukturierten Input zu ihrer Politik bittet, diesen dann von Mitarbeitern oder dem Bundespresseamt bearbeiten lässt und monatlich diskutiert.
Eine solche Plattform wäre – genau wie die Videoansprache selbst – überflüssig wie ein Kropf. Wer Partizipation auf das Niveau des Auswertens von Leserbriefen reduziert, hat entweder im Kern nicht verstanden, was Partizipation ist, oder aber er hat es nur zu gut verstanden und will dies mit aller Macht verhindern.
Worum es den Autoren eigentlich geht, verraten sie erst am Ende ihres Aufsatzes:
Die Diskussion um Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr ist ein typisches Beispiel: Deutsche Regierungen betreiben diese bis heute oft verschämt, vermeiden es von Kampfeinsätzen oder gar Gefallenen zu sprechen und scheuen offensive Überzeugungsarbeit gegenüber einer im Kern noch pazifistischen Bevölkerung. Sie fürchten, vom Wähler abgestraft zu werden. Doch dieses Wegducken ist für ein so großes Land in der Mitte Europas mit seiner besonderen historischen Verantwortung auf Dauer nicht tragbar. […] Die Bundesregierung ist daher dringend auf Verbündete im Innern, aus der organisierten Bürgergesellschaft, angewiesen, die sie konstruktiv begleitet und sich öffentlich Gehör verschafft. Es sollte daher zahlreiche Initiativen und Organisationen geben, die sich mit außenpolitischen Fragestellungen beschäftigen und die Relevanz für das Leben jedes einzelnen Bundesbürgers deutlich machen. […] Warum aber gibt es bis heute keine professionelle Kommunikationskampagne, die erklärt, was die Bundeswehr in Afghanistan alles leistet? […] In Deutschland schließlich kann eine professionell betriebene Web 2.0-Plattform auch dazu beitragen, der seit langem beschworenen Strategic Community eine zentrale Anlaufstelle zu bieten. Eine innenpolitisch aktive Bürgergesellschaft und eine erfolgreiche Plattform für eine Strategic Community – wenn das keine positiven Aussichten sind!
Dass die Autoren, deren Think-Tank sich der Stärkung transatlantischer Politik auf globaler Ebene verpflichtet fühlt, dies als positive Aussicht werten, ist verständlich. Wer allerdings glaubt, mit einem solchen Elitenspielzeug für die „Strategic Community“ auch nur einen einzigen netzaffinen Bürger hinter dem Ofen hervorzulocken, der betreibt wohl eher Nabelschau, als dass er auch nur im Ansatz verstanden hat, wie das Netz tickt. Sicher, um den eigenen Elitennachwuchs an den Universitäten auf Linie zu bringen, mag ein solches Netzwerk durchaus Sinn machen. Auch der eine oder andere ziel- und ahnungslose Journalist wird sich von den gefilterten Informationen der „Strategic Community“ beeinflussen lassen. Die Mehrheit der Bundesbürger, die dem Afghanistan-Einsatz kritisch gegenübersteht, wird sich von derart gefilterten Informationen allerdings kaum beeinflussen lassen. Wer die besseren Argumente hat, wird auch den Netzbewohner überzeugen können – egal, ob er eine solide Finanzierung der Rüstungsindustrie im Hintergrund hat oder auf private Spenden angewiesen ist. Die Medienarbeit, die auf klassische Medien ausgerichtet ist, verliert ihre Wirkmächtigkeit in den Weiten des Netzes.
Als Beweis dafür kann der Irak-Krieg herhalten. Damals gab es einen wahren Overkill an gefilterten Informationen aus den Think-Tanks der Neokonservativen und Transatlantiker. Während diese „Informationen“ vor allem von den großen US-Medien mit Begeisterung geschluckt wurden, nahm das Netz von Anfang an die Rolle der eigentlichen Opposition ein. Die Manipulationen und verdrehten Argumente der Think-Tanks wurden in der Luft zerrissen, und das einzige größere englischsprachige Medium, das sich konsequent – zusammen mit seiner Leserschaft – gegen die herrschende Meinung der Herrschenden gestellt hat, avancierte seitdem zur meistgelesenen englischsprachigen Onlinezeitung – der Guardian. Am Ende zählt nur die Wahrheit – und wer meint, sein Volk nun auch online manipulieren zu können, ist am Ende nichts anderes als ein moderner Don Quichote.
Jens Berger
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“Die Diskussion um Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr ist ein typisches Beispiel: Deutsche Regierungen betreiben diese bis heute oft verschämt, vermeiden es von Kampfeinsätzen oder gar Gefallenen zu sprechen und scheuen offensive Überzeugungsarbeit gegenüber einer im Kern noch pazifistischen Bevölkerung. Sie fürchten, vom Wähler abgestraft zu werden.”
Was soll denn das heißen, “noch pazifistische” Bevölkerung?
Deutschland, vereinigt unter einer Pickelhaube?
Schön, das der SF das thematisiert hat, kommt in den traditionellen Medien leider zu kurz, wobei es natürlich auch hier dann und wann Ausnahmen gibt.
Allerdings bin ich, trotz des Mißerfolges der Propaganda am Beispiel Irak, leider nicht so optimistisch wie der SF.
Die “Onlinecommunitynutzer” machen nur einen kleinen der Bevölkerung aus, und der Rest bekommt seine Infos durch den Flaschenhals der trad. Medien (also gefilterte, vorbereitete Meinung, Babybrei für Zurückgebliebene, wenn man so will).
Es gibt zwar durchaus Leute, die davon abweichen, aber diese sind meist schlecht organisiert. Und genau das ist das Problem:
Diese Marketingfuzzies sind verdammt gut organisiert. Und haben sehr viel Geld.
Und wenig Skrupel, wenn ich das da so lese. Diesen Leuten geht es darum, Deutschland mental fit für den nächsten Krieg zu machen. Das dabei Leute sterben, nimmt man billigend in kauf.
Trupoli ist tot: http://netzpolitik.org/2009/trupoli-tote-politik-community/
“Die “Onlinecommunitynutzer” machen nur einen kleinen der Bevölkerung aus, und der Rest bekommt seine Infos durch den Flaschenhals der trad. Medien.”
Kommt Zeit kommt Rat. Der Trend hin zur Onlinezeitung ist ja schon klar erkennbar. Sicherlich wird es noch einige Jahre wenn nicht Jahrzehnte dauern bis das Netz zum absolut dominierenden Informationsmedium wird.
Ich sehe das Problem vielmehr darin, dass der Großteil der Leserschaft sich auf ebenso manipulativen Seiten wie BILD oder SPON herumtreiben wird. Falls hier keine von den Großen Sammelbecken nachgibt und die Tore zum freien Meinungsaustausch öffnet, sehe ich hier leider keinen Großen Umschwung; zumal der Trend ja Weg von den Artikeln und hin zu den “News” geht (die sich wohl auch unterschwelliger manipulieren lassen).
“In Deutschland schließlich kann eine professionell betriebene Web 2.0-Plattform auch dazu beitragen, der seit langem beschworenen Strategic Community eine zentrale Anlaufstelle zu bieten.”
Ha, der ist gut. Wie praktisch, dass mit Daniel Dettling, dem Chef von Berlinpolis, zu den Gründern der transatlantischen Initiative auch gleich ein echter Experte für den Aufbau von professionell betriebenen Web 2.0-Plattformen gehört. ;-)
@roteweste und Max Krapp
Jaaa, aber darum geht es (mir und den beiden Autoren) ja auch nicht. Es geht darum, ob und wie man den Netzaktivismus im Web 2.0 manipulieren, kontrollieren und vereinnahmen kann. Hier sehe ich keine Chance für die Politikberater. Wenn, dann kommt so etwas von innen -> Beispiel “Die Grünen”
Ich behaupte, daß das Hauptproblem beider Seiten jene schwer abzuschätzende, aber gewaltige Masse von Menschen bleibt, die sich unterm Strich schlichtweg überhaupt nicht informieren, die sich dann innerhalb einer Viertelstunde entscheiden, wen- und wessen Position- sie ankreuzen, wenn sie sich zum Beispiel in eine Wahlkabine verirren… und das tun sie dann merkwürdigerweise, je wichtiger die Wahl, doch in großer Zahl.
Welche minimalen Impulse faktisch Mehrheiten und Niederlagen generieren, kann letztlich niemand mehr abschätzen, nicht Parteistrategen, nicht Demoskopen, und auch nicht die Marketingkaste. Das sie alle miteinander dennoch den Eindruck erwecken wollen, ist aus Gründen der Existenzsicherung wohl leicht nachvollziehbar. Die Netzgesellschaft wird in diesem Zusammenhang grandios überschätzt- optimistisch geschätzt treiben sich 5 Prozent der Kundschaft tatsächlich in Portalen herum, die im weitesten Sinne ihrer Meinungsbildung dienen- der Rest sucht die Liebe fürs Leben oder zumindest fürs kommende Wochendende…
Dass Portale, die zum “Meinungsaustausch und politischer Partizipation” (Meinungsbeeinflussung) aufgebaut werden, großen Einfluss auf schon existierend Webaffine haben würden, bezweifle ich auch. Aus dem einfachen Grund, dass “wir” recht mistrauisch sind und sehr schnell rauskommt, wer dahintersteckt. Sollten die Seiten wirklich offene Meinungen erlauben, könnte das Ganze nach hinten losgehen. Und wenn sie stark moderieren, zensieren und überwachen, werden sie im restlichen Netz zerrissen, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. Was Politik von bürgerlichen Beiträgen hält, sieht man schon an den Onlinepetitionen…
Eine deutlich leichtere und effizientere Art zu beeinflussen liegt eh in Plants. Wie sie ja schon im Einsatz sind. ( http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2009/07/pr-rat-rugt-eppa-gmbh-und-deutsche-bahn/ und ähnliches.)
“Wer heute die Deutungshoheit für sich beansprucht, muss sich der Diskussion stellen, in der diese Deutungshoheit nur allzu oft bis zur Bedeutungslosigkeit zerpflückt wird. Während die Grandseigneurs des gehobenen publizistischen Zeigefingers die Zeichen der Zeit verdrängen und in ihrem hoffnungslosen Kampf gegen die Windmühlen des Meinungspluralismus der wohlverdienten Rente entgegenstolpern,” beißt, spuckt, geifert und kratzt das gemeine Fußvolk in vollkommener Verkennung der eigenen, immer rapider schwindenden Bedeutung zum Beispiel gegen den Spiegelfechter: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/an_erlangen/
…gemeint ist vom SF wohl El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha
und sein Kampf gegen die Windmühlen.
Die wohl bekannteste Episode aus Miguel de Cervantes Roman.
Zieht man mal ab, daß genannter El ingenioso hidalgo sich todesmutig
in Gefahren stürzte um das Unrecht zu bekämpfen,
ist der Vergleich durchaus angebracht.
Ein auswegloser Kampf des gnädigen Herrns versus gnadenlose Maschine…
…der rasante technische Fortschritt trieb damals den Machtverlust der Aristokratie voran.
…vom “ingenioso” werden auch nur “Ritter der traurigen Gestalt” übrigbleiben!
Es bleibt abzuwarten wie wacker unsere wie Schimmelpilze
auftauchende “higalgos”[selbsternannten Eliten] den “blutigen Kampf”
gegen rotweingefüllte Schläuche gestalten, der “Helm des Mambrin”
sei ihnen gegönnt…
un hidalgo de los de lanza en astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor
…als solche kehren sie übel zugerichtet auf dem Ochsenkarren in ihr Heim zurück!
Zitat:
Bis zu einem gewissen Grad werden sich moderne Nationalstaaten durch ihre
Verteidigungsmethoden selbst dezentralisieren müssen und damit unter Umständen
auch die Gefahr eingehen, ihr eigenes Gewaltmonopol zu unterminieren.
Klar ist jedoch: Eine technologische Revolution, die diese Phänomene
hervorgebracht hat und sie stärkt, ist nicht aufzuhalten.
Quelle:
Ebenfalls auf iPolticis[s.o.SF-Link] ein Beitrag von Jakub Grygiel
“Der Reiz der Staatenlosigkeit”
…hmmm Deutschland im [Internet???] Mittelalter! [s. Zensursula]
Oh, wie mir dieser Artikel aus der Seele schreit! Danke! Dazu ergänzend möchte ich einfach einmal eine kleine Wutmail hier reinstellen, die ich zufällig eben (vor der Lektüre hier) an die Tagesschau und SPON geschickt hab…
Hallo,
was ist los? Mainstreammedien? Aufwachen! Hat irgendjemand mitbekommen was die gute Frau von der Leyen im Moment abzieht? Mal ganz von ihrem Gehabe was den Umgang mit anderen Menschen und Ideen abgesehen, hat irgendjemand in der “Redaktion” eures Rundfunkhauses mitbekommen, in welcher Art und Wiese das Familienministerium im Moment mit Indien umgeht? Nur als kleines Beispiel. Mit welcher Art auf Kritik reagiert wird? Um irgendwie das zum Glück leicht ins straucheln gekommene Zugangserschwernissgesetz zu begründen? Macht das keinen stutzig? Ist das keine Meldung wert? Hallo? Ich als Staatsbürger habe eine scheiss-wut im Bauch wenn ich das verfolge! Bzw. wenn ich sehe das NICHTS kommt. Und heute berichtet ihr über Kasachsten, dort werden Blogs gesperrt. JA, verdammt! Und morgen auch hier!
Also: Schämt euch nicht, Blogs als Quellen anzugeben (oder überhauptmal zitierwürdige Quellen auch zu verlinken) Kommentare zulassen. Investigativ mal die Wortblasen anderer hinterfragen. DAS sind demokratische Medien wie ich sie verdammt nochmal in der Schule kennengelernt habe! Mir kommt das kotzen wenn ich sehe mit welcher Arroganz das Grundgesetz vergewaltigt wird. 134000 und keine Reaktion. Ein kurzer Bericht in der Tagesschau — ist das euer Ernst?
Oder gab es einen Maulkorb aus Berlin? Vielleicht nur indirekt, aber totales Schweigen in so fundamentalen Fragen? Und dann zwei Wochen über Michael Jackson berichten… Einschaltquoten sind nichts wert! Leute, ihr seit dabei euch selbst abzuschaffen, merkt ihr das nicht? Welcher junger interessierte Mensch informiert sich heute bei der Tagesschau oder dem Spiegel, wenn er mehr als DPA-Meldungen haben will? Und welcher im freien Internet?
Um euch nicht zu viel Arbeit bei der Recherche zuzumuten, hier vielleicht ein Stichwortlieferant. Das verdammte deutsche Netzdorf ist am Kochen! Habt nicht irgendeinen Praktikanten, der weis wie man euch das Internet ausdruckt? Na macht was ihr wollt. Von mir aus sterbt… euch vermisst in 50 Jahren niemand.
Mit allerfreundlichsten verfickten Grüßen
$SOME_NAME
Könnte vielleicht zur Erhellung beitragen, das just gerade eben auf tagesschau ein vdL-Text verlinkt wurde. Genau diese Art der ungeprüften Propaganda, welche keine 10 Minuten bei aktiven Kommentarbereich überleben würde…
Eine interessante Analyse, die Defizite traditioneller Medien geistreich seziert; vielen Dank dafür.
Dennoch stößt mir sauer auf, wie hier und in anderen Artikeln und Kommentaren im Gewand des Online-Revolutionärs dichotomisch geschieden wird zwischen einerseits den klassischen Medien, die in elitärer Manier ihren Lesern den wirklich partizipativen Dialog verweigern, sowie Think Tanks, die interessgeleitet ein ihnen genehmes Bild der Wirklichkeit zu zeichnen suchen, bestrebt “den eigenen Elitennachwuchs an den Universitäten auf Linie zu bringen”. Und andererseits der partizipativen Online-Welt, die ihren Lesern nun endlich, nach Jahren der Dunkelheit, die Fackel der Aufklärung darbringt, auf dass sie erleuchtet werden.
Die hier und auch anderorts zu beobachtende Tendenz, den klassischen Meinungsführern die notwendige Objektivität abzusprechen und sie im Umkehrschluss für sich zu reklamieren, liefert gerade nicht das “ganze Bild”, sondern ist nur eine alternative Variante einer Beengtheit des eigenen Horizonts.
Nicht Abgrenzung, sondern produktive Durchdringung sollte das Leitbild der Zukunft sein – dies gilt jedoch nicht nur für die klassischen Meinungsführer und ihre Organe, sondern ebenso für jene, die sich für deren Reform einsetzen.
Ein Mitleser
@ SF
Eine Vereinnahmung erfolgt einfach über den Mechanismus der Kommerzialisierung.
Die entsprechende Subkultur wird genutzt, ihre Symbole verkommen zu Inhaltslosen Karrikaturen.
Wie funktioniert sowas?
Naja, es gibt in jeder Subkultur (Und das sind auch die “Pädokriminellen im Internet”) einige, die der Meinung sind, so lasse sich doch Geld verdienen.
Sobald sie Investoren davon überzeugt haben, wird der Markt mit professionellen, aber letztlich Inhaltslosen, auf Mainstream getrimmten Produkten überflutet.
Die Politiker müssen letztlich nicht viel selber tun, um diese Subkultur zu erledigen.
Das mag dem einen oder anderen jetzt zu sehr nach Musik (Jazz, Rock`n Roll) oder Mode (Gothic) klingen, ist aber m.E. auch hier anwendbar. Natürlich sind Besonderheiten zu beachten, kein Zweifel. ABer wenn man sich jetzt ansieht, dass immer mehr Leute versuchen, mit Blogs professionell Geld zu verdienen, dann kann man sich die Zukunft ausmalen.
Blogger, die sich die Mühe einer unabhängigen, sauberen und lesenswerten Recherche machen, sowie Du z.B., werden immer in der Minderheit bleiben.
Wenn wir ehrlich sind, dann wollen die meisten Menschen, auch einige “Communitynutzer”, einfach nicht zu viel denken.
Die Analyse deinerseits teile ich, wahrscheinlich ist eine so direkte und offene Beeinflussung der erwähnten Gruppe nicht so einfach.
Aber der oben erwähnte Mechanismus wird schon das Ganze erledigen.
War es das, was du mit “Wenn, dann kommt so etwas von innen -> Beispiel “Die Grünen”” meintest?
Das ist leider nicht unglaublich:
“Die Diskussion um Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr ist ein typisches Beispiel: Deutsche Regierungen betreiben diese bis heute oft verschämt, vermeiden es von Kampfeinsätzen oder gar Gefallenen zu sprechen und scheuen offensive Überzeugungsarbeit gegenüber einer im Kern noch pazifistischen Bevölkerung. Sie fürchten, vom Wähler abgestraft zu werden.”
Die Demokratie steht sozusagen Kopf. Der Souverän wählt die Ziele und die Volksvertreter haben diese umsetzen: daraus wird nun ,,Irgendjemand setzt die Ziele und professionelles Politikmanagement sorgt dann dafür dass die Volksvertreter nicht wegen Vertragsbruch belangt werden”. Der Wähler wollte keinen Krieg. Also muß er ,,umgefummelt” werden. Das muss man, sagen die Autoren, können. Durch Web 2.0 haben sich die Anforderungen daran erhöht. Das Umfummeln kostet jetzt mehr weil man qualifizierteres Personal dafür braucht.
Der angesprochene Artikel ist deshalb auch nicht anders zu lesen als eine Art Bewerbungsschreiben der Autoren.
Bei einem anderen, aber vergleichbaren Gegenstand liest sich das so:
http://www.weissgarnix.de/2009/07/14/bitte-lieber-opel-betriebsrat/#comments
, Beitrag 41.
Dass die Mainstream-Medien unisono, aber schön arbeitsteilig organisiert Guttenberg hochschreiben setze ich als bekannt voraus. Wenn das, was ,,Hans~Gottlieb” dort in Beitrag 42 andeutet, stimmt sind wir mitten in einer Schmierenkomödie dieser neuen Art von Politikvermittlung. Ein Pleite gegangener US-Konzern will seine deutsche Filiale behalten, hat aber kein Geld dafür. Also soll der deutsche Steuerzahler ihm aushelfen. Dafür muß man erst eine neue Figur aufbauen bzw. sie erst jetzt an die Oberfläche bringen, nachdem man sie jahrelang unter der Decke als Young Leader hochgepäppelt hat.
Denn sie muß die realen Abläufe sorgfältig verschleiern. Schließlich ist Wahlkampf und eine kritische Menge an Wählern könnte falsch, also links, wählen und zuviel Sand ins Getriebe bringen.
Ja, wir brauchen die digitale Revolution. Weil wir im Ancien Regime die Medien an die Milliardäre verloren haben und als Gesellschaft zur Zeit nicht mehr mit uns selbst sprechen können. Von diesem Versuch werden uns auch diese Betrüger nicht abhalten, die darüber räsonnieren, wie man der ,,…im Kern noch pazifistischen Bevölkerung…” einen Krieg verkaufen kann.
@9 nescio quis
Todesmutig sind “unsere” Transatlantiker zwar nicht, aber ich bun mir sehr sicher, dass auch sie davon überteugt sind, das Unrecht bekämpfen. Moralismus und Sendungsbewustsein haben wahrscheinlich zu ebenso vielen Kriegen geführt, wie Habgier.
Auch – aber vor allem beendete die erste Medienrevolution (die Erfindung des Buchdrucks) die Wissens- und Meinungshoheit der kath. Kirche. Die Folgen sind bekannt.
@Ein Mitleser
… das ist mir zu pathetisch. Ich bin kein Revolutionär, nutze allerdings die Werkzeuge, die die digitale Revolution hervorbrachte …
Nein – darum geht es mir auch eigentlich nicht. Die digitale Revolution ist in erser Line ein technisches Phänomen (wie die Erfindung des Buchdrucks), das dazu führt, dass jedermann publizieren und im öffentlichen Raum des Netzes diskutieren kann. Vorbei die Zeiten, in denen ex cathedra Wahrheiten als Monolog verkündet wurden. Heute gibt es mehr Dialog, was die “alten Hüter der Wahrheit” ihre Bedeutung nimmt.
Auch hier bin ich anderer Meinung. Objektivität gibt es (publizistisch) nicht. Jeder Bürger muss sich aus einem großen Blumenstrauß an subjektiven Wahrheiten seine eigenen Wahrheit bilden. Wenn dieser Blumenstrauß allerdings nur aus gelben Nelken besteht, wird die Wahrheit des Lesers auch in Form einer gelben Nelke daherkommen. Die Unterschiede im Mainstream sind nun einmal nicht so groß. Wenn der Blumenstrauß nun aber mit roten Rosen, schwarzen Tulpen, braunen Astern und Butterblümchen angereichert wird, zieht der Leser nun einmal nicht nur gelbe Nelken für sich heraus.
@Max Krapp
Im weitesten Sinne ja. Eine Partei, die sich bei ihrer Gründung Pazifizmus und den Austritt aus der NATO auf die Fahnen geschrieben hat – und damit den politischen Willen eines signifikanten Teils der Bevölkerung repräsentiert hat -, ist im System angekommen. Das betrifft die Politiker und(!) die alte Zielgruppe. Heute sitzen Özdemir und Co. bei den Transatlantikern, rechtfertigen Angriffskriege der NATO (Kosovo) und haben sich vom Pazifismus schon lange verabschiedet. Wie konnte es so weit kommen? Ich schaue mit schon lange Parteitage der Grünen an, dort gibt es Basisdemokratie. Aber am Ende setzt sich meist unter dem Argument der Realpolitik und des Pragmatismus eine Linie durch, die mit den eigentlichen Kerninhalten grüner Politik nichts mehr zu tun hat.
Wenn das Netz sich erst emanzipiert hat, könnte es zu einer ähnlichen Entwicklung kommen. Einjeder geht mit Verantwortung anders um und viele entscheiden in einer Position der Verantwortung anders, als sie es als Oppositionelle ohne Verantwortung tun würden.
Im Kern ist es immer die Angst vor dem Kontrollverlust, welche die massive Netzphobie unserer Funktionseliten befeuert. Die Angst ist wiederum ein bekannt schlechter Ratgeber. Auch ihre gleichfalls angsterfüllten Ratgeber würden durch das Netz dysfunktional und einkommenslos – (‘wer das Netz als Ratgeber hat, braucht keine ‘Öchsperten’ mehr’) – daher geben auch diese verängstigten Ratgeber schlechte Ratschläge, um wenigstens ein gutes Einkommen zu erzielen. So oder so ähnlich hängt das zusammen. Vermutlich werden sie von der Entwicklung einfach hinweggefegt werden …
eine immanente und daher allzu optimistische Betrachtungsweise: ich versuche mal in Stichworten einige Punkte zu sammeln:
wenn man von ‘Partizipation’ redet, muss man sich darüber im Klaren sein, was damit gemeint ist: Ist damit lediglich Partizipation am Prozess der Meinungsbildung, Partizipation an der Teilhabe an den Mitteln zur Verbreitung der eigenen Meinung, Partizipation an der politischen Entscheidungsfindung gemeint? ist damit alles zusammen gameint?
Zunächst einmal hat die so genannte technische Revolution, die zum “Web’ geführt hat, nichts Anderes getan, als für eine breite Masse (dennoch nicht allgemein) die Schwelle zur Informationsgewinnung, Meinungsbildung, Informations- und Meinungsverbreitung zu senken, das Monopol der etabilierten kommerziellen und staatlich-rechtlichen Organe der Meinungsbildung über Telekommunikation beseitigt. Sie schafft also die materiellen Möglichkeiten für eine Öffnung des Zugangs zu den Informations- und Kommunikationsmitteln. Daraus ergeben sich fragen: Bewußtseinsbildung geschieht nicht nur auf der Ebene der telekommunikativen Mittel. Zu Grunde legend sind mE immer noch die lokalen Erfahrungs- und Erlebniswelten, die direkten Sozialisations- und Identifikationsprozesse, die materiellen Interessenlagen. Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen diesen unmittelbaren Prozessen und den im virtuellen Raum stattfindenden. Wie wirken sich beide aufeinander aus? Unter der Annahme, dass der Primat immer noch der materiellen Ebene zukommt, stellt sich die Frage, ob die virtuelle nur ein Reflex der auf der materiellen stattfindenden sozialen Konflikte und Kämpfe ist? Was bedeutet aber auf dieser Grundlage ‘Partizipation’? Auf der materiellen Ebene partizipiert man an sozialen Kämpfen, bewußt oder unbewußt, im eigenen Interesse oder im fremdbestimmten, die Grenzen mögen diffus und schwer sichtbar gemacht sein, sind aber klar gezogen. Herrschaft geht es darum, die eigenen Interessen als die allgemeinen erscheinen zu lassen. Gibt es auf der materiellen Ebene eine andere Art von Partizipation jenseits interessengeleiteter sozialer Kämpfe? Keine echte, jedenfalls keine gleichberechtigte. Weder an der politischen Entscheidungsbildung noch an der ökonomischen, weder am Zugang zu den materiellen Bedingungen individueller Selbstverwirklichung noch am Markt, wo allein Marktmacht über den individuellen Zugang und Erfolg entscheidet. Wie sieht aber die Idee der Partizipation im Web aus: Ideell partizipieren die Inviduen, die einen Zugang dazu haben, gleichberechtigt an der Ressource ‘Web’, an den realen Mächten vorbei, die über die materielle Wirklichkeit herrschen. Einen emanzipatorischen Ansatz hat das ja, die Frage bleibt aber, ob der Partizipierende sich dessen bewußt ist und wenn ja, was er daraus macht: Wenn er in den virtuellen Raum lediglich in eine virtuelle Existenz flieht, unvermittelt mit der materiellen, wird aus der virtuellen ‘Partizipation’ bestenfalls eine simulativ-emanzipatorische, schlimmestenfalls eine Reproduktion der realen Machtverhältnisse durch die Vermarktung der eigenen virtuellen Existenz.
Sehr gute Darstellung Salvo!
Es gab vor Jahren mal einen sehr guten Artikel zur Geschichte, Entstehung und zum Ende, des Radios bei telepolis, bei dem der Vergleich dieser Entwicklung analog zum Web gezogen wurde. Diese Auffassung würde ich auch teilen.
Guter Artikel, der auch kenntlich macht, dass die Klassengesellschaft im Web längst angekommen, und nach diesen Kriterien auch ausdifferenziert ist.
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,635536,00.html
Dein Artikel ist auch wieder sehr gut Jens, nur glaube ich, die Kontrollanalysen mit ihrem Empfehlungen beziehen sich im Kern eine ganz spezielle Zielgruppe von Webnutzern. Um diese wird der Meinungskampf und deren Meinungsbildung geführt.
@Spiegelfechter
Schöne Metapher und ich stimme voll zu!
“Auch hier bin ich anderer Meinung. Objektivität gibt es (publizistisch) nicht. Jeder Bürger muss sich aus einem großen Blumenstrauß an subjektiven Wahrheiten seine eigenen Wahrheit bilden. Wenn dieser Blumenstrauß allerdings nur aus gelben Nelken besteht, wird die Wahrheit des Lesers auch in Form einer gelben Nelke daherkommen. Die Unterschiede im Mainstream sind nun einmal nicht so groß. Wenn der Blumenstrauß nun aber mit roten Rosen, schwarzen Tulpen, braunen Astern und Butterblümchen angereichert wird, zieht der Leser nun einmal nicht nur gelbe Nelken für sich heraus.”
Hier ist eine tolle Seite zum Thema, quasi ne “schwarze Tulpe” der Meinungsbildung:).
http://www.medialens.org/alerts/09/090615_the_guardian_climate.php
Toller Artikel zum Wesen von corporations.
Moin,
wenn ich schon “think tank” höre, geht mir ein Messer in der Tasche auf, bei der DGAP ein besonders großes. Da sind Leute drin, deren Geschichte ziemlich unappetitlich ist. DIE haben einfach nicht begriffen, das Manipulationen im Netz fürchterlich nach hinten losgehen können. Da sich das Internet nicht vollständig kontrollieren läßt, wird das auch passieren. Auf der einen Seite wollen SIE im Inland so einwirken, das SIE die Verhältnisse bewahren. Auf der anderen wollen SIE im Ausland missliebige(BÖSE) Systeme destabilisieren. Solch hanebüchenen feuchten Weltherrschaftsträume erinnern irgendwie an “Pinky und der Brain”. Die gehen grundsätzlich auch so aus, leider in der Realität mit sehr viel Leid für sehr viele Menschen. Wenn wir eine funktionierende 3.Gewalt hätten, wären SIE weggesperrt. Wenn wir nicht eine korrumpierte “4.Gewalt” hätten, würde auch jeder verstehen warum SIE weggesperrt wären. Die “4.Gewalt” übt sich dagegen in üblen Wortspielereien(“soziale Synchronisation”), um die Agitation und Propaganda zu verschleiern. Das ist auch eine Art psychologischer Kriegsführung und wird Qualitätsjournalismus genannt! Mir wird grottenschlecht! http://www.google.com/search?hl=en&q=soziale+Synchronisation+Qualit%C3%A4tsjournalismus+Grotte&btnG=Search&aq=f&oq=&aqi=
Genialer Artikel Jens!
Gut, es war klar, wie Atlantikbrücke und Co. ticken (auch wenn ihnen das scheinbar selbst nicht klar ist) und daß die Politik schon lange nicht mehr in Berlin gemacht wird sondern daß Berlin samt Medien + PR nur noch eine Rechtfertigungsmaschinerie ist – aber doch immer wieder schön, wie sich das auch in den Äußerungen der “vermeintlichen Eliten” widerspiegelt.
Partizipation bei Spiegel Online und co. sieht ja so aus, daß man im verschämten Kämmerlein (nicht auffindbar durch Suchmaschinen) seinen Senf abkippen kann. Quasi eine seelische Müllhalde. Ich lese Spon schon lange nicht mehr, dazu steht zuviel Blödsinn drin und das Kommentieren kann man sich ja auch schenken.
gruß und weiter so Jens,
Frank
P.S.: Mir kam da gerade das Bild des manipulierten Manipulierers in den Sinn – oder glauben die Herren von der Atlantikkrücke bzw. DGAG wirklich, was sie da schreiben? Worauf wollen die hinaus? ‘Wollt ihr den totalen Endsieg zusammen mit der “Achse des Guten” – respektive USA samt europäischem Anhang namens GB und dazu die Rest-EU und Kanada?’
Fragen über Fragen…ich kanns trotzdem immer noch nicht glauben, daß die glauben, was die da schreiben, aber wenn sie es tun, das macht mir dann wirklich Angst..
Die meisten Menschen wissen natürlich genau, wie alles besser geht. Nämlich so, dass die lieben Mitmenschen gezwungen werden, ihnen mehr zu geben, als sie auf freiwilliger Grundlage erhalten. Zwar setzt Demokratie voraus, dass unvereinbare Meinungen friedlich koexistieren. Aber letztlich zählt ja die Mehrheit.
Daher ist es unklar, wo die vielzitierten „Eliten“ zu suchen sind. Nach dem gestern erschienenen Sozialbericht 2009 sind die Sozialausgaben in Deutschland seit 2000 um 17 Prozent gestiegen, die Gesamtwirtschaftsleitung währenddessen um 14 Prozent.
Die interessantere Frage hinsichtlich Internet-“Partizipation“ ist, ob die Schere dadurch weiter aufgehen wird, indem beispielsweise die Deutung von Sozialausgabensteigerung als “Sozialabbau” sich multipliziert.
Hallo! – Bislang habe ich die Spiegelfechter-Artikel immer nur gelesen (meistens mit Gewinn!), ohne mich an Diskussionen zu beteiligen. Das hat u. a. mit den negativen Erfahrungen zu tun, die ich im ZEIT online Forum gemacht habe, wo sachliche Argumente oftmals von unqualifizierten Meinungsinhabern absichtlich missverstanden und mit persönlichen Angriffen beantwortet wurden. Dieser Makel der neuen Webkultur, wenn ich mal so sagen darf, wurde im obigen Artikel ja auch angesprochen.
Was die im Artikel geäußerte Kritik an den Strategien der Think Tanks angeht, so ist sie sicher gerechtfertigt. Als Vorwurf greift sie dennoch zu kurz, denn die involvierten Leute tun ja nur das, was sie seit jeher getan haben (und wofür sie bezahlt werden). Die Kritik zielt darauf ab, dass diese Art PR der politischen Kultur schade, indem sie, schlagwortartig gesagt, Politik wie Waschmittel verkaufe. Allerdings kann dies nicht primär auf die heutigen Massenmedien zurückgeführt werden und demzufolge auch nicht durch eine größere Verbreitung der alternativen Webkultur (wie sie u. a. hier praktiziert wird) geändert werden.
In dieser Hinsicht war die Lektüre des Buches “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Der Terror der Intimität” von Richard Sennett für mich sehr instruktiv. Das Buch stammt aus den siebziger Jahren, also aus der digitalen Steinzeit, dennoch sind die soziologischen Einsichten und Beobachtungen auch heute noch aktuell.
Das Phänomen der Personalisierung von Politik (die dann als “Waschmittel” angepriesen wird) lässt sich nach Sennets Darstellung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Der Autor stellt diese Entwicklung am Beispiel des englischen Politikers John Wilkes (1727-1797) dar, dessen Erfolg er damit erklärt, dass er es vermochte eine abstrakte Idee, nämlich “Freiheit”, zu verkörpern. Wenn das zutrifft (und ich halte seine These für stichhaltig), dann haben wir es mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Phänomen der Moderne zu tun, das sich nicht ohne weiteres durch eine neue Kultur der reflektierten Öffentlichkeit ersetzen lässt.
Die Frage, die sich die engagierte Web-Gemeinde zu stellen hätte, wäre also die, wie sich diese Herrschaft der Images möglichst massenwirksam unterlaufen und die neue Kultur in politisches Handeln kanalisieren lässt. Dabei sollte allerdings das Beharrungsvermögen der etablierten Institutionen nicht unterschätzt werden, sonst läuft man Gefahr in unfruchtbaren Windmühlengefechten oder (bitte um Verzeihung!) Spiegelfechtereien zermürbt zu werden.
Ich habe gerade – zum ersten mal – in WELT-online versucht zu kommentieren; ein unsinniger Artikel, wie man den Reichen nciths nehmen kann, weil sie eigentlich nichts haben (obwohl BSP ständig wächst)
“Der staatliche Raubzug gegen die Mittelschicht”
http://www.welt.de/wirtschaft/article4118272/Der-staatliche-Raubzug-gegen-die-Mittelschicht.html?page=86#article_readcomments
Mein Kommentar ist nach 1 Minute verschwunden und offensichtlich bin ich jetzt für immer suspendiert. Das ist die Meinungs- und Äußerungsfreiheit nach der neoliberalen Art.
@Joerg
Vorneweg – hier wird niemand ad hominem abgekanzelt, wenn er vernünftige Argumente vorbringt. Zumindest versuche ich als Hausherr darauf zu achten, dass dies so ist und auch so bleibt ;-)
Das ist den PR-Profis nicht vorzuwerfen, die machen idT nur ihren Job. Anders sieht es da bei der Politik aus. Zu denken, es gehe primär darum Politik zu verkaufen und nicht darum Politik zu gestallten, ist m.E. ein Zeichen des Niedergangs der politischen Eliten.
PR gehörte immer zur Politik – das ist klar. Das Maß, mit dem heute Politik wie ein Geschäft betrieben wird, ist allerdings in den letzen Jahrzehnten bis ins Unerträgliche gestiegen.
Wenn Du fit in der Englischen Sprache bist, kannst Du mal nach “The century of the self” googeln, eine viertteilige BBC-Doku, die die Überschneidungen von Massenpsychologie, Public Relations, Marketing und Politik hervorragend illustriert.
Ich kenne das Buch leider nicht, vermute aber mal, dass es sich im Kern auf die gleichen Thesen wie die oben genannte BBC-Doku beruft. Ja – was Du schrebst ist richtig. Vor allem in der alten BRD war dieses Phänomen aber realtiv wenig ausgeprägt. So richtig in Fahrt kam das Polit-PR-Business in D m.W. erst in der Ära Schröder bzw. kurz davor. Die gleichen Spin-Doktoren, die Clinton und v.a. Blair zum Erfolg brachten, haben auch in D ihre Spuren gelegt und mittlerweile ist hierzulande eine eigene Politberaterbranche groß geworden. Auch das Phänomen der Think-Tanks ist in D ein relativ junges.
Richtig – zumal das Gefährliche an gut gemachter PR natürlich ist, dass man selbst nicht merkt, vereinnahmt zu werden. Da muss sich das Netz sicher emanzipieren, so dass denn überhaupt möglich ist. Vielleicht bin ich in meiner Analyse wirkliche ein wenig zu optimistisch.
@Frank Schenk
Teilweise ja, teilweise sehen sie in ihrem Zweig aber auch die alma mater, die alle füttert. Würde ich beispielsweise eine andere Position einnehmen, würde ich finanziell wohl weitaus weniger Probleme haben, anders als Freitag und TP zahlen die Publikationen der Think-Tanks m.W. geradezu fürstlich ;-)
Ja – letztendlich geht es um den globalen “Endsieg” des transatlantischen Systems.
@SF
“Ja – letztendlich geht es um den globalen “Endsieg” des transatlantischen Systems.”
Na, dann kann man doch nur hoffen das sich das transatlantische System weltweit durchsetzt! Sicher, der semidemokratische Kapitalismus als politisches System ist nicht das Paradies, aber immerhin noch besser als die Alternativen – bloße Diktatur, oder Gottesstaat.
Solange es keine besseren Alternativen gibt – und bisher sind keine in Sicht – ist das westliche System zweifellos das beste, was der Menschheit als Ganzes passieren könnte, denn es verspricht vergleichsweise viel Wohlstand und Bildung für einen Großteil der Menschen, wenn auch nicht für alle.
@Franco
Es lebe der Endsieg des transatlantischen Systems! Wohlstand für alle wie im westlichen Musterland Madagaskar. Auch die westlichen Musterländer Uganda, Kolumbien und die Philippinen mögen unsere Wohlstandswünsche beflügeln. Bildung wie in Haiti, Tschad und Indonesien muss es endlich für die ganze Menschheit geben. Das westliche System ist zweifellos das beste, was der Menschheit als Ganzes passieren könnte. Falls Du da Ironie findest, darfst du sie behalten.
Mal im Ernst: Der Wohlstand des westlichen Systems im Westen kommt daher, dass der Westen andere Länder erobert, dort Marionettenregierungen installiert, die Länder dann systematisch ausplündert und deren Ressourcen wie Öl, Gas und Arbeitskraft im Westen verkonsumiert werden. Das kann schlecht als weltweites Modell taugen. Wenn du genauer wissen möchtest, wie der Prozess funktioniert, lies mal hier: US-Imperialismus kurz erklärt
@30 Katzenfreund
“Das kann schlecht als weltweites Modell taugen”
Naja, solange es nichts Besseres gibt, muss das transatlantische System wohl als Modell taugen. Oder was würdest du vorschlagen?
Solange niemand einen besseren (realistischen!) Vorschlag hat, wünsche ich der westlichen Propagandamaschinerie, ehrlich gesagt, alles Gute.
Es ist gut, wenn man weiss, dass es sich um Propaganda handelt und es ist auch gut, wenn man weiss, wer dahintersteckt, aber da es mangels Alternativen – aus meiner Sicht – keine bessere Möglichkeit gibt, hoffe ich doch das sich die westliche Propaganda weltweit durchsetzt!
@SF #27. Vielen Dank für die Antwort! – Eben habe ich mir den Wikipedia-Eintrag zu “Century of the Self” durchgelesen. Die Dokumentation greift anscheinend vor allem die auf Freud zurückgehenden psychologischen Aspekte moderner Massenkommunikation auf. Diese Argumentation ist ja weitgehend common sense. Bereits in meiner Schulzeit in den siebziger Jahren wurde auf diese Weise etwa das Thema der Propaganda im 3. Reich abgehandelt. Sennetts soziologischer bzw. kulturhistorischer Ansatz geht m. E. noch tiefer, indem er die heutigen kritikwürdigen Phänomene in eine lange Erzählung der Moderne einbettet und “uns” auf diese Weise in reflexive Distanz zu uns selbst bringt.
Was die PR für Politiker angeht, kann ich mich persönlich daran erinnern, dass der Vorwurf der “Waschmittel-Werbung” bereits anlässlich der Wahlkämpfe am Ende der sozial-liberalen Ära erhoben wurde. Die Veränderung in späteren Zeiten (Kohl, Schröder etc.) ist dann eher quantitativer als qualitativer Natur. Möglicherweise (das kann ich von meiner Warte aus nicht ohne weiteres nachprüfen) hat das Gewerbe allerdings insofern eine neue Qualität erreicht, als es mehr in die Hände professioneller, d. h. akademisch ausgebildeter Manager übergegangen ist. Ich kann mich erinnern, dass während meiner Studienzeit neue Fächer aufkamen, die mit ihren managementorientierten Inhalten in Konkurrenz zum klassischen geisteswissenschaftlichen Studium traten (wie ich selbst es noch absolviert habe). Das war übrigens bereits vor der im Rahmen des Bologna-Prozesses implementierten Reform.
An diesen paar Stichworten erkennt man schon, dass wir es mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben, die längst in mächtigen Instituitionen materialisiert sind und sich deshalb schwerlich mit ein paar Enthüllungen über Think Tanks oder allgemeiner Politikerschelte verändern lassen. Übrigens bin ich einigen Vertretern der gescholtenen Managerkaste schon begegnet und glaube sagen zu können, dass die wirklich von dem überzeugt sind, was sie tun – schon deshalb, weil sie so gut bezahlt werden.
Trotzdem möchte ich gerne glauben, dass der hier und anderswo aufgezeigte Weg nicht chancenlos ist, und die Tatsache, dass das Web 2.0 mittlerweile von den Profis wahrgenommen wird, ist ja vielleicht ein positives Zeichen dafür. Was allerdings am Ende dabei herauskommen wird, kann sicher heute noch niemand vorhersagen.
Die Art und Weise, wie die Auseinandersetzung zwischen den Medien des Establishments und den Vertretern des Webs 2.0 geführt wird, kann einen übrigens auch nicht mehr sonderlich erschüttern, wenn man die Arbeiten eines anderen Sozialphilosophen heranzieht, ich meine Panajotis Kondylis. – Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Die Hauptfrage ist: Stellt das Internet wirklich eine revolutionäre Möglichkeit für die weitere Entwicklung der HERRSCHAFTSFREIEN Ordnung dar? Aber zuerst etwas vorweg.
Immer wieder hört man: es sind nicht (genug) „viele“ dabei. „Viele“ gab es nie. Trotzdem hat sich seit den Pharaonen vieles geändert. Und es waren immer „Ideen, und nicht erworben Rechte, von denen die Gefahr kommt, sei es zum Guten oder zum Bösen“ (Keynes). Wie sieht aber die Lage heute aus?
Seien wir ehrlich. „Wir haben eine auf das Äußerste hochentwickelte und moderne Naturwissenschaft und materielle Kultur, mannigfaltiger und weit wirksamer als je zuvor. Trotzdem sind die Einrichtungen und das soziale Denken, durch welches wir diese materielle Kultur zu kontrollieren und auszubeuten suchen, ein antiquiertes Mosaik, ein Sammelsurium aus Relikten von der Steinzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“, stellt nach dem Zweiten Weltkrieg der amerikanische Soziologiehistoriker Harry E. Barnes fest. Seitdem haben sich die Naturwissenschaften und Technologien in einem sich weiter beschleunigenden Tempo weiterentwickelt, die Regierungs- und Wirtschaftsformen, Rechtspraktiken und Erziehungssysteme sind dagegen dieselben geblieben. Der Soziologe Robert Merton hat diesen lahmen Gang der Sozialwissenschaften und ihren immer größeren Abstand zu den Naturwissenschaften mit einer gelungenen Wendung auf den Punkt gebracht: Die Sozialwissenschaften seien „noch nicht reif für ihren Einstein, weil sie noch nicht einmal ihren Kepler gefunden haben“.
Die zwei wichtigsten Megaerzählungen Marxismus und Neoklassik (== Neoliberalismus) waren nur akademische Idiotien. Wir haben also 2 Jahrhunderte des totalen Versagens der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften hinter uns. Ich bin davon überzeugt, dass erst das Internet dies ändern wird. Warum? Die Reichen können zwar viele „Intellektuelle“ kaufen (UNIs, Institute, …), aber bei weitem nicht die zahlreichen „Mittelschichtler“, die jetzt die ökonomische Krise auf die Straße treiben wird. Aus dem Faschismus, also aus der Revolution oder dem „Extremismus der Mitte“ (Seymour M. Lipset)
http://www.forum-systemfrage.de/Aufbau/ba/42d/ba42d.php?df_name=baDF40&tbch=ba&schp=neolib&ordner=42d
haben die Mittelschichten gelernt. Es wird eine neue Kommunikation zwischen den „nicht vielen“, jedoch den Fähigsten bzw. Kreativsten der Gesellschaft entstehen. Und genau das macht das Internet möglich.
Vorerst geht es deshalb noch nicht, weil die „Mittelschichtler“, ich spucke es einfach aus, ekelhaft arrogant sind. (Sie sind übersensitiv: Entweder so, wie ich es denke oder gar nicht! Wir haben vor einigen Wochen gesehen, wie ein fachlich hervorragender Mensch, durch eine ziemlich harmlose Kritik einen „Verrückten“ zu spielen begann.) Aber Not ist ein guter Lehrer. Wir lernen schon bald demokratie- und kritikfähig zu sein.
@Franko
Du fragst nach einem besseren System als das System permanenter Eroberungskriege, die systematische Ausplünderung fremder Ressourcen und die Umgestlatung der Medien zu massenhaft gleichgeschalteter Kriegspropaganda? Es fällt da, ohne in die geschichte zu gehen, eher schwer, etwas noch Übleres zu finden.
Dank der permanenten Eroberungskriege gibt es derzeit weltweit kaum mehr als noch vier nennenswerte real existierende politische Kraftzentren, die dem Kriegs- und Propagandadruck des transatlantischen Systems bisher standhalten. In deren Zentren befinden sich China, Russland, Iran und Venezuela.
Das von Venezuela ausgehende bolivarische Sytem ist dabei sicherlich das attraktivste und freieste von den USA nicht gesteuerte real existierende System. Es basiert im Kern auf der Beteiligung der Menschen an politischen Pozessen durch Wahlen, Volksabstimmungen, Verfassungs-Workshops, Meinungsfreiheit und eben auch auf Medienpartizipation.
@28 SF
…a geh wirklich? Samma Uns Ehrlich SF da war doch was heute morgen:
Die Aussicht, dass die zentralsten Fragen der Weltpolitik nicht mehr transatlantisch,
sondern transpazifisch entschieden werden könnten, lässt in den europäischen Hauptstädten
Alarmglocken schrillen.
Quelle: GFP —> Deklassierungsängste
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57578
o.t. —> Kommentar Vorschau zickt rum! …oder ist nur noch 1 “a href” erlaubt?
@Joerg
wie siehst Du Roger Siverstones Konzept der ‘mediapolis’? Wenn ich Zeit finde, werde ich ‘media and morality’ lesen
http://ijoc.org/ojs/index.php/ijoc/article/viewFile/114/53
http://corinnadigennaro.com/2009/06/02/beyond-objectivity-global-voices-and-the-future-of-journalism/#more-431
Zu 24 Karl-Heinrich:
1. Sozialabbau hat für dich nur mit der Höhe der Gesamtausgaben zu tun?
2. Durch gewisse Effekte geschieht eine massive Umverteilung von unten und mitte nach oben und gleichzeitig wächst die Zahl der Sozialtransferempfänger. Du willst nun die daraus resultierende Erhöhung der Sozialausgaben in einer Art interpretieren, die eine Reduzierung der Sozialleistungen durch mehr Sozialabbau zur Folge hat. Ich denke, eine Reduzierung der Ausgaben durch weniger Sozialtransferempfänger wäre wohl deutlich sinnvoller, zumindest wenn man das Wohlergehen der Menschen als primäres Ziel im Auge hat. Einer der nötigen Ansatzpunkt dafür wäre dann, die oben beschriebene Umverteilung umzudrehen.
@salvo #37. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Name Roger Silverstone bislang entgangen ist. Nachdem ich Dayans Essay gelesen habe (vielen Dank für den Link!), würde ich, ohne “Mediapolis” selbst zu kennen, dessen Einwänden im wesentlichen zustimmen. Vor allem der Punkt über die “proper distance” “[wich] means in fact no distance at all” scheint mir kritikwürdig. Ich musste dabei sofort an Ingeborg Bachmanns Poetikvorlesung “Ich ohne Gewähr” denken, in der sie die Antinomien des schreibenden Ichs sehr eindringlich zur Sprache bringt. Die Problematik des Verhältnisses “Ich” und “Du”, “Ich” und “Anderer” ist zu komplex (und kann, wie gerade das Beispiel Bachmann zeigt, sogar existenzgefährdende Verstrickungen zeitigen) als dass man es auf ein postmodernes Schema, wie es auch Silverstone zu benutzen scheint, herunterbrechen könnte.
Ein genereller Einwand von meiner Seite wäre, dass programmatische Theorien (und eine solche scheint mir Silverstones zu sein) generell ihr Ziel verfehlen. Nichtsdestotrotz könnte natürlich das Konzept der “Mediapolis” Aspekte beinhalten, die für die Welt des Web 2.0 durchaus fruchtbar gemacht werden könnten. Man sollte nur nicht auf den Fehler verfallen, die Theorie als Folie zu benutzen in der Erwartung, das Web könne sie verwirklichen. Das wäre in der Tat, wie Dayan schreibt, Romantik.
Ich fand die Beschreibung der gegenwärtigen Situation des Journalismus in Deutschland interessant, allerdings frage ich mich, warum du nur kritisierst und dir keine Gedanken machst, wie Online-Journalismus nach dem (voraussehbaren) Zusammenbrechen des privatwirtschaftlichen Deutungsmonopols aussehen könnte. Vielleicht durch Kommentierungen in vielen kleinen Blogs, die sich auf Spezialthemen konzentriert haben und miteinander vernetzt sind? In denen jeder sowohl Leser als auch Journalist ist (also eine Art informationeller Tauschwirtschaft)?
Kennt vielleicht jemand einen Artikel, der sich mit “Zukunftsjournalismus” auseinandersetzt?
@33 Systemfrager
…wünschenswert, greift aber zu kurz u. läßt die “vielen” außen vor.
Die aktive Teilnahme steckt noch allzusehr in ihren Kinderschuhen,
gerade hier im deutschen Sprachraum.
Unsere selbsternannten Eliten ahnen das sie ihre Deutungshoheit
am verlieren sind, es wird ihnen aber nicht gelingen das Netz zu
einem Volksempfänger um zu zensieren!
Genauso gut könnte Schäuble alle Brotmesserbesitzer präventiv in Haft
nehmen, meinetwegen kann er es versuchen und in Solingen damit anfangen.
Papptiger à la Kallmorgen&Bohnen aus diversen deutschen “DenkPanzer”n
stolpern als Web2Nullen über’s Net – für sie noch eine Scheibe!
Erschreckt erkennt man im Lichte Melinda Gates Lavalampe
[Link f.spätgeborene]
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-3468-5.html#backToArticle=329307
diverse schemenhafte Hügel namens “Youtube&Konsorten”
Wow this Twitter thingy is really causing problems!
und schon befürchtet ein Herr Roderich Egeler ein Desaster.
Ooops… selbst in Letzebuerg lacht man darüber
http://www.indymedia-letzebuerg.net/index.php?option=com_content&task=view&id=28295&Itemid=27
Deutschland im Kartoffelkeller2.0 man sieht mal wieder nur das “Böse im Internet”!
@27 SF
…Nein —> zu wenig optimistisch.
Du Frohnatur…
Anstatt sich hier in einer komplett irrationalen, gesellschaftlich wirkungslosen und romantischen Selbstbeweihräucherung im Namen der Figur eines Romans der frühen Neuzeit zu sonnen.
Schreib doch mal über die aktuelle wirtschaftliche Situation Rußlands. Verlaß deinen Elfenbeinturm und stelle dich einer immer widersprüchlichen Realität.
Es geht: http://oilwars.blogspot.com/2009/07/state-of-venezuelan-worker-2008.html
You can do much better.
Danke für den erhellenden Artikel! Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang vielleicht noch, dass Herr von Guttenberg durchaus als Günstling der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bezeichnet werden kann.
Danke für den guten Artikel Jens,
inwiefern würdest du, unter der Berücksictigung des Artikels, den Faktor der demographischen Entwicklung bewerten?
Ich hatte nämlich letzens eine tolle Diskussion mit einem Kommilitonen, dessen Hauptargument war (zusammenfassend): “Spiegel und Co. schreiben doch nur noch für die ältere Generation. Wir, also 20-25, die sich für Themen aus aller Welt interessieren, schauen doch erstmal ins Netz, auf Bloggerseiten und gehen nicht zum Kiosk, um uns dort mit der neusten deutschen Propaganda zu versorgen.”
Ich denke, er hat in diesem Sinne recht, wenn er die Behauptung aufstellt, dass das releative Alter der Konsumenten von Produkten des “seriösen Journalismus” immer älter wird.
Zweiter Punkt:
Verspielen die Massenmedien nicht ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie kritische Themen einfach ausblenden (Israel / Gaza) oder in einem “propagandistischem” Stil (Kaukasuskonflikt, Sommerinterview auf ZDF) darstellen?
Ich muss mich den bereits geäusserten Zweifel anschliessen, dass es sich bei den netz-affinen Wähler um einen winzigen Bruchteil aller Wähler handelt, den man immer noch in Promille misst. Die Piratenpartei wird nicht mal 1% der Wählerstimmen bei der Bundestagswahl erreichen. Statt dessen werden die Leyen mit noch grösseren Mehrheiten weiter regieren.
Vielen Dank für den tollen Artikel!
Politik und Mainstream-Medien scheinen noch immer nicht begriffen zu haben, dass das Netz dazu beitragen kann, sowohl Entscheidungsfindungen rationaler zu machen und zu verbessern als auch demokratische Elemente zu fördern. Die Argumente der Gegner von der Einführung von Formen und Elementen direkter Demokratie wie der fehlenden technischen Machbarkeit werden ja immer mehr ad absurdum geführt. Viele Politiker wollen diese neuen Formen der Bürgerbeteiligung nicht, fürchten, dass alt hergebrachte Eliten-, Macht-, und Herrschaftsinstitutionen aufgelöst werden.
Und auch viele Medien wollen das nicht. Die traditionellen Medien fürchten außerdem, dass ihr früheres Monopol als Nachrichtenmacher abgetragen wird und sehen die Chancen einer global und überaus schnell agierenden Wissensgemeinschaft nicht. Sie sehen, wie immer öfter aufgedeckt wird, dass ihre selbst behauptete Neutralität und Objektivität oft bloße Fassade ist.
Insofern würde ich das Thema vielleicht etwas pessimistischer sehen als dargestellt, da ich glaube, dass die Partizipationsmöglichkeiten durch das Netz leider noch eine gewisse Zeit brauchen werden, um sich gegen die Widerstände durchzusetzen.
Wenn ich all die Aktivitäten in den unterschiedlichen Foren, in denen ich mich umgesehen habe (Zeit online, Spiegel online, Telepolis, SZ online, Spiegelfechter usw.) Revue passieren lasse, dann ergibt sich für mich ein ziemlich gemischter Eindruck, der sich am ehesten mit dem Bild eines Stammtisches verbinden lässt – oder sagen wir, mit dem eines Ausflugslokals, in dem sich die unterschiedlichsten Gruppen und Grüppchen zusammenfinden, um sich lautstark über ihre jeweiligen Interessen auszutauschen. Die für mich sympathischste Gruppe ist dabei die der technik-affinen jüngeren Leute, wie sie offenbar auch hier zu finden ist, und zwar deshalb, weil in ihren Äußerungen weniger Ressentiments das tragende Element sind als vielmehr der Versuch, wirklich etwas Neues zu wagen.
Trotz dieses wohltuenden Unterschieds gibt es aber dennoch Parallelen. Die hervorstechendste ist die Tendenz zur Abschottung oder sagen wir besser: radikalen Differenzierung. Den anderen hört man nur noch so weit zu, wie es nötig ist, die eigene Meinung (oder das eigene Vorurteil) zu bestätigen. Dann arbeitet man sich in selbstbestätigender Manier an der Kritik ab und gut ist es. – Das ist genau das, was ich mit “Stammtisch” meine. Wie gesagt: Bei den anderen ist diese Tendenz stärker ausgeprägt, aber nicht, weil sie älter sind (das ist ein Vorurteil der Jüngeren) sondern weil sie stärker in die bestehende Gesellschaft eingebunden (eben: etabliert) sind.
Was ich damit sagen will ist: Dieses ganze Feld der Auseinandersetzung hat m. E. mit dem Medium nur sehr begrenzt zu tun. Wenn man einen Schritt zurücktritt, dann sieht man, dass hier dieselben Kämpfe stattfinden, die es schon immer zwischen etablierten und neuen gesellschaftlichen Gruppen gegeben hat. Die in meinem obigen Beitrag # 38 erwähnte Romantik gibt ein gutes Beispiel dafür ab. Die Zeitschrift Athenäum http://de.wikipedia.org/wiki/Athen%C3%A4um_%28Schlegel%29 war für die Brüder Schlegel, Tieck, Novalis und Konsorten vielleicht genau das, was das Web 2.0 heute für die Leute ist, die nach dem Neuen streben.
Das bedeutet nun nicht, dass das ganze Projekt ein müßiges Unterfangen wäre, im Gegenteil. Zwei Dinge sollten aber immer berücksichtigt werden:
1. Das Neue sieht umso neuer aus, je begrenzter der eigene Horizont ist (dieser Umstand kann durchaus bewirken, dass aus einer Tendenz zur Abgrenzung ein Ressentiment wird) und
2. gesellschaftliche Veränderungen finden nicht in Tagen, Wochen oder Monaten statt, sondern in Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten – und manche Dinge (siehe oben) ändern sich nie.
Endlich fand ich die Zeit diesen hervorragenden, aber etwas langen Artikel zu lesen. Sprachlich bist du wirklich virtuos, das muss ich neidlos anerkennen!
Natürlich werden zur Verdeutlichung, manche Realitäten etwas überspitzt formuliert. Eine “Dichotomie” zwischen guten Graswurzel-Blogs und bösen etablierten Mainstream-Medien gibt es so nicht, aber zweifellos ist der Informations-Blumenstrauß bunter geworden und dafür kann man nicht dankbar genug sein. Allerdings hatte auch der zu den bösen etablierten Printmedien zählende SPIEGEL nicht ganz unrecht, als er einmal im Zusammenhang mit den neuen Medien, vom Informationssmog sprach.
Die neuen Internetmedien haben bekanntlich auch ihre Schattenseiten, die alle Online-Süchtigen nur zu gut kennen. Verloren im Cyberspace. Das Lesen vieler Kommentare, z.B. in Heise-Foren, ist schlichtweg Zeitverschwendung, nüchtern betrachtet. Als informationsverarbeitendes System ist der Mensch mehr und mehr hoffnungslos überfordert.
Dennoch findet man natürlich oft schöne Blumen in dem unüberschaubarem Strauß. Gute Ideen sind – wie schon von anderen Kommentatoren bemerkt – letztlich das wertvollste, was es gibt. Gute Ideen verbreiten sich dann oft auch auf wundersame Weise, auch über die virtuellen Welten des Internets hinaus. Auch in diesem Blog fand ich schon viele Anregungen und Ideen, die mich weiter brachten und die ich in Diskussionen und Gesprächen dann an andere weitergab. Dafür an dieser Stelle mal wieder vielen Dank! Und da warme Worte zu Lebzeiten noch keinen Magen füllen oder Ofen heizen, muss ich nun doch endlich mal über meinen Schatten springen und dir mal etwas spenden!