Chinas neuer Klassenkampf
geschrieben am 02. August 2009 von Spiegelfechter
Eruption einer schwelenden Gewalt – Stahlarbeiter erschlugen in Jilin einen Manager
Arbeitskämpfe sind im modernen China nicht eben selten. Im letzten Jahr gab es keinen einzigen Tag, an dem im südchinesischen Perlflussdelta nicht mindestens ein Streik stattfand, bei dem mehr als 1.000 Menschen ihre Arbeit niederlegten. Im letzten Jahr verabschiedete die Zentralregierung in Peking gleich zwei neue Gesetzespakete für bessere Arbeitsbedingungen. Doch was nutzen die besten Gesetze, wenn sie nicht befolgt werden?
Während die Defizite bei den Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren durch den Aufschwung nicht weiter ins Gewicht fielen, herrschen mitten in der Wirtschaftskrise andere Bedingungen ? die Konkurrenz unter den Arbeitern wächst, und die Arbeiter entwickeln ein neues Klassenbewusstsein; sehr zum Missfallen der Fabrikbesitzer. Das Klima wird rauer, gewaltsame Proteste nehmen zu ? Peking ist gut damit beraten dafür zu sorgen, dass die eigenen Gesetze auch befolgt werden.
Arbeitskampf extrem
Was sich am letzten Donnerstag im nordchinesischen Jilin [extern] abspielte, war nicht weniger als Lynchmord durch einen aufgebrachten Mob. Das staatliche Tonghua-Stahlwerk sollte an einen privaten Konzern verkauft werden. Offensichtlich hat das alte Management die Geschäfte absichtlich schleifen lassen, um vom neuen Besitzer hohe Bestechungsgelder zu kassieren. Wegen dieser “Schieflage” hatten die rund 35.000 Arbeiter in den letzen Monaten nur noch verminderte Bezüge in Höhe von 20 Euro pro Monat bekommen, anstatt der üblichen 100 Euro. Bei der Geschäftsführung kam diese “Schieflage” jedoch nicht an ? sie kassierte weiterhin das üppige Salär von rund 30.000 Euro pro Monat.
Als sich bei den Arbeitern die Nachricht verbreitete, dass ihr Werk privatisiert werden soll, stürmten über 1.000 von ihnen das Werksgelände und legten die Produktion still. Die Situation geriet allerdings erst außer Kontrolle, als der designierte Geschäftsführer den Arbeitern in herablassender Weise verkündete, dass 30.000 von ihnen innerhalb von drei Tagen ihren Job verlieren würden. Der Mob fiel über den Manager her und erschlug ihn. Als sich die Nachricht am Freitag in der Stadt verbreitete, veranstalteten die Menschen ein spontanes Feuerwerk. Gegen die Rädelsführer wird nun ermittelt, aber ihr Ziel haben sie erreicht ? die Privatisierung des Tonghua-Stahlwerks ist einstweilen gestoppt.
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Arbeiter: Bezüge in Höhe von 20 Euro pro Monat, anstatt der üblichen 100 Euro
Geschäftsführung: rund 30.000 Euro pro Monat
Ganz im Ernst, wie muss man Ticken, um das nicht als eine moderne Form der Sklavenhaltung zu verstehen?
Viel Feind, viel Ehr :-)
???
… seltsame Heis[ß]e-Fankurve! (un drôle [troll] de numéro)
Weiter pranteln…
Plus quis honoratur, hostis si multiplicatur
Sehr sehr guter Artikel Jens, Danke!
China hat sozialpolitisch nur eine Chance, dem ökonomischen Verelendungszirkus nach Unten zu entgehen, wenn es in der Lage wäre, eine völlig autarke, vom Weltmarkt unabhänigige, Struktur im ökonomischen Bereich zu erschaffen.
Solange das nicht der Fall ist, und keine gesamtgesellschaftlich ökonomische Planung der Welt, mit festen sozialen und ökologischen Standards, nach Bedarf gibt, wird der ökonomischer Vorteil der Ausbeutung dieser Standards auf dem kapitalistischen Weltmarkt der Konkurrenz immer zu brutaler Gewalt und Verelendung in dem eigenen territorialen Gebiet führen.
Zynisch könnte man diesen Wettlauf darauf reduzieren: Wer am Ende übrig bleibt, hat “gewonnen”.
@nescio quis
Ach, an die lieben Trolle habe ich mich schon gewöhnt.
Sag mir, wer Dich kritisiert, und ich sage Dir, was Du richtig machst
frei nach Lenin ;-)
danke für den Post, bin jetzt ein bisschen schlauer in Bezug auf China. Ich denke es ist nicht das Einzige, was sich dort ändern muss.
@name: Die städtischen Löhne sind in China 2008 um 21% gestiegen, die Einkommensentwicklung auf dem Land und im Westen war noch besser. Als sich die Krise abzeichnete, wurden zum Jahresende die Renten und die Lehrergehälter, später auch andere Löhne des öffentlichen Diensts um 10% angehoben. Und das Stimulus-Programm, die Einführung der flächendeckenden Krankenversicherung bis Ende 2010, das Entwicklungsprogramm für den Westen und Nordwesten etc. zeigen schon, dass die chinesische Regierung die Probleme sieht und einiges unternimmt.
Heilongjiang und Jilin sind Sonderfälle, da das die älteste Industrieregion Chinas ist, andererseits ist die Bezeichnung als Rostgürtel übertrieben. Jilin ist ein Zentrum der Automobilindustrie, früher wurden hier der Jiefang und der Hongqi exklusiv gefertigt, heute gibt es eine Reihe Autofabriken, darunter auch ausländische Montagewerke. Ausserdem wird dort gezielt Hitech-Industrie angesiedelt.
Der Strukturwandel in der Stahlindustrie hat natürlich auf Grund der Krise brutal zugeschlagen. Der Vorfall zeigt auch, dass es auch unter chinesischen Managern merkbefreite Neoliberale gibt. Auch wenn ich kein Fan des Darwin Awards bin, das wäre ein Kandidat.
Was die Lohnangaben in Jens’ Artikel angeht, wundern die mich etwas. Der Mindestlohn in Beijing liegt über 1000 Yuan, in Shanghai und Shenzhen sogar über 1200. Die Fabrikarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, verdienten sämtlich um bis über 2000 Yuan, Fach- und Vorarbeiter deutlich mehr. Ich vermute mal, die tausend Kuai sind ein Ecklohn oder der Lohn angelernter Arbeiter bei Neueinstellung. Interessant wäre, ob allen der Lohn auf 200 Yuan gesenkt wurde. Dass Arbeitern der Lohn vorenthalten wird, passiert öfters und ist einer der Hauptgründe für Demonstrationen und Streiks.
Ich sehe nicht, dass China autark werden kann, muss, oder sollte. Sicher sollte der Handelsbilanzüberschuss auf mittlere Sicht überwunden werden. Derzeit hat er sich stark eingeebnet, der Zahlungsbilanzüberschuss stammt zu mehr als der Hälfte von einfliessenden “heissen Geldern”.
Die chinesische Binnenwirtschaft hat wohl noch keinen ganz selbsttragenden Aufschwung, da kommt sehr viel vom Stimulusprogramm und der Kreditausweitung (die für sich nicht verkehrt ist, aber Risiken beinhaltet). Aber auch der Konsum ist mit gut 15% weit stärker gewachsen als die Wirtschaft, es ist also keine reine Investitionskonjunktur. Und 8-8,5% Wachstum bei einem Rückgang des Aussenhandelsbeitrags zur Wirtschaft von 21%, das ist schon eine Leistung.
Neue Fehlleistungen meines besonderen Freundes und Chinabashers Jahnke gibt es hier und hier: http://www.jjahnke.net/rundbr59.html#abs http://www.jjahnke.net/gedanken47.html#wag. Bei Letzterem besonders lustig, wie er Kritik wegzensiert: http://rundbriefe.wordpress.com/2009/07/27/1405/ (Peter Wilhelm)
Ganz toll der hier http://www.jjahnke.net/rundbr59.html#spr: China ist schuld an der Kreditkrise. Nunja.Ist immer wichtig, einen Sündenbock zu haben, egal ob der mit J oder C oder K anfängt
@aquadraht
Bei den Einkommensstatistiken wäre ich sehr vorsichtig.
Jens: Klar ist Vorsicht angesagt, und sicher gibt es geschönte Daten. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch niemanden gesprochen habe, der unter 1000 Yuan verdiente, das schloss die Mädels im Hotel und die Putzkräfte im Bahnhof von Lhasa ein. Ich weiss, dass es solche Leute gibt, immerhin ist der Mindestlohn im Westen bei 700 Kuai im Monat, und Mindestlöhne werden von rabiaten Unternehmern nicht selten missachtet. Wenn jemand in Beijing oder gar Shanghai unter 1000 Yuan verdient, dann geht es ihm allerdings wirklich dreckig.
@aquadraht
Ich finde deine Ergänzungen immer sehr interessant und wichtig, und mir ist jedes “Chinabashing” völlig fremd. Ich habe große Hochachtung vor dem, was die Chinesen geschafft haben,sehe aber auch, dass sich in einigen Bereichen die Tendenz nach “Unten” aus China schon in andere Länder verlagert hat, und frage mich nur, wie die Tendenz (als globales Problem) aufzuhalten wäre.
Danke aber auf jeden Fall für deine Ergänzungen! ;)
@name: Es lag mir absolut fern, Dir Chinabashing zu unterstellen. Sorry, wenn das so rübergekommen ist. Ich finde auch Kritik an Zuständen in China völlig ok, die Chinesen kritisieren da selbst begreiflicherweise am heftigsten.
Das mit dem Chinabashing ging an die Adresse unseres Freundes Jahnke, der bei Analysen deutscher Lohndrückerei recht luzide und lesbar ist, bei seinen Ausfällen gegen die NDS schon weniger, und bei China hat er einfach nur eine irrationale Hassfixierung.
Dass er in seinem Blog nur Huldigungen zulässt, und sich bei jedem Kritiker bitter beschwert, er stehle ihm mit seinen Kommentaren wertvolle Zeit bei der Aufklärung der Welt, hat etwas Komisches. Der Mensch ist irgendwie noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen.
@aquadraht
In China kann man meines Wissens schon länger nicht mehr von einem Aufschwung reden. Die schönen Wachstumsraten werden nämlich seit ein paar Jahren von den rasant steigenden Kosten der Umweltverschmutzung aufgefressen, ja sogar überrundet.
Wenn die alte Stahlfabrik billigen Stahl produziert und die Gegend vollstinkt, müssen Tausende wegen Astma behandelt werden -> höhere Gesundheitskosten
Wenn die hypermoderne Chemiefabrik, die von kompetenten Personal gefahren wird, mal kurz den Fluß verseucht, ist das egal, da das Zeugs eh nach Rußland abfließt. Daß dummerweise dann eine Stadt mit hunderttausend Einwohnern von der Armee mit Trinkwasser versorgt werden muß, weil das Leitungswasser dem jetzt verseuchten Fluß entnommen wird, sind ebenfalls Mehrkosten.
Wenn, aus welchen Gründen auch immer, ein paar uigurische Wanderarbeiter totgeschlagen werden, deswegen Unruhen XinJiang ausbrechen, die durch Militäreinsatz *befriedet* werden müssen, sind das ebenfalls Kosten, die der Staat zu tragen hat.
Wenn eine Horde wildgewordener Tibeter die Innenstadt von Lhasa in Schutt und Asche legt, ist das zwar gut für die Wirtschaft, da ja alles wieder aufgebaut werden muß, trotzdem wurde Vermögen vernichtet und der Militäreinsatz zur *befriedung* kostet dem Staat auch Geld. Die andauernde Besetzung sowieso. Aber da ist ja Gott sei dank der Dalai Lama dran Schuld :)
Das Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit in China wurde teuer, wenn nicht sogar zu teuer erkauft.
Das mit dem Manager hatte ich in ähnlicher Form schon vor ein paar Jahren gehört. War Freitags die Firmenkasse leer und konnten keine Löhne gezahlt werden, dann hängt schon mal der Manager am Firmentor.
Sowas löst meistens ungeahnte Denkprozesse aus, zumindestens DER macht das nicht nochmal.
Jörg: Die Umweltprobleme in China sind eklatant. Aber sie sind immer mehr ein Thema, nicht nur beim Entwurf guter, aber oft missachteter Gesetze, sondern auch in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung. Du wirst keinen Chinesen finden, der nicht sagt, dass entschiedene Massnahmen gegen die Umweltverschmutzung nötig und richtig sind, auch wenn es weh tut.
Und es wird viel unternommen. Es wird noch etwas dauern, bis das entscheidend durchschlägt, aber Fortschritte sind jetzt schon wahrnehmbar. Die Probleme zu ignorieren, wäre töricht. Aber noch törichter wäre, die Anstrengungen und die Fortschritte nicht zu sehen und sich in China-Doomszenarien zu suhlen.
Wieso sind eigentlich _wegen_ der Ermordung von Wanderarbeitern in Guangdong die Pogrome in Urumqi “ausgebrochen”? Was ist naturgesetzlich daran, dass Verbrecher Menschen auf der Strasse erschlagen? Ähnliche Frage bei den Tibeterpogromen vom Vorjahr.
Ich sehe Deinen Punkt nicht. Wäre all das mit niedrigerem Wirtschaftswachstum nicht passiert? Oder willst Du erzählen, erst müsse die KP weg und ein chinesischer Jelzin an die Macht, und dann ginge, vielleicht nach hundert Milllionen verhungerten und in Bürgerkriegen umgekommenen Chinesen und einer Wirtschaft auf dem Stand von 1970 alles besser?
China,pffff…..
Wir können das besser…
http://www.planet.vaovaoweb.de/2009/07/20/wirtschaft/die-armutsindustrie/
Mlg
@ aquadraht
Ich bin so froh, jemand zu hören, der das auch kennt, worüber er schreibt, anstatt “besserwisserisch” irgendwelche Dummheiten unserer degenerierten “Eliten” zu verzapfen.
Solche “Pfeifen” müssen sich von dem Gedanken verabscheiden, dass der Westen im 21. Jahrhudnert der Welt vorspinnen wird, was zu tun ist. Was unsere “Eliten” auskotzen, glauben nur noch die westlichen Untentanen – aber auch sie allmählich nicht mehr.
Vielen Dank ;-)
Auch von mir besten Dank für den ausführlichen und gut recherchierten Artikel über ein Thema, das mich sehr interessiert!
Viele der beschriebenen Probleme kennen wir ja auch in Deutschland, z.B. die Umgehung von Mindeststandards durch die Beschäftigung von Subunternehmen. In China ist das alles eine Nummer größer und die Entwicklungen sind noch schneller.
Ein Wahnsinn ist es auf jeden Fall, wie China zur Welt-Fabrik geworden ist. Alle Produkte, die ich heute in einem Sportgeschäft in der Hand hatte, vom Kugellager für Inliner bis zu den Knieschützern, waren “Made in China”. Deshalb sind auch Artikel wie dieser so wichtig, man sollte sich doch dafür interessieren, wie die Produkte hergestellt werden, die wir hier kaufen. (Beim Frühstück stellte ich neulich fest, dass sogar die dm-Bio-Sonnenblumenkerne aus China kommen!)
Die schönsten Gesetzte nützten wenig, wenn man sie nicht einklagen kann. Um der Unruhen, von denen es jährlich zehntausende gibt, Herr zu werden wird Peking mittelfristig nicht darum herum kommen, unabhängige Gerichte einzurichten. Statt rule by law, eine wirkliche rule of law einzuführen. Das aber wird das Machmonopol der Partei gefährden und nicht zuletzt daher nicht auf viel Gegenliebe stoßen.
Und es stimmt schon, dass die schlimmsten Auswüchse von Machtmissbrauch und Korruption auf dem Land und in den Regionen stattfinden, aber Peking beugt und bricht Gesetzte eben auch, wenn nötig. Nicht das beste Vorbild für die Damen und Herren in den Provinzen. Nichts als die Wahrheit und unabhängige Urteile sind wenig willkommen, wenn es um massenhaft einstürzende Schulen in Sichuan, oder ähnliche Skandale geht, die die Legitimität der Partei selbst beschädigen könnten.
Wird interessant sein zu beobachten, wie Peking den Balanceakt weiter meistert, sich öffnen zu müssen und weniger direkte Kontrolle zu haben, um weiter wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, gleichzeitig aber die Kontrolle aufrechtzuerhalten, die nötig ist, um das Machtmonopol nicht zu verlieren.
@ fpk
Gut gebrüllt Löwe! Ich will dir jedes Wort abnehmen (fehlt mir aber der Glaube).
Jetzt aber schön der Reihe nach erzähle, was wir – in Deutschland – tun sollen und können. Jawohl! Unsere Machteliten halten sich in der Tat an die Gesetze, jawohl, die sie sich selber geschrieben haben. Wunderbar! Schön für sie! Dann sieht es so aus:
Was für unsere Schulen, Kindergarten, Straßen, Gesundheit, … gehen sollte, ging für die Steuergeschenke der Reichen. Es gibt kaum westliche Staaten, wo die ?Eliten? so gierig und rücksichtslos ganz legal auf die Kosten der Gesellschaft reich geworden sind wie in Deutschland. Und dies alles im Einklang mit den Gesetzen. Wie sagst du es? Rule of law. Einfach wunderbar! Nun sind die Steuergeschenke nicht in die Arbeitsplätze gegangen – das war schon immer nur ein dummes Gerede – sondern man hat sie Weltweit verspekuliert. Und dasselbe werden wir jetzt den Reichen zum zweiten Mal zahlen müssen. Du weißt schon: Dass was die Politiker den ?systemrelevanten? Banken nachgeschmissen haben, werden wir durch Lohnkürzungen, Sozialkürzungen und neue Steuern zurückzahlen.
Also du Löwe. Lass die Chinesen in Ruhe. Bei uns spielt die Musik. Erzähle! (Aber keinen Schwachsinn.)
@systemfrager
dir ist schon aufgefallen, dass es in dem Artikel um China geht, oder?
@ fpk (18)
Das ist mir gerade noch gelungen zu kapieren. Dass es eigentlich darum ging, im Stile unseres Qualitätsjournalismus China großkotzig zu verleumden und zu verteufeln, ist mir leider entgangen.
Ja, vielleicht bin ich zu rückständig und heimatblind, nicht ?globalisiert? und ?modern?, wenn ich immer noch nicht begriffen habe, dass unsere Freiheit am Hindukusch und unser Wohlstand in China verteidigt werden müssen.
@systemfrager
ist wohl nicht zu hoffen, dass du dich mit meinen Argumenten auseinandersetzt. Lieber ein bischen zusammenhangslos herumpöbeln. Wems gefällt …
… Sag mir, wer Dich kritisiert, und ich sage Dir, was Du richtig machst
@ fpk
Ich würde mich gern mit deinen Argumenten auseinandersetzen. Aber sag mir zumindest eins. Gemeinplätze und Pöbeleien sind doch keine Argumente. Ein Beispiel:
” … unabhängige Urteile sind wenig willkommen, wenn es um massenhaft einstürzende Schulen in Sichuan, oder ähnliche Skandale geht, die die Legitimität der Partei selbst beschädigen könnten.”
Was soll der Quatsch mit der Soße! Ich habe 2 Kinder. Weißt du wie die Schulen bei uns aussehen? (Sag nicht, in Afrika gibt es auch schlimmere.) Und bei uns stellst du die Schulen nicht gleich auf das Niveau der Legitimität des Systems. Nicht war?
@Sytemfrager
Lieber Quatsch mit Soße,
falls du es nicht mitbekommen hast – Deutschland ist weit von China, und im Gegnsatz zu mir scheinst du nicht hier zu wohnen.
Bei dem Erdbeben letztes Jahr in Sichuan sind dutzendweise Schulgebäude eingefallen wie Kartenhäuser -oder, wie es bei uns hier heißt, als wären sie aus Tofu gemacht-, während viele Nebengebäude das Beben überstanden.
Das hatte damals einen Aufschrei in ganz China verursacht. Als Vater wirst du das sicher verstehen.
An unabhängigen Untersuchungen, und einer wirklichen Aufarbeitung, was schief gelaufen ist, und wer schuld war, war jedoch weder Provinz noch Zentralregierung gelegen. Zur Rechneschaft wurde niemand gezogen. Die Eltern wurden mit nem feuchten Händedruck, ein paar Floskel und ner läppischen Entschädigung nach Hause geschickt. Gerichte nahmen keine Klagen an.
sorry ich neige zur Untertreibung. Dutzendweise ist nicht ganz korrekt. Einem Bericht des Journals Caijing zufolge (hier zu finden http://www.zonaeuropa.com/20080602_1.htm):
“A Ministry of Education official, Han Jin, told the media May 16 that 6,898 classrooms collapsed across Sichuan. Two weeks later, the publication 21st Century Business Herald reported that nearly 2 million square meters of school space had crumbled in the quake, killing 4,737 students and injuring more than 16,000.”
@ fpk
Es ist unglaublich, was du vorexerzierst:
Wen würdest du in DE verklagen, wenn ein Erdbeben alles zerstören würde? Adenauer, Schmidt, Kohl, … ?
Wer trug die Verantwortung wenn das Erdbeben die kalifornische Millionenmetropole Los Angeles erschüttert hat.
Und Hurrikan Katrina? ?Er habe offenbart, dass es auf allen Ebenen der Behörden ernsthafte Probleme bei der Bewältigung der Katastrophe gegeben habe?, sagte US-Präsident George W. Bush. Und da war?s!
Die Chinesen waren damals bestimmt überglücklich, überhaupt irgendwelche Schulen zu haben. Aber wer würde dies einem westlichen Ideologen und Heuchler erklären können?
Ich würde nicht ausschleißen, dass der Westen diese ?Klagen? in China organisiert hat, um China zu destabilisieren und – wie Russland – zu zertrampeln. In Südamerika übte man dies schon seit Jahrzehnten.
Beweise? Ich habe keine, wie du auch keine hast.
Noch mal für die ganz Langsamen. Es wurde nicht “alles zerstört”.
http://www.zonaeuropa.com/20080602_1.htm
Naja, es ist schon wahr, dass es in Sichuan bei den Schulgebäuden massive Baumängel gab. Und es hat wohl auch Versuche gegeben, da Sachen unter den Teppich zu kehren, vor allem, wo es Pfusch am Bau verbunden mit Korruption gegeben hat.
Man sollte aber eben auch sehen, dass ein grosser Teil der Schulgebäude auf dem Höhepunkt der demographischen Welle, also vor über dreissig Jahren und darauffolgend, aus dem Boden gestampft worden ist. Da wurde zum Teil eben nicht auf Erdbebensicherheit geachtet. Mir scheint es vermessen, so zu tun, als könne so etwas nur in China passieren.
Als Konsequenz sind alle Schulgebäude, nicht nur in Sichuan, sondern im ganzen Land, überprüft worden und werden viele neu gebaut.
Wenn ich eines nicht schätze, dann die Gebetsmühle, eine freie Presse nach westlichem Vorbild etc. wäre da die Lösung aller Probleme. So wie die kritische demokratische Öffentlichkeit die Finanzkrise verhindert hat, den Irakkrieg und das schlechte Wetter.
Sicher: Mehr Öffentlichkeit kann helfen, Machtmissbrauch, Korruption und Sicherheitsmängel zu verhindern – so wie bei der Bahn und der S-Bahn ..
@ aquadraht
Ich war nie in China, aber so stelle ich mir es vor. Und noch etwas (was ich viel besser kenne):
Der ?demokratische? Übergang zur Marktwirtschaft mit dem Säufer Jelzin & Chicago-Boys hat viel mehr Leben gekostet als alle Gulags von Stalin; nur da sind die Menschen einfach verschwunden, Stalin hat sie für dreckige Arbeiten in Sibirien benutzt. Die Russen fragen z.B. wo sind ein paar Millionen Männer nach der ?Revolution? verschwunden.
Deshalb ist Westen bei Russen für viele Jahrzehnte endgültig diskreditiert. Nur Kasparow und einige Narren können nichts begreifen.
@quadraht
danke. mal was mit gehalt. dass die meisten gebäude so alt waren, habe ich anders in erinnerung. da gabs einiges an neubauten drunter. scheint eine mischung aus fahrlässigkeit, unterschlagung und verschleppung durch bürokratie gegeben zu haben. im kleinen gibts das jeden Tag und kann als bedauernswerter einzelfall abgahakt werden. das beben hat den endemischen charakter des problems zum vorschein gebracht.
ich behaupte nicht, dass das nur in china passieren kann. es kann überall passieren, wo es keine feedbackmechanismen wie ne unabhängige presse, unabhängige gerichte, ne opposition etc. gibt. und klar, solche mechnismen bieten keinen absoluten schutz vor krimineller energie, fahrlässigkeit, korruption. aber eben mehr schutz.
Mein eigentlicher Punkt war ja, dass die tollsten Gestzte, von denen China mittlerweile durchaus einige hat, nicht nützen, wenn man seine Rechte nicht irgendwo einklagen kann.
Dass die KPC kein gesteigertes interesse an rechtsstaalichkeit hat, haben sie kürzlich auch wieder durch das vorgehen gegen die Anwaltsvereinigung Gongmeng deutlich gezeigt.
http://cmp.hku.hk/2009/07/30/1678/
Wie gesagt, rule by law, leider auf mittlere sicht kein rule of law.
fpk: Es gibt in China nicht nur Pfusch am Bau, sondern generell in der Produktqualität, nicht eben selten. Nur scheinen mir Deine und einiger anderer Rezepte diese Mängel nur zum Anlass zu nehmen, um in China – ich zitiere mal aus Deiner Quelle – “general elections, a private-sector military” (!!!!) und “freedom of speech” durchzusetzen. Und das wird nicht funktionieren. Mehr noch, ich empfinde es als zynisch und obszön.
Ich sehe, bei aller Begeisterung für demokratische Freiheiten, nicht, dass unsere freie Presse und demokratische Öffentlichkeit oder rule of law z.B. Eschede verhindert hätte. Und übrigens krachen auch in Hongkong Häuser wegen Pfusch ein.
@Aquadrat
häuser stürzen auf der ganzen welt ein. wie gesagt. dass reihenweise schulen umfallen, wenn nebenan vieles stehenbleibt, ist bemerkenswert.
und du glaubst also nicht, dass sich dinge hier verbessern würden, wenn die presse ungehinderter berichten könnte, wenn man den staat verklagen könnte etc.?
Was ist daran so schwer zu verstehen, und besonders was ist daran obszön und zynisch anzumerken, dass viele Dinge möglicherweise früher ans Licht kämen, wenn die Presse freier berichten könnte? Wenn es unabhängige Kontrollmechanismen gäbe. Der Melaminskandal etwa, der ein halbes Jahr unter den Teppich gekehrt wurde. Die Baumängel an den Schulen wären vielleicht auch dem ein oder anderen aufgefallen. Vielleicht hätte sich ein Investigativer Reporter auf einen Tip in die Story verbissen. Klar ne Garantie gibts dafür nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit nimmt zu. und das enorm.
dass auch in d. wegen rechtsstaat und demokratie und pressefreiheit nicht utopia ausgebrochen ist wissen wir. kein grund sie china nicht zu wünschen. ich spüre irgendwie wenig demokratiebegeisterung aus deinen worten. kann mich aber auch täuschen.
fpk: Ich weiss jetzt nicht genau, wo für Dich “hier” ist. In Wengguan sind viele Schulen eingestürzt, weil sie Eigenschaften hatten, die benachbarte Gebäude nicht hatten, wie fast ausschliesslich grosse Räume auf jedem Stockwerk. Und es war höllisches Pech, dass das Erdbeben nicht an den zwei Dritteln des Tages oder in den zwei Siebteln der Woche passierte, an denen keine Kinder in der Schule gewesen wären. Ich halte nichts von politischer Ausschlachtung von Tragödien.
Ich habe einigen Respekt vor den Leuten, die sich in China Schwierigkeiten aussetzen mit ihren Forderungen und Initiativen. Ob ich das, was sie tun, ohne weiteres für vernünftig oder auch nur richtig halte, ist eine andere Frage. Und die muss man sich, wenn man etwa nach Russland/Post-UdSSR schaut, eben auch stellen. Gut gemeint ist nicht immer gut.
was ist daran ausschlachten von tragödien, dass man aufklärung verlangt, wenn so was passiert und kritisiert, wenn diese, weil politisch nicht oportun und es keine kontrollmechanismen gibt, nicht passiert?
wieso ist es ausschlachten einer tragödie, zu überlegen, ob mehr transparenz vielleicht helfen könnte so etwas zu verhindern?
jaja, kenn ich, das russland argument. bin ja auch kein freund von revolutionen. schrittweise reformierung ist der richtige weg. derzeit seh ich aber leider viele rückschritte. zensur hat in den letzten jahren wieder zugenommen. ebenso das vorgehen gegen zivilgesellschaft. die hardliner dominieren gerade.
daher seh ich auch mittelfrsitig schwarz für eine unabängigere jusitiz, womit ich wieder bei meinem ausgengsargument wäre.
fpk: Wie ich schon fragte: Von welcher Perspektive aus behauptest Du das, von der eines Demokratiemissionars vom Westen oder HK aus oder aus dem Land selbst? Ich sehe da eine Menge Bewegung, die aber von denen, die sich an den Vorstellungen von 1989 festklammern, vorbeizugehen scheint. Die Entwicklungen kann man da sehr verschieden interpretieren, und von einem Dominieren der Hardliner ist so viel nicht zu spüren.
In dem Zusammenhang auch: “Wenn man Aufklärung verlangt” .. wer ist da “man”? Die Betroffenen (sehr verständlich), oder Leute mit einer Agenda, die das Anliegen nur benutzt? Auch wenn die Agenda noch so ehrenwert ist, ist das nicht dasselbe.
ich bin seit zwei jahren in china. und beschäftige mich seit zehn mit dem land. zur zeit des bebens war ich in chongqing. derzeit in peking.
ich weiß, das sich in china viel bewegt, und der prozess sehr widersprüchlich sein kann. aber seit der olympiade hab ich besonders was die zensur angeht den eindruck, dass es wieder unfreier wird.
nenn es ne agenda, dass ich glaube, dass transparenz und rechenschaftspflich helfen können solche katastophen zu verhindern. aber was ist daran ehrenrührig. ich finde es im gegenteil recht merkwürdig, dass man sich verteidigen muss, wenn man auf so was hinweist.
fpk: Es wundert mich aber, wie wenig Du dann wahrnimmst. Allein die Form der Berichterstattung über das Erdbeben war eine Premiere in China, und selbst jetzt nach den Gewalttaten in Xinjiang hat man weder die Region für die Presse gesperrt noch beschränkt man sich auf die Polemik gegen die Separatisten, vielmehr wurde von Mitgliedern der Akademie der Sozialwissenschaften auf Versäumnisse der regionalen Religions- und Minderheitenpolitik hingewiesen. Auch was Transparenz angeht, werden Schritte unternommen, wie das Taiyang-Programm (wenn ich den Namen richtig im Gedächtnis habe), mit dem Einkünfte der Bürokratie und der Parteiführungen nebst Familie öffentlich gemacht werden sollen. Was die Zensur angeht, wundert einen angesichts der lauten Zensurklagen, was alles in chinesischen Zeitungen steht. Praktisch alle Berichte von BBC, wie schlimm alles in China ist, sind zwischen einigen Tagen und einigen Wochen früher durch die chinesischen Medien gegangen. Und dabei entgeht BBC viel, weil sie offenbar fast nur den englischsprachigen Teil der chinesischen Medien wahrnehmen.
Unabhängige Justiz gut und schön. Unabhängige Richter haben Sacco und Vanzetti und Joe Hill ermordet, eine unabhängige Richterin unterweist in Berlin Unternehmer in Verdachtskündigungen und urteilt in selbiger Sache. Unabhängige Richter haben Lehnigk-Emden freigesprochen. Und freie Presse: so wie Berlusconi, Murdoch, Kirch. Und dann noch ein private-sector military und das Paradies wäre da. Ne
Zum Thema ‘Abwesender Rechtsstaat in China’ gibt es diese Woche einen Bericht im Spiegel (kurioserweise im Sportteil):”Peking 2008: Das Schicksal des bei den Olympischen Spielen verschleppten Anwalts Ji Sizun”. Noch nicht online. – Die haben jedenfalls noch einen langen Weg vor sich.
@aquadrat
na ja, wer wenig mitbekommt lassen wir mal dahin gestellt.
dir ist schon aufgefallen, dass die berichterstattung zum erdbeben so außergewöhnlich offen war, weil die internetgemeinde die staatl. medien zuerst mal vor sich hergetrieben hat und normale journalisten die order nicht zu berichten einfach ignorierten, oder. es dauerte ein wenig, bis man sich in den behörden von dem schock erholt hatte. dann wurde es aber wieder schön staatstragend. eingestürtze schulen sah man immer weniger. dafür um so mehr heroische soldaten.
bei xinjiang ließ man gar nichts anbrennen und schaltete gleich mal das internet und das mobilfunknetz ab. so viel zur freien berichtersattung.
und den artikel, des CAS-Wissenschaftler, der die minderheitenpolitik kritisiert (es gibt also was zu kritisieren, interessant) und in einem massenmedium erschienen ist, würd ich gern mal sehen.
es ist ja schön, wenn man solche aktionen wie das taiyang programm startet (noch nie was von gehört, aber ich lerne gern dazu). und ich glaube durchaus, dass es viele rechtschaffene leute in der partei gibt, die etwas gegen korruption tun wollen. das wird aber nichts an dem grundproblem ändern, dass hier eine institution (kpc) sich selbst konrolieren soll. sorry, aber das ist das grundrezept des scheiterns.
und was zensur angeht, so scheinst du ein wenig blind zu sein. gerade im internet hat die kontrolle ziemlich zugenommen. facebook und twitter sind nur die spitze des eisbergs. das chinesiche netzt ist nicht umsonst eins der langsamsten der welt. jedes bit muss hier zuerst durch die immer ausgefuchsteren fliter. vom grünen damm hast du sicherlich gehört. der versuch war dilentantisch und ist gescheitert, aber er zeigt, wohin dir reise gehen soll.
es steht ausser frage, dass die meinungsvielfalt im vergleich zur situation vor 10, 20 Jahren enorm zugenommen hat. derzeit scheint meinungsvielfalt aber nicht mehr en vogue zu sein. kritische berichterstattung und der einsatzt für bürgerrechte wird wieder riskanter.
ein guter über- und ausblick dazu bei rebecca mackinnon.
http://rconversation.blogs.com/rconversation/2009/08/dark-days-for-chinas-liberals.html
ich schätze du weißt, wie man nen proxy benutzt. das blog ist in china nämlich nicht erreichbar. ;-)
deine letzten sätze muss man nicht wirklich kommentieren. wenn du den unterschied zwischen einem system, dass der willkür der macht, wenn auch unvollkommene, grenzen setzt, und einem, bei dem sie politik ist, hat nicht erkennst, …
@fpk
Naja dein zentrales Argument ist ja doch, daß in China aufgrund der Stellung der KP die Justiz nicht “unabhängig” sein kann (wie halt auch die Presse); während die Abhängigkeit der westlichen Justiz von den (meist) zwei Staatsparteien des jeweiligen Landes und damit indirekt vom wirtschaftlich dominanten Privatsektor zwangsläufig bessere Ergebnisse bringen würde. Merkwürdig nur, daß etwa die direkt staatlich kontrollierten Medien (öffrechtl.) bei uns noch mehr “Unabhängigkeit” bieten als das unabhängige Privatfernsehen/Rundfunk. Und zu unserer Justiz wurden ja schon ein paar Beispiele gebracht. Du nanntest diese Auffassung ja selbst “Demokratiebegeisterung”. Rational scheint sie mir nicht zu sein, aber hier sind wohl auch die Auffassungen über das was Demokratie bedeutet sehr verschieden, und über Pressefreiheit möglicherweise auch.
@eselchen
da ist nicht merkwürdig. es gibt eben enorme unterschiede zwischen den beiden staatssystemen. bei uns ist es sogar möglich, dass der staatsrundfunk relativ unabhängig berichtet. in china gehört er zum propagandaministerium.
@fpk
Also ich finde ja unseren Staatsrundfunk kein Stück unabhängig, von den allgemeinen Vorgaben über In- und Auslandsberichterstattung über die verordneten Gut-/Böse-Schemata und Politkampagnen (z.B. gerade in den Nachdenkseiten thematisiert) bis hin zu den deutlich sichtbaren Unterschieden der Länderanstalten in der ARD. Gesteuert über die Rundfunkbeiräte und die Selektion von Personal und akzeptablen Informationen. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, daß Private noch viel abhängiger sind.
@China-Interessierte
Bin auf interessanten Artikel gestoßen und wollte ihn euch nicht vorenthalten:
“Andy Xie: China Counts Down to the Next Bubble Burst”
http://english.caijing.com.cn/2009-08-05/110220584.html
Das sieht für mich doch stark nach “american way of life”.
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Und da ich schon dabei bin, etwas Lesestoff zu verlinken, da noch etwas für notorische Pessimisten¹, was nur am Rande zum Thema passt:
http://www.washingtontimes.com/news/2009/aug/10/doomsday-pros-and-cons/
¹) Pessimist ist ex def ein aufgeklärter Optimist.
Copoka: Andy Xie ist US-Bürger, ein ehemaliger Morgan Stanley – Ökonom, der China bereits seit 10 Jahren oder länger den grossen Crash voraussagt. Dieser Artikel ist besonders schwach.
Xies Hypothese, der Dollar werde gegen den RMB steigen, ist schlicht gequirlter Blödsinn, ebenso wie seine Vorstellung, die Dollarbillionen an Devisenüberschuss blähten den Geldumlauf auf. Dem widersprechen ausdrücklich u.a. Krugman und Stiglitz.
Die Immobilienpreise in China sind, verglichen mit den Durchschnittseinkommen, in der Tat erstaunlich hoch. Das sind sie aber schon seit Jahren, und 2008 sind sie immerhin um ein knappes Fünftel gefallen, ziehen aber seit Jahresbeginn wieder an.
Ursache ist weniger eine Blase als die anhaltend hohe Nachfrage, die gestiegen ist, da die Regierung den Eigenfinanzierungsanteil für die erste Wohnung von 30 auf 20% gesenkt hat, für zweite und weitere Wohnungen liegt er nach wie vor bei 40%. Allein diese sehr restriktive Regel für die Kreditvergabe wirkt der Blasenbildung entgegen. Die Eigentumswohnung ist die überwiegende und bevorzugte Wohnform städtischer Chinesen, ca. 85% der städtischen Wohnungen sind Eigentumswohnungen.
Xie geht unnachvollziehbarerweise von einem Zusatzbedarf für 300 Millionen weiterer städtischer Chinesen aus, auf der Grundlage einer Wohnfläche von 28qm/Kopf. Das ist die Durchschnittswohnfläche der ca. 550 Millionen als dauerhafte Einwohner registrierten städtischen Chinesen, die allerdings noch etwas im Steigen begriffen ist – auch wenn die ca. 43qm/Kopf wie in Deutschland eher nicht angestrebt werden – etwa auf die ca. 30qm wie in Japan oder Taiwan. Unter Einbeziehung der Wanderarbeiter und Nichtregistrierten liegt zwar die Verstädterung in China heute schon, wie Xie schreibt, bei 50 und nicht den offiziellen 43%, aber deren Wohnverhältnisse sind erheblich schlechter und drücken die städtische Wohnflächenversorgung auf 20-22qm/Kopf.
Am Ende der nächsten beiden Jahrzehnte werden 1,1-1,3 Milliarden der dann 1,5 Milliarden Chinesen in Städten leben. Wenn die einen Wohnraum von 30qm/Kopf beanspruchen, bedeutet das einen Neubaubedarf von ca. 21 Billionen qm, nicht 8,4, wie Xie behauptet. Da ist es lächerlich, eine Produktionskapazität von 1,5 Bill.qm/Jahr als “absolute overcapacity” zu bezeichnen, das es erstens nicht nur Wohnungsbau gibt und zweitens mit steigendem Bestand auch der Erhaltungs- und Ersatzbedarf steigt. 2-2,5%/Jahr Ersatzbedarf zur Bestandserhaltung sind für Baustandards und Bedingungen in Europa ein guter Wert, bei chinesischer Bauqualität (hüstel), Klima etc. sollte man realistisch eher 4-5% ansetzen. Bei einem Endbestand von 36Bill.qm für 1,2Mrd. städtische Chinesen entpräche das 1,5-1,8Bill.qm/Jahr Baubedarf allein zur Bestandserhaltung.
Zum Gewäsch über Demographie schreib ich hier mal nicht viel. Nur das: Selbst wenn die Geburtenrate in China trotz Lockerung/Aufgabe der Einkindpolitik allmählich von den jetzigen 11,6Geburten/TsdEw auf die 7,73 in Hongkong fiele, würde sich das auf die Demographie nennenswert erst nach 30 Jahren oder so auswirken.
Irgendwie sind die Chinadoompropheten alle ziemlich gleich. Xie ist der typische BWL-Renditeidiot, der nicht sieht, dass der Normalbürger keine Realzinsberechnungen macht, wenn er sich seinen Wunsch vor der Eigentumswohnung erfüllt. Der ackert und spart und vergleicht eher den Aufwand für Abtrag und Zinsen mit der Miete, die er sonst zahlt.
@a²
Na ja, Rubini dürfte auch seine Sternstunde erleben :)
Bei der Selbstverständlichkeit, mit der er die baldige Stärkung des Dollars voraussetzt, musste ich auch schmunzeln.
Mir erschien es plausibel. Die Gelder müssen doch sinnvoll verwendet werden solange sie noch genug Wert haben.
Für mich ist es ein starkes Indiz dafür, dass die Investitionen in falsche Kanäle fließen. Z.B. in die Spekulationen am Immobilienmarkt anstatt in die Bauindustrie.
Also siehst du da auch keine Gefahr einer Überproduktion in nächsten Jahren.
Ich kenne die Lage nicht, aber deine Ausführungen, was den absoluten Bedarf anbetrifft, kommen mir plausibel vor. Allerdings ist da noch die Frage offen, ob all die Chinesen, die den Bedarf haben, auch die nötige Mittel dafür haben würden. D.h. die allg. ökonomische Entwicklung in den Städten – von irgendwas sollten doch die Zuzügler ihren Traum bezahlen können.
In Russland ist Bedarf an zusätzlicher Wohnfläche auch enorm hoch, aber es fehlt schlicht an industriellen und finanziellen Kapazitäten dafür.
Na ja, die Einkindpolitik ist schon etwa 30 Jahre alt, also sollten die schon bald ein demographisches Problem bekommen. Z.Z. sind die Einkind-Eltern noch im aktiven Alter, nach 10..15 Jahren nicht mehr. Wie du auf die 30 Jahre kommst, ist mir etwas schleierhaft.
Ich hab schon paarmal nach der demographischen Pyramide für China gesucht, aber nichts gefunden. Kennst du eine Quelle dafür?
:)
Der war mir absolut unbekannt, bin zufällig darauf gestoßen und hab’ mich an diese Diskussion erinnert.
Nur ich denke nicht, dass Renditeidioten in China eine rare Spezies ist, eher umgekehrt – meine Vermutung aufgrund meiner Vorurteile. Und somit dürfte seine Prophetie m.E. auch nicht ganz realitätsfremd sein.
Copoka: Die Dollarguthaben wirken deshalb nicht direkt geldmengenfördernd auf die chinesische Binnenwirtschaft, weil es den festen Wechselkurs gibt. Deshalb spricht ja etwa Krugman von der “Dollarfalle”. Und Xie will den Kuchen haben und aufessen: er braucht den Dollaranstieg für sein Doomszenario und den in entgegengesetzter Richtung wirkenden Devisenüberschuss auch. Man kann aber nicht beides haben.
Was den Wohnimmobilienmarkt angeht, ist der traditionell ein Käufermarkt, daher kommen die hohen Preise. Allein die Eigenkapitalanforderung von 20(30)% für die erste und eigenbewohnte und 40% für weitere Wohnungen wirkt Blasen entgegen. Das zeigt sich ja auch an den über 80% Wohnungseigentümern gegenüber 15-18% Mietern. Da spekuliert niemand mit auf dem Kapitalmarkt mehrfach gehebelten Krediten, sondern die Leute sparen wie die Teufel, bekommen noch Geld von Eltern, Grosseltern und Verwandten und kaufen sich dann ihre Wohnung(40-60m), im Schnitt für 40-50.000?.
Das geht, weil die Chinesen nicht viel verdienen, aber auf Grund der moderaten Kosten für die Grundlebenshaltung auch nicht so viel ausgeben müssen. Ein Normalverdienerpaar unterhalb der Mittelschicht (“Mittelschicht” sind jetzt so 130-150 Mill. Menschen, die pro Kopf netto 600?/Monat und mehr verdienen) mit im Schnitt 200-400? pro Kopf kann mehr als eines der beiden Einkommen beiseite legen, wenn es sein muss (und die Chinesen finden, eine Eigentumswohnung muss sein). Da ist das nötige Geld schnell beisammen, und der Kredit für die Restsumme nicht so hoch, wobei Kredite oft vorfristig getilgt werden. Sogar die Wanderarbeiter mit ihren 100-200? im Monat schaffen es, grössere Teile ihres wirklich nicht hohen Lohns zu sparen, und selbst aus dieser Gruppe werden im unteren Preissegment Wohnungen nachgefragt.
Was die “Einkindpolitik” (die effektive Kinderzahl pro Frau liegt leicht über 2,1) angeht, ist die zwar etwa 30 Jahre alt. Sie war aber bislang eher die Massnahme, die demographischen Wellen der Vergangenheit nicht zu einer Bevölkerungsexplosion führen zu lassen. Derzeit steht noch an, die Restriktionen schrittweise weiter abzubauen, ohne dass die Geburtenrate ausufert. Ein Absinken unter die Reproduktionsschwelle müsste erst stattfinden, bis es sich auf den Arbeitsmarkt auswirkt, vergehen 20-24 Jahre. Die demographischen Doompropheten sind die engstirnigsten (oder die interessiertesten wie Rürüp, Riester und Raffelhüschen).
Was den Renditeidioten angeht, meine ich damit Leute, die jede private Anschaffung nach Kapitalmarktkriterien bewerten und darauf Prognosen stützen. Das ist Schwachsinn, denn der Mensch ist kein BWLer. Die Chinesen, die wüst auf die Eigentumswohnung sparen, wägen nicht gegen Aktienoptionen, Ölbonds oder Apfelsinenfutures ab, die wollen eine Wohnung und sind bereit, dafür ein paarhunderttausend Yuan hinzulegen. Viele vermeiden dabei den Bankkredit, wenn es geht, da Schulden in China immer noch als pfui gelten.
All die Übertreibungen wie Spekulation, Blasen und Bläschen gibt es in der Tat, aber sie spielen sich auf einer stockkonservativen Basis ab. Selbst die Banken sind extrem hoch kapitalisiert. Und der Staat lässt nicht von den Banken mit sich spielen.
Ich denke daher, Herr Xie liegt mit seinen Untergangsphantasien etwas (hüstel) daneben. China wird der Crash seit Mitte der Achziger vorausgesagt. Bisher haben sich die Propheten stets blamiert.
@a²
Das ist für mich ein großes Rätsel, wie solche Preise bei derart billiger Arbeitskraft zustande kommen? Da liegt doch was im Busch!
Und das blockiert komplett Entwicklung des Binnenmarktes, weil die Leute sich nur das Nötigste besorgen und sonst alles “in die Wohnung” stecken. So kann das Land seine Produktion nur im Ausland absetzen.
Es müsste doch nicht im Sinne der Regierung sein, oder?
Ok, weitere Ausführungen erübrigen sich somit. Irgendwie habe ich die ?Einkindpolitik? ganz wörtlich genommen und dachte, dass die effektive Kinderzahl pro Frau sich wirklich 1,0 annähert :)
Nein, ich meinte nicht die Verbraucher, sondern jene, die in Schaltzentralen ihre Ärsche platt drücken. Letztes Endes hängt vieles von ihren Entscheidungen ab, und wenn ein anderer Renditeidiot ihre Entscheidungen in einer oder anderer Lage prognostiziert, so liegt er somit nicht ganz daneben.
Ob er die Lage und die Entwicklung richtig einschätzt, ist eine andere Frage.
Ja, hab schon öfters darüber gelesen. Auch darüber, dass die Gelder, die von Regierung für regionale Entwicklung freigegeben werden, oft in die Spekulationen fließen.
Copoka: Wie gesagt, die Preise sind normale Preise eines Käufermarkts. Selbst Chinesen die pro Paar nur 200?/Monat zurücklegen können, haben mit einem mittelguten Sparplan binnen 15-16 Jahren genug Geld, um eine Standardwohnung bar zu bezahlen. Bei einer Finanzierung müssen sie eher weniger aufwenden, da dann ja die Miete gleich wegfällt (für manche Leute mit billiger Dienstwohnung ist es günstiger, da wohnen zu bleiben und die EtW zu vermieten, mindestens bis das Kind kommt). Da die EtW, wenn bezahlt, so gut wie Bargeld ist (die Nachfrage ist höher als die Gesellschaften bauen können), bedeutet sie für die Leute auch Sicherheit, und Eltern und Grosseltern helfen da oft. Die Wohnung triggert dann weiteren Konsum, Möbel, Haushalts- und Unterhaltungselektronik etc., der nächste Kostenfaktor im Hamsterrad sind dann das Kind oder die Kinder.
Die Wohnungen blockieren den Konsum aber nicht so. Die Bauwirtschaft und die Folgeausgaben sind ein wichtiger Teil des Binnenmarkts, und mit bezahlter Wohnung steht eher mehr Geld zur Verfügung. Hemmend sind eher die anderen Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitsunfähigkeit. Deshalb wird jetzt auch die umfassende Krankenversicherung bis Ende 2010 eingeführt und das Rentensystem ausgeweitet.
Die Verantwortlichen an der Spitze denken zum Glück nicht wie BWLer. Diesen Artikel fand ich recht gut: http://english.aljazeera.net/focus/chinabuystheworld/2009/08/200981084418740760.html
Den Hinweis darauf fand ich in Elfis Presseschau http://www.jjahnke.net/elfi.html in Joachim Jahnkes Blog. Diese Linksammlung ist auch sonst lesenswert.
@a²
Das ist ein Holzweg, um eine Eigenwohnung zu erwerben. Mein Alter hat in Russland sein ganzes Leben auf diese Weise für die Wohnung gespart. Immer, wenn er das nötige Kleingeld fast beisammen hatte, wurde entweder eine Geldreform durchgeführt, die seine Ersparnisse komplett entwertete, oder die Preise für die Wohnungen gingen dermaßen hoch, dass er wieder noch so lange sparen musste. Außerdem, wo Wohnungsnot herrscht, blüht die Korruption.
Nur bei den Zahlen, die du oben nennst – Wohnfläche von 28qm/Kopf, sieht es nicht nach akuter Wohnungsnot aus. Und die Variante mit den 20..30% Eigenkapital klingt auch ganz vernünftig. Von daher wundern mich doch die “normalen Preise eines Käufermarktes” für die Wohnungen in China.
Ich bedanke mich für deine Infos dazu.
PS. Irgendwie klemmt der Spamschutz :(