Die Akte Lugowoi – neue Fakten die Beresowski belasten
geschrieben am 05. Februar 2007 von Spiegelfechter
Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung von Occam´s Razor, in dem ich im November bereits das Thema behandelte.
Eine Schachfigur scheint mir mittlerweile besonders geeignet die Identität des Spielers zu offenbaren. Dies ist der “Geschäftsmann” Andrei Lugovoi. Bin ich in meinem letzten Beitrag schon auf ihn eingegangen so unterfüttern neuere Quellen seine Schlüsselrolle als Mann der Oligarchen.
Er diente einst in führender Rolle in einer der ausgesuchtesten und privilegiertesten Einheiten des KGB, war Leibwächter und Sicherheitschef einiger der schillernsten Oligarchen, war in engem Kontakt zu Topleuten ausländischer Geheimdienste und ist mittlerweile zu einem beachtlichen Reichtum gekommen, den niemand so recht erklären kann.
- Lugovoi besuchte von 1983 bis 1987 eine Elite-Militärakademie. Dort lernte er die anderen “Geschäftsleute” Kowtun und Solenko kennen. (1) (2)
- 1987 fing er bei der Personenschutzabteilung des KGB an. (2)
- 1991 wurde diese Einheit umfirmiert in die GUO (Glavnoye Upravlenie Okhrani). Diese war anders als andere Eliteeinheiten stets bestens ausgerüstet und genoss weitreichende Privilegien. Hier diente er von 1992-1993 als stellvertretender Leiter der Abteilung für die Sicherheit von Jegor Gaidar, damals Finanzminister. Auf Auslandsreisen knüpfte er bereits Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten. (2) (3)
- Gaidar ist ein Amigo des Oligarchen Anatoli Tschubais, der während der Jelzin-Ära die Grundlage für die Plünderungen des Landes legte. Man nennt ihn auch “Vater der Oligarchen”. (4)
- Später war Lugowoi für den Personenschutz von Boris Beresowski verantwortlich. Kurze Zeit später schied er aus dem Staatsdienst aus und heuerte privat bei Beresowski an. Die beiden kannten sich allerdings bereits seit 1993 und Lugowoi vermittelte alte Bekannte in Beresowskis Dienste (2)
- Zu dieser Zeit tobte in Moskau der Mafiakrieg zwischen Tscheschenen und Russen in den Beresowski massiv verwickelt war und mit dessen Hilfe er seine Reichtümer ansammelte. Lugowoi muss als enger Vertrauter und Sicherheitschef darin involviert gewesen sein. (4)
<- 1997 wurde er Sicherheitschef von Beresowskis TV-Sender ORT.
- Er wurde weiterhin mit der persönlichen Sicherheit von Beresowskis Partner Patarkatsishvili betraut (ebenfalls Mafia- und Tscheschenien-Hintergrund) und organisierte auch dessen "Reisen" in die kaukasischen Kriegsgebiete. (2)
- 1999 war er bereits für die private Sicherheit beider Oligarchen und für deren wachsende Firmen (u.a. Sibneft) verantwortlich, wobei er deren Sicherheitssysteme auf seine Person zentralisierte, was ihm natürlich viele Feinde machte. Zur Reform kooperierte er eng mit ausländischen Geheimdiensten und Sicherheitsfirmen. (2)
- Wichtige Posten besetzte er mit seinen alten Vertrauten. So wurde z.B. Wjatscheslaw Sokolenko (einer der “Geschäftsmänner” im Litwinenko-Fall) sein Stellvertreter. (2)
- Während dieser Zeit löste er Probleme mit anderen Oligarchen gerne informell indem er eng mit deren Sicherheitsfirmen und dem FSB zusammenarbeitete. (2)
- Als Putin 1999 an die Macht kam und alte KGB-Spezis in wichtige Ämter hiefte war Schluss mit Lugowois Erfolgen. Seinem Chef Beresowski wurde ein Riegel vor dessen kriminelles Treiben gesetzt, einige ergaunerte Firmen wurden ihm wieder abgenommen und er floh schliesslich 2000 nach London. Sein Partner Patarkatsishvili floh nach Georgien, wo er (wie Berezowski) massiv mediale Stimmung gg. Putin machte und auch Mitinitiator der “weißen Revolution” war.
- 1999 wurde Lugowoi das erste mal verhaftet, damals konnten ihn aber alte Seilschaften noch aus dem Gefängnis befreien. 2001 wurde er das zweite mal inhaftiert. Er wurde erwischt, als er Nikolai Gluschkow, der für Beresowski die Aeroflot ausgeplündert hatte und verhaftet wurde, aus dem Gefängnis befreien wollte. Lugowoi wurde 2002 zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt, die ihm aber mit der U-Haft verrechnet wurden. (2) (6)
- Nach seiner Entlassung verschwimmen die Spuren. Er soll u.a. Beresowskis Sicherheitsdienst in London geleitet haben. Weiterhin stand er in Patarkatsishvilis Diensten. In Moskau hat er eine Sicherheitsfirma gegründet auf deren Kundenliste u.a. die beiden Oligarchen standen. (2)
- Innerhalb kürzester Zeit schien seine “Sicherheitsfirma” so erfolgreich zu sein, daß er “nebenbei” zum größten russischen Kwas-Fabrikanten (Brotbier) und Weinproduzenten wurde – sein Vermögen soll 100 Mio. US$ betragen. Nur gehört dieses Unternehmen (Pershin) einer dubiosen zypriotischen Briefkastenfirma. Die Firma wurde 2004 gegründet und brachte ein Startkapital von 50 Mio. US$ mit – nicht schlecht mit einem “Sicherheitsunternehmen” innerhalb von weniger als zwei Jahren diese Summe zu “verdienen” Die beiden anderen “Geschäftsleute” Solenko und Kowtun sind übrigens dessen Partner in der “wundersamen” Sicherheitsfirma. (2) (6)
Woher hatte Lugowoi also dieses Geld? Ein ehemaliger “besserer” Personenschützer, der nach seinem Gefängnisaufenthalt innerhalb kürzester Zeit zum Multimillionär wird und der mit dem Privatjet mal eben zum Fußballspiel nach London fliegt … (6)
Beresowski steckt mitten drin im Spinnennetz. Nur er kann Lugowoi zu diesem wundersamen Vermögenszuwachs verholfen haben – und wie heisst es so schön? Eine Hand wäscht die andere?
Litwinenko soll seit 5 Monaten keinen Heller mehr von Beresowski erhalten haben. Dabei war genau das seine große Schwäche – Geld. Ob er jetzt Beresowski oder andere Oligarchen erpresst hat. Oder er hatte tatsächlich Informationen über die Hintergründe am Tod der Politowskaja, die ja bekanntlich im tscheschenischen Umfeld recherchierte, einem Umfeld, in dem Beresowski nicht nur Leichen en masse auf dem Gewissen hat sondern (auch aufgrund dessen engen Verbindungen zu tscheschenischen Separatisten) auch politisch mitgespielt hat. Hatte sie beispielsweise Informationen, daß Beresowski den tscheschenischen Terror unterstützt? (7)
Beresowski hat Litwinenko von seinem Spezi Lugowoi umbringen lassen, da dieser ihm gefährlich wurde. Er inszenierte das ganze als Atomattentat aus dem Kreml und lies über Lord Bell die Medienkampagne dazu lancieren. So wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – Litwinenko und Putin, den er im Ausland diskreditieren wollte. Zu dumm, daß seine Häscher anscheinend ziemlich dilettantisch vorgangen und sich selbst vergifteten und einen bunten Strauss voller Spuren hinterliessen, wo auch immer sie waren. Die momentanen Fakten deuten darauf hin, daß Kowtun der “Trottel” war, der die Waffe nicht korrekt transportierte und bei der Anmischung der tödlichen Dosis auch noch seine “Kameraden” kontaminierte.
Jens Berger
Tags:
Litwinenko Lugowoi Polonium Beresowski Mord Russland Putin Analyse
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Interessanter Beitrag. Vor Allem Detailreich.
Was aber mich zur Antwort(ehrlich gesagt:-) bewegt hat,
ist die “mangelhafte” Alanyse der Rolle o.g. Oligarchen
im Tschetschenien-Krieg. (und nicht Tscheschenien übrigens)
Ich bin kein “FUN” von Oligarchen, aber trotzdem
es ist eine “sehr harte” Anschuldigung.
Jeder getöteter Mensch tut mir schrecklich leid!
(Litwinenko,Politowskaja..)
Was mich aber mehr interessiert:
ob es Fakten gibt, die eine Beteiligung
o.g. Oligarchen(Beresowski und Patarkatsishvili) an Massaker von 1/4 Millionen Menschen in Tschetschenien belegen?
Nicht zu vergessen ist, dass der Großteil der Menschen im zweiten Tschetschenien Krieg 1999-2000(Putins-Ära) umgekommen sind.
Zur Dieser Zeit lebten die Beiden nicht mehr in Russland.
(Das schließt aber eine “Beteiligung” generell nicht aus.)
Aber auch die Fakten, die auf deren Verwicklung im ersten Tschetschenien-Krieg(~1996) hindeuten, wäre interessant.
ciao
eMisia
@Spiegelfechter
“Sein Partner Patarkatsishvili floh nach Georgien, wo er (wie Berezowski) massiv mediale Stimmung gg. Putin machte und auch Mitinitiator der “weißen Revolution” war”
Es ist nicht das Kernthema des Berichts aber trotzdem muss man vollstendgikeitshalber sagen:(Falls es jemanden interessiert.)
Die These klingt zwar irgendwie logisch, ist aber meiner Informationen nach falsch.
Es gibt keine Fakten weder für “massiv mediale Stimmung gg. Putin” noch als “Mitinitiator der “weißen Revolution” in Georgien.
eMisia
@eMisia
-> Tschetschnien: Die Punkte sind größtenteils aus Klebnikovs Buch “Godfather of the Kremlin. Boris Berezovsky and the looting of Russia” und betreffen den ersten Tschetschenien-Krieg. Ich werde die Passagen noch einmal raussuchen. Was den zweiten Tschetschenienkrieg angeht, so möchte ich nur kurz anmerken, daß BB Tschetschenenführer wie Zakayev nicht wegen ihrer schönen blauen Augen so gerne hat.
-> Patarkatsishvili: Ich werde die Quelle noch einmal heraussuchen. Den Artikel habe ich im Dezember geschrieben und habe die Quelle gerade nicht mehr im Kopf, kann mich aber sicher erinnern, einen Artikel über sein Mitwirken bei der Vorbereitung auf die weiße Revolution gelesen zu haben. Wird nachgereicht ;-)