Die arabische Welt hat ein desaströses US-Bild
21. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die Hoffnung der USA und Israel eine sunnitische Allianz zu bilden um Irans regionale Ansprüche und Interessen zu unterminieren stehen auf verlorenen Posten, zumindest was die öffentliche Meinung in den großen sunnitischen Staaten angeht.
Das Zogby International Institute hat zum fünften mal in Folge eine Umfrage unter 3.850 Personen in den Staaten Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Libanon, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführt. Entworfen wurde die Studie von Shibley Telhami, einem Professor am Saban Center für Nahostpolitik am Brookings Institut.
Die Ergebnisse sind für Washington und Tel-Aviv ernüchternd. Noch nicht einmal in den reichen und eher prowestlichen Vereinigten Arabischen Emiraten genießen die beiden Brandstifter Sympathien und in den anderen Ländern ist das Ergebnis katastrophal ausgefallen.

Fragt man die Araber nach den beliebtesten politischen Persönlichkeiten (außerhalb des eigenen Landes) so schneidet Hassan Nasrallah, Führer der schiitischen Hisbollah, mit 14% am besten ab. Gefolgt von Jaques Chirac (8%), Mahmud Ahmadinedschad (4%) und Hugo Chavez (3%). Sehr erstaunlich ist, dass unter den vier Besten zwei Schiiten und zwei Christen sind – ein Zeichen dafür, dass ein prolongierter Bruderkrieg im Nahen Osten für die Falken in Washington und Tel-Aviv wohl schwerer zu bewerkstelligen ist, als sie es sich wünschen.
Wenig überraschend sind indes die vier unbeliebtesten Politiker. Wie weltweit (außer in der Musterdemokratie Polen) ist George Bush die unangefochtene Nummer 1, mit „stolzen“ 38% - interessanterweise ist er in den prowestlichen VAE mit 49% besonders unbeliebt. Gefolgt wird er von den üblichen Verdächtigen Sharon, Olmert und Blair.
Auf die Frage, welcher Staat denn eine fiktive Supermachtrolle innehaben sollte, ist mit Pakistan (14%) nur ein muslimischer Staat vertreten. Die besten Karten in der muslimischen Welt hat Frankreich (19%), gefolgt von China (16%) und Deutschland (10%). Immerhin „stolze“ 8% würden der USA diese Supermachtrolle wünschen. In den VAE ist die USA mit 43% weit überdurchschnittlich als Supermacht erwünscht, wenig überraschend sichern diese den Ölreichtum und sind ein guter Kunde. Bemerkenswert ist das Ergebnis für Pakistan in Saudi-Arabien (33%) – im religiös fundamentalistischsten Staat spielen religiöse Gründe wohl auch hier eine entscheidende Rolle.
Am meisten „Freiheit“ und „Demokratie“ (zwei Nennungen möglich) werden nicht etwa den USA (14%) oder Großbritannien (12%) zugebilligt, sondern Frankreich (36%) und Deutschland (22%). Auch hier sind die VAE mit einer US-Nennung von 66% eindeutig Ausreißer. Auch bei der Frage, wo man am liebsten wohnen würde bzw. in welchem Land man seine Kinder am liebsten studieren lassen würde, schneiden die USA sehr schlecht ab.

Dafür sind die USA und Israel einsame Spitzenreiter, wenn es darum geht, welches Land für einen selbst die größte Bedrohung darstellt. 85% Israel und 72% USA sind ein Erdrutschergebnis, das weder einer Interpretation noch einer Erklärung bedarf. Marokko und die VAE finden die USA noch am harmlosesten mit 52% bzw. 56%, obgleich auch hier mehr als die Hälfte die Bevölkerung die USA als Hauptbedrohung sieht. Lediglich 11% der Befragten sehen in Iran die größte Bedrohung. Ein gutes Beispiel, wie sehr sich die öffentliche Meinung doch von der (durch westliche Medien) publizierten Meinungsmache unterscheidet, die uns so gerne weismachen würde, der Nahe Osten hätte Angst vor Iran. Das hat er mitnichten. Lediglich 24% sind der Meinung, Iran sollte gezwungen werden, sein Atomprogram einzustellen. 61% billigen Iran ausdrücklich das Recht auf sein Atomprogram zu. Interessanterweise glaubt im Nahen Osten fürderhin mehr als die Hälfte der Befragten, Iran würde Nuklearwaffen entwickeln wollen. Daraus lässt sich implizit der Schluss ziehen, daß der Nahe Osten einer Atommacht Iran sehr gelassen entgegen sieht.
Betrachtet man das miese Image der USA im Nahen Osten, so ist hierfür der Staat Israel mitverantwortlich. Auf die Frage, welcher Schritt der USA deren Image am ehesten aufwerten würde, antworten 62% der Befragten, dies sei ein Drängen auf einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern, mit einem Rückzug hinter die Staatsgrenzen von 1967 und der Gründung eines palästinensischen Staates mit der Hauptstadt Jerusalem. Da werden die Araber lange warten können. Die von den NeoCons in ausgesuchten Fällen (nur bei den BösenTM und nicht bei den GutenTM) präferierte Lösung, mehr Druck zur Demokratisierung auszuüben, findet nur bei 8% der Befragten Zustimmung.

Wenig überraschend ist das US-Bild in der Region. Nur 12% der Befragten haben ein positives US-Bild, während mehr als die Hälfte der Befragten (57%) sogar ein sehr negatives US-Bild haben. Beim Partner im „Kampf gegen der Terror“, den „Demokratiefreunden“ in Riyad, ist die starke Ablehnung mit 67% sogar besonders ausgeprägt vertreten. Da kann man sich schon ernsthaft fragen, wie lange das Königshaus seinen proamerikanischen Kurs noch fortführen kann, ohne vom eigenen Volke aus den Palästen gejagt zu werden.
Das katastrophale US-Bild setzt sich in anderen Fragen fort. So haben 69% kein Vertrauen gegenüber der USA, 65% bezweifeln, daß es der USA im Irak-Krieg um Demokratie ging, während 83% der Meinung sind der USA ging es primär um Öl. Die Motive der USA stehen in einem sehr dunklen Licht. 75% sind der Meinung, der Schutz Israel genieße für die USA eine sehr wichtige Rolle, 69% meinen, die USA wollten die muslimische Welt schwächen und 68% denken, die USA würden primär die komplette Region beherrschen wollen. Die schönen Worthuren der Politik lassen sich Nahen Osten schlecht verkaufen - nur 10% denken, der USA ginge es Menschenrechte und 9% halten die Verbreitung der Demokratie für einen wichtigen Faktor in der US-Nahostpolitik.

Der Irak-Krieg wird vom Nahen Osten ebenfalls als Katastrophe gesehen. 81% der Befragten sind der Meinung, dieser Krieg hätte weniger Frieden gebracht. „Frieden durch Krieg“ – ein platter Slogan, an den in den sechs befragten Staaten nur 4% glauben. 80% erkennen, daß der Irak-Krieg mehr Terrorismus gebracht hat und 69% sind gar der Überzeugung, der Irak-Krieg hätte zu einem „weniger“ an Demokratie geführt, während nur 6% glauben, es gäbe nun mehr Demokratie.
Eine Zusammenfassung der Studie ist hier abrufbar.
Jens Berger
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