Schrei nach Gerechtigkeit
geschrieben am 05. Februar 2007 von Spiegelfechter
Kurz vor dem Weihnachtsfest veröffentlichte die ZEIT die Gedanken Ihres ehemaligen Herausgebers Theo Sommer in diesem denkenswerten Kommentar:
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer ? rings um den Globus wie auch bei uns. Für Theo Sommer, Editor-at-Large der ZEIT, der wichtigste Trend in diesem Jahr.
Unsere Zeit ist eventsüchtig und trendblind. Events beherrschen die Schlagzeilen, Trends fallen dem Zeitgenossen weniger ins Auge. Dabei sind es sehr selten einzelne Ereignisse, sondern meistens langfristige Entwicklungen, die der Geschichte eine neue Richtung geben. Im Jahre 2006 musste uns die rings um den Globus sichtbar werdende Tatsache beunruhigen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich überall und ständig breiter wird.
Das ist in Amerika so, wo das oberste Zehntel der Haushalte über rund die Hälfte des Gesamtvermögens verfügt, die unteren fünf Zehntel jedoch nur über vier Prozent. Nicht viel anders sieht es in Deutschland aus. Die untere Hälfte der Haushalte hat vier Prozent des Vermögens, das reichste Zehntel hält 47 Prozent. Über 17 Prozent der Bürger gelten hierzulande als arm; diese ?Unterschicht? bezieht weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens.
In England herrscht extreme Kinderarmut; auch hierzulande hat sie einen beklagenswerten Umfang erreicht. Und gerade in den armen Entwicklungsländern wie China und Indien klafft die Schere zwischen Superreichen und erbärmlich Armen immer weiter auseinander. Vor 35 Jahren gab es auf der ganzen Welt 217 Einkommensmillionäre ? inzwischen sind es 1,5 Millionen. Zugleich fristen 2,5 Milliarden Menschen ihr Leben von weniger als 2 Dollar am Tag. Überall wird das Gerechtigkeitsdefizit größer.
Nur verbohrte Marktliberale können glauben, dass die Menschen sich nicht irgendwann gegen diesen Trend auflehnen werden. Wenn genügend Leute glauben, dass die krasse ökonomische Vernunft sie ihrer Lebenschancen beraubt, werden sie sich erheben. Jedenfalls kann selbst in unserem Teil der Welt niemand die Hand dafür ins Feuer legen, dass es künftig keine Revolution mehr geben wird. Man sollte die Geschichte nicht durch einen Mangel an Fantasie beleidigen. Der Notschrei der Gräfin Dönhoff hat nichts von seiner Aktualität verloren: Zivilisiert den Kapitalismus!

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