“Die Neuausrichtung” von Seymour Hersh Teil 3/5
01. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Fortsetzung von Teil 2: Prinz Bandars Spiel
Djihadis im Libanon
Im Fokus des amerikanisch-saudischen Verhältnis´ steht hinter Iran der Libanon, in dem die Saudis große Anstrengungen unternahmen, die libanesische Regierung zu unterstützen. Premierminister Fouad Siniora kämpft mit aller Macht darum im Amt zu bleiben - gegen eine hartnäckige Opposition, die von der schiitischen Hisbollah und ihrem Anführer Scheich Hassan Nasrallah angeführt wird. Die Hisbollah hat eine umfangreiche Infrastruktur, geschätzte zwei- bis dreitausend aktive Kämpfer und tausende zusätzliche Mitglieder.
Die Hisbollah steht seit 1997 auf der Liste der Liste der terroristischen Organisationen des US-Aussenministeriums. Die Organisation ist in die Bombardierung der Marine-Kasernen in Beirut im Jahre 1983 verwickelt, die 241 Soldaten das Leben kostete. Sie wird ebenfalls der Komplizenschaft bei der Entführung von US-Bürgern verdächtigt, einschließlich des CIA-Leiters im Libanon, der in der Gefangenschaft starb, und eines Marineobersten, der an einer U.N. Friedenssicherungsmission teilnahm und getötet wurde. (Nasrallah bestreitet indes, dass seine Organisation involviert war). Nasrallah wird von vielen Beobachtern als überzeugter Terrorist angesehen, der sagt, dass Israel kein Existenzrecht hätte. Viele Menschen in der arabischen Welt, besonders Schiiten, sehen ihn ihm jedoch den Führer des Widerstandes, der Israel im dreizigtägigen Krieg des letzten Sommers standgehalten hat, und Siniora als schwachen Politiker, der auf die Unterstützung Amerikas baut, aber nicht imstande war Präsident Bush zu überzeugen, ein Ende der israelischen Bombardierung des Libanons zu veranlassen. (Photos, auf denen Siniora Condoleezza Rice auf die Wange küsst, als sie während des Krieges den Libanon besuchte, wurden während der Straßenproteste in Beirut immer wieder gezeigt)
Die Bush-Administration hatte der Siniora Regierung öffentlich seit letztem Sommer eine Milliarde Dollar für Hilfsmittel versprochen. Im Januar hatte eine Geberkonferenz in Paris, die von den USA angestoßen wurde, Bürgschaften von fast acht Milliarden Dollar versprochen, einschließlich einer Milliarde, die von den Saudis versprochen wurde. Die amerikanische Bürgschaft schließt mehr als 200 Millionen Dollar für militärischen Hilfsmittel und 40 Millionen Dollar für die innere Sicherheit mit ein.
Die Vereinigten Staaten haben zusätzlich verdeckte Unterstützungszahlungen für die Siniora Regierung abgegeben, wie ein ehemaliger leitender Geheimdienstmitarbeiter und Berater US-Regierung versichert. „Wir haben ein Programm, dass die Fähigkeiten der Sunniten stärken soll, dem schiitischen Einfluss zu widerstehen, und wir streuen diese Gelder so breit, wie wir können“. Das Problem war, dass solche Gelder „immer in mehr Taschen wandern, als man eigentlich denkt“, sagte er. „So finanzieren wir eine Menge schlechter Kerle, was zu ernsthaften unbeabsichtigten Konsequenzen führen kann. Wir haben nicht die Möglichkeit Gutscheine auszustellen, die wir nur bei den Leuten einlösen, die wir mögen und bei den Leuten, die wir nicht mögen, diese zu verweigern. Dies ist ein sehr risikoreiches Unterfangen.“
Amerikanische, europäische und arabische Beamte, mit denen ich sprach, sagten mir, dass die Siniora Regierung und ihre Verbündeten auch stattgeben hatten, dass Teile dieser Gelder an die aufstrebenden radikalen sunnitischen Gruppen im Nordlibanon, der Bekaa Ebene und in den palästinensischen Flüchtlingslager im Süden gingen. Diese Gruppen werden als Puffer gegen die Hisbollah angesehen, obgleich sie eher klein sind; gleichzeitig haben sie allerdings eine ideologische Verbindung zur Al Quaida.
Während eines Gespräches mit mir beschuldigte der ehemalige saudische Diplomat Nasrallah Versuche zu unternehmen, den Staat zu kidnappen - aber er kritisierte auch die libanesische und saudische Förderung der sunnitischen Djihadis (Gotteskrieger) im Libanon. „Die Salafiden sind krank und hasserfüllt und ich verabscheue die Idee mit ihnen zu flirten“, sagte er. „Sie hassen zwar die Schiiten aber sie hassen die Amerikaner um so mehr. Wenn wir versuchen sie zu überlisten, werden sie letztlich nur uns überlisten. Das wird grauenhaft enden.“
Alastair Crooke, der fast dreißig Jahre im MI6, dem britischen Nachrichtendienst, diente und jetzt für das “Conflicts Forum”, einem Think Tank in Beirut, arbeitet, erzählte mir, “[dass] die libanesische Regierung für diese Leute den nötigen Platz machte - es konnte sehr gefährlich werden“. Crooke sagte, dass eine sunnitische Extremistengruppe, Fatah Al Islam, sich im nordlibanesischen Flüchtlingscamp Naht al-Bared von ihrer prosyrischen Mutterorganisation, der Fatah Al-Intifada, abgespalten hat. Damals zählten sie weniger als 200 Mitglieder. „Mir wurde erzählt, dass sie innerhalb von 24 Stunden von Leuten, die sich als Vertreter der libanesischen Regierung ausgaben, Waffen und Geld angeboten bekamen - wahrscheinlich um damit gegen die Hisbollah vorzugehen“, vermutet Crooke.
Die größte dieser Gruppen, Asbat Al-Ansar, wird im palästinensischen Flüchtlingslager Ain Al-Hilweh aufgestellt. Asbat Al-Ansar hat von den libanesischen Sicherheitskräften und Milizen der Siniora Regierung großzügig Waffen und Geldmittel bezogen.
Nach einem Bericht der amerikanischen International Crisis Group, hat Saad Hariri, der sunnitische Mehrheitsführer im libanesischen Parlament und Sohns des getöteten ehemaligen Premiers (Saad erbte mehr als vier Milliarden Dollar nach der Ermordung seines Vaters), im Jahre 2005 Mitgliedern einer militant-islamistischen Gruppe in Dinniyeh 84 Millionen Dollar in Cash gegeben. Diese Männer waren beim Versuch, einen islamistischen Kleinstaat im Nordlibanon zu gründen inhaftiert wurden. Die Crisis Group merkte an, dass viele der Militanten in den Al-Qauida Lagern in Afghanistan ausgebildet wurden.
Dem Bericht der Crisis Group zufolge, hat Saad Hariri später seine parlamentarische Majorität eingesetzt, um eine Amnestie für zweiundzwanzig der Dinniyeh Islamisten zu erwirken, ebenso wie für sieben Islamisten, die im letzten Jahr planten, die italiensche und die ukrainische Botschaft in Beirut in die Luft zu sprengen. (Er arrangierte auch eine Haftverschonung für Samir Geagea, ein maronitisch-christlichen Milizführer, der des vierfachen politischen Mordes überführt worden war, einschließlich der Ermordung vom Premierminister Rashid Karami im Jahre 1987.) Hariri bezeichnete diese Erlasse Reportern gegenüber humanitär.
In einem Interview in Beirut, bestätigte ein höherer Beamter der Siniora Regierung, dass es die sunnitischen Djihadis gibt, die im Libanon operieren. „Wir haben eine liberale Haltung, die es Al Quaida ähnlichen Organisationen erlaubt, hier präsent zu sein“ sagte er. Er rechtfertigte dies damit, dass Iran oder Syrien beschließen könnten, den Libanon zu ein „Konfliktgebiet” zu machen.
Der Beamte sagte, dass seine Regierung in einer no-win Situation war. Ohne eine politische Übereinkunft mit der Hisbollah, könnte der Libanon in einen Konflikt hineingleiten, in dem die Hisbollah offen gegen sunnitische Kräfte ankämpft - mit möglicherweise entsetzlichen Konsequenzen. Aber wenn Hisbollah der Übereinkunft zustimmt, so würde sie immer noch eine eigene Armee unterhalten, die mit Iran und Syrien verbündet ist. “Der Libanon könnte ein Ziel werden. In beiden Fällen wären wir ein Ziel.“
Die Bush-Regierung hat ihre Unterstützung der Siniora Regierung als Beispiel des Glaubens des Präsidenten an die Demokratie und seines Wunsches, andere Mächte von einer Einmischung im Libanon zu hindern, geschildert. Als die Hisbollah im Dezember zu Straßendemonstrationen in Beirut aufrief, nannte der amerikanische UN-Botschafter John Bolton dies „Teil eines von Iran und Syrien angestoßenen Coups“. Leslie H. Gelb, ehemaliger Präsident des Council of Foreign Relations, sagte, dass es der US-Politik weniger um “pro Demokratie” als mehr um “pro amerikanische Nationale Sicherheit” ging. Tatsache ist es, dass es verdammt gefährlich sein würde, wenn die Hisbollah den Libanon übernommen hätte.“ Der Fall der Siniora Regierung wäre als Zeichen des Verfalls der USA und Steigerung der terroristischen Bedrohung gesehen worden”, sagte Gelb. Daher muss jeder möglichen Veränderung in den Machtverhältnissen des Libanons durch die USA entgegengewirkt werden - und wir haben das Recht jeder nicht-schiitischen Organisation zu helfen einen solchen Wechsel zu verhindern. Dies sollten wir der Öffentlichkeit erzählen, anstatt von Demokratie zu sprechen.“
Martin Indyk vom Saban Center sagte mir jedoch, dass die Vereinigten Staaten „nicht den nötigen Einfluss haben, um die moderate Kräfte daran zu hindern mit Extremisten ihre Geschäfte zu machen.“ Er sagte ferner, “[daß] der Präsident die Region in Extremisten und Moderate unterteilt sieht, aber vor Ort die Unterteilung zwischen Sunniten und Schiiten vorgezogen wird. Die Sunniten, die von uns als Extremisten bezeichnet werden, sind in den Augen unserer sunnitischen Verbündeten lediglich Sunniten.“
Nach einem Ausbruch von Gewalt zwischen Anhängern der Siniora Regierung und Hisbollah Anhängern auf Beiruts Strassen im Januar dieses Jahres, flog Prinz Bandar nach Teheran, um dort die politische Sackgasse im Libanon zu besprechen und Ali Larijani, den Unterhändler der Iraner beim Atomstreit, zu treffen. Einem Botschafter aus Nah-Ost zu Folge, war Bandars Reise – die von den USA angeregt wurde – ebenfalls darauf angelegt, „Probleme zwischen Iran und Syrien zu verursachen“. Es hatte Spannungen zwischen den zwei Ländern über syrische Gespräche mit Israel gegeben, und das Ziel der Saudis war es, einen Zwist anzustoßen. „Dies funktionierte jedoch nicht“, so der Botschafter. „Syrien und Iran werden nicht sich gegenseitig verraten. Bandars Versuch war zum Scheitern verurteilt.“
Walid Jumblatt, der Führer der drusischen Minderheit im Libanon und ein überzeugter Siniora Unterstützer, hat Nasrallah als Agent Syriens bezeichnet und wiederholt gegenüber ausländischen Journalisten behauptet, die Hisbollah stünde unter der direkten Steuerung der religiösen Führung Irans. In einem Gespräch mit mir im letzten Dezember stellte er Bashir Assad, den syrischen Präsidenten, als „Serienmörder“ dar und Nasrallah sei. ihm zufolge, moralisch für die Ermordung von Rafik Hariri und den Mord an Pierre Gemayel (ein Mitglied des Siniora Kabinetts) im letzten Novembe, verantwortlich, da er Syrien unterstütze.
Jumblatt erzählte mir, dass er im letzten Herbst Vizepräsidenten Cheney in Washington getroffen hatte, um, neben anderen Dingen, die Möglichkeit der Ächtung Assads zu erörtern. Er und seine Kollegen rieten Cheney, wenn die Vereinigten Staaten es versuchen sollten gegen Syrien vorzugehen, „sie in den Mitgliedern der syrischen Muslim-Bruderschaft die richtigen Partner finden würden“, so Jumblatt. Die syrische Muslim-Bruderschaft, eine Tochter der radikalen sunnitischen Bewegung, die in Ägypten 1928 gegründet wurde, stand über ein Jahrzehnt in harter Opposition zum Regime von Hafez Assad, den Vater Bashirs. 1982 nahm die Bruderschaft die Stadt Hama ein; Assad bombardierte die Stadt eine Woche lang und tötete dabei zwischen sechs- und zwanzigtausend Menschen. Die Mitgliedschaft in der Bruderschaft wird in Syrien mit der Todesstrafe geahndet. Die Bruderschaft ist auch ein erklärter Feind der USA und Israels. Dennoch sagt Jumblatt, „wir erklärten Cheney, dass die grundlegende Verbindung zwischen Iran und dem Libanon Syrien ist – und um Iran zu schwächen, sie es der wirksamste Weg der syrischen Opposition die Türen zu öffnen.“
Offenbar hat die neue Strategie des Weißen Hauses der Bruderschaft bereits geholfen. Die syrische nationale Heilsfront ist eine Koalition von Oppositionsgruppen. Deren Hauptmitglieder sind zu einem eine Strömung, die von Abdul Halim Khaddam geführt wird, ein ehemaliger syrischen Vizepräsident, der 2005 die Seiten wechselte, und zum anderen die Bruderschaft. Ein ehemaliger hoher CIA Offizier erzählten mir, „[dass], die Amerikaner politische und finanzielle Unterstützung geliefert hätten. Die Saudis übernehmen zwar die finanzielle Unterstützung, aber es gibt auch eine direkte amerikanische Unterstützung.“ Er sagte, dass Khaddam, der jetzt in Paris lebt, Geld von Saudi-Arabien, mit dem Wissen des Weißen Hauses, erhielt. (2005 traf sich, laut Presseberichten, eine Delegation der Heilsfront mit Mitgliedern des nationalen Sicherheitsrates der USA). Ein ehemaliger Beamter des Weißen Hauses versicherte mir, dass die Saudis die Heilsfrontmitglieder mit den nötigen Reisedokumenten ausgestattet hatten.
Jumblatt sagte, er verstehe schon, dass dies eine delikate Sache für das Weiße Haus sei. „Ich erklärte Cheney, dass einige Leute in der arabischen Welt, hauptsächlich die Ägypter“ - deren gemäßigte sunnitische Führung die ägyptische Muslim Bruderschaft seit Jahren bekämpft - “es nicht mögen werden, wenn die Vereinigten Staaten der Bruderschaft helfen. Aber, wenn Sie es nicht auf Syrien aufnehmen, werden wir im Libanon der Hisbollah Auge in Auge stehen. In einem langen Kampf – den wir ebenso gut verlieren könnten.“
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