Politisches Kapital
geschrieben am 15. Februar 2012 von Stefan Sasse
Von Stefan Sasse
Es ist ein bekanntes Phänomen in der Politik, zumal in einer parlamentarischen Idee: ein Politiker gibt bekannt, gerne im Wahlkampf, etwas Bestimmtes tun zu wollen. Nach einigen erfolglosen Versuchen, es umzusetzen, verschwindet die Idee dann in der Versenkung. Dies ist umso unverständlicher, wenn die fragliche Person eine nominell große Machtfülle hat, amerikanischer Präsident etwa oder Bundesminister. Dabei ist die Erklärung gar nicht so schwierig: Wenn man politisch etwas Erreichen will – ob es sich dabei nun um die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung, die Erhöhung des Renteneintrittsalters oder den Ausbau von Kindertagesstätten handelt – braucht man dazu politisches Kapital. Und dieses politische Kapital ist eine knappe, schwer zu erlangende Ressource. Obwohl der Begriff gelegentlich verwendet wird, ist seine Bedeutung den wenigsten Leuten klar, wenn sie die aktuellen Nachrichten verfolgen und nicht verstehen, warum es so schwierig sein kann, ein Gesetz durch das Parlament zu bringen, besonders dann, wenn die blockierenden Stellen nominell diese Macht gar nicht haben dürften. Ich will deswegen im Folgenden kurz versuchen darzustellen, wie politisches Kapital funktioniert und warum es eine so große Bedeutung im politischen Prozess besitzt.
Am Anfang steht dabei eine banale Wahrheit: die Zeit und Aufmerksamkeit einer einzelnen Person ist begrenzt. Merkel, sich mit einem Krisengipfel zu Griechenland beschäftigend, hat wenig Zeit für eine umfassende Steuerreform, die das ganze System einfacher und gerechter machen soll (toll wie einfach einem diese Phrase von den Lippen geht, so oft hat man sie gehört). Das heißt, dass jeder Politiker zwangsläufig Prioritäten setzen muss. Da viele seiner Aufgabenfelder widerstreitende Intentionen und Mechanismen besitzen, muss er Entscheidungen darüber treffen, worin er seine Aufmerksamkeit investiert. Die reine Zeit und Aufmerksamkeit eines Politikers macht die eine Hälfte seines politischen Kapitals aus. Wofür er keine Zeit hat, das kann er nicht bearbeiten. Und “bearbeiten” heißt hier nicht einfach nur im Bundestag die Hand bei der Abstimmung zu heben (oder welcher Abstimmungsmodus gerade gefordert ist), sondern das heißt, sich ins Thema einzuarbeiten und Gesetze zu schreiben, was tatsächlich ziemlich schwierig ist und überwiegend auch tatsächlich gemacht wird. Die andere Hälfte des politischen Kapitals besteht aus Beziehungen und Gefallen.
Je länger die Karriere eines Politikers dauert, desto mehr Leute kennt er, desto mehr Gefallen werden ihm geschuldet und desto mehr Leuten schuldet er etwas. Wenn, als Beispiel, ein Politiker in der Enquete-Kommission sitzt und irgendein Internet-Gesetz durchbringen will, braucht er dazu zwangsläufig die Stimmen seiner Partei, und den meisten Abgeordneten dürfte das spezifische Gesetz reichlich egal sein. Handelt es sich nicht um etwas, das ohnehin von allen Fraktionen einfach durchgewunken wird (was rund 90% aller Gesetze betrifft), so muss er sie dazu bringen, einen Teil ihrer Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren – obwohl sie das nicht vorgehabt hatten. Das kann man nicht allzu oft machen, selbst als Kanzlerin und Parteivorsitzende nicht. Um seine komplette Fraktion dazu zu bekommen, etwas Aufwändiges zu tun, muss man entsprechend viel Gewicht in die Waagschale werfen, und Leute tendieren dazu, sich solchem Aufwand zun entziehen.
Und das ist lediglich die Komponente am politischen Kapital, die direkt von den einzelnen Politikern abhängt. Zusätzlich gibt es eine ganze Reihe äußerer Faktoren, die ebenfalls daran zehren. Dies sind vor allem drei: die Medien, Interessengruppen und die eigenen Wähler. Fangen wir mit den Medien an: sie können Abgeordnete dazu zwingen, sich mit Themen zu beschäftigen, die sie vorher nicht interessiert haben – ACTA ist ein aktuelles Beispiel. Dadurch wird politisches Kapital aufgebraucht, dass sie anderweitig einsetzen könnten. Natürlich kann es auch anders herum laufen, und die Aufmerksamkeit wird durch die Medien abgelenkt (etwa weil alle über irgendeinen Sexskandal bei der Opposition berichten), so dass man im Windschatten mit deutlich weniger politischen Kapital als sonst durchkommen kann. Der zweite Faktor sind Interessengruppen, etwa Lobbyisten oder Gewerkschaften. Sie verfügen normalerweise über die Mittel, um eine bestimmte Maßnahme konstant zu verfolgen und einzufordern, was ebenfalls am verfügbaren politischen Kapital zehrt. Und zuletzt können auch die Wähler selbst politisches Kapital aufzehren, wenn sie irgendwelche Bedürfnisse stark genug artikulieren.
Selbstverständlich kann politisches Kapital nicht nur aufgezehrt, sondern auch akkumuliert werden. Neben des offensichtlichen Sammelns von Gefallen, die diese Ressource steigern, kann ein Politiker auch die öffentliche Meinung in seinem Sinne lenken, um dadurch mehr Kapital für seine eigenen Ziele anzusammeln. Ein gutes Beispiel dafür ist die aktuelle Phantom-Debatte um die Einführung einer Sonderabgabe für Kinderlose. Dieser Vorschlag war niemals ernst gemeint, und man kann es problemlos an der schnellen und entschiedenen Ablehnung Merkels erkennen. Doch es ging auch nie um die konkrete Initiative. Stattdessen ist es eine Variation des alten Themas, dass Deutschland “zu wenig Kinder bekommt” und der demographische Wandel “uns” bedroht. Nachdem der offensichtliche Unfug der Sonderabgabe abgeschmettert ist, bleibt der Gegenstand selbst zurück, nämlich eben jene Herausforderung durch die Demographie, und generiert eine Menge freier und freiwilliger Berichterstattung und Diskussion. Es wäre ungleich schwieriger gewesen, nach über einer Dekade der Dauerbombardierung mit dem Thema einfach nur die x-te Initiative für Geburtenförderung vorzubringen.
Wenn man sich diese Mechanismen klar macht versteht man auch wesentlich besser, warum Präsident Obama es immer noch nicht geschafft hat, Guantanamo zu schließen. Es erfordert schlicht mehr politisches Kapital, als er hat. Die Schließung ist unpopulär und würde alle, die dafür stimmen, deutlich kosten – und das war bereits bei der Krankenversicherungsreform der Fall, so dass ein zweites solches Projekt gerade kaum machbar ist, besonders über den aktuellen, dringenderen Problemen. Man mag das verurteilen, aber es ist Realität. Es ist übrigens auch nicht exklusiv auf parlamentarische Demokratien beschränkt; hier ist es nur am transparentesten. Selbst Diktaturen sind gezwungen, zu einem gewissen Grad die Volksmeinung zu berücksichtigen, und das Netz von Gefallen und Verbindungen ist oft wesentlich stärker als in Demokratien ausgeprägt. Es muss daher relevant sein, solche Prozesse zu verstehen, ohne sie gleich zu verdammen oder zu bejubeln. Sie sind Realität, und wer politisch aktiv sein will, muss sich ihrer bewusst sein, oder er riskiert, gegen eine Wand zu laufen. Und damit erreicht man am Allerwenigsten.
Stefan Sasse
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danke für die Aufklärung ! Ist einem tatsächlich nicht immer bewusst …
Bravo Stefan Sasse, auch mir haben sie neue Erkenntnisse verschafft. So wie sie habe ich die Sache noch nie betrachtet. Ebenfalls Dank für die Aufklärung
Ernüchternd, aber realistisch. Obama und Guantanamo kann ich mir auch nur so erklären. Die Gefahr bei diesem “politischen Kapitalismus” ist allerdings, dass er die Unterstützung seiner – idealistischen – Anhänger verliert, die ihn erst ins Präsidentenamt gebracht haben. Und bei der Wahlkampf-Finanzierung wird der Kapitalismus dann wieder ganz real.
. . . und so wird die normative Kraft des Faktischen zum Killer jeder Vision!
Wenn Politik nur noch im Sumpf des Pragmatismus herum stochert und den Kopf nicht mehr frei hat für ferne Ziele, dann verliert sich ihr Sinn völlig und die Gesellschaft erstarrt in einer Diktatur der Sachzwänge. Die Technokraten regieren.
Lohnt es sich, ein paar Minuten für das Lesen des Artikels zu verwenden oder ist es ein typischer Sasse?
Typischer Sasse. Bleib weg.
Lohnt nicht. Ein weiterer Lückenfüller, bis der Hausherr hier dicht macht.
Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht, ob du im “Real Life” schon mal mit dieser Klientel in Kontakt gekommen bist, derartige Hirnfürze fallen diesen Leuten jedenfalls auch abseits der politischen Bühne aus dem Kopf.
Das hat mit Pragmatismus gar nichts zu tun. Auch völlig idealistische oder wirre Ideen kosten politisches Kapital und können damit gemacht werden. Und genauso kostet auch eine pragmatische Idee politisches Kapital, das ist davon ja völlig unabhängig. Die Frage ist einzig und allein, wie viele Widerstände zu überwinden sind.
Aber natürlich regieren die Technokraten. Es ist erstaunlich, dass sich diese Erkenntnis noch nicht rumgesprochen hat.
Diktatur der Sachzwänge? Aber ja: kaum eine Kommune oder Stadt in NRW z.B. kann seinen Haushalt frei planen! Da gibt es Nothaushalte, Spardiktate der Bezirksregierung etc, pp.. Die Schulden steigen von Tag zu Tag. In wenigen Jahren potenzieren sie sich.
Visionen? Nein – nur die Sicherheit, dass der Staat und die Kommune NICHT PLeite gehen können… Schuldenbremse? Tolle Erfindung. Der Technokrat von Heute verbietet es dem Technokraten von Morgen Schulden zu machen. Die Schulden sind aber schon dar, und sie werden noch von unseren Kindeskindern nicht bezahlt werden können… Tolle Perspektiven für ferne Ziele, oder?
Ich muss maguscarolus zustimmen. Wer nur noch
Realpolitik zugunsten des eigenen Machterhalts betreibt, keine politischen Visionen hat und rein pragmatisch agiert, handelt stets im Interesse der Vermögenden und nie für das Volk. Wo wir ohne Werte, Humanismus und Menschenliebe hinkommen, können wir gerade alle beobachten.
Stefan, Du hast die politischen Mechanismen zwar gut beschrieben, sie rufen bei mir dennoch kein Verständnis für den armen Obama hervor. Ich fühle mit den zu Unrecht Misshandelten und zu Unrecht Gefolterten in Guantanamo und nicht mit dem Sachzwang-Getriebenen Obama. Für den Libyenkrieg und Guantanamo müsste ihm der Friedesnobelpreis wieder aberkannt werden
(In Libyen waren doch eher Frankreich und GB, aber natürlich läuft ohne die USA nichts.)
Der Artikel erscheint – neben dem etwas einfachen Erklärungsansatz – doch etwas unvollständig: was ist mit dem politischen Kapital, das eine Opposition mit Blockademöglichkeiten verwendet? Blockieren (oder dessen Anschein) kann Ansehen (beim Wähler) kosten oder aber mehren.
Ist völlig richtig. Aber der Mechanismus ist derselbe. Die Regierung hat normalerweise schlicht mehr Kapital, weil ihr Machtinstrumente und Agenda-Setting zur Verfügung stehen und tendentiell mehr Institutionen für sie arbeiten, aber das ändert nichts am Prozess.
Grundsätzlich ist fraglich, ob man für die Politik im Nachhinein eine Erklärung finden will, die das Geschehene vernotwendigt.
Hmm, das scheint eher die Spitze des Eisbergs zu sein. Bekanntlich ist das Wort politisches Kapital ja einem franz. Soziologen entstammend. Darin sind wesentlich die Kräfte im Feld des Politischen, die sich in einem (allen) Politiker(n) inkorporieren und wodurch dieser wiederum die Kräfte prägt. Und dafür ist vor allem so etwas wie Gespür der Drehpunkt, unbewusste Handlungstendenzen und deren mögliche Kraft im Feld, nicht Zeit und Aufmerksamkeit. Kapital steht da für so etwas wie Möglichkeiten. Der Positivist ereifert sich wahrscheinlich am Wort Gespür, das erscheint ihm so diffus. Nun, man kann auch nicht mit einer Brechstange ein feines Uhrwerk auseinander nehmen.
ad Obama: Er hätte sehr wohl des politische Kapital gehabt, Guantanamo zu schließen. Da geht es um ein paar Hundert Menschen. Die sind in 3 Stunden frei und auf dem Weg in ihre Heimat. Punkt, aus, Ende. Zwei Tage nachher redet niemand mehr davon. Er hätte noch viel mehr Kapital gehabt, wenn er seine konstruierte Verbindung zur Bevölkerung aufrecht erhalten und genutzt hätte. Die Frage ist eher, warum diese Strategie nicht weiter verfolgt wurde. Er hätte sie ja auch ausbauen können. Vermutlich ist die Erklärung dafür viel banaler als Zeit und Aufmerksamkeit.
War mir nicht bekannt. Wer?
Das halte ich für extrem naiv. Klar ist die Schließung nichts Besonderes. Aber glaubst du, die Republikaner “reden dann nicht mehr davon”? Das sind die Jungs, die monatelang behauptet haben, er sei Moslem und Kenianer! Die hätten ihm das permanent um den Hals gehängt, und jedes noch so kleine Problem mit den Ex-Gefangenen wäre sofort hochgekocht worden. Das ist ja ein Field Day und baut dir selber pol. Kapital in Massen! “Weak on national security” ist das Todesurteil für jeden amerikanischen Präsidenten.
Ja, so ist es leider.
Versprechungen und Forderungen werden aber nicht nur laufend im Wahlkampf gemacht, sondern auch dazwischen. Ein Beispiel ist U.v.L. Sie fordert höhere Tariflöhne als Folge der guten Wirtschaftslage, aber in ihren eigenen Endscheidungsbereichen (z.B. Renten, Hartz) macht sie fast nichts.
Dieser “Faktenscheck” sollte laufend erfolgen, wie es im begrenzten Umfang auch durch die NDS versucht wird.
Absolut.
Im Vergleich zu manchen seiner Friedensnobelpreis-Kollegen wie Arafat oder Kissinger erscheint Obama noch immer wie eine weiße Friedenstaube.
Zu kritisieren wäre hier weniger der Libyenkrieg (an dem sich die USA so minimal wie möglich beteiligten) sondern die enorme Ausweitung der Drohnenkriegsführung unter Obama, welche eine hohe Anzahl ziviler Opfer in Afghanistan und Pakistan fordert und mit dazu führt auch die Atommacht Pakistan in die Arme der Islamisten zu treiben. Obama lässt per Fernsteuerung mittlerweile selbst amerikanische Staatsbürger ohne Festnahme und Gerichtsverfahren ermorden, womit er ungestört nicht nur Völkerrecht bricht sondern auch die amerikanische Verfassung – dies wagte nicht einmal George Bush.
Im Endeffekt hat er die Sicherheitspolitik seines Vorgängers nahtlos fortgesetzt, sowohl im Inneren als auch im Äußeren.
Dies führt uns zu einem weiteren wichtigen Begriff aus den Sozialwissenschaften welcher für das Verstehen von Politik unerlässlich ist:
Pfadabhängigkeit
Einen über längere Zeit eingeschlagenen Pfad (wie die Außen- oder Steuerpolitik der Republikaner) wieder zu verlassen und eine radikale Umkehr der bisherigen Politik durchzuführen – so wie sich das viele Naivlinge gerade in Europa von Obama versprochen hatten – erfordert eine derartige Menge politischen Kapitals, dass dies schlichtweg von einer Einzelperson ohne breite organisatorische Unterstützung nicht erreichbar ist.
Um dies zu erreichen hätte es 2008 nicht nur eines neuen Präsidenten, sondern auch eines brandneuen Kongresses ohne den jahrzehntealten Klüngel der voneinander überwiegend austauschbaren Republikaner und Demokraten gebraucht.
Wir kennen dies auch aus Deutschland – der Machtwechsel 1998 führte auch nicht zu einem Bruch mit dem System Kohl, sondern abgesehen von harmlosen Exotenthemen (Homoehe, Dosenpfand etc.) zur Fortsetzung und sogar zum Ausbau des Systems Kohl durch Rot-Grün in allen wesentlichen Politikbereichen wie der Steuer- und Sozialpolitik (Privatisierung, Deregulierung, Steuersenkungen für Reiche, Verarmung der öffentlichen Kassen, Ausbau der militärischen Außenpolitik etc.).
Auch eine Regierung unter Beteiligung der hier oft vergötterten Linkspartei hat auf Landesebene nicht zu einem grundsätzlichen Bruch des Systems geführt, sondern allenfalls zu einer Abbremsung der Geschwindigkeit mit welcher der eingeschlagene Pfad (Neoliberalismus) beschritten wird.
Mehr brauchen wir uns auch 2013 nicht erwarten, wenn es wieder eine große Koalition unter Kanzlerin Merkel und einem zahnlosen SPD-Lakaien geben wird.
Ich fürchte Du hast Recht. Was sich mir nicht erschliesst, ist der rasche Wechsel in der Atompolitik unseres Landes nach Fukushima. 180° Wende, trotz manifester gegenteiliger Interessen aus Wirtschaft und Politik. Wer hat die Reißleine wie und warum gezogen? Warum haben alle in der Regierung mehr oder minder klaglos diesen Wandel mitgemacht? Warum NUR in Deutschland, aber nicht in Frankreich oder den USA (- wo gerade wieder munter drauflosgebaut wird…)? Gibt es hierfür eine einleuchtende Erklärung – ausser dass es natürlich mehr als vernünftig ist…?
Naja, die Wählermeinung hat in Deutschland eine klare Wandlung durchgemacht, und in den USA und Frankreich nicht. Und ohne Wähler keine Politik. Es zeigt auch einmal mehr, dass aller Lobbyismus und alles Geld nicht hilft, wenn du keine Wähler überzeugen kannst.
Nein, das ist so m.E. nicht richtig und verdreht die Zustände. Denn gerade für die soziale Wohlfahrt benötigt man in unserem “real existierenden” System zunächst einmal finanzielle Spielräume, also “richtiges” Kapital. Da aber fast alle Parteien/ Politiker mehr oder weniger dem neoliberalen Katechismus verfallen sind, ist der Staat relativ schwach und finanziell ausgehungert, d.h. die Knete für soziale Wohltaten steht nicht breit und wird auch nicht durch Steuererhöhungen bereitgestellt. Im Gegenteil wahrscheinlich muss in diesem Bereich zukünftig natürlich alternativlos gespart werden (m.E. gehen uns die Griechen dabei nur ein kleines Stück voraus).
In Zeiten des Wahlkampfs allerdings, müssen die Politiker dem Volke (mehr oder weniger) mögliche Handlungsspielräume suggerieren, die sich dann nach der Wahl oft als nicht finanzierbar herausstellen. Es ist also immer wieder ein Spagat zwischen Anschein und Wirklichkeit, wobei es mich immer mehr wundert wie oft die damit schon durchgekommen sind.
Quelle
Demnach ist vieles was bei Politikern/ Parteien wie “politisches Kapital” erscheinen mag gar nicht erst vorhanden, und weil damit auch die politischen Optionen obsolet sind gibt es immer wieder den Widerspruch zwischen Anschein (z.B. Aussagen des Parteiprogramm) und Wirklichkeit. Was mich nur dabei immer mehr wundert ist das Wahlverhalten der Wähler, oder gibt es so viele Fans von “Und täglich grüßt das Murmeltier”? ;)
Soziale Wohlfahrt braucht noch vor der Finanzierung erst mal die Gesetze, sonst hast du für das Geld ja gar kein Ziel.
Interessanter Artikel über Grundsätzlichkeiten; typisch Sasse eben.
Ich würde dieses “politische Kapital” jedoch nicht als Ressource bezeichnen – vielmehr als Aktie, deren Wert je nachdem fällt oder steigt. Der Wert der eigenen Aktie verändert sich auch ohne eigenes Zutun, alleine durch Fehler der politischen Gegner (wie beim Beispiel mit dem Sexskandal).
Ein Sexskandal in Teutschland? Erbitte Einzelheiten. ;)
P.S.: Alles nur ein Gag
Wenn die Namen Merkel und/oder Westerwelle darin vorkommen, müssen keine Einzelheiten sein….
Vielleicht der Gysi mit Marie-Christine Ostermann?
Iiiiih, welch perverse Phantasie… ;-)
Grüße
Mir scheint die Analogie des “politischen Kapitals” zum Wert einer Aktie auch naheliegender als die Analogie zu Kapital schlechthin, denn so wie man den “Wert” einer Aktie klassisch nur beim Verkauf im richtigen Zeitpunkt realisieren kann, so ist auch politisches Kapital nur nutzbar, wenn es im richtigen Augenblick eingesetzt wird. Ebenso hängt sein Wert in vollständig irrationaler Art und Weise von “Stimmungen” ab, kann von einem Tag zum anderen vollkommen entwertet sein, oder durch “Hoffnungen” in völlig unangemessene Höhen steigen.
Wann platzt die Blase? Schreibt jetzt jemand am “Das Kapital” Band4?
Hallo Stefan,
Du schaffst es immer wieder komplexe Zusammenhänge in kurze, prägnante Analysen zu fassen. Das ist wunderbar. Herrlich ist es, dann auch noch tatsächlich Marxsches Vokabular einzubauen. Und ich finde – das trifft es hervorragend! Historische, politische Zusammenhänge mit psychologischen Erklärungen zu koppeln: dass schafft so nicht jeder!
Ich stimme Dir grundsätzlich in Deinen Analysen zu. Ich denke: Kommunikation ist alles! Netzwerkarbeit ist alles! Mit den richtigen Verbindungen werden Grundsteine für Karrieren gelegt. Die Macht der Medien ist scheinbar gewaltig. Die Medien haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten: sie benötigen jeden Tag eine neue Schlagzeile, eine neue Sau die durchs Dorf getrieben werden kann. Sex sells! Aber in unserer “Mediokratie” ist es auch möglich, dass ein beleidigter Chefredakteur peu´a´peu´einen Bundespräsidenten “an die Wand nagelt”. Nicht schön, aber effektiv. So werden Karrieren gemacht (a la Guttenberg…) oder eben auch zerstört. Man könnte es den persönlichen Faktor nennen. Dieser ist sicherlich auch wie “Politisches Kapital” bewertbar.
Es wäre interessant hierfür eine Art mathematische Formel aufzustellen, um den Stellenwert eines Politikers bemessen zu können. Ich vermute, dass dieses auch schon in der einen oder anderen Form so geschieht: in den Redaktionen, genauso wie in den Parteizentralen.
Spannend wäre es auch Deine beiden Beispiele: Merkel und Obama an dieser Stelle einmal genau zu untersuchen und zu vergleichen. Wer geht mit welcher (politischen, Wähler-, Medien-)Macht(fülle) wie um? Welche Faktoren sind in der amerikanischen Politik anders, welche sind gleich mit der in der bundesdeutschen Poltik? Durch was unterscheiden Sie sich? Ist das Politische Kapital gleich dem individuellen Einfluß- und Machtfaktor? Oder ergibt sich dieses immer erst in der Zusammenschau des Netzwerkes des einzelnen Politikers/ der einzelnen Partei ? Das ist doch fast schon ein Thema für eine Dissertation…
Von einer mathematischen Formel würde ich die Finger lassen. Die würde eine Berechenbarkeit vortäuschen, wo keine existiert.
Ich muss dem Autor meinen Glückwunsch aussprechen, er ist mit dem Satz:
als deutscher Linker da angekommen, wo angelsächsische Denker, schon vor über 50 Jahren angelangt sind:
Zur Betrachtung der Politik als Marktplatz, auf dem sich von Eigeninteresse gesteuerte Akteure tummeln; zur “Public Choice Theory”. Wie steht in der deutschsprachigen Wikipedia:
Jedem, der sich mit diesem Themenfeld beschäftigen möchte, kann ich nur empfehlen, sich mit den Erfahrungen des britischen Premierministers James George Hacker vertraut zu machen. Sapienti sat.
Dass man Politik auch verkaufen und vermitteln können muss war doch schon immer ein Defizit der Linken und mit ein Grund wieso wir in der Geschichte der Bundesrepublik nur von 69 bis 82 eine als “links” anzusehende Regierung hatten (die zweite SPD-Regierungsperiode von 98 bis 09 schließe ich aus offensichtlichen Gründen nicht beim Terminus “links” mit ein). In 62 Jahren Bundesrepublik wurden wir also zu 80 % von Rechts- oder Mitte-Rechts-Koalitionen regiert.
Die Rechten können dies besser, sind professioneller, treten nach außen hin geschlossener auf, da die Linken zudem von den eher konservativen Obere Mittelschicht-Chefredakteuren der Massenmedien kritischer beäugt werden als die Rechten, potenziert sich dieser Eindruck fehlender Professionalität noch.
Bestes Beispiel dazu ist die Außenwahrnehmung der Linkspartei als desorganisierter Sauhaufen in dem verschiedene Flügel gegeneinander kämpfen, exemplarisch sei da nur der bayerische Landesverband genannt aus dem jüngst ein Strategiepapier geleakt wurde in dem detailliert beschrieben wird wie Realo-Linke die Fundi-Linken fertig- und mundtot machen können.
Das macht auf den Wähler genau den Eindruck den SPD, CDU und Co. immer wieder gebetsmühlartig wiederholen: Die Linke ist unseriös, nicht verlässlich, wer nicht einmal seinen eigenen Laden im Griff hat kann nicht Deutschland regieren.
DAS ist es was beim Wähler haften bleibt, anstelle der Tatsache dass die Mehrheit der Wähler bei den wichtigsten Politikthemen wie z.B. dem Mindestlohn oder Auslandseinsätzen sich eher im Programm der Linkspartei wiederfinden würden als bei Union oder SPD.
Es gelingt der Linken bisher nicht, dies zu vermitteln.