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  • Das Parteiensystem der Weimarer Republik

    geschrieben am 05. Mai 2012 von Stefan Sasse

    Von Stefan Sasse

    Das Parteiensystem der Weimarer Republik besitzt sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten mit dem Parteiensystem der Bonner und Berliner Republik. Die Funktion der Parteien selbst, ihre Rolle für das Funktionieren und Scheitern der Republik sind sowohl unterschiedlich als auch für das Verständnis für die Geschichte Weimars und ihres Scheiterns essentiell. Es ist viel von den Geburtsfehlern Weimars gesprochen worden. Retrospektiv ist das Scheitern natürlich leicht festzustellen; dazu bedarf es nicht viel. Der langsame, siechende Tod der Republik in den frühen Dreißiger Jahren ist dafür viel zu offenkundig. Es ist jedoch die Rolle der Parteien und ihre Funktionsweise in Weimar, die wichtig für dieses Siechen ist, und hier kann es nicht nur um die Rolle der inhärent demokratiefeindlichen Parteien von rechts und links gehen, die ab 1930 eine demokratische Mehrheit unmöglich machten. Bereits in der Anlage der Parteien in Weimar finden sich Probleme, Probleme, die ihrerseits aus dem Kaiserreich mitgeschleppt wurden und die 1949 die Gründung der BRD entscheidend mitprägten.

    Nimmt man die Verfassung der Weimarer Republik, so fällt vor allem das Fehlen der Parteien auf. Ihnen ist keine substantielle konstitutionelle Rolle zugewiesen. Stattdessen konstituiert sie ein reines Verhältniswahlrecht mit relativ großen Wahlkreisen; für jeweils rund 60.000 Stimmen wird ein Sitz im Reichstag vergeben (was mit sinkender Wahlbeteiligung zu einem schrumpfenden Reichstag und entsprechend einem Interesse der Abgeordneten am Vermeiden von Auflösung und Neuwahl führt, was besonders in der Endphase Weimars relevant wird). Der Grund für das fast schamhafte Vermeiden einer Festlegung der Rolle der Parteien in der Verfassung liegt im (selbst heute noch) notorisch schlechten Ruf der Parteien begründet. Im Kaiserreich war die Exekutive aus Kanzler, Kaiser und Regierung dem Parlament nicht verantwortlich, das über seine Budgetrechte aber eine starke Oppositionsrolle ausüben konnte. Es wurde sowohl von der Bevölkerung als auch von den Abgeordneten selbst vorrangig als ein solches Oppositionsinstrument empfunden. Die Parteien fühlten sich den Anliegen ihrer Wähler verantwortlich, nicht dem Staatswesen als Ganzes.

    Diese Einstellung wurde fast nahtlos in die Weimarer Republik überführt. Die zögerliche, fast widerwillige Machtübernahme von SPD, Zentrum und DDP in der Revolution legt davon beredtes Zeugnis ab; die Schaffung der starken Kompetenzen des Reichspräsidenten gerade in Unabhängigkeit vom Parlament ist Ausdruck dieses generellen Misstrauens. Die Parteien waren nicht dazu bereit, tatsächlich Verantwortung für das Staatswesen zu übernehmen und Kompromisse zu schließen. Waren Kernforderungen nicht umsetzbar, weil Rücksicht auf Koalitionspartner genommen werden musste, lies man im Zweifel eher die Regierung platzen und zog sich in die Opposition zurück. Sehr spezifisch für Weimar war außerdem das Problem, dass eine große Zahl der im Reichstag vertretenen Parteien der Republik feindlich oder bestenfalls neutral gegenüberstanden. Hinter dem neuen Staat standen rückhaltlos eigentlich nur SPD und DDP. Das Zentrum war wohlwollend neutral, konnte aber auch mit monarchisch-reaktionären Kräften zusammenarbeiten, genauso wie die DVP. KPD, DNVP und später NSDAP waren klar republikfeindlich. Nur in einem sehr kurzen Zeitraum 1925 bis 1928 stellten sich auch die Rechtsparteien hinter die Republik. Bevor eine detailliertere Analyse dieser Situation durchgeführt werden kann müssen wir uns die Parteien aber genauer ansehen.

    Ganz links in diesem System befindet sich die KPD. Sie ging aus dem radikalen Flügel der USPD und dem Spartakusbund hervor und lehnte die Demokratie als System des Klassenfeindes ab. Stattdessen propagierte sie ein an die Sowjetunion angelehntes Rätesystem. War sie 1919/20 noch eine Splitterpartei, klein, unbedeutend und von inneren Machtkämpfen und politischen Säuberungen erschüttert, brachte ihr das Auseinanderbrechen der USPD bis 1922 einen massiven Mitgliederschub, der sie durch die Weimarer Republik hindurch trug. Obwohl die Partei bereits in den frühen 1920er Jahren schwere Niederlagen einstecken musste (unter anderem in den Ruhrkämpfen und bei einem missglückten Aufstand) und dabei fast die Hälfte ihrer Mitglieder verlor, gelang es ihr, sich zu einer straff organisierten Kaderpartei zu entwickeln. Sie machte der SPD, die sich getreu der Moskauer Vorgabe („rot lackierte Faschisten“) zu ihrem Hauptgegner auserkoren hatte, stets Druck von links. Zusammen mit der NSDAP gehörte die KPD zu den großen Gewinnern am Ende der Weimarer Republik und kam am Ende auf beinahe 20% der Wählerstimmen.

    Die Ausrichtung der Partei war dabei stramm auf Moskau ausgerichtet. Die KPD war geradezu eine Marionette des Komintern und gehorchte allen Weisungen aus der Sowjetunion. Am weitreichendsten war dabei sicherlich die Direktive, nicht die extreme Rechte als Hauptgegner zu betrachten – wie es ja auch angesichts der verschiedenen Ideologien Sinn gemacht hätte – sondern sich auf die Sozialdemokratie einzuschießen. Jegliche Zusammenarbeit zwischen beiden Strömungen wurde dadurch verhindert, was sich in der Endphase Weimars als tödlich herausstellen sollte. Als die NSDAP und die KPD 1932 örtlich begrenzt bei Streiks gegen die Republik Hand in Hand arbeiteten war die fatale Absurdität dieser Situation klar ersichtlich.

    Auf dem linken demokratischen Flügel der Republik findet sich die SPD, anfangs noch mit Elementen der USPD (beide Parteien vereinigten sich 1922). Die Spaltung der Sozialdemokratie während des Krieges hatte dazu geführt, dass die gemäßigten Elemente der SPD die Oberhand vor den radikaleren Strömungen erhielten und Koalitionsregierungen mit den Bürgerlichen bildeten. Zu Beginn der Republik unternahm die SPD eine zaghafte Öffnung ihrer Wählerbasis von den Arbeitern hin zu den Angestellten und Intellektuellen, die jedoch im Großen und Ganzen erfolglos blieb. Als die gemäßigten Elemente der USPD sich 1922 mit der SPD wiedervereinigten, rückte die Partei deutlich nach links, was Koalitionen mit den Bürgerlichen erschwerte. Das resultierende Heidelberger Programm 1925 war rhetorisch stark von den Ideen des Klassenkampfes a la Marx geprägt, ohne den Worten dabei Taten folgen zu lassen, wodurch die SPD sowohl die linke Basis als auch mögliche Koalitionspartner misstrauisch machte und ihr entfremdete.

    Die Sozialdemokraten standen unter einem furchtbaren Dilemma: einerseits hatten sie sich einen demokratischen Staat und die Regierungsverantwortung immer erstrebt, andererseits war die Republik mehrheitlich nicht sozialdemokratisch, so dass das Bekenntnis zu ihr stets mit Bauchschmerzen verbunden war. In jeder Regierung konnten Kernforderungen, besonders im Bereich sozialer Reformen, nicht umgesetzt werden, weil Zentrum und Liberale sich dagegenstellten. Entsprechend verliefen Regierungen für die SPD enttäuschend und mit Wählerverlusten, was eine Lust nach der Oppositionsrolle nach sich zog, wo man klare Gegner hatte und die eigenen Anhänger wieder mobilisieren konnte.

    Die demokratische “Mitte” der Republik wurde von den Liberalen gebildet. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 erhielt die DDP, die die Hoffnung auf eine liberale Sammlungspartei gehabt hatte, noch ein gutes Ergebnis. In ihr sammelten sich die republikanisch gesinnten, aber individualistischen Liberalen der Kaiserzeit. Eine echte Parteistruktur konnte nicht etabliert werden; ein verlässlicher Partner konnte die DDP deswegen selten sein. Zudem misslang die Sammlung; in der DVP fand sich von Beginn eine nationalliberale, tendenziell rechtsliberale Partei. Ohne eine Parteiorganisation waren die Liberalen stark auf Spenden aus in der Industrie angewiesen, die die großen Wahlkreise ausnutzend starken Einfluss auf die Listen der Partei nahm und die Liberalen schnell zu einer Interesenvetretung des Großkapitals machte. Konsequent schwierig waren Koalitionen etwa mit der SPD, und die DDP verlor immer mehr Wähler, bis sie zum Ende Weimars auf den Status einer Splitterpartei reduziert war. Die liberal gesinnten Bürger fanden keine neue politische Heimat und stärkten tendenziell die Rechtsparteien.

    Beständig zwischen diesen beiden Polen mäanderte die DVP, die mal rechte, mal liberale Tendenzen dominieren ließ und mit demokratischen wie autoritären Kräften koalitionsfähig war. Sie wurde nie zu einer großen Partei, war jedoch elementar für die Stabilisierung der Republik ab 1923/24. Das Schlagwort, geprägt vor allem von ihrem Vorsitzenden Gustav Stresemann, war “Republikanismus aus Vernunft”. Man stellte sich hinter den neuen Staat, nicht begeistert, aber immerhin loyal. Dieser Sinneswandel der DVP brachte sogar die autoritär-radikale DNVP mit ins Boot, die in verschiedenen Koalitionsregierungen beteiligt war. Ab 1929/30 aber rutschte die DNVP unter ihrem Vorsitzenden Hugenberg stark nach rechts ab, während die DVP in der Bedeutungslosigkeit verschwand.

    Die letzte der demokratischen Parteien war das Zentrum. Zusammen mit der DDP hatte es bereits im Krieg mit der SPD zusammengearbeitet und arbeitete mit diesen die Verfassung aus. Sie war die einzige klassenübergreifende Partei Weimars, war aber durch die Konfessionszugehörigkeit scharf von vielen Milieus abgetrennt. In ihr fanden sich sowohl patriarchische Unternehmer als auch ungelernte Facharbeiter, strenge Pfarrer und emsige Hausfrauen. Ihnen war ein konservatives Weltbild gemein, streng und patriarchalisch organisiert, sowie eine starke Orientierung an der katholischen Kirche, was ihr bereits zur Zeit des Kaiserreichs den Vorwurf der Fremdgesteuertheit, des „Ultramontismus“, eingetragen hatte.

    Das Zentrum verfügte zudem über relativ ausgeprägte Flügel. Der rechte dieser Flügel war stets latent monarchisch und autoritär und strebte eher einen ständisch organisierten Staat an. Überspitzt könnte man formulieren, dass ihm eine konservative Variante der Räteideen der Linken vorstrebte; mit republikanisch-demokratischen Idealen vereinbar war sie jedoch sicher nicht. Der linke Flügel des Zentrums dagegen, der auch nach 1945 kurzzeitig und unter Kohls Sozialminister Blühm eine gewisse Rolle spielen sollte kam von der katholischen Soziallehre her und bekannte sich auch eindeutig zu Republik und Demokratie. Verbesserungen für die Arbeiter wurden durchaus angestrebt, sollten aber dem eher konservativen Ideal nach im Konsens mit den Arbeitgebern erreicht werden. Zwischen diesen Flügeln befand sich der Großteil der Partei, der je nach Koalitionspartner mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung neigte und dem Zentrum damit großen koalitionspolitischen Spielraum gab.

    Auf dem rechten Rand des Parteienspektrums in Weimar fand sich eine ganze Reihe von Parteien. Stets vorhanden, aber nie besonders stark war etwa die Bayernpartei, in der der rechte Flügel des Zentrums der linke Flügel gewesen wäre und die für eine Abspaltung oder doch zumindest weitgehende Autonomie Bayerns vom Reich eintrat. Auch andere Splitterparteien entstanden und vergingen. Eine gewisse Dauerhaftigkeit dagegen besaß die DNVP, die Deutsch-Nationale Volkspartei. Sie wanderte im Lauf der Weimarer Republik von rechtskonservativer Opposition gegen die Republik auf eine Stelle an ihrem rechten, aber demokratischen Rand und zu Beginn der 1930er Jahre zurück. Die Anhänger der DNVP waren monarchistisch und revisionistisch und lehnten die Republik ab. In der Zeit zwischen 1924 und 1928 setzte sich allerdings eine Strömung durch, die bereit war, die Republik als eine Art Zwischenzustand zu akzeptieren und von innen heraus zu transformieren. Dies änderte sich mit der Übernahme des Parteivorsitzes durch Hugenberg, einer Art deutschen Randolph Hearst, der sie zu einer Kaderpartei umfunktionierte. Sein Plan ging nicht auf; am Ende war die DNVP nur der Steigbügelhalter Hitlers.

    Dies lag auch an einem fundamentalen Problem der Rechten in der Weimarer Republik: sie waren sich zwar einig darin, dass sie Weimar ablehnten, aber sie waren sich keineswegs einig darin, was sie an ihre Stelle setzen wollten. Sollte es ein ständisch organisierter, patriarchalischer Staat sein, eine Art romantischer Reminiszenz an eine so nie existierende deutsche Vergangenheit? Ging es um die Restauration der Monarchie, und wenn ja, mit wem? Sollte das Reich gänzlich zerteilt und eine Fürstenherrschaft hergestellt werden? Sollten Technokraten herrschen und „pragmatische“ Politik machen? Oder sollte ein charismatischer Führer die Macht an sich reißen? Die Modelle wurden alle erprobt, und eines nach dem anderen scheiterte. Das Kabinett der „Fachminister“, das Wilhelm Cuno 1923 erprobte, scheiterte kläglich. Die Monarchisten fanden nie einen Anwärter auf den Thron, der halbwegs vernünftig war, und die autoritären Kräfte fanden ebenfalls keinen tragbaren Staatsaufbau, wie sich in der Dauerkrise 1932/1933 deutlich zeigte.

    Es waren Hitler und seine NSDAP, die den Schlüssel fanden und radikal mit konservativen Traditionen brachen. Ihren Erfolg verdankte die NSDAP dem autoritären Führerprinzip auf der einen und der Betonung ihrer Massenbasis auf der anderen Seite. Mit Revolutionsrhetorik, einem scheinbaren Egalitätsanspruch und der uniformierten Anlehnung an das Kriegserlebnis hob sie sich deutlich von dem Elitendünkel der alten Eliten ab und stand gleichzeitig in radikaler Opposition zu Weimar. Aus dieser Attraktivität, und nicht einfach nur aus den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen, speist sich ihr Aufstieg in den frühen 1930er Jahren.

    Es stellt sich zum Ende hin die Frage, ob diese Parteien Weimer überhaupt tragen konnten. Der allgemeine Hass, die Verachtung oder doch zumindest stille Resignation, die den Parteien entgegen schlug, machte ihre Arbeit von Anfang an sehr schwer. Dazu kam, dass eigentlich nur drei Parteien die demokratische Verfassung des Staates trugen, von denen eine – das Zentrum – auch mit die Republik ablehnenden Rechtsextremen zusammenarbeitete und die andere – die DDP – rapide an Bedeutung verlor. Obwohl die SPD, sehr zum Missvergnügen ihrer Anhänger und ihrer verlorenen Söhne bei USPD und KPD, bei der Verfassungskonstruktion Weimars viel Boden preisgegeben hatte, war sie die einzige Partei, die den Staat vorbehaltlos trug. Die Weimarer Republik war sehr weit vom sozialdemokratischen Ideal entfernt, und trotzdem war er der Staat der SPD. Dass nicht einmal sie sich wirklich für ihn erwärmen mochte, und wohl auch nicht konnte, zeigt die Probleme deutlich auf.

    Trotzdem gab es zwei Perioden, in denen der Staat eine Chance zu haben schien. Dies waren die Regierungszeit der „Weimarer Koalition“ aus DDP, Zentrum und SPD zu Beginn der 1920er Jahre und, zusammen mit der DVP, als „Große Koalition“ 1928-1930, sowie die Zeit der Rechtskoalitionen zwischen 1925 und 1928. Die Weimarer Koalition und später die Große Koalition litten stets unter dem Flügelproblem: nie waren ihre äußeren Flügel mit den Ergebnissen zufrieden, musste blockierende Symbolpolitik zur Besänftigung betrieben werden, die schließlich zum Koalitionsbruch führte, weil niemand zum Gesichtsverlust bereit war. Die SPD kompensierte dies über ausgedehnte Perioden dadurch, dass sie liberal-konservative Minderheitsregierungen unterstütze, aber eine stabile Regierung konnte dadurch nie entstehen.

    Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 eröffnete der Republik dann eine zweite Chance: die DNVP kam plötzlich als Spieler im demokratischen System mit an Bord und eröffnete der Republik ein rechtes Standbein. Was bisher reine Opposition gegen den Staat gewesen war, arbeitete nun mit – ein Novum in ihrer Geschichte, und ein kurzlebiges dazu. Die Regierungsbeteiligung der DNVP markierte trotzdem eine Zäsur, die nicht unterschätzt werden darf. Wäre es möglich gewesen, die Partei längerfristig an die Republik zu binden, hätte sie vielleicht eine Chance gehabt. So aber wandelte sich die DNVP nach dem Bruch der Regierung 1928 und dem Antritt der Großen Koalition erneut zur radikalen, die Republik ablehnenden Oppositionspartei, die durch ihren neuen Vorsitzenden Hugenberg deutlich verschärft wurde. Das Spiel von Opposition und Regierung und der reibungslose Übergang zwischen diesen politischen Aggregatszuständen aber ist elementar für das Funktionieren einer Demokratie; sein erstes Anstehen daher immer eine Wasserscheide in ihrer Geschichte, ob in Weimar 1928, in den USA 1800 oder in der BRD 1969. Verweigert sich eine Partei diesem Wechsel und den demokratischen Spielregeln, ist das System zum Scheitern verurteilt.

    Stefan Sasse

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    Tags: Deutschland
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    95 Kommentare:

    1. Frank Reichelt schrieb am 5. Mai 2012 um 08:35 - Permalink

      Kompliment!
      Eine treffende und spannend zu lesende Analyse des Parteiensystems der Weimarer Republik.
      Zu Beginn der Bundesrepublik nach dem Krieg war es ein genialer Schachzug der Konservativen, dass katholisch gebundene Zentrum nicht wiederzubeleben, sondern die überkonfessionelle CDU zu gründen.
      Der Artikel wäre perfekt, wenn man das h aus Blüm noch streichen würde!

    2. JackNoway schrieb am 5. Mai 2012 um 10:11 - Permalink

      Liest sich, als hätte es ein Elftklässler geschrieben. Vieles wird einfach so in den Raum gestellt, manche Fakten werden tendenziös verwendet, was das Gesamtbild nicht besser macht.

      Bei manchen “Argumenten” und deren “Schlussfolgerungen” sollte einmal der Unterschied zwsichen Kausalität und Korrelation nachgeschlagen werden.

    3. R_Winter schrieb am 5. Mai 2012 um 11:13 - Permalink

      Der Artikel beschreibt das Verhältnis der Parteien in der Weimarer Republik, aber nicht das Machtgefüge auf. Die Parteien sind fast unbedeutend für das Machtgefüge zwischen 1919 und 1932, da die wirkliche Macht in anderen Händen lag: Den Vertreter der Zentralbanken von Deutschland (Schacht), USA (Strong), England (Norman) und Frankreich (Moreau). Sie hatten die Weichen gestellt über das Wohl ihrer Länder mit weitgehend unfähige Politikern.

      Mayer Amschel Rothschild (1744 – 1812) Begründete des Hauses Rothschild, hatte zu recht festgestellt:

      “Wenn ich das Geld eines Landes herausgeben und kontrollieren kann,
      kümmert es mich nicht, wer die Gesetze schreibt”

      Die politischen Verhältnisse haben sich nicht verändert, nur entscheiden heute nicht die Vorstände der Zentralbanken, sondern die Vorstände weniger international tätiger Geschäftsbanken. Ein langatmige Beschäftigung mit den Parteien mag für Historiker interessant sein, zeigt aber in keinem Fall das wirklichen Machtgefüge gestern und heute auf, sondern lenkt ab von den wirklichen politischen Machtstrukturen.

      • Frank Reichelt schrieb am 5. Mai 2012 um 11:26 - Permalink

        Der Artikel heißt ja auch “Das PARTEIENSYSTEM der Weimarer Republik” und nicht “Das Machtsystem der Weimarer Republik”.

        Diesen Artikel können sie ja schreiben!

    4. Heldentasse schrieb am 5. Mai 2012 um 11:34 - Permalink

      @Stefan Sasse
      Vielen Dank für diesen Artikel der m.E. zwar nicht ganz perfekt ist (z.B. was haben Adjektive “strenge …”, “emsige …” in einer historischen Betrachtung des Wahlverhalten zu suchen?) aber wie (fast) immer zum Nachdenken motiviert.

      …daher immer eine Wasserscheide in ihrer Geschichte, ob in Weimar 1928, in den USA 1800 oder in der BRD 1969. Verweigert sich eine Partei diesem Wechsel und den demokratischen Spielregeln, ist das System zum Scheitern verurteilt.

      M.E. liegen die Ursachen tiefer, denn die erste Deutsche Republik war im Volk, das mehrheitlich durch die unselige Kaiserzeit stark geprägt war, nie vollständig akzeptiert. Hinzu kamen diverse Krisen die der ersten Demokratie als Ursache “in die Schuhe” geschoben wurden. Ich glaube/ vermute, dass eine analoge Entwicklung (nicht nur bei uns) auch heute noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzt, nämlich dann wenn wir unseren (relativen) Wohlstand verlieren werden. Man beachte bitte dazu die ernst zu nehmenden Entwicklungen in Griechenland, die mich sehr stark an die Weimarer Verhältnisse erinnert.

    5. PeWi schrieb am 5. Mai 2012 um 14:51 - Permalink

      Die KPD lehnte die Demokratie nicht als solche ab, sondern die parlamentarischen “Schwatzbuden”. Es zeigt sich heute, dass sie Recht hatten und haben. Die Räte waren dem wirklich demokratischen Gedanken verpflichtet. Was dann daraus wurde, steht auf einem völlig anderem Blatt. Man sollte aber den Gedanken sorgsamer formulieren.

      • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 17:43 - Permalink

        Die KPD ist nicht die Partei der Räte, das war die USPD. Die KPD schwenkte sehr schnell auf den Moskauer Kurs ein, der ab spätestens 1924 mit Demokratie nichts, aber auch gar nichts am Hut hatte.

        • PeWi schrieb am 5. Mai 2012 um 18:34 - Permalink

          Das ist schlicht und ergreifend falsch. Sie haben nur etwas völlig anderes unter Demokratie verstanden, als man als Anhänger der parlamentarischen Demokratie versteht. Lenin verstand Demokratie so, dass alle rechenschaftspflichtig zueinander sind und IHREN WÄHLER verantwortlich. Wenn wir diesen Grundsatz heute verinnerlichten, würden wir nicht den Demokratieresten hinterherweinen müssen. Ihr Blickwinkel ist zu einseitig – leider und antikommunistische geprägt und hält den Fakten nicht stand. Dazu dürfen auch die damaligen geschichtlichen Verhältnisse nicht vernachlässigt werden. In der Sowjetunion wurde versucht, etwas völlig Neues aufzubauen unter den ökonomisch schwierigsten Zuständen. Das Zarenreich hatte eine völlig zerrüttete Ökonomie hinterlassen, es wurden z.B. Menschenleiber zum Reinigen von Rohren in der Öl”industrie” eingesetzt. Das ist durch historische Filmaufnahmen belegt. Des Weiteren gab es beim Aufbau dieser völlig neuen Gesellschaft Widerstand von denen die man enteignete, was man ja auch verstehen kann, bis hin zum Aufstellen z.B. in der Ukraine von polnischen Trupps, die über die Grenze kamen und Krieg führten. Die Widerstände von Besitzenden zu überwinden, hatte den Keim dessen inne, was heutzutage so leichtfertig als Diktatur geschmäht wird. Es war beides Demokratie und Diktatur, aber eben so etwas lässt sich nicht in ein paar Zeilen begründen und mit ein paar Schlagworten abtun, sondern bedarf schon einer sorgfältigeren Recherche und nicht das Nachreden heutzutage üblicher Formeln und wenn man das gemacht hat, kann man sich auch ein Bild von den Fehlern machen, die zum Scheitern einer besseren Gesellschaftsform führten. Um so einen Post mit diesem umfangreichen Thema abzubilden, dürfen unbedingt nicht die geschichtlichen Ausgangspunkte vergessen werden. Das gleiche ist mit dem bürgerlichen Lager, wo es auch die verschiedensten Kräfte gab, wie den Nationalliberalen Külz, der von den Nazis außer Amt gejagt wurde und auch Reichstagsabgeordneter war. Er wusste, dass sich alle vereinen mussten, um demokratische Rechte auch für die Arbeiterklasse zu erlangen. Sie sehen, das Thema ist einfach zu umfangreich, um überhaupt auch ansatzweise es beleuchten zu können. Ohne geschichtliche Hintergründe zu beachten wird alles nur Ideologie und wirkt etwas kindlich bemüht. So, das wäre das Letzte, da ich glaube, dass es vergebene Liebesmühe ist. Ideologische Verblendung lässt sich nicht mit Worten auflösen. Schade.

          • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 19:43 - Permalink

            Schwierige Umstände, gewiss. Daran zweifelt keiner. Aber das ist eine Erklärung, keine Rechtfertigung. Und Zustände in Russland sind keine Begründung dafür, den gleichen Käse in Deutschland abziehen zu wollen. Hier gab es keine Zerrüttung durchs Zarenreich, keine Invasionen, nur einen sehr, sehr kurzen Bürgerkrieg.
            Dass Lenin ein anderes Demokratieverständnis hat ist mir klar. Meine Aussage im Artikel ist, dass die KPD mit Demokratie, wie es damals verstanden wurde – und heute verstanden wird – nichts am Hut hatte. Dem stimmst du ja zu. Wenn ich ein anderes System will, und das eben auch “Demokratie” nenne, dann kann ich an der Semantik herumdiskutieren. Fakt bleibt aber, dass die KPD der Weimarer Republik eine Partei war, die genausowenig zum Kompromiss bereit war wie die NSDAP. Ihre Ziele mögen edler gewesen sein, ihre Methoden lange nicht so barbarisch, aber das ändert nichts daran, dass sie keine demokratische Partei war, sofern – und das tue ich ausdrücklich – der Demokratiebegriff eines rechtsstaatlichen Systems mit Minderheitenschutz zugrundegelegt wird.

            • PeWi schrieb am 5. Mai 2012 um 22:48 - Permalink

              Lassen Sie es stecken, Sie begreifen geschichtliche Zusammenhänge nicht. Ich habe Sie überschätzt. Mein Fehler.

        • aquadraht schrieb am 6. Mai 2012 um 13:11 - Permalink

          Erst einmal: 1918-1924 sind allein schon einmal 6 von 14 Jahren Weimarer Republik, die einige Historiker schon 1930 mit der Diktatur Brünings und seiner Nachfolger enden sehen. Da ist es keinesfalls irrelevant, welche Politik die KPD bis dahin gemacht hat, und auch nachher nicht.

          Deine grobschlächtigen antikommunistischen Verallgemeinerungen werden dem in keiner Weise gerecht und sind einmal mehr primitivste SPD-Apologetik. Die KPD hat bis Mitte der zwanziger Jahre immer wieder versucht, eine Einheitsfront mit der SPD zu bilden, was von der SPD-Spitze fanatisch bekämpft wurde. Ich halte es auch für blödsinnig, die wirklichen schweren Fehler der KPD, etwa von Fischer und Maslow, aber auch von Thälmann, auf die antibolschewistische und antislawische Holzschnittparole “von der Komintern/aus Moskau gesteuert” zu reduzieren. Solange Sinowjew die Komintern leitete, hatten die deutschen Kommunisten durchaus Einfluss auf die Beschlüsse, das gilt für die Fehler wie für die (international betrachtet) auch mitunter richtigen Einschätzungen.

          Die KPD war weniger fixiert auf “Sozialfaschismus” als die Sozialdemokraten auf “Kommunazis”. Es waren wohl eher die Sozialdemokraten, deren Politiker die Kommunisten und andere Linke in den Strassen haben abknallen lassen wie in Berlin oder Hamburg, oder Morden der Rechten wohlwollend-tatenlos zusahen wie in Sachsen und Thüringen. Noch 1932 forderte Clara Zetkin im Reichstag die SPD zum Zusammengehen gegen die faschistische Gefahr auf.

          Solche “Weisheiten” aus bayerischen Schulbüchern finde ich im Spiegelfechter mehr als deplaziert.

          a^2

    6. Sylvia schrieb am 5. Mai 2012 um 16:35 - Permalink

      Ich frage mich, ob es überhaupt Sinn macht, auf diesen Beitrag, der sich durch einen gewissen bemühten Fleiß auszeichnet, zu antworten. Die gesamte Parteiengeschichte, auch die der KPD, wird aus bürgerlicher Sicht geschildert, Ursache und Wirkung werden gleichwertig nebeneinandergestellt, Fakten, die nicht ins Bild passen, werden verschwiegen, historische Zusammenhänge werden nicht hergestellt – insgesamt ist das für mich ein hervorragendes Beispiel für eine unwissenschaftliche, ahistorische Herangehensweise an solch ein Thema, einzig geleitet von einem gehörigen Schuss Antikommunismus, von der Konformität mit dem kapitalistischen System der Weimarer Republik und unter völligem Unverständnis für die welthistorische Situation dieser Zeit – eben bürgerliche Geschichtsschreibung.
      Was soll man also darauf antworten? Man möchte schließlich höflich bleiben.

      • Heldentasse schrieb am 5. Mai 2012 um 17:41 - Permalink

        @Sylvia
        Eine kurze, fundierte und natürliche sachliche Gegenposition halte ich an dieser Stelle schon für angebracht, denn mit dem Adjektiv “bürgerlich” – im Zusammenhang mit den Zuständen in der ersten Republik – kann der heute “Bürger” nichts mehr anfangen oder interpretiert es vermutlich falsch.

      • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 17:47 - Permalink

        Die “bürgerliche” Herangehensweise ist also automatisch falsch; setze ich aber eine ideologische Brille ab und eine neue auf (eine “proletarische” oder wie?), dann ist plötzlich alles gut?

      • SteinMain schrieb am 5. Mai 2012 um 18:31 - Permalink

        Da schliess ich mich an.. auch wen es eine gutgemeinte Geschichte der Parteien der Weimarer Republik sein soll… fragt sich doch…. WAS hat eigentlich damals in Deutschland eine Sowjetrepublik verhindert ? insgesamt wäre das doch stabiler gewesen und hätte einiges Unheil verhindert.

        • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 19:45 - Permalink

          Eine Sowjetrepublik…stabil? Aber ich kann dir sagen, was sie verhindert hat: die innige Ablehnung der Idee durch rund die Hälfte der Bevölkerung, die Gewehre der Freikorps, die Gewalt der Gegenrevolution. Nichts davon ist stabil. Deutschland war und ist ein strukturkonservatives Land. Die Räte wurden teils durch politische Intrigen beseitigt, teils durch nackte Gewalt, aber von stabil kann man da wohl kaum sprechen.

      • SteinMain schrieb am 5. Mai 2012 um 18:44 - Permalink

        is es die Mentalität ? Oder etwa doch die Interessenlage des amerikanischen und deutschen Kapitals gewesen ??? Fragen über Fragen gelle ???

    7. PeWi schrieb am 5. Mai 2012 um 17:40 - Permalink

      @Silvia. Stimmt! Ich wollte trotzdem nicht stehen lassen, was über die KPD und ihr, in diesem Post unterstellt, nicht vorhandenem Demokratieverständnis gesagt wurde. Nein, in diesem Artikel hat man sich nicht unvoreingenommen mit dem auseinandergesetzt, was Kommunismus eigentlich wirklich heißt, ebensowenig, wie mit den Personen, die sich dafür einsetzten. Aber das wäre ein Artikel extra und dafür müsste der Autor auch einiges an Literatur lesen. Auch gerade auf solche Artikel muss geantwortet werden, obwohl es wahrscheinlich keinen Denkprozess anregt. Nur, man darf nicht die Flinte ins Korn werfen. Manchmal geschehen Wunder.

      • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 17:49 - Permalink

        Die KPD lehnte eine parlamentarische Demokratie klar und unmissverständlich ab. Ebenso lehnte sie jegliche Demokratieform ab, an der alle stimmberechtigt gewesen wären – also auch Bürger und Kapitalisten. Eine Demokratie, die einem Teil der Staatsbürger aber aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit die Wahl und Mitsprache verweigert, ist keine Demokratie. Alles andere ist nur Namensklimbim.

        • David schrieb am 5. Mai 2012 um 20:52 - Permalink

          “Eine Demokratie, die einem Teil der Staatsbürger aber aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit die Wahl und Mitsprache verweigert, ist keine Demokratie. Alles andere ist nur Namensklimbim.”

          Staatsbürger ist in diesem Zusammenhang ein klarer Fehlgriff, um nicht zu sagen Blendwerk, denn gerade hier lässt sich bestens regulieren:
          Die attische Demokratie jedenfalls kam trefflich damit aus wesentliche Teile der Bevölkerung (Frauen, Sklaven, Fremde,…) von politischen bzw. demokratischen Prozessen auszuschließen, und das war ja wohl eine Demokratie.
          Mit deiner Äußerung belegst du deine Unkenntnis in Sachen Demokratiegeschichte u.o. Demokratietheorie einerseits, und andererseits, dass du schnell mit eigenen Pseudodefinitionen zur Hand bist.

          PS: da ich von der KPD und ihrer Geschichte keine Ahnung habe, äußere ich mich zu dieser EXPLIZIT nicht.

          • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 21:08 - Permalink

            Klar war die attische “Demokratie” keine Demokratie nach heutigen Maßstäben.

            • David schrieb am 5. Mai 2012 um 21:28 - Permalink

              is klar ne.
              Dann definiere mal schön die heutigen Maßstäbe, aber achte darauf, dass wenigstens die Schweiz am Ende noch demokratisch bleibt.
              Das erinnert doch stark an Stammtischdebatten. Kaum hat man jemandem wegen offensichtlicher Unzulänglichkeit, bekommt die strittige Vokabel ein adjektiv oder sonstige Spezifikation, wie “das ist doch kein ECHTES Bier” oder eben wie bei dir “keine Demokratie nach heutigen Maßstäben”.

              Der wesentliche Punkt ist, es ist durchaus Demokratie denkbar und möglich, in der wesentliche Bevölkerungsteile, formal oder faktisch politisch depriviert sind und es auch bleiben. Da braucht keiner kommen und Pseudodefinitionen aus dem Hut zaubern, weil es das eigene Glaubenssystem irritiert.

            • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:05 - Permalink

              Um es kurz zu machen anhand einiger Beispiele: BRD, USA, Frankreich, GB, Niederlande, etc., das sind Demokratien nach heutigen Maßstäben.

      • Heldentasse schrieb am 5. Mai 2012 um 17:59 - Permalink

        @PeWi
        Nach heutigen Maßstäben (die m.E. natürlich auch oft kritikwürdig sind) wäre die von der KPD angestrebte Räterepublik vielleicht noch du jure (auf dem Papier) eine Demokratie. De facto ist dieser “Demokratieversuch” in den Anfängen der udssr schlimm gescheitert und in Deutschland wäre m.E. “der Schuß auch nach hinten los gegangen” wenn sich denn die KPD & Verbündete 1919 durchgesetzt hätten.

        Womöglich weil so ein System etliche Missbrauchsmöglichkeiten im Ansatz mitbringt, z.B. war die Gewaltenteilung lange nicht so ausgeprägt wie es z.B. das Grundgesetzt vorsieht.

        • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 19:46 - Permalink

          Ganz genau.

        • Peleo schrieb am 5. Mai 2012 um 21:34 - Permalink

          Eine Gewaltenteilung ist darin überhaupt nicht vorgesehen. Der Rätegedanke geht ja zurück auf Rousseau, der jeden als Feind ansah, der sich nicht der “volonté generale” unterwerfen wollte. Grundrechte – Fehlanzeige. Auch von Rechtsstaat war keine Rede.

          Wer Demokratie im Sinne des Grundgesetzes versteht, kann Stefan Sasse in diesem Punkt nur zustimmen.

          • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:06 - Permalink

            Eben das ist ja das Problem. Ohne Gewaltenteilung ist eine funktionierende Demokratie kaum vorstellbar.

        • Peleo schrieb am 6. Mai 2012 um 10:05 - Permalink

          Allerdings: Die Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive war schon immer unscharf (Informationsvorsprung, Mitarbeiterstab usw.) , die Kontrolle der Exekutive durch die Legislative vor allem für die Gemeinschaftskunde-Schulbücher. Tatsächlich wurde sie unterlaufen durch das Lagerdenken. Die Regierungsfraktionen kontrollieren die Regierung ja nicht wirklich. Aktuell wird sie immer schneller immer weiter ausgehöhlt durch die finanzmarkt-konforme Demokratie: Finanzmarkt-Entscheidungen lassen keine Zeit und fordern Expertenwissen.

          Was noch einigermaßen funktioniert, ist die Unabhängigkeit der Justiz. Mit großen Einschränkungen, gewiss, z. B. die Auslegung von Art. 14, 2 GG usw., weiß ich. Aber im Rätesystem (“Alle Macht den Räten”) war sie gar nicht vorgesehen.

          • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:24 - Permalink

            Die Regierungsfraktionen kontrollieren die Regierung auch nicht, siehe hier:
            http://verfassungsblog.de/die-missverstandene-gewaltenteilung/?utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter&utm_campaign=Feed%3A+Verfassungsblog+%28Verfassungsblog%29

    8. noone schrieb am 5. Mai 2012 um 18:38 - Permalink

      Muss hier einen Kritikpunkt unterbringen, da es recht einseitig (wie im Mainstream auch) daherkommt, dass die USPD und KPD auf Weisung Moskaus nicht mit der SPD konnten oder wollten.
      Dabei wird schwerwiegendes ausgeblendet.
      Die Niederschlagung der Revolution 1919 durch Noske und Ebert machte die SPD schon damals zu Verrätern. Auch die Anweisung zur Ermordung Luxemburgs und Liebknechts wurde schon immer bei Noske und Ebert vermutet. (Wie man inzwischen aus den Memoiren von Pabst weiß, nicht zu Unrecht.)

      Mit einer Partei, die eine Revolution auch Ihrer Anhänger im Blut ertränkt und führende Köpfe der Linken tötet, kann man als linke Partei nicht zusammenarbeiten. Wenn “rot lackierte Faschisten” je zugetroffen hat, dann wohl auf die Ebert/Noske SPD.

      Wer hat uns verraten … seit 1998 wieder im Programm.

      • Stefan Sasse schrieb am 5. Mai 2012 um 19:49 - Permalink

        Sorry, aber das ist Unfug. Klar wurde die Revolution von der SPD niedergeschlagen. Aber das ist kein Grund, angesichts der drohenenden neuen Revolution von extrem rechts auch noch mit genau dieser gemeinsame Sache zu machen. 1932 war die SPD das geringste Problem und das letzte Bollwerk, das zwischen Diktatur und Republik stand, so schwach und zweifelhaft es auch war. Die KPD war auf der Moskauer Linie, nach der die Diktatur der NSDAP positiv sei, weil dies die Deutschen reif für die sozialistische Revolution mache – ein historischer Irrtum, den die deutschen Kommunisten bitter bezahlen mussten. Die SPD hat die Revolution 1918/19 verraten, da bin ich bei dir. Die KPD hat sie 1932 verraten. Und ihr Verrat wiegt mindestens genausoschwer.

        • The Joker schrieb am 5. Mai 2012 um 23:02 - Permalink

          Aber das ist kein Grund, angesichts der drohenenden neuen Revolution von extrem rechts auch noch mit genau dieser gemeinsame Sache zu machen

          Holla!
          Es gab also eine Koalition NSDAP/KPD? Wo ist nochmal Thälmann auf dem Ministerfoto?
          Oje. Guck doch besser noch mal nach im Geschichtsbuch.
          Aufgewärmte Totalitarismus-Soße.
          *kopfschüttel*

          • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:08 - Permalink

            Wer redet denn von einer Koalition? Die KPD hat keine Regierungsbeteiligungen. Es geht um den BVG-Streik 1932.

            • aquadraht schrieb am 6. Mai 2012 um 13:33 - Permalink

              Das ist so ziemlich die dümmste antikommunistische Anschuldigung aus der rechtskonservativen Klamottenkiste. Die Anekdote des BVG-Streiks kann man auch anders herum sehen. Der Streik gegen die brutalen Kürzungen und Entlassungen war berechtigt, die SPD hatte den ADGB angewiesen – ultrademokratisch – diese brutale Austeritätspolitik mitzutragen.

              In der Urabstimmung haben sich 84% der Beschäftigten für den Streik ausgesprochen, nicht nur die kommunistische RGO und die nationalsozialistische NSBO.

              Demokrat Sasse. Aber nur, wenn’s in den Kram passt. Die Zeitungsverbote, Nacht und Nebelverhaftungen und von der Polizei Ermordete (4 Tote und eine unbekannte Zahl Verletzter) verschweigt man gern. Dabei war es dieser Terror gegen Arbeiter, der gerade sozialdemokratisch dominierte Reichsteile geprägt hat und der dämlichen Sozialfaschismuspolemik immerhin Glaubwürdigkeit verlieh.

              a^2

            • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:25 - Permalink

              Es geht um die Zusammenarbeit mit der NSDAP während des Streiks.

    9. PeWi schrieb am 5. Mai 2012 um 18:44 - Permalink

      @Heldentasse: Das stimmt schon. Es war ein Versuch und er ist gescheitert, auch an den geschichtlichen Umständen. Was mich faszinierte, war, dass jeder rechenschaftspflichtig zueinander war und dass die Abgeordneten ihrem Wähler verantwortlich waren. Ich kenne das in Ansätzen. Das wurde in der DDR auch gepflegt, aber eben auch missbraucht. Wir als menschliche Spezies sind vielleicht nie oder noch nicht bereit, verantwortlich miteinander umzugehen. Es wäre schon gut, wenn wir vieles, was angedacht war, einmal wirklich umsetzen könnten, da diese parlamentarische Demokratie so wie sie heute läuft, auch nicht überlebensfähig ist, da sie gerade dabei ist, die Demokratie abzuschaffen. Es ist eben alles nicht so schwarz-weiß sondern vor allem grau-in-grau. Und es bedarf schon mehr als ein paar Schlagworte, um zu versuchen zu verstehen, was genau geschah. Ich glaube, wir sind da noch nicht weit weg genug und sehr viele von der heutigen Ideologie verblendet. Wir denken viel zu wenig über etwas nach, sondern plappern oft munter drauf los, was Mainstream ist. Warum es in den Anfangsgründen der SU so diktatorisch wurde, hängt auch mit dem Umfeld und den historischen Ereignissen zusammen. Manches entwickelt sich ungewollt in eine ungünstige bis mieße Richtung und keiner findet sich dann – weil es viele Kleingeister in leitenden Stellen gibt – der das Ruder wieder herumreißt. Die Gegenwart grüßt damit schon wieder.

      • Heldentasse schrieb am 6. Mai 2012 um 08:07 - Permalink

        @PeWi
        Danke für die Resonanz.

        Was mich faszinierte, war, dass jeder rechenschaftspflichtig zueinander war und dass die Abgeordneten ihrem Wähler verantwortlich waren.

        Ja das ist von der Idee (bzw. Ideologie) her schon faszinierend da stimme ich zu, nur ganz praktisch bedingt das ja das alle “Kommunarden” u.a. Gleiche unter Gleichen sind. Das was damals Anfang des 20zigsten Jahrhundert noch weniger als heute der Fall.

        Es wäre schon gut, wenn wir vieles, was angedacht war, einmal wirklich umsetzen könnten, da diese parlamentarische Demokratie so wie sie heute läuft, auch nicht überlebensfähig ist, da sie gerade dabei ist, die Demokratie abzuschaffen.

        Dem stimme ich nicht ganz zu. Ich halte unsere Demokratie immer noch für reformfähig; “Reform” in einem humanistischen Sinne, und nicht das was die neolibs daraus gemacht haben. Wenn “wir” dabei scheitern, diese Chance ist m.E. nicht gerade klein bei den heutigen Verhältnissen, dann auch weil “wir” u.a. unsere Souveränität als Wähler nicht oder falsch wahr genommen haben.

        Ich glaube, wir sind da noch nicht weit weg genug und sehr viele von der heutigen Ideologie verblendet. Wir denken viel zu wenig über etwas nach, sondern plappern oft munter drauf los, was Mainstream ist.

        Ich denke wir als Deutsche waren in diesem Sinne vor 40-45 Jahren weitaus fortschrittlicher als Heute. M.E. haben wir uns auch durch Wohlstand bzw. Wohlstandversprechen und Verblendung durch eine Konsum orientierte Lebensweise, diesen Vorschritts – denn auch die “68ziger” für uns erkämpft haben – billig haben abkaufen* lassen. Was uns deshalb meiner Meinung nach heute fehlt ist eine friedliche(!) politische Aufbruchstimmung wie in Mitte der 1960zigern oder auch wie Ende der 1980ziger in der ehemaligen DDR.

        P.S.: * auch mit einem Bezug zu Weimar

        Die Wallfahrt zum Big Zeppelin
        Nach dem ersten Weltkrieg rebellierten Teile der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Jugend gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Aber sie zogen als bunte Wandervögel verkleidet in die Wälder statt mit der proletarischen Jugend in den Klassenkampf. So trugen sie dazu bei, daß der Kampf entschieden wurde zu Gunsten der Klasse, die hier noch herrscht.
        …
        a anno siebzig einundsiebzig
        waren sie alle wieder da,
        die Wandervögel, zogen dahin
        auf Wallfahrt zum Big Zeppelin.
        …
        Und wieder mal nach innen ging
        der Trip, das große Wandern,
        und Schule und Betriebe ließen
        sie wieder mal den andern.
        Und wieder hing der große Traum
        an einem satten Frieden,
        wo Tauben, weil sie Tauben sind,
        die Habichte besiegen.
        Und übern Paradiese
        hing prall Big Zeppelin,
        die große Friedensspritze
        und Glücklichmacherin.

        Die Wallfahrt zum Big Zeppelin von Franz Josef Degenhardt

        • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:10 - Permalink

          Das Problem ist doch, dass viele Modelle zwar theoretisch gut klingen – nur dem Wähler verantwortlich, freies Mandat, etc. – aber stets mit einem Rattenschwanz unerwünschter Nebenfolgen daherkommen. Die moderne Demokratie mit Ausgleichsmechanismen, Gewaltenteilung und Repräsentationsfiltern ist mit Sicherheit keine Optimallösung und hat viele Schwächen – aber immerhin macht sie einen ganz guten Job darin, eine “Tyrannei der Mehrheit” zu verhindern. Und ohne diese Verhinderung kann es keine Demokratie geben.

          • Heldentasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:55 - Permalink

            Ja durchaus! Wobei es aber auch darauf ankommt das jeder versucht für seine Interessen/ Rechte ein zu stehen. Es reicht nicht aus alle paar Jahre ein Kreuzchen bei der Partei seines geringsten Misstrauens oder gar der mit den buntesten/ populärsten Sprüchen zumachen und zu hoffen das alles “gut wird”. Von daher begrüße ich auch Initiativen wie z.B. diese hier. Der super gute Spruch von Willy Brandt – Mehr Demokratie wagen – bedeutet auch mehr Verantwortung für das Individuum und das Bohren “Dicker Bretter” für die Verantwortlichen in Amt und Würden und auch z.B. auch bei den Medien. Und daran hapert es m.E. heute sehr oft, evtl. auch daran das der/ die “gemeine” Bürger/ in zunehmend unkritisch geworden ist. (Evtl. ein Teufelskreis?)
            Gruß

            • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:26 - Permalink

              Darin stimme ich dir vollkommen zu.

    10. benjamin schrieb am 5. Mai 2012 um 20:52 - Permalink

      das hauptprolbem damals und heute: die größe!

      ein arbeiter aus pott oder berlin ist den konservativen schwäblis fremd und was haben intellektuelle in den großstädten mit der bayerischen provinz gemeinsam?? nichts

      es ist die große dummheit der “deutschen” deutsche sein zu wollen und das auch schön patriotisch, aber dann wieder die alten klischee gegen osis, bayern oder friesenwitze auszupacken..
      es ist ja auch so dass man als südwestdeutscher der mentalität jenseits des rheins mehr abgewinnen kann als dem preußisch-protestantischen…

      und jetzt wollen sie auch noch die eu!! oh gott…

      aber ein gutes hat es ja, alle was zu groß ist, wird kollabieren, MUSS in sich zusammenstürzen!!

      lockere zweckbündnisse, von mir aus, aber alles was über das eigene kaff hinausgeht, überblickt der normalbürger kaum.

      • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:13 - Permalink

        Selbst Lokalpolitik kann ein völlig unübersichtliches Schlangennest sein. Die Größe hat da wenig Bedeutung. Andernfalls müssten die USA längst zusammengebrochen sein, die sind die flächenmäßig größte Demokratie, und gleichzeitig sind sie die stabilste. Das Argument wurde übrigens bereits in den 1780er Jahren aufgebracht, und damals waren es nur die 13 Kolonien an der Ostküste. Es hat sich als unberechtigt erwiesen. Die Größe alleine sagt nichts aus. Ich komme auch aus Baden-Württemberg, aber mit dem durchschnittlichen Bauern aus Schwarzwald oder Allgäu habe ich weniger gemeinsam als mit dem Bloggerkollegen aus Niedersachsen. Selbiger Bauer würde sich dagegen mit seinem mecklenburgischen Pendant besser verstehen als mit mir. Da gibt es keine Zusammenhänge der Größe.

        • benjamin schrieb am 7. Mai 2012 um 19:55 - Permalink

          ja KANN, aber wenn in dorf a der bürgermeister korrupt ist, dann IST das in dorf b schon ganz anders. wenn die eu korrupt ist (sie ist korrupt!) dann haben das viele viele leute zu bezahlen!

          und was die usa angeht, also die sind ja mal total gespalten in rednecks und bible belt einerseits und liberale aus new york oder leute aus la andererseits, da hält eigentlich nur noch aufgesetzter patriotismus und polizeistaat zusammen. wenn man sich die wahlen anschaut 50:50 quasi unentschieden und dann guckt die hälfte in die röhre… was soll das bitte?

          und bei stadtstaaten wird dann jede stadt ihre eigene marke haben (nicht so wie heute, wo alles gleich aussieht) und man eine identität bekommt.

          aber solange uns die globalen probleme aufhalten, ist natürlich kommunalpolitik langweilig, natürlich

    11. Spezialdemokrat schrieb am 5. Mai 2012 um 22:59 - Permalink

      Die Weimarer Republik zeigt eigentlich nur, dass es nach dem Zusammenbruch des “Alten und Morschen” keine Stunde Null geben kann. Mit Übriggebliebenen der alten Ordnung und mit radikalen Krisengewinnlern kann man keinen vernünftigen Staat aufbauen. Bei zu gegensätzlichen Vorstellungen muss die Zerreißprobe kommen. Den Rest besorgten dann noch Finanz und Ökonomie, um das Drama perfekt zu machen. Eine unselige Mischung aus hausgemachten Schwierigkeiten und äußeren Umständen- ja, der Versailler Vertrag war ein Problem- brach der neuen Demokratie das Genick.

      Und was hilft uns das in der Gegenwart?
      Eigentlich hätten wir aus der Vergangenheit lernen können.
      Parallelen zu damals gibt es durchaus. Die heutige EU ist so unbeliebt wie die neue Republik der Weimarer Zeit. Unsere sogenannten Volksvertreter haben sich als Vertreter des Kapitals erwiesen. Man hat ganz einfach vergessen, das Volk mitzunehmen. Und wieder muss das Volk für das Versagen der Eliten büßen. Denkbar schlechte Voraussetzungen für eine gedeihliche Zukunft…

      Weimar 2.0 am Horizont?
      Wir werden sehen.

    12. Folkher Braun schrieb am 5. Mai 2012 um 23:10 - Permalink

      Moin.

      Hier wird vergessen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wählerschaft nach 1918 die übrig gebliebenen Soldaten waren. Um die zu domestizieren, war zielstrebig die “Dolchstoß- Legende” verbreitet worden, die linksradikalen Arbeiter in der Industrie hätten die Versorgung der Truppe mit Waffen verhindert. Wer aber von den Fronten kam, hatte mehrheitlich von Kriegen die Schnauze voll und minderheitlich planten sie schon 1918 die Revanche. Wie 1944 die großen Widerstandskämpfer von einer gemeinsamen Front der Westmächte mit der Wehrmacht gegen die Russen phantasierte. Mein Opa Wilhelm kam halbtot aus Ieper raus und war als Postbeamter zum Glück in das Unternehmen reintegrierbar. Der hat mir vor 50 Jahren noch erklärt: “Krieg ist nur scheisse”. Sein ältester Sohn, mein Vater, hat seit 1940 “Unternehmen Barbarossa” mitgemacht und ab Mitte 45 Unternehmen Kriegsgefangener in der Gegend vom Ural bis 49. Im Vergleich zu seinem eigenen Vater war meiner der Ansicht, dass er neun Jahre seines Lebens für “unsere Freiheit” investiert hatte. Man konnte ihn auch mit Geschichtsbüchern zudecken, wie die Sachen tatsächlich gelaufen waren. Im Unterschied von der Truppe 1914 bis 18 war die von 39 bis 45 nicht “im Felde unbesiegt”. Und trotzdem waren sie reaktionärer als ihre Altvorderen.

      • Peleo schrieb am 6. Mai 2012 um 08:27 - Permalink

        Die “Dolchstoß- Legende” diente vor allem zur Verschleierung des Versagens der Führungsclique um Ludendorff. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde sie bedeutsam erst nach der Aussage Hindenburgs im Untersuchungsausschuss (November 1919).

        Meine familiären Erfahrungen sind andere. Großvater (WK I) und Vater (WK II) vermittelten mir schon als Kind: Beide Kriege waren grausame, schreckliche Verbrechen.

      • Heldentasse schrieb am 6. Mai 2012 um 08:30 - Permalink

        Um die zu domestizieren, war zielstrebig die “Dolchstoß- Legende” verbreitet worden, die linksradikalen Arbeiter in der Industrie hätten die Versorgung der Truppe mit Waffen verhindert.

        Diese “Dolchstoß- Legende” war m.E. ein gravierender (wenn nicht sogar der maßgebliche) Geburtsfehler der Weimarer Republik. Bezeichnend das es u.a. der Sozialdemokrat und spätere (erste) Reichspräsident Friedrich Ebert war, der diese Propagandalüge offiziell machte:

        Hinzu kam, dass sich Politiker in verantwortlicher Position in ähnlicher Weise äußerten: Der Vorsitzende im Rat der Volksbeauftragten, der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert, begrüßte die heimkehrenden deutschen Soldaten mit dem Ausruf, sie seien „im Felde unbesiegt“ geblieben, und der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer von der Zentrumspartei bescheinigte der Reichswehr, sie kehre „nicht besiegt und nicht geschlagen“ in die Heimat zurück.

        Quelle

        Der hat mir vor 50 Jahren noch erklärt: “Krieg ist nur scheisse”.

        Wohl wahr! Diese Wahrheit wird aber immer wieder Vergessen und muss wohl alle 1 bis 3 Generationen neu erfahren bzw. gelernt werden, leider!!!

        P.S.: Eigentlich unglaublich, daß ihnen das immer wieder gelingt … , von Franz Josef Degenhardt

        • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 09:16 - Permalink

          Exakt. Die Dolchstoßlegende war die wohl größte Hypothek der Demokratie als solcher. Sie erlaubte es den extremen Rechten, die Verantwortung abzuladen und unbelastet weiterzumachen. Allerdings unterschätzt man gerne die Zeit zwischen 1924 und 1928: trotz Dolchstoßlegende funktionierte die Republik hier relativ gut und erreichte eine größere Akzeptanz. Die wirtschaftlichen Umstände machen viel von der Musik. Geht es den Leuten gut, dann akzeptieren sie die Demokratie auch. Geht es ihnen schlecht, eher weniger.

      • lemmy caution schrieb am 6. Mai 2012 um 11:13 - Permalink

        Meine väterliche Familie ist nach dem Kriegs-Tod meines Urgroßvaters – und ich weiß nicht mal wo – von SPD auf USPD und später KPD umgeschwenkt.
        Aber auch den katholisch-bürgerlichen Mittelbauern mit Abitur meiner mütterlich schlesischen Sippschaft war klar, dass Krieg schlecht war. Die Landeier der Ostgebiete waren früh begeisterte Nazis. Zumindest hat einer der drei Brüder meines Schlesien-Opas von Anfang an erkannt, dass Hitler nicht mehr ganz töff war. Die Begeisterung der übrigen endete mehrfach belegt durch Erzählungen und den Tagebucheinträgen meines anti-faschistischen Großonkels in dem Augenblick des Angriffs auf Polen und sehr vermutlich schon früher mit der Aggression gegen die Tschechische Republik. Mein Großvater hat 1933 NSDAP gewählt, hielt den Krieg für eine Dummheit und wurd erst Ende 1944 in den Volkssturm zur Verteidigung Breslaus eingezogen. Da gings ihm aber lediglich darum, die eigene Haut zu retten und nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, was ihm gelang. Nicht mal um die Verteidigung “der Freiheit”, nicht mal die seines Hofes.

    13. lemmy caution schrieb am 6. Mai 2012 um 10:55 - Permalink

      Interessant zu goutieren. Macht direkt Lust sich vielleicht mal ein Buch zu der Zeit zu besorgen. Im Geschi-Leistungs Kurs haben wir das endlos durchgekaut. Hat mich damals sehr interessiert. Ist mir dann noch präsent aus den Schelmenroman artigen Erzählungen meines 1905 geborenen Großvaters, der sich als kommunistischer Schlosser aus Wilhelmshaven mit wechselnden Arbeitgebern an der gesamten Küste bis Ost-Preußen, Berlin und Würtemberg durch die Zeit schlug. Und natürlich aus dem ersten Band von Hans Peter Schwarz über Konrad Adenauer, ein wichtiges Fundament für mein politisches Denken als Erwachsener.
      Auch gut gewählter Zeitpunkt, weil wir heute Abend den Beginn des Endes der bürgerlichen 2-Parteien-Regimes über Griechenland erleben werden. Dann können wir ja aus der Nähe erleben, wie so ein Ausbruch aus einem stabilen Parteien-System denn nun aussieht. Griechenland ist uns ja näher als beispielsweise Ungarn.

    14. ola schrieb am 6. Mai 2012 um 11:09 - Permalink

      Netter Überblick für Einsteiger.

      Zum Zentrum sei gesagt, in seiner Gesamtheit war das ein rechtsreaktionärer, autoritärer Haufen, den man heute, nunja, im Parteienspektrum gar nicht mehr findet. Die Vertreter der katholischen Soziallehre von Weimar hatten allerdings mit dem Herz Jesu CDUler Blühm nun wirklich nichts gemeinsam, außer vielleicht dem Stallgeruch. Diese Strömung war praktisch dem Papst weisungsgebunden.

      Aus der Ecke liegen hier bei mir zu Hause noch haufenweise wissenschaftlich ungesichtete Unterlagen rum, weil in meiner Familie ein sehr bedeutender Zentrumspolitiker beheimatet war. Anhand dieser Unterlagen lässt sich die enge Verzahnung von Vatikan und Zentrum schön nachvollziehen. Bis zur letzten Minute von Weimar wurden von dort “gutgemeinte Ratschläge” erteilt und somit das Schiksal der 2. Republi maßgeblich mitbestimmt.

      Über die SPD Abtrünnigen schreibe ich hier mal lieber nichts. Das ist Sasse spezial, das frisst noch immer^^

      • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:28 - Permalink

        Über die SPD Abtrünnigen schreibe ich hier mal lieber nichts. Das ist Sasse spezial, das frisst noch immer^^

        Höh?

        • ola schrieb am 8. Mai 2012 um 06:35 - Permalink

          Die KPD, Herr Sasse. Da ist mit dir nicht gut Kirschen essen^^ Für die einen die Zerstörer der Demokratie und die 5. Kolonne Moskaus, für die anderen der einzige ernst zu nehmende politische Widerstand gegen die Nationalsozialisten und das Braune in der sPD.

    15. Am_Rande schrieb am 6. Mai 2012 um 13:36 - Permalink

      Ein netter Einsteigertext. Was mir aber aufgefallen ist, ist, dass ein ganz zentraler Begriff, der die zweite deutsche Republik von der ersten fundamental unterscheidet, in dem ganzen Text nicht auftaucht. Und das ist der Begriff der Volkspartei. Ich denke, man kann sagen, dass alle Parteien der Weimarer Zeit es explizit darauf angelegt hatten, nur jeweils ein Partikular-interesse einer Bevölkerungsgruppe zu repräsentieren, sei es eine Klasse, sei es eine Konfession, sei es die generelle Stellung der Republik gegenüber, ob man also zur Monarchie zurück wollte oder nicht. Aber eine Partei, die sich explizit über diese Spaltungen in der Gesellschaft hinwegsetzen wollte (oder auch nur konnte) gab es nicht. Das heißt, eine gab es schon. Und die hat den Sieg denn ja auch davongetragen…

      • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:30 - Permalink

        Hab ich den Aspekt nicht mit rein? Damn. Das ist tatsächlich ein Versäumnis, danke für den Hinweis. Das ist definitiv wichtig; das Zentrum war die einzige klassenübergreifende Partei (aber dafür konfessionsgebunden), und die SPD hatte nur eine kurze Phase der Öffnung Anfang der 1920er Jahre, die eher danebenging.

    16. Axel Weipert schrieb am 6. Mai 2012 um 13:45 - Permalink

      hm, eigentlich wären da doch einige Anmerkungen zu machen. Also mal erstens: Die Geschichte “rechts und links haben die Demokratie zerstört” ist ja schon oft erzählt worden. Dadurch wird sie aber auch nicht richtiger. Der einzige “Beleg” dafür ist der vielbemühte Berliner BVG-Streik November 1932. Tatsächlich hat sich die NSDAP da nur drangehängt, um noch ein paar Arbeiterstimmen für die anstehende Wahl abzugreifen (was übrigens klar gescheitert ist). Ansonsten hatten sich 75% der BVG-Arbeiter für den Streik ausgesprochen, die Sozis und Gewerkschafter wollten ihn trotzdem nicht. So viel zum Thema Demokratie. Viel wichtiger war aber, dass gerade in Berlin die Kommunisten ganz entschieden gegen SA und Co. aufgetreten sind. Sicherlich nicht immer mit den feinsten Methoden, aber sie bekämpften die Nazis doch zweifellos. Das gescheiterte Bündnis KPD-SPD am Ende der Republik jedenfalls hat viele Ursachen – auf beiden Seiten!

      Zum Rätesystem: “Sie ging aus dem radikalen Flügel der USPD und dem Spartakusbund hervor und lehnte die Demokratie als System des Klassenfeindes ab. Stattdessen propagierte sie ein an die Sowjetunion angelehntes Rätesystem.” Das ist mal wieder das typische und allzu holzschnittartige Demokratie=bürgerlich-parlamentarische Demokratie. Das ist mir, mit Verlaub, dann doch zu plump. Die Abhängigkeit von Moskau bestand sowieso erst gegen Mitte/Ender der 20er. Und selbst da muss man vorsichtig sein. “Die KPD war geradezu eine Marionette des Komintern und gehorchte allen Weisungen aus der Sowjetunion.” Das ist nun wirklich die ganz alte Hermann-Weber-Lesart aus den 60ern und wird heute kaum noch vertreten, siehe Mallmanns große Studie. Der verweist nämlich auf die durchaus vorhandene und praktizierte Autonomie an der Parteibasis, die eben nicht jede Direktive widerspruchslos umsetzte. Dass vieles in der KPD aber fragwürdig war, organisatorisch wie programmatisch, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Nur sollte man sich etwas hüten vor allzu schematischen Sichtweisen.

      “Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 eröffnete der Republik dann eine zweite Chance: die DNVP kam plötzlich als Spieler im demokratischen System mit an Bord und eröffnete der Republik ein rechtes Standbein.” Das ist doch nicht wirklich ernst gemeint, oder? Hindenburg zum potenziellen Retter der Republik zu stilisieren ist nun wirklich grotesk. Ich verweise nur auf seine Ernennung Hitlers (sicher, nach anfänglichen Widerständen…), auf seine jahrelange Stützung der Präsidialkabinette Brüning, Papen, Schleicher (allesamt bestimmt keine überzeugten Demokraten), auf sein stets offenes Ohr gegenüber reaktionären Großgrundbesitzern und gegenüber dem Stahlhelm, dessen Ehrenmitglied er war. Selbst wenn man Hindenburgs Präsidentschaft als Preis für eine Einbindung der DNVP ins System sieht, war das kein guter Schachzug. Langfristig ohne Zweifel eine schwere Hypothek, gerade wegen Art. 48. Außerdem: wie demokratisch hätte denn die DNVP wirklich werden können?

      • aquadraht schrieb am 6. Mai 2012 um 14:07 - Permalink

        @Axel: Danke für den Beitrag (ausser dass 84% der BVG-Arbeiter für den Streik waren, volle Zustimmung). Was die DNVP angeht: Spätestens ab 1928 ist zwischen der Hugenbergpresse und dem Völkischen Beobachter ein prinzipieller Unterschied nicht zu sehen, auch in Reichstagsreden unterscheiden sich selbst grosse Teile von DVP und Zentrum nur marginal von den Nazis, gerade in der Ablehnung der Demokratie.

        Arthur Rosenberg lässt seine “Geschichte der Weimarer Republik” bewusst 1930 enden. Für ihn war das von der SPD mit getragene System Brünings schon eine Vorform des Faschismus, auf jeden Fall eine Diktatur.

        Am Beginn der Republik hat die SPD mit Rechtsextremen paktiert, am Ende auch. Auch wenn ich die Sozialfaschismus-Polemik für unangemessen halte, es ist nicht so, dass sie nicht in der Wirklichkeit einige Bekräftigung finden konnte.

        a^2

        • The Joker schrieb am 6. Mai 2012 um 15:47 - Permalink

          Man kann noch ergänzen, dass die SPD sich nach dem 30.01.1933 zum Teil mit den Nazis arrangierte: Unter Führung von Paul Löbe stimmte sie im Mai 1933 Hitlers “Friedensresolution” zu: http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/stichwort/verbot.htm
          Wenn nach Weimars Totengräbern gesucht wird, sollte man die sozialdemokratischen Spatenträger nicht vergessen.
          Wenn ein SPD-Fan wie Sasse ausgerechnet der KPD Paktiererei mit der NSDAP vorwirft, entspricht dies psychologischem Projektionsverhalten.

      • Stefan Sasse schrieb am 6. Mai 2012 um 18:32 - Permalink

        Hindenburg war eine reine Marionette, zumindest am Ende, eine Pappfigur der Kamarilla hinter den Kulissen. Klar war er ein konservativer, reaktionärer Knochen. Aber er war wenigstens in den 1920er Jahren halbwegs loyal zur Republik, und das war wirklich die einzige Chance, Spacken wie die DNVP ins Boot zu kriegen. Die Darstellung dieser Chance zeigt ja letztlich auch nur, wie schlecht es um die demokratische Basis bestellt war.

        • Rosi schrieb am 7. Mai 2012 um 22:02 - Permalink

          http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/hitler_und_das_deutsche_volk_1.4326186.html

          Hitler bot die Massenbasis

          Tatsächlich kam Hitler 1933 durch die Entscheidung eines kleinen Zirkels von Beratern des Reichspräsidenten von Hindenburg an die Macht, wobei Letzterer, wie der Historiker Wolfram Pyta jüngst dargelegt hat, keineswegs jene willenlose Marionette war, als die er lange Zeit erschien. Hitler wurde aber nur deshalb Reichskanzler, weil er zu bieten hatte, woran es den alten konservativen Eliten gebrach: eine Massenbasis. Und ohne diese waren alle Versuche aussichtslos, Deutschland in einen rechtsautoritären Staat umzuformen, wie die Jahre ab 1930 mit ihren – ab 1932 immer schneller wechselnden – Präsidialkabinetten gezeigt hatten.

          http://www.youtube.com/watch?v=bWXYqhfvFSo

          http://www.odego.ch/a/Hindenburg_Herrschaft_zwischen_Hohenzollern_und_Hitler-3570550796.htm

          Beschreibung: … dass das politische Streben Hindenburgs ohne Tadel gewesen sei — auch wenn er sich am Ende, wie man einschränkend bestenfalls einräumt, geschwächt von seinem Alter von Hitler habe instrumentalisieren lassen. Eigentlich auch eine Schande — für die Zunft der Historiker in Deutschland — ist es, dass es bis ins Jahr 2007 gedauert hat, bis sich mit Wolfram Pyta jemand gefunden hat, der diesem Hindenburg endlich eine seiner historischen Bedeutung angemessene, große und von den sich um ihn wie Lorbeer und Eichenlaub rankenden Mythen gereinigte Biografie gewidmet hat.

          Mindestens zweimal war Paul von Hindenburg entscheidend an unheilvollen historischen Weichenstellungen beteiligt: Als Chef der 3. Obersten Heeresleitung, zu dem er 1916 berufen wurde, war er 1918 unmittelbar am Sturz Wilhelm II. beteiligt. Als 1925 in freier Volkswahl gekürter und 1932 wiedergewählter Staatspräsident der Weimarer Republik ernannte er Adolf Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler. Dies tat er, nach anfänglichem Zögern, in freier Entscheidung und bei vollem Verstand — ebenso, wie er seine Unterschrift unter die „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933 und unter das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 setzte, das endgültig den Weg zur Errichtung der NS-Diktatur freimachte.

          Scheinbar alles eine Angelegenheit des Betrachtungswinkels bzw. der jeweilig gelesenen Literatur …

    17. aquadraht schrieb am 6. Mai 2012 um 17:39 - Permalink

      Wo wir schon dabei sind, das ist auch widerlich verlogene Apologetik:

      Die Sozialdemokraten standen unter einem furchtbaren Dilemma: einerseits hatten sie sich einen demokratischen Staat und die Regierungsverantwortung immer erstrebt, andererseits war die Republik mehrheitlich nicht sozialdemokratisch, so dass das Bekenntnis zu ihr stets mit Bauchschmerzen verbunden war. In jeder Regierung konnten Kernforderungen, besonders im Bereich sozialer Reformen, nicht umgesetzt werden, weil Zentrum und Liberale sich dagegenstellten. Entsprechend verliefen Regierungen für die SPD enttäuschend und mit Wählerverlusten, was eine Lust nach der Oppositionsrolle nach sich zog, wo man klare Gegner hatte und die eigenen Anhänger wieder mobilisieren konnte.

      1918 war eine überwältigende Mehrheit der Menschen für soziale und politische Umgestaltung aufgeschlossen, was sich noch an den Wahlergebnissen zur Nationalversammlung zeigte. Die dürften bereits vom Stimmungsumschwung geprägt gewesen sein, da zu der Zeit die Sozialdemokraten bereits die Linksoppositionellen ermordet und die Arbeiter und Soldaten, die sie an die Macht gebracht hatten, im Verein mit den Vorläufern der Nazis zusammenkartätscht hatten (nebenbei: sozialdemokratische Herrschaft in der WR hat eine Grössenordnung mehr Todesopfer gefordert als die kommunistische Herrschaft in der DDR. Im Kaiserreich wurde kein einziger linker Arbeiter bei Demonstrationen, Streiks oder Polizeiaktionen gegen Linksoppositionelle getötet – das führte erst die SPD ein.)

      Es gab also das Potenzial für soziale und politische Veränderung, es gab es überreichlich in der deutschen Bevölkerung. Dieses Potenzial war auch nicht bolschewistisch oder kommunistisch, es war in der überwältigenden Mehrheit pro-sozialdemokratisch und vertraute der SPD. Die hat dieses Vertrauen mit den Salven der bewaffneten extremen Rechten belohnt.

      Die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Auch nach dem Bürgerkrieg, dem Kapp-Putsch etc. gab es einen Haufen von Initiativen, teils aus der KPD, teils von Linken innerhalb und ausserhalb der SPD, eine Zusammenarbeit der linken Kräfte herbeizuführen. Die KPD hat da zwar nicht immer geschickt, aber in der Regel positiv reagiert. Es war die SPD, die jede derartige Initiative erstickt hat, mit Parteiausschlüssen, Disziplinierungen, und auch mehrfach mit Gewalt.

      Diese Haltung: “notfalls mit noch den extremsten Rechten ja, mit Linken nie” hat die SPD bis zum Ende der Weimarer Republik durchgehalten.

      Ihre selbstgewählte Rolle und Funktion war, soziale Veränderung in Richtung sozialistischer Perspektiven mit allen Mitteln zu unterbinden. Das war das Noske-Ebert-Programm, dem die SPD auch die Demokratie bedenkenlos geopfert hat.

      a^2

      • The Joker schrieb am 6. Mai 2012 um 21:04 - Permalink

        Volle Zustimmung.
        Dass nicht alle Sozialdemokraten damals auf dem Rechtstrip waren, zeigen die beiden kurzlebigen “Arbeiterregierungen” in Sachsen und Thüringen. Die waren allerdings dem Apparat der Reichs-SPD ein Dorn im Auge, so dass sie per “Reichsexekution” aufgelöst wurden.
        Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Weimarer Republik, dass der SPD-Apparat stets den Kompromiss nach Rechts(außen) suchte.

        • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 07:45 - Permalink

          Das ist ein bisschen arg zugespitzt; die SPD suchte die Zusammenarbeit mit Zentrum und DDP, nicht mit der DNVP.
          Davon abgesehen kann die Republik ohne die Kräfte rechts von der SPD nicht überleben. Eine nur auf Linksregierungen gestützte Weimarer Republik wäre noch viel schneller untergegangen, nicht wegen der Unfähigkeit der Linken, sondern wegen dem Hass und der Gewaltbereitschaft der Rechten.

          • The Joker schrieb am 7. Mai 2012 um 21:03 - Permalink

            In den großen Koalitionen (Kabinette Stresemann & Müller II) regierte die SPD auch mit der monarchistischen Parteien DVP & BVP.
            Der Ebert-Groener-Pakt, Noskes freie Hand für die mordenden Freikorps, die Tolerierung des Brüning-Regimes sowie das Ja zu Hitlers “Friedensresolution” sind weitere Beispiele. Vom äußerst passiven Verhalten bei Papens “Preußenschlag” am 20.07.1932 gar nicht zu reden…

    18. Kursachse schrieb am 7. Mai 2012 um 06:52 - Permalink

      Typischer Sasse.
      Ebert soll “widerwillig” (vermutlich mit “Bauchschmerzen” – scheint eine Erbkrankheit bei SPD-Mitgliedern zu sein) die Macht übernommen haben. Selten solchen Unsinn gelesen.
      Daß Ebert und Noske die Drahtzieher der Morde an Liebknecht und Luxemburg waren wird mit keinem Wort erwähnt, denn das könnte ja das positive Bild der lieben, ach so demokratisch-freiheitlichen Spezialdemokraten beschädigen und vielleicht erhellen, warum der KPD die SPD genauso zuwider war wie die NSDAP.

      • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 07:44 - Permalink

        http://geschichts-blog.blogspot.com/2010/10/vom-matrosen-zum-spartakusaufstand-die.html

        Und jetzt hör auf zu nerven.

        • Kursachse schrieb am 7. Mai 2012 um 10:50 - Permalink

          Und, was willst du mir mit dem Text sagen? Daß ich recht habe?

          und hör auf zu nerven

          Du bist ganz schön dünnhäutig.

          • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 16:33 - Permalink

            Dass ich dieses Thema bereits behandelt habe. Und deine Kritik dementsprechend ins Leere geht.

    19. Peleo schrieb am 7. Mai 2012 um 07:51 - Permalink

      warum der KPD die SPD genauso zuwider war wie die NSDAP.

      Hm. Wer von diesen Drei hat dann Gulag und KZs eingerichtet?

      • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 09:39 - Permalink

        Antilommunistisches Geschwätz. Die deutschen Sozialdemokraten haben mehr Menschen aus politischen Gründen umgebracht (und zwar ausschliesslich Linke) als die deutschen Kommunisten.

        a^2

        • Peleo schrieb am 7. Mai 2012 um 10:15 - Permalink

          Wolf Biermann, also er noch ein deutscher Kommunist war, nicht ohne Grund in die PCE eingetreten und nicht in die KPD.

          Die “deutschen Kommunisten” waren, anders als die in Italien und Frankreich, auch nach Wegfall der Repressionen, nie unabhängig von Moskau. Also müssen sie sich das zurechnen lassen.

          • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 11:27 - Permalink

            Ich schmeiss mich weg, Wolf Biermann. Wie schrieb Wiglaf Droste: “Politisch stand Biermann stets in der Nähe einer Fernsehkamera”.

            Leute wie Du müssen sich die Morde der Antikommunisten zurechnen lassen. Und das sind etliche mehr als die des Gulag.

            a^2

            • Peleo schrieb am 7. Mai 2012 um 11:59 - Permalink

              Und das sind etliche mehr als die des Gulag

              Das waren alles die deutschen Sozialdemokraten?
              Und ich habe die immer für biedere Kleinbürger gehalten!

            • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 14:13 - Permalink

              Was hast Du an “müssen sich das zurechnen lassen” nicht verstanden? Das waren immerhin Deine eigenen Worte.

              Die deutschen Kommunisten sollen sich Stalins Verbrechen “zurechnen lassen”, weil sie “nicht von Moskau unabhängig waren”. Die deutschen Sozialdemokraten hingegen nicht einmal ihre eigenen Morde?

              Und antikommunistische Fanatiker nicht die Massenmorde der Antikommunisten?

              nun ja

              a^2

    20. Kang schrieb am 7. Mai 2012 um 14:49 - Permalink

      Aquadraht, kannst du mir ein paar Bücher zu dem Thema empfehlen?
      Was ich bezüglich dieser Zeit verschlungen habe war meist Haffner.

      • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 15:40 - Permalink

        Also ich kann da nur quer-durch-den-Garten-Empfehlungen geben. Ein Klassiker zur SPD ist Fülberth/Harrer Die deutsche Sozialdemokratie 1890-1933, Ffm 1974, gibts nur noch antiquarisch oder so. Den Arthur Rosenberg, Geschichte der Weimarer Republik, erwähnte ich schon, Haffner kennst Du ja selbst. Im Übrigen: Tucholsky lesen :). Und sicher sollte man die Bücher von Hermann Weber zur KPD kennen, bei aller Beschränktheit ist die Quellenarbeit relativ ordentlich, und auch die – natürlich beschönigende – DDR-eigene Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (viele Bände), dort wird vieles erwähnt, was in westlichen Publikationen für unwichtig gehalten oder, weil es nicht in den Kram passt, totgeschwiegen wird.

        In den letzten Jahrzehnten gab es ein paar Monographien zum Blutwedding 1928, zum Altonaer Blutsonntag etc., die recht lesenswert sind. Ich hab die Titel grad nicht zur Hand, aber Googlen hilft bestimmt.

        Ich habe eigentlich überwiegend die Quellen selbst gelesen, die Weltbühne, die Zeitungen der verschiedenen Richtungen, Reichstagsprotokolle und vieles Andere. Wenn man die Zeit für Stunden oder Tage in einem grossen Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv hat, etwa dem der Staatsbibliothek im Westhafen hier in Berlin, das hat etwas von einer Zeitreise. “Die” Monographie könnte ich nicht nennen, die eine gute Gesamtzusammenfassung gibt. Rosenberg ist aus meiner Sicht noch das Umfassenste, bricht aber 1930 ab.

        Gruss, a^2

        • name schrieb am 8. Mai 2012 um 18:01 - Permalink

          Ach ja, für Schweinereien der SPD, des Deutschen Rechten Ebert nicht zu vergessen: Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere von Klaus Gietinger

          • Peleo schrieb am 8. Mai 2012 um 19:59 - Permalink

            Zum ganzen Bild gehört aber auch, dass Ebert während seiner gesamten Amtszeit von Rechten geschmäht und angefeindet wurde als “Vaterlandsverräter”, u. a. weil er an einem Munitionsarbeiterstreik beteiligt gewesen war.

      • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 16:34 - Permalink

        Haffner kann ich nur empfehlen. :)

      • edgar schrieb am 7. Mai 2012 um 17:12 - Permalink

        http://ebookbrowse.com/bernt-engelmann-einig-gegen-recht-und-freiheit-pdf-d285219353

    21. Kursachse schrieb am 7. Mai 2012 um 15:31 - Permalink

      Das waren alles die deutschen Sozialdemokraten?

      Was für eine Überraschung, wenn es um die deutschen Spezialdemokraten geht, kann der Herr plötzlich differenzieren. Nützt nichts. Ebert, Noske & Co. haben viele deutsche Arbeiterleben auf dem Gewissen und seit Schröder befürwortete die SPD Kriege nicht nur unter Phantombauchschmerzen sondern agierte und agiert aktiv bellizistisch.
      Diese Tatsache hält Leute wie dich aber selbstverständlich nicht davon ab, die deutsche KPD für den Bau von Gulags und KZs verantwortlich zu machen, obwohl KPD-Mitglieder in KZs einsaßen/ermordet wurden.

      Die “deutschen Kommunisten” waren, anders als die in Italien und Frankreich, auch nach Wegfall der Repressionen, nie unabhängig von Moskau.

      Wenn Biermann das sagt, wird’s schon stimmen… und die traditionell liebevolle Nähe der SPD zum Großkapital und seit 1945 auch noch zum freiheitlich-imperialistischen großen amerikanischen Bruder findest du natürlich nicht kritikwürdig, gell.

      Und ich habe die immer für biedere Kleinbürger gehalten!

      Nicht ganz falsch. Die SPD ging aus Arbeitervereinen hervor. Seit Ebert besteht sie jedoch aus Kleinbürgern, die gerne Großbürger wären und daher politisch nur in einer Richtung (nach oben) äußerst flexibel sind.

      • Peleo schrieb am 7. Mai 2012 um 17:17 - Permalink

        @ Kursachse

        Da gab es offensichtlich Missverständnisse und Unterstellungen, die einer Diskussion nicht förderlich sind.

        Die deutsche KP ist natürlich nicht für den Gulag (und schon gar nicht für die KZs – wie kommst Du bloß darauf?) verantwortlich. Es gibt aber Zeugnisse dafür, dass deutsche Kommunisten die “Säuberungen” im Interesse der großen Sache für notwendig hielten. Manche, bis sie selbst im Gulag landeten. Aber Wolfgang Leonhard ist für Dich vermutlich nicht glaubhaft.

        Dass Kommunisten im KZ waren, weiß ich nicht nur aus dem Geschichtsbuch. Ein Freund meiner Eltern war so einer. Mit dem habe ich als Jugendlicher oft diskutiert.

        Wie kommst Du darauf, dass ich die USA nicht kritikwürdig finde?

        Zu Schröder: Hat der SPD eminent geschadet. Aber Bellizismus? Eher Abhängigkeit von den USA. Verwerflicher als die brüderliche Hilfe für die CSSR anno 1968?

        KPD/KPF/PCI/PCE: Das sagt nicht Biermann, sondern ich. Ihn habe ich erwähnt, weil er als deutscher Kommunist nicht in die deutsche KP eintreten wollte, eben weil sie zu unkritisch gegenüber Moskau war.

    22. Peleo schrieb am 7. Mai 2012 um 15:33 - Permalink

      @ aquadraht

      Selbstverständlich müssen sie das. Der Sattlergeselle war in der Situation einfach überfordert. Wie auch anders. Die Situation in Russland vor Augen, griff er zu unakzeptablen Mitteln, die man auch Verbrechen nennen kann, z. B. das Moabit-Massaker, das in den Geschichtsbüchern gar nicht erscheint. Leider hat die SPD das bis heute nicht aufgearbeitet.

      Bei weitem nicht alle Greuel der Freikorps-Soldateska können der SPD zugerechnet werden. Die Zerschlagung der Räterepublik in Bayern ging auf das Konto der Ultrarechten.

      Die andere Seite war aber auch nicht zimperlich. Spartakus wollte immerhin gewaltsam eine Regierung stürzen, die – den Umständen entsprechend – gewählt war.

      Ich finde es falsch und unfair, die SPD in der Weimarer Zeit auf Noske zu reduzieren. Achtstundentag, Allgemeines (Frauen-)Wahlrecht, Betriebsverfasssungsgesetz usw. hätte es ohne die SPD nicht gegeben. Für Revolutionäre ist das vielleicht Klimbim, für die Mehrheit der kleinen Leute war das ein großer Fortschritt.

      • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 16:04 - Permalink

        Ja, klar, überfordert. Deshalb haben die auch 18.12.1918 die Volksmarinedivision beschiessen lassen, die ersten Todesopfer der Novemberrevolution, Täter: Sozialdemokraten. Kurz zuvor war ein Putschversuch zusammen mit der OHL gescheitert, weil die Soldaten auseinanderliefen. Und nein, Spartakus war ein Protest gegen die putschartige und illegale Absetzung des USPD-Polizeipräsidenten. Das Zeitungsviertel war von ein paarhundert Leuten besetzt. Die Morde geschahen durch die SPD-braune Soldateska.

        “Die Situation in Russland vor Augen”, und die Bestien, die gerade von Massakern im Baltikum und im Ostseeraum zurück waren, von deren Morden, Brandschatzungen und
        Vergewaltigungen die die nichtmal zu reden zurückscheuten, die auf Arbeiter loszulassen, von denen man wusste, dass die sich einigen, diskutieren wollten, das ist nicht zu beschönigen, egal ob das ein Gefreiter oder ein Sattlergeselle ist. Bestialität lernt man nicht im Handwerk, dazu braucht es niedere Gesinnung.

        In Bayern hat die sozialdemokratische aus München geflohene Regierung die Mörder gerufen. Schlimmer noch beim Kapp-Putsch, wo, nachdem die Arbeiter der SPD den Arsch gerettet hatten, diese die Reichswehr und die Einwohnerwehren auf die Arbeiter losliess, unter Bruch des Bielefelder Abkommens.

        Eine Blutspur der weit über zehntausend Toten. Und das hörte nach 1921 nicht auf. Die Morde im Wedding, in Hamburg und auch bei zahlreichen kleineren Streik- und Protestaktionen trugen fast durchgehend sozialdemokratische Handschrift. Die konservativen Magistrate trauten sich sowas nicht.

        Nebenbei gesagt, ich reduziere die SPD nicht auf ihre Verbrechen. Aber ich wehre mich gegen die Schönfärberei. Die SPD war konsequent antidemokratisch und gewaltbereit gegen Links, die gesamte Weimarer Republik hindurch. Und die Verbrechen von 1918-1921 waren die Voraussetzung für die Demokratie ohne Demokraten, mit konsequent antidemokratischer Bürokratie, Justiz. Polizei und Armee. Die SPD hat die nicht angetastet, weil sie sie gegen die Linke brauchte.

        Den meisten war 1918 klar, dass es nicht zu einer sozialistischen Revolution kommen würde, höchstens zu einigen durchaus nicht unwichtigen Reformen, gerade Rosa Luxemburg hat das auch mehrfach geschrieben. Es ist Heuchelei, so zu tun, als hätte die MSPD das nicht gewusst, nach den Mehrheiten im Rätekongress und anderswo. Nur hätte die MSPD mit den Linken zusammenarbeiten müssen statt mit den extrem Rechten. Da hat sie es vorgezogen, die Linken zu ermorden. Auf die Weise brauchte sie auch viele vollmundige Versprechen nie einlösen.

        a^2

        • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 16:42 - Permalink

          Sie SPD “konsequent antidemokratisch”? Also bitte. Ein wenig angemessen sollte das Kaliber schon noch bleiben. Die NSDAP war konsequent antidemokratisch.
          Und die Situation wird von dir stets so dargestellt, als ob es eine breite, linke Mehrheit gegeben hätte. Das ist aber einfach nicht wahr. Die Wahlen zur Nationalversammlung 1919 zeigen das doch deutlich genug. Das Schwingen von Worten wie “Putsch” bei den – unbestreitbaren – Kämpfen gegen die Volksmarinedivision und der Nutzen von Freikorps sind deswegen auch nicht ganz so leicht einzuordnen. Aus Sicht der damaligen SPD-Führung – und da war sie im Einklag mit den bürgerlichen und liberalen Kräften – war die Revolution, waren die Räte der Putsch. Eine Revolution ist letztlich immer nur dann legitimiert, wenn sie gewinnt. Es ist unfair, aber darauf läuft es hinaus. Aus der Rückschau ist es natürlich leicht zu sehen, wo das alles hingeführt hat, und da kann man dann auch klare Linien ziehen und alles.
          Aber deine Darstellung der Revolutionsbewegung als homogener, vom Volk getragenen Bewegung ist schlicht falsch. Viele der ursprünglichen Revolutionäre dachten ja sogar, sie würden für die Regierung kämpfen – bevor die SPD die Freikorps auf sie losließ, was in der Tat ein Schandfleck der Partei bis heute ist. Daraus aber zu konstruieren, dass es eine spartakistische Mehrheit gegeben hätte, oder dass Spartakus dieselben Ziele verfolgt hätte wie etwa die Arbeiter- und Soldatenräte (die, wie man auf dem Rätekongress gesehen hat, mehrheitlich SPD und USPD zuneigten), ist abenteuerlich.

          • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 18:24 - Permalink

            Komisch – ich schreibe die ganze Zeit, dass unter den Menschen, die die SPD hat zusammenschiessen lassen, die Mehrzahl pro SPD war. Das war bereits auf dem Rätekongress sichtbar. Das zeigt auch, dass es für die Gewaltbereitschaft der MSPD nur ein Motiv gab: nämlich zu verhindern, dass das, was sie selbst forderte, und wovon eine Mehrheit fälschlich glaubte, es sei ernst gemeint, auch nur einen Schatten einer Verwirklichungschance bekommen sollte.

            Noch die Wahlen zur Nationalversammlung zeigen eine überwältigende Mehrheit von Linksliberalen bis Linken. Die DDP stand in vielen Dingen, vor allem in der Rechtspolitik, nicht rechter als die SPD, teilweise im Gegenteil. Noch 1928 war der stellvertretende Polizeipräsident, Dr. Seifert von der DDP, entsetzt über Zörgiebels Menschenverachtung. Mit den Kräften, die damals noch die Mehrheit hatten, wäre ein grundlegende Umgestaltung Deutschlands, mit demokratischer Verwaltung, Justiz und Armee möglich gewesen.

            Dass es eine spartakistische Mehrheit gegeben hätte, habe ich nie behauptet, ich habe im Gegenteil geschrieben, dass nach dem November keinesfalls der Bolschewismus drohte. Das war auch ziemlich offenkundig. Vermutlich hätte man mit einer Rückname der illegalen Amtsenthebung Eichhorns oder auch nur dem Versprechen einer Überprüfung die Aufständischen nach Hause schicken können. Das war nicht gewollt, gewollt war das Blutbad. “Einer muss den Bluthund machen”.

            Ausreden lassen sich für jedes Verbrechen finden. Tatsache ist, dass Sozialdemokraten in der Weimarer Republik brutalere Unterdrücker und skrupellosere Mörder und Totschläger waren als ihre konservativen (nicht rechtsradikalen) Entsprechungen.

            Und zur Frage, ob Putsch oder Revolution: Was Ebert und Noske schon Mitte Dezember versucht und dann im Januar bis März gemacht haben, war geplante und vorbereitete gewalttätige Gegenrevolution. Nicht gegen eine Handvoll Leute von Spartakus, sondern gegen die gesamte Bewegung. Dass die natürlich geschockt war ob dieses Verrats, ist klar. Die hatten ja der SPD geglaubt und haben damit lange nicht aufgehört.

            Und nun ja, das alles halte ich schon für antidemokratisch, und auch für konsequent. Nämlich sobald etwas links von der SPD an Bedeutung gewann. Dann hörte das Demokratieverständnis auf und die Gewalt regierte.

            a^2

            • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 18:39 - Permalink

              Ich stimme dir absolut zu, dass die SPD die Revolution durch eine brutale Gegenrevolution unterdrückt hat, und dass die Revolution das eigentliche Kind der SPD war, bzw. gewesen wäre. Und denen fiel die SPD klar in den Rücken, keine Frage. Es gab ja auch einige, die das damals schon klar sahen und nicht wie etwa Liebknecht der Demokratie parlamentarischer Prägung gänzlich ablehnend gegenüberstanden, etwa die revolutionären Obleute.
              Die DDP war in Fragen der Bürgerrechte sicherlich “linker” als die SPD, wobei hier der Begriff “liberaler” angebrachter, wenn auch tautologisch wäre. Gerade auf dem Feld der Sozialpolitik aber lag die DDP mit der SPD ziemlich über Kreuz, und die sozialpolitischen Verbesserungen der Revolution waren der SPD durchaus zu verdanken und wurden von ihr verteidigt.

            • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 20:27 - Permalink

              Ich hatte das antidemokratisch auch nur auf den Umgang mit der Linken gemeint und mit Programmatiken, die über den zum Teil schon im Kaiserreich erreichten oder in Angriff genommenen Zustand hinausgingen.

              Die sozialpolitischen Errungenschaften bestreite ich auch gar nicht. Nur haben die die Republik nicht gerettet. Eine SPD als integrierende Kraft der Linken, die ihr Gewicht genutzt hätte für tiefgreifende Reformen von Verwaltung, Justiz und Militärwesen, die hätte die Republik verankern können. Dabei – nicht so sehr natürlich in der Sozialpolitik – hätte die DDP gewiss zumindest ein gutes Stück weit mitgemacht.

              Was gemacht wurde, eine Demokratie mit konsequent antidemokratischen Institutionen, kann man weder als Zufall noch als Unfall werten. Die Gestapo wurde – ohne nennenswerten Umbau – direkt aus der politischen Polizei des von 1919-32 sozialdemokratisch regierten Preussen geschaffen. Ihre Verhaftungslisten nach dem Reichstagsbrand waren bereits unter SPD-Führung entstanden.

              a^2

            • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 21:26 - Permalink

              Ich stimme dir weitgehend zu, man muss aber fairerweise hinzufügen, dass vieles von dem, was links von der SPD entstand, auch demokratiefeindlich war und zumindest rhetorisch der SPD ans Leder wollte. Nichts desto trotz war das Verhalten der Sozialdemokraten auch nicht gerade förderlich, keine Frage.

            • aquadraht schrieb am 7. Mai 2012 um 23:14 - Permalink

              Gewiss sollte man die Augen nicht vor den Fehlern der Gruppierungen und Parteien links von der SPD verschliessen, da gab es jede Menge Selbstüberschätzung, Pathos, Unfug, Wortradikalismus, auch Gewaltsprache und Drohgebärden, und demokratisch lupenrein war das mit Sicherheit nicht alles. Erst recht sind die schweren Fehler und auch Dämlichkeiten der KPD-Politik in späteren Jahren weder zu beschönigen noch kleinzureden.

              Allerdings haben die meisten dieser Gruppen, auch die KPD, immer wieder die Zusammenarbeit mit der SPD gesucht. Und die hat sich konsequent und stur verweigert, mit teilweise den geschilderten Mitteln, oder mit borniertem Beleidigtsein (während sie sich von ihren “Partnern” auf der Rechten alles gefallen liess).

              Darum geht es eigentlich. Die SPD hatte eine Schlüsselrolle, die anderen, selbst die grösseren wie USPD und KPD, konnten nur auf sie reagieren, und haben das auch oft in falscher Weise getan. Aber an der SPD hätte gelegen, ob sich da etwas ändert oder blockiert wird, wie sie es getan hat.

              Das Tragische ist, dass die SPD der Weimarer Zeit durchaus Köpfe hatte, die aber eher Theoretiker als Führungspersönlicheiten waren, wie Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Rudolf Hilferding. Gerade Bernstein hätte eine Rolle spielen können, hatte aber gegen die Nationalisten in der SPD keine Chance, während sich Hilferding in seinem Fachressort Wirtschaft und Finanzen verschanzte. Das Führungspersonal hingegen verwaltete den Alleinvertretungsanspruch der SPD als Arbeiterpartei phantasielos und gehässig und duckte nur nach rechts.

              a^2

      • Stefan Sasse schrieb am 7. Mai 2012 um 16:36 - Permalink

        Stimme ich zu.

      • The Joker schrieb am 7. Mai 2012 um 21:24 - Permalink

        Der Sattlergeselle war in der Situation einfach überfordert.

        Mir kommen die Tränen: Ebert war zu dem Zeitpunkt lange Jahre Berufspolitiker.
        Und niemand wird gezwungen, bei dem Gefühl der Überforderung im Amt zu bleiben.

    23. Spezialdemokrat schrieb am 7. Mai 2012 um 22:14 - Permalink

      Die SPD ist schon eine bemerkenswerte Partei.
      Im August 1914 war sie dermaßen von patriotischer Leidenschaft erfasst, dass sie des Kaisers Kriegskrediten feurig zustimmte. Ein paar Jahre später hat man dann das “Alte und Morsche, die Monarchie” ganz schnell abgewrackt.
      Na, eine solche Lernfähigkeit tät’ ich mir auch heute wünschen.

      • Peleo schrieb am 8. Mai 2012 um 08:56 - Permalink

        Im August 1914 war sie dermaßen von patriotischer Leidenschaft

        Wie viele Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller auch. Vor allem wollte sie das Odium der “vaterlandslosen Gesellen” loswerden. In einer Gesellschaft, die “Vaterlandsliebe” gleichsetzte mit gut, anständig, moralisch usw. nicht unverständlich. Hinterher ist man immer klüger. Die MSPD hat für den Lernprozess gewiss viel zu lange gebraucht. Es waren halt auch bemerkenswerte Zeiten.

        Lernfähigkeit heute – na ja. Solange die Seeheimer das Sagen haben, wird das schwierig. Da bleibt als kleiner Hoffnungsschimmer der Einfluss von Hollande.

    24. Folkher Braun schrieb am 9. Mai 2012 um 23:18 - Permalink

      Na ja,
      ich vermute mal, der inhaltlich schwache Artikel von Stefan Sasse, der hier ja reihenweise richtig gestellt wurde, ist ein weiterer Versuch, in der Sozialdemokratie so etwas wie einen heute noch erwähnenwerten Teil der Parteingeschichte hochzujubeln. Zur Erleuchtung empfehle ich die Dissertation von Kurt Schumacher 1929 zum “Staatsgedanken…” in der SPD. Keiner hat sich an die Bourgeois- Fraktionen so angeschleimt wie der. Und 1945 ist ihm die Spaltung der SPD gelungen. Nach solchen Leuten wurden beim uns Straßen und Plätze benannt. Aber nicht mit der Überschrift: Spalter der Arbeiterbewegung. Was er de facto war.

      gruß f


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