Der Hüter der Wahrheit ist tot
geschrieben am 26. September 2009 von Nick Abbe
Ein verspäteter Nachruf auf Irving Kristol
Am Freitag, dem 18. September 2009, starb im Alter von 89 Jahren Irving Kristol. Seine Rolle als maßgeblicher Mitbegründer der neokonservativen Bewegung verschaffte ihm den Spitznamen, der ihn die letzten drei Jahrzehnte begleitete: ?Pate des Neokonservativismus?.Dabei deuteten seine politischen Anfänge in eine ganz andere Richtung. Am 22. Januar 1920 in Brooklyn, New York, geboren, gehörte er mit Anfang Zwanzig zu einer trotzkistischen Studentengruppe. Der Sohn jüdischer Einwanderer war, wie viele seiner Altersgenossen, zutiefst von der Großen Depression der Dreißiger Jahre geprägt worden; als Jugendlicher hatte er das Elend der Arbeitslosen erlebt. ?Unter diesen Umständen schien der Gedanke einer von der Regierung geplanten Wirtschaft vernünftig, nicht ideologisch?, schrieb er später. Nach dem Studium am New York City College mit einem Bachelor of Arts in Geschichte ausgestattet, gründete er 1942, mit einigen ehemaligen Kommilitonen das Magazin Enquiry: A Journal of Independent Radical Thought. Im selben Jahr heiratete er Gertrude Himmelfarb, eine ebenfalls trotzkistisch beeinflusste Historikerin. Zwei Jahre später wurde er als Infanterist in die 12th Armored Division der US-Streitkräfte eingezogen.
In der Armee wurden seine politischen Vorstellungen ein erstes Mal in ihren Grundfesten erschüttert. Der junge Kristol traf dort auf ungebildete, verrohte, teils antisemitische Kameraden. Kraft ihrer Uniformen und ihrer Waffen misshandelten sie Kriegsgefangene und Zivilisten. Irving Kristols Lehre aus diesen Tagen: ?Ich sagte zu mir selbst, mit diesen Leuten kann ich keinen Sozialismus aufbauen. Sie würden ihn wahrscheinlich übernehmen und eine Gaunerei daraus machen.? Diese Erfahrung sollte ihn zeitlebens prägen.
Nach dem Krieg arbeitete Kristol für mehrere liberale Zeitschriften. Immer noch liberal, aber dezidiert antikommunistisch, verurteilte er die ?vulgäre Art? des Kommunistenfressers aus Wisconsin, Senator Joseph McCarthy. Gleichwohl kam Kristol nicht umhin, den ausgesprochenen Antikommunismus McCarthys zu begrüßen. Zusammen mit dem Soziologen Daniel Bell gründete er 1965 The Public Interest. In diese Zeit fällt auch ein weiterer Impuls, der ihn politisch nach rechts trieb: die amerikanische Antikriegsbewegung. Während er seiner Ansicht nach ?verantwortungsvolle? Kritik an der amerikanischen Kriegsführung akzeptierte, lehnte er die Demonstranten an den Universitäten als ideologisch und naiv ab. Dass sich unter diesen, neben zahlreichen jungen Idealisten, und nicht wenigen Spinnern, durchaus auch intellektuell gereifte Hochschuldozenten befanden, spielte bei dieser seiner Unterscheidung keine Rolle. So weist auch denn auch Chomsky in seinem Essay The Responsibility of Intellectuals darauf hin, dass die grundsätzliche Infragestellung amerikanischer Machtpolitik mittels dieser Differenzierung zwischen ?verantwortlichen? und ?hysterischen? Kritikern freilich nicht nur durch Kristol diskreditiert wurde. Der Vorschlag des demokratischen Präsidentschaftskandidaten von 1972, Senator George McGovern, das Verteidigungsbudget der Vereinigten Staaten um 30 Prozent zu kürzen, wurde vom ?Realpolitiker? Kristol mit dem Verweis auf Israels Abhängigkeit vom militärisch-industriellen Komplex der USA abgebügelt. Seitdem war er Anhänger der Republikanischen Partei. In den Achtziger Jahren gründete und verlegte er die Zeitschrift The National Interest, wurde ?fellow? des American Enterprise Institute und etablierte sich weiter als eine der zentralen Figuren im neokonservativen Establishment.
Innenpolitisch blieb der ?von der Realität überfallene Linke?, i.e. Neokonservative, ein Unterstützer des begrenzten Sozialstaats Franklin D. Roosevelts. Als sich Präsident Lyndon B. Johnson anschickte, diese Begrenzungen abzubauen, um damit die ?Great Society? zu schaffen, sah Kristol dies zwiespältig. Obgleich er dessen Ziele befürwortete, lehnte er die Mittel ab, die Johnson verwendete, da er eine ?Kultur der Abhängigkeit? befürchtete. Kristol warnte zeit seines Lebens vor den negativen Konsequenzen liberaler, also im US-Kontext ?linker?, Sozial- und Beschäftigungspolitik. Seine Warnungen waren nicht unberechtigt, nur einseitig, wie im Fall der ?affirmative action?. Kristol kritisierte diese Quotenregelung zur Förderung gesellschaftlicher Minderheiten als Grundlage zukünftiger gesellschaftlicher Spannungen. Gleichwohl beantwortete er damit nicht die Frage, wie etwa Afroamerikaner ansonsten jemals die Chance gehabt hätten, aus dem Teufelskreis von Rassismus und Armut auszubrechen, der sie buchstäblich im Souterrain der Gesellschaft gefangen hielt. Irving Kristol präferierte stattdessen die freie Marktwirtschaft und private Wohltätigkeit, ganz im Sinne der ?trickle-down?-Theorie, nach der etwas vom Wohlstand der ?oberen Zehntausend? bis in die untersten sozialen Schichten durchsickern sollte. Dennoch war Kristol kein unkritischer und opportunistischer Jünger des Kapitalismus, wie so manche seiner Nachfolger. Für fragwürdig befand er die ?Verunstaltung der menschlichen Seele? durch die hemmungslose Konsumgesellschaft. Auch die Ignoranz der Macht gegenüber den Machtlosen prangerte Kristol als ?eine Form von Machtmissbrauch? an. Auf der anderen Seite gefiel er sich gelegentlich in hemmungsloser Polemik, etwa, wenn er die vermeintliche Sittenlosigkeit liberaler Amerikaner anprangerte. ?Ein Liberaler?, erklärte Kristol einmal, ?ist eine Person, die sich angesichts einer Vierzehnjährigen, die auf der Bühne einen Live-Sex-Act vorführt, fragt, ob diese den gesetzlichen Mindestlohn bekommt.?
Ambivalent war auch seine Haltung zur Religion. Seit den Siebziger und Achtziger Jahren befürwortete er die nicht unproblematische Allianz von Neokonservativen und Vertretern der Christian Right in der Republikanischen Partei. Dabei war sein persönlicher Glaube eher zweifelhafter Natur, wiewohl er Atheismus, und in späteren Jahren sogar die Evolutionstheorie ablehnte. Seiner Ansicht nach gehört eine religiöse Dimension zu den Grundlagen einer kohärenten Gesellschaft. ?Wenn Gott nicht existiert, und wenn Religion eine Illusion ist, ohne die die Mehrheit der Menschen nicht leben kann (?) lasst die Menschen die Lügen der Religion glauben, da sie ohne sie nicht können, und lasst eine Handvoll Weiser, welche die Wahrheit kennen und damit leben können, diese für sich behalten.? Ob allerdings der Aufstieg der christlichen Rechten die gesellschaftliche Stabilität in den Vereinigten Staaten gefördert hat, darf jedoch bezweifelt werden.
Die ?edle Lüge? des Philosophen Leo Strauss, welche den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern sollte, scheint Kristol zu dieser Ansicht inspiriert zu haben. So formulierte er auch: ?Es gibt verschiedene Arten der Wahrheit, für verschiedene Arten von Menschen. Es gibt Wahrheiten, die für Kinder angemessen sind; Wahrheiten, die für Studenten angemessen sind; Wahrheiten, die für gebildete Erwachsene angemessen sind; und Wahrheiten, die für höchst gebildete Erwachsene angemessen sind, und die Vorstellung, dass es ein Set von Wahrheiten geben sollte, die für jedermann zugänglich sind, ist ein moderner demokratischer Trugschluss. Es funktioniert nicht.? Tatsächlich hat die Generation seiner Nachfolger, unter ihnen sein Sohn William Kristol, Verleger des Weekly Standard, das Konzept der ?noble lie? nur zu gut für ihre Zwecke umzusetzen gewusst. Während Irving Kristol weitgehend still blieb, führten William Kristol und das Project For A New American Century (PNAC) den ?Kreuzzug? für den Irakkrieg an. Ironischerweise vertraten sie dabei mit der ?Demokratisierung des nahen Ostens? ein Konzept, das entgegen der Denkweise des intellektuellen Realisten Irving Kristol stand.
Nick Abbe
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Mich würde ja mal interessieren wie seine Erfahrungen bei der Armee konkret ausgesehen haben. Immerhin handelt es sich dabei offensichtlich um DAS prägende Ereignis in seinem Leben. Zugegebenermassen ist das nicht so ganz verwunderlich.
Das erinnert mich auch ein wenig an die Briefe des Vaters meines Stiefvaters, der an der Ostfront (in Gefangenschaft) gestorben ist. Man könnte sagen, dass er eine ähnliche Veränderung durchgemacht hat, nur dass er vorher an die Ideologie der Nazis geglaubt hat. Im Verlauf seines Kriegseinsatzes schildert er aber ähnliche Erfahrungen mit seinen Kammeraden wie Kristol und wendet sich immer mehr von diesen ab. Es wäre sicherlich interessant gewesen zu erfahren was für einen Menschen es aus ihm gemacht hat/hätte.
Auch hier wieder mal ein Beispiel für einen Intellektuellen jüdischer Abstammung, der durch die ungeheuerlichen Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs und des Holocausts, vom idealistischen Linken zum nationalen Rechten mutierte. Nicht ganz unverständlich, dass man nach solch traumatischen Erfahrungen auf Stärke setzt und künftig lieber Täter als Opfer sein möchte. Dass diese Juden dadurch – zumindest teilweise – die menschenverachtende Weltanschauung derer übernommen haben, die ihnen einst ihren Idealismus nahmen, das ist das zutiefst tragische an solchen Biografien.
@Gebintit:
Wie kommst du auf solch eine Interpretation? Aus dem Artikel hier ergibt sich nur, dass er durch seine Erfahrungen bei der Armee zu der Ueberzeugung gelangt ist, dass mit dem Proletariat (oder allgemein der Unterschicht) kein Staat nach seinen Vorstellungen umzusetzen sei. Wo steht da was von stark sein oder gar zum Taeter werden zu wollen?
@Rossi
Natürlich steht das da so nicht explizit im Artikel, aber z.B.:
Man muss sich mal klar machen, um welche Größenordnungen es bei diesen Militärausgaben ging und geht und welche Opfer eine solche Politik verursacht hat. Menschenfreunde sehen anders aus.
Guter Nachruf vom SF. Dass diese ungebildeten, verrohten, teils antisemitischen Kameraden mit besseren Voraussetzungen vielleicht bessere Menschen geworden wären war eine Schlussfolgerung die Kristol offenbar nicht zog. Immer wieder lesenswert sind auch die Nachrufe des Guardian. Hier Kristol’s Obituary, der viele weitere Anhaltspunkte zu seiner Biographie liefert.
Ein weiteres aktuelles Ableben im Kontext ist der konservative amerikanische Kolumnist William Safire.