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  • Russische Boni für das CERN

    geschrieben am 13. Dezember 2012 von Spiegelfechter

    Ein Gastartikel von Alexander Unzicker

    Dass einen erfolgreichen russischen Unternehmer das heranrückende Ende des Steuerjahres genötigt hat, noch im Dezember der Physik sechs Millionen Dollar als absetzbare Gabe zu spendieren, darf man als unwahrscheinlich ansehen. Eher hatte der Internetunternehmer Yuri Milner wohl im Sinn, am Todestag Alfred Nobels, an dem traditionell Forscher in Stockholm die höchste Auszeichnung der Wissenschaft entgegennehmen, seinen eigenen Namen in Stein zu meißeln. Milners Preis ist, wie nicht ohne Häme vermerkt wird, dreimal so hoch wie die Auszahlungen der von der Finanzkrise gebeutelten Stiftung – wirtschaftlich gesehen, verschwindet Nobels Pulver also fast unter dem Kies des Oligarchen. Wissenschaftlich sollte man ein wenig genauer hinsehen.

    Erinnern wir uns: Ende Juli 2012 wurde die Fachwelt bereits von Milner überrascht, nicht nur durch die satte Höhe von insgesamt 27 Millionen Dollar Preisgeld der ersten Tranche des Fundamental Physics Prize, sondern vor allem durch die Empfänger. Es handelte sich sämtlich um Vertreter exotischer Theorien wie `Superstrings’, `Extradimensionen’ und `kosmischen Inflationen’, die eines gemeinsam hatten: Sie sind durch kein Experiment überprüfbar und daher im methodischen Sinne keine Naturwissenschaft. Durch die vernichtende Kritik angesehener Theoretiker wie Lee Smolin oder Roger Penrose hatten diese Spekulationen auch schon erheblich an Kreditwürdigkeit eingebüßt. Und schließlich hatte sich auch das Nobelkomitee stets energisch gewehrt, die empirische Methode über Bord zu werfen, mit der die Physik seit Galilei erfolgreich war – mit der altmodischen Bedingung, ein Wissenschaftler möge für seine schönen Theorien auch ein denkbares Experiment als Pfand hinterlegen.

    Doch die Zeiten ändern sich. Dass Milner seinen eigenen Sachverstand über den der Schwedischen Akademie, ja über jedwede Gutachterrunde stellt, ist plump – die Omnipotenzphantasie eines Physik-Aussteigers. Noch entfernter von der Wissenschaft sind aber eigentlich jene Stringtheoretiker, die Tausende von Veröffentlichungen zu `Supersymmetrie’, `holographischen’ und `anthropischen Prinzipien’ schreiben, die jeden Bezug zur Realität verloren haben – eine klassische Spekulationsblase, bei der nun auch das Vertrauen von gutgläubigen Physikern schwindet. Insofern ist es geradezu tragikomisch, dass ein intelligenter Mann wie Milner sich in der Wissenschaftsgeschichte nun einen Namen erkauft hat als jener Tor, der heftig in ein wissenschaftlich bankrottes Unternehmen investiert hat.

    Dies sollte eigentlich die Verantwortlichen am CERN zum Nachdenken bringen, ob sich die finanziellen Liebesgrüße aus Moskau nicht als vergiftetes Lob erweisen können. Und vielleicht sogar die öffentliche Meinung hellhörig machen, ob das Unternehmen Hochenergiephysik, das seit fünfzig Jahren immer gigantischere Beschleuniger baut, wirklich noch gesund ist. Nicht nur, weil Milners Preis für „Weltmaschine“ LHC einen ähnlichen Tropfen im Budget darstellt wie der Friedensnobelpreis der EU für deren Bankenrettungsschirm, sondern weil die grundlegenden Fragen der Physik, über die sich Albert Einstein, Paul Dirac oder Erwin Schrödinger gewundert haben, in Vergessenheit geraten. Auf Diracs jahrelanges Grübeln, warum das Proton 1836 mal schwerer als das Elektron ist, hat die heutige Teilchenphysik die Antwort „weil es 1836 mal so stark mit dem Higgsfeld wechselwirkt“ parat – vorausgesetzt, der Hype um das Higgs-Boson hätte überhaupt seine Berechtigung. Denn nachgewiesen ist das Teilchen keineswegs – auch wenn die Falschmeldung so gründlich durch die Weltpresse ging, dass die Wikipedia inzwischen genervt davor warnt, sie einzutragen.

    Über das Prinzip des Nobelkomitees, den Preis nicht an Gruppen zu verteilen, wurde jüngst oft Bedauern geäußert. Vielleicht hat Milner hier mit kapitalistischer Wendigkeit, welche der Welt ja auch sonst so gut tut, der trägen Nobelstiftung gezeigt, wie der Wissenschaftsmarkt funktioniert. Vielleicht ist es aber auch Privatisierungswahn im besten Sinne, der sich hier in der Wissenschaft breit macht: das Aufbauschen der Gegenwart gegenüber dem, was über die Zeiten gilt, schneller Entdeckungsprofit statt nachhaltiges Verständnis der Naturgesetze.

    Es gibt gute Gründe für die Regeln in Alfred Nobels Testament. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass die entscheidenden Durchbrüche durch Individuen erfolgten und nicht durch die geplante, geförderte und massenhafte Aktivität an Großexperimenten, die kein einzelner mehr überblickt, und die schon deshalb nicht mehr in Frage gestellt werden dürfen, weil sich so viele Forscher ja nicht irren können. So wird die Fundamental Physics-Preisverleihung 2013 sicher wieder eine wissenschaftssoziologische Großveranstaltung mit viel Applaus und ohne heikle Fragen. Sich für sechs Millionen Dollar für diesen PR-Event kaufen zu lassen, wird dem Ansehen des CERN aber auf lange Sicht nicht gut tun. Man kann nur hoffen, dass das Nobelkomitee im nächsten Jahr einen Rest von Stolz behält.

    In einer früheren Version des Artikels wurde versehentlich geschrieben, Milner habe sein Studium abgebrochen und nicht das Doktorat. Der Autor bedauert den Irrtum.

    Dr. Alexander Unzicker ist Autor des Buches „Auf dem Holzweg durchs Universum – warum sich die Physik verlaufen hat“, das 2012 beim Hanser Verlag erschienen ist. 2013 erscheint sein englisches Buch „Bankrupting Physics“ bei Palgrave Macmillan, New York.

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    Tags: Neoliberalismus Russland
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    43 Kommentare:

    1. Konstantin Myshkin schrieb am 13. Dezember 2012 um 10:11 - Permalink

      Erster Artikel bei Spiegelfechter wo ich ein lautes WAYNE gedacht habe…eindeutig rumgepimmel um die Berechtigung von Deutungsglaubenssätzen…yaawn…dieser Oligarch sagt mir nix…aber so Funktioniert nunmal in Russland Innovation…Superreiche versuchen ihr Ego zu Polieren, indem sie in Projekte investieren…das wurde hier verstanden…das dies jedoch ein (Hilfe-)Systemimmanenter Mechamismus ist wird unterschätzt…es gäbe de facto NUR Putintreue Hilfeträger, wenn es diese ihr gewissen reinwaschenden Multigazpromiliäre nicht gäbe…Leider scheiße, aber so läufts nunmal!
      Wenn’s irgendwo drin steht tut’s mir leid, aber das reiche Leute gebashe find ich so…naja…90er oder so!
      Ich selbst betrachte mich selbst als linker Humainst und finde mitlerweile die Art zu Debattieren und Positionen zu vertreten aus dem “Mitte bis Links”-Spektrum etwas realitätsfremd!

    2. Chris schrieb am 13. Dezember 2012 um 10:29 - Permalink

      Da ich kein Physiker bin, sei mir folgende, vielleicht etwas naive Nachfrage gestattet.

      Ist der Fakt, dass die experimentelle Physik mit der theoretischen schon länger nicht mehr Schritt halten kann, nicht unvermeidlich, da vor allem mit zeitlichen und räumlichen Größen gearbeitet wird, die experimentell nicht/kaum mehr erfasst werden können?

      Beispielhaft wäre hier, wenn ich das richtig verstanden habe, die Hawking-Strahlung zu nennen. Mit einem Zwang zum experimentellen Beweis, verweigert man der theoretischen Arbeit die Anerkennung, die sie sich eigentlich verdient hätte. Daher ja auch die Verleihung dieses Preises an Stephen Hawking, als Würdigung einer theoretischen Entdeckung, die in absehbarer Zukunft vielleicht nicht experimentell bewiesen oder widerlegt werden kann.

      Allgemein scheint der Author der modernen Wissenschaft nicht besonders zugeneigt zu sein, besonders was rein mathematische Beweise angeht. Ob das nun gerechtfertig ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

      • Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 16:16 - Permalink

        Versuch einer differenzierten Antwort: Teils, teils.

        Grundsätzlich muss sich die theoretische Physik immer der experimentellen Überprüfung stellen. Sonst macht man nicht Physik (die ja eine Aussage über die beobachtbare Natur machen will), sondern reine Mathematik. Für einen Großteil der theoretischen Physiker ist das in ihrer Arbeit auch wahr, auch in der Hochenergiephysik. (“rein mathematische Beweise” haben natürlich ihre Berechtigung, aber sie sagen nun einmal nur etwas über eine mathematische Struktur aus, nicht über die Realität.)

        Andererseits ist es auch sinnvoll, über das im Moment schon Überprüfbare hinauszudenken. Das kann zu neuen Zusammenhängen führen, die vielleicht doch beobachtbar sind, vor allem aber ist es natürlich wichtig für die Zukunft, um neue Beobachtungen in Erweiterungen des Bestehenden einzubauen, und um Impulse für neue mögliche Beobachtungen zu geben.

        Die Frage ist nur, wie sich der Einsatz wissenschaftlicher Arbeitskraft auf diese beiden Bereiche verteilen sollte. Es macht sicherlich keinen Sinn, wenn sich ein Großteil der Physiker mit hochspekulativen Theorien beschäftigt, die auf absehbare Zeit nicht überprüft werden können.

        Das Ganze ist also eine Frage der Balance, und die Kritik an der theoretischen Hochenergiephysik ist, dass sich diese Balance zu sehr zur spekulativen Seite hin verschoben hat (Hust, hust, *Stringtheorie*, hust, hust).

        Dann kommt natürlich die politische Frage, wie teure Beschleuniger man sich gern leisten möchte (die unbedingt notwendig sind, wenn man immer kleiner Strukturen “optisch auflösen” will – je kleiner das Untersuchungsobjekt, desto kleiner die Wellenlänge zum Auflösen, desto höher die Energie und desto größer das “Mikroskop”, das man benötigt.

        Das ist aber eine ganz andere Frage, als die, die Herr Unzicker stellt. Er glaubt ja noch nicht einmal, dass uns die bisherigen Beschleunigerexperimente seit über 50 Jahren sinnvolle Ergebnisse gebracht haben. Damit steht er allerdings ziemlich allein auf weiter Flur (zum Glück). Für ihn ist praktisch ein Großteil der Arbeit, die alle modernen theoretischen Physiker machen (nicht nur Hochenergiephysiker), hochspekulativ, da er anscheinend nicht glaubt, das die Quantenfeldtheorie, die fast überall zur Anwendung kommt, eine sinnvolle Theorie ist.

        Und ja, die Beobachtung, dass der Autor der modernen Wissenschaft nicht sehr zugeneigt ist, erscheint mir zutreffend.

        • Chris schrieb am 14. Dezember 2012 um 09:20 - Permalink

          Schönen Dank für die informative Antwort.

    3. Heldentasse schrieb am 13. Dezember 2012 um 10:44 - Permalink

      @Alexander Unzicker

      Und vielleicht sogar die öffentliche Meinung hellhörig machen, ob das Unternehmen Hochenergiephysik, das seit fünfzig Jahren immer gigantischere Beschleuniger baut, wirklich noch gesund ist.

      Ich sehe darin einen kleinen Widerspruch (auch) zu Ihren Aussagen in Ihrem m.E. sehr unterhaltsamen, plausiblen und für den Laien verständlichen Werk “Vom Urknall zum Durchknall”. Denn wie anders sollen die abgehobenen theoretischen Modelle experimentell (indirekt, partiell) widerlegt bzw. bestätigt werden, als mit Maschinen wie dem LHC? Auch wenn es dafür nur eine sehr kleine wissenschaftliche Chance gibt, denn die Experimentalphysik hingt ja “Lichtjahre” hinter diesen Theorien zurück, sollte man diese nutzen. Wobei das Geld auf jeden Fall besser angelegt ist, als es in Rüstung oder diversen Finanz- “Rettungsschirmen” zu verpulvern.

      Gruß

    4. Lino schrieb am 13. Dezember 2012 um 11:26 - Permalink

      mmmh, Unzicker, da war doch mal was…
      http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/09/10/durchgefallen-vom-urknall-zum-durchknall/

      • unbequemer schrieb am 13. Dezember 2012 um 14:17 - Permalink

        Danke für den interesanten Link.

        Nachtigall (Unzicker) ick hör dir trapsen!

      • Heldentasse schrieb am 13. Dezember 2012 um 14:36 - Permalink

        Ich habe diesbezüglich eine etwas andere Auffassung. Dieses Buch besteht in der Hauptsache nicht aus diesem (zugegebenermaßen polemischen) Sticheleien, sondern legt im Grunde den Finger in die Wunde der modernen Physik/ Kosmologie, in dem es anhand von m.E. gewichtigen Beispielen aufzeigt, dass auch heute noch nicht bzw. kaum nachweisbare Größen, wie z.B. die dunkle Materie und dunkle Energie, eingeführt werden um physikalische Modellvorstellungen zu “retten”, die vielleicht grundsätzlich falsch sind. Womöglich Analog zur alten Epizykeltheorie, die ja auch nur den Zweck hatte das falsche geozentrische Weltbild zu bewahren.

        Des weiteren ist es enorm wichtig, dass es in der Wissenschaft auch Querdenker und Zweifler gibt, und sei es nur um deren Theorien zu widerlegen. Sie u.a. auch dazu Wann ist eine Theorie gut?

        Gruß

        • Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 15:40 - Permalink

          Das Buch ist leider für einen unbedarften Leser keine gute Behandlung dieses Stoffes. Herr Unzicker schüttet halt einfach das Kind mit dem Bade aus. Er lehnt ja nicht nur spekulative neue Theorien ab, sondern auch Theorien, die schon längst experimentell bestätigt sind.

          Er kann einfach keine Quantenfeldtheorie leiden, die man aber leider braucht, wenn man Quanteneffekte und relativistische Physik kombiniert – das könnte er auch vom von ihm bewunderten Paul Dirac lernen.

          Herr Unzicker macht sich ja sogar über die Existenz von Quarks lustig, die die elementare Bestandteile der hadronischen Materie sind (z.B. Protonen und Neutronen in den Atomkernen), und für die es ganz klare experimentelle Nachweise gibt. Leider aus Beschleunigerexperimenten, die Herr Unzicker ja auch nicht leiden kann.

          Das sind – im Gegensatz zu neuen, spekulativen Theorien – nun wirklich keine esoterischen Auswüchse, sondern Theorien, die schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bestätigt wurden, soweit man eine Theorie überhaupt bestätigen kann.

          Ausserdem zeigen z.B. auch Anwendungen der Quantenelektrodynamik in der Laserphysik bei nichtlinearen optischen Phänomenen ganz klar, dass der Zugang der Quantenfeldtheorie grundsätzlich korrekt ist. Ganz zu schweigen von vielen anderen experimentellen Tests der Quantenelektrodynamik.

          Jemand, der sich für eine sinnvolle Kritik der modernen Hochenergiephysik interessiert, tut sich keinen Gefallen, wenn er Unzicker liest.

          Dann besser gleich Lee Smolin oder Peter Woit, die wenigstens wissen, worüber sie reden.

          • Thomas schrieb am 13. Dezember 2012 um 22:13 - Permalink

            Ich finde ja auch Brian Greene’s “Der Stoff aus dem der Kosmos ist” sehr interessant… Oder Lisa Randell’s “Verbogene Universen”.

        • Yoshi schrieb am 14. Dezember 2012 um 20:34 - Permalink

          dass auch heute noch nicht bzw. kaum nachweisbare Größen, wie z.B. die dunkle Materie und dunkle Energie, eingeführt werden um physikalische Modellvorstellungen zu “retten”, die vielleicht grundsätzlich falsch sind

          Dunkle Energie und dunkle Materie sind ganz interessante Beispiele. Wir wissen aus astronomischen Beobachtungen, dass dunkle Materie sich in der Entwicklung des Universums genauso verhält wie ein Teilchen mit bestimmten Eigenschaften. ( Und das sich dunkle Energie wie eine konstante Energiedichte verhält.) Selbst wenn die Modellannahmen falsch sind, müsste es also möglich sein aus einer fundamentalen Theorie die “Teilcheneigenschaften” der dunklen Materie auszurechnen. (Und eine fundamentalere Theorie erklärt dann hoffentlich warum diese nicht-Teilchen sich genauso wie Teilchen verhalten.)

          Ein ganz ähnliches Beispiel sind Epizykel, man kann aus jeder Gravitationstheorie die Bahnen der Himmelskörper berechnen, und dann aus den Bahnen die Epizykel berechnen. ( Und diese Berechnungen dann mit den beobachteten Epizykeln vergleichen.) Das in einer Gravitationstheorie keine Epizykel vorkommen, bedeutet ja eben nicht, dass man die Beobachtung ignorieren kann. Es bedeutet dass man die Beobachtung anders erklären muss.

    5. Yuri Milner schrieb am 13. Dezember 2012 um 12:01 - Permalink

      Was chabt ihr alle für Problähm.

    6. Linus schrieb am 13. Dezember 2012 um 12:02 - Permalink

      Nun ja :-). Ein paar Anmerkungen:
      - Maximale Aufmerksamkeitserregung ist inzwischen auch in der Wissenschaft die vorherrschende Währung.
      - Es hilft nichts, das ist die Währung für meinen Broterwerb als Wissenschaftler.
      - Eine Folgeerscheinung ist die Veröffentlichungsflut: Hat man einmal einen Stapel von 1000 Artikeln auf dem Schreibtisch – darunter sicherlich auch einige “gute”, so wirft schliesslich den ganzen Stapel ungelesen in den Papierkorb.

      Die persönliche Einsicht daraus:
      Wissenschaft macht keinen Spass, wenn man so viel Mist lesen muss, um ein Körnchen Belastbares zu finden. Noch ehrlicher: Wissenschaft macht keinen Spass, wenn man soviel Vorwissen braucht.

      Zum Experiment:
      Genau dafür gibt es das CERN. Im Übrigen liegt es wohl wirklich an den Fragestellungen der Hochenergie-Physik, dass die Experimente so absurd aufwendig sind. Dem könnte man entgegenhalten, dass die bisher tragfähigsten Einsichten der Wissenschaft keineswegs die teuersten Experimente erforderten. Man könnte sogar die These vertreten, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Ob das tatsächlich so ist, wüsste man freilich erst hinterher.

      Betrachtet man das Ganze aus evolutionärer Perspektive, so führen folgende “Kriterien” zur Bildung von ökologischen Nischen für Wissenschaftler:
      - Sprache: Je verschwurbelter, desto weniger Leute, die fundiert hinterfragen können.
      - Komplexität: Je komplexer, desto weniger Leute, die fundiert hinterfragen können.
      - Experiment: Je teurer, desto “aufwendiger” zu widerlegen.
      Das ist nicht Absicht. Es ist schlicht so, dass die Selektion unter solchen Kriterien diese Inseln herausbildet, welche nicht mehr/nur unter grossem Aufwand hinterfragbar /falsifizierbar sind. For the time being müssen sich diese Inseln aber finanzieren.
      Überspitzt formuliert läuft es für den Einzelnen auf Folgendes hinaus: Lieber eine falsche Theorie, die mir meinen Lebensunterhalt sichert, als eine richtige, mit der ich mich selbst wegrationalisiere.

      Gute Wissenschaft ist per se unerbittlich. Hängt die Existenz dran, so gerät sie zu einer formidablen Existenzvernichtungsmaschine.

      • Vogel schrieb am 13. Dezember 2012 um 14:43 - Permalink

        @Linus

        - Sprache: Je verschwurbelter, desto weniger Leute, die fundiert hinterfragen können.
        – Komplexität: Je komplexer, desto weniger Leute, die fundiert hinterfragen können.
        – Experiment: Je teurer, desto “aufwendiger” zu widerlegen.

        Das erinnert mich doch sehr an die lieben Volkswirte, Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperten.

        Deren Experiment ist die heutige Weltwirtschaft, Weltgesellschaft, sind wir alle. Dagegen iss das CERN ‘n Pups!

    7. Sigmund schrieb am 13. Dezember 2012 um 14:28 - Permalink

      Mal abgesehen davon, dass ich zu geschätzt 63,769034 % nur Bahnhof verstanden habe, stelle ich mir folgende Frage:
      In RU gibt es doch auch jede Menge Physik-Forschungsinstitute. Wieso spendet der guter Herr Mil(ion)ner die Kohle nicht einer dieser Einrichtungen?
      Die könnten die Kohle doch viel besser gebrauchen als das CERN, wo sowieso Milliarden hinfließen.

      • GrooveX schrieb am 13. Dezember 2012 um 15:28 - Permalink

        spendet er nicht in russland? weisst du das, oder hat er sich dazu geäußert? und selbst wenn, ist es sein geld, oder?

        abgesehen davon, zu einstein, dirac, schrödinger fällt mir zuerst mal dürrenmatt ein und zum nobelpreis dynamit. und dann was von nobelpreiskommittee und stolz zu lesen, ja ja… als ob nobel kein oligarch gewesen wäre. ich lach mich schlapp.

        wie hat denn dieser artikel seinen weg in den spiegelfechter gefunden???

        • Beate schrieb am 13. Dezember 2012 um 16:36 - Permalink

          Gott sei Dank gibt es das Dynamit.

          Menschen machen Gesetze und befolgen Sie.

          Ich wünschte wir hätten 1000 Nobel und keinen Jobs.

    8. Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 15:25 - Permalink

      Absolut enttäuschend, dass hier im Spiegelfechter Herr Unzicker eine Plattform für sein anti-wissenschaftliches Geschwätz erhält.

      Es ist richtig, dass sich an den Entwicklungen der modernen theoretischen Physik viel kritisieren lässt. Ich stimme auch zu, dass der Hype um die Stringtheorien &c. sehr kritikwürdig ist und sich die theoretische Physik hier zu weit von der beobachtbaren Wirklichkeit entfernt.

      Aber damit erschöpft sich ja die Kritik von Herrn Unzicker leider nicht: Er hält im Prinzip ja alle Beschleunigerexperimente (die ja sehr wohl beobachtbare und nachprüfbare Ergebnisse liefern!) seit den 50er Jahren für überflüssig, lehnt die gesamte Quantenfeldtheorie ab (die im Rahmen der Quantenelektrodynamik zu unglaublicher Genauigkeit experimentell überprüft ist), und ist überhaupt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu den Zeiten der einzigen von ihm anerkannten und bewunderten Koryphäen Albert Einstein, Paul Dirac und Erwin Schrödinger stehengeblieben.

      Jemand, der sich weigert, auch die experimentell längst bestätigten theoretischen Entwicklungen des gesamten letzten Jahrhunderts zu akzeptieren ist kein guter und sinnvoller Kritiker des Vorgehens der modernen Physik.

      Wie gesagt, ich stimme zu, dass in der Entwicklung der theoretischen Hochenergiephysik in den letzten 30 Jahren manches kritikwürdig ist, aber es gibt ja nicht nur die experimentell nicht überprüfbaren Auswüchse der Stringtheorie, sondern genug theoretische Arbeiten im Standardmodell der Elementarteilchenphysik, die handfeste und überprüfbare Aussagen macht und jeden Tag auf’s neue bestätigt wird.

      Dass Herr Unzicker mit seiner Kritik der Stringtheorie vielleicht richtig liegt, ist ein sehr schwacher Trost, da er ja nicht nur diese ablehnt, sondern gleich die gesamte moderne Quantenfeldtheorie.

      Dieser Beitrag ist auf jeden Fall kein Dienst am Leser.

    9. Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 15:57 - Permalink

      Herr Unzicker schreibt:

      Auf Diracs jahrelanges Grübeln, warum das Proton 1836 mal schwerer als das Elektron ist, hat die heutige Teilchenphysik die Antwort „weil es 1836 mal so stark mit dem Higgsfeld wechselwirkt“ parat

      Das ist natürlich Unsinn. Wenn man mal annimmt, dass der Higgs-Mechanismus korrekt ist, kommt trotzdem nur ein winziger Bruchteil der Masse des Protons aus dieser Quelle. Ja, die Quark-Massen (an die Herr Unzicker ja ohnehin nicht glaubt) sind dann dem Higgsfeld geschuldet, aber der Großteil der Protonmasse kommt aufgrund der dynamischen Prozesse von Quarks und Gluonen in der Quantenchromodynamik (an die Herr Unzicker nicht glaubt) zustande. Die Dynamik und die Verteilung dieser Konstituenten des Protons sind zu sehr großer Genauigkeit am DESY in Hamburg vermessen worden (aber das ist ein Beschleunigerexperiment, und Unzicker meint, da käme ohnehin nichts Sinnvolles raus).

      Es ist ja schön und gut, dass Herrn Unzicker die Erklärungen der modernen Physik noch als unbefriedigend erscheinen. Ich verrate mal ein Geheimnis: Das geht anderen Physikern ja ganz genauso. Darum versucht man ja, in einer Theorie Dinge anhand allgemeiner Prinzipien zu vereinen, um möglichst viele Beobachtungen aufgrund einer einzigen Beschreibung erklären zu können. Das leistet die moderne Elementarteilchenphysik sehr gut mit dem Standardmodell. Immerhin reduziert es tausende von “Elementar”teilchen auf wenige Symmetriegrundsätze und liefert ein unglaublich gutes Klassifikationsschema. Dass dieses noch immer freie Parameter enthält, die sich nicht aus der Theorie selbst berechnen lassen, das ist jedem Hochenergiephysiker bewusst. Aber gerade das ist doch der Ansporn, weiterreichende Erklärungen zu versuchen und die Arbeit fortzusetzen. Was ist denn die Alternative?

      Auf jeden Fall sollte Herr Unzicker vielleicht erst einmal versuchen zu verstehen, was die Aussagen des Standardmodells wirklich sind, ehe er hier Karikaturen davon darbietet.

      • Heldentasse schrieb am 13. Dezember 2012 um 20:32 - Permalink

        Vorweg, ich bin nur interessierter Laie aber empfinde die Auseinandersetzung mit diesem Thema sehr interessant. So wie es aussieht haben die modernen Physiker zwei äußerst erfolgreiche Theorien (ART und SM), die eine beschreibt sehr genau den Mikrokosmos, und die andere die übrigen Größenordnungen in mindestens gleicher Qualität. Die Krux dabei ist, beide sind z.Z. nicht miteinander zu vereinbaren und somit sind sie im ganzen Unvollständig.

        Bei dieser Betrachtung ist es m.E. unerheblich die Erfolge des SM bzw. ART hervorzuheben. Fakt ist, die eine Theorie versagt im Mikrokosmos und die andere bei makroskopischen Phänomenen! M.E. muss deshalb auch weiterhin verstärkt Grundlagenforschung im Großen wie auch im Kleinen betrieben werden werden. Des weiteren wäre evtl. auch eine vollkommen andere Denkweise (z.B. Whitehead Prozessphilosophie) angebracht um diese Probleme (immerhin geht es darum was die Welt im innersten Zusammenhält) an zu gehen. Denn wie sollen wir uns überhaupt weiter entwickeln wenn diese auch noch vorherrschende materielle “Klötzchendenke” des 19. Jahrhunderts schon heute kaum geeignet ist die ART geschweige denn das SM* zu erfassen?

        P.S.: * Schon die Diskussionen um das Higgs Teilchen vermittelt mir (Laie), dass da evtl. etwas grundlegendes falsch läuft.

        • Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 21:12 - Permalink

          Grundsätzlich ist das alles richtig, was Du da schreibst. Du hast recht, das große Problem ist die Vereinheitlichung von Quantenfeldtheorie und Allgemeiner Relativitätstheorie, oder die Entwicklung einer Quantentheorie der Gravitation.

          Nur gibt es kein “Klötzchendenken”, sondern das Ganze ist schon auf einem etwas höheren Niveau. Higgs-”Teilchen” ist ein umgangssprachlicher Begriff, das entsprechende Feld ist halt (wie alle Felder in einer Quanten-Feld-Theorie), quantisiert, d.h. es hat gewisse Teilchenaspekte. Das heisst nicht, dass die Physiker glauben, dass da kleine Kügelchen durch die Gegend fliegen. Das mechanische Denken des 19. Jhdts ist in der Physik spätestens seit den 30er Jahren des 20. Jhdts. überwunden. Die Quantenfeldtheorie kombiniert erfolgreich Quantenmechanik mit der speziellen Relativitätstheorie. Das erfordert schon ein sehr differenziertes Bild davon, was so ein “Teilchen” ist.

          Und doch, es kommt sehr wohl darauf an, dass die bisherigen Theorien sehr große Erfolge gehabt haben. Das bedeutet nämlich, dass sie sich als Grenzfälle in einer wie auch immer gearteten weitergehenden Theorie wiederfinden müssen. Einfach weil wir bisher noch nicht in ein Gebiet vorgedrungen sind, wo sie nicht mehr anwendbar sind. Wir wissen aber, dass die keine vollständige Beschreibung der Realität sind und das sie irgendwann in einer besseren und umfassenderen Theorie aufgehen müssen.

          Das Problem mit Unzickers Kritik ist, dass er bereits die Quantenfeldtheorie und das Standardmodell ablehnt und am liebsten im Jahr 1940 stehengeblieben wäre. Das ist keine sinnvolle Kritik, man kann nicht einfach physikalische Erkenntnisse ignorieren, die schon über 70 Jahre alt sind, nur weil einem die Theorien nicht passen, die zur Erklärung herangezogen werden, und dabei auch noch sehr erfolgreich sind. Man muss dazu z.B. auch die sog. Eichtheorien ignorieren, auf denen inzwischen unser gesamtes Bild physikalischer Wechselwirkung aufgebaut ist.

          Ich stimme ja zu: die bisherigen Theorien sind (natürlich) unvollständig. Aber Herr Unzicker möchte keine Erweiterungen der Theorien, die auf dem bestehenden aufbauen. Wenn man seinen Büchern glaubt, möchte er gern im Jahr 1940 oder so ganz neu anfangen mit der Physik. Das erfordert leider auch, dass man alle möglichen Beobachtungen der letzten 70 Jahre vergessen muss. In meinen Augen ein absurder Vorschlag.

          • Heldentasse schrieb am 14. Dezember 2012 um 08:03 - Permalink

            Nur gibt es kein “Klötzchendenken”, sondern das Ganze ist schon auf einem etwas höheren Niveau.

            Nicht das Niveau ist m.E. so entscheidend, sondern wie wie man man sich der Wirklichkeit (die nicht gleich zu setzen ist mit der Realität) annähert, und hier liegt das Problem. Nur alleine die Beobachtungsmethoden und die Mathematik weiter zu entwickeln reicht augenscheinlich bei weitem nicht aus.

            Dazu: Werner Heisenberg und die Frage nach der Wirklichkeit

            P.S.:
            „Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.“

            von Richard P. Feynman

            • Shining Raven schrieb am 14. Dezember 2012 um 10:54 - Permalink

              Mir ist nicht so ganz klar, worauf Du hinauswillst. Erkenntnistheorie ist aber auch nicht wirklich mein Fachgebiet.

              Physiker ist natürlich schon klar, dass das, was sie machen, nur eine Bildung von Modellen und ein Aufstellen von Theorien ist, die die Wirklichkeit beschreiben, nicht die Wirklichkeit sind, sondern immer nur eine Annäherung mit den Methoden, die uns zur Verfügung stehen.

              Mathematische Konstrukte sind erst einmal das: Konstrukte. Inwieweit die Prozesse, die man berechnet, auch so in der Wirklichkeit ablaufen, kann wohl keiner sagen.

              Ich verstehe vor allem nicht, was Du damit meinst, dass es nicht reicht, die Mathematik und die Beobachtungsmethoden zu verbessern. Das ist richtig. Natürlich muss man den mathematischen Berechnungen immer eine Interpretation geben und daraus eine Anschauung entwickeln.

              Die Beobachtung kommt erst, die Mathematik ist eine Krücke, die uns weiterbringt, und wenn wir etwas berechnen können, dann können wir es vielleicht auch verstehen… es ist schon häufig so, dass die mathematische Formulierung der Interpretation und der Entwicklung einer Anschauung vorauseilt, aber natürlich muss man das auch entwickeln.

              Deshalb sehe ich das auch nicht als die Kritik Unzickers: meiner Meinung nach wird die konzeptionelle Arbeit und die Interpretationsarbeit schon geleistet. Was natürlich nichts daran ändert, dass jeder erst einmal für sich selbst mit den Konzepten kämpfen muss, wenn er das erste Mal mit Quantenmechanik in Kontakt kommt.

              Es ist ja nicht so, als würden nicht viele Physiker alle möglichen Theorien vorschlagen, und andere Theorien anzweifeln und in Frage stellen.

              Es hat bloss keinen Sinn, dass auch mit Dingen zu tun, die mehr oder weniger gesichertes Wissen sind. Neue Theorien müssen alte Beobachtungen einschliessen und erklären können, und gleichzeitig auch neue, überprüfbare Voraussagen machen. In der Hochenergiephysik hapert es bei manchen Theorien halt bei der experimentellen Überprüfbarkeit, obwohl es auch genügend Theorien gibt, die man durch aktuelle Beobachtungen schon ausschliessen konnte.

              Es ist nicht so, als gäbe es keine Zweifel und keine neuen Ideen. Es ist bloss so furchtbar schwer, die guten von den weniger guten zu unterscheiden.

            • Heldentasse schrieb am 14. Dezember 2012 um 15:29 - Permalink

              @Shining Raven
              Danke für Deine Resonanz in diesem leider nicht für alle Menschen interessanten Gebiet.

              Mir ist nicht so ganz klar, worauf Du hinauswillst. Erkenntnistheorie ist aber auch nicht wirklich mein Fachgebiet.

              Meines auch nicht, und zudem bin ich auch noch gemeiner Maschinenbauer und kein Physiker. Darum werte bitte nachfolgende Ausführungen als rein subjektive Meinung, mit der Option objektiv daneben zu liegen.

              Ich verstehe vor allem nicht, was Du damit meinst, dass es nicht reicht, die Mathematik und die Beobachtungsmethoden zu verbessern. Das ist richtig. Natürlich muss man den mathematischen Berechnungen immer eine Interpretation geben und daraus eine Anschauung entwickeln.

              Gerade um die Interpretation der Ergebnisse und ebenso der Mathematik, die als Sprache nur Beziehungen formulieren kann, geht es m.E. in der modernen Physik. Z.B. kann man die ganze Quantenphysik auch als Viele-Welten-Interpretation definieren, die zwar sehr weit entfernt von unserer Alltagserfahrung scheint, aber nichts desto trotz genau so “richtig” ist wie die Kopenhagener Interpretation.
              Verschärfend hinzu kommt nach meiner Auffassung auch noch, dass unser rationales Verständnis (von der Evolution eingerichtet um zu überleben, und nicht um die Wirklichkeit zu verstehen) nicht wirklich begreifen kann was im Mikrokosmos für Gesetzmäßigkeiten herrschen. Wir können Sie formulieren und anwenden, aber nicht wirklich verstehen im klassischen *Sinne (Stichworte: Klötzchendenken, 19 Jahrhundert).

              Siehe u.a. dazu: Hans-Peter Dürr – Wir erleben mehr als wir begreifen

              Gruß

              -
              * Darum haben z.B. Heisenberg und sein Schüler Dürr die physikalischen Probleme teilweise in Metaphern und Bildsprache kommuniziert

            • Shining Raven schrieb am 14. Dezember 2012 um 21:38 - Permalink

              @Heldentasse: Ich stimme Dir da wiederum zu. Natürlich ist es sehr wichtig, dass man ein Verständnis und eine Anschauung zu dem entwickelt, was man mit Hilfe der Mathematik beschreiben kann.

              Da Du schon so oft Feynman zitiert hast: der hat auch mal so etwas in der Art gesagt, “Ob man etwas wirklich verstanden hat, beweist sich dann, wenn man es seiner Großmutter erklären kann.” Das ist etwas überspitzt, aber da ist schon etwas Wahres dran (kann man aber nur testen, wenn man eine seeeehr geduldige Großmutter hat, die sich auch eine längere Vorlesung anhört…). Beherrschen der Mathematik reicht nicht aus, man will auch noch “Physik machen”, und das bedeutet, dass man sich überlegt, was da für ein physikalischer Mechanismus hinter der mathematischen Formel steckt (“also, im dominierenden Term in der Formel sind das und das die Impulse der Teilchen, dass heisst, ganz entscheidend ist der Streuprozess, bei dem die Teilchen gerade zurückgestreut werden, also…”)

              Es stimmt auch, dass man gerade in der Quantenmechanik (und der Quantenfeldtheorie) auch eine “philosophische” Interpretation benötigt. Da wird nur leider auch viel Schindluder getrieben, da sich viele Leute an einer Interpretation versuchen, ohne überhaupt die Phänomene zu verstehen. Wenn man nicht seine Anschauung auch immer wieder mit der Mathematik testet, kommt man leicht in Spekulationen ohne jeden Halt. (“Also, nach meiner Interpretation von Prozeß 1 müsste jetzt bei Prozeß 2 dieses herauskommen. Wenn ich das ausrechne, stimmt es auch. Okay, bisher ergibt meine Interpretation also noch Sinn.”) Gerade so Sachen wie eine “Vielwelteninterpretation” sehe ich etwas skeptisch, denn wie sollte man das testen, und was für Konsequenzen hätte das für uns? Man kommt dabei halt leicht auch wirklich in die “meta”-Physik, und das Ganze ist dann keine wirklich physikalische Frage mehr.

              Mein Hauptpunkt ist wohl, dass Interpretationsversuche meiner Meinung nach voraussetzen, dass man auch die mathematische Struktur der Theorie wirklich durchschaut, und nicht zu wild drauflos interpretiert….

              Und dass wir Menschen evolutionär nicht gerade dafür gemacht sind, die Quantentheorie zu verstehen, wird wohl kaum jemand bestreiten.

            • Peleo schrieb am 15. Dezember 2012 um 17:04 - Permalink

              @ Heldentasse

              Der Heisenberg-Film auf YT wird angezeigt, lässt sich aber leider nicht starten. Gibt es ihn noch woanders?

            • Heldentasse schrieb am 15. Dezember 2012 um 18:38 - Permalink

              @Peleo

              Hier ist die originale Quelle.

              @Shining Raven
              Nochmals vielen Dank für die Resonanz auf meine laienhaften Ausführungen.

              und das bedeutet, dass man sich überlegt, was da für ein physikalischer Mechanismus hinter der mathematischen Formel steckt (“also, im dominierenden Term in der Formel sind das und das die Impulse der Teilchen, dass heisst, ganz entscheidend ist der Streuprozess, bei dem die Teilchen gerade zurückgestreut werden, also…”)

              Ich glaube (vorausgesetzt ich verstehe Dich überhaupt richtig) das gerade dies in Wirklichkeit nicht sein kann. Folgt man z.B. den Ausführungen von Dürr kann es im Grunde keine Mechanismen im Mikrokosmos (und bei “sensiblen” makroskopischen Systemen wie wir es sind) geben! Man findet mathematisch beschreibbare Gesetze auf kleinster Ebene nur, wenn man die Ergebnisse über viele Versuche mittelt und mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, was aber der wesentlichen und bahnbrechende Bedeutung der Quantenphysik für unser Weltbild und Denken (z.B. das es keinen lokalen Realismus geben kann) so m.E. nicht gerecht wird , zumindest wenn man ausschließlich auf diese “Mittelwerte” und die Formel aus dem SM schaut.
              Dazu: Die Wirklichkeit, die es nicht gibt

              Gruß

              P.S.: Ich kann Rundweg alle Bücher von Feynman empfehlen aber besonders die mit den privaten Anekdoten. Er war ein großer unkonventioneller Mensch der leider viel zu früh verstorben ist. :(

            • Shining Raven schrieb am 15. Dezember 2012 um 22:32 - Permalink

              @Heldentasse

              Ja, ich glaube, wir missverstehen uns gerade. Mit “Mechanismus” meine ich natürlich keinen mechanischen Prozess in dem Sinne. Man spricht auch allgemeiner von physikalischen Wirkmechanismen, wenn man ein Phänomen beschreibt, und ich meinte das in diesem allgemeineren Sinn.

              Also, nicht Stöße von Kugeln und Zahnrädchen, sondern schon Wechselwirkungen auf z.B. quantenmechanischer Ebene, oder Austausch von Photonen oder was auch immer, die natürlich tatsächlich nur eine Wahrscheinlichkeitsbeschreibung haben.

              Dennoch kann man im Rahmen einer solchen Beschreibung natürlich gerade feststellen, welche bestimmten dieser Prozesse besonders häufig ablaufen, eine besonders große Anziehung zur Folge haben, etc… und damit möglicherweise ein physikalisches Phänomen erklären.

              Vielleicht probiere ich mal ein Beispiel: die Grundlage der BCS-(Bardeen-Cooper-Schrieffer-)Erklärung der Supraleitung beruht auf der Feststellung, dass in einem Festkörper mit vielen Elektronen und mit einer attraktiven Wechselwirkung*1) zwischen ihnen für Elektronen mit genau entgegengesetztem Impuls und entgegengesetzer Spinorientierung eine besonders starke Anziehung entsteht – so stark, dass sich aus diesen Elektronenpaaren ein neuer Grundzustand bilden lässt, der eine deutlich niedrigere Energie als das System ohne Wechselwirkung hat, und durch eine kollektive Wellenfunktion für alle diese Elektronenpaare beschrieben wird – und dann noch viele der Eigenschaften eines Supraleiters erklären kann.

              Mit “Mechanismus” meine ich dann, dass es hier einen dominierenden Prozess gibt – die Anziehung von diesen Elektronenpaaren in einem Vielelektronensystem – der es erlaubt, ein Bild für den quantenmechanischen Grundzustand des Systems zu finden. Die Beschreibung ist voll vielteilchen-quantenmechanisch, aber man kann eine anschauliche Erklärung finden, indem man identifiziert, welche mathematischen Terme in der Energie die wesentlichen Beiträge liefern.

              Also “Mechanismus”: dominierender Prozess, den ich identifizieren kann, und der ein Phänomen auch anschaulich im Wesentlichen erklärt. So etwas sucht man eigentlich immer….

              Ich lasse es jetzt aber glaube ich mal gut sein, es ist zwar ganz interessant, das hier zu diskutieren, aber ich glaube, langsam führt’s zu weit.

              *1) in diesem Fall ist die Wechselwirkung durch die Kristallgitterschwingungen vermittelt, daher funktioniert das nur in geeigneten Materialien mit einer geeigneten Struktur

            • Heldentasse schrieb am 16. Dezember 2012 um 09:18 - Permalink

              @Shining Raven
              o.k. auf zu anderen Themen. THX für Deine Aufmerksamkeit!

    10. Beate schrieb am 13. Dezember 2012 um 16:23 - Permalink

      “Der Begriff des Gesetzes stammt aus dem sozialen Bereich, wo es eine eindeutige Bedeutung hat. Gesellschaftliche Gesetze werden von Individuen, die diese Gesetze verstehen können und sich der Konsequenzen ihrer Verletzung bewusst sind, befolgt oder nicht. Wie kann jedoch, folgt man diesem Verständnis von Gesetzen, von materiellen Systemen in der Natur gesagt werden sie gehorchen Gesetzen.”

      Alan F. Chalmers, Wege der Wissenschaft, 1999, S.173.

      Die Ökonomie gehorcht keinen ‘Gesetzen’ , die den naturwissenschaftlichen Gesetzen entsprechen.

      Es gibt IMMER Handlungsalternativen.

    11. Beate schrieb am 13. Dezember 2012 um 16:31 - Permalink

      Ich freue mich auf den Tatort am Sonntag.

      Hannover war ein Sumpf.

      Und bleibt ein Sumpf.

      Denkt euch euren Teil.

      Was nützt es wenn die Wissenschaft ‘voranschreitet’, aber Menschen mißhandelt, mißbraucht, gedemütigt, … werden.

      Nehmt ihnen das Geld, dann nehmt ihr ihnen die Macht.

      Der Nobelpreis wird nie an den besten Theoretiker vergeben, sondern an denjenigen der eine bedeutende Entdeckung zum Wohle der Menschheit gemacht hat.

      Das macht den Nobelpreis zu einer so würdigen Angelegenheit.

      Es gibt zwei Ausnahmen, den Preis für Ökonomie und den Friedensnobelpreis.

      Hier ist zuviel Politik und zuwenig Wohl im Spiel.

      • Thomas schrieb am 13. Dezember 2012 um 17:22 - Permalink

        Der Nobelpreis für Ökonomie ist nicht von Alfred Nobel gestiftet, sondern von der Schwedischen Reichsbank… was den Preis in meinen Augen sowieso schon disqualifiziert.

    12. Thomas schrieb am 13. Dezember 2012 um 17:19 - Permalink

      Wieso darf sich ein Gymnasiallehrer, der sich schon durch seine vorhergehenden Publikationen (http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/09/10/durchgefallen-vom-urknall-zum-durchknall/) disqualifiziert hat, hier so derartig abfällig äußern?
      Der Preis mag ein “G’schmäckle” haben. Aber ohne die von ihm geschmähten “Spinner” und vor allem ihre Vorgänger, wäre wir wahrscheinlich heute noch in der Steinzeit. Wo wären wir ohne “Spinner” wie Galilei, Newton oder Einstein – um nur ein paar zu nennen -, die versuchten, sich die Welt zu erklären. Auch ihre Ideen waren lange Zeiten nicht bewiesen. Viele andere hatten Ideen, die in die Irre führten und sie haben nicht den Einzug in die Geschichte gefunden. Aber ihre Ideen schienen ihnen plausibel.
      Wie will man entscheiden, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, wenn sie einem die Welt erklärt wie man sie sieht, man aber (noch) nicht die Möglichkeiten hat sie zu beweisen?

    13. Lennard schrieb am 13. Dezember 2012 um 21:26 - Permalink

      Alexander Unzicker, der Dieter Carstensen der theoretischen Physik :(

      Warum dieser persönliche Rant gegen Yuri Milner ein Artikel beim Spiegelfechter geworden ist, erschließt sich mir auch nicht so ganz.
      Da wird Herr Milner als Studienabbrecher bezeichnet. Milner hat sein Studium der theoretischen Physik allerdings abgeschlossen. Nur den Weg zum PhD wollte er nicht mehr gehen.
      Dass Yuri Milner eine Freundschaft zu einem russischen Atom-Physiker (Andrei Sakharov) hatte und u.a. auch Mikhail Khodorkovsky unterstützte, wird auch nicht erwähnt – warum wohl.
      Auch hat Unzicker 2010 nachweislich behauptet, man wüsste im LHC ja selber nicht, wonach man eigentlich sucht (also so ein bischen ins Blaue hinein “losforscht”).
      Das ist einfach nur horrender Blödsinn.

      Herr Unzicker gibt i.Ü. selber in seinen Büchern zu, dass er den “Quatsch” den er in der theoretischen Physik sieht, nicht versteht. Das wäre ja OK. Dummerweise sagt er aber im selben Atemzug, dass es ihn auch nicht interessiert. Er behauptet ständig (und lautstark, nah’ am Rande des Pöbelns): “Es ist alles zu kompliziert. Das Universum muss sich einfacher erklären lassen.” Blöd nur, dass er dann selbst keinen Nachweis für seine Behauptungen bringen will.

      Kritik an Wissenschaft im Allgemeinen und theoretischer Physik im Speziellen ist nötig. Unzicker kann man allerdings als solchen Kritiker einfach nicht ernst nehmen.
      Im ersten Teil des Artikels echauffiert er sich darüber, dass zuviel Geld in die experimentellen Nachweise fließt. Weiter unten mokiert er sich dann aber darüber, es gäbe keine Nachweise für kritische Bereiche der Physik. Und dieser krasse Widerspruch scheint ihm selbst nicht einmal peinlich zu sein.

      Er kann ja zB. gerne behaupten, Dunkle Energie existiere nicht. Aber dann sollte er sich damit zurückhalten, die Experimente zu verteufeln, die eben die (Nicht-)Existenz der DE überprüfen.

      Wenn es am Yuri Milner oder anderen russischen Oligarchen etwas zu kritisieren gibt, dann sollte das besser der Hausherr oder ein anderer Ökonom übernehmen.

      PS.: Hinweis an den selbst ernannten Doktor (und weil dieser Strohmann auch im Artikel auftaucht)

      Im CERN ging es im Sommer 2012 nicht um den Nachweis des Higgs-Boson im Speziellen, sondern um den Versuch eines Nachweises von supersymmetrischen Teilchen. Klar ist: es wurde ein neues Boson gefunden. Ob dieses Teilchen besagtes Higgs-Teilchen ist, versucht man in folgenden Messungen und Experimenten nachzuweisen und auszumessen. Frühestens Ende 2013 – Anfang 2014 wissen wir mehr.

      • Shining Raven schrieb am 13. Dezember 2012 um 21:48 - Permalink

        Ich raffe auch nicht, was er eigentlich will. Wenn man in seine Bücher schaut, dann geht es immer darum, dass alles möglichst einfach sein soll und sich doch irgendwie in ein einfaches Schema bringen lassen muss. Ist ja richtig, das versuchen im Prinzip ja auch die meisten Physiker.

        Wenn dann die Elementarteilchenphysik tausende von beobachteten Elementarteilchen aufgrund von einfachen, wenigen Symmetrien klassifiziert, dann ist das aber auch nicht recht. (Vielleicht hat er als Meteorologe einfach nie Gruppentheorie gelernt und hat auch keine Lust, das zu tun. Das ist dann aber sein Problem, und nicht das der Physik. Wenn man das ordnende Prinzip nicht versteht, dann kann man sich natürlich viel über mangelnde Ordnung beklagen.)

        Dann wird gelobt, dass Pauli versucht habe, Proton und Elektron als zwei Aspekte eines Teilchens zu erklären. Andererseits wird dann wieder die Idee des Isospin lächerlich gemacht, der ja gerade zeigt, dass zwar nicht Proton und Elektron, wohl aber Proton und Neutron zwei “Aspekte” des gleichen Teilchens sind. Das versteh’ wer will.

        Einerseits wünscht er sich offensichtlich Schönheit und Einfachheit der Theorien als Organisationsprinzip, andererseits reitet er dann ständig darauf herum, dass sich Physiker von der Schönheit ihrer Theorien blenden lassen.

        Ich kann mich nur anschliessen, er ist wirklich als Kritiker des Wissenschaftsbetriebs in der Physik nicht ernst zu nehmen.

        • Heldentasse schrieb am 14. Dezember 2012 um 08:16 - Permalink

          Auch wenn sich Herr Unzicker womöglich in der Physik für die Fachleute auf dem gleichen Niveau bewegt wie Herr Däniken in der Archäologie ;), sehe ich die von ihm ausgelösten Kontroversen positiv. Diese helfen m.E. mit im “gemeinen Volk” Interesse für eine sehr spannende Wissenschaft zu wecken.

          • Shining Raven schrieb am 14. Dezember 2012 um 11:01 - Permalink

            Meine Kritik an Unzicker ist, dass er meiner Meinung nach die falschen Fragen stellt, und den aktuellen Stand der Physik aus einer sehr eigenartigen und idiosynkratischen Perspektive beschreibt. Daher vermittelt er gerade jemandem, der sich nicht so gut auskennt, ein sehr schiefes Bild der Physik.

            Mir ist einfach wirklich nicht klar, was er möchte. Das einzige, was ich erkenne, ist, dass ihm z.B. das Standardmodell zu kompliziert ist. Allerdings benutzt es genau die Organisationsprinzipien, die er selber vorschlägt. Daher weiss ich wirklich nicht, was man seiner Meinung nach anders machen sollte.

            Selbst wenn es die ganzen Beschleunigerexperimente nie gegeben hätte: die meisten exotischen “Elementar”teilchen kommen schon auf natürliche Weise vor, durch kosmische Strahlung, die auf die Atmosphäre trifft. Schon allein deshalb würde man die Systematik des Standardmodells benötigen.

            Mir wäre halt jemand lieber, der Interesse für Wissenschaft weckt, und dabei kein verschobenes Bild liefert.

            • aquadraht schrieb am 14. Dezember 2012 um 20:13 - Permalink

              Danke für Deine Beiträge. Ich mag ja Penrose sehr, und ich habe seine Vorlesungen mit Hawking mit Faszination (allerdings ohne alles verstanden zu haben) gelesen. Es wundert mich ein wenig, wenn Herr Unzicker den als Kronzeugen für seine Kritik am Wissenschaftsbetrieb herzitiert. Seine Arbeiten, soweit ich sie gelesen und verstanden habe, geben das meiner Meinung nach nicht her.

              a^2

    14. Peleo schrieb am 16. Dezember 2012 um 09:59 - Permalink

      @ Heldentasse

      Obwohl ich als völliger Laie nur den Grundlinien eurer Diskussion folgen konnte, fand ich sie dennoch spannend.

      OT:
      Eine – besonders laienhafte – Frage habe ich an euch: Würde das ominöse Higgs-Feld, falls es existiert, erklären, wie Licht und Funksignale, also elektromagnetische “Wellen”, sich im “leeren” Raum ausbreiten? Eine Art “Äther” als Träger-Medium ist ja längst obsolet, aber welche Erklärung hat die heutige Wissenschaft dafür?

      • Heldentasse schrieb am 16. Dezember 2012 um 13:00 - Permalink

        @Peleo

        Danke für die Blumen, meine reiche ich direkt weiter an Shining Raven weil meiner einer auch nur ein interessierter Laie ist. Aber zum Glück gibt es heutzutage sehr gut erklärte Sachbücher die eigentlich jeder verstehen kann.

        Würde das ominöse Higgs-Feld, falls es existiert, erklären, wie Licht und Funksignale, also elektromagnetische “Wellen”, sich im “leeren” Raum ausbreiten? Eine Art “Äther” als Träger-Medium ist ja längst obsolet, aber welche Erklärung hat die heutige Wissenschaft dafür?

        Ohne jetzt Shining Raven vorgreifen zu wollen, dass Higgs-Feld hat m.W. nach mit der elektromagnetischen Wechselwirkung nichts zu tun. Weil deren “Kraftteilchen” das Photon keine Masse besitzt und deshalb mit dem Higgs-Feld nicht wechselwirkt.

        Der Äther wird sowohl in der ART und dem SM nicht mehr benötigt, er ist eine Hilfsgröße aus der Physik des 19. Jahrhunderts.

        • Shining Raven schrieb am 16. Dezember 2012 um 13:27 - Permalink

          @Peleo

          Heldentasse hat das schon vollkommen richtig gesagt. Nein, mit der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen hat das Higgs-Feld erst einmal nichts zu tun.

          Das elektromagnetische Feld selbst ist das, was bei der Ausbreitung der Wellen schwingt. Es braucht kein Trägermedium. Ein “Photon” als “Teilchen” betrachtet kann ganz einfach durch’s Vakuum fliegen.

          Die Idee mit dem “Trägermedium” ist so eine mechanistische Idee des 19. Jhdts., wie sie Heldentasse oben gerade immer kritisiert. Da hat man sich halt vorgestellt, wie bei einer Wasserwelle, dass da etwas materielles sein muss, das schwingt. Die moderne Sicht ist einfach, dass da ein “Feld” ist, das selber schwingt, ohne dass es von etwas Materiellem getragen wird. Also, es gibt immer ein elektromagnetisches Feld, und sich ausbreitende Feldschwingungen sind die elektromagnetische Strahlung. Ist vielleicht nicht so ganz befriedigend als Erklärung…

          Das Higgs-Feld hat allerdings eine ganze Menge mit der elektroschwachen Wechselwirkung zu tun, der Vereinheitlichung von Elektromagnetismus und schwacher Wechselwirkung. Das hat wiederum eine Menge mit der modernen Sicht auf Wechselwirkungen zu tun, denn alle diese Theorien, die elementare Wechselwirkungen erklären, sind heutzutage sogenannte Eichtheorien.

          Die Photonen sind masselos, und ihre Pendants in der schwachen Wechselwirkung, die W-Bosonen und das Z-Boson, müssten eigentlich auch masselos sein. Anders geht es nämlich nicht in einer Eichtheorie, weil massive Austauschbosonen die fundamentale Symmetrie verletzen würden, die der Eichtheorie zugrunde liegt.

          Die W- und Z-Bosonen haben aber eine sehr große Masse, und die wird auch durch die Wechselwirkung mit dem Higgs-Feld erklärt, eine Masse aufgrund der Wechselwirkung ist nämlich erlaubt (die hält das Teilchen sozusagen fest, und es beschleunigt langsamer, der gleiche Effekt, mit dem man auch seine “normale Masse” bestimmen würde…).

          Das ist etwas komplizierter als die Sache mit den Massen der Elementarteilchen, für die das Higgs-Feld auch teilweise verantwortlich ist, aber meiner Meinung nach ein mindestens ebenso wichtiger Effekt. Ist aber etwas komplizierter zu erklären, da das mit den Eichtheorien nicht ganz so eingängig ist und im Detail schwierig zu erklären ist, obwohl es ein ganz fundamentales Prinzip der modernen Physik ist.

          @Heldentasse: Danke für die Blumen, und eigentlich bin ich ja auch wegen der Wirtschaftskommentare hier. Physikalische Themen kommen nicht ganz so oft vor, und ich bin auch nicht sooo wild darauf, Physik im internet zu diskutieren, hier hat es mich gerade einfach dazu getrieben. Danke auch für die angenehmen Diskussion.

    15. Peleo schrieb am 16. Dezember 2012 um 14:58 - Permalink

      @ Heldentasse
      @ Shining Raven

      Herzlichen Dank für eure schnelle, ausführliche Antwort, für die Hinweise und Links.
      Viel (Nach-)Lesestoff.

    16. Gerschmi schrieb am 19. Dezember 2012 um 12:55 - Permalink

      Alles klaro


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