Lieber tot als rot – Die deutschen Medien entdecken ein totgeglaubtes Feindbild
geschrieben am 05. Februar 2007 von Spiegelfechter
Es ist schon sehr bedenklich was den deutschen Medien in letzter Zeit so alles zum Thema Russland einfällt. Da wird in altehrrüchiger Manier das Gespenst vom Reich des Bösen stilisiert. Russische Investments in Deutschland werden als Bedrohung durch mafiöse Erpresser interpretiert, obwohl man doch sonst bei Investitionen schon mal fünfe gerade sein lässt und ein Streit über Gasklau und Exportpreise zwischen Russland und Weißrussland wird als Zeichen der Unzuverlässigkeit russischer Energielieferungen umgedeutet – hat man in Deutschland eigentlich irgendetwas von den Liefereinschränkungen
gemerkt?
Zugleich wird eine Medienkampagne gegen den Ex-Kanzler Schröder gefahren. Seine Russlandpolitik wird von einem amtierenden deutschen Minister als „Unsinn“ bezeichnet was sogar eine gestandene Persönlichkeit wie Michail Gorbatschow bei seiner Eröffnungsrede zum Petersburger Dialog in Rage brachte (1). Für die Springer-Medien ist Schröder nur ein „Gas-Promi“, der deutsche Werte verrät und für den Spiegel ein “Russlandversteher” (2). Als ob die Ostseepipeline nicht gerade eben durch ihre Trassenführung zur Energiesicherheit für Deutschland beitragen würde.
Bringt Schröder die antirussischen Reflexe der deutschen Medien zur Sprache und setzt die Politik Putins in den Kontext der Ausplünderungen unter Jelzin, wird es von der schreibenden Zunft schon mal zu Putins Pressesprecher degradiert. (2)
Russische Investitionen in Deutschland sind anscheinend weder von Politik noch von der Wirtschaft erwünscht. Seltsam, wenn man bedenkt, daß jeder PE-Fonds (Heuschrecken) in Deutschland freie Bahn hat und Ausplünderungen des Mittelstandes von der neoliberalen Wirtschaftslobby als Reinigungsprozess verkauft werden. Da „darf“ ein amtierender Bundesminister des Inneren auf einer Rede schon mal unken, daß „dank“ des Mords an Anna Politkowskaja es dem Merkel wohl nicht schwer fallen würde, russische Direktinvestitionen als Signal zur falschen Zeit abzuwehren. Wobei es doch höchst bedenklich ist, daß gerade ein Innenminister schon mal die Unschuldsvermutung geflissentlich ignoriert und mit Präjudikationen eine Politik jenseits aller Regeln des Anstandes betreibt. Aber wen wundert dies, wenn die vierte Gewalt ihm da in nichts nachsteht und die TAZ schon mal die Titelseite mit dem markigen Spruch “Leichen pflastern Putins Weg” betiteln kann ohne diese Behauptung auch nur ansatzweise belegen zu können.
Die Wirtschaft steht dem in nichts nach. Mitglieder des Aufsichtsrates der Telekom bezeichneten im Handelsblatt den Wunsch eines russischen Telekomunternehmens bei der Telekom einzusteigen als “Industrie-Imperialismus” und “machtpolitisch motivierten Angriff einer russischen Clique”. (3) Jüngst hat sich für den Fußballverein Schalke 04 die Gazprom als Sponsor verpflichtet. Sie bezahlen Geld dafür, daß ihr Schriftzug auf den Hemdchen der Kicker prangen darf. Für den CSU-Sympathisanten und Schalke-Konkurrenten Uli Hoeneß vom FC Bayern München ist dies natürlich ein Grund Angst zu haben, da er es jetzt ja künftig mit der „Russen-Mafia“ zu tun hat. (4) Herr Hoeneß muss es wissen, lief er doch in den 80ern für den italienischen Autobauer „Iveco“ Werbung, was nach seiner Logik ja ein Kniefall vor der Camorra hätte seien müssen. Erschienen ist der Artikel übrigens in der Welt. Ein Blatt, das sich neben dem Focus, mit seinem kalten Krieger Boris Reitschuster, durch Russophobie im deutschen Blätterwald besonders hervortut.
Das ist verständlich schaut man sich die „Verfassung“ des Axel-Springer Verlages an, die jeder Mitarbeiter unterzeichnen muß (5):
1. Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft und die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas;
2. das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes;
3. die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika;
4. die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus;
5. die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.
Die russische Politik unter Putin ist mit der „Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und der Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“ und der „Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft“, nach der pervertierten Interpretation durch Wirtschaftslobby und Springer, wohl nicht zu vereinbaren. Da muss der Verlag wohl im Namen der „Solidarität“ mit „der freiheitlichen Wertegemeinschaft“ der USA schon mal den kalten Krieg neu auferstehen lassen. Michael Stürmer (nomen est omen), Chefkorrespondent der “Welt” und ehemaliger politischer Berater von Helmut Kohl bezeichnet z.B. russische Energielieferungen als „[] wie früher die Panzer der Roten Armee, die entscheidende Machtwährung.“ Und „gemessen an der Grand Strategy der Moskowiter und ihrem Umgang mit Macht“ sind “deutsche
Fantasien, man müsse Russland einbinden, Kindergartenspiele“ (6).
Verständlich, bedenkt man die bedingungslose Solidarität des Blattes zur „freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den USA“. Stürmer wird da auch konkreter und schreibt „[] Damit kommt Deutschland via Shtokman-Erdgas der amerikanischen Energiestrategie in die Quere. Ob die wirtschaftliche Suppe die politischen Kalorien wert ist, sollte man sich in Berlin gut überlegen.“ (6).
Was Stürmer damit genau meint verheimlicht er uns. „Lieber tot als rot“ oder „Störe nicht meine Kreise“, Du weißt wie es „failed states“ ergeht, die der „amerikanischen Energiestrategie in die Quere kommen“.
Deutschland, mir bangt vor Dir!
p.s.: Wer diesen Artikel auf russisch lesen will, der kann dies dank der Übersetzung von COPOKA hier tun.
Jens Berger
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| Tags: Ausland Deutschland Medien Russland | |
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Kommentare
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@ #2:
Deine Socken stinken, brauner Blogwart :-P Lern doch lieber erstmal Deutsch…
hannilein
Wenn Kritik an Putins autoritärem Kurs “antirussisch” ist – war Kritik an Pinochet “antichilenisch” und Kritik an Honecker “anti-deutsch”? Schade, dass Sie sich vor den Karren eines autoritären Regimes spannen lassen!!!