Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes
20. März 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Teil 1 der Serie “The Great Game” ist hier zu finden.

Die kaspische Ellipse – Quell schwarzen Goldes
Neben den geopolitischen Fragen spielt in der neuen Variante des Great Games vor allem die Sicherung der Energieressourcen die Hauptrolle. Im Kaukasus und der Kaspischen Region werden große Mengen an Erdöl und Erdgas gefördert und es wird angenommen, dass dort auch noch große Reserven auf die Entdeckung und Erschließung warten.
US-amerikanische Experten schätzen, daß sich in der kaspischen Region Reserven von bis zu 235 Milliarden Barrel Erdöl befinden (1), dies ist vergleichbar zu den momentanen Reserven in Saudi-Arabien und entspricht ungefähr 20% der weltweiten Ölreserven, nach aktuellem Stand. Es gibt allerdings auch wesentlich pessimistischere Schätzungen, die von einem Anteil von 4% ausgehen. Die gesicherten Reserven betragen 47 Mrd. Barrel (2) – aber selbst dieser Anteil ist höchst interessant, da dies immerhin hinter den OPEC-Staaten und Russland die weltweit größten gesicherten Reserven sind. Die Erdgasvorkommen sind ähnlich gewaltig. 10% der momentanen Erdgasförderung konzentriert sich auf die Gasfelder rund um das Kaspische Meer (1). Die prognostizierten Reserven dieser Region sind äquivalent zum Gasverbrauch der EU-25 für einen Zeitraum von fast 30 Jahren (auf heutigem Verbrauchsniveau). Würde man mit Iran den zweitgrößten Erdgasproduzenten und das Land mit den zweitgrößten Reserven hinzuzählen (Iran wäre relativ einfach an die vorhandenen und projektierten Pipelines anzuschließen), so verdoppelten sich diese eindrucksvollen Zahlen. Da Erdgas vornehmlich über leitungsgebundene Transportsystem verteilt wird, lässt sich hier der geopolitische Sprengstoff der Trassenführung der großen Pipelines abschätzen. Wenn Europa ernsthaft nach einer Alternative bzw. Ergänzung zu russischen Gaslieferungen sucht, so wäre hier im Zusammenspiel mit der Türkei und Georgien die perfekte Lösung griffbereit – aber Europa scheint sich nicht sonderlich anzustrengen die USA aus dem „Spiel“ herauszuhalten und die Chinesen und Inder schlafen ebenfalls nicht und loten bereits mögliche Trassen aus.
Das Jahrhunderprojekt
Aserbaidschan kann auf eine sehr lange Öltradition zurückblicken. Bereits im 10. Jahrhundert wurde in der Gegend Erdöl gewonnen und am Ende des 19. Jahrhunderts kamen über 50% der Weltölförderung aus der Gegend um Baku. Damals war Aserbaidschan eine Boomregion, dies ebbte erst ab, als man in Westsibirien ebenfalls Erdöl fand, dass näher an den Märkten lag und somit günstiger zu transportieren war. Sogar im Zweiten Weltkrieg spielte das kaukasische Öl eine Hauptrolle. Hitlers Unterfangen die Ölquellen im Kaukasus in Besitz zu nehmen war für das erdölarme Deutschland von höchster Priorität – der Versuch scheiterte jedoch kläglich im harten Winter des Kaukasus und durch die Überdehnung der Front, war dies der Todesstoß für die militärischen Abenteuer der Nazis an der Ostfront.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dauerte es nicht lange, bis internationale Ölmultis ihre Hände nach dem Filetstück der abtrünnigen GUS-Staaten ausstreckten. Und dies war für die Republiken auch durchaus sinnvoll, brachten die Ausländer doch modernes Know-How und die nötige Finanzkraft mit und gelang es den lokalen Politikern (neben fürstlichen Schmiergeldern) doch meist, recht ordentliche Verträge abzuschließen. So wurde das erste Großprojekt (das Tengiz-Feld in Kasachstan) als Joint-Venture zwischen Chevron und einer staatlichen kasachischen Ölgesellschaft projektiert. Chevron verpflichtete sich ca. 20 Mrd. $ über einen Zeitraum von 30 Jahren in die Erschließung zu investieren und dennoch bleiben rund 80% der Gewinne im Land (3). Kasachstan profitiert nicht unerheblich von diesen Geldern. Das Land weist mittlerweile ein BIP pro Kopf von 6.560 Dollar auf. Russland reagierte allerdings, gelinde gesagt, „pikiert“ auf die Avancen gegenüber dem ehemaligen Klassenfeind. Ein Umstand, der später beinahe das Aus für die kasachische Ölförderung bedeutet hätte.
Das Modell „Tengiz“ wurde auch bei dem größten Erdölprojekt, dem aserbaidschanischen „Jahrhundertprojekt“ als Vorbild genommen. Nur wollte man hier nationale Interessen nivellieren und entschied sich für ein multinationales Konsortium anstatt für einen Partner. Der AIOC (Azerbaijan International Operating Company) gehörten ursprünglich neben BP, Chevron und der aserbaidschanischen SOCAR noch weitere Unternehmen aus Norwegen, Japan der Türkei und den USA an.
Pipelines - die Lebensadern des 21. Jahrhunderts
In Europa, das seit der Ölkrise von 1973 seine Abhängigkeit von der OPEC und insbesondere vom politisch instabilen Persischen Golf mindern will, hat der Ölreichtum am Kaspischen Meer Euphorie ausgelöst. Nur ein Problem gibt es – Das Öl liegt tausende Kilometer von Hochseehäfen entfernt, aus denen es Tanker zu den Märkten der Welt bringen können. Die Pipelines, die das schwarze Gold des Kaspischen Meeres zu den Hochseehäfen befördern sollen, sind ein Politikum erster Güte und besonders für die Staaten Aserbaidschan und Georgien die Eintrittskarte in westliche Gefälligkeitsscheckbuchdiplomatie.
Ursprünglich wollte Chevron das kasachische Öl über Turkmenistan und Iran zu den iranischen Verladeterminals im Persischen Golf transportieren. Hier machte Washington aber einen Strich durch die Rechnung. Amerikanische Unternehmen müssen Washingtons Boykott gegenüber Iran einhalten, da wird auch nicht (bzw. schon gar nicht) für eine Ölpipeline eine Ausnahme gemacht. Die einzige Alternative stellt Russland dar, über dessen Gebiet das Öl zum schwarzen Meer gepumpt werden konnte. Russland fühlte sich allerdings wegen der Nichtmiteinbeziehung bei der Exploration kasachischer Ölfelder gehörig auf den Schlips getreten. Eine alternative Route durch das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und von dort aus über Georgien in die Türkei blockierte Russland durch seine Marine auf dem Kaspischen Meer – Kanonenbootdiplomatie der Neuzeit. Die USA mussten dem schwachen Präsidenten Jelzin eine signifikante Beteiligung am Pipelinekonsortium und hohe Transitgebühren versprechen, so das dieser einlekte.
Das kasachische Öl von den Tengiz-Feldern wird seit 2001 von der Pipeline des Caspian Pipline Consortium zum 1500 km entfernten russischen Schwarzmeerhafen Novorossiysk gepumpt. Eigner des Konsortiums sind neben dem russischen und dem kasachischen Staat, das Förderunternehmen Chevron, diverse russische und europäische Unternehmen, sowie der Staat Oman. In der ersten Baustufe befördert die Pipeline bis zu 560.000 b/t (Barrel pro Tag). Eine zweite Stufe, die für 2010 projektiert ist, wird die Kapazität auf 1.300.000 b/t erweitern. Interessant an dieser Pipeline ist die, ursprünglich nicht freiwillige, Kooperation von Russland mit dem amerikanischen Ölmulti Chevron. Diese Pipeline ist aber mittlerweile Russlands Lieblingskind im Süden – Russland ist direkt beteiligt, die Trasse verläuft größtenteils über russisches Gebiet und das Öl wird über einen russischen Schwarzmeerhafen exportiert. Russland hat also die Kontrolle über diese Trasse.
Ähnlich wie für den östlichen Teil des Kaspischen Meers, war auch für den westlichen Teil der direkte Weg über Iran politisch blockiert. Für die ersten Stufen des „Jahrhundert-Projektes“ wählte Aserbaidschan eine politisch neutrale Lösung. Über die „Western Early“ und die „Northern Early“ Pipelines gingen die Lieferungen einerseits über Georgien und andererseits über Russland zu Schwarzmeerhäfen. Beide Pipelines zusammen können aber jährlich lediglich 230.000 b/t transportieren. Ein Bruchteil der potentiellen Förderung. Außerdem verläuft die russische „Northern Early“ quer durch Tscheschenien, ist also alles andere als sicher.
BTC - Contra Russland, aber pro USA?
Die USA wollten, aus geopolitischem Kalkül, sowohl Iran umgehen, als auch dem Konkurrenten im Great Game, Russland, keine Einflussmöglichkeit auf die zu erwartenden Reichtümer aus Aserbaidschan überlassen. Damit man auch die regionalpolitisch wichtige Türkei mit einspannen wollte, wählte man eine wirtschaftlich unsinnig erscheinende Variante, die allerdings den Vorteil hat, dass man den Bosporus umgehen kann, der ein wahres Nadelöhr für Supertanker ist. Russland hat als Alternative zum Bosporus übrigens in der letzten Woche die Burgas-Alexandroupolis Pipeline mit Bulgarien und Griechenland abgesegnet. (4)
Aserbaidschans westlicher Nachbar Georgien gehört seit längerem zu Washingtons Einflussbereich, als NATO und EU Kandidat (in weiter Ferne) bietet sich dieses Land natürlich als Transitroute an. Der weitere Verlauf kreuzt das türkische Hochland, in dem 2.000 Höhenmeter überwunden müssen (3). Denkt man an die Energie, die die Pumpstationen hierfür benötigen, ist dies ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Endstation der 1.700 km langen Pipeline ist der türkische Mittelmeerhafen Ceyhan, der mitsamt seinen ansehnlichen Ölverladeterminals seit Beginn des Irak-Boykotts (Oil for Food) sehr wenig zu tun hatte (eine Pipeline vom Irak geht nach Ceyhan). Nach ihrer Trassenführung wurde diese Pipeline BTC (Baku-Tiblissi-Ceyhan) genannt. Bei den Russen stieß dieses Projekt, wie kaum anders zu erwarten, aus eine Mischung aus Unverständnis (hatten die Amerikaner nicht im Rahmen der Globalisierung auf Kosteneffizienz gepocht) und blankem Hass. Die russische Variante wäre mit rund 2 Mrd. $ übrigens rund halb so teuer wie die BTC gewesen. Gegen die russische Variante sprach, neben geopolitischen Ressentiments der USA, allerdings auch die Trassenführung via Tschechenien, hier wäre die Pipeline Anschlägen und illegalen Entnahmen gegenüber schwer zu schützen gewesen, so die Argumente der USA – von der durch Tschechenien verlaufenden „Northern Early“ sind jedenfalls keine Dinge dieser Art bekannt.
Gas und Öl für Europa
Betrieben wird die BTC von einem Konsortium, das von der britischen BP angeführt wird. Für BP gab die Möglichkeit einer parallel verlaufenden Gaspipeline den Ausschlag, sich bei der BTC finanziell zu engagieren. Die Parallelleitung führt ab Erzurum zu den europäischen Märkten. Für die europäische Energiepolitik ist dies eine gute Alternative zu den russischen Lieferungen. Die propagierte Diversifizierung der Erdgasimporte kann über diese Pipeline zu einem guten Teil erfolgen. Die Anbindung Europas an die Erdgasvorkommen des kaspischen Raumes ist ansonsten eher suboptimal. Eine Pipeline von Turkmenistan über Iran in die Türkei, ist bereits in den 90ern am Widerstand Washingtons gegen das Transitland Iran gescheitert. Nachdem Russland die turkmenische Erdgasproduktion in den 90ern durch eine Weigerung der Durchleitung stark eingeschränkt hat, hat Gazprom in den letzen Jahren Turkmenistan als preiswerte Quelle entdeckt. 2003 haben Gazprom und Turkmenistan einen 25jährigen Vertrag über die komplette Förderkapazität Turkmenistans abgeschlossen – damit sind eine Südtrasse oder eine alternative Route nach China erst einmal passé.
Bei der Ölversorgung hat nicht etwa die USA sondern Europa die besten Karten im Ölpoker am Kaspischen Meer. Die beiden wirklich großen Pipelines CPC und BTC führen nach Westen zum Schwarzen Meer und Mittelmeer. Da Russland selbst ein Nettoexporteur ist und deshalb kein Interesse am Import dieser Erdölmengen hat, ist Europa die Region, in die am günstigsten exportiert werden kann und in der deshalb das meiste kaspische Öl gekauft wird. Der Mythos, dass die USA sich in der Region so sehr engagiert haben, um das kaspische Öl für den eigenen Verbrauch zu sichern, widerspricht aller ökonomischer und sicherheitspolitischer Vernunft. Für die USA ist es um ein Vielfaches günstiger, die Öltransporte aus dem Persischen Golf oder aus Westafrika militärisch zu sichern, und auch die Exportkosten sind dort niedriger. So betragen die Exporte der kaspischen Region in die USA auch lediglich 6% und für die Zukunft wird auch keine Steigerung erwartet (1). Aber die USA engagieren sich natürlich nicht als rein altruistischen Gründen in der Region. Ein Verbündeter, der von ihnen abhängig ist, ist ihnen natürlich wesentlich genehmer als ein Verbündeter, der an Russlands Energietropf hängt – und jeder Barrel, der nach Europa geht, erreicht den großen Konkurrenten auf der Bühne der Weltwirtschaft, China, nicht. Jedes Prozent, dass Chinas Wirtschaft aufgrund mangelnder Ölimporte nicht wachsen kann, ist ein Erfolg für die amerikanische Politik.
(1) Energy Information Administration (EIA) - World Energy Outlook 2006
(2) BP World Energy Review – 2005
(3) Friedemann Müller: Machtspiele um kaspische Energie?
Vertiefende Informationen zu diesem Thema bietet das Buch “The new Great Game” des deutschen Authors Lutz C. Klevemann.
Jens Berger
Fortsetzung in Teil 3 “Die Djihad-Falle”
Tags:
Öl Gas Aserbaidschan Kasachstan BTC Pipeline Georgien Türkei USA Russland EU
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Nicht umsonst wurde der Kosovo unter Kontrolle gebracht. ;-)
steinbergr...
“In seinem Buch “Die einzige Vormacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft” (1997) stellt der ehemalige US-Berater Breshinski fest: “Da sich der Westen mit Investitionen in die Erdöl- und Erdgasförderung, die in Aserbeidschan eine Summe von ,mehr als 13 Milliarden Dollar erreichen und in Kasachstan sogar weit über 20 Milliarden Dollar (Stand 1996) hinausgehen, langfristig festgelegt hat, kann angesichts des weltweiten wirtschaftlichen Drucks und der begrenzten finanziellen Möglichkeiten Rußlands die ökonomische und politische Isolation dieser Region nicht mehr aufrechterhalten werden… Amerikas primäres Interesse muß folglich sein, mit dafür zu sorgen, daß keine einzelne Macht die Kontrolle über dieses Gebiet erlangt und daß die Weltgemeinschaft ungehinderten finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr hat.” (S.212/215). Rußland wiederum ist beim Export seines öls von der Durchfahrtsgenehmigung durch den Bosporus durch die Türkei abhängig. Um dieser Kontrolle zu entgehen ist eine sogenannte “Bypass-Pipeline” zum Bosporus vom Schwarzmeerhafen Burgas durch Bulgarien und den Kosovo an die albanische Mittelmeerküste geplant!”
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Dany